Sicherheitsmaßnahmen
Lucy lebt in einem großen Haus in der Maple-Straße. Es ist Nummer Vierzehn (14). Es hat rote Ziegelsteinwände und ein braunes Ziegeldach und einen großen Schornstein. Der Schornstein funktioniert nicht, weil er unten blockiert wurde, aber Lucy zeichnet ihn trotzdem gerne so, dass Rauch rauskommt, wie eine hausförmige Dampflock.
Lucys Haus
Lucys Haus hat elf (11) Zimmer, die auf zwei (2) Stockwerke verteilt sind. Es gibt: Lucys Schlafzimmer, wo Lucy schläft und zeichnet und liest und manchmal Dinge macht; Papas Schlafzimmer; das Zimmer, das das große extra Zimmer war und dann Mamas Schlafzimmer wurde und dann wieder das große extra Zimmer; das kleine extra Zimmer, wo Dinge reingestellt werden, die nirgendwo sonst hinpassen; das Badezimmer oben; das Badezimmer unten, das immer noch Badezimmer genannt wird, obwohl es nur eine Toilette und keine Badewanne hat; die Küche, wo Papa und Lucy essen; das Speisezimmer, wo Papa und Mama und Lucy früher an besonderen Tagen gegessen haben, wie Weihnachten oder Lucys Geburtstag; das Wohnzimmer, wo der Fernseher ist; der Abstellraum, wo die Waschmaschine und der Trockner und die anderen Maschinen sind; das Kellerzimmer, wo Papa jetzt arbeitet.
Lucy darf nicht mehr in das Kellerzimmer gehen, weil es Papa ablenkt und es ist wichtig, dass Papa nicht abgelenkt ist. Lucy darf nicht mehr in das große extra Zimmer, weil es ihr schlechte Erinnerungen geben wird und sie aufregt.
Lucy darf unter keinen Umständen das Haus verlassen. Lucy ist jederzeit im Haus zu bleiben. Lucy hat das Haus nicht zu verlassen.
Lucy soll nie eine Tür oder ein Fenster öffnen. Lucy soll nicht länger als absolut nötig nach draußen schauen. Lucy soll nicht mit Fremden sprechen.
Lucy soll Papa immer gut zuhören und tun, was er sagt. Lucy soll immer so schnell wie möglich alle Anweisungen befolgen, die sie bekommt. Lucy soll die Regeln befolgen, selbst wenn sie sie nicht immer versteht. Lucy muss verstehen, dass sie existieren, um sie zu beschützen.
Lucy muss Papa vertrauen.
Lucy soll immer versuchen, höflich und artig zu sein. Lucy soll rücksichtsvoll gegenüber anderen sein. Lucy soll respektvoll sein.
Lucy muss ihr Essen aufgegessen haben, bevor sie Nachtisch haben darf. Lucy muss all ihre Hausaufgaben für den Tag gemacht haben, bevor sie fernsehen darf. Lucy muss die Vergangenheit vergessen, bevor sie mit der Gegenwart zufrieden sein kann.
Für ihre Sicherheit und Bequemlichkeit wird Lucy neun (9) Jahre alt bleiben.
Beschreibung
Lucy hat langes Haar, das die Farbe braun hat.
Lucy, 9-einhalb Jahre alt
Lucy hat nette Augen, die die Farbe braun und grün haselnussbraun haben.
Lucy ist ein Meter und achtundzwanzigeinhalb Zentimeter groß.
Drei positive Dinge, die Lucy über sich selbst denkt, sind: sie kann gut Menschen helfen, sie ist artig in der Klasse, sie kann echt schnell rennen.
In ihrer Freizeit mag Lucy es: schwimmen zu gehen, Dinge zu zeichnen, Fernsehen zu schauen, mit Freunden zu reden, in den Park zu gehen.
Einige von Lucys Lieblingsdingen sind: Eiscreme, fluffige Sachen, Stifte, ihre Freunde, Mama
Einige Dinge, die Lucy nicht mag, sind: Menschen, die lügen, Menschen, die in der Klasse zu viel Lärm machen, wegen Schreien nicht schlafen zu können, Herr Knöpfe.
Lucy ist stolz auf ihre Arbeit in: Kunst, Musik, Mathe, Persönliche Entwicklung
Lucy würde gerne ihre Arbeit verbessern in: Wissenschaft, Englisch, Geschichte.
Lucy findet es einfacher zu arbeiten, wenn: Menschen leise sind, wenn der Lehrer Dinge einfach erklärt.
Lucy findet es schwieriger zu arbeiten, wenn: sie nicht bei ihren Freunden sitzen darf, wenn sie zu weit weg ist von der Tafel, wenn sie zwischen Häusern reist und keine Zeit hat, ihre Hausaufgaben zu machen.
In der Zukunft würde Lucy gerne: auf Tiere aufpassen oder Kunst machen.
Lucy hat bisher in diesem Jahr 39 Goldsterne verdient.
Lucy lebt mit Mama und Papa.
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Lucys Papa ist ein Wissenschaftler, was sehr beeindruckend ist. Nicht die Art Wissenschaftler, der zum Elterntag kommen und über seine Arbeit reden kann, aber eine extra besondere, extra geheime Art Wissenschaftler. Lucys Papa arbeitet für etwas, das die Abteilung für Abstraktion heißt, die ein Teil einer sehr wichtigen Organisation ist, die Menschen auf der ganzen Welt hilft. Papa ist ein Doktor für angewandte Theorie, was ein so besonderes und wichtiges Feld ist, dass die meisten Menschen nicht einmal wissen, dass es existiert.
Papas wichtiger Job bedeutete, dass er Mama oder Lucy nicht so oft sehen konnte, wie er es wollte, und dass er manchmal, wenn er nach Hause kam, sehr müde war und Zeit für sich brauchte. Lucys Mama konnte das nicht immer verstehen, obwohl Papa nur den Job hatte, weil er Lucy und Mama so, so sehr lieb hatte.
Lucy hat sehr viel Glück, dass sie einen Papa hat, der so hart arbeitet, um ihr so ein großes Haus und so nette Sachen zu geben.
Lucy sollte sehr glücklich sein.
Anhang
Befragungsprotokoll
8607-00-00/00/0000
Befragter:
Befrager:
[ Beginn des Protokolls ]
Heute entscheidet sich Lucy, die Schuhe mit den lila Hasen zu tragen.
Die Schuhe wurden ihr gegeben, als sie acht war. Sie sind jetzt ein bisschen zu klein für ihre Füße und drücken auf ihre Zehen, aber Lucy mag Hasen.
Papa sagt, dass die Hasen eher pink sind, aber Lucy sagt, dass sie lila sind, und Mama hat ihr zugestimmt. Lucys Lieblingsfarbe ist lila.
Lucy zieht die Vorhänge auf, weil man das am Morgen macht, obwohl es keinen Sinn hat. Draußen ist immer noch Leere.
Die Welt sieht wie ein Stück Papier aus, das jemand zu einem Ball zusammengeknüllt und dann wieder versucht hat, zu glätten.
Lucy verlässt ihr Zimmer, geht die Treppe runter und geht nach links in die Küche. Papa ist schon da. Er steht beim Toaster. Der Toast ist hochgesprungen, aber er ist nicht sehr getoastet, also drückt Papa ihn wieder runter.
Auf dem Tisch steht Butter und Marmelade und Müsli und Kaffee und Apfelsaft.
Lucy: Wo ist die Milch?
Sobald sie das gesagt hat, realisiert Lucy, dass sie eine Dumme Frage gestellt hat, wie Papa das nennt. Lucy erwartet, dass ihr gesagt wird, dass sie im Kühlschrank ist und dass sie sie selbst holen soll. Aber Papa sagt erst nichts. Er ist still über den Toaster gebeugt und beobachtet, wie die Metallstäbe rot werden.
Papa: Wir haben keine Milch mehr.
Lucy: Oh.
Lucy schaut verzweifelt auf ihre Lucky Loop-Müslipackung. Die Packung wirbt damit, dass jedes Stück Müsli eine von 8607 Geschmacksrichtungen haben kann.
Lucy: Gar keine Milch?
Papa: Nein.
Lucy: Wann werden wir mehr holen?
Papa ist mit dem Toaster beschäftigt. Sein Finger schwebt über dem Knopf, der ihn ausschaltet.
Papa: Ich denke nicht, dass wir mehr holen.
Lucy starrt ihn verwirrt an.
Lucy: Keine Milch mehr?
Papa: Nein.
Lucy: Warum?
Papa: Weil die Dinge gerade kompliziert sind.
Lucy: Warum?
Papa: Weil sie es sind, Lulu.
Lucy blickt finster und kaut auf ihrer Lippe. Lucy mag es nicht, Lulu genannt zu werden. Lucys Mama hat sie nie Lulu genannt.
Lucy: Waruuuuuuum?
Papa: Genug! Es gibt keine Milch, es ist egal, warum.
Lucy: Aber ich brauche Milch.
Papa: Du brauchst keine Milch. Wir haben viele andere Sachen.
Lucy: Ich mag keine anderen Sachen!
Papa: Wir haben Toast.
Lucy: Ich hasse Toast!
Der Toaster schießt den Toast hoch. Papa hat vergessen, ihn rechtzeitig auszuschalten, und jetzt und der Toast ist verbrannt. Da ist ein hässlicher schwarzer Fleck in der Mitte von jedem Stück. Wenn der Toast so aussah, nannte Mama ihn immer "Holzkohle".
Papa macht ein Geräusch und schlägt seine Hand auf die Theke.
Papa: Verdammt. Schau mal, du kannst immer noch das Müsli essen. Keine Milch wird es nicht weniger nach Zucker und Pappe schmecken lassen.
Lucy: Es ist eklig trocken.
Papa: Nun, vielleicht können wir Wasser dazugeben.
Lucy schaut Papa an, als wäre er verrückt geworden.
Lucy: Ihhhhh.
Papa: Hey, besser als Apfelsaft, oder?
Papa versucht zu lächeln. Lucy reagiert nicht. Das Lächeln verblasst.
Papa nimmt die verbrannten Stücke Toast mit seinen Fingern aus dem Toaster und legt sie auf seinen Teller.
