Warmweiß
Menschen beschreiben Depressionen häufig mit der Farbe Blau, tristem Grau oder, in ganz harten Fällen, tiefstem Schwarz.
Ich erinnere mich an eine sozio-demografische Studie, die mittels des Beck-Depressions- und Beck-Anxiety-Inventars bei Patienten die häufigst genannten Farben ermittelte. Dabei trifft diese Assoziation lediglich auf einen Teil der Gesellschaft in unserem Kulturkreis zu.
Für mich ist die Depression weiß, blendend, leer, gesichtslos, gefühllos. Laborkittel, die nondeskriptiven Tische in all den Räumen und Büros der Foundationstandorte, den knisternden und sirrenden Deckenlampen, die Dokumente, welche in meinem Schoß liegen. Und doch ist sie gleichzeitig … wohlig. Unkompliziert, geordnet in einer Weise, wattig, betäubend von all dem Stress, von allem, was ich nicht kontrollieren kann oder nicht schaffen kann.
Vielleicht ist sie eher ein Warmweiß.
Der kurze, flüchtige Gedanke an die Unterlagen vor mir kratzt an einer Empfindung, etwas, was unangenehm ist, was zu stark ist, was mich ertränken würde.
Ich spüre mich weiter in das betäubende Weiß gleiten und mich davon aufnehmen. Kein Chaos um mich, keine Gedanken an … An das Geschehene.
Ich schließe kurz meine Augen. Dann öffne ich sie wieder. Es ist Abend geworden, sagt das leuchtende Panel auf dem Tisch vor mir. Ich habe meine Arbeit nicht geschafft. Dafür erinnern mich Schmerzen vom langen Sitzen in meinen Beinen, dass ich mich kaum bewegt habe.
Ich habe nicht geschlafen, oder? Nein, ich war die ganze Zeit wach. Kollegen sind an mir vorbeigegangen, haben gegrüßt, Nebensächlichkeiten mit mir ausgetauscht, mich mit diesem Blick angesehen und ich habe ihnen dieselben leeren Worte entgegnet, die sie immer von mir erwarten, begleitet von meinem Lächeln, mit dem sie immer rechnen. Auch jetzt grüßt ein Kollege mich bei seinem Gang aus dem Büro; sein Gesicht merke ich mir nicht. Ich spüre meine Mundwinkel ihren Dienst für ihn tun, dann schließe ich kurz meine Augen, um mich in die Watte zurückzuziehen.
Ich öffne sie wieder und liege auf der Decke meines Bettes. Ich habe nicht geschlafen, ich erinnere mich szenisch an meinen Weg raus aus dem Standort, an den leeren Gesichtern vorbei durch die fensterlosen Gänge, den endlos scheinenden Fahrstuhl nach oben, mit ein paar von ihnen im Bus für Angestellte sitzend und den Berg hinabfahrend in das kleine Örtchen, wo manche von uns eine Wohnung beziehen durften.
Ich spüre schwach, dass ich im Standort wahrscheinlich nichts gegessen habe. Ein Gedanke taucht aus der warmen, weißen Watte auf und bestätigt mich in meinen Überlegungen. Es ist besser so, genau. Was wäre schließlich, wenn die Soldaten auch wieder in die Forscherkantine eingeteilt wurden und ich ihnen begegnet wäre? Wenn er da gewesen wäre? Sie hätten mich mit diesem Blick angesehen, nach meinem Bein gefragt, das schon lange wieder verheilt ist und mich behandelt wie … wie …
Wie das Häufchen Elend, das du doch bist.
Ein ziehendes Gefühl in meiner Brust gesellt sich zu dem von Hunger. Nach einer Weile folgt ihnen auch die Steifheit meiner Muskeln und Gelenke, da ich es nicht schaffe, mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Meine Nachttischlampe ist noch an und ich kann sehen, wie mein Arm unbeweglich und schwer vor mir liegt.
Du bist erbärmlich. Lächerlich. Den ganzen Tag rumsitzen und hübsch aussehen und dann noch zu faul sein, um dir TK-Fraß zu machen. Oder deine Kleidung zu waschen. Oder das verdammte Licht auszumachen.
