SCP-444-DE

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2/444-DE STUFE 2/444-DE
KLASSIFIZIERT
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Objekt-Nr.: SCP-444-DE
Euclid



Verantwortlicher Standort Standort-Direktor Leitender Forscher Verantwortliche MTF
Standort-DE19 O4-3 Osmund Weißling -

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SCP-444-DE wird aus dem Inneren des Hofäts gesendet.

Sicherheitsmaßnahmen: Zur Tarnung von SCP-444-DE wurde in größtmöglicher räumlicher Nähe zum Aussendepunkt von SCP-444-DE Funkstation-444-DE errichtet, welche als eine Funkstation der Allgäuer Bergwacht getarnt ist. Für die Öffentlichkeit hat diese als der Aussendepunkt der Funkwellen zu gelten. Das Gebäude dient des Weiteren zur Dokumentation der Nachrichten von SCP-444-DE.

SCP-444-DEs Signal kann nicht unterbrochen werden. Deshalb kommt die Mediale Deckgeschichte EX-KT 1.0.1 OWS ("Orson Welles' Stimme") zum Einsatz. Das dient dazu, dass SCP-444-DE von der Öffentlichkeit als kreatives Projekt einer Privatperson wahrgenommen werden wird. Die Funksendungen werden als eine fortlaufende Geschichte dargestellt, welche den Namen "Die Trauer des alten Mannes" trägt. Der Agent, der der Funkstation-444-DE zugewiesen ist, soll sich als den Initiator und Sprecher von deren darstellen. Damit sollen Zivilisten abgehalten werden nach der Quelle von SCP-444-DE zu suchen.

Wegen der geologischen Gegebenheiten ist es bis auf weiteres untersagt, sich der Oberon per Tunnelung, Sprengung oder ähnlichen Methoden zu nähern. Vorschläge, wie eine Annäherung an die Oberon trotz der geologischen Instabilität möglich ist, können beim leitenden Forscher eingereicht werden.

Wegen des anfänglichen anomalen Effekts von SCP-444-DE-Kad wird diese in Standort-DE18 in Sicherheits-Kühlraum 1 in Leichenkühlfach 295 gelagert.

Beschreibung: SCP-444-DE ist ein Funksignal, das aus dem Inneren des Berges Hofäts in den Allgäuer Alpen kommt. Es ist empfangbar im Funkbereich von 29 kHz.

Obwohl der Ausgangspunkt von SCP-444-DE sich im Hofäts befindet und damit vollständig von Gestein umschlossen ist, kann es empfangen werden. Die elektromagnetischen Wellen verhalten sich insofern anomal, dass sie mit Materie nicht wechselwirken und deshalb beinahe alles durchdringen. So haben sich auch jegliche Methoden der Abschirmung von SCP-444-DE als ergebnislos erwiesen. Weder physische Abschirmung, noch Störsender oder Signalüberlagerung waren hilfreich. Eine Ausnahme der nicht vorhandenen Wechselwirkung stellen technische Teile in Funkempfängern dar.

Die Empfangbarkeit gleicht abgesehen davon dem eines normalen Funksignals und kann deshalb von entsprechenden Funkgeräten und vergleichbarer Technologie empfangen werden. Die Reichweite ist mit einem Umkreis von 9,17 km erwartbar in Rücksichtnahme darauf, dass es nicht durch physische Ziele gestört wird.

Die Zeitpunkte der Sendungen der einzelnen Nachrichten durch SCP-444-DE sind unregelmäßig. Die Nachrichten scheinen nicht aufgehört zu haben.

Der Sender der Funksprüche ist ein männliches Subjekt (P-444-DE), vermutlich höheren Alters. P-444-DE scheint sich auf einer Kreuzfahrt zu befinden und nutzt das Funkgerät zur Verbalisierung seiner Erlebnisse und Gedanken. Eine textualisierte Fassung dieser Verbalisierung kann in Anhang 444-DE/3 eingesehen werden. Es wird davon ausgegangen, dass er ein Hobbyfunker ist.

Versuche, mit P-444-DE zu kommunizieren, schlugen bisher fehl. Ob das an der Unmöglichkeit liegt, mit nicht-anomalen Funkverkehr den Funker von SCP-444-DE durch die Geologie zu erreichen oder es anderweitig anomale Gründe hat, ist bisher ungeklärt.

