Verlust, Episode 2: Gejagt
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Die erste Episode der Verlust-Reihe:
Verlust, Episode 1: Genommen




Die Verlust-Reihe mit allen ihren Episoden ist unabhängig von jedem Kanon zu sehen. Sie stellt nur einen Versuch dar, etwas anderes zu schreiben, als ich es für gewöhnlich tue. Die Basis ist durch Projekt Trickster gestellt, entsprechendes Vorwissen ist zum Verstehen der nachfolgenden Erzählung empfohlen.



Oktober 2067

"Guten Tag, sind Sie Asther Meloa?"

"Äh… Ja", antwortete Asther leicht verunsichert ob der Direktheit ihres Gegenübers. Der junge Mann vor ihr trug einen langen Mantel, der fast über den Boden schleifte und von einer Reihe an Holzknöpfen geschlossen halten wurde. Seine dunklen Augen jagten ihr einen kalten Schauer über den Rücken, als er sie über die Türschwelle hinweg anstarrte.

"Das hier sollten Sie erkennen", meinte er und hielt ihr einen kleinen Lederbeutel hin, der durch eine Schnur verschlossen gehalten wurde. Asther öffnete ihre verschränkten Arme, nahm ihn entgegen und zog das obere Ende auseinander. Ein schwacher Schimmer entkam aus der Öffnung. Sie steckte ihre Hand hinein und fühlte eine dünne Münze, die sie herauszog und betrachtete. Die Prägung sprang ihr sofort ins Auge: Ein Kreis, durchtrennt von einem nach oben zeigenden Pfeil, an dessen unterem Ende ein Totenschädel in das blassgraue Metall gefräst war. Sie riss erschrocken die Augen auf, spürte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich und taumelte zurück, fort von der Tür. Ihr Atem begann zu rasen.

"Nein… Nein, das kann nicht sein", keuchte sie mit erstickter Stimme.

"So ist es aber. Ich habe Ihren Vater erst vor ein paar Stunden erschossen", kam die kalte Antwort in einem gefühlslosen Tonfall, kaum, dass sie fertig gesprochen hatte. Zum Beweis warf er ihr Johnnys Fedora vor die Füße. Tränen des Unglaubens schossen ihr in die Augen. Asther spürte, wie der Zorn in ihr aufstieg. Zorn auf den jungen Mann vor ihr, Zorn auf die Terrororganisation, die sich Die Richter nannten. Sie ballte die Fäuste, ihre Muskeln spannten sich an. Sie trat einen Schritt auf den Mann zu.

"Ich bringe euch um, jeden einzelnen von euch", sprach sie leise, mit zugleich drohendem, verbittertem und wütendem Unterton. Der Raum begann zu erbeben. Ein ängstlicher Ausdruck stahl sich in das Gesicht des Mannes der Richter. Er riss seine Waffe hoch und drückte mehrmals ab, wobei sich sein Mund zu einem wahnsinnigen Grinsen verzog. Das jedoch sofort wieder verschwand, als die Kugeln nur Millimeter von Asthers Gesicht entfernt mitten in der Luft stehen blieben. Sie drehten sich langsam um einhundertachtzig Grad, sodass sie auf den Mann zeigten. Er wollte wegrennen, jedoch verloren seine Füße den Kontakt zum Boden. Er schwebte in der Luft, das Gesicht seinem Tod zugewandt, als die Kugeln wieder begannen, sich zu bewegen. Wie in Zeitlupe überwanden sie die Distanz und hielten direkt vor ihm an. Eine für jedes Auge, eine für den Finger, der den Abzug gedrückt hatte und eine für das, was für ihn wahrscheinlich den größten Wert besaß. In umgekehrter Reihenfolge flogen sie los, Panik, Schmerz, Wahn und Reue blitzten in den wenigen Momenten vor seinem Ende in seinen Augen auf. Der kurze Schrei war ohrenbetäubend.

Asther ließ die Tür zuschlagen und die Tränen ungehemmt fließen.


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April 2022

Seit ihr erster Versuch, Johnnys Mutter einzufangen, gescheitert war, hatten die Mitglieder des Projekt Trickster keine weiteren Aufträge erhalten. Sie mussten sich — mit Ausnahme von Bell, Stephan und Amy — durchgehend in Sjhlfels am Rhein aufhalten. Der Nexus stellte ihre Operationsbasis dar, aber auch ihren Wohnsitz: Im Gegensatz zu nahezu jeglichen anderen Foundationarbeitern war es ihnen erlaubt, sich relativ unbeaufsichtigt frei in einer Stadt zu bewegen — Stephan und Alice hatten sich sogar ein eigenes Haus gekauft. Auch mussten sie ihren Arbeitgeber nicht geheim halten — kaum einem Sjhlfelser war die SCP Foundation nicht von Begriff. Diese Umstände ermöglichten den Jüngeren unter ihnen — hauptsächlich Mathilda und SCP-136-DE — ein unbeschwerteres Leben, das ihnen jedoch lange Zeit äußerst ungewohnt und zeitweise unangenehm war, da sie beide in sehr jungen Jahren von der Foundation in Gewahrsam genommen wurden. Sandra hatte ihre lebensbedrohliche Verletzung noch immer nicht komplett auskuriert, war jedoch zumindest ab und an ansprechbar. In solchen Zeiten wie in den letzten Monaten erschien es ihnen oftmals so, als würden sie ein normales Leben führen, unbeschwert und ohne die Last des Anomalen. Doch umso schwerer wiegt das Unnatürliche, wenn es inmitten einer idyllischen Normalität ohne Vorwarnung auftaucht…


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Wach auf! Wach auf!

Johnny schreckte hoch. Der Schweiß lief ihm in Strömen von der Stirn, sein Atem raste. Amy neben ihm drehte sich murmelnd im Schlaf herum. Er erhob sich schwerfällig von der Matratze und ging ins Bad nebenan. Das kalte Wasser des Waschbeckens klärte seinen Verstand und vertrieb die Müdigkeit. Johnny sah sich selbst im Spiegel in die Augen. Die Stimme, die soeben in seinem Kopf ertönt war, hatte er zuletzt Jahre zuvor vernommen. Sie war eher ein hölzernes Knarzen, das Worte bilden konnte und klang in keiner Weise menschlich. Er erinnerte sich noch genau daran, wie sie sich eingenistet hatte: Zunächst eine Vision voller Tiere, dann eine Gestalt, die vollkommen in Rinde gehüllt war. Nur ein leuchtendes, smaragdgrünes Augenpaar durchbrach sie wie Autoscheinwerfer die Nacht. Die Stimme hatte ihn gewarnt, absolut niemandem von ihr zu erzählen, doch wie sich herausgestellt hatte, war er dazu nicht einmal in der Lage — irgendetwas, Johnny vermutete die Fähigkeiten des Wesens hinter der Stimme, hielt ihn davon ab. Als sie das letzte Mal ertönt war, hatte er eine merkwürdige Entdeckung gemacht: Wenn er die Augen schloss und sich auf die Stimme konzentrierte, umhüllte sie seine Gedanken, koordinierte und ordnete sie. Es gelang ihm dann, seine Umgebung so extrem auszublenden, dass er sich fühlte wie hinter einem Schleier, der ihn von der Realität isolierte. Wie auch damals ließ er sich jetzt in der Vertrautheit der Stimme versinken, fand einen Moment absoluter Ruhe.

