Messor "Hat-Man", Skizze von PoI-33237
Objekt-Nr.: SCP-385-DE
Klassifizierung: Conscientia1
Sicherheitsmaßnahmen: Aufgrund der Unmöglichkeit, SCP-385-DE in irgendeiner Form einzudämmen, verbleibt der Foundation nur die Verschleierung und auch die Hervorhebung der durch die Anomalien erzeugten Phänomene und die durch Außenstehende gemachten Beobachtungen. Konkret bedeutet dies eine Doppelstrategie, gleichzeitig sollen durch zivile Parteien gemachte Aussagen und mediale Beiträge gewürdigt und als wahr dargestellt werden. Ebenso sollen rational-investigative, kritisch-wissenschaftliche, aber auch diffamierende Beiträge zu dem die Anomalie betreffenden Sujet gefördert werden. Ziel ist ein ungefähres Gleichgewicht zwischen der Personengruppe, die willentlich glaubt oder unter Vorbehalt bereit ist, die Phänomene zu akzeptieren und der ablehnenden, zweifelnden, vernunftbezogenen Klientel. Dieses Vorgehen entspricht der durch den O5-Rat vorgegebenen Richtlinie. Eine konstante Diskussion betreffend SCP-385-DE in der Öffentlichkeit ist ausdrücklich erwünscht.
Beschreibung: SCP-385-DE stellt mit höchster Wahrscheinlichkeit eine anomale Lebensform dar, die sich entweder an der Seite der Menschheit und der Evolution des Bewusstseins entwickelt hat, oder gänzlich älter ist, mit anderen Ursprüngen und möglichen Motivationen. Die Anomalie zeigt großes Interesse an menschlichem Leben und scheint sich auf die eine oder andere Art von Emotionen zu ernähren, vorzugsweise von (Todes-)Angst und Panik. Dabei zeigt SCP-385-DE oft große Geduld, bereitet das Opfer für die bevorstehende Ernte vor, die aus albtraumhaften Erfahrungen während des Schlafes besteht. Betroffene "sehen" oft eine der weiter unten erklärten archetypischen Figuren, empfinden starken Druck auf der Brust sowie die Unfähigkeit zur Bewegung. In extremen Fällen kommt es zu direktem körperlichem Kontakt, beispielsweise legen sich die Entitäten tatsächlich auf den Thorax des Opfers. Nach der Attacke schrecken Betroffene panisch und verwirrt aus dem Schlaf, häufig traumatisiert und völlig verstört. Die gängige wissenschaftliche Erklärung außerhalb der Foundation ist die sogenannte Schlafparalyse, welche im Normalfall körperliche Bewegungen während der Traumphase verhindert (REM-Atonie). Überschneidungen dieser normalen Funktion mit zu diesem Zeitpunkt untypisch vollem Bewusstsein sollen Halluzinationen und panische Angst erzeugen.
Die überlieferten Berichte über die Anomalie reichen bis in die früheste Menschheitsgeschichte zurück und sind auf der ganzen Welt sowohl belegt als auch überliefert. Als Beispiele seien hier stellvertretend Kanashibari aus der japanischen Folklore, al-Jathum aus dem arabischen Kulturkreis oder auch Nalusa Chito aus den Überlieferungen des Choctaw-Stammes in Nordamerika angeführt. Eine fortlaufende Auflistung der bekannten Entitäten kann in Dokument PNV.477.LST eingesehen werden. Anders als bei vielen anderen Tradierungen tritt das Phänomen SCP-385-DE weiterhin konsequent und erstaunlicherweise in sich verändernden Erscheinungsformen auf, offenbar orientieren sich die Anomalie sowie ihre Ausformungen oder einfach auch ihre Spezies durchaus an kulturellen Vorgegebenheiten, wobei diese in jüngerer Zeit durch moderne Vernetzungen und Globalisierung verschwimmen und zu amalgamieren scheinen. Dabei müssen die verschiedenen Formen von SCP-385-DE je nach ihrer Erscheinungsform differenziert betrachtet werden. Der deutschsprachige Arm der Foundation folgt hier bis auf Weiteres der dreistufigen, von Dr. Konstantin Berrenger erarbeiteten Systematik.