Lucy setzt sich an den Tisch.
Lucy: Ich möchte Mama anrufen.
Papa erstarrt.
Papa: Das kannst du nicht.
Das Telefon funktioniert nicht mehr.
Lucy: Aber -
Papa: Das kannst du nicht.
Und Mama ist weg. Papa hat das erklärt.
Lucy: Aber was, wenn ich es versuche?
Papa: Um Gottes Willen, Lucy, hör auf damit.
Draußen ist alles weg.
Lucy: Vielleicht könnte sie mehr Milch holen?
Papa schmiert Butter so gewaltsam auf den Toast, dass er in der Mitte zerbricht und schwarze knusprige Stücke über den Tisch fliegen.
Papa: Es gibt keine Scheißmilch mehr, okay? Sie ist weg! Sie ist aufgebraucht. Aber es gibt immer noch ganz viele Sachen, die wir haben, die genau so gut sind. Also lass uns aufhören, uns Sorgen über die Sachen zu machen, die wir nicht mehr haben, und anfangen, wertzuschätzen, was wir immer noch haben, in Ordnung?
Lucy bleibt ruhig. Lucy mag es nicht, Papa zu verärgern. Es gibt ihr das Gefühl, als würde sich ihr Bauch zusammenziehen. Aber Lucy findet es schwer zu verstehen, was Papa verärgert und was nicht, also ist es sicherer, überhaupt nichts zu sagen.
Lucy nickt stattdessen.
Papa: Du wirst Toast und Marmelade haben. Du magst Marmelade.
Papa steht zu schnell auf und stößt gegen die Unterseite des Tisches. Er wackelt und wirft sine Tasse um, wodurch Kaffee über das Holz läuft.
Papa: Verdammt! Schau dir - Gottverdammt.
Lucy steht nicht auf, aber sie drückt sich so weit sie kann gegen ihren Stuhl. Sie stellt sich vor, so hart zu drücken, dass sie im Holz versinkt.
Papa wischt den Tisch mit einem blauen Tuch ab und legt dann mehr Brot in den Toaster, um Lucy Toast und Marmelade zu machen.
Er macht es still, aber es ist die Art Stille, von der Lucy denkt, dass sie bedeutet, dass er immer noch verärgert ist. Er vergisst, erst die Butter draufzuschmieren, und da ist zu viel Marmelade.
Lucy hat Durst, aber fragt nicht, ob sie etwas zu Trinken haben darf.
Die beiden essen, ohne zu reden.
Schließlich ist Lucy mit dem Essen fertig und Papa stellt ihre Teller ins Waschbecken.
Papa: Nun, ich sollte etwas arbeiten. Was möchtest du machen?
Lucy wackelt mit ihren Beinen unter dem Tisch. Sie würde gerne ihre Freundin Janey besuchen. Sie würde gerne raus gehen. Sie würde gerne mit Mama reden.
Lucy: Ich möchte fernsehen.
Papa nickt.
Papa: In Ordnung, Schatz, aber du kennst die Regeln. Zuerst die Hausaufgaben.
Papa geht zum Regal in der Ecke der Küche und nimmt ein dickes grünes Buch vom Stapel der anderen dicken, bunten Bücher.
Papa: Mathe.
Es sind keine echten Hausaufgaben. Sie wurden nicht von irgendwelchen Lehrern aus Lucys Schule erstellt. Es sind Lehrbücher, die Mama und Papa gekauft haben, und für die meisten davon ist sie jetzt schon zu alt.
Papa legt das grüne Buch vor Lucy auf den Tisch und öffnet es auf einer zufälligen Seite. Es ist eine, wo Lucy denkt, dass sie sie schon gemacht hat, aber sie sagt nichts.
Papa bringt ihr ein Stück kariertes Papier und einen nicht angespitzten Stift.
Papa: Da, es ist alles bereit. Ich werde heute zufälligerweise auch ein bisschen Mathe machen, also müssen wir beide da durch. Du und ich.
Papa scheint auf eine Antwort zu warten, aber Lucy fällt nichts ein, was sie sagen könnte. Sie legt einen Finger auf den Stift und rollt ihn auf dem Tisch vor und zurück. Er macht ein klackerndes Geräusch. Klack klack klack klack klack.
Papa: Alles klar, es ist höchste Zeit, dass ich gehe. Du bleibst artig, okay? Liebe dich, Lulu.
Papa küsst Lucy auf die Stirn. Seine Stoppeln kratzen gegen ihre nackte Haut und sie dreht ihren Kopf hin und her, um davon wegzukommen.
Papa geht in den Keller, um zu arbeiten. Es ist ein gedämpftes Summen zu hören, während sich die Tür zum Kellerzimmer öffnet. Es gibt ein lautes Klicken, als ein Schloss einrastet.
Lucy nimmt den Stift und beginnt zu lesen.
[ Ende des Protokolls ]

Befragungsprotokoll
8607-00-00/00/0000
Befragter:
Befrager:
[ Beginn des Protokolls ]
Lucy findet schnell den Trick für die Matheaufgaben heraus. Die Antworten auf jede Frage sind "8" und "6" und "0" und "7", die immer wieder wiederholt werden.
Dies zu bemerken lässt Lucy sehr schlau fühlen, aber sie löst trotzdem alle Aufgaben ordnungsgemäß, nur um sicherzugehen.
Mathe macht nicht so viel Spaß wie früher, als Herr Hunt ihre Arbeit bewertet hat. Papa malt keine kleinen Haken und Kreuze auf ihre Zettel und er vergibt keine lächelnden Gesichter oder Stempel oder Goldsterne. Und Herr Hunt hat sie nicht Lulu genannt.
Über Herrn Hunt nachzudenken lässt Lucy wieder an Mama denken, und an Janey und den Park und die Schule und das Schwimmbecken und absolut alles, was sie nicht tun darf. Es wird sie unglücklich machen.
Als Lucy mit ihren nicht-wirklich-Hausaufgaben fertig ist, geht sie nicht direkt ins Wohnzimmer, um fernzusehen. Stattdessen geht sie zur großen Schiebetür aus Glas, die früher von der Küche in den Garten führte.
Das tut sie immer noch, irgendwie. Aber Lucy kann nicht mehr viel vom Garten sehen. Nur ein paar der diamantförmigen Steine, aus denen der Innenhof besteht. Und dann nichts.
Lucy starrt durch die Glasscheibe nach draußen, was sie auch nicht tun darf. Etwas könnte nach drinnen zurück starren.
Lucy ist zu jung, um zu wissen, wie Fernsehrauschen aussieht, aber wenn sie es nicht wäre, dann würde sie die Farbe draußen so beschreiben.
Die Welt hinter Lucys Haus ist mit Dunst bedeckt. Oder etwas wie Dunst. Oder Nebel. Oder sogar Schnee. Aber auch wie nichts davon.
Es ist irgendwie zähflüssiger. Glupschiger. Fettiger. Ekliger.
Es ist, als hätte jemand die ganze Welt mit Wasser gefüllt, wie ein Aquarium, und dann faule, verklumpte Milch reingeschüttet. Riesige Wolken aus weißem und grauem Schlick schweben langsam durch die Luft, zerfallen und verschmelzen wieder.
Es anzuschauen gibt ihr ein ungutes Gefühl.
Aber Lucy schaut es an, wegen des Schattens.
Er ist am Rand des Rasens, oder wo der Rand des Rasens wahrscheinlich gewesen ist. Ein Fleck aus etwas dichterer Dunkelheit, wo irgendein Objekt steht, aus dem Blickfeld verborgen, aber nicht vollständig versteckt.
Es könnte ein Busch sein, oder die Schubkarre, oder einer von Mamas großen gläsernen Blumentöpfen, in die sie ihre Lieblingsblumen oder -sträucher gepflanzt hat.
Oder es könnte ein Monster sein.
Da sind jetzt viele Monster außerhalb des Hauses, sagt Papa. Sie leben im Nebel. Sie versuchen reinzukommen. Das ist einer der Gründe, warum Lucy nicht mehr raus gehen darf.
Und Lucy hat den Schluss gefasst, dass der Schatten auf dem Rasen Herr Knöpfe ist.
Herr Knöpfe war der Kinderanimateur, der zu Lucys achter Geburtstagsfeier gekommen ist. Er hatte ein weißes Gesicht und ein großes Lächeln, das über seine Lippen gemalt war, und hellrotes Haar. Nicht rotes Haar, wie die Menschen es normalerweise haben, was für Lucy eher ein kupferfarbenes Rot ist, aber hellrotes Haar wie ein Auto oder eine Tomate oder die Höllenfeuer.
Der Anblick von Herrn Knöpfe hat Lucy so zum Schreien gebracht, dass sie reingehen musste. Sie konnte sich nicht von ihren Freunden verabschieden oder von ihrem Kuchen essen, bis schon große Stücke davon rausgeschnitten worden sind.
Herr Knöpfe hätte nach der Feier gehen sollen, aber Lucy hat ihn nie gehen sehen. Also ist Lucy zu dem Schluss gekommen, dass Herr Knöpfe in den Dachboden gezogen ist und sie nachts durch geheime kleine Löcher in ihrer Decke beobachtete.
Egal wie oft Mama und Papa mit Lucy auf den Dachboden gegangen sind, konnte Lucy nie überzeugt werden, dass er weg war. Der Dachboden war voller Stapel aus alten Kisten und Koffern und Büchern. Herr Knöpfe hätte sich überall verstecken können.
Selbst Lucys Mama und Papa müssen vor ihm Angst gehabt haben, weil Lucy sie über ihn streiten hörte, als sie dachten, dass sie schlafen würde.
"Wessen Schuld soll es sonst gewesen sein? Du warst derjenige, der ihn eingeladen hat!"
"Und wie zur Hölle hätte ich wissen sollen, was passieren würde? Soll ich neben allem anderen auch noch ein verdammter Wahrsager sein?"
Eine Zeit lang, nachdem er nicht an ihrem neunten Geburtstag aufgetaucht ist, hat Lucy den Fehler gemacht, zu glauben, dass er wirklich für immer gegangen ist.