Plötzlich taumelte Johnny zurück, als ein Krachen, gefolgt von einem gellenden Angstschrei den Vorhang zerriss. Verwirrt blickte er sich kurz um, als ein weiterer Schrei ertönte. Als er realisierte, dass der Ruf von Amy kam, stürmte er durch die Tür. Im Schein der Badezimmerbeleuchtung erblickte er ein riesiges, haariges, spinnenartiges Vieh auf ihrem Bett. Sechs lange, stelzenartige Beine gruben sich in die Matratze und stemmten einen länglichen Körper in die Höhe, an dessen Ende ein ansatzweise menschlicher Kopf ruhte. Auf der Stirn befanden sich jedoch mehrere blutrote Augenpaare und aus dem Unterkiefer ragte eine krabbenartige Schere. Diese befand sich nun knapp vor Amys angstverzerrtem Gesicht — ihre Arachnophobie war nicht gerade hilfreich in einer solchen Situation. Johnny warf das zusammengeknüllte Handtuch auf das Vieh, bevor er seine Pistole aus der Kommode herausriss. Er richtete den Lauf auf den Leib und drückte mehrmals ab. Blut spritzte durch den Raum, während das Ungeheuer einen animalischen Schrei ausstieß. Es wollte sich gerade von Amy weg und zu Johnny hin drehen, als eine der Kugeln sein Bein erwischte. Es knickte ein und die Masse fiel auf das Bett. Schmerzerfüllt schrie die Frau im Nachthemd auf und Johnny ließ weitere Kugeln fliegen und auf den Kopf des Spinnenwesens niederhageln. Die Beine zuckten unkontrolliert, während es zusammensackte. Amy stieß einen weiteren Schrei aus, als ihr Knie ein ekelhaftes Krachen von sich gab. Panisch versuchte sie, das Wesen von sich herunter zu rollen. Johnny sprang auf das Bett und drückte mit der Fußsohle den Kadaver von der Matratze. Seine Freundin wollte aufspringen und aus dem Raum stürmen, jedoch gab ihr Knie nach und sie wäre zu Boden gefallen, hätte Johnny sie nicht am Arm gehalten. Jetzt ließ sie sich schluchzend von ihm hochheben und zu Bell tragen, während sie sich zitternd an seinen Hals klammerte und ihr Schock- und Schmerzenstränen über die Wangen liefen.


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Elias lächelte sie schüchtern an, als sie im schwachen Schimmer der alten Straßenlaternen an der Tür ankam. Der Kellner, er arbeitete im Restaurant zur Kirschblüte, überragte Mathilda um fast zwei Köpfe, war jedoch kaum mehr als ein paar Zentimeter breiter als sie. Zur Begrüßung stellte sie sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen kurzen Kuss auf das mit Bartstoppeln übersäte Kinn, bevor sie ihn an der Hand in den alten Schuppen zog. Eine Glühbirne unter der Decke leuchtete den Raum aus und enthüllte eine große Leinwand mit dazugehörigem Projektor, der auf einem kleinen Regal auf der anderen Seite des Zimmers ruhte. Dazwischen stand, mitten im Raum, eine alte Couch mit verschlissenem Bezug, die jedoch unerwartet weich war. Ansonsten befand sich nur noch ein Regal mit Filmen auf verschiedenen Datenträgern und Büchern in der Ecke. Hier verbrachten Elias und Mathilda häufig ihre Nächte, schauten Filme und redeten, nachdem sie sich hergeschlichen hatten, unbemerkt von ihren Eltern, beziehungsweise Adoptiveltern. Niemand außer ihnen wusste von dem kleinen Versteck, das ganz am Rande der Stadt lag, umhüllt von der frischen Luft der Alpen. Während sich ihre vorherigen Liebesbekundungen auf Küsse und Umarmungen beschränkt hatten, fasste Mathilda dieses Mal Mut und stieß Elias auf die Couch. Er riss seine Augen auf, als er ihren gierigen Blick bemerkte. Sie ließ sich auf seinem Schoß nieder und drückte ihre Lippen auf seine. Nach kurzem Zögern erwiderte er ihren Kuss, doch als Mathilda sein Hemd nach oben schieben wollte, klapperte die Tür plötzlich mit einem heftigen Schlag in den Angeln. Sie fuhren auseinander, die Augen auf die Tür gerichtet. Ein Schaben entlang der Außenwand ertönte. Mathilda schlich zur Tür und wollte die Klinke gerade nach unten drücken, als Elias sie zurückzog.

"Bitte, bleib hier drin. Das ist wahrscheinlich nur ein Arbeiter, der ein bisschen zu viel getrunken hat, mehr nicht."

"Ein Mensch würde aber nicht solch einen Schlag verursachen", erwiderte sie mit ruhiger Stimme, "Und wenn, dann muss er einiges abbekommen haben. Es ist alles gut, ich schaue nur ganz kurz, und wenn es was Gefährliches ist, bin ich sofort wieder hier drin, ja?"

Elias blickte sie kurz aus zusammengekniffenen Augen an, bevor er nickte. "Okay."

Mathilda zog die Tür vorsichtig ein paar Zentimeter auf und blickte um die Ecke — nur, um direkt einem deformierten Gesicht mit acht Augen und einer Krabbenschere am Kinn entgegen zu blicken. Sie fuhr zurück, schlug die Tür zu und taumelte in Elias Arme, die Augen weit aufgerissen. Sie fühlte, wie ihre Muskeln den Dienst verweigerten und sackte wider Willen zusammen.

"Mati?", fragte Elias besorgt und legte sie auf die Couch, als sie mit nicht mehr als einem panischen Blick antwortete. Ihre Glieder fühlten sich so stabil an wie gekochte Spaghetti, ihre Gedanken verworren sich, verloren jeden Sinn. Sie stöhnte kurz auf, worauf ihm Tränen in die Augen schossen. Er zog Mathilda an seine Brust und umklammerte sie, aus Angst, sie würde ihm nie wieder antworten.


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"Wir haben vier weitere bestätigte Sichtungen, zwei Eliminationen. Verbleibende auf Wülststraße und Nälkäweg. Opferzahl unbekannt, mindestens drei. Zentrale Ende."

"Verstanden, wir kümmern uns drum. Rot eins Ende."

Einsatzleiter Maximilian Hemming führte seinen Trupp Ordnungshüter durch die dunklen Straßen Sjhlfels in Richtung Osten. Schnellen Schrittes ließen sie Block um Block hinter sich und näherten sich rapide der oft so geschäftigen Wülststraße. So spät in der Nacht war kaum jemand unter freiem Himmel anzutreffen, nur aus wenigen Fenstern drang Licht. Gelegentlich eilte eine Katze über das Pflaster, ab und an konnte man den Blick auf eine Fledermaus erhaschen, die auf Insektenjagd durch die Luft tanzte. Das einzig wirklich erschreckende war hier bei Nacht für gewöhnlich eine sturzbetrunkene Person, die aus einem Pub taumelte und den Magen direkt vor einem entleerte. Dieses Mal jedoch ging ein ganz anderer Schrecken umher: Menschengroße, spinnenähnliche Wesen mit menschlichen Köpfen, aus denen Krabbenscheren ragten. Nach bisherigen Meldungen waren sie zwar unglaublich schnell, jedoch sehr träge, wenn es darum ging, um Ecken zu laufen. Somit waren die oftmals verwinkelten Gassen des Nexus ein eher schlechtes Jagdgebiet für die Ungeheuer, deren Ursprung bis jetzt noch immer unbekannt war, trotz einer Suche, die bereits vier Stunden andauerte. Nach bisherigen Beobachtungen schien ihre bevorzugte Art, ihre Opfer zu töten, sie zunächst umzuwerfen und dann mit den Scheren den Kopf abzutrennen, zu sein. Danach ließen sie die Leichen immer liegen, genau so, wie sie nach der Enthauptung waren. Eine ihrer gefährlichsten Fähigkeiten war das Durchbrechen solider Wände, bloß, indem sie sich dagegen warfen.

