SCP-6005
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Dr. Gabriel: Nennen Sie Ihren Namen, Rang und Auftrag.

Agent Hawley: Verzieh dich.

Dr. Gabriel: Nennen Sie Ihren Namen, Rang und Auftrag.

Agent Hawley: Was ist der Sinn davon? Ihr werdet mich zur D-Klasse herabstufen oder nach Arizona schicken. Auf jeden Fall werde ich in einem Monat tot sein.

Dr. Gabriel: Nennen Sie Ihren Namen, Rang un–

Agent Hawley: Das ist, was ich nicht verstehe. Wen setzt ihr nun auf diese Sache an? Bunkman? Der verdammte Idiot ist für die Arbeit nicht geeignet. Oder Carter vielleicht? Ich schätze, der korrupteste Agent in Oregon ist genau der, nach dem ihr sucht.

Dr. Gabriel: Darüber müssen Sie sich keine Gedanken mehr machen. Sie hatten ihre Chance und Sie haben sie vertan.

Agent Hawley: Wie? Was habe ich getan, das der Richtlinie der Foundation widerspricht?

Dr. Gabriel: Dazu kommen wir noch. Nennen Sie erstmal Ihren –

Agent Hawley: Na gut. Mein Name ist Douglas Hawley, Level-3-Agent, für SCP-6005 zuständig gewesen, geboren in Gulf Shores, Alabama, Sozialversicherungsnummer 215 –

Dr. Gabriel: Das reicht. Wissen Sie, warum Sie heute hier sind?

Agent Hawley seufzt und lehnt sich in seinem Stuhl zurück.

Agent Hawley: Um ehrlich zu sein, ich habe keine verdammte Ahnung.


SCP-6005


AUF BEFEHL DES O5-RATES

Die folgende Datei untersteht der Geheimhaltungsstufe 4/6005.

Unautorisierter Zugriff ist strengstens untersagt.

Objekt-Nr.: SCP-6005 Level 4/6005
Klassifizierung: Keter Klassifiziert

dogmountain.jpg

Dog Mountain, Columbia River Gorge, Washington, die letzte bekannte Sichtung von Cassandra "Cassie" Higgins.


Objekt-Nr.: SCP-6005

Klassifizierung: Keter

Sicherheitsmaßnahmen: Das SCP-6005-Eindämmungsprojekt wird derzeit von Agent Douglas Hawley John Bunkman untersucht, der in Standort-64 stationiert ist. Die derzeitigen Hinweise, denen nachgegangen wird, sind unten aufgeführt sind in einem Prozess der konzeptionellen Neuausrichtung, der voraussichtlich am 12.12.2025 beendet sein wird.

Individuen, die von SCP-6005-1 betroffen sind, sind in Standort-64 festgehalten und befragt zu werden. Ihren Familien ist erzählt zu werden, dass sie an einer lähmenden psychischen Erkrankung leiden und außer Landes gebracht wurden, um behandelt zu werden. Subjekte sind nicht länger als einen Monat festgehalten zu werden, bevor sie amnesiziert und entlassen werden Subjekte sind so lange wie nötig für Forschungszwecke festgehalten zu werden.

Vermutete SCP-6005-Ereignisse sind in den lokalen Medien unterdrückt zu werden. Eine plausible Geschichte für das Ereignis ist den Familien gegeben zu werden und Amnesika sind, wenn nötig, angewendet zu werden. Beratung und Unterstützung für die Familien ist mit Ansprechpartnern in lokalen Medien arrangiert zu werden.

Alle mit Standort-1015 verbundenen Dokumente sind in Agent Hawleys Obhut übergeben zu werden; das Lager ist derzeit im Beweisraum 5C im E-Flügel von Standort-64.

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Satellitenfoto von der Bioregion Kaskadien.

Beschreibung: SCP-6005 bezeichnet das Verschwinden von 1.943 Menschen in stark bewaldeten Bereichen der Bioregion Kaskadien zwischen 1985 und heute. Von keinem dieser Individuen sind jemals Spuren gefunden worden.