Aber jetzt war er wieder da. Er wartete im Nebel. Er wartete auf sie.
Lucy beobachtet sehr lange den Schatten und legt ihre Stirn auf das Glas. Es fühlt sich nicht kalt oder warm an. Es fühlt sich nach nichts an.
Schließlich beschließt Lucy, dass sie Herrn Knöpfe lange genug angestarrt hat. Sie hat eine nagende Angst, dass sich Herr Knöpfe bewegt, sobald sie sich vom Schatten abwendet, aber sie kann nicht für immer in der Küche bleiben. Also geht sie ins Wohnzimmer und schaut fern.
Lucy sitzt immer auf der linken Seite des Sofas, neben der Stelle, wo Mama immer gesessen hat. Papa sitzt immer auf dem Sessel.
Lucy öffnet das Aufnahmemenü des Fernsehers. Es gibt keine Kanäle mehr. Sie hat Papa mehrmals darum gebeten, etwas Neues zu schauen, aber Papa hat erklärt, dass es nichts Neues mehr gibt.
"Vertrau mir, Lucy. Du solltest dankbar sein für das, was wir haben."
Lucy findet es schwierig, dankbar zu sein. Früher gab es alle möglichen Kanäle und Serien und Filme, die Lucy schauen konnte, und Freunde, die mit ihr zusammen schauen wollten, und die Bibliothek und den Park und die Fahrten zum Supermarkt und den Himmel und die Sonne und den Mond und die Sterne. Und Mama.
Lucy ist sich unsicher, wofür sie jetzt noch dankbar sein soll.
Lucy wählt eine Sendung über Gärtnerei aus. Sie ist sehr langweilig und der Moderator ist alt und redet zu langsam, aber es gibt schöne Bilder von Blumen und es ist eine Sendung, die Mama immer geschaut hat, als sie noch da war.
Papa hat sie noch nicht gelöscht, vielleicht weil es so wenige Sachen zum Anschauen gibt.
Lucy schaut die Sendung eine Zeit lang.
Dann, um 00:00 Uhr, hört die Aufnahme abrupt auf, während der Moderator gerade erklärte, wie man richtig mit Blattläusen umgeht. Lucy ist verwirrt. Sie hat diese Folge bereits gesehen und weiß, dass sie hier nicht endet. Sie überprüft, ob sie auf der Fernbedienung sitzt, aber sie liegt neben ihr.
Der Fernseher schaltet wieder auf Antennenfernsehen um. Er zeigt den Kanal 8607.
Der Bildschirm zeigt ein stürmisches, flackerndes Lichtmuster, wovon Lucy wegen Persönlicher Entwicklung weiß, dass es sehr gefährlich für jemanden mit Epilepsie sein könnte und vorher eine Warnung hätte kommen müssen.
Unbekannt: Hallo?
Da ist ein Gesicht hinter den Lichtern. Es ist unmöglich, Details zu erkennen, aber es ist definitiv ein Gesicht. Lucy bewegt sich nicht.
Unbekannt: Hallo?
Die Stimme ist dumpf, als würde sie Lucy aus einem anderen Raum hören.
Lucy versucht, den Fernseher mit der Fernbedienung auszuschalten, aber es funktioniert nicht.
Es gibt einen ekligen, bitteren Geruch in der Luft und es ist etwas mit dem Fernseher falsch. Weiße Rauchschwaden kommen aus der Hinterseite, als wenn etwas im Inneren brennen würde.
Unbekannt: Hallo, du da. Kannst du mich hören?
Der Rauch wird dichter und schwärzer.
Lucy hebt ihren rechten Arm zu ihrem Mund und beißt nervös in ihn rein. Sie weiß nicht, was sie tun soll.
Lucy: Ja.
Lucy denkt, dass sie wahrscheinlich aufstehen und wegrennen sollte, aber sie hat zu viel Angst, um sich zu bewegen.
Der Rauch verbreitet sich, steigt zur Decke auf und fällt wieder auf den Boden runter.
Unbekannt: Hey, bist du Lucy Carmichael?
Der Rauch füllt jetzt das ganze Zimmer. Wie Dunst. Wie Nebel. Wie etwas ekligeres.
Lucy beißt auf ihre Hand.
Lucy: Ich soll nicht mit Fremden reden.
Der Rauch gelangt in Lucys Mund und Nase und Lunge. Er riecht nach Krankenhäusern.
Unbekannt: Ich habe schon lange nach dir gesucht, Lucy. Glaubst du, du könntest ein bisschen näher kommen?
Das Gesicht kommt näher an den Bildschirm. Es ist weiß und unscharf. Lucy fängt an zu schreien.
Lucy: HERR KNÖPFE! PAPA! ES IST HERR KNÖPFE!
[ Ende des Protokolls ]
ANMERKUNG VON DER RECORDS AND INFORMATION SECURITY ADMINISTRATION
In Lucys Traum schreit sie nach ihrem Papa.
Sie nimmt ihn an der Hand und zieht ihn, während sie halb rennt und halb fliegt, zur Küche und der großen Schiebetür aus Glas. "Schau! Schau!", sagt sie triumphierend.
Der Nebel hat sich zurückgezogen und der Garten ist wieder sichtbar. Es gibt keinen Schatten am Rand des Rasens, aber da sind hunderte und tausende Hasen - 8607 - die durch das ungemähte Gras hüpfen und sich alle von Norden nach Süden bewegen, als wären sie Teil einer großen Migration.
Lucy drückt ihre Hand gegen das Glas und fühlt Wärme unter ihrer Handfläche.
"Schau, Papa! Es wird alles besser. Es muss wieder sicher sein. Die Monster sind weg."
"Oh, Lucy."
Papa ist groß geworden, schrecklich, schrecklich groß. So groß, dass die Küchendecke verschwinden musste, damit er reinpasste, und der Raum über ihnen ist schwarz und leer. Er schaut mit so viel Enttäuschung auf sie hinunter, dass sie weinen könnte.
"Oh, Lucy, ich dachte, du wärst inzwischen erwachsen genug, um es zu sehen. Die Hasen sind nicht lila."
- Maria Jones, Direktorin, RAISA
Befragungsprotokoll
8607-00-00/00/0000
Befragter:
Befrager:
[ Beginn des Protokolls ]
Papa hat den Fernseher zerstört. Er ist in der Ecke des Zimmers, ein Haufen Glas und Kabel und Plastik.
Lucy sitzt auf dem Sofa.
Papa kommt mit einem schwarzen Müllbeutel zurück und beginnt, die Stücke reinzuschmeißen.
Lucys Augen leuchten. Sie wackelt mit ihren Füßen und schlägt ihre Fersen gegen das Sofa.
Lucy: Paaaapaaa, du hast den Fernseher kaputt gemacht.
Papa: Mein Gott, Lucy, ist das gerade alles, woran du denken kannst?
Lucy kaut auf ihren Fingern.
Lucy: Es war der Fernseher!
Lucy sagt das, als wenn das alles erklären sollte. Als wenn die Sünde, einen Fernseher zu zerstören, so offensichtlich und so ketzerisch wäre, dass ihr Papa das unmöglich nicht verstehen könnte.
Lucy: Wie werden wir fernsehen?
Papa: Das werden wir nicht.
Papa wirft weiter Teile des zerbrochenen Fernsehers in den Beutel.
Lucys Oberlippe zittert. Sie denkt an Mama und die schönen Blumen und den langweiligen Moderator, den sie nie wiedersehen wird.
Lucy: Aber das ist nicht fairrrr.
Papa schmeißt ein Stück Metall auf den Boden und Lucy versteht zum ersten Mal, dass Papa sehr, sehr wütend ist.
Lucy findet es manchmal schwierig zu verstehen, wie sich andere Menschen fühlen. Frau Mills aus der Schule hat ein Bild mit Gesichtern mit verschiedenen Gesichtsausdrücken, aber keines davon sieht wie ein echtes Gesicht aus und keines davon sieht wie Papa aus.
Papa: Verdammt noch mal, es ist ein Scheiß-Fernseher! Du hast keinen verdammten Arm verloren!
Lucy hebt ihre Beine zu sich hoch und umschlingt sie mit ihren Armen. Sie drückt sie besonders fest, als würde sie sie umarmen.
Papa: Ein gottverdammter Fernseher. Ganz ehrlich, du bist so ein verzogenes kleines Mädchen, Lucy, das bist du wirklich. Und das ist nicht wegen mir. Oh nein. Ich habe dir das nicht beigebracht. Ich stand immer auf meinen eigenen zwei Beinen. Weißt du, was das Wichtigste im Leben ist? Widerstandsfähigkeit. Weitermachen zu können, wenn es schwierig wird. Und sie bringen das einem nicht mehr bei. Sie lassen dich nicht lernen, wie du dich abhärtest. Wie wäre es, wenn ich mich immer zu einem Ball zusammenrolle, sobald es für mich schwierig wird, hm? Wer würde sich um dich kümmern? Widerstandsfähigkeit. Darum war ich derjenige, der geblieben ist, um auf dich aufzupassen. Darum bist du in Sicherheit. Du solltest das nicht vergessen, Lucy.
Lucy versteht nicht, was das bedeutet. Sie fokussiert ihren Blick auf die Oberseite ihrer Knie und drückt sie gegeneinander, bis sie wehtun.
Papas Stimme wird leiser. Er kniet sich vor ihr nieder und versucht, ihr in die Augen zu schauen.
Papa: Vielleicht ist es so am besten, weißt du? Nichts davon … Ich meine, es hat dich nur an Dinge erinnert, die wir nicht mehr haben. Dinge, die dich traurig machen. Wir müssen uns beide stärker bemühen, diese Dinge zu vergessen, okay?
Lucy weiß nicht, wie sie darauf antworten soll. Dinge zu vergessen ist nicht etwas, wozu man sich entscheidet. Es ist etwas, was das Gehirn macht, wenn viele, viele Jahre vergangen sind oder wenn man nicht genug Platz im Kopf hat oder wenn etwas wirklich langweilig ist. Es ist leicht, Hausaufgaben zu vergessen, oder wie Wörter buchstabiert werden, oder die Daten, an denen etwas früher passiert ist. Es ist viel schwerer, Blumen zu vergessen.