Als nun die Ordnungsstaffel Rot auf die Wülststraße einbog, mussten sie unzähligen Trümmern ausweichen, die das Vieh hier verteilt hatte. Zahllose enthauptete Leichen lagen dazwischen, das Blut füllte die Lücken zwischen den Pflastersteinen. Maximilian hörte und roch, wie mehrere seiner Truppen sich hinter ihm übergaben. Nachdem sie sich zusammengerissen hatten, griffen auch sie wieder zu den Waffen. Insgesamt acht Gewehrläufe ragten sternförmig aus ihrer hastig gebildeten Formation. Plötzlich ertönte ein gellender Schrei, der abrupt wieder endete, aus dem nördlich gelegenen Haus unmittelbar neben ihnen. Die Schießeisen wirbelten herum in Richtung des Ursprungs des Geräusches.

"Zentrale, Kontakt Wülststraße bestätigt. Rot eins Ende", sprach der Truppführer leise in das Funkgerät an seiner Schulter.

"Verstanden, Rot eins. Verstärkung anfordern?"

"Negativ."

"Verstanden. Zentrale Ende."

Maximilian sah, wie im zweiten Geschoss des Hauses etwas mit gewaltiger Wucht gegen die Wand stieß. Sie wölbte sich gefährlich weit nach außen und Putz regnete auf den Trümmerplatz darunter. Mit einem Mal wurden die Ziegelsteine in einem tödlichen Regen aus der Wand katapultiert, direkt gefolgt von einem schwarzen Schatten. Zwei seiner Männer wurden von den Steinen erschlagen oder zumindest außer Gefecht gesetzt, die einzige Frau im Team von dem Schemen gegen die gegenüberliegende Hauswand geschleudert, wo sie zwar schwer verletzt, aber bei Bewusstsein zusammensackte. Unvermittelt schoss ein weiteres Wesen aus der Wand über ihr, ebenfalls begleitet von Trümmerstücken, die auf die rote Staffel niedergingen. Schüsse peitschten unkontrolliert durch die Dunkelheit, und Maximilians verbleibende Männer wurden in unheimlicher Geschwindigkeit niedergeworfen und enthauptet. Als einer der Schatten auf ihn zuraste und zu Boden warf, riss er gerade noch seine Waffe hoch und konnte damit um Haaresbreite verhindern, selber geköpft zu werden.

Clarissa wurde vom Schmerz so durchdrungen, dass sie kaum atmen konnte, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Die kalte Mauer drückte ihr in den Rücken und verstärkte die Qualen noch zusätzlich. In ihrem leicht verschwommenen Blickfeld sah sie, wie ihr Trupp nach und nach von den zwei Wesen ermordet wurde. Sie glaubte zu erkennen, dass Maximilian als letzter noch auf den Beinen war, sein rotes Band am Arm zeichnete ihn aus. Er schoss genau wie die Anderen wild umher, als auch er plötzlich umgeworfen wurde. Statt jedoch wie zuvor das Opfer zu enthaupten, senkte das Ungeheuer nur kurz den Kopf und starrte ihn an. Infolgedessen sackte er zusammen. Clarissa wurde plötzlich klar, dass sie noch immer ihr eigenes Gewehr in der Hand hielt, sie musste es wohl instinktiv so fest umklammert haben wie irgend möglich. Jetzt hob sie es unter Höllenqualen ein paar Zentimeter vom Boden und richtete es auf das Vieh, das soeben noch über Maximilian geneigt gestanden hatte. Nun jedoch hob es den Schädel in die Höhe, wie als würde es eine Fährte im Wind aufnehmen. Es war ihre beste, ihre einzige Chance. Sie drückte ab. Und verfehlte um mehrere Meter. Unfähig, gegen den konstanten Rückstoß des unablässigen Flusses an Kugeln anzukämpfen, ließ sie den Abzug los. Tränen liefen ihr über die Wangen, als sich das Wesen umwandte und sie fixierte. Es stürmte los…

… und wurde mitten in der Bewegung der Hälfte der Gliedmaßen beraubt. Es schlitterte hilflos über die Straße und blieb kaum einen Meter vor ihren Füßen liegen. Die verbleibenden Beine zuckten unkontrolliert. Über dem Körper ragte ein kleiner, alter und asiatisch anmutender Mann hervor, eine merkwürdige Waffe in der Hand: Ein kurzes Stück Bambus, an dessen Enden je eine gebogene, rötlich schimmernde Klinge angebracht war. Er wirbelte mit übernatürlicher Geschwindigkeit herum und stieß den Stab in die Dunkelheit. Der zweite Schatten brach leblos zusammen, aus einem gewaltigen Loch im Schädel quoll Hirnmasse. Sie war sich nicht sicher, ob das, was er nun zu tun schien, nur eine Gaukelei ihres Hirnes oder doch tatsächlich real war, aber sie meinte zu beobachten, wie er die Körper mit einer Art übergroßen Strohhalm aussaugte.

Clarissa versuchte zu erkennen, wer genau ihr Retter war, als der auch schon zu ihr hinübereilte und sich vor sie hinhockte.

"Wer seid Ihr?", fragte sie unter Schmerzen mit gepresster Stimme.

Der Mann hielt ihr eine der rötlichen Klingen vor das Gesicht, sodass sie die Inschrift auf der Seite davon lesen konnte: Der Wächter der Fünften, umschlungen von der Abbildung vierer Schlangen, die je einer anderen in den Schwanz bissen.

Sie sah ihn verwirrt an.

"Man kennt mich unter dem Namen Nuhoki, Kleines. Es tut mir leid", er gab einen langen Seufzer von sich, "aber du darfst nicht weiterleben, nun, da du weißt und gesehen hast, wer ich wirklich bin und was meine Aufgabe hier ist."

Clarissa riss die Augen auf, als die Klingen durch die Luft wirbelten und dann mit einem Sirren auf ihren Hals zuschossen.

Zumindest war es ein schnelles Ende.


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Etwas fühlte sich falsch an. Sehr falsch, auf eine Art falsch, die nichts Gutes verheißen konnte. Er hatte noch nie ein derartiges Gefühl gehabt. Es fühlte sich an wie ein Fuß, der versehentlich in eine kalte, verdreckte Pfütze tritt. Es fühlte sich an wie ein Finger, der unabsichtlich an einer Schublade eingeklemmt wird. Es fühlte sich an wie ein kurzer Windstoß, der einem den Regen ins Gesicht wehte.

Die Welt war leicht aus den Fugen geraten und hing nun mit einem Teil ihrer selbst in gefährlichen Gewässern. Und die Ungeheuer des Unbekannten fanden ihren Weg hinein und begannen sich auszubreiten. Und falls es nicht gelingen sollte, sie zu beseitigen, so würde die Welt vollständig hinabgezogen und von der kalten Dunkelheit umschlungen. 136-DE musste handeln. Er wusste nicht, weshalb, er wusste nicht, wie, doch er wusste, es war seine Pflicht.

Er stürmte zeitlos aus dem Haus und hinaus auf die Straße. Ein Trümmerfeld umringte ihn, dazwischen zahllose blutverschmierte, zumeist kopflose Leichen. Unter ihnen befanden sich auch zwei menschengroße, spinnenähnliche Wesen und eine ganze Einheit der Ordnungshüter von Sjhlfels.

Fassungslos stapfte 136-DE über Körper und Blutlachen hinweg. Fassungslos darüber, dass er von all diesem Chaos nichts mitbekommen hatte. Unter den abgetrennten Köpfen befanden sich einige, die er zumindest vom Sehen her kannte. Plötzlich bewegte sich etwas in seinem Augenwinkel und ließ ihn herumfahren. Eigentlich sollte sich nur das bewegen können, von dem er wollte, dass es sich bewegt. Nun stand dort eine kleine Silhouette, in einen knielangen, schwarzen Umhang gehüllt, und sah von ihm weg. Die Schultern bewegten sich ruhig und im Einklang mit dem Atem der unbekannten Person. 136-DE näherte sich der Gestalt langsam. Als er auf etwa zehn Meter herangekommen war, rannte sie los. Er zögerte nicht und stürmte direkt hinterher, die Zeit weiterhin erstarrt. Bei jedem Schritt blitzte kurz etwas Rötliches an der Seite des Unbekannten. Sie durchquerten enge Gassen und liefen breite Straßen hinab, sie eilten über kurze Brücken und weitläufige Kreuzungen, sie kletterten über Mauern und an Fassaden hinauf. Eine subjektive Ewigkeit folgte 136-DE der Person, der Abstand verringerte sich jedoch nicht ansatzweise. Plötzlich blieb sie stehen, sodass 136-DE fast in sie hineingerannt wäre. Sie standen auf einem Friedhof am Rande der Stadt, umgeben von hohen Weiden und schmalen Pfaden. die Gräber waren in Ringen um einen Brunnen in der Mitte des Geländes angelegt, mit je einem Weg zwischen jedem Ring an Gräbern. Der Brunnen selbst war aus dunklem Gestein errichtet und geschützt durch ein kleines, mit Schieferplatten gedecktes Dach.

