Letztes Mal bei Nuri:
Byakko, Teil 1
Nuri ging allmählich die Puste aus. Die Wanderung den Berg hinauf war ziemlich anstrengend. Sogar Byakko war bereits ins Schwitzen gekommen. Einzig Frau Fukuda schien noch topfit zu sein. Und dabei trug sie diesen riesigen Tornister mit sich herum …
"Hrm", machte die Zenko unsicher. "Vielleicht sollten wir eine Pause machen. Die Luft hier oben ist immerhin ziemlich dünn."
Nuri hopste erschöpft auf einen Felsbrocken, der halb versunken in der Erde lag, Byakko legte sich einfach ins Gras. Frau Fukuda schaute den Berg hinauf, während sich Nuri in der Gegend umsah.
Das Gelände war hier mehr zerklüftet als weiter unten. Eigentlich, wenn man so drüber nachdachte, gab es nicht auch hier Erdspalten, aus denen es kein Entrinnen gab?
Es dauerte kurz, dann kam Frau Fukuda zu ihr.
"So, genug geruht, wir haben noch ein ganzes Stück vor uns."
"Können wir nicht eine von denen da nehmen?", fragte Nuri und deutete auf eine Erdspalte in angenehmer Laufweite.
"Nein, wir müssen weiter weg", widersprach Frau Fukuda. "Für den Fall, dass du es durch irgendein Unglück doch rausschaffst."
"Aber du hast doch ein Gewehr. Mit Betäubungsdingern", entgegnete Nuri verwirrt.
"Ich würde das Risiko gerne möglichst klein halten, Jeong."
"Und ich will nicht mehr laufen!"
Nuri plusterte ärgerlich die Wangen auf.
"Jeong, komm jetzt, wir haben Orte zu erreichen."
"Ich will aber nicht mehr. Da sind doch auch Schluchten."
"Jeong, sei ein liebes Kind und hör' auf die Erwachsene."
Nuri schüttelte trotzig den Kopf.
Ihr Blickfeld wurde plötzlich von Frau Fukudas Iris ausgefüllt. Gehorche, hallte es in einer verführerischen Stimme, aber auch seltsam dumpf in ihrem Kopf wider. Etwas versuchte, sich in ihren Verstand zu bohren und stieß auf unerwarteten Widerstand. Nuris Sicht klärte sich wieder.
Sie machte einen Schritt rückwärts, als sie die Zweischwänzige sah.
Eine Veränderung war durch Frau Fukuda gelaufen. Die vernarbte Wölfin war wieder zum Vorschein gekommen, als ihr Gesichtsausdruck von erzwungen freundlich auf genervt umschlug. Sie schnalzte frustriert mit der Zunge und stellte den Tornister ab.
Und holte ihr Gewehr hervor.
Nuri wich weiter zurück. Entsetzen machte sich in ihr breit, als Frau Fukuda auf sie anlegte.
"Tut mir leid, Kleine, aber das wird mir jetzt zu doof."
"BÖSER FUCHS!", erklang es hinter ihr.
Frau Fukuda drückte ab, aber noch während sie das tat, warf sich Byakko gegen sie. Der Betäubungspfeil ging dadurch weit daneben. Die Zenko schaffte es, ihr Gleichgewicht zu halten, packte die Neunschwänzige an ihrem Halsband und warf sie mit mehr Kraft, als man einem so kleinen Körper zugetraut hätte zu Boden. Anschließend setzte sie sich rittlings auf ihr Opfer und schlug mit den Fäusten auf dessen Gesicht ein.
"Du! Kleines! Nutzloses! Stück! Scheiße!"
Sie musste Hilfe holen! Nuri drehte sich voller Angst um, um den Berg nach unten zu fliehen, aber ihre Umgebung zerfloss plötzlich wie Wasser und konsolidierte sich wieder als nebelverhangener Bergpfad. Vor Nuri ging es bergauf. Hektisch sah sie sich um, während ihr vor Furcht die Tränen kamen.
"Du elendes Stück Müll", knurrte Frau Fukuda hinter ihr. "Denkst du wirklich, dass ein Fake wie du, noch dazu mit versiegelten Kräften, eine Chance gegen einen echten Dämonenfuchs hat?"
Byakko schrie auf vor Schmerz. Nuri wusste nicht, wo sie hinsollte, sie hyperventilierte und ihre Knie wurden weich. Sie quiekte, als Frau Fukuda ihr von hinten die Hand auf die Schulter legte.
