Wagner schmeckte Blut. Er war an einen Stuhl gebunden, seine Hände von den Handschellen eingeschnitten. Vor ihm strahlten zwei gigantische Scheinwerfer Licht direkt in seine Augen. Davor stand ein metallener Tisch, auf den nun ein Aktenordner geworfen wurde.
"Dachten Sie wirklich, Sie könnten uns verraten und einfach so davonkommen? Sie enttäuschen mich, Dr. Geiger."
Die Stimme kam von einer Frau in hellgrauem Anzug, die gerade hinter den Scheinwerfern hervortrat. Wagner konnte ihr Gesicht nicht erkennen, nur, dass sie boshaft lächelte. Von rechts kam in diesem Moment ein weiterer Hieb von einem Schlagstock. Ein riesiger, ebenfalls in einem grauem Anzug gekleideter Mann trat hinter ihm hervor und schwang den blutbefleckten Knüppel in der Hand, während er den Aktenordner aufhob und durchblätterte.
"Sie haben sich wirklich bemüht, nicht aufzufallen," kam es von ihm belustigt, "aber leider hat das nichts gebracht. Sehen Sie es ein: Sie werden diesen Standort niemals verlassen."
Die Frau trat direkt von Wagner.
"Zumindest nicht lebend."
Sie griff in ihren Anzug und zog eine Pistole.
Dr. Wagner Geiger schreckte aus dem Schlaf hoch. Seine Haut war bedeckt von einer Schicht aus Angstschweiß. Mit zittrigen Fingern drückte er den Schalter an seiner Nachttischlampe und zog sich seine Brille auf. Er blickte auf seinen Wecker. 2:03 Uhr. Der erste Albtraum für heute also.
Erschöpft und nur geringfügig weniger verängstigt machte er die Lampe wieder aus und lies sich in das Bett fallen. Sein Herzschlag pochte immer noch in seinem Schädel; eine ironische Erinnerung an das Ende seines Traumes.
Die Special Containment Procedures Foundation, oder wofür auch immer das Akronym jetzt stand, rühmte sich dafür, unabhängig jeglicher staatlicher Institutionen zu sein. Was grundsätzlich erstmal gut war; Staaten waren Bastarde. Aber als er gegenüber der Frankfurter Niederlassung der Secure Capital Protectorate Bank saß, einer Scheinfirma und einer der großen Geldquellen der Foundation, beschlich Zacharias irgendwie das Gefühl, dass irgendwas faul an dieser Unabhängigkeit war.
Klassenbewusstsein beiseite, der Dämon war samt Sonnenbrille in seinen Mantel geschlungen und saß mit einem Thermobecher Kaffee auf einer Bank mit dem Rücken zur SCPB, die auf der anderen Seite einer dicht befahrenen Straße lag. Eine S-Bahn dröhnte inzwischen dem Verkehrs über ihre Schienen und der Hellseher nahm einen weiteren Schluck seines Getränks.
Das Firmennetzwerk der Foundation war glücklicherweise zu solchen byzantinischen Ausmaßen aufgeblasen, dass die meisten Unternehmen keine okkulten Sicherheitsmaßnahmen hatten. Was gut für ihn war, denn die Störtechnik in seiner Brille konnte zwar Kameras überlisten, seine Abstammung würde aber jeden Akiva-Zähler Alarm schlagen lassen, sobald er zu nahe kam.
Vor seinem geistigen Auge betrachtete er nebenbei den Eingang des Gebäudes. Außersinnliche Wahrnehmung war eine ganz interessante Erfahrung, weil man eigentlich nicht wirklich hellsah. Genauso wie eine Wärmebildaufnahme keine echte Wärmestrahlung zeigte, sondern nur falsche Farben, war das Bild in seinem Verstand nur eine Projektion, mit der sein Gehirn versuchte, sensorischen Input aus Informationsabstrahlung in der Umgebung zu erzeugen. In anderen Worten: Die Qualität lag wechselnd irgendwo zwischen "NASA-Ausrüstung" und "Toaster".
Als aber sein Kontakt das Bankgebäude verließ, konnte er ihn schon an seiner mentalen Präsenz erkennen. Es war ehrlich gesagt ein Wunder, dass der Kerl noch aus dem Haus kam, so ein Nervenbündel war er.
Dr. Geiger wartete kurz an der nächsten Fußgängerampel, bevor er auf Zacharias Straßenseite kam und sich mit dem Rücken zu ihm auf die andere Seite der Bank setzte. Zacharias nahm einen weiteren Schluck, während der Doktor sein Handy aus seiner Jackentasche zog und in seinem Browser sich die Webseite eines Immobilienmaklers ansah. Es war der Insurgency durchaus bewusst, dass die gestiegene Nervosität von Dr. Geiger der Foundation auffallen würde, was ungewollte Aufmerksamkeit auf ihn ziehen würde; weshalb er jetzt offiziell darüber nachdachte ein Haus mit Garten zu kaufen, um unabhängig von Mietzahlungen zu sein. Machte diese Begründung Sinn, wenn er dafür einen Kredit aufnehmen musste? Vielleicht nicht, aber sie gab Ihnen für kurze Zeit Tarnung vor der Innenrevision der Skipper.
Der Dämon öffnete einen telepathischen Kanal und sprach zum Herrn Doktor:
"Guten Morgen."
Dr. Geiger fuhr innerlich kurz zusammen und brauchte einen Moment, bevor er es hinkriegte, in seinem Kopf eine Antwort auszusprechen; Zacharias blockierte das panische Gebrabbel, das dem Doktor zuvor entkam.
"Ehm, hallo, Guten Morgen.", subvokalisierte der Mensch schließlich.
Der Dämon leerte seinen Kaffee und instruierte den Mann hinter ihm: "Ich werde gleich aufstehen und nach links - Ihr links, nicht meins - gehen. Nach etwa zehn Sekunden werde ich Ihnen ein Signal geben, woraufhin sie aufstehen und nach rechts gehen werden. Seien Sie dabei nicht hektisch, lassen Sie sich Zeit. An der nächsten Straßenecke gehen Sie dann nach rechts, folgen der Straße bis zur nächsten Ecke und überqueren Sie sie an dieser Stelle. Dort werden sie in der Nähe einer Haltestelle der Straßenbahn sein; warten Sie dort auf den nächsten Zug und steigen Sie ein. Verstanden?"
Der Doktor schaffte es ein "Ja" in seinem Kopf zu formulieren und dabei leicht mit dem Kopf zu nicken, was er geistesgegenwertig durch einen vorgetäuschten Hustenanfall kaschierte. Der Verdammte erhob sich wortlos und begann den Bürgersteig hinab zu schlendern, seine rechte Hand tief in seinem Mantel verborgen. In seinem Kopf gab er sich selbst einen Countdown, bevor er seinem Kontakt den Startschuss sendete.
Als Foundation-Mitarbeiter von recht brisanter Position musste davon ausgegangen werden, dass Dr. Geiger zu jedem Zeitpunkt überwacht wurde, was die Kontaktaufnahme mit ihm schwierig gestaltete. Ihr erstes Treffen in dem Café in Dortmund hatte nur deshalb funktioniert, weil sie mit ein paar … kreativen Methoden die aufgezeichnete Geräuschkulisse des Lokals manipuliert hatten (und Satelliten nicht durch solide Decken sehen konnten). Das funktionierte aber nicht, wenn der eigene Kontakt sich bewegte, und man keinen umgebauten StingRay zwischen die Handys in einem Raum und einem einzelnen Funkmast schieben konnte.
Aber das Manöver, das sie gerade probierten, verlief glänzend: Zacharias trug ein Handy mit gefälschtem Nutzerdatenprofil und Accountgeschichten in seiner Jacke, und ihre beiden GPS-Profile überschnitten sich nur insoweit, dass der Insurgent nicht aus dem Rest der Menschenmenge rausgefiltert werden konnte.
Nachdem Zacharias den Block halb umrundet hatte - er hatte sich bewusst viel Zeit gelassen - sah er schon, wie die S-Bahn heranfuhr. Er überquerte langsam die Straße, überprüfte geistig, wo Dr. Geiger Platz nahm, und setzte sich relativ weit weg mit dem Rücken zu ihm. Dann öffnete er wieder einen Kanal: "In Ordnung: Sie werden sich sicher freuen zu erfahren, dass wir ab jetzt mit Ihrer Extrahierung aus der Foundation beginnen."
Eine Welle der Euphorie flutete Dr. Geiger und schwappte in den telepathischen Kanal. Motiviert war der Mann auf jeden Fall.
"Wann? Jetzt?", fragte er den Dämon und blickte zu ihm hinüber.
"Leider nein. Ihre Kündigung wird etwas krasser sein, als aus einer S-Bahn zu springen. Sie müssten für uns nämlich noch etwas … besorgen."
Rund einen Monat bevor Zacharias Doktor Geiger über seine Missionsdetails briefte, eilte ein Mann mit einem Regenschirm bei Nacht durch ein verregnetes München. Er war zwar schon am Ende seiner Sechziger, wirkte aber immer noch mehr als fit; unter seinem weiten Regenmantel verbarg sich immer noch zähe Muskulatur.
Unter seinen Stiefeln spritzte die Pfütze laut, als er von einem Bürgersteig auf den nächsten wechselte und dort vor eine mehrstöckigem Geschäftsgebäude stehen blieb. Vor einem Gittertor stehend wühlte er fluchend in einer Innentasche, bis er einen alten Schlüsselbund hervorgeholt hatte und sich einließ. Vor ihm lag ein schmales Treppenhaus, welchem er nach unten in den Keller folgte. An einer Wand war ein kleiner, zerkratzter Spiegel aufgehangen, in dem kurz sein zurückgekämmtes, silbergraues Haar reflektiert wurde. Unten angekommen stand er vor einer dunkelgrün lackierten Stahltür, in die er den zweiten Schlüssel des Bundes steckte und umdrehte.
