Unbewohnte Bewohner
Bewertung (rating): +3+x

15. Juni
"Ich will nur sichergehen, dass wir wissen, worum es hier geht", flüsterte Kessel.
"Mach es nicht so kompliziert", erwiderte Saskia, "wir sind das schon mehrmals durchgegangen. Wenn es jetzt noch nicht klar ist, hilft ein weiteres Mal auch nicht."
Kessel seufzte. "Ich will nur nicht, dass jemand verletzt wird."
Saskia stand kopfschüttelnd auf. "Ich auf jeden Fall nicht." Sie wandte sich zu Kessel um. "Es ist nur für Spaß und Entspannung, Kessel."
Kessel lehnte sich in seinem Bett zurück. "Ich weiß, aber…"
"Genieß einfach, dass du ohne viel machen zu müssen Orgasmen hast, und denk nicht so viel nach."
Nach einem weiteren Seufzen nickte Kessel. "Ich will nur nicht, dass sich das hier irgendwie auf unsere Arbeit auswirkt."
Saskia kicherte. "Wenn du das da meinst", sie zeigte auf Kessels deutlich erhöhte Körpermitte, "das vielleicht schon, wenn das im Einsatz passiert."
"Du weisst, was ich meine."
"Natürlich", seufzte Saskia, "aber das wird nicht passieren. Seitdem das hier läuft", sie zeigte auf sich und Kessel, "hatten wir schon einige Trainingseinheiten mit dem Rest des Teams, und von denen hat keiner gemerkt, dass wir elf Mal Sex hatten."
"Zehn Mal."
Saskia blickte Kessel ungläubig an. "Führst du eine Liste?"
"Ich bin einfach sehr aufmerksam", erwiderte Kessel lächelnd.
Saskia hob ihren BH vom Boden auf. "Ich auch. Es waren elf."
"Für dich vielleicht." Kessels neckisches Grinsen brachte Saskia zum Schmunzeln.
Sie warf ihren BH zur Seite. "Ich lass mir ja nicht nachsagen, dass ich egoistisch wäre." Und damit sprang sie auch schon aufs Bett.

16. Juni
"Seit zwei Tagen hat niemand mehr dieses Gebäude verlassen." Hand wandte seinen Blick von dem Wandbildschirm, auf dem ein achtstöckiges Wohnhaus zu sehen war. "Ihr Missionsziel ist, das Gebäude zu betreten und herauszufinden, was mit den Bewohnern passiert ist."
Kessel räsuperte sich. "Sind wir dafür wirklich notwendig? Ich möchte nicht arrogant klingen, aber das klingt nach einem Job für einen einzelnen Agenten, nicht eine ganze MTF."
Hand nickte. "Für gewöhnlich hätten Sie damit recht, aber zum Einen haben wir schon ein Duo von Agenten hineingeschickt, die nicht zurückkamen", er tippt auf die neben dem Bildschirm angebrachte Tastatur, "und dann wäre da noch das hier."
Auf dem Bildschirm erschien eines der Fenster des Gebäudes, ein großes, zweiflügeliges Fenster, und in jeden der Flügel war - anscheinend von innen - ein Schriftzeichen gemalt.
"Verdammt", entfuhr es Falk.
Auf dem linken Flügel war eine 4, auf dem Rechten ein R.
"Sichtungen von SCP-097-DE?", fragte Saskia.
Hand schüttelte den Kopf. "Keinerlei Sichtungen von anomalen Objekten, weder vom Vierten Reich noch von anderen."
"Ich habe eine Frage", Ambrosz hatte die Hand erhoben, "wie wurde dieses Foto aufgenommen?"
Siggi sah Ambrosz mit hochgezogener Augenbraue an. "Mit einer Kamera vermutlich."
"Dazu wollte ich gerade kommen", sagte Hand. "Das Symbol ist mit freiem Auge sichtbar."
"Und?", fragte Siggi.
Marek seufzte. "Herr Pfarrer, das 4R-Symbol ist normalerweise nur durch 023-DE sichtbar."
"Es ergibt nicht wirklich Sinn, es so offensichtlich zu machen", meinte Ambrosz.
Falk schnaubte. "Es sei denn, es ist eine Falle."
"Davon müssen wir ausgehen", erwiderte Hand. "Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir diese Angelegenheit untersuchen müssen und dass dieses Team am Besten geeignet ist, um mit einem Hinterhalt durch 097-DEs fertig zu werden."
Saskia seufzte. "Wollen wir wirklich absichtlich in eine Falle tappen?"
Kessel antwortete, ohne Saskia anzusehen. "Wenn das unser Auftrag ist, ja."

03. Mai
Ein leises Schluchzen weckte Kessel aus seinem Schlaf. Er ließ seine Hand unter der Bettdecke zur Seite gleiten und berührte Saskias zitternden Oberschenkel.
"Was ist los?", fragte er leise.
Er spürte, wie sich Saskia von ihm wegdrehte.
"Geht schon wieder."
"Saskia", seufzte Kessel.
"Schlaf", zischte sie.
Kessel schüttelte den Kopf. "Wenn eine Frau in meinem Bett weint, will ich auch wissen, wieso."
"Ich …" Saskia schnaubte. "Ich war nur kurz emotional. Vergiss es einfach."
Kessel konnte nicht umhin, zu glucksen. "Du liegst nackt neben mir, nachdem wir vor … nicht einmal vier Stunden gevögelt haben. Das ist eine gute Gelegenheit, um emotional zu sein."
Saskia seufzte. "Wenn du es unbedingt wissen willst … ich habe von meinem Vater geträumt. Zufrieden?"
"Nicht ganz, nein."
Saskia sprang aus dem Bett. "Fick dich, Kessel. Ich schulde dir keine Antworten."
Sie begann, sich hastig anzuziehen, während der dezent verwirrte Kessel sich aufsetzte. "Was hab ich denn gemacht?"
"Du bohrst nach!" Saskia schüttelte den Kopf. "Das steht dir nicht zu. Wir sind kein Paar, wir sind nicht mal Freunde."
Kessel nickte. "Wir sind nur Kameraden, die ficken. Aber Kameraden unterstützen einander."
"Dann unterstütz doch mal Marek, dem würds eh gefallen."
Kessel zog die Augenbraue hoch. "Was?"
Saskia warf Kessel noch einen wütenden Blick zu, ehe sich ihr Gesichtsaudruck veränderte. "Vergiss es. War Blödsinn."
Kessel war versucht, nachzufragen, schüttelte dann aber den Kopf. "Was auch immer. Aber wenn du mitten in der Nacht weinend aufwachst, ist das ein Problem."
"Mein Problem, Kessel, nicht deins."
Kessel seufzte. "Wie du willst. Aber wenn du irgendwann darüber reden willst, komm zu mir."