Durch Myonen-Tomographie kann erkannt werden, dass sich im Inneren des Berges ein Schiff befindet, von dem SCP-444-DE ausgeht. Aus TAd-Nr. 04/444-DE (siehe Anhang 444-DE/3) ist zu schließen, dass das Schiff den Namen "Oberon" trägt. Es ist ein vermutlich weitgehend unbeschädigtes Schiff, welches sich in einer senkrechten Position innerhalb des Berges befindet.

So weit mit den Bildern durch die Myonen-Tomographie wahrgenommen werden kann, ähnelt die Oberon in ihrer Bauweise Kreuzfahrtschiffen der Icon-Klasse. Aber das Schiff hat auch eine Reihe von Unterschieden im Vergleich zur Icon-Klasse. So zum Beispiel die Form des Bugs oder der Verteilung der Decks. Ein Dokument der Aufzeichnung über alle Unterschiede kann beim leitenden Forscher angefragt werden. Wegen der Beschreibungen durch P-444-DE kann vermutet werden, dass das Subjekt Kenntnis von den Teilen des Schiffes hat, die Passagieren zugänglich sind. Schäden, welche sich am Unterwasserbug befinden, sind von solcher Schwere, dass vermutet wird, dass diese bei einer Kollision entstanden sein müssen. Aus unbekannten Gründen haben das Schiff und alle darauf befindlichen Elemente inklusive der Überreste der Crew und Passagiere den Platz der Geologie eingenommen, wo sich diese befinden. Dabei sind alle vorher bestehende Hohlräume auf der Oberon ebenfalls mit der passenden Geologie angefüllt. Durch Untersuchungen an SCP-400-DE-Kad, kann stark davon ausgegangen werden, dass das auch für die Hohlräume innerhalb aller menschlichen Körper auf der Oberon gilt.

Als Quelle von SCP-444-DE wird ein Funkgerät im Inneren der Oberon vermutet. P-444-DE beschrieb das Äußere des Funkgerätes zu der Zeit als SCP-444-DE noch nicht als Anomalie wahrgenommen worden war (siehe Anhang 444-DE/1). Diese Aussage konnte zum Teil durch Zeugenaussagen und Internetquellen über SCP-444-DE rekonstruiert werden.

Nach dem, was durch Recherchen ermittelt werden konnte, verfügte das Funkgerät über folgende äußere Eigenschaften:

  • Eine Plakette mit der Beschriftung: "Um zu retten sei unser Ruf überall".
  • Drei rote LED-Lämpchen, neben denen jeweils ein Wort stand: "Aus", "Echt" und "Kopie". Das Lämpchen, das neben dem Wort "Echt" war leuchtete, während die neben den beiden anderen Worten nicht leuchteten. In einem späteren Bericht bemerke P-444-DE an, dass das Lämpchen bei "Echt" ausgegangen und "Kopie" angegangen wäre. Er konnte aber nicht feststellen wieso.
  • Die Kanten des Funkgerätes waren mit Succinit verkleidet gewesen, in dem sich "eine große Menge" an Insekten befanden.

Weil P-444-DE das Äußere wohl mit einer gewissen Verwirrung beschrieb, kann angenommen werden, dass er das Funkgerät nicht selbst auf die Oberon gebracht hatte.

SCP-444-DE-Kad stellt eine von der Oberon geborgene Leiche eines männlichen Subjektes dar (siehe Anhang 444-DE/2). Er trug eine Robe aus schwarzem Samt, weiße Socken und eine Seidenunterhose. Bei Untersuchungen von Vermisstenmeldungen und DNA-Datenbanken konnte seine Idenität nicht festgestellt werden.

SCP-444-DE-Kad starb durch sofortiges Versagen aller lebenswichtigen Strukturen, weil alle seine natürlichen, körperlichen Hohlräume mit Mineralien des Berges ausgefüllt gewesen waren. Sein Alter war ungefähr 101 Jahre, was im Kontrast dazu steht, dass die Geologie aus dem Jura-Zeitalter stammt und damit 190 – 200 Millionen Jahre alt ist. Die Leiche selbst ist ungefähr 3 bis 5 Monate alt. Es wird davon ausgegangen, dass die restlichen Subjekte auf der Oberon auf die gleiche Art starben wie SCP-400-DE-Kad.

