Zeitinvarianz đť—Ťâ‚€
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Die gesamte MTF DE6-𝔗 "Teufen-Teufel" stapfte in Watstiefeln durch Blaubeuren. Obwohl sie nicht mal versuchten, unauffällig zu sein, wurden sie von den Zivilisten in den Straßen nicht wirklich beachtet.

Was vielleicht damit zu tun hatte, dass die Teufel derzeit nur drei Mann stark waren, und sich die meisten Leute nicht wirklich fĂĽr geomorphologische Untersuchungen interessierten.

Es war eine reine Routinemission. Auch, wenn die meisten MTFler es vor dem stationären Forschungspersonal nie zugeben würden, bestand ein Großteil ihres Jobs darin, sich um die Anomalien zu kümmern, die für eine SCP-Designation einfach nicht wichtig genug waren. So lange nirgends etwas schief ging — und das war ja Sinn und Zweck der Foundation — konnten sich die MTFs auch irgendwo anders nützlich machen, statt auf Abruf bereit an ihren Standorten zu vergammeln. Also fiel es auf sie zurück, sich um die unzähligen anomalen Orte zu kümmern.

Die Teufel — Linus Rettig, Task-Force-Captain, Charlotte Sauer, Logistikleiterin, und Dejan Lukić, Erster Ingenieur — stiegen unter dem Absperrband hinter dem alten Hammerwerk hindurch. Ihr Ziel lag tiefblau strahlend vor ihnen — der Blautopf, Karstquelle und Tor in eine andere Welt, auch wenn das vielleicht zu viel Anerkennung für eine recht langweilige Anomalie bedeutete.

Den ganzen Morgen über hatten sie ihre Ausrüstung aufgebaut und Vorbereitungen getroffen, unter dem Vorwand, Forschungsarbeiten durchzuführen, was nicht mal gelogen war. Obwohl sie einen ganzen LKW voll mit Technik mitgebracht hatten, und Lukić mehrere Stützstreben in den See gehämmert hatte, wurden sie bis jetzt noch nicht mal nach ihren gefälschten Papieren gefragt.

DE6-𝔗 war auf unbemannte Erkundungen von schwer zugänglichen, unterirdischen Bereichen spezialisiert. Tunnel, Katakomben, alte Höhlensysteme. Was sie zu der Aufgabe brachte, vor der sie sich kollektiv mit einem extra langen Mittagessen zu drücken versucht hatten: Einen 2,4 Tonnen schweren Tauchroboter in den See zu hieven.

Wenig später pendelte das ROUV, ein Kopie des Hercules-Designs mit ein paar Foundation-spezifischen Modifikationen, langsam über der einladend stillen Wasseroberfläche des Blautopfs. Hinter der Absperrung hatten sich ein paar Schaulustige versammelt, aber das war nichts, worum man sich hätte Sorgen machen müssen. Rettig und Sauer standen mit Seilen gesichert im seichten Bereich des Sees und versuchten die Umbilical irgendwie über die eigens dafür installierten Rollen zu legen — anders als auf offener See bestand hier die Gefahr, dass das Kabel an den Höhlenwänden hängen bleiben oder beschädigt würde.

Rettig gestikulierte zu Lukić auf dem Trockenen — der Glückliche — das Tauchfahrzeug loszulassen. Er tat wie geheißen, und mit einem Platschen fiel das ROUV ins Wasser, tauchte kurz ein und dümpelte schließlich auf der Wasseroberfläche vor sich hin. Rettig und Sauer stiefelten durch die Algen zurück ans Ufer und halfen sich gegenseitig die Böschung hinauf. Jetzt war Zeit für die technischen Checks.

Als ihr Publikum bemerkte, dass sich jetzt erst mal nichts tun würde, zerstreute sich die Menge. Als das ROUV später, im roten Licht der Abenddämmerung, in das nun pechschwarze Wasser abtauchte, waren die Teufel ganz allein.


Das ROUV sank langsam durch die Dunkelheit, das Licht seiner Lampen reichte im schlickigen Wasser kaum jenseits der Reichweite seiner Roboterärmchen. Ohne die Einblendung des Tiefenmessgeräts auf dem Monitor hätte man nicht sagen können, ob es sich überhaupt bewegte. Sauer war bereits ins Hotel vorgegangen, nur noch Rettig und Lukić starrten gebannt auf den Schirm.