SCP-6005 hat eine diverse Gruppe von Menschen betroffen, die alle in oder im Umkreis von der Bioregion leben. Keine Zusammenhänge können zwischen dem Geschlecht, Alter, der Rasse, dem Einkommen, den politischen Ansichten oder anderen sozialen Faktoren festgestellt werden. Die einzige eindeutige Gemeinsamkeit ist eine ungewöhnlich hohe Rate von psychischen Erkrankungen bei den Opfern. Deshalb ist kein SCP-6005-Ereignis jemals vorhergesagt worden.

SCP-6005s anomale Bezeichnung resultiert aus der extrem hohen Anzahl an Vermisstenfällen, die auf die exakt gleiche Weise aufzutreten schienen: Ein Individuum geht wandern, allein, in das nächste Waldgebiet. Diese Wanderung ist ungeplant, ohne eine Notiz oder Erklärung, und das Opfer nimmt keine Vorräte mit. Keine Aufzeichnung eines SCP-6005-Ereignisses ist jemals geborgen worden. Obwohl nicht anomale Erklärungen in Erwägung gezogen wurden, ist keine je für plausibel erklärt worden.

SCP-6005 wurde erstmals 1992 bemerkt, als eine frühe Analyse-KI der Foundation die ungewöhnlich hohe Rate an verschwundenen Menschen ermittelte. Nach angemessener Unterdrückung und Amnesizierung bei den Familien der Opfer und lokalen Medien, um die öffentliche Aufmerksamkeit abzulenken, wurde SCP-6005 Standort-64 zur Eindämmung zugewiesen. Jedoch hat kein Forscher oder Agent einen Fortschritt bei weiteren Nachforschungen oder Eindämmung gemacht.

Gabriel: Scheint ein ziemliches Mysterium zu sein.

Hawley: Worte können täuschen. Was niemand je versteht, ist, dass unser klinischer Ton, unsere objektive Neutralität, eine eigene Art von Vorurteil ist.

Gabriel: Ich kann Ihnen nicht ganz folgen.

Hawley: Die Agenten, die diesem Ding zugewiesen waren, waren alle schwachsinnige Trottel, das meine ich. Niemand wollte die Aufgabe. Es war nicht glamourös, es gab keine offensichtlichen Hinweise – zur Hölle, viele Menschen dachten anfangs nicht einmal, es wäre eine Anomalie.

Also wurde es sich daneben benehmenden Level 2s und fetten, alten Betrügern, die kurz vor der Rente standen, gegeben. Nichts Ungewöhnliches: Standort-64 ist eine renommierte Forschungseinrichtung. Der Direktor und seine Kumpanen wollten die O5s mit auffälligen Reisen nach Three Portlands oder scheußlichen Anart-Stücken, die sie in Seattle erbeutet haben, beeindrucken. Niemand kümmerte sich um ein paar vermisste Kinder, über die eine experimentelle KI meckerte. Ich weiß nicht einmal, wie es all die Jahre in den Akten blieb.

Gabriel: Sie malen ein sehr trostloses Bild von unserer Organisation.

Hawley: Doktor, lass den Quatsch. Was werden sie mit mir machen? Ich schätze, es ist nicht besonders wichtig, aber ich würde gerne wissen, wie ich sterben werde.

Gabriel: Ich kann wirklich nicht –

Hawley: OK. Gut. Ich kann hier den ganzen Tag mit gekreuzten Armen sitzen. Kannst mich nicht mitnehmen, bis die Befragung beendet ist, oder?

Gabriel seufzt und legt seinen Stift auf den Tisch.

Gabriel: Ich kann es Ihnen nicht sagen, weil ich es nicht weiß. Ich habe nicht die Freigabe. Ich bin nur hier, um die Dinge klarzustellen.

Hawley starrt Gabriel an und lächelt einen Moment lang.

Hawley: Gefällt mir.

Hawley holt eine Zigarette hervor und zündet sie an, während er Gabriel immer noch anstarrt.

Hawley: Also gut, Doktor, ich werde dein Spiel spielen. Ich schätze, ich habe nichts zu verlieren. Das Spiel ist vorbei und die Vorhänge gezogen. Was willst du wissen?

Gabriel: Zuallererst? Ich möchte wissen, warum Sie dieser Aufgabe zugeteilt worden sind. Und wie Sie sich fühlten.

