Ich muss sagen, dass ich mich zu jener Zeit völlig unfähig fühlte. Noch etwas zu leisten vom dem, was ich als meinen Lebensinhalt definiert habe und noch immer tue, das stellte eine schiere Unmöglichkeit dar. Alles hätte ich an die Wand werfen mögen, bösartige Dinge sagte ich zu Angehörigen, Freunden, Nachbarn. Was also tun bei Frustration und einer Leere in sich selbst? Sicher, den Kopf freibekommen und ein Spaziergang, frische Luft, ein anderes Bild. Was würde denn noch mehr Sinn ergeben?
Inspirieren ließ ich mich endlich durch die Lektüre eines Reiseberichtes unseres großen Dichterfürsten. Die warmen und beinahe liebevollen Beschreibungen von Landschaft und Menschen … Das ließ in mir die Hoffnung keimen, dass dort vielleicht ein probates Mittel gegen die künstlerische Stauung in meinem Kopf zu finden sei. Und so packte ich bei Nacht und Nebel zusammen, was mir geeignet und nötig erschien, ließ meine Abreise und mein Ziel unausgesprochen. Nun sei gesagt, der erste Teil der Reise war mir leidig. Wetter und Witterung waren denkbar schlecht, Mittenwald, Scharnitz, Seefeld und auch Innsbruck nahm ich beinahe nicht wahr. Schlimmer noch war der Brennerpass, wo ein fürchterlicher Sturm tobte und es sogar im frühen September schneite. Meine Sinne sanken und erst als ich wieder tieferes Land und damit das ersehnte Italien erreichte, besserte sich meine Stimmung. Es dauerte wohl noch ein wenig, aber dann erfüllte mich der Lago di Garda in seiner ruhigen Schönheit mit Freude.
Ein erster Eindruck der von mir so sehnlich erhofften Ansichten und somit einer Rückkehr schöpferischer Kräfte brachte mir allerdings das Dreigestirn von Verona, Vicenza und Padua. Rückblickend betrachtend ein süffiger Vorgeschmack auf das kulturelle Spektakel, welches mich nur wenig später erwartete. Und die Angst, welches es endlich mit sich brachte. Goethe, mit dem ich mich nun wahrlich nicht vergleichen will, den hielt es immerhin ganze siebzehn Tage in der fantastischen Lagunenstadt Venedig. Mich hielt sie ebenfalls gefangen, sprich- und wortwörtlich gesprochen. Was ich nun dort vom Markusplatz aus erkundend erlebte, tut keinen Beitrag zu diesem kurzen und kuriosen Bericht; ich möchte doch anmerken, dass mich das Ambiente und die Fülle der Eindrücke und Schönheiten beinahe überwältigte.
Bezahlen konnte ich als verarmter Künstler, dessen Reise bereits ein Gros seiner Barschaft verschlungen hatte und der selbst nicht wusste, wie das weitere Fortkommen zu bezahlen sei, wahrlich nicht viel, und sah ich mich gezwungen, Quartier in einer Absteige in San Leonardo, nahe des Ghetto zu beziehen. Wahrlich nicht luxuriös, doch wohl romantisch saß ich nun abends in meiner Kammer unter dem Dache und schrieb im Lichte einer flackernden Gaslaterne. Allein, der beflügelnde Geist wollte und wollte nicht über mich kommen. Oftmals dachte ich den einen irrigen Gedanken: Womöglich ist einem jeden Menschen nur ein gewisses Quantum an Kreativität gegeben, ist es verbraucht, so kommt es niemals wieder. Ich trudelte während ein, zwei Wochen in einen Strudel der Verzweiflung, je mehr ich auf Eingebung hoffte, desto mehr entzog sie sich mir. Die Zeit verbrachte ich nun in der Umarmung billigsten Weines und mit verzweifeltem Flanieren durch die engeren Gässchen Venedigs.