16. Juni
"Hand, das Erdgeschoss war leer. Begeben uns ins erste Obergeschoss."
"Verstanden. Jede neue Erkenntnis Schrägstrich Entwicklung sofort melden."
"Verstanden." Kessel blickte sich um. "Weiter vorgehen wie gehabt: Zwei Zweiergruppen, Stockwerk durchsuchen, dann sammeln bei der Treppe. Falk und Siggi bewachen die Treppe."
Während Saskia und Ambrosz in den Gang hinter der Treppe gingen, machten sich Kessel und Marek in die entgegengesetzte Richtung auf.
"Es ist zu still", flüsterte Marek. "Wenn hier Reichsdämonen wären, hätten wir zumindest schon etwas hören müssen."
Kessel nickte. "Es sind auch keinerlei Brandspuren oder Blutflecken zu finden. Was hier auch vorgeht, es hat wohl nichts mit Reichsdämonen zu tun."
Die Beiden rückten zur Tür einer Wohnung vor. Marek brachte sich neben der Tür in Position, Kessel öffnete die Tür.
Hinter der Tür wartete ein Wohnzimmmer, gegenüber von der Tür ein Fernseher, auf dem gerade eine Animationsserie lief, und davor eine Couch, mit der Rückseite zur Tür. Und auf der Couch saßen drei Menschen, zwei Erwachsene und ein Kind.
"Hallo?", fragte Kessel leise.
Keine Antwort. Er nickte Marek zu, und die Beiden umrundeten die Couch auf gegenüberliegenden Seiten.
Die drei Menschen auf der Couch starrten mit leerem Blick in die ungefähre Richtung des Fernsehers. Alle drei atmeten noch, doch keiner der drei reagierte auf die bewaffneten Männer.
"Können Sie mich hören?", fragte Marek.
Keine Antwort. Marek sah Kessel mit hochgezogener Braue an, ging zu einem der Erwachsenen, und zwickte ihn in den Handrücken. Keine Reaktion. Er hob die Hand des Mannes, ließ sie los, und die Hand sank langsam wieder auf die Armlehne hinunter. Marek wiederholte das Selbe bei dem anderen Mann und dem Kind.
"Das ergibt keinen Sinn", flüsterte Marek. "Keine Reaktion auf Schmerzreiz, als wären sie bewusstlos; aber sie senken die Hand langsam wieder hinunter, wenn man sie aufhebt, als wären sie bei Bewusstsein."
"Kennst du eine Art von Krankheit oder Medikamente, die sowas herbeiführen könnten?", fragte Kessel.
Marek schüttelte den Kopf. "Fällt mir nichts ein. Ich check noch schnell die Vitalzeichen."
Er nahm eine Blutdruckmanschette aus seiner Tasche, legte sie einem der Männer an, und schaltete das Gerät an.
"Blutdruck 111 zu 72, Puls 66. Völlig in der Norm."
Er wiederholte das Selbe bei dem anderen Mann.
"Das … ist ungewöhnlich."
Dann legte Marek die Manschette dem Kind an.
Kopfschüttelnd sah er Kessel an. "Alle drei haben genau die gleichen Werte. Gleicher Puls, gleicher Blutdruck. Exakt gleich."
"Das ist nicht unmöglich", meinte Kessel.
Marek seufzte. "Nicht unmöglich, aber extrem unwahrscheinlich."
"Saskia an Kessel", klang es aus dem Funkgerät.
"Kessel hier."
"Wir haben einige der Bewohner gefunden. Scheinen bei Bewusstsein zu sein, aber sie reagieren auf nichts", erklärte Saskia.
"Hier dasselbe", erwiderte Kessel. "Und Marek hat die Vitalwerte gecheckt. Sie haben alle genau die gleichen Werte."
"Lass mich raten: Puls 66, Blutdruck 111 zu 72?"
Kessel seufzte. "Das hier ist nicht das Werk von Reichsdämonen. Ambrosz, stand in Herr Rass' Aufzeichnungen irgendetwas über 4R-Objekte, die das hier hervorrufen könnten?"
"Nein", drang Ambrosz' Stimme aus dem Funkgerät. "Am ehesten noch das Gift der Reinheitsweber - also, SCP-077-DE - aber da wären die Opfer mehr bei Bewusstsein. Am einfachsten durch klaren Blick und Augenbewegungen zu erkennen. Aber …"
"Aber was, Ambrosz?", fragte Kessel.
Ein deutliches Seufzen kam durch das Funkgerät. "In den Aufzeichnungen gab es Erwähnungen von Dämonen, die als 'Seelenfresser' bezeichnet werden."
"Bitte bestätigen: Hast du Seelenfresser gesagt?", fragte Kessel.
"Ja."
"Komm schon, Kessel, du wirst diese Scheiße doch nicht glauben?", drang nun Falks aufgebrachte Stimme durch das Funkgerät. "Es gibt keine Seele."
"Dann nennen Sie es eben die elektrischen Muster im menschlichen Gehirn", erwiderte Ambrosz. "Aber fest steht, dass die 'Seelenfresser' einem Menschen jede Persönlichkeit und jeden bewussten Gedanken nehmen, bis nur eine leere Hülle bleibt."
"Und das hier sieht nach leeren Hüllen aus", flüsterte Marek.
"Falls es sich wirklich um einen dieser Seelenfresser handelt: Weißt du, wie man die bekämpft, Ambrosz?", fragte Kessel.
"Also …", klang Ambrosz' zögerliche Stimme aus dem Funkgerät. "Nun, nein."
Kessel seufzte. "Vielleicht hat Rass ja nur die Fähigkeiten der Seelenfresser auf Menschen übertragen. Menschen kann man erschießen. Oder es ist etwas ganz Anderes. Wie auch immer, weiter vorgehen, Stockwerk durchsuchen, alles Ungewöhnliche melden."

19. Mai
"Kessel?", flüsterte Saskia.
"Ja?", antwortete Kessel in der Dunkelheit. "Du bist noch wach?"
"Ja", flüsterte Saskia. "Ich habe wieder von meinem Vater geträumt."
Kessel setzte sich in seinem Bett auf und sah auf die Silhoutte von Saskia, die er in der Dunkelheit ausmachen konnte.
"Er war Alkoholiker", erklärte Saskia. "Wenn er nüchtern war, war er ein guter Mensch. Freundlich, zuvorkommend, humorvoll. Aber wenn er betrunken war …"
Kessel legte ihr eine Hand auf die Schulter.
"Wenn er betrunken war", fuhr Saskia mit erstickter Stimme fort, "dann wurde er brutal. Er tat meiner Mutter weh. Und lachte dabei."
Kessel nahm Saskia in den Arm. "Tut mir leid, Saskia. Das muss furchtbar gewesen sein."
"Das war nicht das Schlimmste", schluchzte Saskia. "Zuerst hat sich meine Mutter umgebracht. Dann hat er sich jeden Tag besoffen. Und jeden Abend 'ne Nutte heimgebracht."
Saskia zitterte am ganzen Körper, und Kessel spürte, wie ihre Tränen auf seine Schulter trafen.
"Und als er keine Nutten mehr kriegte … ließ er seinen Frust an meinem Bruder aus."
Kessels Magen zog sich zusammen. "Mein Gott, Saskia …"
"Wir hatten unsere Zimmer nebeneinander. Ich … habe … es gehört. Immer wieder." Saskia schluchzte auf. "Und ich konnte nichts tun."
Kessel drückte Saskia fest an sich. "Es tut mir leid. Es tut mir so leid. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das gewesen sein muss."
"Sei froh", flüsterte Saskia.
Kessel hielt sie im Arm, bis sie nicht mehr zitterte und die Tränen versiegt waren. Dann lösten sie sich langsam voneinander, und Kessel sah ihr in die Augen. "Wieso erzählst du mir das?"
"Weil du verstehen sollst, warum mir meine Karriere so wichtig war."
Kessel nickte. Er verstand. Und er fuhr Saskia sanft mit seiner Hand über die Wange. "Wie oft hast du diese Träume?"
Saskia schnaubte. "Zu oft. Aber in letzter Zeit werden sie seltener." Sie lächelte Kessel an. "Die Tatsache, dass ich ohne Misstrauen mit nem Typen vögeln kann, hilft vielleicht."

16. Juni
"Wie viele habt ihr gefunden?", fragte Kessel.
"Siebzehn. Zwölf Erwachsene, fünf Kinder", antwortete Ambrosz. "Allesamt nur Hüllen."
Saskia schnaubte. "Es sind Menschen, vielleicht unter Drogen oder bewusstseinsverändernden Einflüssen."
"Das macht insgesamt zweiunddreißig", fuhr Kessel fort, "also hat der 'Seelenfresser' - und ja, so nennen wir ihn vorübergehend - schon die halbe Anzahl der in diesem Gebäude gemeldeten Bewohner 'ausgesaugt'."
Siggi hob verunsichert seine Hand. "Kessel … wenn unser Feind tatsächlich Seelen verzehrt, schlage ich vor, die Granaten mit Weihwasser zu segnen und den Feind bei Sichtkontakt auszulöschen."
"Das ist ungewohnt blutrünstig, Siggi", bemerkte Marek.
Siggi seufzte. "Nichts ist kostbarer als die unsterbliche Seele eines Menschen, Marek."
"Ach kommt schon!", rief Falk. "Ihr glaubt doch nicht wirklich an den Blödsinn von einem Vieh, dass 'Seelen' frisst? Was kommt als Nächstes? Der gefürchtete Butzemann?"
"Falk", begann Ambrosz, "Sie können glauben was auch immer Sie möchten, Tatsache ist, dass diese Menschen bei Bewusstsein, nichtsdetotrotz aber völlig ohne echtes Bewusstsein sind. Wie würden Sie das sonst beschreiben, wenn nicht als Menschen ohne Seele?"
Saskia schnaubte. "Als Menschen die unter bewusstseinsverändernden Drogen oder memetischen Effekten stehen. Vielleicht eine Waffe die die meisten, nicht jedoch alle 'bewussten' Vorgänge im menschlichen Gehirn unterdrückt. Ich bin da eher Falks Meinung: Ich glaube erst, dass hier Seelen gefressen werden, wenn der Feind in meine reinbeißt."
"Eine wirklich interessante Diskussion", meinte Kessel kopfschüttelnd, "die wir vielleicht fortsetzen könnten, sobald wir unsere Mission erfüllt haben. Los, rauf ins nächste Stockwerk und weiter wie gehabt: Suchen und Sichern."