Bei der Bergung von SCP-444-DE-Kad gab dieses ein rauschendes Geräusch von sich. Als Quelle dieses Geräusches wurde der Kopf festgestellt. Als sie zur weiteren Untersuchung zu Standort-DE18 transportiert wurde, stellte sich das Geräusch ein. Vermutlich ging dies mit dem Verlassen des Funkbereiches von SCP-444-DE einher. Eine Rückführung in den Funkbereich von SCP-444-DE hatte keine Wiederherstellung des Geräusches zur Folge.

Anhang 444-DE/1 – Entdeckung: SCP-444-DE wurde am 03.12.20██ von Zivilisten zum ersten Mal empfangen. Diese hielten es für das kreative Projekt einer Privatperson. Es wurde von den Zivilisten auch im Internet angemerkt, bekam aber kaum Beachtung.

P-444-DE erwähnte in der ersten durch Zivilisten gehörten Aussage, dass er sich bereits ungefähr einen Monat auf dem Schiff befunden habe. Wenige Wochen bevor Zivilisten SCP-444-DE zum ersten Mal hörten am 11.11.20██ fand über mehrere Wochen die Wiedereindämmung von SCP-████ statt. Dabei mussten Funksignale eingesetzt werden, die sich unter anderem auf der gleichen Wellenlänge befanden wie SCP-444-DE. Da bei der Eindämmung von SCP-████ das Funksignal von SCP-444-DE nicht empfangen wurde, wird davon ausgegangen, dass zu diesem Zeitpunkt SCP-444-DE nicht existierte. Weil wenn auch P-444-DE unregelmäßig sendet, so passt eine mehrwöchige Pause einer Verbalisierungen nicht ins Muster.

Eine der besagten Zvilisten, Agnes Fuchs, eine Bergsteigerin und Hobby-Funkerin, untersuchte SCP-444-DE. In einer Reihe von YouTube-Videos in ihrem Kanal "Agnes ███████", welche sie am 19.12.20██ begann, suchte sie nach den Ursprung von SCP-444-DE und stellte die Vermutung an, es komme aus dem Inneren des Berges. Damit kam sie zwei Monate später, nach der Erstentdeckung von SCP-444-DE durch Zivilisten, ins Blickfeld der Foundation. Sie konnte aber mithilfe von EX-KT 1.0.1 OWS davon überzeugt werden, dass SCP-444-DE ein kreatives Projekt war. Die Einrichtung von Funkstation-444-DE konnte schnell genug erfolgen, um es auch gegenüber Frau Fuchs als Quelle von SCP-444-DE darzustellen.

Die Inhalte der Nachrichten bis zur Eindämmung von SCP-444-DE sind nur durch Informationen von Zivilisten und das Internet rekonstruierbar. In den ersten Nachrichten zeigte sich P-444-DE wohl "enthusiastisch" und sprach viel von seinen Erwartungen an die Reise. Er verbrachte viel Zeit mit der Beschreibung der Annehmlichkeiten des Schiffes, auf dem er sich befand.

Anhang 444-DE/2 – Räumliche Annäherung an SCP-444-DE: Um in die Nähe der Oberon zu gelangen, wurde am 02.02.20██ begonnen, einen kleinen Tunnel in Richtung des Schiffes zu bohren. Dabei konnte sich das agierende Team der Backbordseite der Oberon nähern. Dabei stießen sie auf etwas, was vermutlich den Außenbereich einer Kabine darstellte. Dort konnten sie einen SCP-444-DE-Kad bergen. Dieser war ebenfalls komplett von Stein umschlossen.

Nach der Bergung von SCP-444-DE-Kad stürzte der Tunnel ein. Das geolgische Team stellte danach fest, dass sich der Bereich, in dem sich die Oberon befindet, nicht für Arbeiten eignet. Dr. Aufmwasser kommentierte, dass das Geologen-Team mit der Bergung von SCP-444-DE-Kad Glück gehabt hätte die Oberon unbeschadet zu erreichen. Deshalb entschied sich Herr Weißling dafür, sich bis auf weiteres nicht SCP-444-DE unterirdisch zu nähern.

Anhang 444-DE/3 – Transkribierte Audiodokumentationen von P-444-DE: Es folgt die Aufzeichnung aller Monologe von P-444-DE. Sollten neue Nachrichten gesendet werden, so werden sie hier ergänzt.

Audioaufnahmen können beim leitenden Forscher beantragt werden.

