Verlust, Episode 1: Genommen
Bewertung: +6+x

Die Verlust-Reihe mit allen ihren Episoden ist unabhängig von jedem Kanon zu sehen. Sie stellt nur einen Versuch dar, etwas anderes zu schreiben, als ich es für gewöhnlich tue. Die Basis ist durch Projekt Trickster gestellt, entsprechendes Vorwissen ist zum Verstehen der nachfolgenden Erzählung empfohlen.




Zu Zeiten des dritten Reiches stand die anomale Welt Deutschlands unter der Kontrolle des Sonderkommando für Paranormales. Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges und somit dem Untergang des nationalsozialistischen Regimes, verging auch das SKP.
Doch wie jedes Ende ein neuer Anfang ist, wie das Ende des Krieges nach und nach Frieden sprießen ließ, wie das radikal regierte Deutschland viergeteilt wurde, um es wieder auf demokratische Pfade zu leiten, so entstieg aus den Trümmern des SKP der deutsche Zweig der SCP Foundation wie der Phönix aus der Asche seines vorherigen Seins, prächtiger als je zuvor.
Im späteren Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts verschmolzen der deutsche, der österreichische und der schweizer Zweig zum deutschsprachigen. Die weltweit agierende Organistion kontrollierte immer mehr die anomalen Aspekte unserer Existenz; sie expandierte und es glich einem Wunder, dass es ihr, einem der größten Unternehmen der Erde, gelang, quasi unentdeckt zu bleiben und im Falle einer drohenden Offenbarung alle Spuren zu verwischen. Maximal winzig kleine Details konnten entkommen, die meist schnell wieder verschwanden, oder gar nicht erst an die weitere Öffentlichkeit gelangen konnten. Doch wie es nicht zwingend nur sprichwörtlich so schön heißt: Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann einen Tornado in den USA auslösen…


Oktober 2067

John-Christian schob seinen Rollstuhl durch ein Gittertor auf den Friedhof, den er seit vier Jahrzehnten mindestens einmal pro Woche besuchte. Die einzige Ausnahme war gewesen, als er zwei Wochen auf der Intensivstation lag, nachdem ihm ein Herzstillstand fast das Leben gekostet hätte. Mit gesenktem Kopf rollte er auf die hinterste Grabreihe zu. Er wünschte sich, dass hier auch die anderen lagen, doch das war aus mehreren Gründen unmöglich. Es brach ihm das Herz. Er spürte den kühlen Herbstwind in seinem letzten, ergrauten Haupthaar. Rostrotes und goldgelbes Laub bedeckte die Wege aus kleinen Pflastersteinen; zwischen den vom Regen abgetragenen Kanten reckte sich Unkraut nach den Sonnenstrahlen. John-Christian war das erste Mal nicht allein auf dem Friedhof, und er wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Er lächelte den jungen Mann traurig an, wie er dort stand, seine Pistole halb unter dem Mantel verborgen.
Er hievte sich aus seinem Rollstuhl, drückte seinen Hut an seine Brust und ging auf wackligen Beinen auf das erste Grab zu. Er legte eine schneeweiße Rose davor nieder.
Es tut mir Leid, mein Freund. Ich hätte dich nie gehen lassen dürfen. Verweile in Frieden.
Er zündete eine Kerze an und stellte sie neben den Grabstein. Er las ein letztes Mal den Namen darauf.

Viktor Eißner


Ein zitternder Atemzug rasselte aus seiner alten Lunge.
Bedrückt lief er weiter zur nächsten Ruhestätte. Eine einfache, gelbe Rose fand ihren Platz darauf.
Du gingst vor uns allen. Ich hoffe, du weißt, wie es um uns steht. Verweile in Frieden.
Der zweite Docht fand Feuer. Er zwang sich zu einem kurzen Blick auf den Namen.

Emilia Fabri


Sein Kopf begann zu schmerzen, ein seichter, trauriger und einsamer Schmerz.
Er ging weiter zum nächsten Grab. Er nahm zwei rabenschwarze Rosen und legte sie zu den anderen Blumen.
Ich hätte euch nie rufen sollen. Es ist meine Schuld. Verweilt in Frieden.
Ein weiteres, trauriges Feuer. Er blickte auf die Namen.

Alice Peterson & Stephan Faust


Seine Beine konnten ihn kaum noch tragen.
Das nächste Grab erhielt eine violette Rose.
Du warst noch viel zu jung. Es… Es hätte nie so kommen dürfen. Verweile in Frieden.
Die nächste Flamme. Diesen Namen vermisste er besonders.

Mathilda Fabri


Der Himmel schloss sich seiner Trauer an, und salzige Tränen vermischten sich mit unzähligen süßen.
Er nahm die letzte Rose in die Hand und sank vor dem Grab auf die Knie. Er ließ den Tränen freien Lauf, als er die rote Blume ablegte. Er schluchzte ungehalten. Ein alter, gebrechlicher Mann, dessen Entscheidungen dazu geführt hatten, dass er alles verlor, was er liebte.
Ich vermisse dich so sehr, meine Liebste. Warum… Warum hasst mich das Schicksal? Ich… Ich werde dich immer lieben, Amy. Verweile in Frieden.
Das letzte Mal in seinem Leben entzündete er eine Flamme. Sie war so klein, wie seine Trauer groß war.
Er spürte kaltes Metall am Hinterkopf.
"Tu es, Junge. Bitte. Ich will das nicht mehr, ich kann nicht mehr. Ich… Ich lebe schon viel zu lang. Ich hätte mit ihnen in den Tod gehen sollen. Bitte, Kind, bitte. Bring es zu Ende."
Er merkte, wie der Regen mitten in der Luft abzubremsen schien, bis er nahezu ganz stoppte. Eine Hand legte sich auf seine Schulter.
"Johnny. Lebe wohl."
Er sah zu der Person auf, die ihn angesprochen hatte.
"Bell. Auf Wiedersehen."
Sie wirkte so jung wie eh und je.
"Auf Wiedersehen, alter Freund."
Der Regen beschleunigte wieder. Er blickte geradewegs voraus auf den Grabstein.

Amelie Meloa


Die Frau, die ihm wieder einen Namen gegeben hatte und auch ein Kind, das mit ihr hätte aufwachsen können, wäre es nicht passiert.
Er spürte, wie sich der Arm hinter ihm anspannte.
Er starb mit Amys Namen auf den Lippen, dem seiner Tochter im Herzen und denen seiner verstorbenen Freunde in Gedanken.


△ △ △

September 2021

Die Stäbe krachten wieder und wieder gegeneinander. Jedes Mal ertönte ein holzartiges Klacken, das in der großen Halle wiederhallte. Dazu kamen die Kampfschreie und gelegentlich ein kurzes Aufschreien, wenn jemandem die Parade missglückte und der Gegner zu viel Schwung hatte, um den Schlag abzubremsen. Plötzlich flog einer der Stäbe quer durch den Raum.

"Ha!" Triumphierend reckte Alice Peterson ihren Bambusstock in die Höhe, mit dem sie gerade Stephan Faust entwaffnet hatte.

"Ich geb's auf, Alice. Ich werde nie mit den Stäben was ausrichten können", meinte dieser, "Ich bleibe lieber bei meinen Forschungen."

"Unsinn, Stephan. Du kriegst das hin. Übung macht den Meister, das weißt du doch", kam es von Viktor Eißner. Er hatte sein Duell mit Emilia Fabri unterbrochen, sodass jetzt Amelie Meloa und Johnny die einzig verbleibenden Kämpfenden waren.

