Seltsame Dinge geschehen an ruhigen Tagen; Im namenlosen Wald
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Prolog || Im namenlosen Wald


Alice legte eine Pause ein. Sie war sicher zehn Minuten einem schwach ausgetretenen Fußweg gefolgt. Das einzige Geräusch, dass sie begleitete war das Knacken der Zweige, auf die sie trat und das Rascheln des Laubes.

Sie lehnte sich an einen Baum und blickte zur ausladenden, dunkelgrünen Krone hinauf. Die Bewegungen der knorrigen Arme des mächtigen Laubbaumes hatten etwas beruhigendes. Die Agentin wippte unbewusst mit.

Alice stutzte.

Der Baum wirkte zu symmetrisch. Die Äste zu gleichmäßig verteilt. Sie strich über die Borke. Die Rinde war rau und wie aus verschachtelten Kacheln zusammengesetzt. Es stimmte, tatsächlich war die Oberfläche wie aus ineinander verschränkten Polygonen aufgebaut.

Sie zählte die Äste. Zehn Stück.

Die Krone wirkte ein wenig wie ein Sechseck.

In den Moment, in dem sie realisierte, was vor sich ging, fing der Baum an, sich zu bewegen. Lautstark knarzend versuchte er, mit den Ästen nach der Agentin zu greifen und ihr so den Weg abzuschneiden. Doch Alice hatte bereits gut fünf Meter zwischen sich und die peitschende Weide gebracht.

„Ich weiß langsam, was hier gespielt wird! Das hier soll mich ablenken“, spottete Alice, „Leider ist dir ein Fehler unterlaufen.“

Sie machte sich nicht die Mühe, auf den Baum zu schießen. Dieser hatte aufgehört sich ihr zu nähern und begann, sich zu verformen. Das unnatürliche Gewächs riss mit brachialer Gewalt seine Wurzeln aus dem Boden und die gerade noch feinen Äste wurden wulstig und klobig. In etwa zwei Meter Höhe brach die Rinde auf und stülpte einen Teil des Inneren heraus. Von Harz verschmiert hatte sich der Wulst innerhalb von Augenblicken zu einem sehr zornig dreinblickenden Frauengesicht gewandelt.

Alice war von den Entwicklungen überrumpelt und starrte mit weit aufgerissenen Augen in das hölzerne Antlitz.

Die Dryade riss ihren Mund knackend auf und eine gespenstische Stimme kam aus den Tiefen des Holzes. Sie fing an zu singen. Die Töne glichen dem Pfeifen des Windes und dem Rauschen der Blätter.
Alice hielt sich die Ohren zu und rannte gleichsam zwischen die Laute, weg von dem Baumgeist. Und dieser folgte ihr kreischend.

Alice hielt schwer atmend an. Das Baumwesen konnte sie nach einigen Metern abhängen. Die Agentin war flinker zwischen den Stämmen, wohingegen ihre Verfolgerin gezwungen war, sich gewalttätig durchbrechend Platz zu schaffen. Alice hätte um eine Haar ihre Dienstwaffe verloren, als sie über Stock und Stein rannte, in dem Versuch, nur nicht zu stolpern.