Der erste und früheste Aspekt ist pavor nocturnus2 (z. Dt. "Nachtschreck", eng. "night terror"). Bei derartigen Vorfällen erleben vor allem Kinder eine extreme Parasomnie. Allerdings wird das Phänomen, wenn auch selten, durchaus auch bei adoleszenten Personen beobachtet. Hier spielen häufig Stress oder auch körperliche Traumata eine Rolle. Nachtschreck äußert sich in heftigen konvulsivischen Bewegungen, Schreien, Herzrasen und Schweißausbrüchen. Teilweise ist ein Aufwecken während einer solchen Episode nicht möglich. Wenn die Betroffenen wieder vollständig zu sich kommen, können sie sich häufig nicht an den Vorfall erinnern. Interessanterweise tritt pavor nocturnus nicht während der REM-, sondern der Tiefschlafphase auf. Seniorforscher Dr. Berrengar vertritt in seinen jahrzehntelangen Studien und Aufzeichnungen die Ansicht, dass hier, Zitat: "Ein Pflanzen des Samens" vorliegt, d. h. potentielle Opfer werden empfänglich für weiteres Vorgehen durch die Anomalien gemacht.
Unabhängig davon, ob Personen von der oben genannten Störung betroffen waren oder sind, taucht vor allem durch technischen Fortschritt in den vergangenen Jahrzehnten eine immense Dokumentation der zweiten Manifestationsform von SCP-385-DE auf. Hierbei handelt es sich um Schattengestalten, die häufig als "schwärzer als die Dunkelheit" beschrieben werden. Solche Wesenheiten werden von der Foundation als SCP-385-DE-Speculator3 bezeichnet und können sowohl im Wachzustand als auch im Schlaf wahrgenommen werden. Der Vorgehensweise der Phänomene ist stets gemein, dass sie sich unnatürlich schnell bewegen können, den direkten Sichtkontakt nur so lange aufrechterhalten wie nötig, um zu erschrecken und Angst zu generieren. Ein etabliertes Verhaltensmuster ist außerdem ein kurzes Spähen um Ecken oder durch Türen, was zu der Bezeichnung "peeping shadows" (z. Dt. spähende Schatten) führte. In den vergangenen Jahren häuften sich Aufnahmen der Speculatoren, vor allen Dingen im Internet. Die Foundation konnte hier selbstverständlich viele Nachahmer und Betrüger entlarven, allerdings verbleibt ein nicht zu unterschätzender Anteil höchstwahrscheinlich echter Dokumentationen. Die Perfidie und Perversion liegt hierbei selbstverständlich im Eindringen in den privaten und häuslichen Bereich der Opfer, ein Gefühl der Unsicherheit im eigenen Heim und eine psychische Zermürbung sind die Folge. Dr. Berrengar bezeichnet diese Form von SCP-385-DE als "Fußsoldaten" und verglich sie mit militärischen Pionieren, in diesem Fall in der Bedeutung einer (weiteren) Schwächung der psychischen Struktur eines Opfers, dem Bauen einer Brücke zum Innersten.
Die dritte und ultimate Form von SCP-385-DE stellen die drei archetypischen Entitäten dar, die in der Hierarchie der Spezies weit oben, wenn nicht an der Spitze stehen. Gemäß Dr. Berrengars Vorschlag werden sie als SCP-385-DE-Messor4 bezeichnet. Sie erscheinen stets im Zustand der Schlafparalyse, Betroffene beschreiben ihr Auftreten als extrem bedrohlich und beängstigend. Unfähig zur Flucht oder Gegenwehr, beobachten die Personen das Eintreten und das aufreizend langsame Näherkommen der Wesenheiten. Die Gestalten der drei Entitäten variieren von Land zu Land und innerhalb von Kulturkreisen. Anzumerken ist, dass die Erscheinungen auch zumeist angepasst an Ansichten und Glauben der jeweiligen Opfer sind. Im westlich aufgeklärten Raum dominiert der sogenannte "Mann mit Hut" (eng. Hat-man, SCP-385-DE-A). Er wird beschrieben als hochgewachsene, eindeutig männliche Figur, die stets eine Kopfbedeckung trägt, die einem Fedora ähnelt und Gesichtszüge vermissen lässt. In eher ländlichen Gegenden wird dagegen häufiger die sogenannte "Alte Hexe" (eng. Old hag, SCP-385-DE-B) beschrieben. Sie ist kleiner als der Hat-man und zeigt im Gegensatz zu ihm eine aggressive, verzerrte, Mimik, ist dabei stark gebückt oder sogar bucklig. Bei eher religiös verhafteten Menschen oder in entsprechend geprägten Gebieten erscheint schließlich oft der "Mönch mit Kapuze" (eng. Hooded Monk, SCP-385-DE-C). Ähnlich wie der Mann mit Hut zeigt er keine Gesichtszüge und bewegt sich noch langsamer und bedächtiger als die anderen Messores. Gekleidet ist er in eine bodenlange Kutte, sein Kopf verhüllt durch eine weite Kapuze. Allen ist gemein, dass sie wie die Spectatores völlig schwarz erscheinen, tatsächlich so dunkel, dass sie auch noch in fast völliger Dunkelheit wahrnehmbar bleiben. Nach der gängigen Vermutung nähren sie sich von den negativen Emotionen ihrer Opfer, teilweise wird spekuliert, ob eine Aufnahme von gewissen Stresshormonen der Schläfer eine Rolle spielen könnte.