Es kreist in meinem Kopf, immer und immer wieder. Irgendwann fühle ich Feuchtigkeit von meinen Augenwinkeln über die Wange laufen, an meinem Nasenflügel hängen bleiben, bis es zu viel wird und über die Spitze abtropft. Das Geräusch der Träne, die auf dem Laken unter meinem Gesicht aufkommt, wirkt in der sonstigen Stille des Apartments unnatürlich laut. Ihr folgen ein paar weitere und der leise Rhythmus und die Mattheit, die der Anstrengung des Gedankenkarussells folgt, lassen mich nach ein paar Augenblicken endlich einschlafen.
Ich laufe. Schreie. Versuche irgendwie noch jemanden zu warnen, doch die Druckwelle der anomalen Explosion wirft mich durch den Gang wie eine Puppe mit durchgeschnittenen Fäden und presst mir den Atem aus der Brust.
Deine Schuld.
Staub bohrt sich in meine Lunge. Feuchtigkeit und Druck an meinem Oberschenkel. Brennende und stechende Handflächen, während ich versuche, mich aus den Trümmern zu ziehen. Mein Bein steckt fest, Blut tropft auf den Boden. Ich sehe Janine nicht, aber ich weiß, dass sie zwei Meter entfernt von mir liegt und stirbt. Genauso wie Franco.
Deine verdammte Schuld.
Ich höre Schreie in der Ferne und dumpf die Sirene des Standortes sowie die Notdurchsagen, aber ich verstehe nicht, was sie sagen. Ein Knistern in der Luft gesellt sich zu der dumpfen Kakophonie um mich. Schwere, eilige Schritte kommen näher und ich sehe den Strahl einer dünnen Helmlampe den Staub um mich durchdringen. Mein Hilferuf geht in einem schmerzhaften Keuchen und Husten unter, als mehr Staub in meine Lunge dringt. Das unruhige Zucken des suchenden Lichtkegels landet starr auf meinem Gesicht, aber nichts passiert. Geblendet strecke ich die Hand aus, aber die Rettung kommt nicht.
Du hättest sterben sollen.
Ich nicke und lasse die Hand in den Staub sinken. Der Hustenreiz wird immer schlimmer und ich bekomme kaum noch einen Atemzug heraus. Der Name 'Sarah Loewen' hätte an dem Tag mit auf der Liste der Opfer stehen sollen.
Hustend wache ich aus dem wiederkehrenden Albtraum auf. Ich stolpere aus meinem Bett und in die kleine Küchenzeile, um meinen ausgetrockneten und gereizten Rachen mit Wasser zu beruhigen. Verdammte Überlebensschuld. Ich stürze die lauwarme Flüssigkeit aus dem Hahn hinunter und schlurfe dann zurück zu meinem Bett. Ich setze mich auf die Bettkante und spüre mein Herz noch immer rasen ob der im Traum wiedererlebten Ereignisse. Ein Blick auf meinen Wecker sagt mir, dass ich noch eine Stunde habe, bis ich aufstehen muss für die Arbeit.
Der anfänglichen Panik nach dem Traum folgt das Gefühl von … bedrückendem Nichts. Der Gedanke an die Foundation, daran wieder einen Tag halbwach im Nebel meiner Gedanken und Ängste unter meinen gesichtslosen Kollegen zu verbringen, erstickt mich fast. Ich bin mir nicht mehr sicher, wozu das alles dienen soll; was ich hier eigentlich mache.
Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, wie in meinem Fenster das Schwarz der Nacht der blauen Stunde gewichen ist und die ersten Blitzer der aufgehenden Sonne zwischen den Bergen hervorlugen. Man könnte es schön nennen, wenn man den Kopf dazu hätte.
Das Geräusch einer eingehenden Nachricht auf meinen Foundationphone zieht mich zurück ins Jetzt und ich greife mit einem Arm nach dem Gerät auf meinem Nachttisch. Neben diversen Erinnerungen steht eine Nachricht prangernd als erstes auf dem Display:
J. Frey (05:57)
Nimm deine Medikamente.
Es ist mittlerweile die dritte Nachricht ohne eine Antwort von mir. Das zusätzliche Leerzeichen in einer von ihnen machte deutlich, dass er sich die Zeit genommen hatte, die Nachrichten neu zu schreiben, statt die erste einfach jeden Tag zu kopieren.