Hawley: Um ehrlich zu sein, Doktor, ich bekam die Aufgabe, weil ich dumm genug war, eine gute Idee gehabt zu haben.


Anhang Nr. 1: Am 23.12.2018 wies Direktor Adler Agent Hawley SCP-6005 zu, nachdem Hawley einen neuen Untersuchungsvorschlag vorbrachte: Traumanalyse bei einer diversen Menge an Patienten mit psychischen Erkrankungen im Pazifischen Nordwesten anzuwenden, um irgendwelche gemeinsamen Elemente zu identifizieren. Hawley wies auf die nützlichen Ergebnisse von Traumanalysen während einer Studie von SCP-3007, um zu argumentieren, dass es ein potenziell vernachlässigtes Forschungsgebiet wäre.

Direktor Adler gab Hawley eine Taskforce mit zwei Agenten und drei Forschern, um von Standort-64 aus für einen Zeitraum von zwei Monaten zu arbeiten, mit der Möglichkeit einer Verlängerung bei positiven Ergebnissen.

Nach einem Monat haben Hawley und seine Taskforce einen starken Zusammenhang zwischen den Träumen von 5 Individuen in einer Gruppe von 150 gefunden. Diese Träume wiederholten sich (mit einigen Variationen) und alle besaßen das Motiv von Wäldern, Bäumen und der natürlichen Welt. Die folgende Tabelle gibt Beispiele von einem Traum, der von jedem Subjekt erlebt wird.

Datum des Traums Subjekt Beschreibung des Subjekts Beschreibung des Traums
06.01.19 6005-23 33 Jahre alte Frau aus Portland, Oregon. Geschichte einer peripheren Beteiligung an anartistischen Gemeinschaften. Das Subjekt berichtete, am Rand eines tiefen Waldes zu stehen, welcher "nach Kiefern roch". Ein großer Berg konnte auf der anderen Seite des Waldes gesehen werden; Das Subjekt bekam Angst vor dem Berg und rannte in die entgegengesetzte Richtung, aber fand sich tiefer im Wald wieder als zuvor. Das Subjekt berichtete, sich deshalb erleichtert gefühlt zu haben, da der Schutz der Bäume bedeutete, sie konnte die Bäume nicht sehen.
12.01.19 6005-142 44 Jahre alter Mann aus Latah County, Idaho. Keine vorherige anomale Beteiligung. Das Subjekt besitzt ein Remington-Jagdgewehr. Das Subjekt berichtete, ein Reh durch ein karges Waldgebiet zu jagen, welches allmählich dichter wurde, während er weiterlief. Das Subjekt hob sein Gewehr, um das Reh zu erschießen; Das Gewehr verfing sich jedoch in Ästen und das Reh entkam.
18.01.19 6005-203 78 Jahre alte Frau aus Skamania County, Washington. Keine vorherige anomale Beteiligung. Das Subjekt berichtete, Wildbeeren in einem Regenwald gepflückt zu haben, bevor sich die Beeren schnell ausbreiteten. Das Subjekt legte ihre Hände über ihren Kopf und fand sich auf einer freien Lichtung in der Nacht wieder. Das Subjekt berichtete, eine plötzliche Paranoia verspürt zu haben.
19.01.19 6005-02 24 Jahre alter Mann aus Seattle, Washington. Bekannter örtlicher Anartist, vermutlich ein Mitglied des anartistischen Kollektivs Are We Cool Yet? Das Subjekt träumte, er wäre ein Käfer, der auf einem Baumzweig lebte. Der Zweig drehte sich plötzlich um eine Waffe, die von einem Mann mittleren Alters gehalten wurde. Das Subjekt kroch zum Lauf der Waffe und starrte für einen längeren Zeitraum hinein.
21.01.19 6005-09 19 Jahre alter Mann von Haida Gwaii, British Columbia. Keine vorherige anomale Beteiligung, jedoch ein Neffe der bekannten Anartistin und Aktivistin von First Nations, Nora Ivanov. Das Subjekt berichtete, durch Baumbewuchs auf die Sonne gestarrt zu haben; dies verursachte ihm starken Schmerz, aber er weigerte sich, aufzuhören. Nach mehreren Minuten begannen die Bäume, die Sonne zu verdecken und das Subjekt von seinem Schmerz und seiner Angst zu befreien.

