Träume spiegeln die Realität

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Träume spiegeln die Realität

Wie viele Tage ist es schon her, seit ich richtig schlafen konnte? Eine Woche, zwei? Es verschwimmt wie ein endloses Band aus Nächten, in denen meine Augen offenstanden, obwohl mein Körper längst hätte aufgeben müssen. Egal wie lange, es ist nervtötend … Ich bin mir unsicher, woran es liegt, aber keine meiner Antworten reicht mir. Vielleicht die Arbeit, vielleicht die Medikamente, vielleicht ich selbst. Aber selbst wenn ich mir eine Erklärung suche — zufrieden stellt sie mich nicht.
Eine andere Lösung als Schlaftabletten dogmatisch zu schlucken habe ich auch nicht, wie auch? Ein Arztbesuch wäre das Beste, aber das ist lächerlich. In meinem Berufsfeld ist es schon Selbstmord, auch nur daran zu denken, sich krank zu melden, gar den Fuß in eine Praxis zu setzten. Geschweige denn die Tatsache, dass ich eh nicht zu meinem Hausarzt könnte. Wie auch? Ich … sagen wir wohne, aus beruflichen Gründen gerade mehr als 400 km entfernt!

Nein, alles muss für den morgigen Tag perfekt sein! Das ist alles, was zählt. Nur das. Ich wiederhole diesen Gedanken wie ein Mantra, während ich durch die Korridore gehe und nach meinem Zimmer suche. Da kann ich mich nicht mit Kleinigkeiten, wie meiner Gesundheit auseinandersetzen … Auch wenn es mir den Schlaf raubt. Daran liegt es! Sobald die Sache abgewickelt und mein Kunde zufrieden ist, kann ich mir endlich eine Mütze Schlaf gönnen.
Wobei, wird er je zufrieden sein? Mit mir? Oder noch wichtiger, unseren Produkten? Ich kann einfach nicht anders, als mir Sorgen darum zu machen … Aber danach werde ich wahrscheinlich zwei Tage nichts anderes tun, außer fest durchzuschlafen.

Ich denke, ich mache mir zu viele Sorgen. Für den Moment brauche ich, wie immer, meine Medikamente und dann bin ich auch schon weggenickt. Ich bekomme das schon hin … irgendwie … Aber zuerst, ein Bett. Wenn ich denn mein Zimmer finden würde, wo zur Hölle ist es eigentlich? Ich habe das Gefühl, als würde ich ein und dieselben Türen immer wieder sehen.
128 … 129 … 130. Schon wieder. Ich habe diese Türen doch eben erst gesehen, oder nicht? Jede Tür hier sieht gleich aus, identisch und seelenlos, oder laufe ich im Kreis? Ich blinzle, schüttele leicht den Kopf. Fokus … Mein Kunde darf keinen einzigen Grund haben, mich auseinanderzunehmen … Er muss zufrieden sein, sonst werde ich es nicht sein. Wenn er morgen die Stirn runzelt, kann ich meinen Job praktisch schon an den Nagel hängen. Und das wäre erst der Anfang vom Ende. Meine Gedanken kauen diesen Satz wieder und wieder, während meine Beine mechanisch weiterlaufen.

140 … Die Zimmernummer, die ich anscheinend vergeblich suche. Was mich am Ehesten verblüfft, ist dass diese Etage so viele Räume hat. Wobei, immerhin war ich im Moment ja auch in einem der größten Hotels in Hamburg. Da sollte mich wohl auch nicht die Anzahl der unterschiedlichen Zimmer wundern …

Endlich stehe ich vor meiner Tür. Unspektakulär, mit einem Kartenleser, so generisch wie alles andere hier. Die Nummer ist in Druckschrift an die Tür geklebt und das Schloss der Türklinke leuchtet in einem leichten Rot, um zu zeigen, dass die Tür verriegelt ist. Lethargisch zücke ich meinen Geldbeutel aus meiner Jackentasche und suche die Karte heraus, welche die nette Dame am Empfang mir in die Hand gedrückt hat. Zusammen mit einem seltsamen, aber attraktiven Lächeln und den Worten, dass ich diese Nacht nicht vergessen würde … Normalerweise wäre ein "Danke, dass sie sich für uns entschieden haben" doch eher angebracht, oder nicht? Egal.
Mein Kopf hat gerade keine Kapazität darüber tiefer nachzudenken und vielleicht war es ja auch nur ein Scherz von ihr oder Vorschrift, wer weiß das schon …