Rettig ĂĽbte sanften Druck auf den Joystick aus, mit dem er den Roboter steuerte. "20 Meter." Sie waren am Grund des oberen Trichters angekommen.

Das ROUV drehte sich langsam, bis der Lichtkegel seines Scheinwerfers auf dem Eingang zur Blautopfhöhle ruhte. "Und ab mit uns in den Kaninchenbau…"

Hinter dem Höhleneingang war es, als würde sich ein Schleier vor der Kamera langsam lichten — das trübe Wasser klärte sich auch, und plötzlich beleuchteten die Scheinwerfer einen engen Durchgang im Felsen, gefüllt mit Kies und Algen.

Quälend langsam glitt das ROUV an der farblosen Unterwasserflora vorbei, immer tiefer in die Höhle hinein. Die massiven Steinwände zogen gemächlich an der Kamera vorbei. Lukić hatte die Höhlenkarte neben sich liegen und benannte die Orte, an denen sie vorbeizogen.

"Die Zwillingsgänge". Dahinter die "Kalkschwelle". "Der Bunker". Dann öffnete sich die Dunkelheit in leeren Raum. "Die Donauhalle." Das Gluckern des gegen das Mikrofon schlagenden Wassers hatte etwas Gespenstisches an sich, als Rettig das Tauchfahrzeug durch das schwarze Wasser schweben lies.

"200 Meter. Wir sind gleich da." Sie mussten am Ende der Halle angekommen sein, den plötzlich konnte man wieder so etwas wie Wände in der Dunkelheit ausmachen. Sie tauchten in die letzte Höhle ihrer Reise ein — zumindest die letzte Höhle, die man auf offiziellen Karten würde finden können. "Die Talhalle."

Vor ihnen tat sich wieder eine weitläufige Höhle auf, aber diesmal lies Rettig das ROUV am Grund entlang navigieren. Schließlich erschien etwas dunkles im Licht des Scheinwerfers. Nicht die normale Dunkelheit, die hier zu erwarten war, sondern eine unnatürliche Schwärze, die das Licht förmlich zurückdrängte. Ein kreisrundes Loch im Boden, ein Durchmesser von vielleicht acht Metern, darunter ein schnurgerade nach unten führender Schacht im Fels. Den beiden Agenten fiel auf, dass um den Eingang des Schachtes keine Algen wuchsen — nicht mal Sand lag um den Rand, als hätte jemand sorgsam den blanken Fels gekehrt.

"Okay, wir sind da. Tauche jetzt runter." Retting steuerte das ROUV vorsichtig, damit das Kabel den plötzlichen Winkel in seiner Bahn überstand. Lukić starrte fasziniert auf den Schirm. Was sie nun sehen würden, hatten vielleicht zwei Dutzend Leute vor ihnen gesehen, und die meisten davon waren amnesiziert worden.

"40 Meter drin." Die Felswände waren unnatürlich glatt. Wie geschliffen. "Mach schon mal die Sensoren an." Das hier war erst der dritte Besuch der Foundation — in über dreißig Jahren in denen sie von diesem Ort wussten. Teil ihrer Aufgabe war es, diesen anomalen Ort endlich mal zu vermessen und eine dreidimensionale Karte davon zu erstellen — so abgeschieden und harmlos, wie er war, würde der nächste Besuch wahrscheinlich wieder eine Dekade oder mehr auf sich warten lassen.

Plötzlich brach das ROUV aus dem unterem Ende des Schachts hervor, hinein in einen gewaltigen Hohlraum. Das Wasser hier war klar — unnatürlich klar — und so strich der Lichtkegel über das schweigende Monument, das den Hohlraum ausfüllte.

Eine Stadt — oder zumindest Gebäude. Leere Straßen, gesäumt von einsamen Straßenlaternen und Hochhäusern — riesige Betonklötze, in deren Wänden zwar Fenster, aber keine Scheiben waren — prägten das Bild der Stadt, die sich dort erstreckte. Die Architektur trotzte jeder Orientierung — immer wieder knickten Straßenzüge in Neunzig-Grad-Winkeln ab und erhoben sich entlang von quaderförmigen Säulen. Die Häuserreihen zogen sich auch and den Wänden und an der Decke entlang, wuchsen in strikten rechten Winkeln quer durcheinander, nur um abrupt zu enden.