Aber Papa wartet darauf, dass sie etwas sagt. Lucy mag es nicht, Papa zu verärgern.
Lucy: Okay.
Papa: Das ist ein gutes Mädchen.
Papa wuschelt durch Lucys Haare auf eine Weise, die Lucy fast so sehr hasst wie Lulu genannt zu werden. Lucy mag es nicht, berührt zu werden, außer wenn sie es will.
Papa: Wir machen das zusammen durch. Egal, was kommt. Und ich werde immer auf dich aufpassen.
Papa richtet sich auf.
Papa: Es wird alles in Ordnung sein, das wirst du schon sehen. Viele Kinder haben keinen Fernseher. Die meisten davon sind später schlauer.
Papa schmeißt wieder Teile des Fernsehers in den Beutel, aber sie machen kein so lautes Geräusch.
Lucy schaut auf die Trümmer und denkt darüber nach, wie sie die Frage stellen kann, die sie stellen möchte, ohne dass Papa sie anschreit.
Lucy: Warum musste er zerstört werden?
Papa: Er war nicht sicher.
Lucy: Warum?
Papa: Das war er einfach nicht.
Das ist keine Antwort, aber Lucy achtete darauf, nicht wieder "Warum?" zu sagen. Sie denkt kurz nach.
Lucy: Wer war die Person im Fernseher?
Papa: Das ist unwichtig.
Lucy: Warum hat er geraucht?
Papa: Du musst dir deswegen keine Sorgen machen.
Lucy: War Herr Knöpfe im Fernseher?
Papa: Stell keine dummen Fragen.
Lucy kaut wütend auf ihren Lippen. Sie denkt nicht, dass es eine dumme Frage war. Sie versteht nicht, was daran so dumm ist.
Lucy: Warum sagst du es mir nicht?
Papa: Du würdest es nicht verstehen.
Die Stücke, die in den Beutel geworfen werden, klirren wieder lauter.
Lucy: Wie kann ich es verstehen, wenn du es mir nicht sagst?
Papa: Vertrau mir einfach, Lulu.
Lucy: Nenn mich nicht Lulu!
Papas Lippen verdünnen sich. Die Fernsehteile machen peng!-peng!-peng!
Papa: Ich weiß nicht, warum dich der Name so wütend macht, wirklich nicht. Es lässt jeden denken, dass du sehr kindisch bist.
Lucy: Ich bin nicht wütend!
Papa: Das bist du. Du redest lauter und du bist pampig.
Lucy: Das bin ich nicht!
Lucy möchte weinen. Sie fühlt sich albern und dumm und sie weiß nicht, warum.
Papa nickt zufrieden und hebt den Müllbeutel hoch.
Papa: Wir brauchen keinen Fernseher. Es gibt viele Dinge, die wir gemeinsam als eine Familie machen können.
[ Ende des Protokolls ]

Befragungsprotokoll
8607-00-00/00/0000
Befragter:
Befrager:
[ Beginn des Protokolls ]
Papa hat Lucy Zeit gegeben, um "runterzukommen", was ein Ausdruck ist, den Lucy hasst. Wenn alles in ihr drinnen sich so anfühlt, als würde es zischen und platzen, möchte sie nicht runterkommen, sondern sich bewegen und reden und ernst genommen werden.
Da sind Bissspuren auf ihren Armen.
Papa wird heute nicht zurück zur Arbeit gehen, damit er mehr Zeit mit Lucy verbringen kann. Papa wird Lucy bei Kunst und Handwerk helfen.
Lucy braucht nicht wirklich Papas Hilfe bei Kunst und Handwerk, aber sie liebt es zu zeichnen. Frau Mills aus der Schule hat sie eine "großartige werdende Künstlerin" genannt, als Mama und Papa sie getroffen haben, und Lucy hat sich so stolz gefühlt wie nie zuvor in ihrem Leben.
Frau Mills unterrichtete sie in Kunst und in Persönliche Entwicklung und sie leitete den Unterstützungsclub, zu dem Lucy dienstags und donnerstags vor der Schule ging.
Lucy ist in der Küche. Sie nimmt ihre Kunstmappe vom Regal. Lucys Kunstmappe ist eine rote Mappe aus Papier, die Frau Mills ihr gegeben hat, damit sie ihre Bilder zur Schule und wieder nach Hause bringen konnte. Lucy hat früher Frau Mills all ihre Bilder gezeigt und ihr erzählt, was darin passierte. Frau Mills fand sie immer interessant und stellte Lucy viele Fragen. Lucy liebte es, über ihre Bilder zu reden.
Lucy öffnet ihre Kunstmappe und beginnt, die Seiten umzublättern.
Da ist ein Bild von einem großen Hasen. Er ist lila mit blauen Augen.
Da ist ein Bild von Lucy mit Lucys Freundin Janey aus der Schule und Lucys Freundin Megan, die Lucy im Schwimmbad kennengelernt hat. Sie haben sich noch nicht persönlich getroffen, aber Lucy denkt, dass sie sich sehr mögen würden.
Da ist ein Bild von einem Eichhörnchen aus dem Park. Es ist rot. Der Park sollte eigentlich nur graue Eichhörnchen haben, aber Lucy ist sich sicher, dass sie einmal ein echtes rotes gesehen hat, nur für einen Moment. Papa sagte, das sei unmöglich. Mama sagte, dass alles möglich sei und dass sie sich wünschte, sie hätte es auch gesehen.
Da ist ein Bild von Lucys Haus. Rauchwolken kommen aus dem Schornstein. Die Hausnummer ist 8607, was nicht stimmt.
Da ist ein Bild, das als Qualle begann, aber dann zu einem Weltraumalien wurde. Er ist lila. Er schießt grüne Energie aus seinen Tentakeln. Er ist von Sternen umgeben.
Da ist ein Bild von einem großen, gelben, aufgehenden Sichelmond mit einem Lächeln. Lucy malte die Kurve des Mondes, indem sie teilweise um eine Tasse herum zeichnete, was Frau Mills als sehr schlaues Denken bezeichnete.
Da ist ein Bild von Herrn Knöpfe. Er ist sehr nah und schaut aus der Seite hinaus, als würde er darauf warten, herauszuklettern. Sein Gesicht ist weißer als das Papier, auf dem er gemalt ist.
Da ist ein Bild von ein paar Blumen. Einige sind rot und einige sind gelb und einige sind blau, aber die meisten sind lila.
Lucy findet endlich einen Bündel leerer Seiten und zieht sie heraus.
Papa macht eine der Papierfiguren, die Lucy im Unterstützungsclub bekommen hat. Sie hat zwei Arme und zwei Beine und einen Körper, die alle schon ausgeschnitten worden waren. Da waren ein paar besondere Stecknadeln dabei, damit man die Körperteile am Körper befestigen und sie hin und her bewegen konnte.
Papa: Was denkst du, Lucy? Soll die hier ich oder du sein?
Lucy zieht ihre Augenbrauen zusammen und gibt der Figur ihre volle Aufmerksamkeit. Kunst ist sehr wichtig.
Lucy: Hmmmm. Du. Sie sieht mehr wie du aus.
Papa lächelt.
Papa: Alles klar, die hier wird ich sein. Wir können danach eine für dich machen und dann können wir mit ihnen Geschichten erzählen, was sagst du?
Lucy nickt enthusiastisch.
Lucy: Du kannst ihre Rücken an ein Lineal oder Pfeifenreiniger kleben und dann kannst du sie hinter einem Tisch halten, damit es so aussieht, als würden sie darauf laufen.
Frau Mills hat ihr das beigebracht. Sie hatte ein großes aufrechtstehendes Rechteck, das sie ein "Papierfigurentheater" nannte.
Papa: Oh ho. Du wirst mir zeigen müssen, wie man das macht.
Papa benutzt einige von Lucys Stiften, ohne zu fragen. Frau Mills sagt, dass es sehr unhöflich ist, die Sachen von anderen zu benutzen, ohne zu fragen, und wenn man das macht, wollen die Leute nicht mit dir befreundet sein. Lucy macht das aber nichts aus. Es ist schön, wieder mit jemandem Kunst zu machen. Es war ███████████, seitdem Lucy zuletzt Kunstunterricht hatte.
Lucy runzelt die Stirn, weil etwas von dem Gedanken falsch war. Sie versucht es noch einmal.
Es war länger her, als Lucy sich erinnern kann, seitdem Lucy zuletzt Kunstunterricht hatte.
Das fühlt sich ein bisschen besser an. Lucy kann sich nicht erinnern, wann genau sie zuletzt Kunst bei Frau Mills hatte, aber Dinge zu vergessen, wenn man von der Schule weg ist, ist leicht.
Aber …
Sie runzelt ihre Stirn. Das erste Mal, als sie vorhin darüber nachgedacht hat, war da etwas anderes. Ein großer, eisiger Block Nichts, wie eine vollkommen andere Erinnerung.
Lucy versucht, länger darüber nachzudenken, aber sie kann sich nicht wirklich erinnern, wie es war, genau so wie man einen Traum schon in den ersten Sekunden nach dem Aufwachen vergessen kann.
Lucy beschließt, nicht weiter darüber nachzudenken, und zieht ein Stück Papier zu sich.
Papa malt ein T-Shirt auf seine Papierfigur.
Lucy weiß nicht, was sie malen möchte. Normalerweise malt sie Dinge, die sie vor Kurzem gesehen hat, oder Orte, an denen sie gewesen ist, aber es gibt nichts Neues im Haus und es gibt nichts, wo man noch hingehen kann.
Sie versucht, einen Schmetterling zu malen, aber die Flügel auf jeder Seite stimmen nicht überein.
Sie versucht, eine Dampflokomotive zu malen, aber sie sieht nicht richtig aus und die Räder sind komisch und klein.
Sie versucht, einen Garten voller Hasen zu malen, aber aus irgendeinem Grund macht sie das traurig.
Also malt Lucy ihre Familie. Sie malt sich selbst in der Mitte, Papa links und Mama rechts von ihr, und beide halten ihre Hände. Sie gibt Mama ein großes lila Lächeln und sie gibt Papa ein kleineres rotes Lächeln. Sie malt auch ein paar große, schwebende, lila Herzen um Mama.
