"Weißt du, Ronnie, wir sollten uns irgendwann mal einen richtigen Weihnachtsbaum besorgen", kommentierte Catlin, während sie ihrem Ehemann dabei zusah, wie er das letzte rote Lametta über ihren festlichen – dennoch unechten – Immergrün hing. "Vor allem der Geruch, Gott, das ganze Erlebnis von alledem!"
"Ihn jedes Jahr wegwerfen und einen neuen kaufen zu müssen, hört sich für mich nicht nach einem tollen Erlebnis an", erwiderte er und drehte sich, nur um ihr enttäuschtes Stirnrunzeln zu sehen. "Komm schon, du kannst mir nicht erzählen, dass es nicht viel praktischer ist!"
"Ich weiß." Catlin verschränkte ihre Arme und lehnt sich weiter in ihre bequeme Ledercouch hinein. "Aber … Ich weiß nicht. Es geht nicht um Bequemlichkeit, sondern um das Feeling."
"Nun, ich fühle mich ziemlich wohlig. Und was ist mit der Catlin passiert, die immer sagen würde 'Familie ist wichtiger als alles andere?'" Ronnie dachte eine Sekunde nach, bevor er keuchte. "Was, wenn du mich einfach nicht mehr lieb hast!? Das erklärt alles!"
Die beiden machten für einen Moment Augenkontakt, bevor sie in Gelächter ausbrachen. Catlin konnte fast nicht darauf reagieren, als Ronnie auf die Couch sprang und sie umarmte. "Heyyy, lass mich los!", rief sie verspielt und strich ihr Haar aus den Augen. "Ich kann meine Lieblingsdekoration nicht sehen."
Robbie ließ von ihr ab und nahm neben ihr Platz. "Und welche Dekoration ist das?"
Na ja, das ist …" Catlin frohr ein, darüber nachdenkend, was sie sagen wollte, bevor sie es sagte, was eigentlich nie passierte. "Weißt du, ich wollte 'dich' sagen, aber …"
"Du magst mich wirklich nur wegen meines Aussehens?" Ronnie fiel mit vorgetäuschter Traurigkeit zurück auf die Couch und legte seinen Handrücken gegen seine Stirn. "Was für eine grausame Frau du doch bist!"
"Halt den Mund!" Catlin kicherte. "Du weißt, dass ich deine Trotteligkeit auch liebe."
Ronnie lächelte und richtete sich auf und griff Catlin an der Taille, bevor er sie zu sich herunterzog und sie auf seinem Körper landete. Sie starrten sich gegenseitig für einen Moment in die Augen. "Ich bin nicht der einzige Trottel in diesem Raum."
"Hast mich erwischt."
Lachend küsste Ronnie sie auf die Wange. "Mwah", sagte er und zog sich zurück.
"Mwah", antwortete Catlin und passte ihre Position an. "Weißt du, das ist ziemlich gemütlich. Du bist ziemlich warm."
"Vermutlich, weil ich so rot werde, eh?"
"In dem Fall kann es gut sein, dass das allein mein Verdienst ist.
Die beiden Larsons kuschelten sich dichter aneinander und drifteten langsam in die Umklammerung eines warmen, weihnachtlichen Sloth's Pit Winterschlummers.
Aufzuwachen fühle sich für Ronnie schon immer merkwürdig an und dieser Tag war keine Ausnahme.
Zuerst kam sein Tastsinn zurück, als er Catlins warmen, auf ihm liegenden Körper und ihren flachen Atem an seinem Hals spürte.
Danach Geschmack. Allerdings gab es da nichts Besonderes.
Als sein Gehör jedoch langsam wiederkam, konnte er Schluchzen hören, wobei all seine Sinne urplötzlich wieder zu ihm kamen. Er öffnete seine Augen, um ihren über die Couch gebeugten Weihnachtsbaum zu sehen, der Plakstikkiefernnadeln weinte.
Wie jeder es tun würde, wenn sein Weihnachtsbaum auf einmal ein Bewusstsein erlangen würde, schrie Ronnie vor Angst, bis Catlin plötzlich aufwachte, welche ihm eine Ohrfeige verpasste, bevor sie den Baum bemerkte. Sie fing ebenfalls an zu kreischen und Ronnie hatte das Verlangen, sie aus Vergeltung zurückzuohrfeigen, obwohl eine schmerzende Wange seine kleinste Sorge war.
Nach ein paar Sekunden konnten die beiden Larsons sich beruhigen, wonach ihr Baum sprach. "Mögt ihr mich nicht?", stammelte er.
"N-Nein!", platzte es aus Catlin. "Wir, ähm, lieben Bäume!"
"Aber ich bin kein Baum! Ich bin Plastik! Ich bin eine Fälschung! Ein Betrug!"
Catlin öffnete ihren Mund, um weiterzureden, Ronnie aber verdeckte diesen. "Du bist … ähm, perfekt. Und du bist genauso ein Weihnachtsbaum wie all die anderen Bäume."
"Aber …" Der Plastikimmergrün zeigte rüber zu Catlin. "Sie sagte,/echte// Bäume würden gut riechen"
Als sie endlich von Ronnies Hand los war, platzte es aus Catlin heraus: "Aber wir müssen echte Bäume wegwerfen, also bist du ganz klar besser!"