Befragung PoI-33237 durch Dr. Berrengar vom 13.6.2020
Vorbemerkung:
Dr. Konstantin Berrengar galt als führender Spezialist und Koryphäe auf dem Gebiet der Erforschung von SCP-385-DE und hatte zu dem Zeitpunkt dieser Befragung bereits über mehrere Jahrzehnte hinweg Daten und Fallbeschreibungen gesammelt. Seine Analysen und Verknüpfungen von Sachverhalten führten zur aktuellen Nomenklatur der in SCP-385-DE vereinigten Anomalien. Obwohl eigentlich in Standort-DE17 angestellt, betrieb Dr. Berrengar überall im deutschsprachigen Raum in seiner Funktion als Schlafmediziner und Psychologe Schlaflabore. Sein Gesprächspartner in dieser Befragung ist hier Simon T██████, ein ehemaliger Lagerist aus L████ in Niedersachsen, katalogisiert als PoI-33237. Der Mann war schon seit längerer Zeit in Behandlung bei Dr. Berrengar und war insofern besonders interessant, weil er seit frühester Jugend Erfahrungen mit SCP-385-DE gehabt und das gesamte Spektrum an Anomalien kennengelernt hatte. Zum Zeitpunkt des Gespräches war PoI-33237 gerade aus einer Entzugsklinik entlassen worden, er hatte über Jahre hinweg versucht, sich selbst mittels Drogen, Tabletten und Alkohol zu sedieren, um den Albträumen und Erscheinungen zu entkommen. Die Befragung fand in einer Praxis in M██████, Bayern statt und wurde von Dr. Berrengar aufgezeichnet.
Dr. Berrengar: [nimmt gegenüber PoI-33237 Platz] So, Simon, wie geht es Ihnen heute?
PoI-33237: Na ja, schauen Sie mich doch an. Ich bin am Ende.
Dr. Berrengar: Ehrlich gesagt finde ich, dass Sie besser aussehen als beim letzten Mal.
PoI-33237: Das täuscht. Oh, das täuscht. Wissen Sie, wie so eine Entgiftung aussieht? Niemand, der nicht schon mal selbst betroffen war, kann das nachvollziehen. Die Schmerzen, die Übelkeit, die Angst.
Dr. Berrengar: Ich verstehe. Mein Mitgefühl. Darf ich fragen: Hat sich dieser bestimmt schwierige Prozess irgendwie auf ihre anderen Beschwerden ausgewirkt?
PoI-33237: Kaum war ich nüchtern, begannen die Besuche in meinen Albträumen natürlich wieder. Vielleicht noch ein bisschen schlimmer als vorher, lag wahrscheinlich an meinem körperlichen Zustand, denk' ich.
Dr. Berrengar: Auch das ist verständlich. Also keinerlei Besserung durch den Entzug?
PoI-33237: Körperlich fühl' ich mich besser, das ja. Aber ich bin so kurz davor, wieder was zu nehmen. Ich hab' Jahre durchgehalten, aber ich kann einfach nicht mehr. Ich wünschte manchmal, die Drogen hätten mich umgebracht.
Dr. Berrengar: Simon, sagen Sie das nicht. Clean zu werden, ist eine großartige Leistung. Der Konsum ist rückblickend betrachtet eine Verschlimmerung Ihrer Situation gewesen.
PoI-33237: Wissen Sie eigentlich, wie oft ich schon den Strick in der Hand hatte? Wie oft ich einfach gedacht habe: Nimm doch die doppelte Menge? Was ich denke, wenn ich ein Hochhaus sehe?
Dr. Berrengar: Und doch haben Sie es nicht getan und das erfordert Stärke. Ich habe für Ihr Problem übrigens eine neue Behandlungsmethode, falls Sie interessiert sind.
PoI-33237: Und wie sähe die aus?
Dr. Berrengar: Zugegeben etwas exotisch, jedenfalls was die Umstände betrifft. Ich sage es frei heraus, die Sache ist geheim. Lachen Sie nicht, ich meine es ganz ernst. Ansonsten ist es einfach. Ich bringe Sie an einen geheimen Ort, dort werden Sie an ein EEG-Gerät angeschlossen und bekommen eine kleine Injektion. Dann schlafen Sie und wir sehen, was passiert.