Ich will antworten; ein Teil von mir will. Aber meine Muskeln verweigern mir den Dienst. Ein Rauschen in meinen Ohren betäubt alles andere um mich. Warum er? Von allen Menschen, die, abseits von der mir zugewiesenen Psychologin, keine gesichtslosen Fremden bleiben konnten, warum ausgerechnet er?
Mein Herz scheint langsamer zu werden, der Rhythmus dumpf in Brust und Ohren. Ich merke die weiße Watte wie eine schützende Decke um meinen Geist kriechen. Es wird wieder blass um mich. Und ich schäme mich. Für mich selbst. Dissoziation. Ich kenne die Anzeichen, aber kann es nicht verhindern. Mein Blickfeld wird enger, kleiner, als würde ein Fernseher vor mir weggeschoben, der die Realität enthält. Ich sehe zu, wie mein Körper aufsteht. Er tut, was sinnvoll wäre. Kleidet mich ein, geht ins Bad. Dann macht er sich mit mir als Beifahrerin in meiner warmen, weißen Decke auf zur Arbeit im Standort auf dem Berg. Ich schließe meine Augen.
Ich öffne sie wieder und schaue auf meine Hände. Ich bin nicht mehr nur Beifahrer, aber in Kontrolle bin ich auch nicht. Nicht wirklich, zumindest. Ich versuche mich auf die Paper zur anthropologischen Forschung zu konzentrieren, aber die Worte kommen und gehen. Ich lese einen Satz, einen zweiten, dann fange ich wieder mit dem ersten an. Der Inhalt bleibt einfach nicht hängen.
Eine andere Forscherin hat ein Kind bekommen und wir alle essen Kuchen. Ich zwinge das Stück hinunter und bewege meine Mundwinkel nach oben, damit sie mich in Ruhe lassen.
Als die ersten gesichtslosen Kollegen aufstehen und nach Hause gehen, folge ich ihnen. Durch die fensterlosen Gänge, den endlosen Fahrstuhl nach oben, in den Bus den Berg hinab.
Zuhause angekommen, kann ich nur noch auf dem Bett zusammenbrechen und auf den erlösenden Schlaf warten.
Janines Kopf ist zertrümmert. Ihre Zahnabgleiche sind nicht zuordenbar. Jemand muss sie in der Kühlkammer identifizieren, um ein Bestätigungsmerkmal abseits der Fingerabdrücke zu haben, da der DNA-Test mehrere Tage dauern kann. Erst dann können ihr Körper und persönlichen Effekten der Familie zugestellt werden.
Warum ich?
Ich sehe auf den Körper hinab, dessen nicht vorhandenes Gesicht glücklicherweise abgedeckt worden war. Auch andere Wunden sind verdeckt und die Schicht aus knisternden Staub, die auf uns allen geklebt hatte, ist vorher entfernt worden.
Ich hatte ein paar Wochen mit der Jungforscherin aus Sachsen verbracht. Wir haben uns gut verstanden; sind zusammen in die Kantine gegangen. Ich erkenne zwei prägnante Leberflecke auf ihrem Unterarm, über die wir zusammen gelacht hatten, weil sie wie ein Tier aussahen. Mein Blick verschwimmt vor Tränen und der Druck auf meiner Brust nimmt zu.
Brust? Nein, der Druck ist auf meinem Bein. Die Trümmer pressen darauf und meine Gedanken rasen, weil ich um die Gefahr eines Crush-Syndroms weiß. Bevor ich die fünf "P"s durchgehen kann, um das Syndrom festzustellen, taucht vor mir wieder der Lichtkegel auf. Staub wirbelt davor wie tanzende Schemen und ich recke hustend eine Hand danach aus.
Du solltest dort in der Kühlkammer liegen. Dein Name mit dem deines Vaters auf dem Grabstein stehen.
Mein Arm ist zu schwer. Der Hustenreiz nimmt mir alle Kraft und ich lasse meinen Kopf auf den Boden sinken.