Die Gestalt trat nun langsam an das Gebilde heran und blickte in den dunklen Schacht. Sie sprach mit tiefer und rauer Stimme:

"Es gibt Dinge, auf die man keinen Einfluss haben kann. Auch wenn du theoretisch überall zur gleichen Zeit sein kannst, Junge. Manches übersteigt einfach deine Fähigkeiten, manchmal siehst du das Übel nicht kommen. Es kann unerwartet zuschlagen, wenn es aus dem dunklen Versteck hervorkriecht, in dem es sich seit Ewigkeiten verbarg. Und dann kann es sein, dass zunächst nur Kostproben der unheilvollen Macht jenes Übels gesandt werden, bevor die wahre Welle kommt. Und dann ist alles verloren, zumindest meistens."

Der Mann bedeutete 136-DE, näherzukommen. Er wunderte sich, wie die Gestalt zu ihm reden konnte, da die Luft zwischen ihnen nicht in der Lage war, Schallwellen zu übertragen. Zögerlich trat er auf den Brunnen zu, hielt aber außerhalb der Reichweite des Mannes inne. Kurzerhand langte ebenjener mit einem knochigen Arm nach seinem Nacken und drückte ihn über den steinernen Rand des Gebildes, sodass er gezwungen war, in den Schacht zu schauen.

Nur anderthalb Meter unter ihm drängten sich unzählige spinnenartige Körper, alle etwa halb so groß wie die Kadaver, die er erblickt hatte, als er aus dem Haus getreten war. Auch diese hier besaßen menschliche Köpfe, die jedoch ganz unterschiedlich modifiziert waren. Die einen trugen ein messerscharfes Geweih obenauf, anderen wiederum ragten ellenlange Reißzähne, dessen Enden grün glühten, aus den Mundwinkeln, und wieder andere hatten eine unglaublich weit hervorstehende, steinerne Stirn über blinden Augen.

"Das hier, Junge, das hier ist die wahre Bedrohung für diese Stadt. Und meines Wissens kannst nur du sie aufhalten. Wenn du es nicht tust, wird hier jedes einzelne Gebäude in Schutt und Asche gelegt, jeder Bewohner in Fetzen zerrissen"

136-DE gab sich unwissend: "Und wieso sollte ich Interesse daran haben, Sjhlfels zu helfen?"

Der Mann riss ihn zurück und verpasste ihm einen Faustschlag ins Gesicht, der ihn zu Boden stürzen ließ. Sofort wurde er jedoch wieder hochgerissen und in den Bauch geboxt. Als er sich schmerzerfüllt zusammenkauerte, traf eine harte Schuhsohle seine Seite. Verzweifelt nach Luft schnappend, spürte er einen warmen Atem am Ohr.

"Du kannst mich nicht zum Narren halten, Junge. Ich weiß, dass deine Freunde und die eine, die du wider Willen noch immer liebst, sich hier aufhalten. Du wirst versuchen, ihnen zu helfen, aber eines kann ich dir versichern: Wenn du nicht jetzt handelst, wird alle Hilfe für Mathilda zu spät kommen. Sie hatte bereits eine unerfreuliche Begegnung mit einem dieser Biester. Du musst die Viecher aufhalten, bevor sie herkamen. Du weißt, was du zu tun hast. Also tue gefälligst auch, was du tun musst."

Seine Stimme war kaum mehr als ein Lufthauch, als er ein letztes Wort sprach:

"Timmothy."

Stöhnend wälzte 136-DE sich auf den Rücken und betrachtete den Mann, der sich nun wieder aufrichtete. Er kam ihm bekannt vor, doch er wusste nicht, woher. Die Gestalt trat von ihm weg und ließ eine seltsam vertraute, rötliche Klinge vom Boden bis auf Kopfhöhe schwingen. Sie zeichnete eine bläuliche Linie, die den Unbekannten umfing und mit einem Lichtblitz verschwinden ließ, als er auf sie zu lief.

136-DE stemmte sich mühsam auf die Beine und richtete den Blick auf den Brunnen. Die ersten Spinnenviecher versuchten sich zappelnd aus dem Brunnen zu quetschen, allein verlangsamt durch die Menge, die zur gleichen Zeit aus dem Schacht wollte.

"Oh, fuck."

Der Mann kannte seinen Namen, was sonst nahezu niemand tat. Die Zeit war weitergelaufen, ohne, dass er es wollte. Und er musste die Welt, scheinbar im Alleingang, aus den gefährlichen Gewässern fischen, wie man den Kopf senkt, wenn einem der Regen ins Gesicht geweht wird, wie man die Hand zurückreißt, wenn man den Finger an der Schublade einklemmt, wie man hastig den Fuß hebt, nachdem er in die Pfütze getreten war.

Doch er hatte keine Ahnung wie er dies bewerkstelligen sollte. Und auch Hinweise hatte er keine.

Oder doch?


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Halb trug, halb schliff Elias Mathilda hinter sich her durch die Straßen und Gassen Sjhlfels. Er wusste nicht exakt, wohin er musste, aber zumindest, zu wem: Bell Ainsworth, die Magierin, die für die Foundation arbeitete.

Als er gerade auf die sonst so belebte Wülststraße einbog, bot sich ihm so ziemlich das Gegenteil: Tod, wo man nur hinblickte. Überall verstreut lagen - meist kopflose - Leichen zwischen zahlreichen Trümmern, die Fassaden zu beiden Seiten der gepflasterten Straße waren größtenteils demoliert. Inmitten dieses Grauens befanden sich mehrere Menschen, die mit Tränen in den Augen die Toten nach bekannten Gesichtern durchsuchten. Zwei der Personen kamen ihm bekannt vor.

"Herr Eißner! Frau Fabri!"

Die beiden blickten zu ihm und stürzten auf ihn zu, als sie Mathilda erblickten.


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Viktor und Emilia stapften aufgelöst zwischen den Trümmern umher, auf der Suche nach Mathilda. Viktors Fähigkeit, Geister zu sehen, half ihnen nicht weiter, da die gesamte Straße damit zugekleistert war. Ein merkwürdiger Schemen war ihm jedoch trotz seiner Sorge aufgefallen und hatte sich in sein Gedächtnis gebrannt: Eine Frau, die gegen eine Hauswand gelehnt ihren Arm hob und scheinbar, kaum in der Lage, die Waffe zu halten, auf irgendetwas schoss, jedoch resigniert aufgab. Dann ein Zusammenzucken, gefolgt von einer kurzen Unterhaltung, und dann, nach einem weiteren Zusammenzucken, rollte der Kopf, jedoch glühte die Schnittstelle leicht rötlich - etwas derartiges war Viktor noch nie zuvor aufgefallen.

Beide rissen die Köpfe herum, als plötzlich eine Stimme ihre Nachnamen rief. Sie sahen, dass der junge Mann - Elias - eine zusammengesackte Mathilda an seiner Seite hatte. Mittels weniger Sekunden waren sie bei ihnen und knieten sich vor ihre Adoptivtochter. Ihr Atem ging flach, war aber noch vorhanden und ihr Herz schlug langsam, aber beständig.