"Und du kleines Scheißerchen kommst jetzt schön brav mit, ich habe absolut keine Bedenken dabei, dich mit einem Stein zu schlagen, bis du das Bewusstsein verlierst. Alles klar?"
Nuri nickte hektisch, ohne sich umzudrehen.
"Ernsthaft?"
Dean schaute sich griesgrämig um. Um ihn herum nur Stein, Erde, Graß und Ellis Bergstiefel, in denen sie vor ihm stand, während er aus dem Nexus lugte. Es gab hier keinen senkrechten Rahmen, daher hatte Elli den Nexus in einem Erdloch öffnen müssen. Man konnte ihm den Widerwillen ansehen, als er endlich die Arme durch den Nexus streckte und sie mit sichtlicher Überwindung auf die weiche Erde drückte, um sich herauszuziehen.
Als er stand, rieb er die Hände aneinander, um sie zu säubern, mit mäßigem Erfolg. Der Ärger darüber war ihm anzusehen.
"Komm jetzt, wir müssen Nuri finden", hetzte Elli. "Schon wieder."
Dean seufzte resigniert und folgte Elli.
"Keine ruhige Minute mit dem Mädel. Weißt du, wo wir hinmüssen?"
"Nicht wirklich", gab Elli zu und marschierte los. "Ich schlage vor wir gehen den Berg rauf und fangen an mit SUUUUUUCHEEEEEEEEEN.
Dean schaute kurz auf das Loch im Boden, das bis gerade eben noch durch Moos und Flechten verborgen gewesen war.
"Alles in Ordnung?", fragte er.
Aus dem Loch kam leises Gejammer nach oben.
"Steckst du irgendwo fest?", fragte Dean weiter.
Verneinendes Gejammer.
"Gut", sagte er dann schulterzuckend und ging los.
Elli würde wahrscheinlich beim nächsten passenden Portalrahmen zu ihm stoßen, kein Grund, da extra noch runterzuspringen. Anders als Elli konnte er sich nicht wie von Geisterhand reparieren. Außerdem meinte er auf dem Berg weiter oben drei Punkte zu erkennen, die sich nach oben bewegten …
Elli, die sich beim Aufschlag die Hälfte ihres Skeletts gebrochen hatte, setzte sich stöhnend auf, während ihre Knochen unter ekelerregendem Knacken wieder ihre angestammten Plätze einnahmen. Sie war wirklich unvorsichtiger geworden, seitdem sie gestorben war …
Eine genauere Betrachtung ihrer Umgebung sagte ihr, dass sie sich auf dem Humusboden einer kleinen Schlucht befand. Überall gab es Löcher und Höhlen, dieser Teil des Berges schien eine Art rissiger Schweizer Käse zu sein.
Hinter ihr war auch eine, in der Elli im fahlen Licht, das von oben herunter drang, mehrere große weiße Kugeln erkennen konnte. Jede von ihnen war etwa einen Meter im Durchmesser.
Sie besah sich diese Dinger etwas näher und kam schließlich zu der Erkenntnis, dass es sich um Eier handelte.
Zumindest schloss sie das aus dem tiefen Grollen, das irgendwo über ihr erklang …
Die Energie, die sie aufs Rennen konzentrierte, fehlte ihrem Gehirn, um auf die Idee zu kommen, den Nexus zu benutzen …
Nuri zitterte am ganzen Körper. Selbst beim I-Em-Be-We hatte sie sich nie so allein gelassen gefühlt, wie jetzt, während sie den Berg hinaufstolperte. Frau Fukuda lief hinter ihr. Sie hatte ihr geladenes Gewehr über dem Tornister geschultert und schleifte mit der freien Hand eine reglose Byakko hinter sich her. Ihr Gesicht schwoll allmählich zu …
"Ähm …", fragte Nuri ängstlich. "Was machen wir, wenn wir oben sind?"
Frau Fukudas stählerne Mine verzog sich keinen Deut, als sie antwortete.
"Ich habe in meinem Rucksack das Material, um einen Weg über eine Ley-Linie zu öffnen. Zerbrich dir nicht den Kopf darüber, was das ist, im Prinzip werden wir teleportieren."
"Und wohin?"
"Wir werden bei einer netten Frau rauskommen, an die ich euch verkaufen werde."
Nuri erstarrte.
