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„Geht es Ihnen gut?“
Leonie Sigel wachte auf. Über ihr lehnte sich eine besorgt wirkende Polizistin. Leonie merkte, dass unter ihrem Kopf etwas Weiches lag. Vermutlich eine Jacke, so wie es scheint, die der Beamtin.
„Geht es Ihnen gut?“, wiederholte die Polizistin.
„Ich glaube ja.“ Leonie versuchte aufzustehen. Ihr Kopf war mit tonnenweise fauliger Baumwolle gefüllt. Die Ordnungshüterin half ihr und reichte Leonie einen Becher mit sprudelndem Wasser. Leonie nahm zitternd das Wasser und nippte vorsichtig. Sie sah sich dabei um.
Ein paar Kollegen der Gesetzeshüterin stapften umher, hielten an, um Passanten über die Situation zu informieren und überwachten die Arbeiter, die eine große Tafel mit einer Plane abdeckten. Leonie fiel auf, dass die Polizisten nervös und angespannt wirkten und alles genau untersuchten.
„Was ist passiert?“, fragte Leonie die Polizistin.
„Sie sind ohnmächtig geworden, Frau Sigel. Wir untersuchen die Gegend nach einem Gasleck.“
Leonie runzelte etwas die Stirn. Sie war gerade mal Mitte dreißig und sonst auch nicht auf der zimperlichen Seite. Sie trank mehr vom Wasser, bevor die Polizistin vorsichtig den Becher wieder an sich nahm.
Leonie brummte etwas der Kopf, nicht zwingend unangenehm. Sie sah sich nach ihren Sachen um, wie ihre Tasche. Dann half ihr die Beamtin aufzustehen.
„Falls Sie weitere Symptome haben, bitte rufen Sie uns an“, dann reichte die Polizistin Leonie eine Karte, offenbar mit der Telefonnummer der Polizeiabteilung.
Ein Logo war darauf, doch Leonie konnte es beim besten Willen nicht identifizieren. Leonie machte sich keine Gedanken darüber, bedankte sich und wollte noch wegen der Tafel fragen, aber ließ es dann doch. Es war ein Problem anderer Leute.
Leonie sah sich ihre Einkäufe an. Irgendwie hatte sie das Gefühl, sie hätte etwas vergessen, aber konnte einfach nicht sagen, was es war oder um was es sich handeln könnte. Sie hatte auch eine Migräne, etwas was sie normalerweise nur dann hatte, wenn sie irgendwelche Medikamente nehmen musste, die sie ganz und gar nicht vertrug.
Sie wünschte, sie könnte den Fernseher anstellen, doch leider war dieser gerade außer Betrieb und sie hätte sich mal Zeit nehmen sollen, die ganzen Anschlüsse wieder anzubringen.
Leonie seufzte und entschied sich, sich mal hinzulegen und zu hoffen, dass alles wieder gut wird nach einem Bad und etwas Schlaf.
Leonie schreckte aus einem Traum auf.
Sie sah auf die Uhr. Sie hatte knapp vier Stunden geschlafen und es war langsam am dunkel werden. Leonie quälte sich aus dem Bett, um sich in der Küche etwas zum Trinken zu holen.
Leonie schielte in das Wohnzimmer. Ihr alter Fernseher war angesprungen. Auf dem Bildschirm war ein junger Mann von kaum zwanzig Jahren zu sehen mit einer seltsamen neumodischen Frisur, die an den Seiten kürzer ist, jedoch war diese mehr wie ein verunglückter Irokesenschnitt. Er blickte geduldig zu Leonie mit einem kindlichen und freundlichen Lächeln hinüber.
„Bitte setzten Sie sich doch“, kam es gedämpft aus den Lautsprechern.
Leonie setzte sich auf das Sofa. Der Mann im Fernseher war sympathisch. Sie fragte sich warum.
Leonie konnte sich erinnern. An alles.
Sie erinnerte sich an die erste Mondlandung in 1964. Sie erinnerte sich an das Eiffelturm-Terrorattentat am 20. August 2009. Sie erinnerte sich an die Wahl von Maria III als Päpstin. Sie erinnerte sich, als Octavia Butler die erste afroamerikanische und weibliche US-Präsidentin wurde. Sie erinnerte sich, als ein riesiges Raumschiff im Himmel auftauchte und abstürzte. Sie erinnerte sich, wie das Gotthardmassiv aufbrach. Sie erinnerte sich an den Tag, als die Freiheitstatue von ihrem Sockel trat. Sie erinnerte sich, als der Patient 0 des Florida-Zombievirus entdeckt wurde und wie die Weltgesundheitsorganisation mit einer Privatarmee durchgriff. Sie erinnerte sich als ein Sexrobot den Antrag für Rechte für künstliche Lebensformen am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einreichte.
Leonie konnte sich auch an das Logo auf der Visitenkarte erinnern. Es war nicht das erste Mal, dass sie es gesehen hatte. Überall waren die Initialen:
Spicy Crust Pizza; Super Cheap Products; Seebach Central Pharmaceutical Ltd.; Schuster, Carlson & Püntener GmbH; Schmitt und Chevalier Paneuropäischer LKW-Dienst; Scheherazade's Coffee Palast; St. Christopher Pâtisserie …
Leonie rannte zum Bad und erbrach in die Toilette. Der Geruch erinnert sie an das Wasser. Eine Tablette war in diesem aufgelöst.
Leonie hatte nie Medikamente genommen, es war immer der gleiche Geschmack, der gleiche Geruch, der gleiche Schmerz. Ihr Körper stiess die Substanz ab, die ihren Geist vergiftete.
Sie lag auf dem Boden. Die Welt drehte sich in einem Mahlstrom.
Als sie wieder stehen konnte, schleppte sie sich zurück ins Wohnzimmer.
Der Mann im Fernseher war noch da. Er sah besorgt aus, nicht mehr so fidel.
„Es tut mir leid. Ich habe nicht erwartet, dass dies passieren würde. Sie müssen wissen, wir dachten, wenn wir die Werbetafel ansprechend machen, würden sich die Leute freuen. Wir haben offenbar übertrieben. Wir von Supreme Entertainment Incorporated wollen, dass wir alle zusammen glücklich sind.“
„Wer sind die Leute in den Uniformen? Ich glaube nicht mehr, dass dies tatsächlich Polizisten waren."
„Sie mögen unsere Produkte sehr, also habe ich angenommen, sie sind unsere grössten Fans.“
„Also … seid ihr nicht Teil von ihnen?“
Der junge Mann hatte einen Ausdruck von Verwirrtheit auf dem Gesicht.
„Teil von was? Wir wollen, dass alle glücklich sind.“
„Gibt es mehr wie euch und diese ‚Leute‘?“
„Ja, doch. Ganz viele. Leider wollen nicht alle unsere Freunde sein, aber wir geben nicht auf!“
Die Fröhlichkeit des Wesen auf dem Bildschirms wirkte unnatürlich.
„Wir hoffen, dass Sie uns nicht mehr böse sind. Sind Sie doch nicht, oder?“
Leonie antwortete nicht. Ihr war aufgefallen, dass seine Pupillen und Iris sternförmig waren.
„Sie haben bereits unseren Flyer. Sie können sich immer bei uns melden. Denken Sie dran: Supreme Entertainment Incorporated wird immer Ihr Freund sein.“
Er winkte ihr mit einem unheimlich großen Lächeln noch zu, während fröhliche Musik im Hintergrund abgespielt wurde. Der Fernseher erlosch und Leonie blieb zurück in der Dunkelheit mit einem Flyer auf dem kleinen Tischchen vor dem Fernseher.