29. Mai
"Saskia, aufwachen!"
Langsam schlug Saskia die Augen auf. "Was ist los, Kessel?", fragte sie verschlafen.
Kessel stand aus dem Bett auf, mit einer Hand sein Gemächt verdeckend. "Was machen Sie in meinem Bett?"
Saskia setzte sich auf. "Naja, wir hatten Sex, also …"
"Was?" Kessel schüttelte den Kopf. "Nein, nein, nein, hier stimmt was nicht, irgendwas ist hier nicht richtig."
"Was?" Saskia rieb sich die verschlafenen Augen. "Ist ja nicht das erste Mal."
"Nein, das ist ein Trick, eine Illusion …" Er sah Saskia in die Augen. "Ein Dämon. Ein SCP."
"Wovon …" Und als Kessel seine Fäuste erhob, wurde Saskia klar, was los war. "Nein, Kessel, erinnere dich-"
"Halt's Maul!" Kessel ergriff Saskias Bein, zog sie vom Bett und ließ sie unsanft auf den Boden prallen.
"Kessel!", schrie Saskia, "Denk nach! Erinnere dich! Xaver ist tot, Ambrosz ist sein Ersatz, wir wurden von 'nem Mann mit 'nem Gehstock verarscht, wir haben gefickt! Erinnere dich!"
Kessel kniete sich neben Saskia, ergriff sie am Hals, und zog ihr Gesicht nahe an seines. "Ich lasse mich nicht von einem Dämon verarschen. Ich kenne keinen Ambrosz, und Xaver geht es gut."
"Denk nach!", brüllte Saskia, während sie Kessel wegstieß. "Xaver starb vor zwei Monaten, vor unseren Augen!"
Sie stand auf, bewegte sich langsam rückwärts von Kessel weg.
"Ambrosz kam als sein Ersatz, und hat uns bei seinem ersten Einsatz mit einem Ritual vor einem Monster gerettet!" Saskia schüttelte den Kopf. "Die Schreie! Erinnere dich an die Schreie!"
Kessel schüttelte den Kopf. "Das ergibt alles keinen Sinn … Xaver ist nicht …" Er blinzelte mehrmals, schüttelte den Kopf. "Xaver … Xaver ist tot."
Und als ihm alles wieder einfiel, fiel Kessel auf die Knie.
"Mein Gott … es tut mir leid."
"Bist du wirklich wieder bei dir?", fragte Saskia.
Kessel nickte. "Es tut mir leid, ich hätte dich …" Ihm versagte die Stimme, und Tränen flossen über sein Gesicht.
Saskia blieb, wo sie, war, zwei Meter von Kessel entfernt. "Es wird schlimmer."
Kessel nickte.
Saskia seufzte. "Ich hol deine Pillen."

16. Juni
"Hand, wir haben die ersten fünf Stockwerke durch, und bislang 41 dieser 'leeren' Menschen gefunden."
"Haben Sie Hinweise auf die Ursache gefunden?", erklang Hands Stimme aus dem Funkgerät.
"Negativ", erwiderte Kessel. "Auffällig ist, dass sowohl das Erdgeschoss als auch der vierte Stock leer waren."
"Könnte auf rituelles Vorgehen hindeuten. Meldung machen, sobald Sie etwas anderes als die Hüllen finden."
"Verstanden." Kessel wandte sich seinen Leuten zu. "Weiter wie gehabt."
Gemeinsam mit Marek ging er in den nächsten Gang, während Saskia und Ambrosz in einen anderen Gang abbogen.
Nach wenigen Metern blieb Marek stehen. "Kessel, spürst du das?"
"Was denn?", fragte Kessel, während er sich umwandte.
"Der Boden fühlt sich merkwürdig an. Als würde man auf einem Teppich gehen."
Kessel sah zu Boden. Weiß mit dunklem Fleckmuster, wie der Boden auf allen Stockwerken bisher. "Mir wäre nichts aufgefallen."
"Es ist auch etwas dunkel hier." Marek zog eine Taschenlampe aus seiner Tasche und leuchtete auf den Boden. Weiß mit dunklem Fleckmuster. "Hm. Merkwürdig."
Dann leuchtete er zu dem Boden unter Kessels Füßen. Weiß mit dunklem Fleckmuster.
Aber nicht so ein reines Weiß wie unter Mareks Füßen.
Und ein zerreißendes Geräusch war die einzige Warnung, ehe Marek durch den Boden hinabfiel.
"Marek!" Kessel zog nun seine Taschenlampe und leuchtete durch das Loch, doch er sah nur dicke, vibrierende Spinnenfäden, so viele, dass das Licht nicht ganz nach unten reichte.
Er legte einen Finger an das Funkgerät in seinem Ohr. "Marek, hörst du mich?"
Nach einem qualvollen Moment der Stimme kam Mareks Stimme durch das Funkgerät. "Ja, ja ich höre dich."
"Wachsam bleiben, Umgebung im Auge behalten", befahl Kessel. "Wir haben es wahrscheinlich mit 077-DE zu tun."
"Ich habe das schon befürchtet", erwiderte Marek. "Ich scheine aber alleine hier zu sein."
"Wo bist du?"
"Ich weiß nicht, ist dunkel und alles mit Netzen bedeckt. Wenn ich die Netze entferne, kann ich vielleicht-"
"Nicht die Netze anfassen!", unterbrach Saskias Stimme. "Die Dinger können auch klebrige Fäden produzieren, wie die meisten Spinnen. Und selbst wenn sie nicht klebrig sind, könnte eine Berührung der Fäden je nach Spinnenart auch den 077-DE anlocken."
Einen Moment lang blieb es still. "Gut … okay. Aber ich bin gerade durch ein Netz gefallen, und dann durch hunderte Fäden, wenn nicht mehr. Haben zwar den Fall gebremst, aber wenn die Spinne die Netzvibrationen spürt …"
Kessel fluchte. "Siggi, hast du ein Bergungsseil bei dir?"
"Immer, Kessel."
"Gut. Siggi, Falk, kommt zu meiner Position; wir folgen Marek. Ambrosz, Saskia, geht wieder hinunter und durchkämmt alle Stockwerke. Wir haben nirgends Netze gesehen, also befindet sich Marek vermutlich in einem versteckten Raum; seht hinter allen Schränken, Bilderrahmen und allen neu aussehenden Tapeten nach."
Alle Teammitglieder signalisierten den Erhalt der Befehle.
"Kessel", drang Mareks Stimme aus dem Funkgerät, "was mache ich? Die Dinger sind zu schnell für meine Pistole, ich bin nicht der beste Schütze."
"Versuch, dir eine leicht zu verteidigende Ecke oder einen Schreibtisch, unter den du in Deckung gehen kannst, zu finden. Wenn ein 077-DE auftaucht, sofort schießen, mit etwas Glück hören wir die Schüsse und finden dich schneller."
"Verstanden … macht schnell."
"Wir finden dich, Marek", erklang Ambrosz Stimme, "versprochen."