"Weitergehen …", knurrte die Zenko.
"Aber … Warum macht du das?", fragte Nuri verwirrt und erschrocken. "Das ist böse!"
Frau Fukuda seufzte.
"Falls du irgendwann mal größer wirst, wirst du merken, dass Gut und Böse im Auge des Betrachters liegen. Es gibt da eine Organisation von unangenehmen Zeitgenossen, die vor Jahren meine Freundin entführt haben. Sie sagten mir, um sie zurückzubekommen, müsste ich ihnen etwas von gleichem oder höherem Wert bieten. Und offenbar haben sie einen Narren an Kumihos gefressen. Wenn ich also jemanden, mit dem ich durch dick und dünn gegangen bin, zurückerhalten kann, indem ich zwei von euch Psychopathen opfere, dann werde ich das tun. Und ich musste bereits ganz schön improvisieren mit euch zweien. Ich hatte gehofft, dass dich Byakko angreifen würde, um euch beide diskret für eine 'Verarztung' aus dem Verkehr ziehen zu können, deswegen habe ich sie in deiner Umgebung frei gelassen. Aber OFFENBAR kann diese dämliche Füchsin nicht mal ordentlich Mist bauen. Aber mir dann die Suppe versalzen, als ich dich allein auf den Berg nehmen will. Eigentlich wollte ich behaupten können, dass du in deinem Anfall-Stadium ausgebüxt bist und ich dich verloren habe."
Frau Fukuda schien sauer zu werden. Nuri setzte sich lieber wieder in Bewegung.
"Es hat so lange gedauert, das Material für die Linienwanderung zusammenzusammeln und wir haben nur den einen Versuch. Dich allein zu verlieren hätte meine Tarnung nicht beeinträchtigt, aber da sich Byakko nicht davon abbringen ließ, dir zu folgen, wird man mich verdächtigen, wenn auch sie verschwindet oder zurückkehrt und irgendein Wort darüber verliert. Ich kann also nicht hier in der Yokai-Zuflucht bleiben, selbst wenn ich mein Ziel erreicht habe. Danke dafür, Byakko …"
Sie zog die Neunschwänzige gezielt über einen rau aussehenden Felsbrocken, der vor ihr aus dem Boden ragte. Bis auf ein leises Wimmern gab Byakko keinen Laut von sich.
Frau Fukuda schnupperte plötzlich und schnalzte wieder verärgert mit der Zunge. Nuri hob ebenfalls die Nase in den aufkommenden Wind. Schwach konnte sie den Geruch von irgendeinem Tier wahrnehmen, aber sie konnte nicht mehr sagen, als dass es wahrscheinlich einen Pelz besaß.
"Vorwärts", grollte die Zenko.
Offensichtlich wollte sie hier nicht bleiben. Zwischen den turmartigen Felsen meinte sie, leises Rascheln zu vernehmen, als würde sie irgendwas umkreisen.
Nuri verfiel in aufkommender Panik in Rennen, aber trotzdem schaffte es Frau Fukuda, sie mit ihrem Gepäck und der am Kragen gepackten Byakko einzuholen.
"Schneller", zischte sie. "Sie machen Hackfleisch aus uns, wenn sie uns kriegen."
Diese Info nahm bei Nuri zu viel Rechenleistung zur Verarbeitung ein, sodass sie den Stein nicht bemerkte, der vor ihr aus dem Gras ragte. Und es kam, wie es kommen musste. Nuri stolperte und schlug sich auf dem spärlich mit Gras bewachsenen Boden das Knie auf.
Der Schmerz war so schlimm, dass sie zu weinen anfing. Frau Fukuda schien das nicht zu interessieren, denn sie baute sich fauchend hinter ihr auf.
"Beweg dich, du kleine Pestbeule!"
Sie hob ihr Gewehr, um mit dem Kolben zuzuschlagen. Nuri machte sich auf dem Einschlag gefasst, aber die Erwachsene hielt plötzlich inne und lauschte.
Zu ihrem Unglück war Dean schon wesentlich näher heran, als es den Anschein erweckte und versenkte seine rechte Faust in Frau Fukudas Gesicht, als sich diese zu ihm umdrehte. Der Schlag hob die kleine Dämonenfüchsin von den Füßen und ließ sie gegen einen Felsen krachen. Da wo sie gestanden hatte, fielen ihr Zwicker und Byakko zu Boden.