Papa: Lucy … Ich habe dir gesagt, das sollst du nicht noch einmal tun.
Lucy zuckt zusammen. Papa starrt sie mit einem Gesichtsausdruck an, den Lucy nicht lesen kann. Seine Lippen bilden einen festen Strich. Seine Stimme ist tief und rau.
Lucy versucht, zu verstehen, was sie getan hat. Sie hat nichts zerbrochen. Sie hat keine Unordnung gemacht. Sie hat keine Malstift-Flecken auf den Tisch gemalt.
Lucy: Was?
Papa: Ich habe dir gesagt, dass ich keine Bilder von ihr in diesem Haus haben möchte!
Lucy hat das vergessen.
Lucy stellt sich vor, wie sie immer weiter schrumpft, bis ihr Kopf unter der Tischplatte ist, wo sie nicht Papas Gesicht sehen kann.
Lucy: Warum?
Papa: Weil es mein verdammtes Haus ist und ich das sage!
Papa nimmt das Bild vom Tisch. Lucy versucht, es vor ihm zu greifen, aber Papa hat es schon weggezogen. Es ist ein schreckliches Geräusch zu hören, als Papa ein Drittel des Bildes abreißt und es zusammenknüllt.
Mamas Arm ist immer noch da und hält Lucys Hand, aber alles andere ist weg.
Lucy stößt einen erstickten Schrei aus. Ihre Augen sind glühend heiß und voller Tränen.
Lucy: Mein Bild! Mein Bild! Du hast es zerstöööört!
Papa öffnet seinen Mund und scheint dann vor ihren Augen zu erschlaffen und zu altern. Er lässt seine Schultern hängen.
Papa: Es - Verdammt, es tut mir leid. Es tut mir leid, Lucy. Es ist ein wirklich gutes Bild. Nun - Ich werde es an den Kühlschrank hängen, okay?
Lucy weint. Ihr Bild ist zerstört. Ihr Bild ist zerstört. Papa hängt die verbliebenen zwei Drittel des Bildes mit dem besonderen Magneten an die Vorderseite des Kühlschranks, dem rechteckigen mit dem Foto von den Lemuren.
Papa: Pst, pst, pst, es ist okay, es ist alles okay. Es sieht perfekt aus. Oh Lucy, es tut mir leid. Papa wollte das nicht. Es ist okay. Es ist alles okay.
Lucy schnieft einmal tief und laut. Ihre Wangen sind rot und ihre Augen sind rot und Schnodder läuft aus einem ihrer Nasenlöcher.
Lucy: Warum darf ich keine Bilder von Mama malen?
Papa presst seine Zähne zusammen und beruhigt sich. Er stößt einen tiefen Seufzer aus.
Papa: Weil sie weg ist, Lucy. Alles da draußen ist weg. Und es wird nicht wieder zurückkommen.
Papa versucht, eine Hand auf Lucys Schulter zu legen, aber sie windet sich, bis er sie wieder herunternimmt.
Papa: Es ist nicht gesund, so oft an sie zu denken. Es ist nicht gut für dich. Es macht dich nur traurig. Es ist besser, einfach zu vergessen, wie es früher war, und sich darauf zu fokussieren, was wir jetzt hier haben. Du und ich. Reicht das nicht?
Lucy: Nein!
Lucy stampft durch die Küche und nimmt den Lemur-Magneten vom Kühlschrank. Ihr zerrissenes Bild fällt auf den Boden.
Der Lemur-Magnet ist besonders. Papa hat ihn für Lucy gekauft, als sie zusammen zum Zoo gegangen sind. Es war der erste Ausflug, den Lucy ohne Mama gemacht hat, und Lucy war die ganze Zeit grummelig, bis sie zum Lemur-Gehege kamen. Die Lemure machten komische Gesichter und Lucy erwiderte sie und Papa machte die lustigsten Gesichter und Lucy hat gelacht und gelacht. Es war, als wäre ein Zauberspruch gebrochen worden, und der Rest des Tages war ziemlich schön, selbst als es geregnet hat.
Lucy: Wenn alles weg ist, dann sind auch die Lemuren weg, also darfst du das nicht behalten!
Lucy wirft den Magneten durch den Raum in Richtung des Mülleimers. Er verfehlt ihn knapp und landet dahinter.
Papa: Lucy! Du hebst ihn jetzt gefälligst sofort auf!
Lucy: Nein! Ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich! Ich hoffe, Herr Knöpfe holt dich!
Lucy wirft mehr Kühlschrankmagnete auf Papa, Zahlen und Buchstaben und Bilder. Einer trifft ihn auf der Stirn.
Lucy brüllt und schreit und weint.
Papa brüllt und schreit.
So geht das eine Zeit lang weiter.
Um 00:00 Uhr wird Lucy auf ihr Zimmer geschickt.
[ Ende des Protokolls ]
ANMERKUNG VON DER RECORDS AND INFORMATION SECURITY ADMINISTRATION
In Lucys Traum liest Papa ihr eine Gute-Nacht-Geschichte vor und nicht Mama.
Er weiß nicht, wie man das Buch richtig hält, und biegt die Seiten so weit zurück, dass ein hässlicher Knick auf dem Buchrücken erscheint. Lucy möchte schreien, dass er es kaputt macht, aber sie kann sich kein Stück bewegen und nicht einmal ihren Mund öffnen.
Die Geschichte ist sehr wie Rapunzel, aber statt einer bösen Hexe, die die Prinzessin in einen Turm sperrt, ist es ein guter und liebender König, der sie vor all dem Bösen auf der Welt beschützen möchte.
"Alles ist jetzt vorbei", sagt er ihr. "Aber du kannst hier in Sicherheit bleiben, für immer und immer und immer und immer und immer und immer und immer und immer und immer und immer und immer und immer und immer."
Eines Tages reitet ein hübscher Prinz am Turm vorbei und die Prinzessin ruft zu ihm und fleht darum, dass er sie rettet. Aber als sie ihr Haar herunterlässt und der Prinz den Turm hochklettert, geht die Geschichte völlig schief.
Die Ohren des Prinzen sind zu lang und seine Augen sind zu scharf und er hat zu viele Zähne - 8607 von ihnen! Und er hört nicht auf, so zu lachen, dass er alle davon zeigt.
Lucy möchte Papa sagen, dass er die Geschichte mit Rotkäppchen vermischt und dass Mama nie so einen Fehler machen würde, aber er schaut sie nur traurig an.
"████████████████████████████████████████████████", sagt er.
Lucy ist kalt und sie hat so, so viel Angst.
- Maria Jones, Direktorin, RAISA
Befragungsprotokoll
8607-00-00/00/0000
Befragter:
Befrager:
[ Beginn des Protokolls ]
Lucy wird von einem schrecklichen Geräusch geweckt.
Sie wusste nicht, was das Geräusch war oder wie genau es sich anhörte, aber das Echo davon ist immer noch in ihren Ohren und die kleinen Haare auf ihrem Nacken sind aufrecht. Sie hat ein schweres Gefühl in ihrem Bauch, dasselbe, was sie hatte, als sie Mamas Lieblingstasse kaputt gemacht hat.
Das Geräusch kam von unten aus der Küche.
Lucy hat Papa gesagt, dass sie ihn hasste.
Sie klettert aus dem Bett.
Lucy hat Papa gesagt, dass sie hoffte, Herr Knöpfe würde ihn holen.
Sie springt auf der Treppe über jede zweite Stufe.
Lucy hat Papa solch schrecklichen Dinge gesagt.
Und jetzt.
Und jetzt.
Da liegt eine Gestalt auf dem Küchenboden.
Nein, da liegt eine Person auf dem Küchenboden.
Nein, da liegt eine Leiche auf dem Küchenboden.
Aber es ist nicht Papa.
Papa steht keuchend über der Leiche gebeugt. Er hat einen Hammer in seiner rechten Hand. Die Spitze des Hammers ist rot.
Papa sieht müde und alt aus.
Die Leiche ist vollkommen still. Ihr Kopf ist von der Küchentür weggerichtet, also kann Lucy nicht ihr Gesicht sehen. Sie hat wirres braunes Haar mit einer dunklen Pfütze darunter.
Lucy: Wer ist das?
Papa: Geh zurück in dein Zimmer, Lucy.
Lucy: Ist er tot?
Papa: Dein Zimmer, Lucy.
Lucy: Warum -
Papa: GEH IN DEIN ZIMMER, LUCY! SOFORT!
Papa dreht sich um. Der Hammer ist immer noch in seiner Hand. Er wedelt beim Sprechen damit herum.
Lucy rennt die Treppe so schnell hoch, wie sie kann.
Lucy geht in ihr Schlafzimmer, ohne die Tür zu schließen, und klettert zitternd auf ihr Bett. Sie sitzt mit gekreuzten Beinen genau in der Mitte und zieht das Bettlaken über ihren aufrechten Körper wie einen großen Kapuzenmantel.
So sitzt Lucy, wenn sie verärgert ist und gesehen werden möchte, aber nicht gesehen werden möchte, um gesehen zu werden.
Sich mit dem Laken zu bedecken macht es deutlich, dass sie von niemandem gesehen werden möchte, aber aufrecht zu sitzen stellt sicher, dass sie immer noch gesehen werden kann. So sieht Lucy es, in den geheimen, privaten Tiefen ihrer Seele.
Wenn Lucy sich im Bett hinlegte und weinte, bemerkte das niemand. Aber wenn sie mit dem Laken über ihrem Kopf aufrecht im Bett saß und die Tür offen war, kam ihre Mama rein und leistete ihr Gesellschaft.
Sie war immer sehr still. Lucy bemerkte ihre Mama nie, bis sie den vertrauten Druck ihres Gewichts spürte, als sie sich auf das Bett neben sie setzte. Lucy sagte nie etwas und eine Weile lang tat das Mama auch nicht. Sie wartete, bis ihre Tochter bereit war, und dann rutschte eine Hand unter das Bettlaken und nahm Lucys. Groß und warm und sicher. Die Hand drückte immer einmal kurz zu und ein Teil ihrer Trauer floss aus ihr heraus wie Wasser, das aus einem Schwamm gewrungen wird.