7. Juni
Saskia wachte zu dem Geräusch eines Schnäuzens auf. "Kessel?"
Kessel saß im Dunkeln am Rand des Betts, ein Taschentuch in der Hand.
"Alles in Ordnung?"
"Habe ich dich geweckt?", fragte Kessel.
Saskia schüttelte den Kopf. "Egal jetzt. Ist alles in Ordnung?"
Kessel seufzte. "Ich … nein."
"Was ist los?" Saskia setzte sich auf.
Kessel schüttelte den Kopf. "Egal."
"Du hast mich auch nicht in Ruhe gelassen, Kessel", erwiderte Saskia, "also ist es nicht egal, bis du sagst, was los ist."
Kessel gluckste. "Ich wusste, du würdest dich noch rächen."
"Verärgere nie eine Frau", witzelte Saskia zurück, ehe sie wieder ernst wurde. "Also raus damit."
"Ich … ich habe Angst, Saskia." Er schüttelte den Kopf. "Scheiße, ich hab Panik."
"Weswegen? Die Schreie, die wir gehört haben? Die Reichsdämonen?"
Kessel schüttelte erneut den Kopf. "Wegen mir."
"Was?" Saskia schob sich zu ihm hinüber und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Warum?"
"Es wird schlimmer." Kessel erzitterte. "Die Pillen helfen immer weniger. Ich brauche größere Mengen in kürzeren Abständen."
Saskia seufzte. "Ich habs gemerkt."
"Das macht es noch schlimmer!", rief Kessel laut. "Ich hätte dich beinahe … ich hätte dir wehgetan, wenn ich mich nicht rechtzeitig erinnert hätte."
"Aber das hast du nicht", flüsterte Saskia mit sanfter Stimme, während Sie Kessel von hinten umarmte. "Du darfst dich nicht mit was-wäre-wenn quälen. Du hast dich erinnert, du nimmst jetzt vor jedem Schlafengehen noch mal Pillen, es wird nicht mehr vorkommen."
"Nicht so schnell, nein." Kessel schnaubte. "Aber irgendwann kann es wieder passieren. Und auch wenn nicht … es ist schon einmal im Einsatz passiert."
"Und du hast es überwunden."
"Aber irgendwann wird es in einem kritischen Moment passieren … irgendwann werde ich nicht schießen, oder auf das falsche Ziel, und einer von euch wird sterben. Wegen mir."
Saskia seufzte. Sie wollte sagen, dass das nicht passieren würde, dass sie und das Team an seiner Seite wären und ihn wieder in die Realität holen würden, dass er sich darum nicht zu Sorgen brauchte … aber sie wusste, dass Kessel eine Lüge erkennen würde.
"Und entweder sterbe ich dann auch, oder die Foundation wird es bemerken und mich feuern. Und dann habe ich nichts mehr", fuhr Kessel fort.
"Dann tu, was Marek dir seit Monaten jedes Mal sagt, wenn er dir die Pillen besorgt", erwiderte Saskia, "und lass dich behandeln."
Kessel drehte seinen Kopf und sah Saskia aus den Augenwinkeln an. "Woher weißt du das?"
Saskia gluckste. "Falk hat geradezu unheimlich scharfes Gehör, und Frauen reden. Auch, wenn sie einander nicht leiden können."
Kessel nickte und brachte ein schwaches Lächeln zustande. "Natürlich." Kopfschüttelnd wandte er sich wieder ab. "Aber wenn ich mich untersuchen lasse … ich habe Angst. Es könnte etwas tödliches sein … oder frühbeginnende Alzheimer. Oder ich verliere einfach nur den Verstand. Dämonen und Monster kann ich töten, aber eine Krankheit? Da kann ich nichts tun, außer auf die Ärzte zu hoffen. Und selbst wenn die Ärzte mir helfen könnten, würde mich die Foundation nie wieder in eine MTF lassen, allein schon, weil ich es verheimlicht habe."
"Du bist ein enorm fähiger Soldat. Du findest Arbeit, und wenn es in einer privaten Sicherheitsfirma ist." Sie küsste Kessels Gennick. "Du wirst überleben."
Kessel schnaubte. "Ich lebe für das Militär. Wenn mich die Foundation nicht rekrutiert hätte … mein vorgetäuschter Tod in meinem letzten Einsatz bei der Bundeswehr war kein Zufall, Saskia."
Saskia blickte Kessel besorgt an.
"Mir stand die unehrenhafte Entlassung bevor. Meine Wutanfälle. Wenn die Foundation mich nicht kontaktiert hätte, hätte ich nichtmal meine Uniform abgegeben, bevor ich … tot gewesen wäre."
Saskia seufzte. "Du … du wolltest dich umbringen."
Kessel nickte. "Wenn ich das hier auch noch verliere … Saskia, wofür lebe ich dann?"
"Du findest etwas anderes, wofür es sich zu leben lohnt. Vielleicht gründest du eine Familie."
"Saskia … wir sind noch immer kein Paar, oder?"
Einen Moment lang schwieg Saskia, ehe sie in schallendes Gelächter ausbrach. "Tut mir leid, Kessel, aber solange es keine Möglichkeit gibt, dass der Mann das Kind austrägt, werden wir zwei keine Kinder kriegen."
Kessel kicherte. "Gut, wollte nur sicher gehen. Aber verdammt, das hier sollte nur zum Spaß sein, und ich heule dich voll."
"Wir sind Kameraden, Kessel. Kameraden unterstützen einander."

16. Juni
Zügig gingen Saskia und Ambrosz in den Gang direkt unter Kessels Position. "Ich verstehe das nicht", murmelte Ambrosz.
"Was genau?", fragte Saskia.
"Wenn Marek durch den Boden des Gangs gefallen ist, müsste in diesem Gang doch auch ein Netz sein. Aber der Boden hier ist ganz normal, und an der Decke ist auch nix."
Saskia nickte. "Moment mal…" Sie lief wieder aus dem Gang hinaus und betrachtete die Treppen, die in die anderen Stockwerke führten. "Verdammte moderne Architektur!"
Als sie sich umwandte, kam ihr Ambrosz mit verwirrtem Blick entgegen. "Was ist los?"
"Die Treppen sind von Stockwerk zu Stockwerk versetzt. Deswegen ist uns nicht aufgefallen, dass der Gang hier ein Stück neben dem darüberliegenden Gang ist!"
Ambrosz schüttelte den Kopf. "Ihr Deutschen und eure Bauweise …"
Saskia war stolz auf ihre Erkenntnis, auch wenn ihr plötzlich ein leichter Druck in ihrem Kopf zu schaffen machte. "Egal. Ich gehe in die erste Wohnung auf der linken Seite, du in die Zweite, und wir suchen nach Netzen oder neuen Tapeten."
Amrbosz nickte, und die Beiden betraten die jeweiligen Wohungen.
Saskia sah sich um. Eine ältere Dame saß in einem Schaukelstuhl im Wohnzimmer, der Rest der Wohnung schien leer und völlig gewöhnlich.
Sie legte einen Finger an das Funkgerät in ihrem Ohr. "Ambrosz, fällt dir irgendwas auf?"
"Eigentlich nicht, auf den ersten Blick sieht hier alles … normal … oh."
"'Oh'? Was heißt 'oh'?"
Ambrosz blieb einen Moment stumm, ehe er antwortete. "Diese Wohnung hat kein Badezimmer."
Saskia seufzte. "Meine erste Wohnung auch nicht. Ich musste ein gemeinschaftliches-"
"Jede andere Wohnung, die wir hier gesehen haben, hatte ein Badezimmer, Saskia. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die vierköpfige Familie, die auf dieser Couch sitzt, zu den Nachbarn ging."
Saskia sah sich in der Wohnung um. "Sieh dir die Wand an, die an diese Wohnung angrenzen sollte. Neben dem Bad in dieser Wohnung ist eine Wand, die Raumaufteilung lässt darauf schließen, dass sich das Badezimmer deiner Wohnung quasi daneben befinden sollte."
"Verstanden."
Saskia wandte sich um, wollte durchgeben, dass sie gleich zu Ambrosz komme.
Und sah noch, wie eine menschliche Silhouette lautlos die Wohnung verließ.
Saskia hob ihre Pistole, ging so schnell und leise sie konnte, zur Tür, und blickte nach draußen.
Und die Silhoutte ging über die Treppe, die nach oben führte. Saskia erkanne nicht, um wen es sich handelte.
Doch sie erkannte einen Flanierstock.

Ambrosz' Hand wanderte über die Tapete an der Wand, an deren Stelle sich laut Saskia das Badezimmer hätte befinden müssen. Er spürte etwas … etwas, was jenseits von Tapeten und Wänden war, jenseits von Diesseits und Jenseits. Langsam ließ er seine Hand in seine Tasche gleiten, wandte sich noch einmal um, um sicherzugehen, dass Saskia nicht hinter ihm stand, und nahm ein schlichtes Messer mit schwarzer Klinge und einem in den Griff eingefassten Rubin heraus.
Er stach an fünf Stellen in die Tapete, lies das Messer wieder in seine Tasche gleiten, und flüsterte: "Clipeum superare. Deleo velamentum."
Zwischen den fünf Einstichstellen zerriss die Tapete, so dass jedes der Löcher mit jedem anderen durch einen Riss verbunden war, ehe die Tapete von der ganzen Wand herabfiel. Ein sanfter Geruch nach Schwefel verriet Ambrosz, dass er den Schutzzauber, der die nun durch die Badezimmertür sichtbaren Netze geschützt hatte, erfolgreich entfernt hatte.
Ambrosz legte einen Finger an das Funkgerät in seinem Ohr. "Ich habe hier Netze gefunden, in einem versteckten Badezimmer. Sie sind so dick, dass ich nicht durchkomme. Hat jemand eine Machete?"
"Nein", kam Kessels Antwort aus dem Funkgerät, "aber das ist vielleicht gar nicht nötig. Marek, klopf dreimal auf eine harte Stelle, Wand, Boden, Möbel, irgendwas."
Einen Moment lang blieb es absolut still, ehe Mareks Stimme wieder aus dem Funkgerät drang. "Erledigt."
Ambrosz seufzte. "Ich hab nichts gehört. Sofern die Netze nicht absolut schalldicht sind, bist du also wahrscheinlich noch tiefer."
"Kann man ausschließen, dass die Netze schalldicht sind?", erklang Siggis Stimme.
Plötzlich hörte Ambrosz einen gedämpften, aber immer noch deutlich hörbaren Pistolenschuss. "Was war das?", fragte er beunruhigt.
"Ich habe auf die Wand geschossen", kam Kessels völlig ruhige Antwort durch den Funk, "und wenn du das gehört hast, Ambrosz, sind die Netze nicht schalldicht."
"Bitte warne uns das nächste Mal", erwiderte Ambrosz. "Saskia, komm hier rüber. Vielleicht können wir das Netz gemeinsam durchdringen."
Eine Antwort blieb aus.
"Saskia?", fragte Ambrosz erneut.
"Verdammt", fluchte Kessel durch das Funkgerät, "neuer Plan: Siggi lässt mich in das Loch zu Marek hinunter. Falk und Ambrosz, ihr sucht nach Saskia. Regelmäßig Funkkontakt aufnehmen und absolut alles melden."