"Weg von Nuri, Schlampe!", knurrte er, während er sich wieder aufrichtete.
"DEAN!", weinte Nuri vor Glück.
Sie versuchte aufzustehen und auf ihn zuzurennen, aber ihr Bein protestierte und Dean hielt sie mit einer Handgeste zurück.
"Bleib, wo du bist, Flaschenbürste! Das war's noch nicht!"
Wie um seine Worte zu bestätigen, glitt Frau Fukuda mit einem ärgerlichen Fauchen aus ihrem Rucksack, als sie wieder auf die Beine kam und starrte Dean hasserfüllt in die Augen.
Nichts passierte.
Die Zweischwänzige legte verwirrt den Kopf schräg.
"Hä?"
Sie war so verdutzt, dass sie nicht reagierte, als Dean zu ihr stampfte und seine Faust wieder in ihrem Gesicht versenkte.
"Eure Kräfte sind wirkungslos bei mir, vor allem eure Hypnose", erklärte er, während Frau Fukuda sich wieder aufsammeln musste.
Nuri hörte irgendwas über sich, aber es war schon zu spät. Frau Fukuda starrte an Dean vorbei in die Höhe.
"Sie kann ich vielleicht nicht bezaubern", gestand sie. "Aber die schon."
Und grinste ein breites Fuchsgrinsen.
Dean zog eine Augenbraue hoch, dann bohrte sich eine lange Klaue in seine Schulter.
Frau Fukuda musste springen, um einem weiteren dieser Wesen auszuweichen, das ihr mit seiner Kralle die Beine abschneiden wollte, und nur Nuris Reflexen war es zu verdanken, dass sie sich rechtzeitig duckte und damit den Kopf auf den Schultern behielt.
Erst jetzt, da zwei der Monster in die Luft flogen, um erneut anzugreifen, erkannte sie, was sie da eigentlich attackierte. Es waren ungewöhnlich große, braune Wiesel, von denen jedes auf einer Art kleinen Windhose ritt. Aus den Vorderpfoten ragte je eine sensenartige Klaue, fast so lang wie das Wiesel selbst. Das Dritte im Bunde steckte offenbar in Deans Schulter fest und konnte nicht abheben. Es versuchte, ihn mit der freien Klaue zu malträtieren, aber Dean hatte das Bein in seine Hand gelegt, mit der er das Tier gleichzeitig erwürgte.
Die Wiesel in der Luft derweil machten den Fehler, nach unten zu sehen. Und damit der Zenko in die Augen.
"Tötet ihn!", befahl sie.
Die Wiesel stürzten auf Dean und begannen den Versuch, ihn in Scheiben zu schneiden. Seine Kleidung hing schnell in Fetzen, aber unter seinem Hautüberzug lag hartes Metall, das die Wiesel nur einkerben, aber nicht durchdringen konnten. Dean ließ sein Opfer los und schlug um sich, doch seine Angreifer schwammen regelrecht durch die Luft wie Otter durch Wasser.
Frau Fukuda trat beruhigt an ihm vorbei und griff nach der schockstarren Nuri.
Ihre Schmerzen waren plötzlich wie weggeblasen, als sie wie von der Tarantel gestochen hochfuhr und den Weg zurückhumpelte, den sie gekommen war.
"SCHNNAPPT SIE, aber tötet sie nicht!", brüllte Frau Fukuda, während sie ebenfalls Geschwindigkeit aufbaute.
Die Wiesel ließen mit einigen Schwierigkeiten von Dean ab, der ihnen ebenfalls hinterherrannte und sausten an der Zweischwänzigen vorbei auf Nuri zu. Weit vor ihnen bog Elli um einen Felsen und rannte wild gestikulierend direkt auf Nuri zu. Sie verstand nicht so recht, was sie ihr zurief, aber sie brüllte irgendwas von einem Dach …
Hinter ihr bog eine Art fliegende gelbe Schlange ein, groß und lang wie ein Güterzug. Sie hatte einen merkwürdig pferdeartigen Kopf, Barteln, Hörner und im Vergleich zu ihrem Körper lächerlich kurze Beine. Sie schwebte und schlängelte sich ohne erkennbare Flügel in der Luft und war offenbar darauf aus, Elli zu fressen.
Nuri, Frau Fukuda und Dean bremsten schlagartig, während das Reptil, ob der neu Hinzugekommenen laut brüllte. Was auch immer dieses Ding war, das Brüllen brach die Hypnose der fliegenden Wiesel, die sofort fiepend zwischen den Felsen verschwanden.