Wieder erwache ich mit Druck auf der Brust. Panik lässt mein Herz rasen und ich fliehe aus dem Bett in die Küchenzeile, um mit Wasser den Husten zu lindern. Mein nächster Termin mit Dr. Sand wäre erst in zwei Tagen und ich überlege, mich krank zu melden. Gleichzeitig würde es mich immer weiter als nutzlos brandmarken; eine weitere ausgebrannte, depressive Forscherin. Die Foundation kann mich problemlos ersetzen. Ich mache keine wichtige Forschung. Ich habe keinen Abschluss, nicht einmal einen Doktortitel, den ich irgendwem unter die Nase reiben kann. Und wenn sie anfangen, ihrerseits nachzuforschen …
Ich schlucke den Gedanken mit mehr Wasser wieder hinunter und halte mir das kühle Glas an die Stirn. Ein sanftes Geräusch von meinem Handy am Bett sagt mir, dass ich wieder an die Tabletten erinnert werde. Warum kann er mich nicht endlich allein lassen? Hat er nicht genug angerichtet? Nein, nein, das war ganz allein ich. Er tut nur, was ihm eindoktriniert wurde.
Mir wird übel und schwindelig. Ich schäme mich für mich, meine Ängste, meine Taten. Das Gefühl in meiner Brust nimmt überhand und droht, mich zu begraben wie die Trümmer in meinen Träumen. Fast schon dankend nehme ich die weiße Watte an, die den Druck von mir nimmt. Ein Rettungsring, eine helfende Hand. Ich schließe die Augen.
Dieses Mal öffne ich sie erst wieder zurück auf der Bettkante sitzend. Ich sehe den Tag in meinem inneren Auge szenisch ablaufen und akzeptiere, dass das jetzt mein Leben ist. Ein Beifahrer meines Körpers, eine leere Hülle, die irgendwann auffliegen und entsorgt wird. Das Geräusch meines Foundationphones lenkt mich von meinen Gedanken ab und ich greife danach. Es ist Olga. Sie schreibt und fragt, wie es um meine Doktorarbeit steht. Ob es mir gut geht in den Bergen. Ob mir das Meer fehlt. Ich will sie anrufen, schreien, dass ich es nicht schaffe, dass ich sie vermisse, dass ich einsam bin in diesem verdammten Bergbunker. Stattdessen fällt mir das Handy aus der kraftlosen Hand und ich verberge mein Gesicht in meinen Händen. Tränen rollen für einen Moment an diesen herab, bis auch das nicht mehr hilft.
Erbärmlich.
Ich lasse mich mitsamt Kleidung in Embryonalstellung auf mein Bett zurücksinken, ziehe die Beine an und warte auf einen hoffentlich Albtraum-freien Schlaf - oder das Einsetzen der Morgendämmerung.
Trümmer, Staub, Blut, Janine. Es wiederholt sich immer und immer wieder. Wie lange noch? Wie lange muss ich diesen Tag noch erleben?
Als ich den Lichtkegel trotz Hustenreizes näher kommen sehe, strecke ich meine Hand aus und die Gestalt mit der Helmlampe kommt näher zu mir. Sie blendet mich für einen Moment, bis der Soldat sich in die Hocke herablässt. Er ist genauso wie ich in knisternden Staub gehüllt, aber als er nach meiner Hand greift, wischt er mit seiner anderen über sein Visier und eisblaue, kalte Augen fixieren mich. Ich zucke zusammen und das ziehende Gefühl in meiner Brust kehrt zurück. Nicht er, bitte nicht. Alles, bloß-
Er lässt meine Hand plötzlich los und macht Anstalten, aufzustehen. Hinter dem Helm höre ich ihn gedämpft sagen: "Du hast es verdient."
Dann dreht er sich um und verschwindet zwischen dem Geröll. Ich sehe den Lichtkegel noch einen Moment über die Wände hüpfen, dann versinke ich in völliger Finsternis. Kein Geräusch, kein Staub, kein Husten. Ich bin allein.