Nachdem er eingetreten war, schloss er die Tür vorsichtig hinter sich und legte den Lichtschalter um. Er stand in einem Büro, das offensichtlich noch im letzten Jahrhundert eingerichtet worden war; Holzvertäfelung, Gemälde, und, im Zentrum des Raumes ein massiver Eichentisch, auf dem ein altes schwarzes Telefon aus Bakelit stand. Der Mann nahm dahinter auf einem großen, roten Ledersessel Platz, der trotz seines Alters viel zu gut erhalten war.
Er berührte die Wählscheibe des Apparats gar nicht erst, sondern nahm direkt den Hörer und setzte ihn sich an den Kopf. Für einen Moment lauschte er der Stille der toten Leitung, bevor er sich räusperte und begann:
"Die Sache ist der Kampf ist die Wahrheit ist die Organisation ist die Befreiung der Welt und aller Dinge. Hier spricht Captain Konstantin Roth, Hel-Zelle. Stehe bereit für Ihre Befehle."
Aus dem Hörer begann ein leises Rauschen zu ertönen, bevor sich eine tiefe, elektronisch verzerrte Stimme aus der Statik abhob: "Guten Abend, Captain Roth."
Der Captain rückte sich auf seinem Stuhl gerade, bevor er antwortete: "Guten Abend, Herr Kommandant."
"Das Delta-Kommando möchte Ihnen und Ihrer Zelle Glückwünsche für die Vorbereitung zu Ihrer Mission ausdrücken; bitte vermitteln Sie unsere Zufriedenheit weiter."
Bevor Roth etwas antworten konnte, führte der Kommandant weiter aus: "Dennoch aber ist es nun nötig, mit aktiver Aufklärung zu beginnen, um das Missionsziel schnellstmöglich zu erreichen. Betrachten Sie dafür bitte den Tresor im Schreibtisch; die Kombination lautet heute 4-7-7-4."
In der linken Hälfte des Schreibtisches war ein ziervoll geschmücktes Fach eingebaut, das der Captain nun öffnete und darin an dem antiken, dunkelblauen Tresor das Zahlenrad ergriff. Als er die Kombination einwählte, hörte er über die Stille des Raumes hinweg leise die Zahnräder arbeiten. Mit einem lauten Klacken entsperrte sich die gepanzerte Tür und Roth entnahm einen unbeschriebenen, beigen Umschlag.
"Sie werden in diesem Umschlag spezifische Instruktionen zu Ihrer Mission finden," erklärte ihm die Stimme des Delta-Kommandos, "Auch wenn die Planung und Durchführung der Mission vollends Ihnen und ihrer Zelle überlassen wird, müssen diese Schritte um jeden Preis eingehalten werden. Sollten Sie nicht dazu in der Lage seien, werden Sie nicht mehr als Teil dieser Organisation betrachtet werden. Diese Leitung wird in fünf Sekunden terminiert. Viel Glück, Captain; wir schenken Ihnen unser vollstes Vertrauen."
Mit einem elektrischen Zischen erlosch die Verbindung zwischen dem Mann und dem Führungsstab seiner Organisation.
Dr. Geiger tippte auf seinem Computerterminal. Er saß in seinem Büro in Standort-DE4 und erledigte Büroarbeit. Als Abteilungsleiter der Stufe 3 hatte er ein vergleichsweise großes Büro, in das neben seinem Schreibtisch auch eine große Zimmerpflanze, ein Teppich und ein Sofa passten. Was im Vergleich zu dem Großraumbüro, in dem er als Nachwuchsforscher gesessen hatte, oder der kleinen Kammer, die er als Forscher gehabt hatte, durchaus luxuriös war.
Auf dem milchig weißen Hintergrund des SCPiNET-Textprozessors las er die Berichte zu den verschiedenen Projekten seiner Abteilung und schickte Rückmeldungen. Er wusste ehrlich gesagt nicht, wie er sich fühlen sollte, sämtliche Arbeit eines zwei dutzend Menschen großen Forscherteams einsehen zu können.
Er schrieb gerade Dr. Herschel eine Email, dass er bitte die memetische Bombe, die er gerade baute, erst dann mit einem Zündgedanken versehen sollte, wenn er ein Kontermem entwickelt hatte. Erst als er die Email bereits versendet hatte, dämmerte ihm, wofür ein fernzündbarer Herzstillstand verwendet werden könnte. Er hatte ehrlich gesagt nicht mal den Willen dazu, darüber Tränen zu vergeuden. Missmutig griff er nach seiner Thermoskanne und wollte sich eine neue Tasse Kaffee einschenken, doch fiel ihm dabei auf, dass sie leer war.
Mit einem frustrierten Stöhnen erhob er sich aus seinem Stuhl, rückte sein graugestreiftes Hemd gerade und drückte die "Sperren"-Taste am biometrischen Schloss seines Terminals, bevor er sich mit der Kanne in der Hand zur Tür wandte und seine Hand auf den Handabdrucksensor legte.
Im Gang draußen empfangen ihn die sterilen weißen Wände und der Geruch nach Reinigungsalkohol, die ihn die letzten zwei Jahrzehnte lang begleitet hatten. Er trabte über die dunkelgrauen Fließen durch die Gänge, entlang der edelstählernen Türen mit dem schwarz eingestanztem Foundation-Logo und den Motivationspostern. Bis hin zum Pausenraum, der sich auch nur durch das kleine Plexiglasschild neben der Tür von den anderen Räumen unterschied.
Als Wagner gerade seine Hand auf den Sensor legte, ergriff von hinten jemand seine Schulter. Der Doktor schreckte sofort zusammen und wirbelte herum.
"Nicht so schreckhaft, Sportsfreund!", lachte ihn Dr. Schiffer an; er hatte den Co-Leiter seiner Abteilung nicht kommen sehen.
"Holen Sie auch gerade Kaffee?", fragte der Mann weiter, während Dr. Geiger wieder seine Hand auf den biometrischen Scanner legte.
"Jup. Kanne leer."
Mit einem hydraulischen Zischen öffnete sich die Tür. Der Pausenraum war in derselben Linie luxuriös wie sein Büro: Tischpflanzen und zwei Sofas, zwischen denen ein niedriger Abstelltisch stand. Und natürlich die Kaffeeküche, an die Dr. Geiger nun herantrat und seine Thermoskanne aufschraubte. Dr. Schiffer lehnte sich neben ihm mit dem Rücken an die Tischkante.
"Haben Sie das aus der Verwaltung mitbekommen?"
Dr. Geiger antwortete ohne vom Krug wegzusehen, den er aus der Filterkaffeemaschine nahm und in seine Kanne goss: "Nein. Was war denn?"
"Naja", redete Schiffer gelassen weiter, "eine der Angestellten da oben hat so einen Bericht aus der Finanzabteilung verschlampt und '4 hat Wind davon bekommen."
Wagner stockte. Ihm gefiel nicht, worauf das hinauslief.
"Wie hat sie reagiert?", fragte er, mehr aus dem Drang nicht Recht zu haben, als es tatsächlich wissen zu wollen.
"Oh, tja", antwortete sein Kollege mit einem verschmitzten Lächeln und wippte auf seinen Schuhsolen vor und zurück, "sie hat ihr die Dokumentennummer auf dem Rücken einbrennen lassen und den Rest des Tages unter Isolationshaft gestellt."
Dr. Geiger schwieg. Er wusste ehrlich gesagt nicht mal mehr, was er dazu sagen sollte. Ihm tat die Frau leid. Ihm tat jeder leid, der in dieser gottveruchten Institution gelitten hatte. Schließlich … die Frau konnte doch wahrscheinlich nicht mal was dafür, dass das Dokument nicht mehr da war …
"Jedenfalls," machte Schiffer weiter, "weißt du, woran mich das erinnert? Die eine D-Klässlerin, die- ach, nein, da warst du nicht da. Kurzgefasst: Hübsche Frau, hab was für neuromuskuläre Fernsteuerung an ihr getestet."
Sein Stimme ging langsam in ein Lachen über.
"Die Kleine konnte einfach nicht mehr aufhören, sich das Gesicht zu zerkratzen! Ich fand das so witzig, ich wollt' sie erst gar nicht mehr aufhören lassen!"
Wagner füllte seine Kanne auf, stellte den Krug auf der Tischplatte ab, und drehte sich Schiffer zu. Mit dem Ellenbogen stieß er den zur Hälfte vollen Kaffeebehälter um und lies den heißen Inhalt auf Schiffers schöne teure marineblaue Anzughose schütten.
"Oh Gott. Das tut mir ja so leid.", kommentierte er gelassen, während sein Kollege fluchend auf der Stelle hüpfte. Nachdem er ihm eine Rolle Küchentücher von der anderen Seite des Tisches gereicht hatte, verließ er ohne weitere Worte den Pausenraum wieder. Wenn er schon zur Chaos Insurgency von allen Leuten überlief, sollte er ohnehin mit Militanz anfangen.
Ein paar Stunden später verließ Wagner das Büro für den Tag und begab sich in Richtung Aufzug. Er hatte ganz sicher nicht eine Viertelstunde damit verbracht, eine Panikattacke zu haben, ob er für den "Unfall" mit dem Kaffee ein Disziplinarverfahren erwarten musste. Natürlich wäre das vollkommen unlogisch, wenn man bedachte, dass er glaubhafte Abstreitbarkeit hatte und körperliche Strafe ja nichts Verpöntes an diesem Standort war.
Er stand alleine mit seiner Leinentasche und seiner schwarzen Allwetterjacke in dem ab Bauchhöhe vollständig verspiegeltem Lift und reiste langsam die zwei Untergeschosse bis unter die Oberfläche. Mit einem leisen Ding erreichte er sein Ziel und stieg aus in den kleinen Gang, in dem noch die beiden anderen Personenaufzüge standen. Auf dem matt schwarzen Boden klackten seine Schritte unangenehm laut, als er um die Ecke ging und sich an der lichtdurchlässigen Sicherheitsschleuse der Tiefgarage fand.