"Bringt ihr sie zu Ms. Ainsworth?", fragte Elias sie leicht unsicher.

Emilia wischte sich die Tränen von den Wangen und nickte hastig: "Ja… ja, das ist wahrscheinlich das Beste."

Sie wandte sich ihn zu, als Viktor Mathilda vom Boden hob. Sie lächelte ihn kurz tränenverquollen an und sagte: "Danke, Elias… vielen Dank. Hoffentlich geht es deiner Familie gut."

"Ja, der geht es wahrscheinlich gut… wohnt am anderen Ende der Stadt…"

Sie blinzelte ihn verwundert an. Es wirkte nicht gerade so, als würde es ihn interessieren, was seiner Familie zustößt.

"Wie auch immer, du bist immer willkommen bei uns, okay?"

Elias nickte nur als Antwort. Emilia drehte sich um und eilte von ihm fort und Viktor hinterher.


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136-DE flog nur so durch die Straßen. Der Zustand der Welt um ihn herum verwirrte ihn sehr: Anstatt wie üblich komplett stillzustehen oder normal zu laufen, fühlte es sich jetzt an, als wäre ein Zeitlupen-Effekt darüber gelegt worden. Es war eine komplett neue Erfahrung für ihn, und während es durchaus furchteinflößend wirkte, insbesondere in Anbetracht der Umstände, kam er nicht umhin, sich wie The Flash oder Quicksilver zu fühlen. Er bog auf die Wülststraße ein, in der Hoffnung, ein bekanntes Gesicht zu sehen.

Und tatsächlich: Mitten zwischen allerlei Trümmern stand Elias und starrte die Straße hinab. 136-DE folgte seinem Blick und erblickte Viktor und Emilia, die sich, ihm den Rücken zugedreht, durch das Trümmerfeld schlängelten. In Viktors Armen hing der erschlaffte Körper Mathildas. Er wollte losstürmen, als eine Hand ihn am Oberarm zurück- und herumriss.

"Sie ist okay. Und wenn nicht, richtet Ms. Ainsworth das wieder", meinte Elias mit beruhigender Stimme. In 136-DE rangen das Bestreben, Mathilda hinterherzurennen, der Drang, Elias das Nasenbein ins Hirn zu rammen und der Wille, seinem eigentlichen Anliegen nachzukommen, um die Vorherrschaft. Letztendlich obsiegte der Kompromiss, ihm die Hand zu verdrehen und dann seinem Plan weiter zu folgen.

Als Elias schmerzerfüllt versuchte, 136-DEs eisernen Griff zu lösen, wurde er unsanft zu Boden gestoßen. Gibt es hier irgendwo eine anomale Uhr oder so, irgendwas, das die Zeit auf unnatürlichem Weg zeigt?", fragte der Überlegene emotionslos. Elias schaute ihn aus großen Augen an, durch die Pupillen konnte man fast schon sehen, wie die Zahnräder in seinem Hirn ratterten. Unverwandt schnellte er hoch.

"Der Uhrmacher! Der im Nälkäweg! Der baut die Uhren so! Ich führ dich hin!"

Als er jedoch 136-DEs vernichtenden Blick bemerkte, gab er kleinlaut eine schnelle, knappe Wegbeschreibung.

136-DE stürmte sofort los. Doch er kam kaum weiter als fünfzig Meter, als sich eine Hand fest um sein Fußgelenk schloss und ihn fast zu Boden riss. Er blickte zu Boden und auf einen leichenblassen Mann hinab. Blinde Augen starrten in sein Gesicht, während sich der Griff um den Fuß wie ein Schraubstock schloss und immer enger, fester wurde. 136-DE trat nach dem Mann, der ihn nun mit der freien Hand die Füße wegriss. Der harte Boden wurde noch fester in seinen Rücken gedrückt, als sich der Angreifer auf seine Brust hockte und die großen Hände um den Hals schloss.

"Füüüüüür Clarissssaaahh!", zischte er lautstark, dass es von den Hauswänden widerhallte.

Während 136-DEs Blickfeld schrumpfte, hörte er Schritte, die sich schnell näherten. Der Mann auf ihm, den er anhand seiner Uniform als Ordnungshüter identifizieren konnte, riss den Kopf hoch und schaute offensichtlich verwirrt umher, der Griff um den Hals ließ aber nicht nach.


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"GAAAAAAAAHHHHHH!"
Amy schrie auf, als Bell ihren Zauber vollendete und das frakturierte Kniegelenk wieder zusammensprang und dabei Fleisch und Muskeln durchtrennte, die kurz danach wieder zusammenwuchsen. Johnny hatte das Gefühl, als stünde ihre Hand kurz davor, seine eigene zu Diamant zu pressen, unterdrückte aber mit Mühe eine Reaktion. Bell gab Amy ein Glas Wasser und bedeutete Johnny, ihr zu folgen. Sie traten vor die Tür des Raumes, den Bell als ihr "persönliches, kleines Lazarett" bezeichnete.

"Amy wird die nächsten Tage an starkem Fieber leiden und in etwa zwei Wochen wird sich ihr Körper entscheiden müssen, ob er die Magie annimmt oder nicht. Falls nicht, wird das Fieber noch etwas länger anhalten und ihr Knochen normal zusammenwachsen. Sollte aber alles gut gehen, wird ihr Körper bereit sein, die Magie mit Energie zu versorgen", erklärte Bell, "Sie wird wesentlich mehr essen und trinken als gewöhnlich. Passe auf, dass sie möglichst viel Ruhe bekommt und nicht zu viel der Energie unnötig verbrennt."

Johnny sah die Magierin mit zusammengezogenen Augenbrauen an: "Und was würde passieren, wenn die Magie nicht ausreichend versorgt würde?"

"Da kann vieles passieren. Im schlimmsten Fall zieht die Magie in den Blutkreislauf und sorgt für einen heftigen Schlaganfall, kombiniert mit einer astralen Überbelastung der Großhirnrinde, was möglicherweise zum Zerfall der Dendriten führen kann. Im besten Falle entweicht sie einfach aus Amys Körper, ohne irgendwelche Spuren zu überlassen. Am sichersten ist es, wenn man die Magie zusätzlich extern versorgt. Ich kann die zeigen wie, wenn du es dir zutraust."

"Aber ich bin kein Magier!"

"Man muss kein Magier sein, um dafür zu sorgen, dass Magie ihren Lauf nimmt. Schau her."

Bell holte aus ihrer Tasche zwei geflochtene Armbänder hervor und legte sie sich an, je einen pro Handgelenk.

"Du musst bloß diese Zauberreife anziehen. Dann legst du die Hände über den Bruch und sprichst genau das hier."

Sie sprach etwas auf Latein und vor ihren Händen erschien eine kleine, nebelartige, schwach bläuliche Kugel, deren Aura Johnny die Haare zu Berge stehen ließ.

"Das ist die Essenz des Zauberns in ihrer reinsten Form. Sie speist alles, was mit Magie zu tun hat. Dies hilft dem Zauber bei seiner Arbeit an Amys Knie, dennoch benötigt er noch immer viel weltliche Energie."

Sie zog die Armreife ab und drückte sie Johnny in die Hand.

"Versuch es selber."

Noch während er misstrauisch die Reife begutachtete, wurde die Tür zum Vorraum des Mini-Lazaretts aufgeschlagen, dass sie fast aus den Angeln flog. Im Rahmen stand eine gehetzt aussehende Emilia und als sie in das Zimmer stürmte, gab sie den Blick frei auf einen sorgengeplagt wirkenden Viktor, in dessen Armen eine leblose Mathilda hing.

"Oh scheiße", entfuhr es Bell, die sofort zu Viktor stürmte und ihn zu einem Nebenraum mit freiem Krankenbett führte.