PoI-33237: Klingt schräg, wenn Sie mich fragen. Keine Masken? EKG? Blutsauerstoff? Muskelspannung oder EMG?
Dr. Berrengar: [lacht] Sie klingen ja beinahe schon selbst wie ein Arzt. Nein, das wäre das ganze Prozedere. Ich hoffe sehr, dass dieser Versuch Ihnen helfen kann. Sie müssen nur zustimmen.
PoI-33237: Mir ist alles recht, Doktor. Ich hab' echt nichts mehr zu verlieren. Ziehen wir es durch.
SCP-146-DE Experiment 0081; Probanden: PoI-33237 / Dr. Konstantin Berrengar
Standort-DE17-Vorfall 66932, Ebene 2, Sektor 40
Nach Genehmigung durch die Standortleitung-DE17 seitens Dr. Senger und Rücksprache mit dem O4-Rat wurde PoI-33237 am 18.7.2020 unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen und sensorischer Deprivation zu Standort-DE17 gebracht. Ziel war die von Dr. Berrengar erwünschte Verschiebung der schlafparalytischen Erfahrung des Probanden zu sich selbst. Zu diesem Zwecke sollten die kreativitäts- und hirnfunktionsverschiebenden Eigenschaften von SCP-146-DE genutzt werden. Zusätzlich sollte beiden Personen zunächst eine ihrem Körpergewicht entsprechende Dosis Diphenhydramin, einem Antihistaminikum, welches stark sedierend wirkt, injiziert werden. Das Medikament steht im Rufe, auditive und optische Halluzinationen hervorzurufen, und wurde im Zusammenhang mit SCP-385-DE-A (Mann mit Hut) häufig dokumentiert. Zudem sollte ein weiteres leichtes Schlafmittel von beiden Teilnehmern oral eingenommen werden.
Das gesamte Experiment wurde sowohl in den Räumlichkeiten von SCP-146-DE als auch in den späteren Schlafräumen von Überwachungsmodulen unter der Aufsicht von Dr. Berrengars Assistenten Dr. Demetrios Iopos kontrolliert. Das Experiment begann um 16 Uhr und verlief in den ersten Schritten wie geplant, nach dem Einsatz von SCP-146-DE zeigten die Schlafmittel Wirkung und beide Personen wurden in separate, doch nebeneinanderliegende Räumlichkeiten verbracht, welche mit diversen Aufzeichnungs- und Messgeräten ausgestattet waren. Der Versuch geriet außer Kontrolle, als beide Personen in die REM-Schlafphase eintraten. Weder Kant- noch Akivazähler zeigten eine Veränderung des vorher gemessenen Grundniveaus. Die Probanden begannen konvulsivisch zu zucken, zu krampfen und zu stöhnen. Dr. Berrengars Herzschlag und Blutdruck schnellten in bedenkliche Höhen, bevor medizinisch eingeschritten werden konnte, begann die Zerstörung der beiden Räume. Bildschirme explodierten, Sauerstoffflaschen platzten, wobei sich schrapnellartige Geschosse bildeten, Armaturen verbogen sich, Bodenfliesen bekamen Risse, wölbten sich auf und zerbrachen. Auch die Mauer zwischen den Zimmern wurde stark beschädigt. Das Ereignis dauerte in etwa fünfzehn Sekunden lang, dann verstarb PoI-33237 an den ihm zugefügten Verletzungen, daraufhin beruhigte sich die Lage.
Dr. Iopos ist der Überzeugung, dass die SCP-385-DE-Entität bei ihrem Eintritt nicht fähig war, zwischen den beiden Personen zu unterscheiden, und sich teilen musste. Dieses "Zerreißen" setzte extreme Kräfte frei und sorgte für die Vernichtung des Experimentaufbaus. Dr. Berrengar überlebte mit schwersten Verletzungen und wurde umgehend in ein künstliches Koma versetzt. Bedauerlicherweise konnte bald darauf nur noch der Hirntod festgestellt werden, nur noch Maschinen hielten seinen Körper am Leben. Trotz allem beschrieb seine Rechte immerzu eine Schreibbewegung, wahrscheinlich eine Nachwirkung der Effekte von SCP-146-DE. Schließlich wurde ihm ein Stift in die Hand gedrückt und ein Schreibblock in den Schoss gelegt. Im Sterben verfasste Dr. Berrengar ein Haiku5. Nach Rücksprache mit der Standortleitung wurden einige Stunden später die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt.
SCP-146-DE Dokument 277, "Dr. Berrengars Haiku"
So traumgefangen
in der Schwärze, tötet mich,
der Hutmann wartet