Er trat zum schräg neben dem Schleuseneingang liegenden Schalter. Dahinter saß, geschützt durch eine Plexiglasscheibe, ein gelangweilt aussehender Wachmann Ende dreißig.
"ID-Karte und Betriebslaptop hier ablegen", intonierte er durch eine Fernsprechanlage und drückte eine Taste auf dem Pult vor sich. Unter dem Sichtfenster schob sich eine glänzend metallene Ablagebox aus der Wand, in die Wagner die Karte, die er an seiner Hemdtasche trug, hineinlegte.
"Hatte heute keinen Betriebslaptop," teilte er dem Wachmann mit, der teilnahmslos nickte. Nach ein paar Sekunden ertönte ein leises Zischen von der Schleuse und der Wachmann winkte ihn durch. Im Inneren des Kastens aus gepanzertem Kunststoff konnte man nichts von der Außenwelt hören, nur das leise Surren der verschiedenen Sensoren, die sicherstellten, dass er nichts mit rausschmuggelte. Bevor sie ihn aber entließen, musste er auch hier über einen Handabdrucksensor und eine Retinaaufnahme seine Identität bestätigen. Schließlich aber öffnete sich die Schleuse vor ihm, und er konnte in die von großen Deckenlampen erhellte Tiefgarage eintreten und nach seinem Toyota suchen.
Ein paar Minuten später fuhr er aus der Garage, die dem Ausgang als Tarnung diente, auf eine kleine, bewaldete Seitenstraße. Nachdem er endlich an die Erdoberfläche gekommen war, ließ Wagner das Fenster runter und atmete tief ein. Die Sonne war zwar leider schon von Wolken verschluckt worden, aber immerhin konnte er frei atmen.
Während er den schmalen Pfad bis zur nächsten richtigen Straße hinabfuhr glitt sein Blick geistesabwesend über das anliegende Gebüsch. Dementsprechend erschreckte er etwas, als sich eine Wolfsschnauze rasch in einen Busch zurückzog, als er näher fuhr. Für einen Moment überlegte er, ob er sich das gerade eingebildet hatte; dass es im Sauerland freilaufende Wölfe gab, war ihm neu.
Verwirrt legte er den Gedanken beiseite und versuchte sich aufs Fahren zu konzentrieren.
Doch Dr. Geiger hatte doch recht, und der große Wolf, den er gesehen hatte, schlich weiter durch das Unterholz um den Standort herum. Er, oder, um genauer zu sein, sie achtete darauf, auf keine Äste oder Laubblätter zu treten, die auf ihre Position aufmerksam machen könnten, wenn auch sie immer noch weit von jeglichen Wachen entfernt war.
In ihrem braunen Fell war eine kleine Kamera verborgen, die über ein dünnes Band an ihrem Hals befestigt war. Sie pirschte weiter durch den Wald, vorsichtigst das Gelände nach Fallen oder versteckten Ausgängen absuchend. Nach einiger Zeit spürte sie langsam, wie sich die Präsenz ihres Begleiters näherte. Sie drehte ihren Kopf und blickte mit ihren an die Dunkelheit angepassten Augen auf einen Fleck sich verzerrender Luft, ein ständig umformender Ball wie aus erhitzter Luft, der sich langsam auf sie zu bewegte.
Eine Stimme ging von dem Diener aus, als er kurz vor ihr war. Ein leises Pfeifen auf ihrem Trommelohr, das aus tausenden Meilen Entfernung zu kommen schien:
"Sagen Sie … meinem … Meister … die Tat … ist vollbracht."
Kora tapste durch die von den alten Halogenlampen in Zwielicht getauchten Gänge der Basis. Die Insurgency hatte dieses alte Bergwerk in den Fünfzigern in Beschlag genommen und es in Basis-W umgetauft; ein permanenter Unterschlupf, in dem die Hel-Zelle bis jetzt eingebucht war.
Sie bahnte sich unter dem Hallen ihrer eigenen Schritte ihren Weg durch die schon leicht modrig riechenden, aus dem Fels geschnittenen Wände, bis sie an eine vor Ewigkeiten blau gestrichene Metalltür kam. Unter einigem Ächzen und Anstrengung schaffte sie es, sie zu öffnen und sich einzulassen.
Nachdem die Tür wieder zugefallen war, vergangen einige Sekunden, bevor Kora Roth wieder hervortrat; jetzt in einem hellgrauen T-Shirt, Cargojeans und langem braunem Haar in einem lose gebundenem Pferdeschwanz. Sie folgte nun den Gängen in die Richtung, aus der sie gekommen war, leise den durch die Tunnel hallenden Schritten und Unterhaltungen der anderen Insurgents in der Basis lauschend. Hier drin waren … was, neunzig Leute ungefähr? Es schwankte immer ein bisschen, weil immer irgendwer draußen was zu tun hatte oder ohnehin irgendwo eingebettet war.
Sie bog jetzt nach rechts ab und erreichte schließlich eine weitere Tür, die sie aber diesmal einfachst öffnen konnte. Dahinter lag eine beengte Werkstatt, in der inmitten von geöffneten Flightcases und überlaufenden Lagerkisten zwei Werkbänke voreinander geschoben waren. Dort gegenüber saßen sich zwei junge Männer, zu dem einer der beiden Kora hinging und ihre Arme um seinen Hals schlang.
Zacharias hatte seine braunen Haare in einem kurzen Büschel hochgebunden und hantierte mit seinen Krallen gerade an einem schwarzen, fingerlosen Handschuh, auf dessen Rückseite eine kleine schwarze Box angehängt worden war, aus der zwei dünne Kabel hinaus im Polyester verschwanden. Eigentlich war Zacharias hier in der Zelle, um sich um ihr Arsenal aus übernatürlichen Waffen zu kümmern. Praktisch hieß das aber auch, dass er die meiste Erfahrung damit hatte und es deshalb ein gutes Stück davon für sich selbst ergaunert hatte.
Auf der anderen Seite des Tisches atmete der andere Mann, ein dürrer Kerl mit polierter Glatze und silbern gerahmter Brille, frustriert aus und klappte seinen Laptop zu. Dr. van Stein war Zacharias Kumpel und der Computerexperte der Zelle; er hatte offiziell denselben Job wie Zacharias, war aber aufgrund von weniger Felderfahrung vor einem großen Computer als Einsatzleitung besser aufgehoben.
"Kora," begann van Stein und öffnete den Laptop wieder, "ich hab mir jetzt die Daten angeschaut, die du und Ludwig hergebracht haben. Schaut euch mal das hier an."
Er drehte seinen Computer um und zeigte ihnen eine Karte von Standort-DE4, auf die offensichtlich jemand Farbe verspritzt hatte. Kora löste sich von ihrem Dämon und nahm auf einer freien Stelle der Werkbank Platz, bevor sie antwortete: "Kameras?"
"Korrekt, das hier ist das Kameranetz um den Standort herum. Grundsätzlich erstmal lückenfrei, aber die Kameras decken sich nicht immer gegenseitig, was heißt, dass wir uns doch durchschleichen können."
"Wie groß ist der überwachte Bereich?," fragte Zacharias ohne von seinem Handschuh hochzusehen.
Van Stein drehte den Laptop wieder zu sich während er antwortete. "So'n guten Kilometer in jede Richtung. Ihr seid also als aus dem direkten Überwachungsnetz raus, sobald ihr auf der B515 seid und in eine beliebige Richtung fahrt."
In diesem Moment klopfte es an der Tür. Ohne auf eine Antwort zu warten wurde sie aber auch schon entriegelt und eine große, in ein graues Tanktop und eine olivgrüne Cargohose gekleidete Frau tat ein. Tiana war ehemaliges Militär, und man sah es ihr auch abgesehen von ihrer Kleidung an: Ihre blonden Haare waren zu einem Maschinenschnitt gekürzt und ihre Nase hatte ein paar tiefe Narben.
"Guten Tag," grüßte sie die Anwesenden knapp, bevor sie zu einem der Flightcases ging und den Deckel aufstemmte.
"Wenn du einen Burner brauchst, die sind in der Kiste da drüben," kam es von van Stein, der mit dem Finger auf einen identischen Flightcase am anderen Ende des Raumes deutete. Tiana nickte wortlos und öffnete auch diese Box und entnahm einen Plastikbeutel mit einem Handy darin. Ihr Name war mit einem schwarzen Marker groß darauf geschrieben.
"Ludwig und ich sind dann gleich weg", erklärte sie, während das Gerät hochfuhr, "Van Stein, du kannst uns beide über Funk erreichen. Ansonsten bin ich erst morgen gegen Mittag wieder hier und Ludwig erst in ein paar Tagen."
"Was wolltet ihr machen?", fragte Kora und kreuzte ihre Beine im Schneidersitz.
Tiana seufzte.
"Hausbesichtigung."
Einige Stunden später rollte eine schwarze Limousine auf einen Hof bei Menden im Sauerland. Frau Schmied, die Besitzerin des Hofs, sah den Wagen, als sie gerade einen Haufen Brennholz neben dem alten Stall aufhäufte. Als sie ein Kind gewesen war, hatten sie noch Kühe gehabt, aber mittlerweile war von der einstigen Landwirtschaft hier nicht mehr viel übrig.
"Kann ich Ihnen helfen?", fragte sie und ging auf den Wagen mit dem Münchner Kennzeichen zu. Wenn die wieder zu irgendeinem Investor gehörten, dann … Als aber die beiden Insassen ausstiegen, merkte sie, dass irgendwas anderes an ihnen nicht stimmte. Der Fahrer hatte dunkelblonde Locken und eine blaue Filzjacke an, während seine Beifahrerin fast schon kahlgeschoren war und unter ihrem schwarzen Blazer deutlich Flecktarn rausragte.
"Eh, hallo!", begann der Mann und kam auf sie zu, "Wir beide haben uns verfahren! Wüssten Sie, wo es weiter nach Wuppertal geht?"