15. Juni
"Kessel …"
"Ja, Saskia?"
"Ich … ich muss etwas sagen." Saskia schob sich ein Stück nach oben und legte ihren Kopf auf Kessels Bauch. "Und es fällt mir schwer, also hör einfach zu."
Kessels kicherte. "Keine Liebesbekundung."
"Natürlich nicht", erwiderte Saskia, "also halt die Klappe und hör zu."
Kessel nickte mit einem schiefen Lächeln im Gesicht.
"Ich … seitdem das hier angefangen hat … wir haben viel geredet."
"Und viel gevögelt."
"Das auch. Aber … ich weiß nicht, ich fühle mich irgendwie viel wohler."
Kessel gluckste. "Das hat regelmäßige Befriedigung so an sich, Saskia."
"Es ist nicht nur das." Sie zuckte mit den Schultern. "Ich … ich bin entspannter. Ich fühle mich in der eigenen Haut wohler. Ich bin wieder stolz auf meine Arbeit."
"Das ist allein dein Verdienst."
Saskia seufzte. "Du kannnst nicht ruhig sein … aber egal. Ich … ich mag dich, Kessel. Nein, ich liebe dich nicht, keine Angst. Aber … ich mag dich. Ich bin gern bei dir. Nicht aus Liebe, aber nicht nur wegen dem Sex."
Kessel strich ihr sanft über den Kopf. "Klingt für mich nach Freundschaft."
Saskia seufzte. "Auch. Aber … ich weiß nicht. Früher warst du mein Vorgesetzter. Jetzt bist du mein Anführer. Verstehst du, was ich meine?"
Kessel nickte. "Absolut. Und … klingt komisch, aber du bist auch für mich wie mein Anführer. Ich meine ja, in der MTF bin ich der Anführer, aber …"
"Aber hier führen wir uns gegenseitig", flüsterte Saskia lächelnd. "Auch wenn ich mich nicht mal für viel Geld in dich verlieben würde."

16. Juni
Saskia schlich mit erhobener Pistole die Treppen hinauf, in den sechsten, siebten, achten Stock. Jedesmal, wenn sie die Silhouette aus den Augen verlor, tauchte sie kurz wieder auf, nur einen kleinen Moment lang, so dass Saskia sah, wo sie hinging. Es stank nach einer Falle, aber wenn Saskia durch das Risiko den Mann mit dem Flanierstock fangen würde …
Im obersten Stockwerk blickte sich Saskia vorsichtig um. Zwei Gänge, die zu den Wohnungen führten. Nichts auffälliges.
Und dann sah sie einen Flanierstock aus einem der Gänge hervorlugen, und dann schnelll verschwinden. Schnell und leise ging Saskia zu dem Gang, blickte um die Ecke, und sah eine der Wohnungstüren zufallen.
Vorsichtig hob sie ihren Finger an das Funkgerät in ihrem Ohr. "Kessel, der Mann mit dem Flanierstock ist hier. Oberstes Stockwerk, in einer Wohnung. Habe die Tür im Blick, brauche Verstärkung."
Doch nur Stille antwortete.
In Saskia machte sich der Verdacht breit, dass es nicht 094-DE war, welches damals in dem Dorf ihren Funk gestört hatte. Aber jetzt musste sie sich auf den Mann mit dem Flanierstock konzentrieren. Sie hätte lieber Kessel und die anderen an ihrer Seite gehabt, aber wenn sie runterginge, um sie zu holen, würde ihr Ziel vielleicht entkommen.
Also ging sie das Risiko ein, ging zu der Wohnungstür, und stieß diese langsam auf.
Der Mann mit dem Flanierstock saß auf einer Couch, blickte Saskia lächelnd an, und sagte: "Schön, Sie wiederzusehen."
Saskia blinzelte. "Ich hatte etwas anderes von Ihnen erwartet."
"Dass ich versuche, Ihnen die Seele auszusaugen, Saskia?" Er gluckste. "Bitte. Ich bin kein Monster."
Saskia blinzelte erneut, der leichte Druck in ihrem Kopf erschwerte ihr, sich zu konzentrieren. "Sie haben mich hier heraufgelockt. Keinen von den anderen. Warum?"
"Weil sie der intelligenteste, reine Mensch in MTF-DE11-F sind." Er setzte ein schiefes Lächeln auf. "Ich möchte mit Ihnen reden."
Saskia nickte. "'Rein'. Also gehören sie doch zum Vierten Reich. Warum haben Sie dann einen Reichsdämon getötet, und uns geholfen?"
Er gluckste. "Zum Einen, weil es meinen Zwecken diente. Und außerdem erkannte ich sofort, dass Sie ein hochintelligentes, starkes Wesen sind, meine Liebe. Sie sind eine Frau, die sich jeder Mann wünschen würde, auch wenn sie keiner je besitzen könnte."
Saskia schnaubte, während sie blinzelte. "Sparen Sie sich das Süßholzraspeln. Sorgen Sie lieber dafür, dass mein Funk wieder funktioniert."
Das Lächeln auf seinem Gesicht flackerte. "Ihr Funk funktioniert nicht … wie auch immer."
Sasia wich unwillkürlich ein Stück zurück, als der Mann aufstand und sie mit durchdringendem Blick ansah. Der Druck in ihrem Kopf wurde immer störender, und sie blinzelte immer wieder … diesmal war etwas anders. Irgendetwas … an … aber sie musste sich konzentrieren, nicht nachdenken. Nicht denken, nur auf den Mann vor ihr kozentrieren, denn irgendetwas in ihr sagte ihr, dass sie eine Gelegenheit verpassen konnte, wenn sie zuviel nachdachte. Denken … ein Feind.
"Denken ist ein Feind", flüsterte sie unwillkürlich.
Sie bemerkte nicht, wie dem Mann daraufhin ein breites Lächeln über das Gesicht huschte.