Die beiden Männer starrten wie gebannt auf die beklemmende Kulisse auf dem Bildschirm. Nur langsam konnten sie sich von diesem Anblick losreißen.

"Mein Gott. Die Struktur ähnelt ja einem riesigen Schwamm." meinte Lukić. "Ja, es wird nicht einfach, das zu kartografieren. Guck mal aufs Sonar." Lukić kam der Aufforderung nach und klappte einen Laptop auf, der die ersten Daten des Sonars lud und zu einem 3D-Modell verarbeitete. "Na das wird ein Spaß. Und ich wollte noch vor Mitternacht ins Bett." Rettig grinste schief. Lukić unterbrach ihn. "Warte einen Moment. Hörst du das auch?" Er drehte den Ton lauter.

Was zuerst nur wie Rauschen geklungen hatte, das unter dem ewigen gluckern der Wassermassen untergegangen war, war nun laut und deutlich zu hören. Ein tiefes, dröhnendes Geräusch, das sich endlos wiederholte. Ein Reiben, als würde irgendwo etwas unsäglich Schweres verschoben, wie ein riesiger Stößel in seinem Mörser. "Die letzten beiden Expeditionen haben nichts davon berichtet."

"Aber hatten die auch Tonequipment?" wandte Rettig ein. "Nicht, dass ich wüsste. Vielleicht ist das so normal. Normal anomal." Rettig nickte, und manövrierte den Tauchroboter an der kahlen Fassade eines Betonmonolithen entlang. "Lass uns mit der Vermessung anfangen." Es gab Lukić das Signal, mit der Sonarvermessung anzufangen.

Ihr Seitensichtsonar war gut — die Auflösung fein genug, um selbst einen Kronkorken auf hunderte Meter Entfernung zu entdecken — aber der quasiurbane Wildwuchs hier unten warf in alle Richtungen Sonarschatten, und die Echos hallten ewig in den toten Winkeln der Anomalie wieder.

Lukić beobachtete, wie die Pings zwischen der glatt geschliffen Kulisse hin und hersprangen, und von der Software langsam, aber sicher zu einer topographischen Ansicht des Ortes verarbeitet wurde. Ganz darauf konzentriert, die fragile Nabelschnur des ROUVs durch die kopfstehenden Straßenzüge zu ziehen, bekam Rettig von dem gleich neben ihm stattfindenden technischen Wunder nichts mit.

"Gott, wie groß ist dieses Ding? Das müssen hunderte von Metern sein." Die Vermessung zog sich hin. Minuten vergingen, dann Stunden, in denen die beiden Männer nur Augen für ihr ROUV hatten, das durch eine erstarrte Welt tief unter ihnen schwebte. Doch Stück für Stück offenbarten sie die Geheimnisse der Anomalie, bis letzten Endes nur noch ein Stück ihrer Karte fehlte.

"Geh da nochmal hin." Lukić deutete auf einen Bereich des Models, in dem die Oberfläche von plötzlichen Verzerrungen und hervorstehenden Stacheln geprägt war, wo die Software versuchte, in fehlerhaften Daten einen Sinn zu finden. "Sieht fast so aus, als ob da etwas unsere Ortung stört." Rettig schaute müde auf die Uhr. Halbeins morgens. Bis sie ins Bett kämen, wäre es sicher Dreie. Er seufzte.

Als sich der Roboter dem blinden Fleck näherte, musste er geschickt an einem Hindernis aus sich überkreuzenden Laternen vorbeitauchen. "Immer noch keine klaren Scans." Rettig navigierte um eine weitere Ecke zum Mittelpunkt des fehlenden Bereichs.

Und da lag es plötzlich vor ihnen, ein weiß glitzerndes Juwel inmitten der grauen Leere. Es drehte sich langsam um sich selbst, als wollte es sich von jeder Seite zeigen. Weiße, geschwungene Formen — eindeutig stromlinienförmig, aber in ihrer Fragilität auch anmutig, fast schon den Werken Gaudís ähnelnd — fügten sich zu etwas zusammen, dass eindeutig nicht natürlichen Ursprungs war.