Allein in meinem Zimmer. Dehydriert, aber am Leben. Es ist noch vollkommen finster draußen, stelle ich mit einem Blick aus dem Fenster fest. Aber etwas ist anders als die letzten Nächte. Ich fühle mich anders. Nicht betäubt, sondern im Hier und Jetzt. Ich bereite mich auf die Arbeit vor und beschließe, dass ich einerseits mit Dr. Sand über die Albträume reden sollte, als auch irgendwie mit Johan sprechen muss. Ich weiß noch nicht, worüber, geschweige denn wie. Aber ich werde es mir auf dem Weg dorthin überlegen.
Ich pflege mich, versorge meinen Körper und nehme dann den ersten Bus Richtung DE20. Während ich durch die vom Kälteunterschied beschlagene Scheibe schaue, geht die Sonne über dem golden glitzernden Bergschnee auf und ich denke unweigerlich an das gleichsam glitzernde Wasser der Nordsee, wenn ich mit Olga im Boot unterwegs gewesen bin. Im Frühjahr sollte ich wieder nach DE7 gehen. Mum besuchen. Paps Grab mit frischen Blumen versorgen.
Wenn nur nicht … Genau. Darüber würde ich mit Johan reden. Wir stecken da jetzt zusammen drin. Ich bin keine Gefangene. Erst recht nicht seine.
Es ist knapp acht Uhr, als ich aus dem Fahrstuhl trete, der zu den Ebenen führt, die vorwiegend den Einsatzkräften vorbehalten sind. An meinem ersten Tag hier hatte mich Dr. Faust durch das brutalistisch gestaltete Gebäude geführt, auch diese Bereiche, aber es fühlt sich an, als seien seitdem Jahre vergangen. Zudem sieht hier alles gleich aus. Ich überlege für einen Moment, ob ich die Standortsicherheit fragen soll, aber das würde zu viele andere Fragen nach sich ziehen. Drum wandere durch einen mir nicht wirklich bekannten Gang nach dem anderen, den Markierungen und Leitlinien an der Wand folgend, die zu den Einheitsquartieren weisen. Das Sirren der Lampen bleibt für eine Weile mein einziger Begleiter, bis leises Lachen aus einer der breiten Flügeltüren dringt. Ich bleibe in etwas Entfernung stehen und bald kommen drei Männer aus eben jener Tür in meine Richtung; einer von ihnen auffällig groß. Der Druck in meiner Brust nimmt wieder zu, als sie mich bemerken und Johan daraufhin den anderen bedeutet, sich zu verziehen. Sie machen auf der Hacke kehrt, schauen dennoch noch ein paar Mal zurück, während er mit düsterer Miene auf mich zukommt. Ich will den Mund aufmachen, aber er drängt mich in eine Nische, außerhalb der potentiellen Sicht anderer. Ich spüre seine Anspannung, den kaum unterdrückten Ärger, bevor er leise aber deutlich auf mich einredet.
"Was zum Henker machst du hier, Loewen? Was soll das?"
Aus Gewohnheit steht er leicht vorgebeugt. Wie ein Tier vor dem Angriff, merkt mein Geist an. Er mustert mich kurz und fährt dann fort: "Du zwingst mich, alles zu kompromittieren, was wir irgendwie aufgebaut haben - weil du deine verdammten Pillen nicht schlucken willst und dich zu Tode hungerst und jetzt hier angekrochen kommst um … Um was zu tun? Willst du-"
Ich habe genug. Seine Art macht etwas mit mir, mit meiner Erschöpfung, mit meiner Verzweiflung.
"Ich will gar nichts, ich … Es reicht mir. Ich kann nicht mehr. Ich bin gefangen, egal wo ich hingehe, kann mit niemandem reden, werde behandelt wie ein verletztes Tier - alle sehen mich an, als würde ich jeden Moment zusammenbrechen und … und vielleicht stimmt das! Ich habe verdammte Konzentrationsprobleme, Albträume. Ich habe seit gut zwei Wochen keine Arbeit mehr erledigt-"
"Ich weiß."