Eines Abends nun, ich gestehe, völlig berauscht und verzweifelt, da sah ich einen Ausweg und zwar den einfachsten, für einen Christen unmöglichsten. Ich stand am Rande meines Lebenswillens an einem anderem Rande: Dem eines der kleinsten "Canali", die von den Einheimischen "Rii" genannt werden. Hier war es dunkel, bis auf den Mond, der es irgendwie geschafft hatte, sein Licht zwischen die Häuserschluchten zu pressen. Das Wasser reflektierte in meinen damals vernebelten Augen als Spiegel meiner Selbst, ein sinnloses Hin- und Hergeschaukel. So beschloss ich also, mich hineinzustürzen. Getan, das Wasser umschloss mich, sog sich in meine Kleidung, begann an mir zu zerren. Ich bot der Kraft, die ich selbst beschworen hatte, keinen nennenswerten Widerstand und bekämpfte meine natürlichen Instinkte, die mich zwingen wollten aufzubegehren. Wie romantisch der Tod in den Wassergassen von Venedig, so dachte ich.
Allerdings war mir dieser Tod nicht vorherbestimmt, vielleicht könnte man sagen: nicht vergönnt. Denn nun muss ich mit dem seltsamen Teil dieser Erzählung beginnen. Ich sage ausdrücklich nicht "Bericht", denn ich bin bis auf den heutigen Tag nicht sicher, ob es geschah, wie ich es erinnere. Nur die Dinge auf meinem Tisch sind real, in dem Moment, wo ich dies schreibe, kann ich sie betrachten, berühren. Was mit mir geschah, nun, ist skurril und niemand, der nicht Ähnliches erlebte, wird mir Glauben schenken wollen.
Ich stürzte durch das brackige Wasser, viel zu lange, als dass ich nicht längst den Grund hätte erreichen müssen. Bei Gott, obwohl es in diesem Zwielicht nicht möglich war, so sah ich die hölzernen Pfosten, auf denen die Stadt nun einmal ruht, dann verschlang mich eine Wand aus grob gefügten Steinen. Als ich wieder zu mir kam, war mir, als sei ich tatsächlich tot, und dieses Jenseits war geradezu widerlich. Die Strafe eines Selbstmörders. Kurioserweise waren meine Kleider trocken und um mich herum herrschte eine wahrhaft stygische Schwärze. Tatsächlich sah ich vor mir nur ein einziges Licht, das von einer blakenden Fackel in einer Wandhalterung stammte. Ich torkelte förmlich auf sie zu, nahm sie schließlich vorsichtig ab.
Ich betastete die Mauer des Raumes, dessen Ausmaße ich noch nicht erahnte, sie war trocken und glatt. Ein größeres Mysterium stellte der Boden dar, es handelte sich um ein äußerst kunstvoll gefügtes Parkett, das sich außerhalb meines Sichtkreises in alle Richtungen im Dunkel verlor. Dies war ein primäres Zeichen, dass ich nicht der erste Besucher hier und womöglich nicht allein war. Ich rief also um Hilfe, in allen Sprachen, die mir geläufig sind. Niemand antwortete. Mich selbst in aufkommender Panik zurück zur Vernunft rufend begann ich, der Wand folgend und dabei meine Schritte zählend, die Begrenzungen des Raumes abzuschreiten. Vorher machte ich mittels Rußes ein Zeichen, damit ich die Stellen wiedererkennen würde, sollte ich im Kreise laufen. Bald fand ich weitere Fackeln, welche ich entzündete, ermahnte mich aber, es nicht mit allen zu tun. Der Saal war, gering gesprochen, riesig. Irgendwann gab ich das Zählen auf, nachdem ich dann vier Seiten abgeschritten hatte, fand ich mein eigenes Zeichen wieder. Entkräftet steckte ich mein Licht zurück in den Eisenring. Diesmal konnte mich die Verzweiflung zu nichts treiben, in tiefer Erschöpfung sank ich in dem runden Lichtkreis zu Boden, rollte mich ein, so gut es eben ging, und schlief ein. Mein letzter Gedanke vor dem Entgleiten in Morpheus' Arme war, dass ich keine Türen hatte entdecken können.