"Sollen wir da näher hin?" fragte Lukić. "…wenn wir dass jetzt melden," sagte Rettig, "weiĂźt du, welche MTF sie dann schicken, um es genauer zu untersuchen?" Er sah seinen Untergebenen ausdruckslos an. "Uns?" Er nickte anerkennend. "Klingel mal Charlotte aus dem Schlaf."

Rettig steuerte direkt auf das Objekt zu — es war ungefähr von gleicher Größe wie der Tauchroboter. Je näher er ihm kam, umso größer wurde die Störung im Sonar. Schließlich hielt das ROUV direkt davor an — das Sonar lieferte nur noch rauschenden Wahnsinn — und er konnte im Kamerafeed mehr erkennen.

Es war eindeutig technischen Ursprungs. Über der weißen Kunststoffoberfläche erstreckte sich ein hauchdünnes Wabennetz. Das Objekt bestand aus mehreren Teilen, die ineinander übergingen, die Oberfläche makellos, bis auf mehrere kleine Löcher, die wahrscheinlich der Sensorik dienten.

Rettig überlegt gerade, ob er mit den Armen des Roboters danach greifen sollte, als sich plötzlich ein roter Farbtupfer ins Bild drehte. Ein ihm unbekanntes Logo, und gleich dahinter, ein Schriftzug: RTI Kraken MkⅠ.

Mit chirurgischer Präzision bugsierte er den Roboter so vor das Objekt, dass er es mit dem Greifarm an einem länglichen Fortsatz — vielleicht einer Finne — zu fassen bekam. Das Sonar spielte jetzt vollends verrückt. Lukić beobachtete den Strom an Rohdaten fasziniert. "Ich glaube, es stört Sonarortung."

Rettig war zu beschäftigt, das ROUV samt seiner Ladung wieder aus den Häuserschluchten zu führen. Wie der Ariadnefaden markierte das Umbilical den Weg zurück ins Helle, in die echte — oder zumindest realere — Welt. Der Rückweg war nicht weniger nervenaufreibend als der Abstieg in die Anomalie. Diesmal galt es, das Kabel aus beiden Richtungen zu berücksichtigen, und die unförmige, aber überraschend leichte Fracht verdeckte einen Großteil der Sicht zur optischen Navigation.

Langsam zeigten die Stunden der Konzentration ihre Spuren an Rettig. Er blinzelte immer häufiger, und der Bildschirm verschwamm vor seinen Augen. Er lehnte sich für einen Moment zurück und hielt inne, um sich zu sammeln. Als ihn plötzlich eine Stimme überraschte, zuckte er zusammen: "Kann man euch zwei nicht mal für ein paar Stunden alleine lassen?"

Sauer und Lukić bereiteten schon alles dafür vor, das ROUV samt seiner Fracht wieder an Land zu holen, als Rettig noch damit beschäftigt war, träge durch die letzte Verengung zum Quelltopf zu steuern.

Als die drei Teufel den Tauchroboter samt ihrem Fund — im Mondlicht glitzernd wie eine maschinelle Nymphe — per Kran aus dem tintenschwarzen Wasser hoben, war es kurz vor Vier Uhr morgens — bald würden sich wieder die ersten Anwohner aus ihren Betten erheben, und ihre neugierigen Blicke würden auf den Schatz aus der Tiefe fallen.

"Was machen wir jetzt damit?" fragte Sauer, die von allen noch am meisten Elan versprühte. "Packt es unter 'ne Plane zurück auf den LKW, und zurrt dabei schön fest zu. Den Bericht können wir auch noch morgen schreiben." wies der Captain sie an. "Wir brauchen jetzt erst mal 'ne Mütze Schlaf."

Sie taten, wie ihnen geheißen, und bald lag die gesamte teure Technik mitsamt dem Bergungsgut im Frachtanhänger des MTF-Einsatzlastkraftwagens — nicht unter freiem Himmel, aber nur durch die dünnen Aluminiumplatten von der Außenwelt getrennt.


Indes fand weit entfernt — an einem Standort betrieben unter strengster Geheimhaltung — ein finaler Testlauf stand.

Die Häuserkampf-Mechatronik Krake war auf dem Schießstand überragend gewesen, und konnte sich bisher gut im Testlauf auf dem Übungsgelände schlagen. Pappkameraden eilten panisch auf ihren Schienenwegen umher, während der höchst effiziente Jäger lautlos auf sie lauerte. Der Krake war still, in allen Belangen einfach viel zu still, und wendig.