Sie überlegte kurz und öffnete schon den Mund, als der Mann in seine Jacke griff und etwas was wie eine alte Taschenuhr schien heraus zog. Frau Schmied runzelte verwirrt die Stirn, als der Mann sie hochhob und von ihrer Kette nach unten fallen lies. Mit einem Ruck sprang der Deckel auf. Dann … konnte Frau Schmied sich nicht weiter erinnern.
Tiana hätte niemals gedacht, dass sie einmal mit einem Zauberer zusammen Teil einer Guerillaarmee sein würde. Aber was sollte man sonst machen, außer seine Lebensentscheidungen in Frage zu stellen, wenn man zusammen mit Ludwig eine magisch ausgeknockte Landwirtin in ihr Schlafzimmer trug?
"Was genau ist mit ihr?", fragte sie nebenbei, als sie die Frau eine Treppe hochtrugen.
"Oh, sie schläft," antwortete Ludwig unter Anstrengung, "es ist zwar moralisch vollkommen unvertretbar, aber ich kann sie bis ich den Fluch breche jederzeit in diese Trance - ah, nein, du links, ich rechts, so - ich kann sie halt einschlafen lassen."
Tiana nickte und verbuchte das ganze als "operationell sinnvoll", als sie Frau Schmied vorsichtig in ihr Bett legten und wieder aus dem Haus verschwanden.
Tief im Inneren des Kaskadengebirges lag Standort-17, neben seiner Position als zweitgrößter Standort der Foundation auch das Hauptquartier der Abteilung für Feuererstickung. Innerhalb der düsteren Hallen, deren schwarzen Fliesen dem Gefühl der Bedrohlichkeit nicht entgegenwirkten, fand sich auch Mr. Brownings Büro.
Der junge Mann bezog einen kugelförmigen Raum mit glänzend schwarzen Wänden; im Gegensatz zu den Gängen und Zellen des Standorts wurde aber durch roten Teppich und schwache warme Beleuchtung das Zwielicht deutlich wohnlicher gestaltet. Vor ihm lag ein Computerterminal über eine massive Verankerung an der Wand in der Schwebe; auf dem Monitor blickte er auf das Personalgutachten eines Dr. Geigers.
"Ich sage Ihnen doch", fuhr der Amerikaner fort, "der Kerl ist ein Sicherheitsrisiko!"
Die elektronisch verzerrte Stimme des Aufsehers erklang aus den Lautsprechern in der Decke: "Mister Browning, ihre Besorgnisse wurden bereits zur Kenntnis gekommen, aber noch ist Dr. Geigers Loyalität ausreichend genug, als dass ihre Abteilung zuständig wäre."
Browning lies sich in seinen Bürostuhl fallen, nahm seine kleine, eckige Brille ab und wischte sich über die Augen.
"Hören Sie," setzte er wieder an, "der Mann hat einen ermittelten Loyalitätswert von 51%; die Messunsicherheit alleine liegt bei 2%. Würden wir nicht immer den höchsten Wert wählen, wäre es schon lange unsere Angelegenheit."
Der Aufseher antwortete nicht. Browning sprang wieder auf und deutete auf den Bildschirm.
"Mal ganz davon abgesehen, dass hier alle Frühwarnsysteme ausschlagen sollten. Klar, er hat nicht die Sicherheitsfreigabe, um mehr über die okkulte Welt als sein Fachgebiet zu wissen, aber sämtliche Verhaltensanalysen schreien danach, dass der Kerl bald Feuer fängt. Seine Stresswerte sind in den letzten zwei Monaten um 230 Punkte gestiegen, dann will er ein Haus kaufen, was zwar sogar die AICs verwirrt hat, aber auch nichts erklärt, weil er erst eine halbe Woche nachdem er immer gestresster wurde, irgendwas in die Richtung recherchiert hatte, …"
Er hielt kurz inne um Luft zu holen, bevor er sich daran erinnerte, mit wem er redete: "Es ist einfach so: Der Mann hatte schon ein seit zwei Jahren eine schlechte Prognose. In weiteren zwei hätte man ihn degradieren müssen, weil er nicht loyal genug für einen Abteilungsleiter gewesen wäre. Er ist ein Mitläufer, der nur deshalb hier ist, weil er keine andere Option kennt; nicht weil er ideologische Treue empfindet. Und … ich meine, sie haben die Analysen auch gesehen!"
"In der Tat haben wir das, Mr. Browning", antwortete der Aufseher ungehalten, "Wir haben aber auch sein PANOPTICON-Profil gesehen und stimmen den Analysten in RAISA zu, dass es dort keine Auffälligkeiten gibt. Überlassen Sie bitte die Steigerung der Mitarbeiterloyalität der entsprechenden Personalabteilung, solange Sie nicht offiziell eingeschaltet werden."
Browning fuhr sich mit beiden Händen durch seinen blonden Bürstenschnitt und fluchte leise. Diese Organisation verließ sich viel zu sehr auf ihr Überwachungsnetz; nur weil das PANOPTICON größer war, als all das, was ihre Rivalen jemals hochgezogen hatten, war es trotzdem kein Grund nur auf die Daten aus Satelliten und Wanzen zu hören.
"Aufseher, es tut mir wirklich leid, wenn ich Ihnen gegenüber unhöflich erscheine, aber wir beide wissen doch, dass PANOPTICON nur SIGINT und IMINT liefert. Es lässt sich täuschen, weil es nur von Maschinen aufgezeichnet wird, und, in Gottes Namen, zum größten Teil von Maschinen ausgewertet wird! Wir wissen, dass unsere Feinde sich unter dem Radar bewegen können, also können sie auch Kontakt mit unseren Dissidenten aufnehmen!"
Der Aufseher schwieg für einen Moment. Browning rang leise nach Luft und überlegte, ob er es jetzt zu weit getrieben hatte. Dann ertönte ein sanftes Ping von seinem Terminal, wo am Rand des Bildschirms eine Benachrichtigung erschienen war.
Sie wurden einem neuen Projekt zugewiesen!
C3/51773 - "Dr. Wagner Manfred Geiger"
(Untersuchung; Irregularitäten in Routine)
Geheimhaltung: 5/FSD
Autorisierung: O5-1
Browning lies sich in seinen Stuhl fallen und schlug die Hände zusammen: "Gott ich danke Ihnen, Aufseher. Sie werden nichts davon bereuen!"
"Sparen Sie sich ihre Schleimerei," erklang die Stimme von O5-1, jetzt deutlich weniger genervt, dennoch aber ein Damoklesschwert über dem Kopf des Analysten, "beschreiben Sie lieber ihr weiter geplantes Vorgehen."
Browning raffte sich und rückte sich auf seinem Stuhl gerade.
"Eh, natürlich, ich schick zwei Agenten zu seinem Haus und lass den Kraut beschatten. Dann … in Deutschland haben die auch eine 5-Tage-Woche, oder? Dann lass ich ihm am Samstag das Büro durchsuchen und … ach so, ja, RAISA anrufen, dass sie ihn in der Überwachungspriorität höherstufen."
Er wartete für einige Sekunden auf eine Antwort, bevor er merkte, dass der Aufseher das Gespräch beendet hatte.
Vor Dr. van Stein türmten sich die faustdicken Monitore seines Computer-Setups auf, als sein Telefon-Programm klingelte. Der dürre Kerl hatte beide Hände ruhig vor sich auf der kalten Oberfläche seines Metalltisches, während seine Augen in die Leere starrte. Neben seiner unbenutzten Tastatur lag eine USB-C-Verlängerung, von der ein dünnes Kabel von der Tischkante herab entlang seiner rechten Schulter hoch bis hinter sein Ohr lief und dort in einer unter seiner Haut versteckten Büchse eingesteckt war.
Der Cyborg schreckte durch das Klingeln kurz hoch, bevor er mit einem mentalen Befehl annahm und ein kleines Bluetooth-Mikrofon aus der Hemdtasche kramte: "Ja?"
Auf der anderen Seite flüsterte die raue Stimme eines Mannes mit nahöstlichem Akzent in das Mikrophon:
"Boss, wir haben hier was."
Glücklicherweise war in der Nähe von Dr. Geigers Wohnung eine Baustelle. Leider war in dieser Baustelle mysteriöserweise eingebrochen worden, weshalb eine kleinere Sicherheitsfirma dem Bauherrn angeboten hatte, das Grundstück zu bewachen. Dass die Insurgency Druckmittel gegen den Inhaber der Sicherheitsfirma hatte, und Teile seiner Angestellten Agenten von ihnen waren, tat dabei überhaupt nichts zur Sache.
"Ah, scheiße," fluchte van Stein leise. "Bericht."
"Wir haben hier die letzten beide Tage immer die selben beiden Typen gesehen, wie sie in unterschiedlichen Autos in der Nähe vom Objekt parken und über Nacht dort bleiben. Dietmar ist sich nicht sicher, aber er glaubt, dass sie auch schon am Tag davor da waren."
Van Stein rückte in seinem Stuhl vor und begann Programme zu öffnen.
"Sind sie nur nachts da?", fragte er.
"Negativ, sie kommen so gegen 19:30 Uhr, wenn das Ziel bereits wieder im Objekt ist, und fahren um 6:30 Uhr, bevor es wieder geht. Wir haben aber die Kennzeichen von allen Wägen, die sie bisher hatten."
Der Agent diktierte ihm zwei Dortmunder Kennzeichen und verabschiedete sich dann. Auf seinem Computer hatte van Stein die beiden Kennzeichen mit einer Tabelle an rund 1000 anderen verglichen; beide tauchten dort als Wägen der Foundation auf. Van Stein kniff sich mit beiden Zeigefingern den Nasenrücken, bevor er unter seinen Tisch fasste und einen kleinen roten Knopf drückte. Es war kein richtiger Alarm, mehr ein penetrantes Warnsignal. Wobei, dass war ein Alarm.