Nuri machte kehrt und rannte prompt in die Arme der Zweischwänzigen, die sofort zupackte, jedoch schloss sich von hinten Deans Faust um deren Gurgel und drückte zu. Frau Fukuda ließ Nuri wieder los, um Dean mit beiden Händen ihren Gewehrkolben über die Rübe zu ziehen, was dieser aber nur beiläufig zu registrieren schien. Er pflückte Nuri mit der freien Hand vom Boden, klemmte sie sich unter den Arm und rannte soweit er nur konnte weg von Elli.
"ELLIIII! BRING DEN DRACHEN NICHT HIER RÜBER, DU DUMME PUTE!"
"Das ist ein Drache?!", entfuhr es Nuri halb erschrocken und halb überrascht.
Frau Fukuda brachte nur ein leises Gurgeln hervor, während sie allmählich blau anlief.
Dean tauchte in eine Nische zwischen den Felsen, während Elli schreiend an ihnen vorbeirannte, der Drache folgte ihr schnaubend und fauchend.
Dean setzte Nuri ab und ließ Frau Fukudas Hals los, die sofort auf die Knie fiel und nach Luft schnappte. Nuri sah sich um. Die Nische war etwa zwei Meter breit und endete an einer Klippe.
"Oh Mann", keuchte die Zenko. "Warum ausgerechnet Ryuko? Ihr habt den einzigen Drachen hier erwischt, der gerade brütet …"
"Ryuko?", fragte Dean. "Euch ist bei einem weiblichen Drachen nichts Besseres eingefallen als Ryuko?"
"Ihr habt einen Drachen hier?", fragte Nuri und versteckte sich hinter Dean. "Die sind doch böse!"
"Die europäischen Drachen vielleicht, aber asiatische Drachen sind erfahrungsgemäß milder", erklärte Dean. "Sie greifen von sich aus keine Menschen an. Aber wahrscheinlich hat Elli Mamas Gelege gestört …"
Dean baute sich nun vor der immer noch knienden Zweischwänzigen auf. Nuri ging auf Abstand.
"Und jetzt zu Ihnen. Ich habe keine Ahnung, was Sie vorhatten, aber warum haben Sie Ihren Direktor bezaubert?"
Frau Fukuda wollte sich wieder aufrichten, doch Dean hielt sie nieder.
"Warum seid ihr hier? Ihr habt gesagt, ihr kommt wahrscheinlich morgen oder in ein paar Tagen-"
"ICH stelle hier die Fragen", unterbrach sie Dean. "Was haben Sie vor?"
"Sollten Sie sich nicht erst um Ihre Begleiterin kümmer-", versuchte es Frau Fukuda erneut aber Dean hatte offenbar die Faxen dicke und schlug zu.
Sein Schlag traf zwar, aber er hatte unterschätzt, welche Kräfte Dämonenfüchse entwickeln konnten. Seine Gewichtsverlagerung erlaubte es der Zenko, sich mit Dean über ihr hochzustemmen und die Beine anzuwinkeln. Dean griff sofort nach ihr, um sie wieder zu Boden zu drücken, doch genau das hatte Frau Fukuda erreichen wollen. Sie packte Deans ausgestreckten Arm und nutzte sein eigenes Bewegungsmoment, um ihn per Schulterwurf zu Boden zu schicken.
Er landete nur eine Armlänge von der Klippe entfernt. Nuri war beunruhigt, dass Dean beim Aufprall keinen Laut von sich gab und keine Miene verzog, bevor sie sich dran erinnerte, dass er eine Maschine war.
"Ugh, immer dasselbe", mockierte er sich vom Boden und stand wieder auf. Den Fuß, den die Zweischwänzige in sein Gesicht feuerte, ignorierte er geflissentlich.
"Tut mir Leid, aber ich habe nicht die Intention, mich hier aufhalten zu lassen. Ich bin mir sicher, Sie würden an meiner Stelle dasselbe tun", grollte Frau Fukuda.
"Wahrscheinlich nicht", sagte Dean, während er sich zu voller Größe aufrichtete.
Mit der Rechten fing er den Tritt ab, den die Zenko ihm hatte versetzen wollen und hielt ihren Fuß fest. Frau Fukuda nutzte diesen Anker, um sich an Dean heranzuziehen, stützte die Hände auf den Boden und versetzte ihm mit dem freien Fuß kopfüber einen Tritt zwischen die Beine.