„Hey. Psst.“

Alice erschrak bei dem unterdrücken Rufen. Der Lauf der Pistole richtete sich auf Dr. Angelika Lichtenfeldt. Die Nachwuchsforscherin hob abwehrend ihren Arm über den Kopf. „Nicht schießen“, kiekste sie.
Die Agentin folgte der Bitte und duckte sich neben die junge Frau, als diese Gesten machte, zu ihr in die Kuhle zu kommen, in der sie sich versteckt hielt. Sie kauerten sich hinter einen umgestürzten Stamm, der quer darüber zum Liegen gekommen war.
„Was ist hier los?“
„Also das war so: Ich war im Büro von Steph… von Dr. Faust, um etwas zu holen. Nichts besonderes, wissen Sie. Ich habe nicht geschnüffelt oder so, Sie verstehen. Dann möchte ich raus und lande hier. Ich bin natürlich erschrocken, ganz durch den Wind —“
„Bitte komm' auf den Punkt …“
Dr. Lichtenfeldt schmollte etwas, gehorchte aber. „Seit ich hier bin, verfolgte mich so eine Monster-Chimäre.“ Die beiden Frauen zuckten zusammen, da Dr. Lichtenfeldt ungewollt lauter gesprochen hatte, als gut für sie beide war.
Alice lauschte instinktiv, aus irgendeinem Grund rauschten die Blätter lauter im Wind als zuvor.
Sie hielt inne. Irgendetwas fehlt, etwas sehr Wichtiges.
„Was ist, Frau Peterson?, wisperte die Forscherin.
„Wie hast du mich genannt?“, raunte Alice.
Frau Peterson, Alice Peterson?“, antwortete Lichtenfeldt beunruhigt.
Alice konnte sie nicht verstehen, oder die Information nicht greifen. Sie erschrak noch mehr, als sie begriff, dass sie ihren eigenen Namen vergessen hatte. Was war das nur für ein Ort? Ihr Blick ruckte zu dem Aufnäher auf ihrer Brust. Es befanden sich keine Buchstaben mehr darauf.

„Hör zu, nimm ein paar Äste und leg meine Initialen auf den Boden. Keine Fragen stellen.“
Eine Angelika Lichtenfeldt, die wirkte, als sei ihr in Angst und Ratlosigkeit jede Art der ablenkenden Tätigkeit willkommen, tat es. Die Agentin erkannte keinen Sinn in den Mustern, die sich ergaben.

„Egal. Zuhören. Wir müssen hier weg. Versuchen, irgendwie Kontakt zum Standort zu bekommen. Dazu müssen wir uns orientieren und vor allen Dingen den Kreaturen ausweichen, die es hier gibt. Bei dir war es eine Chimäre, sagtest du? Wo hast du sie zuletzt gesehen?“, wollte Alice wissen.

Das Getöse der Dryade, die sich singend Bahn durch das Gehölz brach, war näher gekommen. Angelikas Lippen zitterten, als sie unbestimmt hinter sich wies. Sie hatte keine echte Felderfahrung, soviel war klar.

Ein anderes Geräusch drang zu ihnen herüber, etwa aus der Richtung, welche die Forscherin angezeigt hatte. Deren Augen weiteten sich noch ein wenig mehr.
„Das ist die Chi… der Drache!“
Alice hörte genauer hin.
„DOR-DOR!“, schrie jemand mit einer Stimme wie eine Bowlingkugel, die in einem Stahlfass herumgeschüttelt wurde. „OHHH, DOR-DOR?“

Doktor… das Ding ruft mich“, flüsterte die junge Frau am Rande der Hysterie.
Alice erhob sich, schnappte ihren Arm und zog sie hoch.

Sie hatten den Rand der Senke erreicht, als der Drache, die Chimäre, oder was immer es war sie entdeckte. An der Dryade hatte Alice noch einige, wennschon absurde, so doch nachvollziehbare Merkmale erkennen können. Das Wesen, das sich nun nicht ohne Mühe zwischen den Bäumen hindurchquetschte, war nur noch grotesk. Ein vier Meter hoher, birnenförmiger Körper mit einem Paar Beine, deren Schenkel äußerst muskulös waren und irgendwie an der Seite angewachsen schienen. Dazwischen schleifte der hängende Bauch beinahe über den Waldboden. Die Arme waren lang und im Vergleich dazu beinahe dürr zu nennen und mündeten, ebenso wie die stampfenden Füße, in gelblichen, dreifingrigen Krallen. Auf dem Rumpf saß ein etwa drei Meter langer, wie ein umgekehrtes „U“ gebogener Hals, an dessen Ende ein bizarrer Schädel saß, der vor der Brust hin und herpendelte. Umrahmt von einer ausgefransten Prinz-Eisenherz-Frisur ein für eine Echse zu flaches Gesicht mit rollenden, glotzenden Augen und riesigen dolchartigen Zähnen. Nüstern wie Pupillen waren senkrecht geschlitzt, die Haare wirkten auf Alice wie Dreadlocks aus Armierungsstäben. Die Haut der Kreatur war schuppig, aber sah aus, als bestünde sie aus Betonschindeln. Dazu kamen ein Paar grauer, ledriger Flügel, die viel zu winzig für den Körper waren und ein balancierender, konisch auslaufender Schwanz.
Allerdings war das Unwahrscheinlichste an dem Monster seine Kleidung. Es trug eine Weste, die aus einem abgeschnittenen, monströsen weißen Kittel bestand. In der Hemdtasche steckte ein unterarmlanger Kugelschreiber. Bei jeder Bewegung wurden die Knöpfe bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit gebracht, drohten abzuplatzen. Mit Grauen erkannte Alice das Symbol der Foundation auf den Schultern des Drachen.