Kora drehte den Gasgriff ihres Motorrads weiter hinunter und wechselte in den sechsten Gang, als sie einen Laster auf der A45 überholte. Sie waren im morgendlichen Berufsverkehr und rund 400 Meter hinter Dr. Geiger, der nichtsahnend in seinem alten Toyota mit Richtgeschwindigkeit die Straße hinuntertuckerte.
Hinter ihr klammerte sich Ludwig mit einer Hand an ihrer Lederjacke, mit der anderen an einem Passagiergriff des Motorrads fest, während sie darauf wartete, dass der Porsche vor ihr seinen lahmen Arsch in Bewegung setzte (er fuhr nur 140).
"Ihr habt noch rund zwei Kilometer bis ihr auf die A46 müsst", kommentierte van Stein über das Funkgerät in ihrem Helm.
"Ja- Ich- Weiß-", antwortete Kora aus zusammengebissenen Zähnen, als sie ihre Maschine weiter beschleunigte, an Dr. Geigers Wagen vorbeizog, vor ihm einreihte und ihre Geschwindigkeit wieder reduzierte, um den Abstand zu ihm aufrechtzuhalten.
"Jetzt bist du dran!" rief sie nach hinten und stieß Ludwig mit dem Ellenbogen an. Der Thaumaturge schreckte erst zusammen (so ziemlich der einzige, der ihren Fahrstil aushielt war Zacharias, und selbst der erstach sie beinahe, so fest wie er sich festhielt).
Dr. Geiger begann leicht zu schwitzen, als er sah, wie ein schwarzes Sportmotorrad mit über 200 Sachen an ihm vorbeizog. Was manche Menschen zusammenfuhren … Er war gerade auf dem Weg zur Arbeit und recht gut dran; sollte jetzt kein Stau kommen, war er zehn Minuten vor Arbeitsbeginn schon im Standort. Er konzentrierte sich weiter auf den Verkehr und überholte einen Laster; das Motorrad vor ihm kam ihm aber immer noch komisch vor. Wenigstens war er sich sicher, dass es nicht die Foundation war.
Als er aber kurz den Verkehr hinter sich über den Rückspiegel kontrollieren wollte, fiel ihm auf, dass er beschlagen war. Es war weder kalt, noch war die Luft im Auto sonderlich feucht. Er warf mehrfach einen kurzen, panischen Blick darauf, während er versuchte, nicht das Lenkrad zu verreißen, an dem er sich nun festklammerte.
Innerhalb der beschlagenen Oberfläche begannen sich nun Buchstaben auszubilden:
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PLAN VORGEZOGEN; FINALE ÜBERGABE HEUTE ABEND. HELFEN SIE DENEN, DIE SICH NICHT SELBST HELFEN KÖNNEN. SEIEN SIE AUF DER HUT.
Michal, ein durchschnittlicher Kerl mit Siebentagebart und einer braunen Lederjacke, fuhr zusammen mit Ludwig in einem VW Polo südlich von Dortmund. Die beiden langweilten sich.
Michal, weil er in Prag aufgewachsen war, und damit als Stadtkind wenig mit der Mischung aus Wäldern und Feldern anfangen konnte, neben denen sie mit siebzig Stundenkilometern fuhren, und Ludwig, weil er schon seit ein paar Tagen in einem Hotelzimmer in Dortmund vor sich hin geschimmelt hatte.
Der Magier öffnete geistesabwesend seine Jacke und streichelte eine Kupferspule, die an eine der Innentaschen festgeklammert war. Um seinen Finger herum erwiderten kleine Finger aus elektrischen Entladungen die Berührung. Michal versuchte, nicht weiter über den Magier und seine strašidla nachzudenken und sich stattdessen der Straße zuzuwenden. Im Rückspiegel setzte gerade ein blauer Skoda zum Überholen an; Michal tat seine niedrige Geschwindigkeit ehrlich gesagt leid.
"Seid ihr noch wach?", ertönte es plötzlich von van Stein aus dem Funkgerät, das sie beim Losfahren unter die Mittelkonsole gelegt hatten. Hektisch schnappte sich Ludwig das Gerät und antwortete: "Was glaubst du denn? Wir fahren."
Van Stein schnaubte am anderen Ende der Leitung und fuhr fort: "Hört mal, unser Ziel nähert sich euch jetzt langsam. Zusammentreffen in circa sechzig Sekunden."
Michal atmete erleichtert aus und fasste unter sein Lenkrad, wo eine kleine Drahtschlaufe aus einem Schlitz hervorhing. Als er daran zog, spürte er, wie der Motor starb und die instrumentalen Kontrollleuchten aufflammten. Es war geplant, aber immer noch unangenehm zu sehen. Er drückte den Schalter für die Warnlampen und zog den Wagen raus auf eine kleine abgeflachte Stelle neben der Fahrbahn.
Nachdem die beiden ausgestiegen waren und die Motorhaube öffneten, aus der theatralisch Rauch aufstieg, konnten die beiden schon am Ende der Straße einen roten Toyota aufkreuzen sehen. Michal überlegte kurz, ob sie ihm vielleicht winken sollten, wenn er die Anweisungen nicht verstanden hatte, aber da bremste er schon und hielt hinter ihnen.
Dr. Geiger trat nervös aus seinem Auto und kam zu ihnen.
"Brauchen Sie Hilfe?", fragte besorgt.
"Ah, bei Gott, ich danken Ihnen!", antwortete Michal mit dem übertriebensten Akzent, den er zustande brachte und schlug die Hände zusammen, "sehen, Batterie, wie, wie sagen? Ah, tot! Ja, Batterie tot!"
Ludwig war währenddessen auf der anderen Seite um den Wagen herum gegangen und öffnete den Kofferraum. Dahinten hatten Sie nicht nur die Fremdstartkabel, sondern auch einen in einem dicken Stoffbeutel verpackten StingRay, der für sie die Spionagesoftware der Foundation blockierte.
"Kabel einfach ein bisschen beschädigt bei mein Auto; können selber, äh, äh, oprava -", machte Michal weiter, bis Ludwig ihm zunickte. Der Tscheche lies den lächerlichen Akzent sofort fallen und kam wieder in sein richtiges, nur leicht akzentuiertes Deutsch:
"Verzeihen Sie die Scharade, Herr Doktor. Ihr Handy ist immer noch ein Ohr für das Panoptikum der Foundation."
Dr. Geiger nickte verdattert, während Ludwig mit einem kleinen Werkzeugkasten und zwei Kabeln für die Starthilfe zu ihnen kam und hinzufügte: "Wir werden aber gerade immer noch per Satellit beobachtet, also würde ich Ihnen raten, auch grob so zu tun, als ob sie unseren Wagen 'reparieren' wollen würden."
Der Wissenschaftlicher schüttelte kurz seinen Kopf wach und nickte dann. Während Ludwig versuchte die Kabel über das Dach ihres Autos zu legen, um an Dr. Geigers Batterie zu kommen, bewegten Michal und der Doktor ihre Hände unter der Motorhaube hin und her, was vermutlich bei der Bildauflösung eines Satelliten so aussehen würde, als ob sie Dinge reparieren würden.
Michal zog unterdessen einen weißen Umschlag aus seiner Jackentasche und legte ihn auf den Motor.
"Hier sind Ihre Instruktionen, Herr Doktor. Viel Glück."
Captain Roth saß in seinem Arbeitszimmer innerhalb der Basis, einem würfelförmigen Raum, der wie eine schlichtere Version des Deaddrop wirkte; sein Holztisch war zwar auch eine Antiquität, wenn auch weniger schön verziert und statt einer Holzvertäfelung hatte er nur ein großes Bücherregal hinter sich.
Er öffnete die oberste Schublade seines Schreibtisches und zog einen metallenen Brieföffner hervor. Mit einer geübten, glatten Bewegung öffnete er den Umschlag und lies den Inhalt auf die Tischoberfläche fallen. Im gedämpften Schein der Bankierslampe, die an einem Ende des Tisches stand, begann er die Dokumente zu lesen:
DeCIRO Katalognummer: OI-23/43-001
Dokumententyp: Operative Anweisungen
Autor: Delta-Kommando
In Standort-DE4 befindet sich die Abteilung für Memetik; aufgeteilt in eine Forschungsabteilung, die geborgene Meme analysiert und eine Entwicklungsabteilung, die Neue erschafft. Der Wissenschaftler, den sie bis jetzt observieren sollten, Doktor Geiger, ist neben einem weiteren Wissenschaftler Leiter der Entwicklungsabteilung. Durch die interne Informationsquarantänen der Foundation ist er sich der Stellung der Foundation in Bezug auf das Okkulte nicht bewusst; ihm wird eingeredet, er würde Menschen vor Monstern schützen. Dennoch leidet der Mann unter Zweifeln, nicht zuletzt durch die Menschenexperimente, die er autorisieren musste.
Nehmen Sie Kontakt mit Dr. Geiger auf und bringen Sie ihm unsere Sache etwas näher. Er folgt dem Weltbild der Foundation nur aus Mangel an Alternativen, ein besseres Paradigma sollte seine fragile Loyalität kollabieren lassen. Er wird eine gute Ergänzung für ihre Zelle sein.
Ihr eigentliches Ziel aber ist der Zentralserver der Abteilung für memetische Entwicklung, gelegen im Unterstockwerk U3, spezifisch dem Memetiksektor. Der Inhalt des Servers ist verschlüsselt und kann nur vom Personal der beiden Abteilungen ausgelesen werden, sowie natürlich der betreffenden IT-Abteilungen. Jeder Zugriff wird sowohl von der RAISA in Standort-7 als auch von KIRA in Standort-DE1 protokolliert. Ein netzwerkseitiger Angriff ist somit ungeeignet.
Es ist uns nicht bekannt, wie die genaue Etikette in Bezug auf den Serverzugriff ist; vermutlich ist regulärem Personal nur der Zugriff auf die eigenen Projekte gestattet. Aus logischen Gründen aber wird der Abteilungsleiter Zugriff auf alle Projekte haben.