TAd-Nr. 01/444-DE
[02.01.20██ // 04:35:42]

Es ist sinnlos. Vielleicht hätte ich mit ihr die Ströme von Champagner, Berge von delikaten Feinheiten und all diesen Himmel an Bequemlichkeiten genießen können. Aber ohne sie hat alles seinen Glanz verloren. Nach einem halben Jahrhundert Ehe … Und da mir nun Herz und Zunge brennen, muss es einfach raus. Weshalb ich jetzt wieder an den Äther senden werde.

TAd-Nr. 02/444-DE
[03.01.20██ // 23:16:32]

Seltsam, dass es in den letzten paar Wochen keinerlei Landgang gab.

TAd-Nr. 03/444-DE
[05.01.20██ // 04:53:07]

Die Leere der See um mich herum, wenn ich auf den Decks spazieren gehe. Selbst hier aus meinem Fenster sehe ich es. Nur Wasser bis an den Horizont. Sonst nichts. Und ich hier an einem Funkgerät. Erinnert mich daran, als ich ein Knabe war und von meiner Mutter mein erstes Funkgerät bekam. Wollte damals entdecken, ob irgendwo in den Weiten jenseits unseres sichtbaren Himmels Wesenheiten sind. Nachdem ich damals erfahren hatte, dass die Welt am blauen Gewölbe nicht endet. Dass Unendlichkeiten dahinter liegen. Glaubte damals, wenn ich nur gut genug im Funken wäre, könnte ich damals damit das Weltall erreichen.

TAd-Nr. 04/444-DE
[07.01.20██ // 14:13:23]

Meine Liebste wollte, als sie noch nicht begraben war, immer auf diese Kreuzfahrt gehen. Einmal um die ganze Welt. In beinahe zwei Jahren. Aber wirklich aufgedrückt hat sie mir diesen Wunsch nie. Meine leichte Furcht vor dem, was unter dem Ozean liegt, kannte sie. Aber dann, nachdem sie ihren Körper verbrannt hatten, wollte ich ihr diese letzte Sehnsucht erfüllen und habe diese Reise auf der Oberon gebucht. Sogar mit allem drum und dran, und in der Kaiser-Kajüte mit persönlichem Butler, der einem alles besorgen kann, das man möchte. Die ersten paar Tage auf dem Schiff waren ein wenig von Panik erfüllt. Um mich das Meer zu haben, diese Tiefen, diese Tiefen. Ich habe von anderen Leuten gehört, die das Meer fürchten. Und bei diesen ist es wohl meistens das Unbekannte. Bei mir ist es, glaube ich, mehr die Leere. Das erscheint mir erschreckender als das Mysterium.

Ich erinnere mich, als ich ein Knabe war, hatte ich auch eine leichte Angst vor dem Himmelszelt. Diese große Leere über uns allen. Und dann der Schrecken darüber, als ich erfuhr, dass sich im Weltall noch mehr Leere befand. Unendlich mal mehr Leere. Aus dieser Angst wuchs ich aber schnell raus. Nur mein misstrauisches Auge vor dem Meer blieb. Beziehungsweise versuchte ich, mein inneres Auge immer genau von diesem fernzuhalten.

TAd-Nr. 05/444-DE
[08.01.20██ // 15:53:34]

Nicht, dass meine Queste auf diesem Schiff zu sein, ihr etwas zugute reichen würde. Aber bindet sich der Mensch selbst nicht gerne an Illusionen? Und kann er diesen Fata Morganas nicht nachgeben, wenn er sehr erfolgreich war als Dramatiker? Und wieso hängt sich dieser Narr von einer Person noch immer an Scheinbilder, wenn er doch weiß, dass es welche sind? Vielleicht brauche ich mehr hier zu tun, als in meinem Kopf?

TAd-Nr. 06/444-DE
[10.01.20██ // 21:59:03]

Mir ist heute ein Ereignis mit ihr eingefallen. Da gab es so einen Wein, einen halbtrockenen, der meiner Zunge nie wohltat. Aber ich musste ihn immer zuliebe meiner Mutter trinken, welche ich leider im Hospiz hatte unterbingen müssen. Sie stand damals nicht nur wenige Schritte vor der letzten Tür. Außerdem hatte ihre Demenz sie mir zu einer Fremden gemacht. Sie kannte mich noch, allerdings nur in meiner Form als jungen Mann. Ich fühlte mich furchtbar dabei und wollte sie eigentlich immer so schnell wie möglich verlassen. Aber Pflicht schlägt das Leiden, wie das Sprichtwort heißt.

