Aceton
Er wollte eigentlich nicht, dass jemand ihn für eine Sissy hält. Er wollte nicht feminin wirken oder auch nur den Anschein von Schwäche nach außen tragen.
Als die anderen Seher ihn jedoch zu Halloween in seinem Perfektionismus reizten ("Dein Kostüm ist unfertig ohne Nagellack, schau dich doch mal an!"), ertrug er die Prozedur. Ließ sich von Lovisa die Farbe auf die Finger auftragen und wartete mürrisch eine endlos lang erscheinende halbe Stunde, bis der Lack trocken war.
Die Dämpfe bissen grauenhaft in seiner Nase und er wusste, es würde noch den ganzen Abend so stinken - aber als die anderen den kleinen Farbakzent alles andere als abwertend kommentierten und vor allem auch Loewen ihn mit diesen weit aufgerissenen, bewundernden Augen ansah, fing er an, es zu mögen. Und wie es so häufig bei ihm der Fall war, wurde aus Mögen Obsession.
Johan trug den Nagellack deutlich länger, als nur den Halloween-Abend über. Da er tagsüber und außerhalb der Räume der Seher sowieso fast durchgehend Handschuhe trug, blieben ihm die Blicke anderer erspart. Das einzige Problem aber war, dass das harte Training dafür sorgte, dass der Lack sehr schnell unregelmäßig abplatzte. Schon nach zwei Tagen waren nur noch Reste auf seinen Fingern auffindbar und er wusste, dass er entweder den noch schlimmeren Geruch von Aceton zu ertragen hatte, oder neuen Lack finden musste, um dieses Imperfekt zu beseitigen.
Glücklicherweise musste er nicht lange darüber brüten. Lovisa hatte sich längst in den Kopf gesetzt, ihm aus seiner Misere zu helfen - in dem sie abends im Gemeinschaftsraum ein neues, kleines Fläschchen vor Johans Nase platzierte.
Bevor er etwas sagen oder selbst Hand anlegen konnte (was aufgrund seiner zittrigen Angespanntheit eher ein visuelles Desaster geworden wäre), griff sie beherzt nach seinen Fingern und begann, akribisch dafür zu sorgen, dass der Lack absolut perfekt aufgetragen wurde. Um sie sammelten sich nach ein paar Minuten neugierigen Beäugens die Anderen - mit Ausnahme von Falco - und baten, es auch mal ausprobieren zu dürfen.
Bald schon wurde es ein regelmäßiges gemeinschaftliches Event im Seher-HQ, Johans Nägel in immer neuen Farben zu lackieren. Gesponsert wurden die Lacke natürlich von Lovisa und Lina, die meistens auch entschieden, welche Farbe jede Woche dran war. Sie entschieden auch, wann Henrik und Johan im Partnerlook rumzulaufen hatten.
Während sich die anderen, sogar Pierre, eine Art Wettkampf darum lieferten, wer Johans Nägel am ordentlichsten und gleichmäßigsten lackieren konnte (sein eigener, sehr kritischer Blick als Juror des Ganzen), genoss er diese gezwungen ruhigen Momente. Er erlaubte sich sogar manchmal, wirklich abzuschalten, und studierte die Gesichter der anderen, während sie scherzten und lachten. An besonders guten Tagen ließ er sich gelegentlich auch mitreißen und den anderen schien es zu gefallen.
Natürlich blieb es nicht ewig so. Vor allem, als sie mehrmals am Stück auf lange Missionen geschickt wurden, kam es irgendwann einfach nicht mehr dazu. Dennoch sah Johan an manchen, sehr ruhigen Tagen runter auf seine Finger und dachte darüber nach, welche Farbe die Gruppe wohl diese Woche aufgetragen hätte.
Nicht, dass er jemals selbst bitten würde, das kleine Ritual wieder aufzunehmen.
Er war ja keine Sissy.