Kessels Blick war stetig nach unten in die Dunkelheit gerichtet. Seine Taschenlampe beleuchtete die dicken Spinnenfäden, während er abgeseilt wurde, aber er sah keinen Boden, kein Anzeichen für Marek. Aber immerhin auch keinen SCP-077-DE.
"Hier Ambrosz", klang es aus dem Funkgerät. "Sechster Stock durchsucht, kein Anzeichen für Saskia. Gehe weiter nach oben."
"Hier Falk. Erster Stock ebenfalls leer. Beginne Durchsuchung von Erdgeschoss."
Kessel seufzte. Wo konnte Saskia nur sein, und warum hatte sie sich nicht gemeldet?
Er schüttelte den Gedanken ab, seine Konzentration musste Marek gelten.
"Hier Siggi", drang es nun aus dem Funkgerät. "Hier oben ist alles ruhig, aber du musst abnehmen, Kessel."
"Nimm das nächste Mal eine Kurbel mit, dann musst du mich nicht händisch runterlassen. Und jetzt Konzentration." Kessel warf einen kurzen Blick nach oben. Nur Spinnenfäden. Er war jetzt schon mindestens zwanzig Meter weit hinuntergelassen worden und fragte sich, wie tief dieses Spinnennest wohl war. Und ja, in einer Wohnung hatte Ambrosz gefunden, wo dieser Tunnel versteckt war, aber dass sie es auf allen Stockwerken übersehen hatten? Allerdings fiel Kessel ein, dass in einer Wohnung im zweiten Stock trotz zwei Kindern kein Kinderzimmer gewesen war, aber er hatte angenommen, dass sich die Eltern nichts größeres leisten konnten. Wenn aber ein Reinheitsweber … ein Reinheitsweber im Kinderzimmer.
Diesen Gedanken schüttelte Kessel ebenfalls ab. Er musste sich konzentrieren, und hoffen, dass er nicht ausgerechnet jetzt einen seiner Amnesie-Anfälle hatte.
Er legte einen Ohr an das Funkgerät in seinem Ohr. "Marek, bei dir ist noch alles in Ordnung?"
Und wieder einmal blieb das Funkgerät still.
"Marek!"
Keine Antwort.
"Siggi, lass mich schneller runter." Kessel zog seine Pistole. Sein Automatik-Gewehr wäre ihm zwar lieber gewesen, aber es war zu eng, um dieses bereitmachen zu können.
"Kessel, du könntest dir die Beine brechen."
"Marek hat sich auch nicht verletzt. Los jetzt."
Und mit einem Ruck fiel Kessel, stoppte dann wieder, fiel erneut. Nächstes Mal musste Siggi wirklich eine Kurbel mitbringen.
Schließlich verbreitete sich der Tunnel, und Kessel leuchtete umher. Rundum Spinnenfäden, aber nichts zu sehen. Er löste das Seil, landete nach drei Metern Fall behände auf dem Boden, und blickte sich einmal schnell im ganzen Raum um.
Kein Marek, kein Reinheitsweber.
"Marek!", rief Kessel. Das Risiko war ihm egal, wenn Marek an so einem Ort nicht mehr auf den Funk antwortete, musste er in Gefahr sein. Und Kessel würde nicht noch jemanden verlieren.
Dann sah er im Augenwinkel eine Bewegung … eines der Netze an der Wand flatterte leicht, wie ein Vorhang, der von einem sanften Windhauch bewegt wird.
Langsam ging Kessel mit erhobener Pistole darauf zu, ergriff das Netz, zog es zur Seite - und acht armlange Spinnenbeine sprangen in sein Gesicht.
Kessel prallte zu Boden, die Spinne über ihm, und zog sein Bein gerade noch rechtzeitig weg, um dem niederprallenden Stachel der Spinne auszuweichen. Er drückte seine Pistole an das "Kinn" der Kreatur, blickte in acht dunkelgrüne Augen, und drückte zwei Mal ab. Gallig gelbes Blut regnete auf Kessel hinab, ehe die Spinne schlaff zur Seite fiel.
Langsam stand Kessel auf, feuerte noch zwei Kugeln in den Kopf der Kreatur, um sicherzugehen, und legte dann einen Finger an das Funkgerät in seinem Ohr. "Wurde von einem 077-DE angegriffen, habe ihn getötet."
"Sie haben was?", klang Hands deutlich irritierte Stimme aus dem Funkgerät. "Jedes dieser Wesen war bislang einzigartig in der Art der Spinne, in die es sich verwandelte. Sie hätten es lebend fangen müssen."
Kessel schnaubte. "Hand, das Ding war auf mir und nur Sekunden davon entfernt, mir entweder sein Betäubungsmittel zu injizieren oder mein Gesicht zu fressen. Wenn ich es nicht getötet hätte, wäre es auch nicht eingefangen, sondern würde sich jetzt wahrscheinlich um den Rest meines Teams kümmern."
Einen Moment lang blieb es still. "Ist die Leiche wenigstens noch in gutem Zustand?"
"Vier Kugeln im Kopf, ansonsten unbeschädigt."
"Na gut." Ein Seufzen drang durch den Funk. "Haben Sie schon Schmied oder Marek gefunden?"
"Nein, aber ich habe einen weiteren Teil des Spinnenbaus gefunden. Beginne dortige Suche."
Kessel lud seine Waffe nach, für den Fall, dass noch mehr dieser Spinnen da waren, und ging durch den Netzvorhang in einen weiteren, mit Netzen bedeckten Raum. Zunächst schien der Raum leer zu sein.
Dann aber sah Kessel, wie ein Teil des Netzes an der Wand sich bewegte.
"Marek!"
Kessel lief zu der Wand, zog sein Jagdmesser, und schnitt vorsichtig durch das Netz. "Ich kann das Netz mit meinem Messer zerschneiden", gab er über Funk weiter, um Hand etwas anderes als den toten 077-DE zum Nachdenken zu geben.
"Interessant", kam Hands Erwiderung.
"Sind diese Netze nicht normalerweise viel zu reißfest, um sie zu zerschneiden?", fragte Siggi über Funk.
"Positiv." Kessel schnitt noch ein Stück Netz neben der Stelle durch, an der er Mareks Kopf vermutete, steckte sein Messer weg, und zog mit aller Kraft an dem Netz, bis es sich langsam löste, Stück für Stück, ehe zuerst etwas Haar, dann eine Wange und eine Stirn, und schließlich Mareks ganzer Kopf auftauchte.
"Kessel!", keuchte Marek, offenkundig außer Atem. Die Netze schienen nicht sehr viel luft durchgelassen zu haben. "Es tut mir leid. Ich … ich war unvorsichtig."
Kessel schüttelte den Kopf. "Egal, Marek. Hauptsache, du lebst noch."
Er zog weiter an dem Netz, um Mareks Oberkörper zu befreien.
"Nein, Kessel." Marek schüttelte nun seinerseits den Kopf. "Ich hätte es besser wissen müssen. Da kommt auf einmal ein Mann hinter nem Netz hervor, behauptet, dass die Spinnen die Funksignale spüren und ich nichts mehr senden soll, und ich gehe ihm auf den Leim."
Kessel seufzte, noch immer an dem Netz vor Mareks Oberkörper ziehend. "Wir haben Protokolle für Gespräche mit eventuellen 077-DE in Menschengestalt. Halte dich nächstes Mal daran."
"Ähm, Kessel … das habe ich. Es hat den Test bestanden."
Kessel erstarrte für einen Moment. "Es hat was?"
"Auf all die Fragen, auf die die Reinheitsweber normalerweise keine Antwort haben oder ausweichend werden … er gab Antworten. Glaubhafte."
Kessel schnaubte. "Wenn die Dinger jetzt intelligenter werden … das wäre scheiße für uns. Ich meine, vor allem für Schwule, aber auch für Leute wie uns beide."
Und mit einem Ruck löste sich das Netz von Mareks Oberkörper. Das Hemd seiner Uniform war aufgeknöpft, ebenso war der Reißverschluss seiner Hose offen.
Kessel wich unwillkürlich einen Schritt zurück.
Marek seufzte. "Leute wie uns … und vor allem für Leute wie mich."
Kessel schüttelte es ab. "Dann kannst du noch weniger dafür. Aussehen und Pheromone von diesen Dingern sind darauf ausgerichtet, Leute wie dich anzuziehen und ganz wuschig zu machen."
"Das macht es nicht besser. Ich hätte nachdenken sollen. Welcher normale Mensch würde schon hier, in nem verdammten Spinnennest, Sex wollen?"
"Marek", seufzte Kessel, "du kannst nichts dafür. Wir reden nicht mehr darüber. Und wenn jemand fragt, hat es den Test bestanden und dich angegriffen, als du ihm den Rücken zugekehrt hast."
"Soweit kam es glücklicherweise nicht."
"Wie weit?"
"Dass ich ihm den Rücken … oh, du meintest … vergiss es."
Kessel schüttelte den Kopf. "Das war mehr, als ich über deine Vorlieben wissen wollte. Wir reden nie mehr darüber. Und jetzt hol' ich dich aus diesem Netz raus."