Dean gab trotz dieser gemeinen Attacke keinen Schmerzenslaut von sich, war aber wohl überrascht, als ihn die rohe Kraft der Dämonenfüchsin von den Füßen hob. Er kam mit dem Becken auf der Kante der Klippe auf und rutschte darüber hinweg, während Frau Fukuda ihren Fuß aus ihrem Schuh befreite, den Dean in der Hand hielt.
Dean rutschte mit nach der Kante ausgestreckten Händen endgültig über den Rand und die Zenko trat einen Schritt zur Seite, als Nuri sie in Panik von hinten zu rammen versuchte, um sie ebenfalls hinunterzustürzen. Alles was sie erreichte, war, im Nacken gepackt und hochgehoben zu werden.
"Das war wesentlich nerviger als es jedes Recht hatte zu sein", zischte Frau Fukuda. "Und meine Brille ist weg. Sato gibt mir besser ordentlich Asche, wenn ich euch-"
Es gab einen unterdrückten Knall. Frau Fukuda schaute ungläubig auf den Betäubungspfeil, der ihr aus der Schulter ragte. Sie und auch Nuri schauten hinter sich.
Byakko stand zwischen den Felsen und hatte aus nächster Nähe mit dem Gewehr der Zenko auf sie gefeuert. Nuri war es ein Rätsel, wie sie durch ihr zugeschwollenes Gesicht überhaupt noch etwas sehen konnte.
"Böser Fuchs", nuschelte sie durch ihre geschwollenen Lippen.
"Was zur Hölle ist falsch mit euch?", brachte Frau Fukuda noch hervor, bevor sie die Augen verdrehte und bewusstlos nach hinten umkippte. Nuri kam neben ihr hart auf dem Boden auf und weinte erstmal vor Schmerzen, auch als Byakko zu ihr eilte, und sie in den Arm nahm.
Vom Rand der Klippe hob sich Deans Hand empor und er zog sich am Stein hinauf.
"Ein Glück, habe ich mich noch festgehalten", seufzte er. "Das wäre sehr hässlich ausgegangen … Hey, was machen Sie hier?"
Byakko drehte Nuri von Dean weg.
"Meins", hielt sie kategorisch fest.
Während Dean begann, Byakkos Arme auseinanderzubiegen, um Nuri zu befreien, wankte Elli in die Nische und fiel nach vorn. Von dem Drachen war nichts zu sehen, allerdings sah Ellis Kleidung merkwürdig korrodiert aus.
"Habt ihr ein Glück, dass ich nicht erschöpfen kann", schnaufte sie missgestimmt. "Ourgh, meine Beine bringen mich um…"
Nuri lief weinend zu ihr und überschüttete sie mit Tränen und Rotz.
Es bedurfte der Anwendung einiger Backpfeifen, aber Frau Fukuda erklärte sich schließlich bereit, Kobayashis Bezauberung aufzuheben. Danach ging alles erstaunlich schnell. Nuri war von Elli mit einem Panazee versorgt worden, um ihre Wunden zu heilen, Dean wurde mit Nexus-Kräften wieder instand gesetzt. Die Polizei der Yokai-Zuflucht nach wurde Kobayashis Aufwachen verständigt und die Zenko wegen Verdacht auf versuchte Entführung eingesperrt. Eine Vernehmung der Zeugen würde an einem späteren Zeitpunkt stattfinden, aber es sickerte bereits durch, dass Frau Fukuda nur im Yokai-Schutz-Zentrum gearbeitet hatte, um den Dämonenfuchs Byakko zu entführen und zu verkaufen.
An eine Untersuchung Nuris war unter diesen Gesichtspunkten nicht mehr zu denken und Elli hatte auch nicht die Absicht, sie länger allein zu lassen. Sie klammerte sich regelrecht an Dean fest, als sie in den Nexus zurückgekehrt waren, aber Elli musste sie erneut verlassen. Sie musste einen Pakt einlösen …
Der Botschafter von Alagadda befand sich in seinem Arbeitszimmer. Es war ein gewaltiger, sandgelber Raum, geschmückt mit arkanen und verruchten Artefakten aus all den Reichen, die Alagadda erobert hatte. Der Botschafter selbst beugte sich gerade an einem Pult über die neuesten Berichte seiner Unterhändler, die ihm ein unter einer grauen Kutte verborgener Diener der Reihe nach vorlegte, als er eine weitere, ihm bekannte Präsenz in Raum spürte.