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Roth legte das Papier beiseite und lehnte sich auf seinem hölzernen Stuhl zurück. Mit geschlossenen Augen atmete er durch, bevor er sich wieder nach vorne lehnte, eine Karaffe stillen Wassers nahm und sich ein Glas kalte Flüssigkeit einschenkte.
Einige Zeit nachdem Captain Roth Kopfschmerzen über die Befehle des Delta Kommandos bekommen hatte, hatte van Stein tatsächlich einmal Basis-W verlassen und reiste mit zwei Agenten nach Augsburg. Über ein Buchungsportal hatte er mit einer gefälschten Identität eine Pension im sechsten Stock eines Hotels gebucht.
Nachdem er eingecheckt hatte, hängte er das "Nicht Stören"-Schild auf und verschloss die Tür hinter sich und seinen beiden Begleitern, die gleichzeitig sämtlich Vorhänge zuzogen. Dann öffneten sie die großen Reisetaschen, die sie mitgebracht hatten. Statt Bekleidung und Kosmetikartikeln kamen elektronische Bauteile, schwere Halterungen, Antennen und ähnliche Gegenstände hervor. In zwei Stunden setzten sie die Einzelteile zusammen; die Antennen nahmen zusammen mit definitiv nicht kommerziell erhältlichen Reflektorplatten und einigen Servomotoren das gesamte Wohnzimmer ein, ein Mikrocontroller wurde mit einer recht esoterisch anmutenden, in schwarz gehaltenen Platine verkabelt, und mehrere schwere Autobatterien formten zusammen mit den Steckdosen des Hotelzimmers eine parallel geschaltete Brandgefahr.
Schließlich holte van Stein das billigste Tablet hervor, dass er online hatte kriegen können, schloss es an die letzte freie Steckdose an, wählte sich über das Hotel-WLAN in eine VPN ein und startete ein selbstgeschriebenes Programm, das sich über Bluetooth mit dem elektronischen Monstrum verband, das sie erschaffen hatten.
Als es draußen schon dunkel war, hing er noch eine kleine Tasche an den Kleiderhaken der Zimmertür, bevor sie den Raum verließen.
Die Gefreiten Lübke und Harz stapften leise vor sich hin, während sie mit je einer Taschenlampe über das Außengelände von Standort-DE4 patrouillierten. Heute Abend waren keine Nachtübungen angesetzt, was bedeutete, dass ihre Schicht erstaunlich langweilig war. Warum auch immer sie beide hier raumlaufen mussten, wenn eh alles überwacht wurde …
Sie mussten jetzt, ähh, ja, nur noch zwei Runden ums Gelände drehen, bevor ihre Schicht zu Ende war und Harz nach Hause durfte, während Lübke dann für drei Stunden Kameras beobachten durfte. Das war trotzdem wesentlich besser als das hier, denn es war hier draußen kalt, nass und trotz dieser blöden Scheinwerfer am Begrenzungszaun so scheiße düster.
Der Wachmann namens Lübke schüttelte sich und fasste seine Maschinenpistole etwas enger. Das Funkgerät an seiner schusssicheren Weste piepste kurz, und er drückte kurz die Auslösertaste und sprach in sein Mikrofon.
"Hier Patrouille 2, keine Vorkommnisse."
Verdrossen stöhnte Harz, als sie hinter den Haupteingang marschierten. Der Betonklotz war einer der wenigen Teile der Anlage, die an der Oberfläche standen, und leider trotzdem eine ziemliche Sichtsperre bei einer Patrouille. Lübke zog den Lichtstrahl seiner Taschenlampe entlang des Zauns und fuhr fast in sich zusammen, als er das Loch entdeckte.
"Scheiße!" Er ließ die Taschenlampe fallen und griff hektisch an sein Funkgerät. In diesem Moment nahm er schon das leise Knurren des gigantischen Wolfes wahr, der sich bis jetzt im Schatten gehalten hatte. Schweiß stand auf Lübkes Stirn; er dachte gar nicht mehr an das Funkgerät sondern zog mit beiden Händen die Maschinenpistole hoch, als der Wolf auf ihn sprang und sein Maul vor seinem Gesicht aufriss.
Nachdem Captain Roth sein Glas geleert hatte, griff er den zweiten Zettel auf.
DeCIRO Katalognummer: OI-23/43-001
Dokumententyp: Operative Anweisungen
Autor: Delta-Kommando
Dr. Geiger muss noch vor Jahresmitte die Daten des Servers entwenden und als elektronische Kopie aus dem Standort bringen. Ein direkter, bewaffneter Eingriff ihrer Zelle ist dabei vonnöten, um ihn zu extrahieren. Dr. Geiger muss lebend mit den Daten entkommen.
Zudem darf der erste bewaffnete Foundation-Mitarbeiter, der bei ihrem Eingriffen verletzt wird, nicht sterben. Er muss zudem von ihrer Tochter, Kora Roth, verletzt werden. Wir geben eine Dosis Redsight für sie frei, um diesen Schritt zu gewährleisten.
Sie dürfen während ihres Angriffes auf den Standort auch kein langwieriges Feuergefecht beginnen, sondern müssen sofort Dr. Geiger und die Daten sichern und entkommen.
Keine anderen Anforderungen bestehen. Hinterlegen Sie die Festplatte, auf der die originale Kopie der Daten ist, im Schließfach 017 des Hamburger Hauptbahnhofs in einem neutralen Umschlag. Es ist Ihnen freigestellt, selbst eine Kopie der Kopie anzufertigen.
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Roth seufzte. Die Kommandanten waren oft sehr … esoterisch in ihren Anforderungen. Er erhob sich und verlies sein Büro. Die steinernen Wände der Basis, in denen er ein gutes Stück seines Lebens verbracht hatte, führten ihn entlang der verschiedenen Räume, die die Zelle im Laufe der Zeit eingerichtet hatte. Schließlich erreichte er eine große, blecherne Doppeltür, an die er vorsichtig anklopfte und auf das "Herein" einer älteren Stimme wartete.
"Guten Abend, Captain."
In das Schimmern einer alten Schreibtischlampe getaucht saß Dr. Akgül an seinem Schreibtisch über ein Buch gebeugt. Der alte Türke lächelte Roth freundlich an und bot ihm mit einer Handgeste einen der beiden gepolsterten Stühle an, die vor dem Tisch standen. Roth ging langsam durch den Raum, vorbei an den beiden großen Arbeitstischen aus Granit, auf der eine Reihe an chemischen Apparaturen standen und nahm schließlich gegenüber dem Doktor Platz. Dr. Akgül war neben ihm das älteste Mitglied der Zelle, und hielt sich auch recht gut; wenn auch die Schwärze in seinen gescheitelten Haaren heutzutage hauptsächlich Farbe war.
"Guten Abend, Doktor. Es ist mal wieder an der Zeit; es kamen heute neue Befehle", erklärte Roth nüchtern.
Dr. Akgül zupfte sich den Ärmel seines Laborkittel zurecht und faltete dann seine Hände zusammen.
"Wie kann ich Ihnen dann behilflich sein?"
Der Captain blickte abwesend ins Nichts, bevor er Dr. Akgüls sorgsamen Blick erwiderte.
"Redsight. Eine Dosis. Für Kora."
Dr. Akgül schmunzelte, bevor er sich erhob und zu dem großen, gläsernen Schrank hinter seinem Schreibtisch schritt und mit einem schon rostigen Schlüssel entsperrte. Er entnahm eine kleine, reich verzierte Schachtel aus Holz und schloss den Schrank wieder. Dann nahm er wieder an seinem Schreibtisch Platz und öffnete die Schachtel vorsichtig.
"Ich erinnere Sie wieder daran, dass Redsight keine Droge ist, sondern ein Werkzeug. Sie hatten selbst mehrfach Dosen davon genommen. Es besteht keine Suchtgefahr und es verändert auch nicht die Gehirnchemie in Maßstäben, wie von klassischen Einnahmemitteln beobachtet wird."
Roth legte den Kopf in den Nacken.
"Mein Problem ist nicht die Redsight selbst, sondern, dass Kora sie nimmt. Ich weiß eben selbst die Wirkung, und sie ist meine Tochter."
Dr. Akgül schmunzelte erneut.
"Ihre Sorgen in allen Ehre; ich glaube aber kaum, dass das ein effektiver Führungsstil ist. Ihre Tochter ist ein Insurgent, ob sie es verhindert wollten oder nicht, seit sie ein Kind war, war es offensichtlich, dass sie einmal hier an ihrer Seite stehen würde."
Captain Roth atmete tief ein.
"Ich glaube Sie täuschen sich, Doktor. Hätte ich ihr die Ideologie, die Geschichten, hätte ich ihr Hel einfach nicht nähergebracht, wäre sie jetzt sicherer! Dann hätte sie auch nicht diese … Dann wäre sie nicht das, was sie heute ist."
Dr. Akgül fasste über den Tisch und umschloss Roths Hand mit den seinen.
"Herr Captain. Kora ist eine sehr glückliche junge Frau, so wie sie ist. Hätten Sie ihr irgendetwas, in das Sie sie eingeweiht haben nicht erzählt, wäre sie heute jemand, der nichts von dem kennt, für das Sie stehen. Eine Fremde, die nichts mit Ihnen gemeinsam hat. Sie haben das Richtige getan."
Er löste seine Hände von ihm und lies Dr. Roth mit einer kleinen Röhre voll rotem Pulver zurück.
Kora schloss ihr Maul um das Gesicht des Wachmanns und fühlte den Adrenalinkick, als ihr von der Lykanthropie geändertes Gehirn ihren Jagdimpuls hochfuhr. Noch bevor sie mit dem Mann zu Boden ging leitete sie die Verwandlung wieder ein; Fleisch verzerrte sich, Knochen änderten ihre Form und Sehnen rissen und verbanden sich neu. Als der Wachmann blutüberströmt auf dem Boden landete und versuchte auszuholen, war die Werwölfin wieder in menschlicher Gestalt und hob ihre Faust. In diesem Moment schlug die Redsight an.