"Hopp hopp, hol dir deine Waffe und weiter geht's, sonst hält dein Körper nicht den ganzen Theoriekram aus, mit dem du dich die ganze Zeit beschäftigst", versuchte er, den Forscher zu motivieren, der nun doch seufzend seinen Kampf fortführen wollte. Alice streckte ihm ihren Arm als Aufstehhilfe entgegen, den Stephan mit verletzten Stolz nahm. Die Agentin zog ihn mit einer solchen Wucht hoch, dass er nicht wusste, wie ihm geschah. Der überrumpelte Forscher bekam oben angekommen einen der feurigsten Küsse, die sie ihm je gegeben hatte, was ihn nahezu runter auf die Matte schickte. Er riss überrumpelt seine Augen auf und versteifte sich kurz. Als sein Forschergeist die Situation verarbeitet hatte und er einen Konter-Kuss erwidern wollte, stieß sie ihn mit ihrem Stock fort und lies spitzbübisch eine neue Welle von Angriffen mit ihrer Waffe auf ihn niedergehen.

Nebenan lieferten sich Amy und Johnny, die von der Diskussion eher weniger mitbekommen hatten, ein ausgeglichenes Duell: Obwohl sie erst vor etwa einem Jahr in ihre kleinen Kämpfe eingestiegen war, konnte sie mit ihm mithalten, obwohl er eine volle Agentenausbildung plus mehrere Jahre Hobbyerfahrung vorweisen konnte. Sie war eben ein Naturtalent auf diesem Gebiet. Als sie nun ihre Waffe auf Johnnys niedersausen ließ, und er versuchte, mit dem mittleren Teil, der sich zwischen seinen Händen befand, zu parieren, splitterte der Bambus ihres Stabes. Erschrocken zuckte sie zusammen, was es ihm erlaubte, sie mit einem weiten Schwung aus dem Gleichgewicht zu bringen, sodass sie auf den gepolsterten Boden stürzte.

"Okay, der Sieg gehört dir", keuchte sie außer Atem vom Boden aus. Johnny half ihr auf die Beine.

"Es wird Nuhoki nicht gefallen, dass wir noch einen Stab zerstört haben", erwiederte er, nicht minder erschöpft. Nuhoki war der 62-jährige Kampfsporttrainer der Akademie in Sjhlfels am Rhein. Er selbst behauptete, dass ein Großteil seiner Vorfahren Kampfkünstler waren, jedoch gab es weder andere Personen, noch irgendwelche Dokumente, die diese Behauptung bestätigen konnten. Die Kampfstäbe, die er selbst herstellte, züchtete er über lange Jahre aus dem exotischen, langsam wachsenden Sjhlbambus, zu dessen Wachstum die Magie seiner Frau Johannah, einer ehemaligen Professorin der Magierakademie, benötigt wurde. Die genauen Techniken zur Herstellung waren nur diesen beiden bekannt und würden mit ihnen ins Grab getragen werden. Der Sjhlbambus war besonders stabil bei einem extremst geringem Gewicht und er konnte in geraspelter Form und mit Wasser versetzt die Wundheilung erheblich beschleunigen. Zumindest war dies eine weitere Behauptung Nuhokis, die noch niemand bestätigen oder widerlegen konnte. Oder wollte. Er besaß nunmal trotz seines fortgeschrittenen Alters ein sehr impulsives Wesen, dass auch durch seinen immer noch durchtrainierten und fitten Körper handelte. Und es brachte ihn immer auf, wenn eine seiner Behauptungen angezweifelt oder eine seiner Kreationen beschädigt wurde. Was ausnahmsweise ein bewiesener Fakt war, war die Tatsache, dass er schon mehreren Leuten eine solche Heidenangst eingejagt hatte, dass sie nie wieder einen Fuß auf sjhlfelser Grund zu setzen wagten.

Also traten nun Amy und Johnny ängstlich aus der Halle und in den Vorraum, in dem Nuhoki gerade einen der Stäbe mit bunten Stoffstreifen umwickelte. An den Wänden hingen verschiedenste Wandteppiche, die von den Abenteuern diverser Kampfkünstler berichteten. Sie bildeten mit ihrem Farbenreichtum aus kräftigen Rot- und Grüntönen, vermischt mit blauen und gelben Akzenten und versetzt mit dem hier allgegenwärtigen Rosa der Kirschblüte einen starken Kontrast zur dahinterliegenden Wand, die durch geleimte Papierschichten in einem dunklen Holzskelett gestellt wurde. Die Tür, die aus dem Gebäude in einen kleinen Innenhof — der selbstverständlich einen Kirschbaum beherbergte — führte, wurde von zwei speerartigen Waffen, deren Klingen jedoch länger als normal und gebogen waren, flankiert. Darüber hingegen befand sich ein etwa ein Meter langer Sjhlbambusstab, an dessen Enden rasiermesserscharfe, dreißig Zentimeter lange Klingen rötlich glänzten. Dieses Prachtstück war Nuhokis größter Erfolg: Das exotische Metall war angeblich aus Kirschblüten erschaffen — was niemand in Sjhlfels wirklich glaubte — und war in der Lage, durch festen Granit zu schneiden, als wäre er Butter — was nahezu jeder in Sjhlfels gesehen hatte, kurz nachdem er die Waffe fertiggestellt hatte und sie gefühlt der ganzen Welt präsentieren wollte.

"Was habt ihr jetzt schon wieder angestellt, Kinder?", fragte er mit seinem japanischen Akzent, ohne den Blick zu heben. Amy hielt ihm einfach nur den beschädigten Stab hin, ohne etwas zu sagen. Er nahm ihn entgegen und starrte auf ihn, sichtlich gegen die aufsteigende Wut in ihm kämpfend. Johnny sah, wie sich seine Hände so fest um den Bambus schlossen, dass die Knöchel weiß hervortraten und sich seine Kiefermuskulatur anspannte. Es war mehr als nur offensichtlich, dass seine Halsschlagader fast platzte vor dem ganzen Blut, das dort sicher einhundertachtzig Mal die Minute durchgepumpt wurde.

Unvermittelt schmiss er den anderen Stab beiseite, wobei er eine Figur aus gebranntem Ton nur knapp verfehlte, und zerbrach den gesplitterten mit einem ohrenbetäubenden Knall über seinem Oberschenkel. Er schleuderte die Hälften vor ihre Füße und gab eine einzige Anweisung:

"Raspeln."

Während sich die beiden Unglücklichen die Raspeln und Wannen besorgten, setzte aus der Halle wieder das Klacken der aufeinandertreffenden Stäbe ein.


• • •


Nachdem Johnny und Amy fertig mit dem Raspeln und die Übrigen ihre kleine Kampfstunde beendet hatten, machten sie sich alle wieder frisch und tauschten ihre Karateanzüge, die Mathilda aus unerfindlichen Gründen unglaublich witzig fand, gegen normale Straßenbekleidung aus. Viktor holte noch das Mädchen, das sich unter Bells Aufsicht — als hätte sie die Nerven, sich neben einem Haufen Erwachsener, die gerne die Regeln etwas dehnten, auch noch um ein maulendes Pubertier zu kümmern — um seine Allgemeinbildung kümmerte, ab. Dann trafen sie sich zum Abendessen wieder im Restaurant zur Kirschblüte, das von Nuhokis Töchtern, Lihimai und Vanessa, geführt wurde. Sie waren zwar bei weitem nicht so kampftalentiert wie ihr Vater und waren nicht in der Lage, Magie auch nur ansatzweise so gut anzuwenden wie ihre Mutter, konnten jedoch bei weitem besser kochen als alle anderen Leute in Sjhlfels, wodurch sie sich ein ordentliches Vermögen zusammengeschaufelt hatten. Doch neben Speis und Trank konnten sie für den richtigen Preis noch etwas möglicherweise viel Wichtigeres herausrücken:
Informationen.