Doch nun geschah etwas: Die Maschine stieß mit einem ihrer Glieder gegen das Gelände. Nichts, womit die motorische Einheit der Maschine nicht zurecht käme, aber doch eine merkliche Erschütterung, stark genug, dass die gut gezielte Salve nicht ihre angedachte Attrappe traf, sondern geschmolzenes Glas aus dem Sandsack davor spritzen lies.

Behände richtete sich die Maschine wieder auf und setzte ihre Jagd fort, grazil und tödlich wie eh und je. Nichts konnte ihr entkommen. Sie stieß sich von Wänden ab, überbrückte vertikale Distanzen mit der Leichtigkeit eines flinken Geckos — wo andere Einheiten auf unwegsamen Gelände abbremsen mussten, wurde sie nur noch schneller — und dass so listig, dass ihre imaginären Feinde sie nicht entdecken würden, bevor es zu spät war, das Feuer zu eröffnen.

Doch plötzlich machte die Maschine wieder einen Satz, und krachte unsanft auf den Schotterboden. Sie hatte nicht einmal versucht, den Sprung abzufedern, als hätte sie nicht erwartet, so früh auf den Boden zu treffen.

Die, die sie aus der Sicherheit eines alten Flugverkehrskontrollturm beobachteten, wurden unruhig. Etwas stimmte nicht, ganz und gar nicht. Unter ihnen schien ihre neueste Innovation zunehmend die Kontrolle zu verlieren. Was gerade noch ein majestätischer Todesengel gewesen war, torkelte jetzt umher wie betrunken, unfähig, auch nur ein Ziel anzuvisieren.

Techniker — zumindest wollten sie, dass man so von ihnen dachte — huschten nervös umher, lasen Betriebsprotokolle, tuschelten untereinander. Hatte schon jemand den Operator gefragt? Ja, das hatte man. Das Problem lag im Umgebungsmodell der Einheit, doch wo? Gab es ein Problem mit der experimentellen Sensorik? Störungen durch die Tarnvorrichtung? War die Motorik fehlerhaft? Ein Glitch in der Maschinenkognition?

Viele Tropfen Schweiß später wurde das Problem gefunden. Das Navigationsnetzwerk — bereitgestellt von mehreren klandestin in den Orbit gebrachten Satelliten, nur den loyalsten Kunden zur Verfügung gestellt — lieferte uneindeutige Umgebungsdaten.

Der Punkt mit dem eindeutigen Identifikationscode des Prototypen — einmalig und nicht reproduzierbar — hüpfte zwischen zwei Orten hin und her. Der eine Standort allen wohl bekannt, wo sie doch nur wenige Schritte von der mittlerweile abgeschalteten Waffe standen, aber der andere ein Mysterium.

Das System meinte, der Prototyp liege an den Koordinaten 48° 24′ 57″ N, 9° 47′ 2″ O, stationär. Ein Ort, gelegen in Deutschland, in dem kleinen Städtchen Blaubeuren. Ingenieure untersuchten den Peilsender im Chassis, doch ihre Hoffnungen liefen ins Leere. Alle Checksummen waren korrekt, die Systemselbstdiagnose fand keine Fehler, und sonst lagen keine Störungen vor.

Erst, als der Operator selbst vor dem Modul saß, und die Zeitstempel der Signale verglich, lief ein erleichtertes Raunen durch den Raum — kurz danach gefolgt von einem entsetzten Luftanhalten.

Die eine Zeitmarke, die aus dem Raum, indem sie alle versammelt waren, tickte beständig von der einen Sekunde auf die andere hoch. Doch die andere war wie eingefroren — der Satellit bestätigte zwar, eine konstante Verbindung zu unterhalten, doch die identifizierende Systemzeit war eingefroren, behauptete beharrlich, dass 4.294.967.295 Sekunden seit Inbetriebnahme vergangen waren.

Köpfe wurden zusammengesteckt, Anrufe getätigt, Vorgesetzte informiert und dutzende Möglichkeiten diskutiert. Etwas musste getan werden, und wenige Stunden später hatte man sich auch geeinigt, was.

Als Nächstes: Zeitinvarianz: 𝗍ₙ

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