Er starrte sie für einen Moment an und tappte dann rüber zu ihrer Terrassentür, schob sie auf, trat hinaus und schloss sie wortlos. Die Larsons schauten dabei zu, wie er auf einmal in den tiefen Schnee fiel.
"Vielleicht hätten wir uns doch einen echten Weihnachtsbaum anschaffen sollen."
"Wir könnten, ähm, die Plastikleute rufen? Die werden wissen, was zu tun ist. Richtig?"
Ronnie rollte mit den Augen. "Wahrscheinlich. Aber … der Schneesturm? Niemals würden sie es so hierherschaffen."
"Na ja …" Catlins Kopf hämmerte, während sie nach einer Lösung für die Situation suchte. "Wir könnten einfach warten. Wir müssen uns ja nicht jetzt sofort damit auseinandersetzen."
"Und unseren Baum unter dem ganzen Schnee vergraben lassen? Du weißt, wie sehr ich Schaufeln hasse.
"Verfickte … Willst du nicht einfach rausgehen und ihn aufmuntern oder so?
"… Joah."
"Ich meine …" Seufzend schaut Catlin zum Baum nach draußen, wo sie einen Strom Kiefernnadeltränen, die vom gewaltigen Blizzardwind umhergeblasen wurden, sehen konnte. "Ich glaube, es könnte funktionieren. Wir brauchen aber was Gutes …"
Ronnie grinste. "Ich denke, ich habe eine Idee."
Nachdem er seinen schweren Wintermantel, seine Skimaske, Handschuhe, Stiefel und Schneehose und Gott weiß was noch übergeworfen hatte, schleppte sich Ronnie nach draußen und realizierte sofort, weshalb er darüber nachgedacht hat, irgendwo an die Südküste zu ziehen. "Hey, Baum! Du, ähm, geht's dir gut?", rief er. "Willst du wieder reinkommen?"
"Nö."
"Wieso nicht?"
"Ihr habt es selbst gesagt, ich bin nicht echt."
"Du bist … Du bist genau so echt wie ich, Kumpel."
Der Baum hob einen Ast und zeigte hinüber auf den immergrünen Wald, der das Haus der Larsons umgab. "Die sind echt, ich nicht."
"Also willst du so sein wie die, huh?"
"Ja. Das will ich. Ich möchte einfach wissen wie es sich anfühlt zu … zu leben."
Ronnie kam hinüber zum Plastikbaum, hob ihn auf und marschierte zum Wald.
"W- was tust du da?", stotterte er und zappelte in seinen Händen.
"Du wirst erfahren wie es sich anfühlt zu leben", sagte er und schaufelte den Schnee weg bevor er den Baum in den gefrorenen Boden stieß."
"Ich …"
"Magst du es?", fragte Ronnie und riss all das Lametta und den Weihnachtsschmuck von ihm. "So fühlt es sich an, ein Baum zu sein."
"Einfach. I… Ich genieße das." Eine einzelne Kiefernnadel fällt zu Boden. "Ich liebe es."
Gut. Also… Willst du wieder reinkommen, jetzt, wo du erfahren hast, wie es ist, ein Baum zu sein?
Er antwortete nicht.
"Ähm … Hallo?"
Plötzlich begann Holz aus dem schneebedeckten Boden zu schießen und schloss den Plastikbaum in eine Hülle aus Baumrinde ein. "Das ist mein neues Zuhause", sagte er. "Ich bin endlich hier. Ich kann echt sein …"
"Aber, ähm, wir brauchen schon einen Baum, das ist ein ziemlich wichtiger Teil unserer K…"
"Ich werde dir ein Geschenk geben!", rief er und ließ einen neu gewachsenen Zweig auf Ronnies Kopf fallen. "Das ist meine Gabe, dafür, dass du es mir ermöglicht hast, wirklich zu leben."
Dann knarzte der Baum, wurde im starken Wind gerüttelt und alles war vorbei.
Ronnie sah auf den Zweig am Boden nieder und rieb sich den Kopf. Das lief nicht nach Plan, aber … na ja, in Sloth's Pit tut es das eh nie, eh?

Catlin nahm einen Schluck von ihrer heißen Schokolade und seufzte selig. "Weißt du … ich mag das irgendwie."
"Was? Das Weihnachts-Ding, das so aussieht wie Charlie Brown?", kicherte Ronnie und zeigte auf den Ast, der ihm geschenkt worden war. Catlin hatte ihn mit einer einzelnen roten Weihnachtsbaumkugel dekoriert, also so viel, wie er halten konnte, ohne in sich zusammenzustürzen. "Er ist winzig."
"Er ist bezaubernd. Und er wird nicht zum Leben erwachen. Er ist echt, genau das, was der Baum wollte."
"Nun, wenn es dich glücklich macht …" Ronnie legte einen Arm um ihre Schulter. "Dann bin ich das auch."
"Hey, Ronnie?"
"Ja?"
Catlin küsste ihn auf die Lippen. "Mwah."
Er grinste. "Mwah."
"Mwah?"
Die Larsons froren ein und drehten ihre Köpfe langsam hinüber zu dem kleinen Zweig, der mit seinem Körper fröhlich in ihre Richtung winkte.
Robbie stieß ein Stöhnen der Niederlage aus. Vielleicht würden sie nächstes Jahr auf den gesamten Feiertag verzichten …
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