Kora, ein von einer okkulten Krankheit veränderter Geist, nahm den Passagiersitz ein, während ihr Körper einem außenstehenden Piloten übergeben wurde. Als ihre Faust den Kiefer des Mannes traf, spürte sie zwar den Schock, der durch ihr Handgelenk ging, hatte aber keine Kontrolle über den Arm mehr. Der Mann vor ihr war durch den Schlag bewusstlos zusammengesackt; ihr Körper erhob sich und trat in der Hocke einen Schritt zurück, bevor die Redsight nachließ und sie wieder Kontrolle über ihren Körper hatte.
"Ich glaube, du solltest dir was anziehen", kam es von Zacharias, der einige Meter entfernt den anderen Wachmann am Hals gepackt hielt. Die Krallen seiner linken Hand waren dabei nicht das Problem, wohl aber der Handschuh, den er darüber trug; der Mann in seinem Griff zuckte immer noch leicht von der Restspannung in dem Elektroschocker. Ihr Dämon trug jetzt seine volle Montur: Gepanzerter Trenchcoat voll geschlossen, eine silbern verspiegelte Gefechtsmaske, die seiner Stimme einen elektrischen Klang gab und die große, schwarze Pistole, die er sonst nur unter der Kleidung trug.
Aber ja, er hatte recht, Werwölfe waren nach ihrer Verwandlung üblicherweise nackt, weshalb sie eine weitere Verwandlung einleitete und schon in der Transformation das Laufen begann. Zacharias ließ seinen Wachmann fallen und hielt in einer glatten Bewegung mit ihr Schritt. Auf der anderen Seite des schmalen Gebäudes fanden sie Ludwig und zwei weitere Agenten, alle drei in Flecktarnjacken und Sturmmasken gekleidet. Ludwig hielt gerade einen kleinen Handspiegel, auf dem mit einem Marker ein Muster gekritzelt worden war, in der einen Hand und richtete ihn auf eine 360°-Kamera, die über einer Stahltür hing. In der anderen hielt er eine kleine Webcam, die über ein Kabel mit dem Spiegel verbunden war. Kora stellte sich das Fell wie geladen auf, als sie genauer auf die Kamera blickte und sah wie darin ein kleiner Lichtschimmer in der Linse selbst schwebte.
Ludwig zählte leise während Zacharias und sie sich neben ihm an die Wand pressten. Als der Magier "20" erreichte, senkte er den Spiegel und die Kamera und nickte einem der anderen Agenten zu, der daraufhin einen kleinen Rucksack öffnete.
"Das ist jetzt die zweiunddreißigste Kamera, bei der ich das machen musste," kommentierte Ludwig nonchalant, während der Insurgent einen Sprengsatz hervorholte und an die Tür heftete, "hoffen wir Mal, der Abend wird noch interessant."
Dr. Geiger atmete tief ein und aus. Er saß in seinem Büro; vor seinem Schreibtisch. Und er hatte einen Betriebslaptop. Die Foundation war nicht zimperlich mit mobiler Elektronik, Mobiltelefone wurden im Standort automatisch gesperrt, und wer einen Laptop wollte, musste es entweder offiziell beantragen (mit guter Begründung oder guten Beziehungen) oder am Schichtbeginn am Eingang leihen. Und selbst dann war es noch ein Aufwand, dass Ding einzurichten. Über LAN-Kabel mit dem Intranet verbinden, biometrisch verifizieren und dann ein memetisches Captcha lösen, nur um einen tragbaren Rechner zu haben.
Jedenfalls, Dr. Geiger hatte heute einen und war darauf angemeldet. Es war eigentlich trivial die Daten des Abteilungsservers auf sein Gerät zu spielen. Natürlich, das System fragte ihn nach einer Begründung für die vielen Downloads, aber als Abteilungsleiter war ja die Überprüfung der Arbeitsqualität seiner Mitarbeiter Teil seiner Aufgaben, dafür wollte er sogar Überstunden machen; "Steuerung-A" ist ja so viel weniger zeitaufwendig, als die Akten einzeln runterzuladen; der Laptop wird ohnehin bereinigt, nachdem ich ihn abgegeben habe. Diese Gelassenheit war aber auch nur gespielt, die Antworten hatte er von der Insurgency bekommen und er hatte eine Heidenangst, dass sie nicht akzeptiert werden würden.
Als schließlich der Arbeitstag offiziell endete, packte er seine Tasche und schob den Laptop hinein. Dann machte er sich auf den Weg zum Aufzug. Zum Glück war er früh genug dran, dass er alleine fahren konnte. Nervös blickte er in den Spiegel; er sah fertig aus, aber nicht so, als ob es nach Schichtende bei geplanten Überstunden auffallen sollte.
Mit einem leisen Ding öffnete sich die Tür und Dr. Geiger trat in einen bekannten Gang, auch wenn er üblicherweise den eine Etage tiefer zum Parkhaus betrat. Er atmete ein letztes Mal tief ein und aus, schluckte fest, und trat um die Ecke. Alles wie immer, durchsichtige Schleuse, Schalter.
"Abend," er trat an den Schalter, "ich mach heute Überstunden und wollt nur kurz frische Luft holen."
Der Sicherheitsbeamte - hier oben sah er eher wütend als gelangweilt aus - erwiderte grob: "ID-Karte und Betriebslaptop hier ablegen."
Die Ablagebox fuhr wie üblich aus der Wand hervor. Dr. Geiger ließ seine ID-Karte auf den Edelstahl fallen.
"Laptop liegt in meinem Büro, komm ja gleich wieder rein."
Die Wache hob beide Augenbrauen.
"Dann kann ich Sie hier nicht durchlassen. Ausgeliehene Geräte müssen beim Verlassen des inneren Standorts zurückgegeben werden, Herr Abteilungsleiter."
Wagner wurde langsam heiß vom Stress. Er konnte auch nichts antworten. Er fand einfach keine Worte.
"Herr Doktor Geiger", sprach der Wachmann ihn an, "gehen Sie bitte wieder rein! Wieso stehen Sie hier noch?"
Die anderen Sicherheitsbeamten in der Wachstube wandten ihm nun auch ihre Aufmerksamkeit zu. Wagner begann für einen Moment, grelle Lichteffekte vor seinen Augen zu sehen; erste Anzeichen eines Schwächeanfalls. Die Hitze schlug jetzt auch in Kälte um seine Wangen herum um.
Dann brach gottseidank die Hölle los. Von der anderen Seite der Schleuse aus ertönte ein ohrenbetäubender Knall, als eine Druckwelle aus Schutt und Ruß durch die Wand raste und die Außentür der Schleuse einriss. Die Wachen wechselten sofort ihr Ziel und zogen ihre Waffen, einer lief zu einer Seitentür, die in den verwüsteten Vorraum führte. Doch noch in der Schuttwolke trat eine Gestalt ein, die Geiger in einem Science-Fiction-Film vielleicht ganz lustig gefunden hätte, in der Realität aber vollkommen fehl am Platz schien. Erst nach einem Moment realisierte Dr. Geiger, dass hinter der verspiegelten Gesichtsmaske und dem schwarzem Trenchcoat (zugegeben, daran war er auch zu erkennen) seine alte Kontaktperson mit der Insurgency war. In seiner Hand - Wagner nahm die Krallen einfach als Fakt hin - hielt er eine Waffe, die genau wie er aus einem Film gegriffen schien.
In seinem Kopf zwängte sich nun ein Bild: Seine Kontaktperson, ohne die Maske, ihm zuzwinkernd. Er verstand fast sofort und warf sich auf den Boden. Und drückte der Mann mit den Krallen ab und mit einem Blitz wurde es schwarz vor Wagners Augen.
Kurz bevor die Tür zu Standort-DE4 explodierte driftete der Satellit Atreus-1 über Europa. Wie sechzehn seiner Geschwister auch flog er in der Nahen Erdlaufbahn um unseren Planeten und lieferte
neben diversen okkulten Messungen kontinuierlich Aufnahmen im sichtbaren und infrarotem Bereich. In etwa 30 Minuten würde Atreus-8 seine Flugbahn an dieser Stelle schneiden, und in nochmal 30 Minuten wäre er selbst wieder hier. In diesem Zeitfenster also hatte das PANOPTICON der Foundation keine Abdeckung des Geländes von Standort-DE4 durch erdnahe Satelliten.
Allerdings gab es noch Atreus 18 bis bis 29, die großen Geschwister der Erdnahen, die mehrere tausend Kilometer entfernt in einem geostationärem Orbit ruhten, ausgerüstet nicht nur mit Messinstrumenten für den tiefen Weltraum und experimentellen Waffenmodulen, sondern auch mit Langstrecken-Radar, das jeden Punkt auf der Erdoberfläche erreichen konnte.
Als also die Insurgency der Foundation einen praktischen Vorschlag für den Kauf einer neuen Tür machte, und jedes Alarmsystem der Foundation losging, wurde der Perimeter um DE4 herum in seiner Analysepriorität auf das Maximum hochgestuft und jede in das Netzwerk eingespannte Künstliche Intelligenz griff auf den Ausschnitt der Landkarte zu, den Atreus-20 gerade lieferte. Doch, gerade mal eine Sekunde, nachdem die AICs sich ihr Bildmaterial senden ließen, aktivierte sich ein Amalgam aus Elektrobauteilen aus dem Fachmarkt und hochillegaler Paratechnologie in einem Hotelzimmer, dessen Balkon noch kurz zuvor von einem Agenten geöffnet worden waren, und feuerte ein konzentriertes Funksignal auf den Satelliten, dessen Radar schlagartig nutzlos war. Die Foundation war natürlich nicht dumm; es gab Notfallprotokolle.
Die Bordsensorik des Satelliten konnte die Quelle des Störsignals in unter einer Sekunde ermitteln und ins PANOPTICON speisen, worauf normalerweise ein Feuerbefehl aus Standort-DE7 kommen würde, durch den der Störsender mit einer Rakete in die Luft gejagt wurde. Doch leider war die Reaktion des RAISA-Operators in der Computerbasis im Northon Bay nur ein lautes "Fuck!", als er realisierte, dass der Störsender mitten in einer Stadt mit knapp 300.000 Einwohnern war. Und bis der Befehl, Feldagenten in das Hotel zu schicken, bis nach Deutschland kam, konnte einige Zeit vergehen.