Ich halte die Karte an das Display der Türklinke. Das Schloss gibt ein surrendes Geräusch von sich, klickt und die Tür gibt nach. Ich kann mich endlich entspannen und - ich stolpere ein wenig hinein.
Für einen Moment glaube ich, gegen eine unsichtbare Wand gelaufen zu sein. Die Luft schlägt mir entgegen und ist so unfassbar stickig, abgestanden und süßlich faul. Einfach nur grässlich … Es ist die Art von Geruch, die man nicht gleich erkennt, aber die einen instinktiv abstößt.
In meinem Schädel rattern die Zahnräder. Zu süß für Schimmel, zu dumpf für Parfum eines vorherigen Kunden oder das von Hotels … zu nah am Geruch von rohem Fleisch. Meine Routine setzt ein, die ich mir nach Jahren im Geschäftsbereich angeeignet habe. Bett prüfen, Schränke öffnen, Matratze abklopfen. Doch noch bevor ich den ersten Schritt tue, kippt mir der Boden unter den Füßen weg. Meine Knie geben nach und mein Magen dreht sich mir um, am liebsten möchte ich kotzen.
Schlussendlich reißt mich der einsetzende Schwindel hinab. Ich schlage auf und spüre den rauen Teppich unter meinen Händen und mein Kopf knallt auf den Boden. Ich fühle mich etwas benommen und ein kurzer, stechender Schmerz fährt durch meinen Schädel. Doch genau so schnell, wie er gekommen ist, verpufft er, als hätte jemand einen Schalter betätigt.

Ein Moment vergeht, bis ich meine Augen erneut öffne. Die Luft in diesem Raum ist immer noch so unfassbar stickig … Nun, immerhin weiß ich jetzt, dass der Boden sauber ist. Gott sei Dank. Wäre ich auch nur in etwas Schmutz hineingefallen und hätte meinen Anzug dreckig gemacht, könnte ich mir den Tag morgen direkt abschminken.
Ich presste meine Hände gegen den kratzigen Teppichboden und richtete mich langsam auf. Weiter an meine Routine, die ich dank meines Falls nicht ganz erledigen konnte. Nach einer Weile habe ich alles Mögliche kontrolliert, doch der Geruch kommt scheinbar von nirgendwo und überall. Alles ist, soweit ich es beurteilen kann, sauber genug. Gut so … Das Letzte, was ich jetzt gebraucht hätte, wäre es die Zimmer wechseln zu müssen. Darauf habe ich keinen Bock. Dennoch ist die Luft zu unangenehm für mich und ich kippe die Fenster, damit ein wenig frische Stadtluft einziehen kann.

Noch im gleichen Moment, als ich es öffne, breitet sich eine ungewohnte, aber alles andere als unangenehme Kälte aus. Zehn Minuten sollten genügen sein, damit der Gestank zumindest rauszieht. Hoffentlich …


Endlich habe ich etwas Zeit, um mich zu entspannen, oder wie auch immer ich es nennen will. Langsam und gepflegt ziehe ich mein schwarzes Jackett aus und lege es ordentlich auf dem Stuhl vor dem überdimensionierten Doppelbett auf.
Dann die Hose, Krawatte und schließlich mein Shirt. Alles Teil meiner Routine, als könnte Ordnung im Außen Ordnung in mir selbst schaffen. Doch je länger ich die Bewegungen wiederhole, desto mehr fühlt es sich an, als wäre ich eine Puppe, die von unsichtbaren Fäden gezogen wird.
Stattdessen ziehe ich mir ein einfaches, großes T-Shirt und eine Schlafhose an und mache mich auf ins Bad zu gehen. Mit einem Becher und meiner Zahnbürste bewaffnet. Meine nächtliche Routine war schon so eingeübt, dass ich meine Gedanken kreisen lasse und mich mehr mit dem morgigen Termin, als meiner Hygiene beschäftigte …