"-ich werde meinen Doktortitel nie erhalten, kacke, ich weiß nicht einmal, was ich als Doktorarbeit machen soll. Olga wird mich rauswerfen und dann werden sie alles rausfinden. All diese miesen Geheimnisse, mit denen ich allein bin, weil du zu feige bist, dich mit deinem eigenen Mist auseinanderzusetzen. Du bist … du …"
Ich hole aus und will mit der Faust verzweifelt gegen etwas schlagen, auf seine Brust trommeln, damit er endlich etwas tut, endlich mehr ist als ein Teil meiner Pein, aber sobald ich auch nur die kleinste Bewegung mache, greift seine Hand schmerzhaft wie ein Schraubstock nach meinem Arm und fixiert mich. Ein winziger, leiser und rationaler Part in mir informiert mich, dass es seine Reflexe sind und er mir nicht schaden will. Ich lehne mich in seinen Griff. Was auch immer ich angestaut hatte an Energie, war verpufft. Ich schaue zu ihm hoch und schaffe es nur für einen Bruchteil einer Sekunde, seinen Blick zu suchen. Ich wende mich sofort wieder ab. Ich habe eine Reihe an Emotionen über sein Gesicht huschen sehen, aber da war vor allem eines: Er sieht mich nicht so an, wie die anderen. Mit all diesem Mitleid und Mitgefühl. Er sieht mich für mich. Und … Da war noch mehr, etwas … Unerwartetes. Bewunderung?
Ich fühle leise Schluchzer meine Kehle hochkriechen und mir mehr und mehr die Luft nehmen, je stärker sie werden. Mir wird schwindelig, aber ich versinke nicht mehr in weißem Nebel. Zumindest für den Moment nicht. Stattdessen wird der Schraubstock um meinen Arm gelockert. Johan gestattet mir, mich an ihn zu lehnen und seine Brust unter der Uniform entspannt sich etwas. Nach ein paar Momenten räuspert er sich leise, dann spüre ich ihn zum Sprechen ansetzen.
"Loewen … Du brauchst in der Foundation keinen Doktortitel. Du bist- hmm …"
Er zögert und scheint nach den richtigen Worten zu suchen, die ihm offenbar nicht kommen. Er mahlt merkbar mit dem Kiefer. Ich weiß, dass er es nicht schaffen wird, die Schuld auf sich zu nehmen, aber ich verstehe, dass etwas in ihm arbeitet. Ich versuche, mein Weinen zu unterdrücken, damit er weiterreden kann.
"Du bist einer der schlauesten Menschen, die ich kennenlernen durfte. Unbeholfen, zerbrechlich, ja, aber deine Arbeit wird von diversen Forschern hier hoch angesehen. Du kannst das derzeit nicht wahrnehmen."
Er sagt es mit Endgültigkeit in der Stimme. Und ich akzeptiere es für den Moment. Es entsteht eine kleine Pause und als ich nichts sage, fügt er an: "Ich bringe dich in dein Apartment. Du brauchst Ruhe. Den Rest ordnen wir danach. Sand wird dich ohne Zögern für den Tag freistellen." Er drückt mich ungewohnt vorsichtig von sich, wagt es aber scheinbar nicht, etwas anderes zu tun, als seine Hand auf meine Schulter zu legen. Er schiebt mich langsam aber bestimmt an der Schulter durch den Gang und ich denke an die Personen, die uns sehen und vielleicht doch noch alles auffliegen lassen könnten.
"Was, wenn uns jemand-"
"Dann lass sie annehmen, wir seien zusammen. Sie haben eh' genug Vermutungen aufgestellt."
Er scheint für einen Moment zu überlegen, dann fügt er hinzu: "Wenn du schon mit Sand redest - du solltest dich auf Trimipramin oder Desipramin umstellen lassen." Ich frage lieber nicht, woher er weiß, welche Antidepressiva ich derzeit zu mir nehme, aber ich nicke vorsichtig.
"Wegen der schlechten Träume?"
"Wenn du es so nennen willst, ja. Ich … ich kann die Nacht da bleiben, wenn es hilft, nicht allein zu sein. Auf der Couch, meine ich. Oder auf dem Boden."
Bei dem Gedanken kratzt wieder ein Gefühl an der Watte in meinem Kopf, etwas, was wärmer und angenehmer ist, als das betäubende Weiß. Plötzlich scheint mir seine leicht plumpe Art irgendwie liebenswert auf eine Weise und ich bejahe seinen Vorschlag. Vielleicht lassen sich meine nächtlichen Dämonen tatsächlich so austreiben.