Saskia schüttelte den Kopf, um den Druck in ihrem Kopf abzuschütteln, doch es war vergeblich.
"Umdrehen, Hände über den Kopf."
Der Mann mit dem Flanierstock seufzte. "Bitte, Saskia. Warum so ungehobelt? Lassen Sie uns zivilisiert bleiben."
"Sie haben uns verarscht, Leichen gestohlen und jetzt habe ich Grund zum Verdacht, dass Sie zum Vierten Reich gehören. 'Zivilisiert' haben Sie nicht verdient."
Der Mann lächelte. "So stur. Sie haben noch nicht einmal daran gedacht, mich zu fragen, was für die seelenlosen Leute unten verantwortlich ist."
"Entweder Sie oder Ihr Reinheitsweber, der hier irgendwo rumkrabbelt." Saskia schnaubte. "Halten Sie mich für dumm?"
"Nein, nur für voreilig", seufzte er. "Denken Sie nach. Die Spinnen fressen Homosexuelle, und warum sollte ich nicht nur Seelen verschlingen, sondern dann auch noch mein Symbol so offensichtlich in ein Fenster schreiben?"
Und eine Stimme hinter Saskia erwiderte: "Ja, warum sollte ich das tun?"
Saskia wandte den Kopf, und hinter ihr … stand der Mann mit dem Flanierstock. Und der Druck in Saskias Kopf wurde schlimmer.
Der zweite Mann ging an Saskia vorbei und stellte sich neben den Anderen.
"Ich würde das nicht tun", sagte der Neue, "aber ein Seelenfresser, denn einer meiner Akolythen unvorsichtigerweise beschworen hat … der würde das tun."
"Saskia, hören Sie nicht auf ihn", sagte der Erste. "Das ist der Seelenfresser. Er hat meine Form angenommen, um Sie zu verwirren."
Der Raum begann sich zu drehen, und Saskia musste sich anstrengen, um ihr Gleichgewicht zu halten.
"Warum sollte ich irgendeinem von Ihnen glauben?", fragte Saskia.
"Weil ich hier bin, um Ihnen zu helfen", erwiderte der Erste. "Ich kann Ihnen einen Handel anbieten, Saskia."
"Hören Sie nicht auf ihn", sagte der Neue. "Wenn Sie auf irgendeines seiner Angebote eingehen, öffnen Sie einen winzigen Teil Ihrer Seele für ihn. Das reicht schon, damit er Ihnen Ihr ganzes Wesen, Ihre ganze Seele, aussaugen kann."
Der Erste schnaubte. "Das ist Unsinn, und das wissen Sie, Saskia. Es gibt keine Seele - der Seelenfresser entzieht Teilen ihres Gehirns die elektrische Aktivität, um sich damit am Leben zu erhalten. Das hat nichts mit einer Seele zu tun."
Dieses Argument klang für Saskia besser als der angebliche Seelendiebstahl.
"Das Eine schließt das Andere nicht aus", erwiderte der Neue, "und widerlegt es auch nicht."
Der Erste schüttelte den Kopf. "Ignorieren Sie ihn. Ich will, dass Sie mir helfen, Saskia."
"Es wird Ihnen genau das sagen, was Sie hören wollen", sagte der Neue. "Es kann in Ihre Gedanken sehen und Ihre Wünsche erkennen."
"Blödsinn", schnaubte der Erste. "Wenn Sie mit mir kommen und mir helfen, Saskia, werde ich nicht nur diesen Seelenfresser vernichten und so vielen Menschen da unten wie ich kann ihr Bewusstsein zurückgeben; ich werde auch dafür sorgen, dass Sie wieder eine Karriere haben. Eine echte Karriere, kein Sackgassen-Posten in einer MTF."
"Und wie sollte er das tun?", fragte der Neue. "Wie will er eine Karriere herbeizaubern, und wie will er Menschen ihre Seelen zurückgeben, die bereits verschlungen wurden?"
"Keine Seelen, elektrische Muster im Gehirn. Und Elektrizität kann man ersetzen.", erwiderte der Erste.
"Er lügt, Saskia. Bitte glauben Sie ihm nicht. Er will Ihre Seele, weil er weiß, dass ich Sie wirklich gerne als eine meiner Angestellten hätte." Der Neue seufzte. "Er will sich an mir rächen, weil ich es wieder an den Ort zurückschicken will, wo es herkam. Einen seelenlosen Ort."
"Sehen Sie, wie verzweifelt er aussieht?", fragte der Erste. "Wenn er von dem seelenlosen Ort spricht, wird er traurig, weil er sich an seine Zeit dort erinnert!"
"Nein, weil es in meiner Verantwortung liegt, dass es überhaupt hier ist. Der Seelenfresser wurde auf meine Anordnung hin von einem unvorbereiteten Akolythen beschworen. Ich habe einen Fehler gemacht, und deswegen bin ich traurig, denn das Vierte Reich darf keine Fehler machen."
"Sehen Sie?", sagte der Erste. "Es gibt Verbindungen zum Vierten Reich zu! Warum sollte ein echter Mensch das machen?"
"Weil ich weiß", flüsterte der Neue mit einem sanften Lächeln, "dass Sie klug sind, Saskia. Selbst jetzt, da Ihnen die mentale Beeinflussung des Seelenfressers den Verstand vernebelt, haben Sie sich durch unsere Worte schon zusammengereimt, dass einer von uns Herr Rass ist."
Der Erste stand links vor Sakia, und starrte den Neuen mit offenem Mund an. Der Neue stand rechts vor Saskia, und streckte ihr seine geöffnete Hand entgegen.
Und dann, von einem Moment auf den anderen, schien alles klar, der Raum drehte sich nicht mehr, der Druck in Saskias Kopf verschwand, und sie musste nicht mehr so häufig blinzeln. Auch der links stehende Mann streckte ihr nun lächelnd die Hand entgegen.
"Nehmen Sie meine Hilfe an?", fragte der Rechte. Und Saskia, völlig davon überzeugt, dass sie ihm glauben konnte, ergriff die Hand des rechts stehenden Mannes, schneller als der Linke schreien konnte: "Er hatte Ihre Sicht die ganze Zeit gespiegelt! Wir stehen jetzt verkehrt herum!"
Doch Saskia hatte bereits fest die Hand ergriffen, und das Grauen, welches sich entfaltete, ließ sie schreien, einen unhörbaren Schrei, der nie ihren Körper verließ, da nur ihre Seele schrie, als sie von der Kreatur, die vor ihr stand, verschlungen wurde, und einen Moment später … stand alles, was von Saskia Schmied übrig war, regungslos im Raum, mit schief hängendem Mundwinkel, leerem Blick, ohne sich zu bewegen, eine Hülle wo sich einst ein Mensch befunden hatte.

Ein Schrei erklang von der Wohnungstür, vor der Ambrosz und Falk standen, hinter dem unsichtbaren, doch undurchdringlichen Schutzzauber, den der echte Mann mit dem Flanierstock gesprochen hatte, um den Seelenfresser an der Flucht zu hindern.
Der Seelenfresser zeigte nun, gestärkt von seiner Mahlzeit, sein wahres Gesicht; eine groteske Form aus Schuppen und grünem Schleim.
Der Mann mit dem Flanierstock stieß dem Seelenfresser seinen Stock in das Gebiet, wo beim Menschen in etwa der Magen gewesen wäre.
"Ich wollte dich zurückschicken, weil du noch nützlich gewesen wärst." Das Funkeln in seinen Augen ließ selbst den Seelenfresser erzittern. "Du hast eine gute Frau vernichtet. Dein Nutzen ist jetzt irrelevant."
Mit einer Stimme die wie tausend klang, als würden all die Seelen, die der Dämon je verschlungen hatte, zugleich sprechen, knurrte es: "Ich lasse mich nicht vernichten. Du wirst nicht genug Zeit haben, eines deiner Rituale aufzuführen."
"Oh, Rituale sind notwendig.", erwiderte der Mann mit dem Flanierstock, "Wenn man Dinge zwischen Dimensionen herumschickt. Um dich zu vernichten?"
Ein geflüstertes Wort in einer Sprache, die niemand sprechen können sollte, und der Seelenfresser verschwand mit tausend Schreien in einer grünen Explosion.
Der Mann mit dem Flanierstock atmete tief durch, während vor der Wohnungstür Ambrosz hektisch darüber nachdachte, wie er unauffällig den Schutzzauber vor der Tür lösen konnte, und Falk versuchte zu begreifen, dass Saskia, obwohl ihr Körper noch da stand, nicht mehr wirklich da war.
Der Mann mit dem Flanierstock wandte sich Saskias leerer Hülle zu. "Meine arme Saskia … ich hatte wirklich gehofft, dass Sie mir helfen würden." Ein Lächeln zuckte über sein Gesicht. "Vielleicht können Sie das noch."
Er holte ein kleines Glasfläschchen mit einem gewunden Stöpsel aus Silber aus seiner Hosentasche, drückte seinen Flanierstock gegen den Bauch von Saskia Schmieds Körper, und flüsterter nahezu unhörbar eine kurze Beschwörung.
Und Saskias Körper zerfiel, Zelle für Zelle, in eine Wolke grauer Staubkörner, die durch die Luft glitten und durch gewundene Tunnel im Stöpsel in das Fläschchen eindrangen, bis dieses mit der grauen Substanz gefülllt war. "Also hatte Strom recht, die Seele war das Problem …"
Er wandte sich ab, ließ das Fläschchen in seine Hosentasche gleiten, und blickte zu einem zitternden Ambrosz und einer wutentbrannten, mit beiden Pistolen auf die unsichtbare Barriere feuernde Falk.
"Ich weiß, es wird Ihnen schwerfallen, mir das zu glauben", rief er laut genug um selbst Falks Pistolen zu übertönen, "aber ich bedaure diesen Verlust ebenso wie Sie."
Und dann war die Barriere weg, alle von Falk abgefeuerten Projektile prallten in die gegenüberliegende Wand, und der Mann mit dem Flanierstock war fort.