Erst dann fragte Mama mit ihrer sanftesten Stimme, was los war. Manchmal waren es Leute in der Schule, die gemein waren oder logen oder zu laut waren, obwohl sie wussten, dass sie das störte. Manchmal war es Papa, der unfreundlich oder laut war oder etwas nicht verstand. Und manchmal war es etwas, was Lucy nicht verstehen oder ausdrücken konnte. Sie fühlte dann nur Trauer und Wut und Frust und sie wusste nicht, warum, oder was sie damit machen sollte.
Und Mama hörte zu und redete und Stück für Stück holte sie Lucy aus dem Bettlaken heraus und Lucy fühlte sich besser, zumindest ein bisschen.
Lucy wartet in der Dunkelheit, während die Tränen auf ihrer Wange trockneten.
Es kommt kein Druck. Es kommt keine Hand.
Die Zeit vergeht. Lucy weiß nicht, wie viel Zeit, weil alle Uhren im Haus weggenommen wurden, als die Welt endete, und der Himmel sagt ihr nichts mehr.
Lucy: Es tut mir leid.
Lucy ist sich unsicher, zu wem sie das sagt oder wofür sie sich entschuldigt. Aber alles ist schief gelaufen, das bedeutet, dass es wahrscheinlich ihre Schuld ist.
Lucy: Es tut mir leid.
Sie flüstert es wieder und wieder und wieder.
[ Ende des Protokolls ]

Befragungsprotokoll
8607-00-00/00/0000
Befragter:
Befrager:
[ Beginn des Protokolls ]
Eine undefinierte Zeit vergeht.
Niemand geht zu ihr hoch, also geht Lucy schließlich runter.
Sie geht auf Zehenspitzen durch den Flur und späht um Ecken, falls Papa da ist.
Sie setzt sich auf die oberste Stufe und rutscht dann vorwärts, sodass sie auf der nächsten Stufe sitzt, und dann auf der nächsten und so weiter. Niemand kommt, um sie anzuschreien.
Lucy hört auf der vorletzten Stufe auf zu rutschen und sie befindet sich teilweise hinter dem großen Geländerpfosten am Ende der Treppe. Sie umschlingt ihn mit ihren Armen.
Die Küchentür ist offen und die Leiche auf dem Boden ist weg. Papa ist immer noch da. Da steht ein Eimer und ein Mopp und eine Reihe der bunten Flaschen, die unter dem Waschbecken standen und die Lucy nicht anfassen darf.
Der Boden ist nass.
Papa dreht sich um und sieht sie. Sein Gesicht ist rot und verschwitzt und glänzend. Er wirft ihr ein angestrengtes Lächeln zu.
Papa: Lucy.
Er kniet sich nieder und streckt seine Arme aus, als wolle er sie umarmen. Lucy bewegt sich nicht. Sie drückt den Geländerpfosten fester.
Lucy: War er tot?
Papa steht wieder auf und lässt seine Arme hängen. Sein Lächeln verschwindet auch.
Papa: Ja, Lucy. Er war tot.
Lucy zieht ihre Unterlippe in ihren Mund hinein und kaut auf ihr herum, weil es ihr mehr Zeit verschafft, bevor sie wieder reden muss.
Lucy: Hast du es getan?
Papa schaut sie intensiv an. Lucy kann seinen Gesichtsausdruck nicht lesen.
Papa: Ja, Lucy. Ich habe es getan. Um uns zu beschützen.
Lucy drückt ihre Fingernägel in ihre Ellbogen und kneift ihre Haut.
Lucy: War es Herr Knöpfe?
Papa: Nein, es war nicht dieser blöde - Nein. Nein, es war nicht Herr Knöpfe.
Lucy nickt. Das ergab Sinn. Herr Knöpfe hatte kein braunes Haar. Und er konnte wahrscheinlich nicht getötet werden.
Lucy: Wer war es?
Papa scheint darüber nachzudenken.
Papa: Es war ein Monster. Von draußen. Es wollte uns wehtun.
Lucy: Es sah nicht wie ein Monster aus. Es sah wie eine Person aus.
Papa: Viele Monster sehen wie Menschen aus.
Lucy drückt ihre Wange fester gegen das Geländer, bis nur ein Auge etwas sieht.
Lucy: Bist du ein Monster?
Papa scheint zusammenzusacken, ohne sich zu bewegen. Sein Gesicht ergraut. Und dann verdrehen sich seine Lippen.
Papa: Mein Gott, Lucy.
Lucy schrumpft zusammen. Sie hat etwas Falsches gesagt.
Papa: Wie zum Teufel kannst du da sitzen und mich so etwas fragen? Nach allem, was ich - Nach allem!
Papa geht in der Küche hin und her und dreht sich nach links und nach rechts, als würde er nach einem imaginären Publikum suchen. Seine Augen sind groß. Sein Atem ist schwer. Er gestikulierte in der Luft.
Papa: Mein Gott, hat sie dir beigebracht, mich so zu sehen? Natürlich hat sie das. Immer! Immer! Sie wollte dich immer gegen mich aufbringen. Sie wollte mich immer untergraben.
Papa schreit. Seine Stimme ist laut und angestrengt und seltsam hoch, als ob etwas gegen seine Kehle drücken würde.
Lucy lässt das Geländer los und versucht, aufzustehen, aber Papa schreit so laut, dass ihre Beine unter ihr nachgeben und sie wieder mit einem Bums auf die Stufe fiel.
Papa: Nein! Ich habe nicht gesagt, dass du gehen darfst! Ich rede hier! Ich! Rede! Hier! Du wirst mir den Respekt entgegenbringen, den ich als dein Vater verdiene, und mir zuhören! Du wirst es verstehen!
Lucys Körper zittert, als ob ihr kalt wäre, aber ihr ist nicht kalt. Sie gräbt ihre Finger in den Treppenteppich und drückt sie so tief rein, wie es geht.
Papa: Alles, was ich je - Alles, was ich je getan habe, war, dafür zu sorgen, dass ihr beide sicher und beschwerdefrei und, und, und - und glücklich seid. War das so falsch? Ich hätte - Ich hätte wie Tausende Faulenzer-Väter sein können. Ich hätte euch verlassen und euch selbst überlassen können. Aber ich habe gearbeitet. Ich habe hart gearbeitet. Und sie hasste das. Sie hasste das. Sie hasste, dass ich jemand Wichtiges war, dass ich etwas Wertvolles gemacht habe. Sie hasste, wie viel ich verdiente. Sie hätte es lieber gehabt, wenn wir von Sozialhilfeschecks hätten leben müssen, nur damit sie auf mich hätte runterschauen können. Sie wollte immer unbedingt, dass etwas schiefging. Sie suchte immer nach Ausreden, um mich runterzumachen und leiden zu lassen. Sieh dir nur an, was sie mit dir gemacht hat.
Lucy hält die Luft an. Sie weiß nicht, warum sie die Luft anhält, sie weiß nur, dass die Angst hat, dass etwas Schlimmes passiert, wenn sie zu laut atmet.
Papa: Wenn ihr beiden zusammen wart, war es, als ob ich nicht einmal existierte! Als hättet ihr eine Geheimsprache, die ich nicht verstehen durfte! Wenn sie nach Hause kam, bist du immer aufgesprungen und auf sie zugerannt und hast ihr Dinge erzählt, und wie oft hast du dir die Mühe gemacht, mich zu sehen, wenn ich nach Hause kam? Wie oft hast du mir irgendetwas über deinen Tag erzählt, oder - oder irgendetwas?
Lucy kaut wieder auf ihrer Unterlippe. Sie hat an der Haut gekaut, bis sie dünn und zart war, und als ihre Zähne dieses Mal in sie beißen, kann sie Blut schmecken. Sie fokussiert sich auf den Geschmack.
Papa: War das fair? War das fair zu mir? Aus deinem Leben verbannt zu werden? Aus dem Leben meiner Tochter? Ich war derjenige, der sichergestellt hat, dass du hier leben kannst! Ich war derjenige, der dir Spielzeug und Spiele und Süßigkeiten gekauft hat, und du hast mir nie jemals die Art von - von - von -
Papa schüttelt seine Hände, als würde er versuchen, das Wort aus der Luft zu wringen. Er gibt auf.
Papa: - wie du ihr gezeigt hast. Nie. Hat sie dir gesagt, dass du das machen sollst? Habt ihr darüber geredet? Hat sie die Tage, an denen ich weg war, damit verbracht, über mich zu lügen?
Papa schlägt seine Hand auf den Küchentisch, wodurch dieser wackelt.
Lucy zuckt zusammen, als wäre eine Schockwelle durch sie hindurchgegangen.
Papa: Ich habe alles für dich getan. Für euch beide. Und nichts war je genug, damit du mich so behandelst, wie du sie behandelt hast. Es war, als hättest du mich gehasst. Als wärst du dazu erzogen worden, mich zu hassen.
Lucy nimmt sehr kurze, sehr flache Atemzüge und drückt sie dann wieder heraus. Es lässt ihren Kopf so anfühlen, als würde er schwimmen.
Papa: Selbst nach allem. Sie hat uns verlassen, Lucy! Wenn es kompliziert wird, wenn es Probleme gibt, sorgen sich einige Menschen genug, um an diesen Problemen arbeiten zu wollen, und einige Menschen geben einfach auf. Weil sie sich nicht sorgen. Weil sie sich nie so sehr gesorgt haben, wie ich es getan habe. Ich war derjenige, der alles klären wollte, für dich! Um dir eine richtige Familie zu geben. Und sie war diejenige, die das nicht interessierte, die alles, was wir hatten, zerstört hat für - für ein paar -
Papa wird still. Ein paar Momente voller rascher Atemzüge vergehen. Und dann schlägt er seine Faust gegen die Wand und stößt ein Geräusch aus, das zur Hälfte ein Schmerzensschrei und zur anderen Hälfte ein Zornesschrei ist.