Sie waren eine wahre Goldgrube, wenn man sich über die verborgenen Seiten der Stadt — und nicht selten auch darüber hinausgehend — Wissen aneignen wollte. Bell hatte schon oft Infos erkauft, die den Angehörigen des Projekt Trickster Einsätze glücken, oder überhaupt erst stattfinden ließen. Und auch das ein oder andere Leben konnte dadurch verschont bleiben.

Einer der neuen Angestellten von Vanessa und Lihimai, ein hochgewachsener Junge mit schulterlangen Haaren und eingekleidet, als ob er geradewegs einer Erzählung über das alte Japan entstammte, nahm nervös ihre Bestellung auf, wobei sein Blick immer wieder zu Mathilda hinüberzuckte. Doch entweder bemerkte sie es nicht, oder sie ignorierte es. Als Viktor jetzt auch noch ihre Bestellung aufgab — Mathilda hatte schon immer Probleme mit der Aussprache der japanischen Gerichte gehabt — stand ihm die Enttäuschung so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass Johnny fast laut losgelacht hätte. Nur Emilias schmerzhafter Tritt gegen sein Schienbein hielt ihn davon ab. Als dann jedoch ein anderer Mitarbeiter das Essen brachte, musste selbst sie schmunzeln.

Gerade, als Mathilda den letzten Rest ihrer Nudelsuppe aß, kam Bell mit ernsten Blick ins Restaurant. Sie kam zu ihrem Tisch und sah kurz in die Runde.

"Johnny, komm mal bitte kurz mit mir", sagte sie in einem merkwürdigen Tonfall, der sowohl Ärger als auch Lob ankündigen könnte.

Hab ich was Falsches gemacht?, fragte er Stephan, als Amy aufstand, um ihn von der Bank zu lassen. Sein Freund antwortete mit einem unauffälligen Schulterzucken.

Johnny folgte der Magierin aus dem Restaurant, wo sie ihm mit den Worten "Hat ANA gefunden. Wurde vor drei Tagen in der Nähe von Wien geschossen" ein Foto in die Hand drückte.

Er starrte es lange einfach nur an. Es war die Art Foto, die man machte, wenn man irgendeine Sehenswürdigkeit besuchte. Der Großteil wurde von einem grünen Berghang eingenommen, auf dem kleine schwarze Punkte zu sehen waren, vermutlich Wanderer. Im Schatten eines kleinen Nadelwäldchens tummelte sich eine Herde hellbrauner Kühe. Doch das linke Drittel stellte eine Frau dar, die Johnny das letzte Mal vor neunzehn Jahren in Person gesehen hatte. Obwohl er damals erst acht Jahre alt gewesen war, hatte er noch immer ihr helles Lachen in den Ohren, aber auch ihre strenge Stimme, wenn er mal wieder etwas von den Süßigkeiten stibitzt hatte. Er blickte in ein scharf geschnittenes Gesicht, in dem sich bereits ein Haufen Falten angesiedelt hatten. Eine schmale Nase zwischen matten Augen, die kaum Emotionen zeigten und die aufgrund der Sonne leicht zusammengekniffen waren. Hohe Wangenknochen, unter denen leicht eingefallene Wangen prangten. Ein schmaler, geschwungener Mund über einem runden Kinn. Das alles wurde eingerahmt durch dünne, braune Haare, die dicht mit grauen Strähnen durchzogen waren.
Obwohl er dieses Gesicht vor neunzehn Jahren das letzte Mal gesehen hatte, erkannte er es sofort wieder. Obwohl ihre Haare damals noch wesentlich voluminöser waren und auch komplett braun, obwohl ihr Kinn damals wesentlich markanter war, obwohl ihre Wangen nicht so eingefallen waren und obwohl ihre Augen damals noch so voller Freude und Emotionen waren, erkannte er sie. Mit zittriger Stimme sprach er, bevor er das Foto fallen ließ und sich in die dunklen Gassen flüchtete:

"Mama."


△ △ △

Mai 2002

"Liza? Sieh dir das mal an. Die Ausschläge sind zwanzig mal höher als sonst."

Elizabeth wandte sich von ihrem Mikroskop ab und ging zu ihrem Mann, der ebenso wie sie selbst einen langen, weißen Kittel trug, das Logo ihres Arbeitgebers stolz auf der Brust, direkt über ihren Namensschildern. Howard zeigte auf den Bildschirm vor ihm. Er zeigte zwei Linien — eine rote, eine blaue — die in einem unregelmäßigen Auf-und-ab Berge und Täler bildeten. Ein grüner Balken markierte den Bereich, in dem er bisher verlaufen war, kleine grüne Striche darüber und darunter zeigten die Extremalwerte der Vergangenheit. Die Skala begann bei Null, die höchste Extremallinie lag bei 102. Doch die jetzige Spitze der roten Linie lag bei 2239, die blaue nur leicht oberhalb des Balkens.

"Hast du den Sensor nochmal überprüft? Letztes Mal war es auch nur ein Fehlalarm", antwortete sie ihm in dem familieneigenen Englisch-Französisch-Kauderwelsch.

"Stimmt. Ich seh schnell nach. Halte du die Linien im Auge."

Elizabeth setzte sich auf seinen Stuhl und blickte weiter auf den Graphen. Alle fünf Sekunden wurde ein weiterer Punkt generiert und in die Linie eingebunden. Sie sah, wie die blaue langsam wieder in den Normbereich sank, während die rote Linie langsam immer weiter anstieg.

2240, 2242, 2245, 2246

Sie öffnete ein anderes Programm und tippte schnell einen Befehl ein. Sie wusste, es würde Verluste geben, doch es war nur zum Wohle aller. Howard kam wieder, als die Linie die 2270er-Marke überwand.

"Der Sensor ist okay, an ihm kann es nicht liegen", meinte er, "Vielleicht ein Fehler im Code?"

"Wohl kaum. Der wurde von mehreren der besten Programmierer europaweit geschrieben."

Sie zog die Augenbrauen zusammen und rieb sich die Schläfen. Sie lehnte sich dankbar zurück, als er ihre Schultern massierte.

Plötzlich ließ ein Krachen alle im Raum aufschrecken. Alle waren sofort in Alarmbereitschaft.

"Hol die Wachen, Helena!", brüllte Elizabeth die Jungforscherin an, um nicht in Verdacht zu geraten. Nur eine Minute später stürmten zwölf Truppen in den Raum, jede ausgestattet mit Maschinengewehren, Schutzkleidung und schusssicheren Schilden. Sie rannten in den kleinen Gang zur Schleuse, die in den Nebenraum führte. Sie stellten sich in einer Formation auf, in der die Schilde die komplette Front bedeckten, und durch die Lücken ragten die Läufe ihrer Waffen. Der Truppführer befahl den Forschern, umgehend zu verschwinden und einen Schutzraum aufzusuchen. Die ersten Arbeiter wollten gerade durch die Tür rennen, als unvermittelt die erste Tür der Schleuse aufgebrochen wurde. Lange, gebogene Krallen schnitten durch den Stahl wie ein heißes Messer durch Pappmaché. Verbranntes Fleisch und verkohlte Knochen quetschten sich durch die Öffnung. Mit dem Kopf voran — er wurde gebildet durch den einer überdimensionierten Porzellanpuppe — drückte es sich aus der Schleuse und in den kurzen Gang. Die Wachen eröffneten das Feuer, sie ließen die Kugeln unablässig auf das Wesen einhageln. Das Ungeheuer schien jedoch andere Pläne zu haben, und ignorierte sie einfach, obwohl Knochen splitterten und Fleisch riss. Es stand nun auf zwei Beinen, die einen gewaltigen Torso trugen. Aus den Schultern ragten je zwei Arme, die bis zum Boden reichten. Sie endeten in langen Händen mit noch viel längeren Krallen. Der Porzellankopf ragte lächelnd über den Wachen auf, als drei der Pranken vorschnellten und sie alle auf einmal zerstückelten. Zwischen den Forschern brach Panik aus, jeder hastete zum Ausgang. Elizabeth bemerkte Howard hinter ihr.