17. Juni
Hand stand vor der versammelten MTF DE11-𝔉, mit einem verunsicherten Gesichtsaudruck, den Kessel erst einmal zuvor an ihm gesehen hatte: An dem Tag, an dem Xaver gestorben war.
"Nun … die Mission war trotz allem kein Misserfolg." Hand schüttelte den Kopf. "Sie haben herausgefunden, worum es sich handelt, und konnten wegen dem Mann mit dem Flanierstock, der erneut anomale Fähigkeiten demonstriert hat, das verantwortliche Wesen nicht einfangen."
Kessel hörte ihm zu. Aufmerksam, mit voller Konzentration, um seine Gedanken im Zaum zu halten.
"Das getötete SCP-077-DE-Exemplar wurde untersucht und hat keine neuen Erkenntnisse geliefert, weswegen seine Neutralisierung als geringer Verlust eingestuft wurde, trotz Hassan Mareks Aussage, dass es trotz Einhaltung der Protokolle die Fassade als Mensch aufrecht erhalten konnte."
Marek saß mit geröteten Augen neben Kessel, und es war offensichtlich, dass er nicht zuhörte. Kessel war zwar sicher, dass Hand das bemerkt hatte, aber es sprach für Hand, dass er in diesem einen Fall nicht darauf einging.
"Die Anwesenheit des 077-DE deutet außerdem auf eine weitere Verbindung zwischen dem Mann mit dem Flanierstock und dem Vierten Reich hin, wenn auch unklar ist, ob es sich um ein Mitglied, einen Gegner oder etwas anderes handelt." Hand schüttelte erneut den Kopf. Es schien, als hätte er selbst keine Lust, das Debriefing durchzuführen.
Ambrosz saß neben Marek und hatte seinen Blick auf Hand gerichtet, doch sein Blick wurde immer wieder leer, als ob seine Gedanken immer wieder von diesem Ort wegglitten.
"Von den von Ihnen gefundenen … 'leeren Menschen' wurden nur siebzehn von unserem Aufräumtrupp geborgen, was den Schluss zulässt, dass das Gleiche, was mit … dem Körper ihrer Kameradin geschah ebenfalls diesen Opfern widerfuhr. Zu welchem Zweck, ist unbekannt." Hand seufzte. "Aus all diesen Gründen hat diese MTF nun eine erweiterte Primäraufgabe: Wenn der Mann mit dem Flanierstock angetroffen wird, ist er um jeden Preis gefangen zu nehmen, alle anderen Missionsinteressen werden dann optional."
Falk stand abseits von ihren sitzenden Kameraden, mit verschränkten Armen gegen eine Wand gelehnt, und schien die einzige zu sein, die dem Briefing mit ungeteilter Aufmerksamkeit folgte. Kessel bewunderte ihre Professionalität, auch wenn ihm Falks immer wieder kurz zitternde Unterlippe nicht entging.
"Tatsache ist … die Mission hätte wesentlich besser laufen können, aber in Anbetracht dessen, womit Sie es zu tun hatten, und da Sie ohne echte Informationen hineingeschickt wurden … wird diese Mission offiziell als moderater Erfolg eingestuft. Da im Moment keine Einsätze anstehen werden jedem von Ihnen in Übereinstimmung mit unseren üblichen Protokollen drei Tage Bereitschaft zugeteilt. Und in den danach folgenden 12 Tagen wird jeder von Ihnen, sofern keine Einsätze anfallen, täglich eine Stunde verpflichtende Gesprächstherapie mit einem unserer Psychologen zugestanden. Die jeder von Ihnen annehmen muss, auch Sie, Falk."
"Ich habe meine Lektion nach dem letzten Mal gelernt", flüsterte Falk.
Kessel konnte sich noch erinnern, wie Falk wegen Befehlsverweigerung kurz vor einer Anhörung stand, als sie das letzte Mal zu einem Psychologen gehen musste.
"Gut", meinte Hand, "nun hätte ich noch ein paar Punkte für die Nachbesprechung aufgeschrieben, aber nichts, was Sie nicht bereits wissen, und mir ist bewusst, wie … Ihnen allen zumute sein muss. Gehen Sie nach Hause, verbringen Sie die nächsten drei Tage nutzbringend, und ich erwarte Sie dann wieder in voller Einsatzbereitschaft zurück."
Das Team nickte, und alle standen auf und wandten sich zum Gehen.
"Kessel, einen Moment."
Er hatte es befürchtet. Während die anderen gingen, wandte sich Kessel wieder zu Hand um.
"Kessel … Doktor Schmied hat noch einen lebenden Bruder. Dieser lebt zwar in einer psychiatrischen Einrichtung, ist aber dennoch soweit geistig orientiert, dass er informiert werden sollte."
Kessel schüttelte den Kopf. "Hand, das ist nicht meine Aufgabe."
"Ich weiß", erwiderte Hand nickend, "es ist meine. Oder es wäre die von irgendeinem Vorgesetzten, der Saskia kaum kannte, wenn ich es nicht freiwillig übernommen hätte."
Überrascht zog Kessel die Augenbrauen hoch. Bei Xaver gab es diese Unterhaltung nicht, da dieser keine Angehörigen und keine Freunde außerhalb der Foundation gehabt hatte. Aber dass Hand das frewillig tun wollte …
"Bevor Sie zu schockiert sind: Ich werde die Nachricht nicht persönlich überbringen, sondern einen Brief schreiben. Ich wollte Sie nur fragen, ob es etwas gibt, was ich in den Brief schreiben sollte."
Kessel seufzte. "Da bin ich der Falsche. Marek und in letzter Zeit auch Falk haben sich besser mit Saskia verstanden und meines Wissens auch ab und an in der Freizeit miteinander getroffen."
Hand nickte. "Aber Sie hatten in den letzten Monaten eine freundschaftliche, sexuelle Beziehung mit ihr."
Kessel wich wie vom Schlag getroffen zurück. "Was …"
"Kessel, ich bin ein professioneller Missionsbetreuer. Es ist meine Aufgabe, solche Dinge zu bemerken."
"Wie …"
"Mimik, Gestik, der Umgang miteinander, dass Sie beide oft an den selben Tagen müde waren, aber nie auch nur das geringste Anzeichen von Verliebtheit zeigten. Subtile Anzeichen, die kaum jemand bemerken würde, der nicht darauf achtet." Hand seufzte. "Es ist Ihre Privatangelegenheit, was Sie in Ihrer Freizeit mit welchen Ihrer Kameraden machen. Ich hielt es nur für richtig, wenn ich Sie frage, was in dem Brief stehen soll. Also?"
Kessel nickte. Er hatte Hands zwischenmenschliche Fähigkeiten eindeutig unterschätzt. "Saskia … Saskia war eine der besten Frauen, mit denen ich jemals arbeiten durfte. Sie zeigte mir nie etwas anderes als Stärke und völlige Selbstsicherheit. … Das muss reichen."
Hand nickte. "Danke, Kessel. Und nein, ich werde Sie nie wieder auf Ihre Beziehung zu Saskia ansprechen. Mir sind derlei Dinge zuwider."
Und damit drehte sich Hand um und ging.

18. Juni
"Du warst nachlässig." Der Mann mit dem Flanierstock funkelte sein Gegenüber mit dunklen Augen an.
Der Mann, der vor ihm stand, schüttelte den Kopf. "Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der scharfe Soldat da runter klettert, sonst hätte ich meinen kleinen Sklaven nicht alleine gelassen."
"Wir wollen die MTF Faust nicht töten, zumindest nicht zur Zeit. Ich erwarte, dass du die anderen Reinheitsweber unter Kontrolle hältst."
"Hm. Immerhin habe ich den Schwulen gefangen und damit Faust abgelenkt."
Der Mann mit dem Flanierstock nickte. "Ja. Und Kessel hat überlebt. Es hätte schlimmer ausgehen können."
"Darf ich fragen, warum Sie diese MTF am Leben erhalten wollen, Herr Rass? Sie hatten noch nie Probleme mit Foundation-Leichen."
Der Mann mit dem Flanierstock zuckte mit den Schultern. "Sie sind fähig und könnten uns noch einmal nützlich werden." Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. "Außerdem weiß die Faust nicht, was sich in ihren Fingern so alles verbirgt. Es wird interessant, zu beobachten, ob die Faust sich dann öffnet … oder ein paar Finger amputiert."
Der andere Mann nickte. "Stört mich nicht. Wäre ja schade, wenn der Soldat stirbt, bevor ich mit ihm", er leckte sich über die Lippen, "spielen kann."
Herr Rass schüttelte den Kopf. "Sei still, Königsweber. Ich toleriere deine Abartigkeit nur, weil du nützlich bist."
Der Mann nickte. "Verzeiht, mein Herr."
"Aber", Herr Rass setzte ein sanftes Lächeln auf, "falls solche … Fehler wie mit Kessel nicht mehr vorkommen, und falls der Tag kommt, an dem ich Kessel als Feind des Vierten Reichs ansehe … dann wirst du mit ihm spielen dürfen. Wenn keine Fehler mehr vorkommen."
Der Königsweber fiel auf die Knie. "Danke, Herr … ich danke Ihnen."
"Sag nicht, dass ich dir nie eine Freude mache." Rass wandte sich ab. "Aber bis dieser Tag kommt, bleibt die Faust am Leben, sofern sie uns nicht im Weg steht."



< Der Mann mit dem Flanierstock | Unbewohnte Bewohner | Bruderschaften >

Sofern nicht anders angegeben, steht der Inhalt dieser Seite unter Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 License