"Da draußen passiert so viel mehr…", flüsterte Emilia mit feuchten Augen.

Johnny blinzelte sie kurz an, bevor er die beiden Armreife einsteckte und zur Tür hinausstürmte.


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"Füüüüüür Clarissssaaahh!"

So hallte es durch die breite und, wie Johnny nun realisierte, trümmerübersäte Wülststraße. Verwirrt sah er sich nach der Quelle des Gezisches um, als er einen Mann sah, der eine andere Person zu Boden drückte. Er rannte sofort los, die Leute um ihn herum schienen zu sehr mit den Trümmern und den enthaupteten Leichen beschäftigt zu sein, als dass sie sich auch noch mit lebendigen Problemen beschäftigen könnten. Auf halben Weg zum Ziel sandte er eine Nachricht in Richtung Angreifer:

He, Arschloch!

Noch während sich der Mann verwirrt nach der Quelle der Aussage umsah, überwand Johnny die Distanz und warf sich direkt gegen sein Ziel. Sie schlugen zwei Meter weiter hart auf den Boden auf und begannen, die Fäuste fliegen zu lassen. Nach einem kurzen Schlagabtausch gelang es Johnny, sich von dem Mann wegzurollen. So schnell wie möglich stemmte er sich auf die Beine und wollte nach seiner Pistole greifen. Diese lag jedoch, wie er nun bemerkte, hinter seinem Gegner auf dem Boden. Er griff kurzerhand nach einem etwa faustgroßen Steinbrocken und hielt ihn kampfbereit in der Hand. Der ebenfalls auf die Beine springende Mann schrie ihm mit geifernden Mund entgegen, der Wahnsinn glühte in seinen Augen. Johnny holte aus und schleuderte den Stein, doch wider Erwartung rührte sich sein Gegenüber keinen Millimeter zum Ausweichen. Der Brocken traf ihn mittig auf der Brust und ließ Rippen bersten, doch der Mann zuckte nicht einmal die Wimper. Stattdessen warf er sich nun mit einem gewaltigen, übernatürlichen Satz auf Johnny, dessen Kopf beim Aufprall auf die Straße ein spitzes Mauerstück nur knapp verfehlte. Der Gegenüber brüllte ihm direkt ins Gesicht, während er wieder und wieder seine Fäuste Bekanntschaft mit Johnnys Oberkörper machen ließ.

Mit einem Knall zuckte der Irre zusammen und erschlaffte leblos. Hinter ihm stand 136-DE, Johnnys Pistole erhoben und die Augen aufgerissen. Seine zitternde Hand ließ die Waffe fallen, bevor er mit unnatürlicher Geschwindigkeit die Straße hinabrannte.


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Blut spritzte aus der Schusswunde, der Körper erschlaffte und sackte zur Seite. Dahinter wurde ein heftig keuchender Johnny frei, der ihn mit großen Augen anblickte. Aus den Augenwinkeln sah er, dass alle Blicke auf sie gerichtet waren. Die kalte Pistole entglitt seinen Fingern und er rannte los, folgte Elias Wegbeschreibung. Auf den umliegenden Straßen waren, bis auf eine Handvoll Ausnahmen, keine Menschen zu sehen. Nach ein paar Minuten erreichte er die gesuchte Straße. Hier befanden sich auf beiden Seiten der Häuserschlucht mehrere Handwerksbetriebe, ein paar wenige Cafés und etwa einhundert Meter weiter ein kleiner Supermarkt.

Doch ein Gebäude stach besonders hervor. Es ragte nicht nur einen halben Meter weiter aus der ansonsten eher gleichmäßigen Häuserwand, es sparte auch nicht an edlen Verzierungen aus Gold und dunklem Marmor. Große, blitzeblanke Fenster trennten den Innenraum vom Rest der Stadt. Ein rotes Schild, das an der Innenseite der gläsernen Eingangstür hing, verkündete, dass der Laden geschlossen sei.

"Du musst die Viecher aufhalten, bevor sie herkamen." — Das waren die Worte des merkwürdigen Mannes gewesen. 136-DE vermutete, dass er mit der ungewöhnlichen Tempuswahl andeuten wollte, dass er irgendwie Einfluss auf die Vergangenheit nehmen musste, um die Welle der kleinen Spinnenbiester aus dem Brunnen zu verhindern. Und daher kam ihm die Idee von Zeitanomalien, wie er selbst eine war. Und die einzigen Anomalien solcher Art befanden sich hinter einer verschlossenen Tür. Einer verschlossenen Tür, die, wie ihm schnell klar wurde, gegen Tritte, Schläge und Steine immun war. Ebenso wie die Fenster.

"Einen so eifrigen Kunden hatten wir lange nicht", erklang eine belustigte Stimme hinter ihm.

136-DE drehte sich herum und erblickte zwei Personen: Ein mittelgroßer Mann in den Fünfzigern mit Vollbart und ergrauendem Haar nebst einer kleinen Frau ähnlichen Alters, deren umnetztes Haar zu einem komplizierten Knoten hochgesteckt war. Beide trugen viktorianische Tracht und standen, die Arme einander eingehakt, mitten auf der Straße.

"Ich bin Olimpia1 Freewell, das ist mein Mann Jeremiah. Können wir Euch helfen?", fuhr die Dame fort.

"Ich… ich weiß, es klingt verrückt", begann 136-DE, "aber ich muss in die Vergangenheit eingreifen."

Das Paar blickte ihn weiterhin unverwandt an.

"Es geht um Menschenleben. Menschen, die… wahrscheinlich größtenteils noch am Leben sind. Aber sie sterben, während ich Ihnen gerade erkläre, wieso ich an Ihre Uhren muss…"

"Die Toten sind tot und werden es auch immer bleiben", meinte Mr. Freewell, "Und die Lebenden interessieren uns nicht. Wir haben schon tausende von Menschen sterben sehen. Und kaum ein Tod hat uns mehr interessiert als eine Fliege am anderen Ende der Welt"

"Und wie viele dieser Tode hättet ihr verhindern können?", schoss 136-DE zurück.

Mrs. Freewells Augenlied zuckte. Einmal, zweimal, dreimal und dann stürzte sie sich auf den Kunden. Sie drückte ihm mit eiskalten Fingern die Kehle zu, als 136-DE den Arm hochriss und ihr die Faust mit verdoppelter Geschwindigkeit ins Gesicht donnerte. Ihr Schädel schepperte merkwürdig, als sie einen guten Meter weit flog. Beim Auftreffen auf den Boden klang es, als würde Holz bersten. Und tatsächlich: Dort, wo er sie getroffen hatte, fehlte nun ein Stück Haut und gab den Blick auf einen hölzernen Kiefer frei. Der Kopf saß ungesund schief auf den Schultern und aus einem kleinen Spalt am Halsansatz ragten Drähte hervor. Sie war kein Mensch. Und dasselbe galt vermutlich auch für Mr. Freewell, dessen Blick auf seiner Frau ruhte. Er sah kurz zu dem verstört dreinblickenden jungen Mann hinüber, bevor er die Tür zum Laden öffnete und ihm bedeutete, hineinzugehen. Er folgte mit Mrs. Freewell in den Armen. Ihre Gliedmaßen zuckten und schlugen unkontrolliert, ihr Kiefer klappte die ganze Zeit auf und wieder zu, ihre Augen schienen kaum mehr als zwei kalte, blaue Kugeln zu sein.