Beim Erwachen stellte ich zu meiner Verwunderung fest, nein, ich erstarrte beinahe in der Erkenntnis, dass sich der Raum, wenn auch wohl nicht in seiner grundlegenden Form, so doch in der Ausstattung verändert hatte. Nun brannten doch sämtliche Fackeln im Saal, auch einige, die ich nicht vorher entdeckt hatte. Leidlich war von meiner Ecke nun die gegenüberliegende Seite zu erkennen. Doch vor mir lag etwas Verstörenderes, das meinen Verstand und auch mein Herz ins Schleudern brachte. Schrecken erhob sich vor mir, zwang mich an die schützende Brüstung. Da waren tönerne Behältnisse, Brot und getrocknete Früchte. Und noch schlimmer: Werkzeug, auch einige Pinsel sowie Farben und Papierbögen, zusammengerollte Decken und, ich will es nicht verhehlen, ein Aborteimer. Wer hatte sich hier aufgehalten, während ich schlief? Nun, ich versuchte einmal mehr, mich zusammenzunehmen. Von dem Wasser in den Flaschen nahm ich gezwungenermaßen etwas zu mir, es tat mir gut. Da ich besser sehen konnte, wollte ich nun den ganzen Raum einmal diagonal abschreiten, vorsichtig, denn irgendwo sollte doch ein Ausgang zu finden sein. In der Mitte des Saales fand ich schließlich etwas Merkwürdiges vor, ein Muster aus Intarsien im Boden, sie bildeten ein Hexagon aus schwarzem Holz, einen Tanzkreis vielleicht. Für Teufel, Hexen oder anderes, ich wusste mir es nicht zu erklären.
Nun fahre ich fort mit der Schilderung meiner Erkundung, leichter wird es mir sicher nicht. In diesem bewussten zentralem Kreis, wenn man eine exakte geometrische Form so nennen mag, fand ich eine Leiche. Einen Mann in zerschlissenen, altertümlichen Kleidern. Das Skelett des armen Mannes war von brauner, lederner Haut überzogen. Auch soll hier nicht gelogen werden, ich war tödlich erschreckt. Und ein drittes Mal überwand ich mich. Ein fürchterliches Loch klaffte in der rechten Schulter des Verstorbenen, so tief, dass es durch den Körper selbst hindurchgegangen sein musste. Eine Ursache war für mich nicht erkennbar. Meiner Pflicht als Christenmensch und der gleichzeitigen Unmöglichkeit, den Ärmsten zu beerdigen, musste ich mich damit begnügen, ihn in einen entfernten Winkel des Saales zu ziehen. Ich bedeckte ihn so gut es ging mit meinen Decken. Dann, nach einem Gebet, zog ich mich zurück in meinen eigenen Winkel. Verständlich ist wohl, dass niemand gern direkt neben einem Leichnam nächtigen will.
Man wird verstehen, dass, jedenfalls für mich, der ich nun in völliger Abgeschiedenheit jeglicher Tageszeit lebte, noch dazu mit einer Leiche, der Schlaf alles andere als normal gewesen hätte sein sollen. Doch das stimmt nicht. Es war immer erlösend, von irgendetwas anderem zu träumen als den Wänden, den Fackeln und der Erinnerung an den ganz offensichtlich Ermordeten. Und da überkam mich schließlich die Idee, dass ich doch Künstler war, wenn auch nur selbsternannt, möglicherweise.