Und weil sie dachte ich wäre noch 19 Jahre alt, glaubte sie wohl, dass mir dieser übersüße Wein schmecke. Wann immer ich sie dort besuchte, gab sie mir immer gleich ein gefülltes Glas in die Hand. Ich trank ihn immer sehr, sehr langsam, so dass sie mir während des ganzen Besuches nicht nachschenken konnte. Meine Geliebte betrachtete mich dabei oft. Sie witzelte danach regelmäßig, dass ich doch als Kenner, diesen Wein meiner Mutter lieben müsste. Ein Ulk, auf den ich vielleicht immer etwas gereizter reagierte, als ich hätte sollen.

Dann eine Tages sitze ich mir ihr gemütlich an unserem Kamin und meine Gefährtin reicht mir ein Glas Wein. Ohne darüber nachzudenken, nehme ich ihn und nippe daran. Und stellte nicht nur fest, dass es ein neuer, sondern ein äußerst hervorragender Wein war. Ich muss gestrahlt haben, von meiner Begeisterung über diesen neuen Trunk der Götter. Ich war so überrascht und fragte sie deshalb danach. Sie hat mich schief angelächelt und meinte: "Das ist genau die Sorte, die dir deine Mutter immer anbietet."

TAd-Nr. 07/444-DE
[15.01.20██ // 06:37:07]

Dieses Schiff. Es überfordert den Geist beinahe mit dem, was es zu bieten hat.

Als ich mich damals am Anfang der Reise dem Hafen zum ersten Mal genähert hatte … geglänzt hatte der Gatte der Feenfürstin in der mittäglichen Sonne, beinahe wie aus einem schönen Traum. So schön geschwungen in seiner Form. Und es hatte irgendwie so federleicht ausgesehen, trotz seiner stählernen Bauteile. So als könnte es sich vom blauen Meere erheben und stattdessen sich am azurnen Himmel darüber bewegen. Die Decks darauf sind weitläufig wie Alleen und die Pools sind komplex aufgebaut, wirken aber beinahe gewöhnlich, wenn man den Rest bedenkt.

Alles ist aus edlen Materialien erbaut oder ummantelt. Marmor, Tropenhölzer, Silber und mehr. Und das so in Szene gesetzt, dass es dennoch subtil wirkt. Dazu noch die Angebote an Vergnügungsmöglichkeiten. Jeden Abend gibt es irgendwo ein Konzert und thespische Aufführungen. Und gerade bei letzterem kann ich als Mann vom Fach sagen, dass ich selten derart hervorragende Aufführungen gesehen habe. Und selbst für die einfacheren Bedürfnisse gibt es Auswahl. Und jedes davon kann sein schönes Ende hier irgendwo finden. Massagesalons, zwei Kinos, eine Art Mini-Mall, eine Eislaufbahn, ein Minigolfplatz, mindestens 45 Restaurants, vier Ballsäle und eine kleine Achterbahn. Sogar einen Bereich namens "Damen der Roten Nacht", wo man sich Leute zum stillen der … niederen Triebe … hatte ich wahrgenommen … entfernt wahrgenommen! Wenn ich einen Fuß dorthin gesetzt … mein Gedächtnis an meine Zeit mir ihr …

Und noch so viel mehr. Man müsste nicht von Bord gehen und hätte auf hundert Jahre hin ein schönes Leben. Und an jeder Ecke scheint immer eine livrierte Person zu stehen, die einem nicht nur jeden Wunsch von den Augen ablesen, sondern auch sofort erfüllen kann.

Ja. Das alles überfordert den Geist. Lenkt ihn zum Angenehmen hin, vielleicht sogar ab. Und für die ersten paar Tage hat dieser Zauber auch auf mich gewirkt. Aber jetzt lässt er nach. Weil wenn man Freude nicht teilen kann, so ist sie nicht von Wert.

TAd-Nr. 08/444-DE
[16.01.20██ // 06:01:50]

Heute gab es ein Feuerwerk, weil das Schiff den Äquator überquerte. Es war wunderschön. Die aufsteigenden Raketen entfalteten sich als farbige Blüten am endlosen Nachtgewölbe. Nur um sofort wieder zu vergehen. So wie die echte Flora …

TAd-Nr. 09/444-DE
[16.01.20██ // 19:11:00]

Mit ihr war alles größer. Sie hat mir alles größer gemacht. Ohne sie ist alles klein.