Was würden die Kunden über meinen Vorschlag sagen? Wäre er erfolgreich oder muss ich mir eine neue Standpauke von meinem ach so großzügigen Chef anhören? War ich überhaupt in der Lage etwas zu verkaufen? Was wenn ich noch mal scheitere? Was ist, wenn ich es nicht schaffe und gekündigt werde? Muss ich wieder in mein gottverlassenes Elternhaus? Mir all die Kommentare, den Hass und die Ignoranz anhören?

Egal … Wie auch immer es kommt, ich muss einfach nur lächeln und mein Bestes geben, so wie immer … In gewisser Weise bin ich mir unsicher, ob ich lebe und selbst die Schmerzen, die ich beim Zähneputzen empfinde, bringen mir keine Sicherheit. Ich fühle mich leer. Aber ich muss weitermachen. Ich muss es einfach. Egal, wie ich mich dabei fühle. Ich spiele keine Rolle. Fertig. Endlich.
Müde schleife ich mich ins Bett und genauso, wie vor einer halben Stunde falle ich. Dieses Mal aber bewusst. Ins Bett. Wo ich hingehöre. Faul und lethargisch drehe ich mich auf meinen Rücken, ich besitze kaum noch die Kraft und mentale Kapazität für etwas anderes mehr, als einfach nur die Augen zuzumachen und gemütlich einzuschlafen.

Ich atme tief ein, doch etwas bleibt zurück, als hätte der Gestank sich in meine Haut gefressen. Bitter und metallisch, wie Blut. Ich reiße meine Augen auf und blicke durch das kleine Zimmer und dann sehe ich ihn. Einen Spiegel. Er hängt an der Wand neben dem Fenster, groß, oval, eingerahmt von einem Holz, das so alt aussieht, dass es selbst aus einem anderen Jahrhundert stammen könnte. Der Rahmen ist mit Ranken, Pflanzen und Gesichtern verziert. Gesichter, die zu lächeln scheinen, wenn mein Blick länger als ein paar Sekunden darauf ruht. Ich blinzle, und schwöre, eines der Gesichter bewegt sich, nur um sofort wieder stillzustehen.
Ich weiß nicht warum, aber irgendetwas fasziniert mich an diesem Spiegel. Mein Herz klopft schneller. Der Spiegel wirkt fehl am Platz. Zu alt und definitiv zu prunkvoll für ein einfaches modernes Kettenhotel. Ich runzle die Stirn und versuche mich daran zu erinnern, wie die Bilder auf der Buchungsseite aussahen. War er da zu sehen? Nicht dass ich mich erinnere. Kann aber auch einfach nur der Winkel sein …

Ich stehe auf und trete näher, beinahe widerwillig, als würde der Spiegel mich zu ihm ziehen. Behutsam taste ich den Rahmen ab und bin beeindruckt! Eine solche Kunst habe ich schon lange nicht mehr gesehen und mit wie viel Liebe zum Detail die einzelnen Gesichter ausgeschnitzt sind. Viele davon haben lange Haare, welche sich nahtlos in die kunstvollen Verzierungen eingliedern. Plötzlich fallen mir erneut die Worte von der Frau an der Rezeption wieder ein. "Diese Nacht werden Sie nicht vergessen".
Dann blicke ich in den Spiegel und wie erwartet, starrt mich mein eigenes Gesicht an, blass, müde und eingefallen. Doch dann sehe ich etwas … Unbekanntes. Ein Lächeln.
Ein winziges, aber unübersehbares Lächeln … Ich spüre nichts in meinem Gesicht, keine Regung meiner Mundwinkel und als ich meine Hand hebe, um meine Lippen zu berühren, spüre ich auch kein Grinsen unter meinen Fingern. Trotzdem lächelt mein Spiegelbild mich an und ich hätte schwören können, dass das Lächeln breiter wird.
Ein Schauer kriecht über meinen Rücken und ich will mich umdrehen, um zurück ins Bett zu gehen und weiterzuschlafen, doch das Spiegelbild dreht sich nicht mit mir. Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie es starr bleibt, weiterhin lächelnd, während mein Körper sich bewegt. Meine Knie werden weich und mein Atem stockt. Ich schlucke laut und schmerzhaft und dann beginnt es sich zu bewegen. Unabhängig von mir. Vor mir sehe ich, wie mein eigener Kopf sich zur Seite neigt und das Lächeln immer breiter wird.