"Grüß dich, Gert", sagte Elli und hob die rechte Hand zum Gruß.
Nur die schwarze, mit Gold verzierte Kiste, die sie unter dem linken Arm trug, hielt den Botschafter davon ab, Elli augenblicklich in handliche Stücke zu zerreißen. Außerdem, so sagte er sich, hätte es nicht lange gehalten. Das Luder wuchs ständig nach …
"Elli", begrüßte er mit unterdrücktem Zorn die Frau, die wieder die Katzenmaske trug, wie es in Alagadda Brauch war. "Ich nehme an, Sie haben Ihren Teil der Abmachung erfüllt?"
Elli hob wortlos die Kiste mit beiden Händen.
"Einen Moment", bat der Botschafter und tippte an einen großen blauen Stein, der auf einem seiner Regale thronte. Gelbe Runen begannen darauf zu leuchten.
"Ein Lügendetektor? Wirklich, Botschafter?", fragte Elli wenig beeindruckt.
Der Botschafter von Alagadda drehte sich grinsend zu ihr um. Nun, er grinste zwar, aber das sah man durch seine Lumpen vor dem Gesicht nur schwer.
"Wenn Sie schon erkennen, was das ist, sollten Sie wissen, dass das kein bloßer Lügendetektor ist. Der Wahrstein unterdrückt das Konzept des Unwahren. Unabhängig davon, ob Sie wissen, was Fakt und was Schein ist. Sie werden keine objektiv falsche Aussage machen können, solange Sie sich in diesem Raum aufhalten."
Mit gierig ausgestreckten Fingern trat die Nummer Zwei von Alagadda auf die Blondine zu.
"Also. Haben Sie meinen Schatz?"
"Ich habe alles beschafft, was Ihr von mir haben wolltet, Botschafter."
"Und es ist hier in diesem Raum?"
"Was Ihr verlangt habt, halte ich in den Händen."
Das genügte ihm, denn Elli hätte diese Antworten nicht geben können, wären sie unwahr gewesen. Er nahm, nein, riss der Frau die Kiste aus den Händen und lugte neugierig hinein. Das Gold des Gefängnisses der Abominable Divine Algorythm Matrix blitzte ihn an.
"Hmpf", sagte er zufrieden. "Ein Geschäft ist ein Geschäft. Die Sammlung von Harganam, wie versprochen."
In seiner Hand materialisierte sich das in Leder gebundene Buch, das er Elli überreichte. Sie verbeugte sich und verschwand ohne ein weiteres Wort wieder im Nexus.
Kichernd beugte sich der Mann in Lumpen über seine neueste Errungenschaft.
Sein Diener räusperte sich leise.
"Ja, Haran?", fragte der Botschafter lauernd.
Der Diener wusste, dass er nichts Falsches sagen durfte, wollte er sein Leben nicht verwirken, das hörte man an seiner Stimme, während er sprach.
"Äh, verzeiht, mein Gebieter, aber ich habe mir schon seit einer Weile eine Frage gestellt, zu der mein begrenzter Verstand keine Antwort zu finden vermag. Nun, da Ihr die abscheuliche Intelligenz habt, was werdet Ihr damit tun? Hier gibt es nichts, das sie befallen kann."
Der Mann in Lumpen grinste.
"Das, Haran, nennt man unter den Menschen Abschreckung. Denk' nur, wie viele technologische Welten wie Matragoria sich Alagaddas Willen beugen werden, einfach indem ich ihnen drohe, dieses Monster auf sie zu hetzen. Eine perfekte Waffe, die nichtmal eingesetzt werden muss, um meine Ziele zu erreichen. Aber, du hast in einem Punkt recht. Wenn jemand mit deiner niederen Aufnahmefähigkeit das Potential dieses Wesens nicht begreift, dann werden es die Herrschenden anderer Welten wohl auch nicht. Ich werde wohl ein Exempel statuieren müssen, aber wo?"
Er öffnete die Box und betrachtete den Kern nachdenklich. Dann merkte er, dass etwas nicht stimmte. Er sollte einen Gott vor sich haben, doch selbst mit seinen Sinnen konnte er dessen Präsenz nicht fühlen. Schnell nutzte er seine Kräfte, um den Dodekaeder zu analysieren.