Sie schrie ihn an, er solle sich ducken, doch es war bereits zu spät. Eine lange, gebogene Kralle trennte ihm glatt den Kopf von den Schultern, dass er vor ihre Füße rollte und sie mit warmen Blut bespritzte. Entsetzt schrie Elizabeth auf. Sie schrie und brüllte und weinte, ließ ihren Gefühlen, ihrer Furcht, ihrer Trauer, freien Lauf. Ihr Lebenswille verpuffte im Bruchteil einer Sekunde, und sie sank zu Boden, als sie bemerkte, was sie angerichtet hatte. Sie hörte Schreie um sich herum, spürte das Leid, die Schmerzen, den Tod der Menschen um sie herum. Sie verfiel in einen seltsamen Zustand, sie konnte nur noch spüren. Sie nahm alles um sich herum wahr, als wäre es ein Teil ihrer selbst. Und dementsprechend schmerzte sie der Tod der anderen Forscher. Elizabeth starb jedes Mal mit, und wünschte sich nur, es käme endlich das Ende. Ihr eigenes Ende, bloß, um all dem Schmerz zu entkommen.

Ohne Vorwarnung wurde sie zurück in die Realität gerissen, und sie blickte direkt in übergroße, strahlend blaue Augen. Eine Kralle hob ihr zitterndes Kinn an. Sie ruhte kühl auf ihrer Haut, bis das Wesen plötzlich zurückfuhr, sie jedoch weiterhin anstarrte. Es war größer, als sie nach der Beschreibung ihres Auftraggebers erwartet hatte, und vor allem war es furchteinflößender. Sie bereute, sich dazu überreden gelassen zu haben, es freizulassen. Ein kurzes, unschuldig wirkendes Kinderlachen drang aus dem Porzellankopf, als Elizabeth unerwartet eine unglaubliche Pein durch den Körper fuhr. Ausgehend von ihrem Unterleib, knapp unterhalb der Rippen. Die Kralle hatte sich geradewegs durch sie gebohrt. Sie riss die Augen auf und langte nach Luft. Sie wurde vom Boden gehoben und sie durchlitt Höllenqualen. Das Monstrum verließ den Raum und tötete Unmengen an Wachen mit Leichtigkeit. Bei jeder Bewegung wurden ihre Schmerzen größer, größer als sie je dachte, dass Schmerzen es werden können, es war schlimmer als alles, was sie je zuvor erleben musste. Sie hoffte auf Ohnmacht oder Tod, auf irgendeine Erlösug, es sollten bloß diese Qualen aufhören. Doch stattdessen war sie gezwungen, wach zu bleiben, war dazu verdammt, zu leben. Das Wesen brach ins Freie und wurde von mehreren Explosionen begrüßt. Sie brannten Elizabeth das Fleisch von den Knochen, brachen ihr jedes Gelenk, doch der Tod kam nicht. Stattdessen bedeckte nach kurzer Zeit wieder eine rosa Schicht ihren Körper. Der Schmerz wurde nur noch größer, als sich das Wesen wieder in Bewegung setzte. Es raunte mit leiser Kinderstimme etwas in ihr Ohr — oder zumindest dorthin, wo sich gerade wieder ihr Ohr nachbildete. Obwohl sie nicht dazu in der Lage sein sollte, verstand Elizabeth jedes einzelne Wort ohne Probleme:

"Vielen Dank, Akolyth Moor."

In all dem Leid, während all den Schmerzen, in all diesen Höllenqualen klammerte sie sich an den einzigen Lichtfleck in ihrem Leben. Hoffte, wusste, er konnte es beenden. Nur er. Nur ihr Sohn.

Nur ihr Johnny.


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Oktober 2021

Seit er das Foto gesehen hatte, befand sich Johnny in einer depressiven Stimmung. Keiner der Versuche, ihn zu irgendetwas zu motivieren, ging erfolgreich aus. Er sprach, aß und trank nur so viel wie nötig. Amy meinte, er läge den Großteil der Nächte nur wach da und starrte an die Decke, und wenn ihm die Augen zufielen, dann meist für nicht mehr als zwei Stunden am Stück. Im Schlaf schienen ihn Albträume zu plagen, er warf sich ständig auf der Matratze herum und stöhnte dabei wirres Zeug. Tagsüber starrte er nur Löcher in die Luft und folgte den anderen wie blind. Auch Bells Versuche, seine Stimmung durch Magie aufzuheitern, waren zum Scheitern verurteilt. Doch als der Befehl von oben kam, dass sie den Einsatz über Johnnys Mutter übernehmen sollten, erwachte er aus seiner Trance und verfiel in eine andere Art von Zustand. Er behandelte zwar noch immer Vieles mit Ignoranz, war jedoch ungewöhnlich reizbar. Als Viktor ihn einmal festhielt, da er ansonsten in einen Passanten gelaufen wäre, verpasste er seinem Freund nur einen Schlag ins Gesicht, der glücklicherweise nur in einer Beule endete. Danach war Johnny immer erschrocken, bevor er Amy aufsuchte und lange in ihrer Umarmung weinte. Als Bell die Einsatzbesprechung abhielt, wäre er fast ein weiteres Mal übergriffig geworden, als die Magierin meinte, er solle in Sjhlfels bleiben und nicht teilnehmen. Nur, weil Amy sich dazwischen stellte, hielt er sich zurück, beharrte aber dennoch darauf, dass er dabei sein müsse. Bell gab ihm zur Sicherheit einen Armreif, durch den sie ihn mit einem Gedanken das Bewusstsein rauben konnte.

Als sie nun im Zug saßen, starrte er nur aus dem Fenster und beobachtete die vorbeirasende Landschaft, während Amys Kopf auf seiner Schulter ruhte. Ihnen gegenüber saßen Bell und Mathilda, die verschiedenste Kartenspiele spielten. Auf der anderen Seite des Gangs saßen Stephan und Alice, die Arme einander um die Schultern und die Taille gelegt, gegenüber von Emilia und Viktor, die sich gegenseitig kitzelten und in die Seiten piksten, und unterhielten sich lange. Immer, wenn sie kurz auflachten, zuckte Johnnys Blick zu ihnen hinüber, ansonsten rührte er sich nicht. Als Amy jedoch im Halbschlaf ihre Hand in seine schob, stahl sich ein schwaches Lächeln in sein Gesicht, das den Rest der Fahrt verblieb.


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Spät am Abend kamen sie in zwei bereitgestellten Foundation-Autos in ihrem Hotel an. Es bestand aus einem Verwaltungsgebäude, hinter dem sich zwei dutzend kleine Bungalows an einen Bergfuß schmiegten. Viktor, der sich gewaltige Sorgen aufgrund des Zustandes Johnnys machte, nahm sich Amy kurz beiseite, als sein Freund gerade die Toilette des Hauptgebäudes aufsuchte.