TAd-Nr. 10/444-DE
[17.01.20██ // 03:17:21]

Ich habe ja vor einigen Tagen von dem Feuerwerk gesprochen. Im Grunde zwinge ich mich, alle Programmpunkte wahrzunehmen, die dieser Kreuzer anbietet, um vielleicht doch über andere Menschen wieder zu Freude zu kommen. Außer dem Feuerwerk war da zum Beispiel die Vorstellung eines Zauberkünstlers. Vermutlich etwas, das meiner Geliebten nicht gefallen hätte. Sie verabscheute jede Form von Lügen. Selbst wenn diese nur auf Bühnen stattfanden. Fand es deshalb immer seltsam, dass sie mich überhaupt geheiratet hatte. Weil, wenn ich als Dramatiker ein Stück schreibe, wäre das für sie nicht auch unter Lüge gefallen? Aber sie sagte immer mit ihrem seltsam asymmetrischen Lächeln, dass sie mich trotzdem lieben würde.

TAd-Nr. 11/444-DE
[20.01.20██ // 16:11:30]

Noch immer keine Landgänge. Habe das Gefühl, den anderen Passagieren kommt das auch seltsam vor.

TAd-Nr. 12/444-DE
[20.01.20██ // 22:37:57]

Habe auch mal die Angestellten und die Crew danach gefragt, dass wir so lange kein Land gesichtet hätten. Sie zeigten sich ähnlich verwirrt wie ich. Aber ich glaube das wollten sie nicht nach außen tragen. Man entschuldigte sich damit, dass die Ziele wegen lokaler Unruhen nicht anreisbar wären.

TAd-Nr. 13/444-DE
[01.02.20██ // 06:18:45]

Heute war der "Tanz der Himmelssäulen". Ein Kunstereignis, das auf dem vorderen Teil des Schiffes veranstaltet wurde. Ich bin da mehr aus Schuld als aus Pflicht oder Lustgefühl hingegangen. Denn bis gestern bin ich immer seltener zu diesen Veranstaltungen gegangen. Die Motivation, es für sie zu tun, hatte mehr und mehr nachgelassen. Dass ich mich dann doch heute hinbegebe, fühlte ich meiner Geliebten schuldig. Dadurch, dass ich gestern so viel an sie denken musste, hat sich die Präsenz ihres Geistes verstärkt. Warum stelle ich mir vor, dass dieser Geist mich anklagt, obwohl sie nicht so war?

Nun ja. Bei diesem "Tanz der Himmelssäulen" trug eine Gruppe Künstler Verantwortung. Diese ließen auf ästhetische und kreative Art Dampf in unterschiedlichen Farben auf verschiedene Weisen in den Himmel aufsteigen. Dabei kam ich mit einem Mann ins Gespräch. Er war ein Greis, vermutlich sogar deutlich älter als ich. Er war dürr und klein und hustete immerzu. Er hatte einen dunklen Teint und beinahe schwarze Ränder unter den Augen. Er stellte sich als "Philosoph, Wissenschaftler und eine Art König" vor. Ich hatte ja schon recht früh aufgegeben, mit den anderen Leuten Gespräche zu führen, was aber den Mann nicht zu stören schien. Er hat kaum darauf geachtet, ob ich ihm zuhöre. Er erzählte mir vor allem davon, dass er so viel aufgebaut hätte. Zählte dies und das auf. Unter anderem eine Reihe von Hilfsorganisationen, von denen ich schon gehört habe. Und ich befürchtete schon, ich säße mit einem Prahler zusammen. Er machte Witze darüber, dass er schon "mindestens siebenhundertmal verheiratet" gewesen sei und "mindestens dreihundert Affären" gehabt habe. Etwas, was ihm viel Verlust von Standfestigkeit gebracht hätte. Und eine Menge Kinder hätte er. Eine beinahe zu große Flut davon. Und dass er sich nicht sicher sein könnte, ob durch diese alle seine "vielen Ideen, Werke und Taten" Fortführung finden würden. Denn wer könne schon dafür garantieren, dass irgendeine fortgeführt werden würde? Oder ob sie falsch verstanden, verdreht oder vergessen werden würden. Er zeigte dann zu den Darstellungen von Rauch, die in den Himmel aufstiegen. "Es ist so ungefähr mit allen Taten und Ideen, die von der Menschheit kommen."