Irgendetwas stimmt hier nicht. Überhaupt nicht. Jeder Instinkt in mir schreit, dass ich mich wegdrehen soll. Alles packen, raus aus dem Zimmer und dem Hotel, aber doch hält mich etwas fest. Das Spiegelbild bewegt sich, langsamer als ich, unnatürlich abgehackt. Es hebt die Hand, während meine Arme schwer und reglos an meinen Seiten hängen. Die Figur vor mir streckt meinen — oder eher ihren Arm aus — so, als würde sie die Glasfläche berühren.

Die Anatomie verzieht sich vor meinen Augen, die Finger werden länger und dünner, fast schon so dünn wie verkohlte Äste. Das Gesicht zieht sich in die Länge und wird unfassbar grotesk. Die Augen verschmelzen mit der neuen Kontur des Schädels und nehmen Formen an, die ich nicht beschreiben kann.

Das Lächeln bleibt allerdings gleich, nur dass es immer breiter und weiter wird, bis es den Kopf wie eine horizontale Linie zerreißt. Ich sehe, wie die Wangen wie Risse aufplatzen und sich eine schier unendliche Anzahl von Zahnreihen bildet. Dahinter ist nur ein pures Schwarz zu sehen.
Die Figur drückt nun mit ihrer Hand scheinbar gegen die Spiegeloberfläche und ein dumpfes Splittern hallt im Raum, als die glatte Glasfläche in tausend Splitter aufbricht, ohne zu zerfallen. Aus den Rissen quillt eine Dunkelheit hervor, schwer und ölig, von dem gleichen Geruch begleitet, der diesen Raum plagte. Nur, dass er noch viel intensiver und unausstehlicher ist als zuvor. Er legt sich sofort in meinen Hals und brennt in meinen Augen wie verbrannter Staub.

Die Haut des Spiegelbilds verrußt komplett zu einem schwarzem, puren Nichts. Und ohne, dass ich mich irgendwie dagegen wehren kann, tritt die Hand des Schattens heraus. Eine gewisse Dunkelheit füllt den Raum und ich sehe nur den Spiegel und das breite, teuflische Grinsen vor mir. Die Dunkelheit presst ihre missgeformte Hand gegen meine Brust, so stark, dass sich die Luft aus meinen Lungen drängt. Ich ringe vergeblich nach Luft und Atem, doch eine unerträgliche Kälte schneidet mir in die Bronchien.
Etwas Kaltes berührt meinen Arm und ich will schreien. Doch ich habe keinen Mund.
Es fühlt sich so an, als wäre Haut über meinen Mund gewachsen, hätte meine Lippen versiegelt, sodass ich nicht mehr zu sprechen, oder gar zu schreien, wage. Die Schwärze kriecht langsam, folternd hoch, tastet meinen Körper entlang mit ihren krummen Fingern. Jeder Zentimeter Haut fühlt sich an, als würde er von unzähligen Nadeln aufgerissen. Ich spüre, wie sich winzige Fasern in meine Haut bohren, ziehen und zu reißen beginnen.

Meine Muskeln spannen sich, als würde etwas unter der Haut an ihnen zerren. Schicht für Schicht wird von mir genommen. Haut, Sehnen, Muskeln, Knochen, Wärme … Ich sehe Fetzen von mir im Schatten verschwinden, sie werden eingesogen und verlaufen in der Dunkelheit wie Wasser im Sand. Und dann sehe ich es langsam formen. Fetzen, die es von mir reißt, bilden sich an ihr neu. Es trägt sie … Es trägt mich! Meine Finger zittern, doch das Zittern ist nicht mehr mein eigenes.