"Wir sind uns einig, dass Johnny endlich wieder mehr er selbst werden muss, richtig?", fragte er sie, während sich in seinem Gesicht ein schelmisches Grinsen abzeichnete.

"Ja, natürlich. Aber wir haben schon alles versucht! Wie denn?"

Viktors Stimme senkte sich zu einem Flüstern: "Bereite ihm eine schöne Nacht, und sorge dafür, dass er endlich eine ausreichende Menge Schlaf bekommt."

Amy errötete und boxte ihn gegen die Schulter. Mit einem peinlich berührten Unterton und mit offensichtlichen Schwierigkeiten zu sprechen meinte sie: "Das… Hab ich schon versucht. Hat nicht wirklich was gebracht."

Viktors Grinsen wurde noch breiter, als er sah, wie ihr Gesicht fast die Farbe einer Tomate annahm. Er wandte sich ab, um zurück zu den anderen zu gehen. Über die Schulter meinte er noch: "Dann musst du dich eben mehr anstrengen."

Und tatsächlich zog Amy Johnny an der Hand direkt in ihr kleines Bungalow, als er zurückkam. Stephan versetzte Viktor mit dem Ellenbogen einen schmerzhaften Stoß in die Rippen, als sie zehn Minuten später daran vorbeigingen und gedämpfte, verdächtige Geräusche durch die relativ dünnen Fensterscheiben zu hören waren. Während er breiter grinste als ein Honigkuchenpferd, Stephan ihn mit tadelnden, aber dennoch belustigten Blicken behandelte und vor ihnen das Kichern von Alice und Emilia erklang, nahm Bell kurzerhand mit Mathilda einen Umweg zu ihrer Unterkunft.

Alice ließ sich zurückfallen, sodass sie sich zu Viktor und Stephan gesellen konnte. Stephan, von ihrem Überfall beim Training vorsichtig geworden, fiel es auf und er flüchtete errötend, verfolgt von einer etwas verärgert dreinblickenden Alice, was Viktor laut auflachen ließ. Emilia sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an, bevor sie ihn an der Hand zu ihrem eigenen Bungalow zerrte.


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Am nächsten Morgen trafen sie sich alle pünktlich um neun Uhr im Gästebereich des Verwaltungsgebäudes, um ihr Frühstück einzunehmen. Alice und Stephan waren in aller Herrgottsfrüh aufgebrochen, um im nächsten Dorf Brötchen und Aufstriche besorgen zu gehen. Nun, als sie alle gemeinsam am Tisch saßen und aßen, fragte Mathilda plötzlich mit einem Grinsen, das so breit war, dass sich die Mundwinkel am Hinterkopf fast berührten:

"Und Johnny, wie war deine Nacht? Wieder gut gelaunt?"

Während Emilia ihr empört einen Klaps gegen die Schulter gab und sie mit einem strengen, erzieherischen Blick aufzog, stahl sich tatsächlich ein kleines, ehrlich belustigtes Lächeln auf seine Lippen — sehr zum Leidwesen Amys, die roter wurde als der traditionellste Ferrari Italiens. Zusätzlich schien sie unter die Tischkante zu schrumpfen.

"Du wirst dir wünschen, auch nur eine halb so gute Nacht zu haben, Mati", sagte er gerade heraus, während er Amy an sich zog, "Das ist mein ganz eigenes Privileg."

Stephan schaltete sich dazwischen: "Amy, du solltest wirklich mal an die frische Luft. So rot, wie du bist, platzt du sicherlich gleich. Das wäre sicher ziemlich ungesund."

Alice stand auf und nahm sie am Arm, bevor sie sie zur Tür hinaus begleitete. Offensichtlich dankbar stützte sich Amy auf sie, andernfalls wäre sie wohl kaum in der Lage gewesen, drei Meter zu laufen, ohne mit dem Boden zu kollidieren.

Emilia wollte auch schon mit Mathilda verschwinden, um ihr eine ordentliche Standpauke zu halten, doch Johnny winkte ab.

"Teenager, weißt du? Ich nehme an, in ihrem Alter hattest du auch eine niedrigere Hemmschwelle, Emilia. War bei mir genauso. Man muss nur aufpassen, dass die Schwelle wieder steigt", meinte er, und mit einem fast schon drohenden Unterton direkt an Mathilda gewandt: "Ansonsten kann man gewaltige Schwierigkeiten bekommen."

Nun war es an dem Mädchen, vor Verlegenheit zu erröten. Sie aßen weiter, und irgendwann gesellten sich auch Alice und Amy wieder zu ihnen. Letztere blieb die ganze Zeit an seine Seite gelehnt sitzen, während sie langsam an ihrem Brötchen knabberte, als plötzlich ein Junge direkt an ihrem Tisch erschien. Sie zuckten, bis auf Bell, alle nahezu synchron zusammen, Stephan entfuhr sogar ein kurzer, schriller Schrei.

"Eins drei sechs, schön dass du wieder da bist", ergriff Bell das Wort, "Ich nehme an, ihr habt sie ausfindig gemacht?"

Der Junge nickte: "Abdullah, Dr. Albrecht oder wie man ihn auch immer nennen will, behält sie mit Rachel und Sandra im Auge."

Sichtlich zufrieden lehnte Bell sich zurück, während die anderen realisierten, dass dort 136-DE vor ihnen stand. Er war so jung wie Mathilda, wurde aber als eine größere Gefahr eingestuft, als alle Trickster — ausgenommen Bell und möglicherweise auch Rachel — zusammen. Wäre Bell nicht in der Lage gewesen, seine zeitmanipulativen Kräfte mittels eines ihrer Zauber zu sehen, zu orten und diese auch — zumindest temporär — zu unterdrücken, hätte Alice' Mutter ihn nie im Projekt akzeptiert, auch wenn er noch so viel dazu beigetragen hätte. O4-8 hätte auch seine Hemmung zu töten oder ernsthaft zu verletzen ignoriert, da sie wusste, wie schnell sich Menschen ändern können — oder geändert werden können. Sie trug nicht ohne Grund den Spitznamen Die Lehrerin.

SCP-129-DE, beziehungsweise Dr. Albrecht, wie er sich selbst nannte, war ein ähnlicher Fall: Da seine Kräfte in Trickster-Kreisen, insbesondere wegen Stephan, Amy und Bell, für ihn selbst eine große Gefahr darstellten, musste ständig Rachel Geleen, eine Magier-Meisterin, die sich nach ihrem Abschluss der Foundation anschloss, an seiner Seite bleiben und sie in Schach halten. Auch für Viktors und Johnnys Sicherheit war sie von großer Bedeutung: Normalerweise trübten sich die Augen des ersteren so stark, dass er praktisch nichts mehr sehen konnte, und bei zweiterem setzten erhebliche Kopfschmerzen einb, die ihm einmal sogar das Bewusstsein geraubt hätten.

"Wir fahren in zwei Stunden, Leute!", legte Bell fest, "Also packt eure Sachen. Und dann ab an die Arbeit."