Es wurde für einige Sekunden still um mich herum, und ich starrte in das faltige Gesicht meines Gegenübers. Wieso trafen mich diese Worte zu tief? Wieso fühlte ich mich mit ihm so verbunden? Aber ich war so ermattet davon, den Monologen des Mannes lauschen zu müssen. Vielleicht ist es, besser so dachte ich mir, eine Nacht darüber zu schlafen, bevor ich feststellen konnte, ob er mein Ersatz für dieses Funkgerät wird. Oder um zu erfahren, dass er vom Alter einfach nur wahnsinnig geworden ist.

Deshalb fragte ich ihn nur nach seinem Namen und der Nummer seiner Kajüte. Ich bekundete mein Interesse daran, das Gespräch später fortzusetzen. Er schaute mich daraufhin lange an und meinte nur noch: "Dem Feigling verweigert sich die Weisheit." und erwähnte dann aber noch, wann ich morgen zu seiner Kabine kommen sollte. Ich habe keine Ahnung, was er mit seinem Sprüchlein davor gemeint haben könnte.

TAd-Nr. 14/444-DE
[02.02.20██ // 15:19:03]

Er ist verschwunden. Ich habe eben die Kajüte des Greises aufgesucht und niemand öffnete mir.

TAd-Nr. 15/444-DE
[02.02.20██ // 23:22:47]

Man hat wohl das ganze Schiff nach ihm abgesucht. Vom Masttopp bis zum Kiel. Er war nicht aufzufinden. Es geht die Theorie um, dass er irgendwie über Bord gegangen ist.

Wenn es so etwas wie ein Schicksal geben würde, so würde ich vermuten, dass es alles und jeden von mir reißen will, an dem mir etwas liegt.

TAd-Nr. 16/444-DE
[06.02.20██ // 04:44:27]

Alles vergeblich. Ich kann hier mit niemandem eine Konversation betreiben. Die anderen auf diesem Schiff sind beinahe alle von so junger Blüte, dass wir kaum die ewige Schlucht der Generationen überbrücken können. Und jene mit grauen Haaren sind zu sehr damit beschäftigt, sich mit der luxuriösen Dekadenz zu überfüllen. Die Weisheit kommt wohl doch nicht zu den Mutigen.

TAd-Nr. 17/444-DE
[09.02.20██ // 09:35:53]

Ich bin noch einmal durch fast alle Restaurants, Bars und andere Vergnügungseinrichtungen des Schiffes gegangen. Auch Orte, die ich früher nicht gemocht hätte. Wie zum Beispiel Casinos oder eine Spielhalle. Ich wollte mich mit leichter Freude betäuben. Aber nichts bringt etwas. Denn eine Übermenge verliert ihren Reiz.

TAd-Nr. 18/444-DE
[10.02.20██ // 10:23:02]

Wann habe ich das letzte Mal Land gesehen? In den letzten paar Monaten immer nur der Strich zwischen Meer und Himmel …

TAd-Nr. 19/444-DE
[12.02.20██ // 06:26:09]

Der Stift, mit dem ich versuche ein neues Stück zu schreiben, schweigt.

TAd-Nr. 21/444-DE
[18.02.20██ // 17:00:51]

Aus quälender Langeweile interessierte mich, was die Nachrichten und Zeitungen über den alten Mann sagten. Und ich stellte schnell fest, dass die Organisationen des Greises bereits von seinen Kindern und geschäftsführenden Kollegen zerrissen wurden.

TAd-Nr. 22/444-DE
[19.02.20██ // 09:22:18]

Der Stift schweigt nicht mehr! Der Familienzwist, von dem ich gestern las, hat mich inspiriert! Der Zwist einer Familie auf der Privatyacht der Matriarchin. Nicht nur die Blutsbande, sondern auch das Schiff ist zum Untergang verurteilt!

TAd-Nr. 23/444-DE
[22.02.20██ // 09:24:31]

Ich habe den Versuch, etwas Neues zu schreiben, aufgegeben. Denn was bringt es, wenn das Stück vielleicht vergessen wird? Vor allem im Kontrast zu dem größten Stück, das ich schrieb? Viele Kritiker hatten mein Werk "Der Pilger" damals in den Himmel hochgelobt. Aber einige meinten, unabhängig voneinander, dass es durchaus sein könnte, dass alles, was ich danach schreiben würde, besser sein müsste. Sonst würde ich alles, was ich danach fertig bringen würde, in dessen Schatten sehen.