Die Schmerzen werden zu einer Sinfonie und überkommen mich. Jeder Nerv ist ein Instrument für die Dunkelheit, die mich zerreißt. Jeder Nerv erklingt schrill und brennend während mich weiterhin ein unsagbar unwirkliches und angsteinflößend breites Lächeln ansieht. Fast schon zufrieden. Die Dunkelheit lacht, ohne Stimme, aber ich nehme es als Vibration wahr, die in meinen Knochen widerhallt. Mein Körper, nein, ich schreie nach Erlösung, doch sie kommt nicht. Mehr und mehr Fetzen von mir gehören nun der Dunkelheit und ich erkenne mich selbst hinter einen dichten Nebel von Schatten wieder.

Dann reißt es mich in sich. Ein Ruck, als würde ich auseinandergerissen, gefaltet, gequetscht und zersägt werden. Ich werde in den zerbrochenen Spiegel gezogen. Die zersplitterte Glasfläche wird flüssig, wie dickflüssiges Öl und so kalt wie Eis. Die Schmerzen werden immer intensiver und die Haut über meinem Mund reißt und ich schreie während das Geräusch tausend gleichzeitig zerberstender Spiegel mich quälen — und dann ist es still.


Mit einem Gefühl, als würde ich auf den Boden aufprallen wache ich auf. Ich spüre den Teppichboden unter meinen Händen und bin erleichtert über das kratzige und raue Gefühl, auch wenn es diesmal klebrig ist … Ich atme schwer durch und mein Kopf hämmert so stark, als wäre ich betrunken. Verdammte Albträume, hoffentlich habe ich nicht meinen Termin verpasst! Ich sehe auf mein Handy und das Display zeigt mir an, dass es noch mitten in der Nacht ist. Gute vier Stunden habe ich, bis ich los muss. Mehr als genug …

Ich blinzle, reibe mir die müden Augen, doch eine gewisse Übelkeit bleibt. Der Gestank von eben ist Gott sei Dank verschwunden und ich kann mich auch kaum mehr an den Traum erinnern, es verschwimmt alles so unfassbar schnell. Das Einzige, woran ich mich erinnern kann, ist ein Spiegel.
Taumelnd richte ich mich auf, meine Finger sind feucht vom Teppich, als hätte ich geschwitzt. Mit zittrigen Beinen erhebe ich mich und blicke durch den Raum und da ist er. Der Spiegel aus meinem Traum!

Ich gehe näher und kann es kaum glauben, dass ich ihn hier sehe. Und da spiegelt sich auch schon mein Gesicht im Glas. Lächelnd. Ein Lächeln, dass ich dieses Mal auch spüre. Erleichtert will ich wegsehen, doch ich kann nicht … Und dann passierte es langsam. Das Grinsen wird breiter, bis sich die Haut um die Mundwinkel spannt. Gleichzeitig ziehen sich meine eigenen Muskeln zusammen. Ich will widerstehen, doch mein Gesicht zwingt mich, ebenso breit zu grinsen. Meine Zähne knirschen, mein Kiefer brennt.

Das Spiegelbild hebt die Hand, winkt mir zu, wie eine alte Bekannte, die sich verabschiedet. Dann dreht es sich um, Schritt für Schritt, und geht hinaus – hinaus aus dem Zimmer, hinaus aus meiner Welt. Ich bleibe zurück, unbeweglich, eingezwängt in dieses grausame Grinsen.
Langsam sickert Dunkelheit durch die Ränder meines Sichtfeldes. Sie füllt den Raum, umschließt mich, erdrückt mich. Erst jetzt begreife ich es. Ich bin nicht frei, zumindest nicht mehr. Ich bin im Spiegel. Ich bin das Bild, das zurückbleibt, während der andere hinausgeht.

Es war kein Traum, nein, es ist nie ein Traum gewesen. Ich bin in Gefangenschaft. Gefangen hinter Glas. Gezwungen dazu ein Lächeln zu tragen, welches nicht mir gehört.

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