Sie brachten ihr Frühstück schnell zu Ende, bevor sie sich in ihre Unterkünfte zurückzogen. Bell hingegen suchte zunächst den Empfang auf, um sie abzumelden. 136-DE ging schweigend neben Mathilda her, da er derzeit sonst nichts zu tun hatte. Er streifte einmal wie beiläufig ihre Hand mit seiner eigenen, worauf sie ihm einen kurzen Blick aus dem Augenwinkel zuwarf. Vortäuschend, die Berührung nicht mitbekommen zu haben, schob sie sich ein paar Strähnen hinter das Ohr und ging leicht verlegen weiter ihres Weges. Als sie die Tür zum Bungalow gerade aufgestoßen hatte, verschwand er plötzlich ohne Vorwarnung. Irritiert sah sie sich um, betrat dann aber doch einfach ihr eigenes kleines Zimmer. Es war mit nicht mehr als einem kleinen Bett und einem hohen Schrank eingerichtet, für zusätzliche Möbel hätte der Platz auch gar nicht gereicht. Eine Veränderung jedoch viel Mathilda auf: Ihr Koffer lag aufgeklappt auf ihrem Bett, bis zum Rand gefüllt mit ihrer Kleidung, die ordentlicher zusammengelegt war, als sie es je könnte. Plötzlich spürte sie einen warmen Atem an ihrem Ohr.

"Gern geschehen, meine Schöne", raunte eine leise Stimme. Mathilda blieb wie erstarrt stehen, als sie seine Wange an ihrem Haar spüren konnte. Kräftige Hände legten sich kurz auf ihre Hüften, sodass ihr der Atem stockte. Als sie gerade etwas sagen wollte, zog 136-DE sie kurz an sich und drückte ihr einen Kuss auf die Wange, bevor er einfach verschwand. Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch, als sie sich wie hypnotisiert auf ihr Bett legte. Sie spürte noch immer den Nachklang seiner Lippen neben ihrem Mund. Sie schloss überwältigt die Augen, und kaum eine Minute später wurde sie vom Schlaf in das Wunderland der Träume getragen.


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Sandra Flick führte Abdullah Ibrahim und Rachel Geleen über einen kleinen Hügel. Bäume umringten sie in einem Mischmasch aus Nadeln und Laub. Immer wieder hörte sie leise Flüche der beiden, wenn sie mal wieder über eine unter den Blättern verborgene Wurzel stolperten. Sie überwanden die Kuppe des Hügels und sahen zwei Menschen in schwarzen Kutten über einen entfernten, schmalen Pfad wandern. Die größere Gestalt hielt eine kleine Figur in der Hand. Sandra wusste, dass ihre Begleiter auf diese Entfernung nicht erkennen konnten, was sie darstellte, doch sie selbst hatte kein Problem damit: Es zeigte ein aufrecht gehendes Wesen mit zwei Beinen und vier Armen. Im Prinzip bestand es aus nicht mehr als schwarzen Knochen und verbranntem Fleisch, bis auf den Kopf. Dieser wurde nämlich durch den einer grinsenden Porzellanpuppe gestellt. Die Vermummten liefen mit synchronen Schritten zwischen den Stämmen hindurch, während sie mit zwar kleinen, aber ausdrucksstarken Gesten diskutieren. Hierbei waren sie nicht einmal besonders leise: Trotz des Raschelns der Baumkronen und dem Zwitschern der Vögel konnte sie undeutliche Stimmen vernehmen, von denen die eine eindeutig weiblich und die andere definitiv männlich war.

Ohne Vorwarnung legte sich ihr eine Hand auf den Mund, damit sie nicht vor Schreck aufschrie, als plötzlich 136-DE direkt vor ihr auftauchte. Abdullah und Rachel blieben stumm und zuckten nicht einmal zusammen. Die Magierin hatte nunmal den Vorteil, ein Gefühl für Zeitmanipulationen zu haben und sie wenige Sekunden im Voraus zu spüren. Sie war überrascht gewesen, als Bell ihr die Technik dazu erklärt hatte — sie war simpler als die meisten Rituale oder Zauber, erforderte aber in regelmäßigen Abständen auszehrende Erneuerungen.

"Die anderen sind auf dem Weg hierher. In etwa einer Stunde sollten sie ankommen", berichtete der Junge.

Er nahm ihr die Hand vom Mund, sodass sie nicken konnte.

"Bell sagt, wir sollen einfach auf Abstand bleiben und beobachten", fuhr er fort, "Sie will keine Dummheiten von uns, die die Mission gefährden könnten."

Mit einem Grinsen meinte Sandra: "Wohl eher sollst du keine Dummheiten begehen, Jungchen."

"So viel älter als ich bist du jetzt auch nicht gerade."

"Dafür bin ich mir dem Ernst der Lage umso bewusster."

Mit diesen Worten wandte sie sich von ihm ab und ging, mehr oder weniger parallel zu den Vermummten, weiter durch das Unterholz. 136-DE versuchte über die nächsten Minuten immer wieder, ein Gespräch anzufangen, jedoch ignorierte Sandra ihn durchgehend. Hinter ihnen redeten Abdullah und Rachel leise miteinander, und da der Junge sich nicht einmischen wollte, gab er sich letztendlich damit zufrieden, schweigend neben ihr herzugehen. Sie liefen noch weitere zehn Minuten so weiter, immer mit einem Blick auf die beiden Gestalten, denen sie folgten, als unvermittelt eine weitere schwarz gekleidete Gestalt hinter einem breiten Stamm kaum zehn Meter vor ihnen hervortrat. Die Trickster blieben alle wie erstarrt stehen, als er sie aus dunklen Augen unter der Kapuze hindurch anstarrte. Er hob den Kopf minimal an, und zwei schwere Äste krachten unerwartet auf Abdullahs und 136-DEs Schädel. Erschrocken starrte Sandra sie an, als sie bewusstlos zusammenklappten, bevor sie auch nur nach oben blicken konnten. Sie kannte aus zahlreichen Filmen den freundlichen Schlag auf den Hinterkopf, der angeblich nichts weiter anstellen konnte, als einem das Bewusstsein zu rauben. Doch sie wusste es besser: Es besteht immer die Möglichkeit, dass die geschlagenen Personen verheerende bleibende Schäden davontragen. Auch der Tod war eine mögliche Folge.

"Was wollt ihr hier?", fragte eine tiefe Stimme, "Sprecht oder sterbt."

Sein Blick schien sich durch Sandras Augen zu bohren.

"Wir sind unbedeutend für die Mission. Töten Sie uns doch einfach, wenn Sie können. Aus uns werden Sie kein Wort rausbekommen", erwiderte sie trotzig.

Der Mann näherte sich ihnen langsam. Sandra und Rachel wichen zurück, ihre Waffen erhoben, wurden jedoch gezwungen, stehen zu bleiben, da die Bäume hinter ihnen die Äste zu einer soliden Mauer verwoben hatten. Die weißen Zähne des Mannes grinsten ihnen entgegen.

"Das war's dann wohl mit euch", meinte er mit gespielt bedauerndem Unterton, "Wenn ihr nach eurem Tod irgendwem begegnen solltet, sagt ihm, Akolyth Fels hat euch umgebracht. Die Kunde wird sich verbreiten, dass ich unbesiegbar bin und dann werde ich nicht nur der Herr über das Lebende sein…"

Ranken schlangen sich um ihre Waffen und entrissen sie ihnen. Die Schüsse schlugen in den Boden ein.

"…sondern auch über die Toten."