Papa: Wie ist das fair!? Wie ist das fair, dass ich wie eine Art Monster behandelt werde? Ich war derjenige, der sich verdammt nochmal sorgte! Ich war derjenige, der sich bemühte! Ich war derjenige, der dich beschützen wollte! Werde ich je wertgeschätzt? Bekomme ich je ein einziges Dankeschön?
Tränen laufen Lucys Wange herunter. Ihr Inneres fühlt sich so an, als würde es sich zu einem Ball zusammenrollen wollen. Ihr Bauch tut weh. Ihr Kopf tut weh. Ihre Lippe blutet.
Lucy: Ich möchte … Ich möchte … Ich möchte Mama anrufen.
[DATEN GELÖSCHT]
Lucy rennt die Treppe schluchzend und auf allen Vieren hoch. Sie stürmt in ihr Schlafzimmer und knallt die Tür zu. Sie vergräbt sich in ihrem Bett. Papa folgt ihr nicht.
[ Ende des Protokolls ]
ANMERKUNG VON DER RECORDS AND INFORMATION SECURITY ADMINISTRATION
In Lucys Traum ist etwas wirklich falsch. Sie rennt.
In Lucys Traum steht ihr Vater vorne auf dem Rasen mit seinem Portemonnaie und drückt bunte Geldscheine in Herrn Knöpfes Hände. Herr Knöpfe schaut zu ihrem Fenster hoch und zwinkert. Sein Lächeln ist zu groß für sein Gesicht.
In Lucys Traum ist sie jahrelang nicht in der Schule gewesen. Frau Mills säubert traurig ihre Klassenablage und wirft all ihre Bilder in den Papierkorb. Lucy versucht, zu rufen und zu schreien und sie anzuflehen, damit aufzuhören, aber sie ist zu weit weg, um sie zu hören.
In Lucys Traum klettert der Prinz den Turm wie ein Insekt hoch und er streckt und verbiegt seine Arme und Beine, während er das Gemäuer hinauf huscht. Er hört nicht auf, zu lachen und komische Gesichter zu machen.
In Lucys Traum kann sie nicht aufhören, zu rennen.
In Lucys Traum teilt sich dieser Nebel und der Schatten auf dem Rasen ist Mama. Sie ist ganz allein zu Tode erfroren und ihr Körper ist so kalt und grau wie eine Statue.
In Lucys Traum sind die Schmetterlinge wütend auf sie, weil sie ihre Flügel nicht richtig gemalt hat. Sie schmeißen sich gegen ihr Gesicht, während Papa versucht, sie mit einem Hammer zu verscheuchen. Lucy versucht, ihm zu sagen, dass es nicht deren Schuld ist, aber als sie beginnt, zu reden, fliegen die Schmetterlinge in ihren Mund. Papa holt aus.
In Lucys Traum ist Lucys Haus in einer Schneekugel. Herr Knöpfe schüttelt es und all ihre Freunde machen "ooh" und "aah", während der Nebel in der Kugel schwirrt. Herr Knöpfe schüttelt die Kugel so stark, dass das Haus selbst zerbricht und beginnt, wie eine Schneeflocke durch die Luft zu tanzen, schneller und schneller.
In Lucys Traum ist sie so lange gerannt, wie sie sich erinnern kann.
In Lucys Traum hat Lucys Klasse einen Ausflug dahin gemacht, wo Papa arbeitet. Alle anderen nicken und machen sich Notizen auf ihren Klemmbrettern, während Papa über seine Arbeit redet, aber Lucy hat nicht aufgepasst und weiß nicht, worüber er redet. Sie fragt sich, was eine Abstraktion ist, oder was überhaupt eine Abteilung ist, und bemerkt, dass sie die Frage aus Versehen laut gestellt hat. Der Rest der Klasse lacht sie aus. Papa sieht so enttäuscht aus und so, so alt.
In Lucys Traum versucht sie, sich die Zähne zu putzen, aber sie fallen alle ins Waschbecken und werden in den Abfluss gespült. Herr Knöpfe ruft von der Decke herunter und sagt ihr, dass er sie mit einigen von seinen eigenen ersetzen wird, wenn sie eingeschlafen ist.
In Lucys Traum hat Lucy einen von Mamas Lieblingstassen zerbrochen. Mama geht und kommt nie wieder.
In Lucys Traum war sie noch nie in ihrem Leben so müde.
In Lucys Traum haben ihre Hasenschuhe überall Zähne um die Öffnungen herum, die bereit sind, ihre Knöchel zu beißen. "Du musst sie anziehen, Lucy", sagt ihr Vater zu ihr. "Sie werden dich davon abhalten, nach draußen gehen zu wollen."
In Lucys Traum geht Herr Knöpfe in den Zoo. Überall ist Nebel, aber die Tiere sind immer noch da. Lucy schreit, dass es ihr leidtut, so sehr leidtut, aber es bringt nichts. Herr Knöpfe findet die Lemuren, genau die aus dem Bild, und zerschlägt ihre Schädel mit Papas Hammer. Er wirft die Leichen hinter den Mülleimer in der Küche, damit Lucy sie am nächsten Tag findet.
In Lucys Traum erschießt Papa Hasen durch das Fenster in der Küche. "Nicht lila", sagt er. "Immer noch nicht lila".
In Lucys Traum ist ein ekliger Geruch wie verbranntes Metall und Krankenhäuser.
In Lucys Traum kommt Milch aus dem Fernseher. Papa tritt ihn und wirft ihn durch das Zimmer, damit er aufhört. "Es ist keine Milch mehr da", blafft er. "Wir müssen mit dem auskommen, was wir haben".
In Lucys Traum öffnen sich riesige, tausend Meilen große Löcher überall auf der Erde und stoßen weißen Smog aus. Lucys Mama fällt und fällt und fällt.
In Lucys Traum ist Lucy zerfallen wie eine Stoffpuppe. Ihre Arme und Beine sind auf einem großen Berg und Papa näht sie wieder zusammen. "Es tut mir so leid, oh, es tut mir so leid, mein Schatz. Ich meinte das nicht so. Das wird dir helfen. Vertrau mir, Liebling. Vertrau mir." Lucy versucht, ihm zu sagen, dass seine Nähte alle falsch sind und dass sie möchte, dass die Schnur lila ist, aber ihr Mund ist nur eine Reihe angenähter Knöpfe in der Form eines Lächelns.
In Lucys Traum rennt Lucy, aber glaubt nicht, dass sie sich wirklich bewegt. Sie kann nirgendwo hin. Absolut nirgendwo.
In Lucys Traum hat sie versucht, durch die Tür zu ihrem Schafzimmer zu gehen, aber stattdessen öffnet sie sich in den Keller, wo sie nicht sein dar. Der Raum ist gefüllt mit █████████████. Sie sind kalt und scharf und bewirken, dass Lucys Kopf aufplatzen möchte. Papa schreit sie an, dass sie gehen soll. Lucy versucht, zu fliehen, aber die Treppe wird immer länger, bis sie nicht mehr das Ende sehen kann.
In Lucys Traum war Mamas Arm zerrissen, genau dort, wo Papa Lucys Bild zerrissen hat. Lucy schreit und versucht, loszulassen, aber der blutende Stumpf einer Hand hält ihre wie ein Schraubstock. Lucy sagt immer und immer wieder, dass es ihr leidtut.
In Lucys Traum wacht die tote Leiche auf dem Küchenboden auf. Sie zieht sich langsam die Treppe hoch und klopft gegen ihre Schlafzimmertür. "Bist du Lucy", fragt sie. "Bist du Lucy Carmichael?" Der Knauf dreht sich.
- Maria Jones, Direktorin, RAISA
Befragungsprotokoll
8607-00-00/00/0000
Befragter:
Befrager:
[ Beginn des Protokolls ]
Lucy wacht auf. Da ist ein ungewöhnlicher Druck auf ihrem Bett.
Papa sitzt da. Sein Körper drückt gegen die untere Hälfte ihres rechten Beins.
Papa: Bist du noch wach, Liebling?
Papas Augen sind blutunterlaufen. Er riecht eklig und ätzend.
Papa: Ich würde alles für dich tun, weißt du das? Weißt du das, Lucy? Für dich. Für euch beide.
Lucy versucht, vorsichtig ihr Bein zu befreien. Es bewegt sich nicht. Papa scheint es nicht zu bemerken.
Papa: Du musst dir keine Sorgen machen, okay? Okay, Lucy? Du musst dir keine Sorgen machen. Über gar nichts. Ich kann es so weiterlaufen lassen, genau so, so lange wie wir es brauchen. So lange wie wir es brauchen. Du und ich, Lulu. Für immer. So lange wie wir es brauchen.
Er lallt. Lucys Bein ist vollkommen gefangen.
Papa: Es wird alles gut, Lucy. Es wird alles gut. Ich liebe dich, weißt du? Ich liebe dich so, so sehr. Liebst du mich, Lucy?
Lucy hält die Bettdecke über ihrem Mund. Sie senkt sie langsam.
Lucy: Du sitzt auf meinem Fuß.
Papa steht schwankend auf.
Papa: Ah, scheiße. Tut mir leid, Liebling. Tut mir leid, Lulu. Lucy. Lucy, Lucy, Lucy.
Er stolpert leicht, während er zur Tür geht.
Papa: Ich gehe zurück. Ich - Ich tue es für dich, Lucy. Alles für dich. Du wirst es verstehen. Du bist so ein schlaues Mädchen. Papa ist so stolz auf dich, Liebling.
Papa tritt auf einen von Lucys Schuhen, während er geht. Einer mit lila Hasen. Er taumelt rückwärts und stolpert fast, bevor er ihn aus dem Weg tritt. Er verschwindet unter dem Bett.
Lucy sagt nichts.
[ Ende des Protokolls ]

Befragungsprotokoll
8607-00-00/00/0000
Befragter:
Befrager:
[ Beginn des Protokolls ]
Heute trägt Lucy nur Socken.
Lucy zieht ihre Vorhänge auf, weil man das am Morgen so macht, obwohl es sinnlos ist. Draußen ist immer noch nichts.
Die Welt sieht wie ein Whiteboard aus der Schule aus, eines der älteren, das Jahre alte Stiftmarkierungen hat, die nicht wirklich entfernt werden konnten.