Während die beiden Automaten den Raum über eine kleine Treppe verließen, sah sich 136-DE von Uhren aller Größen und Arten umgeben. Standuhren mit und ohne Pendel, Kuckucksuhren, mal vollständig beschnitzt und bemalt, mal einfache Kasten mit Ziffernblatt und einem kleinen, doppelflügeligen Fenster. Auch Armbanduhren lagen vor, meist aus Gold oder Silber — zumindest sah es so aus — doch manche bestanden vollständig aus Holz und Horn. 136-DE spürte, dass es sich bei den wenigsten Uhren um welche von herkömmlicher Machart handelte. Er griff nach einer hölzernen Armbanduhr und begutachtete sie. Von Gewicht und Größe her wirkte sie wie eine handelsübliche, mechanische Uhr. Doch als er, mithilfe eines kleinen Schraubenziehers, der am Tresen lag, die Rückseite aufschraubte, schlug ihm blendendes Licht und eine sengende Hitze entgegen. Mit einem Aufschrei drückte er die Rückseite wieder an und schraubte sie fest.

"Das ist ein Teil der Sonne", sprach eine helle Stimme hinter ihm.

Überrascht wirbelte er herum. Sein Blick fiel auf eine Frau, kaum älter als er selbst, die ihm bis knapp unters Kinn reichte. Ihr dunkles Haar hing bis zu ihren Schultern hinab, von denen aus ein weites Kleid ihren Körper bedeckte. Sie hielt ihm die Hand hin: "Ilena Freewell, sehr erfreut!"

136-DE blickte sie kurz misstrauisch an, bevor er einschlug: "SCP-136-DE."

Sie ließ seine Hand nicht los, als er sie zurückziehen wollte.

"Was ist dein echter Name? Schämst du dich über ihn oder weißt du ihn einfach nicht mehr?"

Seine Hand verkrampfte sich als er leise grummelte: "Timmothy…"

Nun ließ sie seine Hand doch los und grinste ihn breit an: "Siehst du, war doch gar nicht so schwer, Großer."

Er blickte sie aus zusammengekniffenen Augen an.

"Sind Sie auch so eine Maschine wie diese Olimpia?"

Sie antwortete mit einem hellen Lachen: "Nein, ganz sicher nicht, ich bin ganz aus Fleisch und Blut. Also, fast komplett."

Sie hob ihr Kleid leicht vom Boden an, sodass er eine Beinprothese sehen konnte.

"Ein Unfall. Ich habe mich mit meiner Schwester, Clarissa, gestritten und war in meiner Wut blind genug, eine Treppe zu sehen. Bin runtergepurzelt, mein Bein hat sich aber irgendwie im Geländer verhakt und hat meinen Fall gestoppt. Vom Knie abwärts war es danach eher Brei als Knochen und Muskeln. Dann wurde es halt amputiert. Ach, soll ich dir ein Bild davon zeigen?"

136-DE steckten die Worte im Hals fest. Er sah sie bloß verstört aus großen Augen an.

"Nur ein Spaß, keine Sorge", lachte Ilena, "Und übrigens, du darfst du zu mir sagen. Wir sind ja schließlich fast gleich alt. Derartige Formalitäten fühlen sich irgendwie… falsch an."

"Woher wissen Sie… weißt du, wie alt ich bin?"

"Ich weiß so einiges, Timmyboy. Zum Beispiel auch, dass mein… äh, Ururururururgroßvater oder so Jeremiah und Olimpia gebaut hat. Sie helfen hier in dem Laden, seit er von meiner Ururur-irgendwas-Großmutter eröffnet wurde. Die beiden sind ausgezeichnete Feinmechaniker, und außerdem verstehen sie sich sehr gut darauf, Anomales in die Uhren einzubauen. Wie etwa die Sonne in der Armbanduhr da."

"Nenn mich bitte einfach 136-DE oder etwas anderes in die Richtung. Bitte."

Sie trat näher an ihn heran, sodass sie ihn fast berührte, und blickte ihm unverwandt hinauf in die Augen: "Ach was, Timmy. Du solltest dich an deinen Namen gewöhnen, statt irgendeine bedeutungslose Nummer als Bezeichnung zu verwenden."

Er starrte sie lange an, bevor er sagte: "Ich muss in die Vergangenheit eingreifen."

Ilena sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an: "Warum?"

"Hör zu, ich habe jetzt keine Zeit, das zu erklären, jede Sekunde, die wir hier verschwenden, kann Menschenleben kosten."

"Die Zeit kannst du dir nehmen", meinte Ilena, noch immer dicht vor ihm stehend, während sie zur Tür zeigte. Dort erblickte er zwei Vögel, die direkt hintereinander durch die Gasse fliegen sollten. Stattdessen jedoch schwebten sie mittig über der Straße. Die Zeit war angehalten, und scheinbar nur außerhalb des Ladens. Also nahm er sich die Zeit und erklärte es ihr ausführlich. Die ganze Zeit über hielt sie sich dicht an seiner Seite, ohne ihn zu berühren. Nachdem er abgeschlossen hatte, blickte sie ihm lächelnd entgegen.

"War doch gar nicht so schwer, was? Jetzt kann ich dir vielleicht auch helfen, Timmy."

Er atmete tief durch. "Danke."

"Gerne doch. Ist Jahre her, dass wir hier Kundschaft in meinem Alter hatten. Da freut es mich natürlich, wenn ich helfen kann."

"Mich würde es auch freuen, wenn du endlich ein bisschen auf Abstand gehen würdest."

"Ach was", flüsterte Ilena und legte ihm eine Hand auf die Schulter, "Ein bisschen Nähe tut dir doch sicher gut."

136-DE starrte ihr kurz in die Augen und als sich ihre Lippen zu einem Lächeln verzogen, riss er sich ihre Hand von der Schulter und verdrehte sie mit einem Ruck, dass Ilena aufschrie und zu Boden ging.

"Ich brauche deine Nähe nicht", zischte er, "Das einzige, was ich brauche, ist Zugang zur Vergangenheit."

"Du verdammter Schwachkopf", keuchte sie, ihr verdrehtes Handgelenk haltend, "Wieso sollte ich dir jetzt noch helfen? Verpiss dich."

136-DE ignorierte sie einfach und fuhr fort mit seinem Rundgang durch den Laden. Er untersuchte verschiedenste Uhren, bei denen er das Gefühl hatte, sie könnten ihm behilflich sein. Doch letztendlich hatte er nie das Gefühl, die richtige gefunden zu haben. Er wollte sich gerade zur Treppe begeben, als ein stechender Schmerz durch seine Seite fuhr. Er wirbelte herum und sah Ilena, die in ihrer gesunden Hand einen blutigen Schraubenzieher hielt. Sie stürzte sich auf ihn und rammte ihm das Werkzeug in den Bauch, bevor er reagieren konnte. Der Schmerz raubte ihm den Atem, als sie ein weiteres Mal zustieß und sie beide zu Boden gingen. Ilena drehte den Schraubenzieher in der Wunde. Sein Blickfeld verengte sich und er sah sich außer Stande, Ilena abzuwehren, als ihr Gewicht plötzlich von selbst verschwand. Keuchend riss er sich das Werkzeug aus dem Bauch und warf es beiseite. Über ihm stand die Angreiferin, die Augen aufgerissen und die gesunde Hand vor den Mund geschlagen.

"Ich… ich hätte dich fast umgebracht", stellte sie mit einem entsetzten Keuchen fest und übergab sich auf den Boden hinter ihr. Nach einer kurzen Verschnaufpause sprang sie auf und stürmte die Treppe hinunter, die auch 136-DEs Ziel gewesen war. Nach kaum zehn Sekunden kletterte sie sie wieder hinauf, Jeremiah im Schlepptau. Letzterer schraubte sich die künstliche Hand ab und enthüllte eine ansehnliche Sammlung von kleinen Roboterärmchen. Damit näherte er sich den Stichwunden, worauf sie auf einen guten Meter Länge ausfuhren und hastig die Wunden versorgten und schlossen. Das alles ging so schnell, dass der Patient kaum mehr spürte als ein kurzes Piksen.

Ilena hockte sich neben ihn und ratterte mit besorgtem Gesicht zahlreiche Entschuldigungen runter, sodass 136-DE darum kämpfen musste, sie dazu zu bewegen, aufzuhören. Letzendlich kam sie jedoch zu einem Ende.