Mit diesen Worten warf er seine Arme nach vorn, und Moos richtete sich wie lebendig vom Boden auf. Es jagte mit einer unglaublichen Geschwindigkeit auf Rachel und Sandra zu, während es auf sie gerichtete Spitzen entwickelte, die mit einem silbrigen Glanz überzogen wurden. Defensiv hielt Rachel die Hand in Richtung Moos und murmelte ein leises Wort. Sandra hingegen, die das arrogante Geschwafel für Schwachsinn gehalten hatte, war zu verdutzt, um sofort zu reagieren, also hielt sie nur schützend die Arme vor sich. Die Spitzen bohrten sich durch ihre Schultern, zertrümmerten ihre Knochen und nagelten sie an der Geästwand hinter ihnen fest. Sie brüllte vor Schmerz und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie spürte, wie sie langsam von Dunkelheit umschlungen wurde, konnte sich nicht gegen die Wärme, den Schutz wehren. Rachel hingegen ließ das Moos vor sich verdampfen und konterte direkt mit einer Flammenzunge, die zwar größtenteils durch einen fallenden Baum aufgehalten wurde, jedoch schlug ein kleiner Teil in das Gesicht des überheblichen Mannes. Er knurrte kurz auf und ließ vereinzelte Grashalme die Magierin umschlingen, von den Füßen bis zum Hals, wo sie sich verhärteten, sodass sie sich kaum noch bewegen konnte. Sie versuchte, einen Stein in Akolyth Fels' Richtung zu schleudern, merkte jedoch, dass ihre Magie nicht wirkte, sie sie nicht heraufbeschwören konnte. Ein gurgelndes Lachen drang aus seiner Kehle, als die Grashalme sich durch Rachels Haut schnitten. Sie spürte, wie die Muskeln darunter rissen, sie unkontrolliert und schmerzhaft zu zucken begann. Sie merkte, wie ihre Magie aus ihr hinausfloss, gemeinsam mit ihrem Blut. Eine Erinnerung kam in ihr hoch: Professor Fahle, der ihr einst zeigte, wie sie ihre Magie hervorrufen und anwenden konnte, hatte ihr, kurz nachdem ihre Mutter vor etwa zehn Jahren ihr Leben im Dienste der Foundation gelassen hatte, anvertraut, wie man den Kern der eigenen Magie — der Professor hatte nicht gewusst, wie er offiziell heißt oder ob er überhaupt einen offiziellen Namen besaß — nutzen konnte. Rachel erinnerte sich an seine Worte, folgte ihnen Schritt für Schritt. Sie wusste, ihr Tod würde folgen, doch er käme ohnehin aufgrund des Grases. Sie spürte ihn in ihrem Inneren, den Kern der Magie, in all seiner Schönheit. Keine Worte vermochten ihn zu beschreiben. Sie griff nach ihm, umklammerte ihn und konzentrierte sich auf einen einzigen Gedanken. Sie hämmerte auf den Kern ein, spürte, wie er unbändiger wurde, bis er komplett zersprang.

Schwärze. Allgegenwärtige Schwärze. Kein Geruch, kein Geschmack, kein Geräusch. Bloß endlose Schwärze. Sie schwebte im Nichts, in vollkommener Gleichgültigkeit. Kein Gefühl, kein Gedanke, kein Bedürfnis. Nur Schwärze. Schwärze mit einem winzigen, weißen Lichtfleck. Er wuchs rasant an, umhüllte sie.

Weiß. Allgegenwärtiges Weiß. Kein Geruch, kein Geschmack, kein Geräusch. Bloß endloses Weiß. Sie schwebte überall und doch nirgendwo, in vollkommener Gleichgültigkeit. Kein Gefühl, kein Gedanke, kein Bedürfnis. Nur Weiß. Weiß mit einem winzigen, bunten Lichtfleck. Er wuchs rasant an, umhüllte sie.

Erinnerungen. Allgegenwärtige Erinnerungen. Tausende Gerüche, tausende Geschmäcker, tausende Geräusche. Alle Erinnerungen. Sie schwebte hindurch, mit allen Emotionen. Tausende Gefühle, tausende Gedanken, tausende Bedürfnisse. Alle ihre Erinnerungen. Das erste Licht der Welt, ihre glücklichen Eltern. Ihre erste Freundin, ihre kindischen Abenteuer. Ihre ersten Schuljahre, ihre Naivität. Ihre Aufnahme in der Magierakademie, ihr erstes gewirktes Ritual. Ihr junges Alter, die wesentlich älteren Mitschüler. Ihr angetane Gewalt durch einen Mitschüler. Ihre dreizehn Jahre, seine dreißig Jahre. Ihr gebrochener Arm, sein Rausschmiss. Ihre erste große Liebe, ihr erster Kuss. Der Tod ihrer Mutter, ihr versuchter Selbstmord. Das Koma ihres Vaters, ihre Verzweiflung. Sein Tod, ihr Selbsthass. Ihr Abschluss, ihr Wechsel zur Foundation. Ihre Zuteilung zu Projekt Trickster, ihre neue Hoffnung. Ein klarer, gleißender Ball im Nichts. Er wuchs rasant an, sie schwebte davor. Ihre ausgestreckte Hand, eine warme Berührung. Ein leeres Rechteck. Es wuchs an, schneller als das Licht, verschluckte den Ball.

Unglaubliche Pein.

Eine mörderische Windböe zerfetzte ihr die Brust, schoss auf den Akolythen zu und katapultierte ihn fort, der Wind wurde geteilt und fraß sich durch Holz und Stein, riss Bäume aus dem Boden und schleuderte das Laub umher, dass es zu tödlichen Geschossen wurde. Rachel brach zusammen und spürte, wie ihr das Leben entglitt. Sie blickte zu den Leuten, die sie zwar erst seit Kurzem kannte, die aber dennoch ihre Freunde waren. Gut fünfzig Meter entfernt sah sie einen schwarzen Haufen, so reglos wie eine Statue. Sie blickte an sich hinab: Rot, überall Rot, rot wie das Blut, rot wie das Leben. Sie schloss die Augen und überließ sich dem Nichts.


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"Da vorne müssen sie sein", sagte Alice, auf das Peilgerät in ihren Händen blickend.

Sie gingen weiter durch dichtes Geäst. An einer Stelle, kurz vor ihrem Ziel, wurde es so dicht, als sei es verwoben worden, und sie musste einen Umweg nehmen. Sie fanden Sandras Peilsender in einem kleinen Brombeerstrauch liegen.

"Das ist nicht gut", meinte Alice, "Bell, wir sollten uns aufteilen und sie suchen gehen."

Doch Johnny kam ihr zuvor: "Ich hab sie", meinte er mit einem merkwürdigen Unterton, "Und es sieht gar nicht gut aus."