Eines Morgens stand ich auf, verschmähte Obst, Wasser und Eimer. Ich zeichnete einen Bogen auf die Wand hinter mir. Dann begannen die Skizzen. Alle Erinnerungen an griechische und römische Mythologie flossen hinein, auch das Erlernte sowie aus Büchern und Bildern Entnommene. Weil das nicht als genug erschien, fügte ich Eindrücke meiner bisherigen Reise wie auch Dinge, die ich nur aus Bilderbogen und Kunstwerken kannte, ein. Ich arbeitete im Fiebereifer, sie war wieder da, die eine Kraft, die nur ein Schaffender wirklich kennt. Manchmal kam ich zurück zum Wasser, stärkte mich an den sich stetig erneuernden spärlichen Speisen. Aber es war nie genug, um mich zu nähren, mich gierte nun nach Höherem. Ich meißelte, ich pinselte mit Materialien, die sich wie durch Zauberhand während meiner kurzen Schlafperioden erneuerten. Ich schwitzte während der Arbeit und das tat ich gern. Es wäre angezeigt gewesen, in dieser Zeit wenigstens kurze Tagebucheinträge zu machen, denn dafür wäre ja alles stets vorhanden gewesen, aber das fiel mir gar nicht ein.
So verging wohl eine Menge an Tagen, allerdings zählte dies nun nicht mehr. Schließlich betrachtete ich den fertigen, wenn auch sinnlosen Durchgang, der ja doch gar keiner war. Ich fühlte, dass dies noch nicht genug war. Ich begab mich deshalb an die Seite des Raumes, die ich für mich selbst als die westliche bestimmt hatte. Wieder begann die Arbeit, die Beschäftigung, die mich vor dem Wahnsinn bewahren sollte. Und dann begann ich, Blicke auf mir zu spüren. Zunächst vermutete ich meine eigene Zerrüttung als Grund, dann sogar den doch noch ersteigenden Geist des armen Mannes, der in der anderen Ecke des Saales unter der Decke seinen ewigen Schlaf schlief. Wie so oft irrte ich auch hier. Als ich mehr als erschöpft wieder zu meinem Lager zurückkehrte, hing an der Wand eine venezianische Karnevalsmaske.
Nun könnte man doch erwarten, dass ich wieder in völlige Angst versunken sei. Das geschah nicht. Ich fühlte instinktiv, dass nichts Böses von der Larve ausging. Und ob ich mich fragte, woher sie kam, wer sie kurzerhand dort angebracht haben könnte … Ich zweifelte nichts mehr an, zu viele Merkwürdigkeiten waren mir widerfahren. So nahm ich sie denn von der Wand und legte sie gleichsam wie einen Gefährten oder wiedergefundenen Freund neben meine karge, harte Bettstatt. Ich hütete mich allerdings, die Maske aufzusetzen. Stattdessen arbeitete ich weiter an dem zweiten, ebenso sinnlosen, weil doch von seinem Zweck völlig losgelösten Portal. Dort verstand ich, dass Kunst gar keinem Zweck dienen muss. Nun will ich abkürzen, was weiter geschah. Ich stellte das Tor fertig und ich fand weitere Masken, insgesamt waren es fünf an der Zahl. Mit dem letzten Pinselstrich, als ich fühlte, dass mein Werk vollendet war, brachen die Steine innerhalb der Bögen und gaben weitere, kleine Räume frei. Beide enthielten beinahe identische, doch schwarze Durchgänge. Ich hatte nun wirklich nichts zu verlieren, also wickelte ich die Masken in meine verbliebene Decke. Um dieser unglaublichen Schilderung noch ein Detail hinzuzufügen: Ich meinte das Gelächter einer Frau zu hören, als ich mich in das schwarze Tor warf.
Wieder fand ich mich in kaltem Schlamm, in kaltem Wind. In der Ferne glommen die Lichter Venedigs. So begann ich mich wieder in diese Richtung zu schleppen, in dem sicheren Wissen, dass meine Reise beendet war. Ich hatte meine schöpferische Kraft wieder erhalten, wahrscheinlich waren auch die Masken ein Schlüssel dazu. Noch wage ich es nicht, sie anzulegen, aber ich werde es tun. Paradox, doch ich kam vorwärts durch Kerker, nicht durch Freiheit.