"Kann… kann ich dir irgendwas bringen? Kaffee oder so? Eine Cola?"

136-DE schüttelte den Kopf: "Nein. Das Einzige was ich jetzt brauche, ist einfach Zugriff auf die Vergangenheit."

Ilena blinzelte ihn an, lief zur Treppe und bedeutete ihm, zu folgen. Er tat wie gehießen und als sie am unteren Treppenende durch eine offenstehende Tür traten, öffnete sich eine nicht gerade kleine Feinmechanikerwerkstatt vor ihnen. Auf einem Tisch lag Olimpia, den Kopf abgeschraubt, auf anderen waren zahlreiche kleine Werkzeuge verstreut und an den Wänden befanden sich Schränke mit Glastüren, hinter denen allerlei Anomales steckte. In der gegenüberliegenden Wand befand sich eine schwere, dunkle Holztüre, die sie ebenfalls durchschritten.

Dahinter wurde eine gewaltige Apparatur freigelegt, die aus Zahnrädern, Kolben, Gelenken und Streben verschiedenster Größe gebildet wurde. Insgesamt erinnerte es 136-DE sehr an gewaltige Steampunk-Maschinen, wie man sie aus Büchern, Filmen und Videospielen kannte. Ilena führte ihn zu einer kleinen Kammer aus Glas, in die er sich stellte. Jeremiah betrat den Raum kurz nach ihnen, in seinen künstlichen Armen mehrere der Uhren aus dem Verkaufsbereich. Ein weiteres Mal fuhr er die Miniärmchen aus, die die Uhren auseinandernahmen und Teile davon in der Maschinerie einsetzten. Nach zwei Minuten war er fertig und verließ den Raum wieder. Ilena lächelte ihn traurig an.

"Auf Nimmerwiedersehen. Mein Vater bringt mich um, wenn er herausfindet, dass ich dich in die Vergangenheit geschickt habe… aber gut. Bist du so weit?"

136-DE nickte ihr durch die Scheibe hindurch zu, die ihre Stimme kaum dämpfte. Sie betätigte einen Hebel und die zahlreichen Kleinteile der Maschine setzten sich in Bewegung. Es zischte, ratterte und klimperte, als die Kammer mit einem schweren Gas gefüllt wurde, das sofort zu Boden sank. Beginnend an seinen Füßen verließ ihn die Körperwärme. Sein Blick verschwamm und seine Beine gaben nach. Er bekam Zweifel, ob Ilena ihn nicht einfach etwas vorgespielt hatte und ihn nun kurzerhand in den Tod schickte, als er plötzlich von angenehmer Wärme umfangen wurde.


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Johnny rappelte sich vom Boden auf und blickte sich um. Die Menge löste sich langsam auf, doch noch immer hingen mehrere entsetzte Blicke an ihm und dem Erschossenen. Er nahm seinen Fedora und die Pistole von der Straße und eilte leicht verstört zurück in Bells Haus und zu ihrem "Lazarett". Durch die schwere Türe heilten bereits schrille, schmerzerfüllte Schreie. Johnny betrat den Vorraum und erblickte Viktor und Emilia, einander in den Armen liegend und mit Tränen in den Augen. Nun wurde ihm klar, dass es Mathildas Schreie waren, die durch die Gänge hallten. Er ließ die besorgten Adoptiveltern mit einem Kloß im Hals allein und betrat den Raum, der von Amy belegt wurde. Sie saß dort, einen ängstlichen Ausdruck in den Augen.

"Wie geht es ihr?", fragte sie leise.

"Ich weiß es nicht. Ich war draußen und meine Güte, diese Viecher sind die Hölle… machen aus Menschen Zombies. Ich befürchte, Mati ist dasselbe passiert und Bell kämpft jetzt darum, sie zu heilen…"

Amy sah ihn aus großen Augen an: "Ach du Scheiße."

"Aber wir können ihr wahrscheinlich eh nicht helfen. Also heißt es warten und aufs Beste hoffen."

Beide schwiegen darauf. Johnny setzte sich auf den Rand des Krankenbetts und nahm Amys Hand. Nach Kurzem richtete sich letztere auf und fragte: "Was ist mit deinem Kopf?"

Johnny griff an seinen Hinterkopf und bemerkte dort etwas Blut.

"Alles gut, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Einer von den Zombies hat mich angegriffen und dabei hab ich mir den Kopf gestoßen, aber es ist alles gut."

Seufzend legte Amy wieder ihren Kopf auf das Kissen. Wieder trat eine kurze Stille ein, nur von Mathildas Schreien durchbrochen, die jedoch begannen, schwächer zu werden.

Letztendlich durchbrach Johnny die Stille: "Bell hat mir die hier gegeben", er holte die geflochtenen Armreife aus der Tasche und streifte sie über seine Handgelenke, "Damit soll ich dir mit dem Bruch helfen."

Amy beobachtete ihn, als er seine Hände übereinander legte und zweifelnd den Spruch aufsagte, den Bell ihm genannt hatte. Nichts passierte.

"Du musst dran glauben, dass es klappt, Johnny. Ich habe mich letztens recht ausgiebig mit Bell über Magie unterhalten. Ich muss sagen, ich beneide sie gewissermaßen darum. Aber es hat auch so seine Vorteile, eine Normalsterbliche zu sein."

Er blickte sie kurz an, bevor er sich wieder seinen Händen zuwandte. Er sprach Bells Spruch und stellte sich vor, wie eine kleine, blaue Kugel entstand. Ein greller Lichtblitz erschien, als tatsächlich eine runde Wolke aus Licht entstand. Jedoch maß diese einen guten Meter im Durchmesser und leuchtete so intensiv, dass das Blau fast schon weiß anmutete. Vor Schreck aufschreiend zuckte er zusammen und die Kugel verschwand.

"Heilige Scheiße… Bell sollte sich diese Armreife definitiv nochmal anschauen…"

Ohne, dass er es mitbekam, erlaubte sich Amy ein stolzes Lächeln hinter seinem Rücken. Bell hatte tatsächlich recht, was Johnny anbelangte. Dieser drehte sich nun zu ihr um, einen entsetzten Ausdruck im Gesicht. Plötzlich rumpelte es heftig und das ganze Haus begann zu beben.


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Elias folgte der Wegbeschreibung, die er 136-DE gegeben hatte. Er war daran interessiert, was der etwa Gleichaltrige plante. Als er im Nälkäweg ankam, sah er nichts Ungewöhnliches, bis auf ein paar Schrauben und Splitter vor dem Eingang des Uhrmachers. Er näherte sich ebendiesem langsam und spähte durch das Fenster. Er sah nichts als Dunkelheit.

Plötzlich begann der Boden zu beben. Elias entfernte sich rückwärts langsam vom Gebäude, als die Glasscheiben explodierten. Die Scherben flogen mit gefühlt relativistischer Geschwindigkeit aus den Rahmen. Doch sie sollten Elias nie erreichen.


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136-DE schwebte im tiefschwarzen Nichts. Eine wahrhafte Ewigkeit verging, er konnte nicht sagen, ob es bloß Sekunden, Minuten oder Tage waren. Nicht einmal Jahre konnte er ausschließen. Seine Gedanken waren so zäh wie Honig, er begann, sein ganzes Leben zu überdenken.

Doch irgendwann tauchte ein glühender Fleck in der Ferne auf. Er vergrößerte sich, kam offenbar näher. Timmothy konnte nach weiteren Minuten, Stunden oder Tagen ein Gesicht ausmachen, bestehend aus geschmolzenem Gestein. Als es auf ein unbestimmtes Vielfaches von Timmothys Körpergröße angewachsen war, begann es, ihn zu umkreisen und mit ihm zu sprechen.

"Timmothy. Was wünschst du?"


Die dritte Episode der Verlust-Reihe:
Verlust, Episode 3: Gefunden

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