Die anderen eilten zu ihm. Es war ein grausames Bild: Sandra, mit metallenen Spitzen an eine Wand aus Ästen genagelt. Rachel mit einem gewaltigen Loch im Brustkorb im Dreck, dazu Schnitte, die sich über ihren gesamten Körper wanden. Ein paar Meter davor lagen Abdullah und 136-DE, die beide etwas unversehrter anmuteten, auch wenn sie beide blutende Wunden am Kopf hatten. Bis auf Mathilda stürmten die Neuankömmlinge auf die Verletzten zu, in der Hoffnung, ihnen helfen zu können. Das Mädchen hingegen blieb zunächst reglos stehen, während es aus der Entfernung in 136-DEs erschrockenes Gesicht starrte. In ihr kämpften Trauer, Entsetzen und eine merkwürdige Erleichterung um die Vorherrschaft. Das Gefühl seiner starken Hände auf ihren Hüften, seines Atems an ihrem Ohr kam wieder auf, und eine Träne rollte über ihre Wange. Aber auch die Erinnerung, wie sie der neue Kellner aus der Kirschblüte sie angesehen hatte, fand wieder einen Weg aus den Tiefen ihres Gedächtnisses. Sie fasste den Entschluss, dass sie mit ihm reden würde, wenn sie ihn das nächste Mal sah. Im Moment jedoch konnte sie nichts tun, als den anderen dabei zuzusehen, wie sie hektisch versuchten, den drei Verletzten zu helfen. Sie ließ ihren Blick durch die Gegend schweifen. Vor ihr lag ein relativ großes Feld der Verwüstung: In zwei Schneisen waren bis in gut hundert Meter Entfernung alle Bäume entwurzelt oder abgebrochen. Mehrere Büsche lagen verstreut herum und in der Entfernung meinte sie das rote Fell eines toten Fuchses zu sehen. Exakt auf der Winkelhalbierenden der Schneisen sah sie, etwa fünfzig Meter entfernt, einen schwarzen Felsen ruhen. Sie ging auf ihn zu und was zunächst nur eine Vermutung gewesen war, bewahrheitete sich nun: Es handelte sich um einen Menschen. Er war in ein schwarzes Gewand mit einer mönchsartigen Kapuze gekleidet, das durch einen breiten Gürtel zusammengerafft wurde. Um seinen Körper herum lag eine klebrige Blutlache. Angeekelt drehte Mathilda den Mann auf den Rücken. Ein blasses, regloses Gesicht starrte mit geschlossenen Augen in den mittäglichen Himmel. Ihr fuhr ein kalter Schauer über den Rücken, als sie erkannte, dass ein großer Teil seines kahlen Schädels mit wülstigem, schwarzem und verbrannt riechendem Fleisch überzogen war. Direkt über seinem linken Auge konnte sie zwischen dem Blut das Weiß seines Schädelknochens ausmachen. Als Mathilda erkannte, wie sehr sein Brustkorb eingedrückt war, hatte sie größte Mühe, ihr Frühstück im Magen zu behalten. Sie meinte zu sehen, dass sich eine abgebrochene Rippe halb aus seiner Seite gebohrt hatte, doch sicher war sie sich dabei nicht, da alles um sie herum zu schwanken begann. Das Mädchen bemerkte, dass sich eine Hand fest um eine goldene Kette geschlossen hatte. Mit viel Überwindung bog sie seine starren Finger auseinander. An den feinen Gliedern des Halsschmuckes hing ein Anhänger, ein einfaches Metallplättchen mit zwei eingestanzten Zeichen:


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Sie nahm es an sich und steckte es tief in ihre Hosentasche.

Plötzlich zuckte die tote Hand nach oben und drückte ihre Kehle so fest, dass sie weder Luft holen, noch um Hilfe rufen konnte. Verzweifelt schlug sie auf den Arm ein, als der Tote sich aufrichtete und sie mit dem gruseligsten Lächeln anstarrte, dass sie je gesehen hatte. Seine nun geöffneten Augen lagen tief in den Höhlen und schienen mehr Pudding als eine Kugel zu formen. Er hielt sie mit eisernem Griff direkt vor sein Gesicht.

"Ihr werdet sterben. Alle", sprach er mit trockener Stimme. Ein Lachen ertönte, grausamer und lauter als alles, was Mathilda je gehört hatte. Ihr Blickfeld verengte sich bereits, als er ihr unerwartet die Faust ins Gesicht rammte, wieder und wieder. Sie merkte, wie mehrere Knochen in ihrem Gesicht brachen, konnte aber nicht brüllen, sie bekam keine Luft. Sie hörte die Schreie der anderen in ihrem Rücken. Sie hing genau zwischen dem Toten und ihren Freunden, sie konnten ihr nicht helfen. Sie würde sterben, hier und jetzt. Die anderen wären niemals rechtzeitig vor Ort. Auch Bells Magie blieb aus. Doch unvermittelt wurde der Mann zur Seite katapultiert. Mehrere ohrenbetäubende Knalle ertönten, noch bevor sie auf den Boden aufschlug. Oder zumindest darauf aufschlagen sollte. Doch stattdessen wurde sie von zwei kräftigen Armen aufgefangen. 136-DE beugte sich über sie, sein blutverkrustetes Gesicht schien ihr himmlisch zu sein. Sie lächelte schwach, bevor sie von Dunkelheit umhüllt wurde.


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Februar 2022

Nach dem fehlgeschlagenen Einsatz waren sie mittels foundationeigenen Helikoptern zum nächstgelegenen Standort gebracht worden. Abdullahs und 136-DEs Verletzungen waren zwar heftig gewesen, verheilten aber rapide, nur leichte Kopfschmerzen waren ihnen nach zwei Wochen noch geblieben. Mathilda wurde mehreren Operationen unterzogen und hatte nahezu vier ganze Monate benötigt, um komplett auszukurieren. Dennoch blieben verschiedene Narben: Die gebrochene Nase war leicht schief zusammengewachsen, und ihr einer Wangenknochen war so verheilt, dass er wie eine flache zweistufige Treppe anmutete. Sandra hatte enormes Glück gehabt: Mehrere ehemalige Angehörige der Magierakademie mussten sie über drei Monate hinweg behandeln und letztendlich mussten ihre Schultergelenke dennoch durch künstliche ersetzt werden. Sie lag noch immer im Koma, angeschlossen an verschiedenste Lebenserhaltungssysteme.

Rachel wurde kurz nach dem Einsatz bestattet, wobei sich die Zeremonie auf einen sehr kleinen Kreis beschränkte.

Mathilda war trotz allem noch nie so glücklich in ihrem Leben gewesen. Sie hatte seit diesem Tag offizielle Eltern, oder zumindest ein Elternteil, laut Papier. Da Viktor und Emilia nicht verheiratet waren, wurde sie nur von Letzterer adoptiert, als Geschenk zu ihrem achtzehnten Geburtstag. Dennoch behandelte sie Viktor wie ihren Vater und er sie wie seine Tochter. Sie bemerkte nun, wie ihr Puls in die Höhe schoss, als es an ihrer Zimmertür klopfte. Schüchtern öffnete sie, als der junge Mann dahinter sie ohne Vorwarnung an den Hüften hochhob und herumwirbelte. 136-DE zog sie an sich und gab ihr einen langen Kuss, der ihr den Atem raubte. Er trat nach hinten aus, um die Tür zu schließen, bevor er sich mit ihr in seinen Armen auf ihr Bett fallen ließ. Sie zog ihm das Shirt über den Kopf und fühlte seine kräftige Brustmuskulatur, wie sie unter ihren Fingerspitzen erzitterte. Er fuhr mit dem Daumen ihren deformierten Wangenknochen nach, bevor seine Hände sich von hinten unter ihren Pullover schoben und ihr dessen Gewicht abnahmen. Die starken Finger tasteten nach dem Verschluss ihres BHs, doch kurz bevor sie ihn fanden, drückte sie ihn fort.

Für einen Moment haderte sie noch mit sich selbst, sagte es dann aber doch einfach gerade heraus:

"Du bist nicht der Einzige für mich."

"Was?!"

Er schob sie von sich herunter und sprang auf. Mathilda hätte schwören können, dass er etwas grün um die Nase wurde.

"Der Kellner aus der Kirschblüte, weißt du? Er ist zwar ganz anders als du, aber er gefällt mir auch… irgendwie… Es tut mir leid, dass ich es dir nicht schon früher gesagt habe."

Er starrte ihr einfach nur ins Gesicht, bevor er sein Shirt wieder überzog und mit den Worten "Nichts ist jemals einfach" aus dem Zimmer hastete.

Leicht betäubt blieb sie reglos sitzen, bemerkte dann aber ein kleines metallenes Plättchen in ihrer Tasche. Sie zog es hervor und betrachtete es.


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Die zweite Episode der Verlust-Reihe:
Verlust, Episode 2: Gejagt

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