Abgesehen davon bin ich nur wieder auf den verfluchten Schwingen des Anfangs geflogen, wo das kreative Schaffen noch so leicht fällt. Als sie noch bei mir war, hielten diese Schwingen länger. Und selbst, wenn diese nicht da waren, habe ich für sie geschrieben.

TAd-Nr. 24/444-DE1
[23.02.20██ // 13:46:27]
Mein ganzes Zimmer… das ganze Zimmer … voll mit grünen Flaschen, mit vielen, vielen Etiketten. Nichts davon schmeckt. Und doch so viel runter in den Hals.

TAd-Nr. 25/444-DE
[23.02.20██ // 14:05:14]

Heute … heute wäre ihr Geburtstag sein … gewesen. Ich meine, ich habe den ganzen Tag das Zimmer, also meine Kajüte nicht, gar nicht verlassen. Bin nicht raus. Rausgegangen garnicht. Es ist geradezu blöd oder absurd, wie eng sich das größte Zimmer hier auf dem Kutter anfühlen kann. Sollte eigentlich nicht. Wie Zelle. Eine Gefängniszelle. Vielleicht sogar noch enger.

Hab mir vorgestellt, dass sie hier wäre. Hier. Bei mir. Nicht tot. Auf dieser Schaluppe. Nicht. Nicht weg. Närrische Reise, Ferien, die ich hier mache. Zu machen versuche. Gehofft habe ich auf Erkenntnis oder sowas. Wieder lebendige Glieder. Mit viel … Schmackes. Nein! Kraft! Oder Freude! Aber es war schlagend ernüchternd gewesen war es. Zusammen mit ihr Krussants … wie spricht man das nochmal aus? … äh … Croissants! Ja, Croissants! Die hätten mit ihr zusammen besser geschmeckt. Sonne mit ihr nicht nur vom Himmel brennt, sondern schön. Und alles Luxus hier, der alles hier. Wäre wirklich was Besonderes und Spezielles gewesen. Alles mit ihr wäre hier wie Geschenk. Und wie geschwelgt ich mit ihr hätte, an all den Ländern, die wir anfahren. Die Fahrt mit ihr wäre alles schöner.

TAd-Nr. 26/444-DE
[24.02.20██ // 17:49:36]
Fühle mich wieder nüchtern. Einigermaßen. Habe ich irgendwas davon geredet, dass alles mit ihr schöner gewesen wäre?

Auf der anderen Seite wiederum: Auch zusammen mit ihr hätte diese Fahrt geendet. Wir wären wieder in den Alltag zurückgekommen. Wir hätten schöne Erinnerungen daran gehabt, welche aber immer blasser geworden wären. Das passiert mit oder ohne ihr. Habe ich mir zu viel auf unsere Liebe eingebildet? Habe ich sie in den letzten Jahren unserer Ehe zu selbstverständlich genommen? Vermisse ich sie vielleicht nicht, sondern nur das Gefühl von Liebe, das ich durch sie empfangen habe?

TAd-Nr. 27/444-DE
[25.02.20██ // 20:08:56]

Ich vermisse sie. Ich vermisse ihre Liebe. Ihre Zärtlichkeit. Ihre Nähe.

TAd-Nr. 28/444-DE
[26.02.20██ // 12:56:12]

Der Butler hatte mir erklärt, wie ich in dem Etablissement "Damen der Roten Nacht" eine dieser besagten Frauen zu mir holen kann, um mit ihr … Vergib mir, Geliebte, dass ich das tat. Das, was geschah, ist nur die Kopie einer Illusion unserer Liebe. Wieso musstest du nur gehen?

TAd-Nr. 29/444-DE
[26.02.20██ // 12:58:29]

Verzeihe mir, dass ich das getan habe! Verzeihe mir. Bitte, falls du mich hörst!

TAd-Nr. 30/444-DE
[27.02.20██ // 03:18:38]

Diese Reise fühlt sich immer endloser an.

TAd-Nr. 31/444-DE
[28.02.20██ // 21:35:47]

Das Senden dieser Nachrichten bringt nichts. Keiner hört zu. Menschen, die es hören, werden denken, ich sei wahnsinnig! Und darüber hinaus gibt es nichts, was meiner Stimme zuhören könnte. Nicht in diesem Universum. Und auch nichts jenseits davon. Wieso rede ich hier also?

TAd-Nr. 32/444-DE
[02.03.20██ // 20:09:02]

Es muss doch auf diesem Schiff etwas geben, was mir hilft?

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