„AHHHH, DOR-DOR!“, grollte er eindeutig zufrieden und verdoppelte seine Anstrengungen, die beiden Frauen zu erreichen. Die Arme streckten sich ihnen entgegen, die Krallen schnitten durch die Luft.
„Da lang!“, kommandierte Alice und schleifte die entsetzte Forscherin mit sich.
„Es springt über die Senke, gleich hat es uns“, hörte die Agentin sie rufen.
„Blick nach vorn! Schau, wo du hinläufst!“, schrie sie zurück.

Gezwitscher von Riesenvögeln zusammen mit dem splitternden Krachen berstenden Holzes schnitten ihre letzten Worte beinahe völlig ab, als die Dryade die winzige Lichtung erreichte. Das Unvermeidliche geschah, Lichtenfeldt verlor endgültig die Nerven und stürzte. Alice musste anhalten. Sie sah sich gezwungen zu entscheiden, ob sie allein weiterflüchten sollte oder nicht. Sie konnte es nicht. Beinahe gleichzeitig kamen die beiden Wesen in ihre Reichweite. Von vorne erreichte sie das Brausen des Windes, im Rücken donnerte es triumphierend:
„DOR-DOR!“
Die Rankenäste der Dryade schnellten vor.

Alice erwartete das Ende, gefasst, wie sie es sich immer vorgenommen hatte. Sie dachte an Stephan, der ungeschickte Kerl musste wohl von nun an allein klarkommen. Doch weder die peitschenden Arme des Baumwesens, noch Zähne oder Krallen, die durch die Luft schnitten erreichten sie.

„DOR!“ Es klang zornig aber auch gepresst und irgendwie hervorgewürgt. Die Agentin sah auf. Die Arme der Dryade hatten den Hals der Chimäre an mehreren Stellen gepackt und sie aus der Luft zur Seite gerissen. Offenbar drückten die Ranken unbarmherzig zu, während sich der Gewürgte vom Boden aufrappelte. Seine Klauen hackten wütend nach den Fesseln, fetzten geometrisch angeordnete Rindensegmente weg. Samtpurpurner Saft trat hervor. Weitere Äste wickelten sich um die Arme des Drachen und hielten sie fest, so dass dieser sich auf einen Frontalangriff verlegte. Er stürmte vor und rammte, sein ganzes Gewicht einsetzend, den Baum. Die Dryade wankte und stieß ein flatterndes Geheul aus.

„Das ist die Gelegenheit, weg hier!“
Aber Lichtenfeldt rührte sich nicht, sondern sagte, in dem Kampfeslärm der Kreaturen kaum vernehmlich: „Da, sein Name, da, auf der Weste…“
Alice sah hin. Die Skurrilität wurde noch einmal auf eine neue Ebene gehoben. Auf dem Kleidungsstück der Kreatur war deutlich, wenn auch teilweise verdeckt von dem monströsen Kugelschreiber, der als Speer für einen Menschen hätte durchgehen können, deutlich zu lesen: DR. PROF. JABBERWOCKY.

Der Drache hatte die Arme freibekommen, krallte nach dem Schlund seines Gegners und nach den angedeuteten Augenhöhlen. Er keuchte, röchelte wie eine Dampfmaschine, eine schwarze Zunge hing ihm aus dem Maul. Einer der freien Hauptäste bohrte sich auf der Höhe des Herzens direkt in seine Brust, durchstieß den Stoff der Weste. Jabberwocky erstarrte einen Moment, um kurz darauf im Todeskampf das knotige Gesicht der Dryade wie eine Furie zu bearbeiten, so wild, dass die Krallen zu Schemen wurden. Der lebende Baum riss etwas aus seiner Brust und schleuderte es davon. Beide Kreaturen starben im gleichen Augenblick. Der Baum wankte und stürzte krachend hintenüber in das Gehölz. Jabberwocky drehte den Kopf und blickte zu den Frauen hinüber. Die Ranken um seinem Hals lockerten sich, während sein Blick erlosch, vergeudete er seinen finalen Atemzug für ein allerletztes: „DORRRRrrrrr…“ Dann brach er leblos zusammen.