Lucy verlässt ihr Zimmer, geht die Treppe runter und geht nach links in die Küche. Papa ist schon da. Er sitzt am Tisch. Er trägt dasselbe T-Shirt wie gestern mit denselben Flecken. Auf seinem Teller sind Krümel.
Der Tisch ist gedeckt mit Butter und Konfitüre und Marmelade und Müsli und Kaffee und Apfelsaft.
Im Spülbecken sind Dosen und Gläser.
Es gibt keine Milch.
Papa: Guten Morgen, Schatz.
Lucys Lippe ist geheilt, aber sie fühlt sich immer noch rau und geschwollen an. Sie setzt sich an den Tisch.
Papa: Hast du gut geschlafen, Süße?
Lucys Wange ist immer noch wund. Sie dreht eine Lasche des Tischtuchs zwischen ihren Fingern um.
Papa: Ich habe heute ein paar Pläne für uns vorbereitet. Große Pläne.
Papa steht auf, während er redet. Er legt Brot in den Toaster. Er hat Lucy noch nicht in die Augen geschaut.
Papa: Weißt du, was unser Problem ist? Wir haben nicht genug zusammen unternommen. Ich habe so viel Zeit unten verbracht und du warst die ganze Zeit an diesem Fernseher und, weißt du, nun, vielleicht ist all das genau die Motivation, die wir brauchen. Wir haben dieses ganze Haus, in dem wir Spaß haben können, und ich habe dich, und du hast mich. Und das ist alles, was wir wirklich brauchen, oder?
Lucy wartet still, aber es wird klar, dass eine Reaktion erwartet wird. Sie schaut auf die Tischdecke und nickt.
Ein kleiner Anflug einer Emotion geht über Papas Gesicht.
Papa: Schau mal, Lucy -
Da ist ein Klopfen an der Vordertür.
Es ist ein lautes, gewaltsames, schnelles Klopfen, wie das, was die Polizei in Fernsehsendungen macht. Klopf-klopf-klopf.
Es wird vollkommen still. Papas Lippen pressen sich zusammen und verdünnen sich. Lucy dreht sich auf ihrem Stuhl um.
Papa: Lucy, tu mir einen Gefallen und geh auf dein Zimmer, okay?
Lucy möchte sehen, ob der Schatten immer noch auf dem Rasen ist.
Papa: Jetzt sofort.
Lucy: Aber -
Das Klopfen wiederholt sich. Klopf-klopf-klopf.
Papa: Lucy. Was auch immer es ist, ich werde mich darum kümmern. Geh einfach in dein Zimmer. Bitte.
Lucy schiebt ihren Stuhl zurück. Sie verlässt die Küche. Sie geht die Treppe hoch. Papa geht zum Keller und seine Füße hämmern auf die Holzstufen.
Lucy zögert. Ein Teil von ihr möchte, dass sie ihren Kopf durch das Geländer steckt und sieht, was auch immer passieren wird. Aber sie verwirft diese Idee wieder. Was, wenn es Herr Knöpfe ist? Was, wenn Papa sie sieht?
Lucy betritt ihr Schlafzimmer und klettert zurück auf ihr Bett.
Da ist ein drittes Klopfen. Es ist langsamer und leiser und es kommt von Lucys Fenster.
Unbekannt: Lucy? Lucy Carmichael?
Sie sieht eine Gestalt draußen im Nebel. Ein undeutlicher Fleck Dunkelheit.
Lucy wirft die Bettdecke über sich wie ein Kapuzenmantel.
Lucy: Geh weg.
Es gibt eine kurze Pause.
Unbekannt: Hey, Lucy, denkst du, du könntest das Fenster für mich öffnen, damit wir ein bisschen reden können? Es ist wirklich wichtig.
Die Stimme ist weiblich. Sie klingt nett und präzise und erinnert Lucy an einige Lehrer an ihrer Schule. Sie hört sich überhaupt nicht wie Herr Knöpfe an.
Unbekannt: Ich fürchte, wir haben nicht viel Zeit, Lucy. Könnte ich reinkommen, nur für einen Moment?
Der helle, weiße Umriss eines Objekts erscheint an Lucys Fensterscheibe. Er sieht wie eine Hand aus. Er hat fünf Finger.
Aber Monster leben im Nebel.
Und Monster können wie Menschen aussehen.
Lucy: Warum bist du draußen?
Es gibt eine weitere Pause.
Unbekannt: Nun, ich habe nach dir gesucht, Lucy.
Was nicht wirklich eine Antwort auf die Frage ist, die Lucy gestellt hat. Lucy beschließt, das zu ignorieren.
Lucy: Wieso?
Unbekannt: Ich bin ein Teil einer Gruppe von Leuten, deren Aufgabe es ist, sich um Menschen zu kümmern, die Hilfe benötigen. Und jetzt gerade ist meine Aufgabe, mich um dich zu kümmern.
Das ist natürlich etwas, was ein Monster leicht sagen könnte.
Lucy: Wie ein Polizist?
Unbekannt: So in etwa.
Lucy: Hast du einen Ausweis?
Die Stimme zögert einen Moment lang.
Unbekannt: Natürlich habe ich einen. Möchtest du ihn sehen? Wenn du das Fenster öffnest, kann ich ihn dir zeigen.
Lucy denkt darüber nach. Lucys Schule hatte eine Versammlung über Polizisten. Es war anscheinend sehr wichtig, zu tun, was sie einem sagen.
Lucy: Ich -
Es kommt ein lauter Knall von unten.
Lucy zieht die Bettdecke enger um sich. Ihre Wange pocht.
Lucy: Papa sagt, ich darf keins der Fenster öffnen.
Es gibt eine dritte, noch längere Stille. Als die Stimme wieder zu reden beginnt, ist sie leiser und noch sanfter.
Unbekannt: Lucy, ich weiß, dass gerade alles ziemlich verwirrend ist. Du hast so viel durchgemacht und du bist so mutig gewesen, ich wünschte, ich müsste die Situation nicht noch komplizierter machen. Aber du musst mir vertrauen. Dein Vater … Es ist gerade nicht sicher, in seiner Nähe zu sein. Er hat … etwas sehr Schlimmes getan.
Lucy spürt einen Knoten aus Schuldgefühlen in ihrem Bauch.
Lucy: Er hat jemanden getötet.
Die Stimme hört sich traurig an.
Unbekannt: Ja. Das hat er.
Lucy: War er dein Freund?
Die Stimme stößt die erste Silbe eines Lachens aus, gefolgt von Schniefen.
Unbekannt: Ja. Ja, ich glaube schon. Wir haben zusammengearbeitet. Er war Teil meines Teams. Von der Gruppe, über die ich dir erzählt habe. Das Brot und die Schmetterlinge. Sein Name war Matthew. Er wollte sich auch um dich kümmern.
Lucys Schuldgefühl zieht sich zusammen. Ihr Bauch tut weh.
Lucy: Tut mir leid. Tut mir leid.
Unbekannt: Hey, hey, hey, es ist nicht deine Schuld. Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen musst, okay? Du hast nichts gemacht. Es war seine Entscheidung, auf die Weise hierher zu kommen. Matthew hat deinen Vater ziemlich gut gekannt. Er dachte, sie könnten … alles bereden.
Lucy spielt mit den Klammern am Ende ihres Bettdeckenbezuges und öffnet und schließt sie abwechselnd.
Lucy: Was ist dein Name?
Unbekannt: Harmony.
Lucy: Das ist ein schöner Name.
Unbekannt: Danke. Ich habe ihn mir selbst ausgesucht.
Lucy schaut auf die Fensterklinke. Sie hat ein Schlüsselloch, aber das Schloss funktioniert nicht.
Es kommt ein weiterer Knall von unten.
Unbekannt: Lucy, es tut mir so leid, aber wir haben nicht viel Zeit. Kannst du das Fenster für mich öffnen? Bitte?
Lucy kaut auf ihrer Unterlippe.
Lucy: Ich muss Papa fragen.
Unbekannt: Lucy, dein Vater hat dich angelogen. Tut mir leid. Ich weiß, dass es wehtut, das zu hören. Dein Vater … war sehr besorgt, dich nicht so oft sehen zu können. Also hat er etwas sehr dummes und egoistisches gemacht und er hat dich versteckt, wo niemand, der dich liebt oder sich um dich sorgt, dich finden konnte. Wo deine Mutter dich nicht finden konnte.
Lucys Augen weiten sich.
Lucy: Du kennst Mama?
Unbekannt: Ein bisschen. Ich habe mit ihr über dich gesprochen. Sie vermisst dich so, so sehr. Würdest du sie gerne wiedersehen?
Lucy zittert.
Lucy: Ja, bitte.
Unbekannt: Ich kann dich zu ihr bringen. Aber du musst mir vertrauen und das Fenster jetzt sofort öffnen, okay?
Es kommen Fußschritte die Treppe hoch.
Lucy streckt ihren Arm aus dem Berg aus Bettlaken heraus. Sie fummelt an der Klinke.
Sie bewegt sich. Das Fenster schwingt auf.
Der Nebel leckt an der Stelle, wo die Fensterscheibe gewesen ist, aber kommt nicht hinein.
Papa: Lucy?
Papa hat den Eingang zu Lucys Zimmer erreicht. Er starrt auf das offene Fenster, auf Lucy, auf den blassen Schatten draußen. Sein Gesicht verzieht sich.
Papa: BLEIB ZUR HÖLLE WEG VON IHR! BLEIB WEG VON MEINER TOCHTER!
Papa rennt zu ihr, aber nicht schnell genug. Es ist, als würde er sich in Zeitlupe bewegen.
Eine Hand greift unter das Bettlaken und nimmt Lucys. Sie ist so weiß wie Knochen. So weiß wie Fettschminke. Sie drückt ihre Hand wie ein eiserner Schraubstock und zieht sie nach draußen. Raus aus dem Bettlaken, raus aus dem Fenster, raus aus dem Haus.
Es ist ein Schrei zu hören, lang und furchtbar und voller Qualen.
Er verschwindet im Nebel.
[ Ende des Protokolls ]