Dr. Geiger kam langsam wieder zu sich, als ihn eine bekrallte Hand ihn unterm Arm packte und hochzog. Wagner hustete erst wegen dem Staub und rückte seine Brille zurecht. Dann sah er die regungslose Leiche eines Wachmanns auf dem Boden liegen und sein Gehirn fing wieder an genügend Adrenalin auszuschütten, dass er selber mit dem Insurgent mit laufen konnte.
"Was zur Hölle war das!?", rief er während sie aus dem aufgesprengten Eingang liefen. Er hatte seine Tasche immer noch um den Rücken, und hielt sich jetzt mit einer Hand noch extra fest, mehr aus Panik als Logik.
"Plasmaprojektor! Eigentlich gegen Panzerung gedacht!", antwortete ihm der Insurgent und zog ihn trotzdem noch weiter an der Schulter, als sie über das Gelände des Standorts jagten. Die Nachtluft sollte sich eigentlich kalt anfühlen, Wagner füllte sich aber wie berauscht, als er so schnell rannte, wie er nur konnte.
Für einen Moment überkam ihn doch Verwirrung, als er neben ihnen einen großen Wolf laufen sah, was aber nicht lang hielt, als in einiger Entfernung hinter ihm laut wieder etwas explodierte und die Druckwelle seinen Nacken verkrampfen lies.
"Selbstschussanlage!" erklärte ihm der Maskierte bevor er etwas sagen konnte, "Würde uns sonst zerfetzen!"
Über das Klingen seiner Ohren und dem Epinephrin im seinem Blut hinweg hörte er langsam das automatische Gewehrfeuer, das aus dem bewaldeten Hang am Südende des Geländes kam. Gleichzeitig sah er aber auch, wie ein grauer Kleinlaster die offizielle Einfahrt auf das Gelände runterraste und mit einem Drift stehen blieb. Ein Vermummter mit Sturmgewehr stieß die Tür von innen auf. Der Mann im Trenchcoat hievte ihn mit seinen Krallen hinein und setzte sich hektisch ihm gegenüber; in wenigen Sekunden waren noch drei andere und der Wolf hineingesprungen und schlossen die Tür.
Der Wagen setzte sich sofort in Bewegung und raste die Einfahrt wieder hinauf. Er konnte hinter seiner Kopfstütze doch noch seinen letzten Verbindungsmann erkennen, der sie gerade ohne zu bremsen eine Kurve hinauf beförderte. Oben gab es noch den leeren Übungsplatz, der nie verwendet wurde und den ihr Fahrer offensichtlich als Beschleunigunsstreifen ansah, um am Ende mit knapp unter Vierzig die Ausfahrt bergab zu fahren und so scharf auf die Landstraße zu biegen, dass Wagner fast von der Sitzbank geschleudert wurde.
"Wo fahren wir überhaupt hin!?", fragte er und bemerkte erst zu spät, dass er immer noch schrie.
"Bundestraße", erklärte ihm die Sturmmaske neben ihm, "dann nach Norden."
Dr. Geiger nickte stumm und versuchte an nichts zu denken. Sein Herzschlag pochte im immer noch bis in den Kopf und der kalte Schweiß hatte sich noch nicht verabschiedet. Es war unangenehm nach der Hektik gerade eben still zu sitzen.
Sie rasten weiter die Landstraße hinab, in einer wieder zu scharfen Kurve auf die B515 und dann mit was Wagner als rund 150 Kilometerstunden auf dem Tacho erkannte in Richtung Norden. Im Seitenspiegel konnte er sehen, wie ein ihnen ähnlicher Transporter langsam zu ihnen aufholte. Die Spannung hier drin war erdrückend; Wagner musste nicht fragen, um zu wissen, dass sie noch nicht aus der Nummer rauswaren.
Etwa nach einer Minute spürte er noch eine scharfe Kurve, blickte aus der Frontscheibe und hielt sich gerade so rechtzeitig fest, als sie ihr Fahrer in eine Scheune steuerte und eine Vollbremsung hinlegte. Daneben tat der zweite Wagen es ihnen gleich. Nachdem die Tür geöffnet worden war und Wagner heraustaumelte, sah er, dass zwei Wachen mit Sturmgewehren bei der, vermutlich, nun geschlossenen Scheunentür waren. Was ihm auch auffiel war die gigantische, silbern glänzende Plane, die über die gesamte Decke, die Wände runter und jetzt auch über dem Eingang hinabhing.
Als er gerade fragen wollte, was es damit aus sich hatte, merkte er, dass die anderen Insurgents immer noch unangenehm still waren. Eine große Frau, die aus dem anderen Wagen ausstieg und ihre Sturmmaske abzog, bedeutete ihr mit dem Finger zu schweigen. In der Distanz hörte er sie dann: Sirenen. Als Polizei getarnte Wägen der Foundation. Sie suchten nach ihnen. Er wagte es nicht, sich zu bewegen, während mehr und mehr von Ihnen vorbeizogen. Sie alle zogen vorbei, ohne irgendeine Ahnung wo sie waren.
Dann war es still. Bis er das entfernte Dröhnen des Helikopters bemerkte …
"Hier Falke-1, sind bei Flughöhe 200 Meter, beginnen Perimeterssuche flüchtige Fahrzeuge, Flugrichtung Norden Richtung Menden", gab der Pilot des Eurocopter Tiger durch, als er seine Maschine aus dem versteckten Startplatz mitten im Wald manövriert hatte. Ein paar Terroristen wollten also Mitarbeiter töten? Nicht, wenn er was dazu zu sagen hatte.
"Falke-1, hier Zentrale, bestätige Suchbeginn. Ich habe zudem gerade die Nachricht erhalten, dass die Angreifer zur Terminierung freigeben wurden. Feuern nach eigenem Ermessen mit Bedacht auf zivile Zeugen."
Der in dem Tiger-Modell hinten sitzende Schütze grinste, als er das hörte.
"Hier Falke-1 Schütze, bestätige."
Das in Tarnfarben gehaltene Gefährt setzte sich nun aus seiner Schwebeposition mit beeindruckender Geschwindigkeit in Bewegung. Der Schütze blickte durch den Bildschirm seiner Wärmekamera und ließ die schwere Maschinenkanone des Hubschraubers schonmal ausfahren. Sie fegten in nicht einmal einer halben Minute hoch bis zu den Außengrenzen der nächsten Ortschaft, wo der Pilot ihren Flug abbremste und eine Kreisbahn um die Stadt einschlug. Militärhelis mit scharfen Waffen über Kleinstädten waren keine gute Idee.
"Sehen Sie irgendwas?", fragte der Pilot den Schützen.
"Warten Sie …"
Die Maschine war gerade dicht bei einem alten Bauernhof; offensichtlich nicht mehr in Betrieb, und sehr nah an der Bundesstraße. Der Schütze blickte durch auf seinen Bildschirm.
"Negativ, in dem Haus ist nur eine Person; schläft."
"Hier Zentrale," ertönte es über Funk, "wir hören Sie Falke-1, machen Sie weiter."
Eine halbe Stunde später stürmten vier Feldagenten der Foundation ein Hotelzimmer in Augsburg, und stellten damit wieder die Funktionalität von Atreus-20 wieder her. Da aber Atreus-8 gerade auch schon in Position war und Atreus-19 kurz darauf mit seinem Radar den Standort auch abdecken konnte, war es nur von geringerer Relevanz.
Von viel größerer Relevanz war nämlich, dass die Suchtrupps der Foundation weder die Angreifer, die vermutlich zur Interessengruppe GoI-055 "Chaos Insurgency" gehörten, gefunden, noch ihre Fluchtroute identifiziert hatten. Erst im Nachhinein wurde der Einsatzleiter darüber informiert, dass kurz nachdem der Suchtrupp durch Menden gefahren war, ein Regionalzug im örtlichen Bahnhof vollkommen nach Plan angehalten hatte. Zwar wurden durch die erhöhte Priorität der Region die Überwachungsaufnahmen des Bahnhofs und des Zugs sofort ausgelesen, es konnten aber keine auffälligen Personen, geschweige denn der flüchtige Verräter "Wagner Geiger", gefunden werden. Anschließende Hardwareanalysen zeigten aber, dass die betreffenden Geräte manipuliert worden waren, um gefälschte Aufnahmen aus dem Zug ins System zu speisen.
Da der Zug ungestört in seinem Ziel Fröndenberg ankam, konnte die Gruppe an gefährlichen und bewaffneten Terroristen aus dem Suchgebiet aussickern; eine Rückverfolgung war nicht mehr möglich.
Und all das, war, warum Mr. Browning gerade in einem Privatjet über den Atlantik flog und mit einem starken Kaffee sich die Inkompetenz der Deutschen antun musste. Er hatte ja zumindest gehört, dass die Standortleiterin eine vernünftige Frau war …
Wagner saß zwei Stunden später in einem Zugabteil des ICE in Richtung Weimar, gekleidet in eine schlichte Mütze und ohne Brille zusammen mit, wie sie sich im jetzt vorgestellt hatten, Kora, Zacharias und Ludwig. Er hatte sich am Bahnhof eine Tasse Kaffee gekauft, die er jetzt mit beiden Händen festhielt. Er fühlte sich … besser. Erleichtert sogar.
Natürlich, er konnte nicht leugnen, dass seine Flucht blutig gewesen war, er hatte die Leichen der Wachmänner gesehen. Aber seine Hände waren durch seine Arbeit bereits schon blutbefleckt; er hatte Menschen umgebracht um einer Organisation Waffen zu liefern, damit sie der Welt eine Lüge einreden konnten. Das war, warum er geflohen war. Er würde ihnen ein Ende setzen.