Alice betrachtete ungläubig den Gegenstand, der sich in der Brust des Drachen befunden hatte. Ein feines, metallisches Ping-Ping war zu hören, das von Hasenkrallen herrührte. Im Inneren eines Käfigs aus Stahlstangen stand aufrecht ein recht großes Angorakaninchen und erwiderte ihren Blick aus rötlichen, intelligenten Augen. Es klopfte auffordernd an das Gitter.
„Das… das ist wie Alice im Wunderland“, stellte die Jungforscherin fest.
Alice fuhr herum.
„Wie war das?“
Alice im Wunderland. Lewis Carrol. Das Kaninchen. Und dann gibt es das Gedicht. Jabberwocky.“
Die Agentin frohlockte. Alice. Alice! Alice! Das war auch ihr Name, sie erinnerte sich wieder. Wenigstens etwas. Begeistert wiederholte sie ihren Namen, jedesmal in einer anderen Tonlage, bis ihre Begleitung sie wieder auf das Kaninchen aufmerksam machte.
„Lassen wir es raus, Frau Peterson?“ Wissenschaftliche Neugier hatte schnell wieder die Überhand über die Angst gewonnen. Alice zückte die Pistole.
„Ich erschieße dich, wenn du Unsinn machst, verstanden?“, fragte sie das Tier. Das weiße Kaninchen nickte doch tatsächlich und salutierte.

Es lief zielstrebig zum Kadaver des Jabberwocky und kletterte an ihm empor. Gleichzeitig begannen sich die Wurzeln der Dryade wieder zu regen, zu wachsen und erst langsam, dann immer schneller über den Waldboden zu kriechen. Alice und Angelika wichen ihnen aus, aber die Pflanzen kümmerten sich ohnehin nicht um die beiden, sondern folgten der Schneise, die der belebte Baum geschlagen hatte.

Das Kaninchen hatte in der Zwischenzeit gefunden, was es gesucht hatte: Es hatte im Maul des gefallenen Unholds mit den Pfoten herumgefischt und hielt nun, wie hätte es auch anders sein können, eine goldene Taschenuhr hoch, deren Kette sich wohl um einen der Zähne gelegt gehabt hatte.

Dann hüpfte es beherzt auf den sich wegbewegenden Fluss aus Wurzelwerk um sich bequem davontragen zu lassen. Als es die Frauen passierte, winkte es aufmunternd.

„Wir folgen doch nicht ernsthaft dem berühmten weißen Kaninchen, nicht wahr?“
„Eine Richtung ist erst einmal so gut wie die andere. Es könnte sein, dass… Wir sollten uns das ansehen. Hinter mir bleiben, verstanden?“, kommandierte Alice.

Die Wurzeln verschwanden in dem Loch, in dem die Dryade anfangs gestanden hatte. Dicht daneben stand aufrecht das Kaninchen und hüpfte aufgeregt von einem Bein auf das andere. Es grüßte ein letztes Mal und sprang, offensichtlich glücklich, hinein.

„Das ist Wahnsinn! Total verrückt! Wie kommt Alice in dem Buch nochmal wieder nach Hause?“, fragte Lichtenfeldt und grinste irgendwie verzerrt.
„Das ist nicht Alice im Wunderland. Das ist etwas anderes.“
Die übrigen Bäume begannen sich zu verändern, Rinde verschob und begradigte sich, Äste ordneten sich symmetrisch. Eine unwillkürliche Bewegung auf die Agentin und die Forscherin begann.

„Carneliana“, zischte Alice durch die Zähne hindurch.
„Wie bitte?“
„Ich sagte: Wie gut kannst du klettern?“


Im namenlosen Wald || Am Grund des Meers

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