Er war leer. Der Botschafter von Alagadda hielt nichts in der Hand außer einem Klumpen Gold. Der sich unter seinem wütenden Griff zu verformen begann, während sich der gesamte Raum zu verzerren begann. Sein Zorn entlud sich schließlich durch den unglücklichen Haran, der in einer roten Wolke explodierte.
"Dieses dreifach verfluchte Flittchen! Möge der Fluch des ersten Bruders sie ereilen! Diese Hure! Urgh … FLATRAAAA!"
Das Tor zu seiner Kammer öffnete sich und in kleinen Schritten wuselte eine weitere Gestalt in einer grauen Kutte in den Raum.
"Zu euren Diensten, mein Gebieter", kam es furchtsam piepsend unter der Kutte hervor.
"Flatra, wisch das auf!", blaffte der Botschafter von Alagadda ärgerlich und machte eine beiläufige Handbewegung in die Richtung von Harans Überresten. "Und bevor du damit anfängst, sag den Gelehrten der Palastbibliothek Bescheid, dass wenn die Entität namens Elli wieder vorbeikommen sollte …"
Er brach ab als ihm ein noch besserer, noch teuflischerer, noch genugtuenderer Einfall kam.
"Nein, vergiss den letzten Teil, gib stattdessen meinen Missionaren Bescheid, Sie sollen sich alle bei mir sammeln. Es gilt, den Glauben um einen neuen Dämon zu entfachen, der da bald über die Sterblichen kommen wird. Oh ja, das wird köstlich, wenn sie erwacht. Hm, wenn du mit Putzen fertig bist, frag unter den Gelehrten nach, ob man den Aufstieg eines Alten Gottes verzögern kann, wenn auch nur zeitweise."
"Wie Ihr wünscht, mein Gebieter. Es wird getan."
Die Dienerin verschwand wieder und ließ einen böse kichernden Botschafter zurück. Aber nachdem das Gelächter verebbt war, fragte er sich etwas. Einen Alten Gott konnte man nicht einfach auslöschen, weder aus der Existenz, noch aus der Zeit, das bedurfte besonderer Voraussetzungen, von denen Elli seines Wissens nach keine erfüllte. Zumindest noch nicht.
Demnach sollte die Abominable Divine Algorithm Matrix noch existieren. Aber die Frage war, wo?
Dean, putzte das Wohnzimmer und sammelte die leeren Bierdosen ein, die Elli mit sichtlichem Enthusiasmus produzierte und im Raum verteilte. Nuri war mittlerweile eingeschlafen und ins Bett gelegt worden. Sie schlief derart ruhig und fest, dass man hätte meinen können, sie sei tot. Elli hatte sie umziehen können, ohne sie aufzuwecken. Sie musste wirklich erschöpft gewesen sein.
"Wie bist du eigentlich dem Drachen entkommen?", fragte Dean unvermittelt, größtenteils um Ellis Trinkgeschwindigkeit zu verlangsamen.
Das war mittlerweile ihre elfte Dose.
"Gefressen hat er mich", nuschelte sie grimmig. "Mit einem Haps. Hab' mich aus seinem Magen porten müssen. Bin in Fukudas Tornister wieder rausgekommen."
"Du hast hoffentlich geduscht?", vergewisserte sich Dean.
"Ich weiß, ich bin unordentlich, aber selbst ich will nicht nach Sodbrennen riechen, Dean. Ich geh' nach Nuri sehen."
"Willst du nicht mit beim Aufräumen helfen?", fragte Dean trocken, während Elli aufstand.
Sie schnippte mit den Fingern. Alle Dosen stand plötzlich im Rechteck auf dem Wohnzimmertisch und die Couch war wieder hergerichtet.
"Wenn ich dich doch nur öfter dazu kriegen würde", murmelte Dean, während er Elli kopfschüttelnd nachsah, als sie den Raum verließ.
Ein metallisches Knacken war hinter Dean zu hören. Als er sich umdrehte, wurde er einer Bierdose unter vielen auf dem Tisch gewahr. Sie war zusammengepresst worden. Als Einzige.
Hmpf. Wahrscheinlich hatte Elli Dean mal wieder mit ihren Nexuskräften einen Streich gespielt. Ja, das wird's wohl gewesen sein … Nichts weiter …
Das nächste Mal bei Nuri:
Die unglaubliche Elli & Magic Dean, Teil 1