Das folgende Audioprotokoll zeichnet eine Befragung von 6005-09 durch Agent Hawley auf.

Datum: 22.01.19

Befrager: Agent Douglas Hawley

Zweiter anwesender Agent: Agent John Caspar

<Beginn des Protokolls>

Agent Hawley: – und die Aufnahme läuft. Ok, für das Protokoll, dies ist eine Befragung von Tom Ivanov, bezeichnet als 6005-09 für offizielle Zwecke, durch Agent Hawley.

6005-09: Haben Sie, äh, d –

Agent Hawley: Sorry, nur einen Moment, Junge. Als ein Level 3 bestimme ich mich selbst als aufsehender Offizier, sekundärer Offizier ist Agent Caspar, der gerade irgendwo in Seattle ist, also niemandem von Nutzen, Datum ist der 22. Januar, und so weiter und so fort, ihr kennt den Rest.

Das Geräusch des Aufnahmegeräts, das auf den Tisch gestellt wird.

Agent Hawley: Also gut, Junge, das wird nicht lange dauern. Ich möchte, dass du mir von diesen Träumen erzählst.

6005-09: Also, äh …

Agent Hawley: Beantworte einfach die Fragen. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.

6005-09: … Ok, also, sie fingen vor ein paar Monaten an. September, denke ich – das College hat gerade wieder begonnen. Mir ging es nicht besonders gut, also –

Agent Hawley: Ja, ja, dein Leben ist wirklich traurig. Was ist mit den Träumen selbst?

6005-09: Also, ich bin in einem Wald. Ich bin immer in einem Wald – er ändert sich oft. Und ich schaue in die Sonne.

Agent Hawley: Du solltest das nicht.

6005-09: Schau, Mann, es ist ein Traum, es sollte nicht real sein –

Agent Hawley: Ok, ok, beruhige dich. Wie, äh, fühlte es sich an?

6005-09: Gruselig. Ich konnte nicht aufhören. Ich musste weiterstarren. Als ich klein war, gab es dieses Kind namens Walter, er zwang mich einmal, das zu tun. Befahl mir, in die Sonne zu schauen.

Agent Hawley: Und die Bäume?

6005-09: Sie kamen langsam. Ich steckte da fest, während ich die Sonne einfach anstarrte, für über zehn Minuten, in etwa. Ich konnte mich nicht bewegen, konnte nicht denken. Dann begannen die Blätter, sie zu verdecken.

Agent Hawley: Sie hingen immer noch am Baum?

6005-09: Ja. Dann wurde es angenehm. Wurde wirklich dunkel.

Agent Hawley: Hm. Ängstigte dich die Sonne selbst oder das Licht?

6005-09: Ich weiß – das Licht, denke ich. Ich fühlte mich, als könnten Leute mich sehen.

Agent Hawley: Und der Wald war beruhigend?

6005-09: Ja. Er war sicher. Dort war niemand, verstehen Sie? Nur Bäume und der Geruch von Moos und nasse Erde. Ich sah ein Reh in der Ferne. Ich sah Reben. Sie wurden dunkler und dunkler und dann gab es überhaupt kein Licht mehr.

Das Geräusch eines Schlurfens ist zu hören.

6005-09: Schauen Sie, ich muss wirklich los, ich habe noch was vor.

Agent Hawley: Du hast Agent Jones gesagt, du hättest den ganzen Tag frei.

6005-09: Ja, aber – schauen Sie, ich muss los, ok?

Agent Hawley: Wie fühlst du dich im Allgemeinen über den Wald? Gehst du oft spazieren?

6005-09: Was? Nein, nicht viel. Früher, mit meiner Tante Nora, aber –

Agent Hawley: Nora Ivanov? Ja, wir haben eine Akte über sie. Sie ist jetzt in Alaska, oder?

6005-09: Ihr habt eine Akte über meine Tante?

Agent Hawley: Beantworte einfach die Frage.

6005-09: … Nein, ist sie nicht. Sie verschwand.

Agent Hawley: Interessant. Das letzte Mal, als wir von ihr hörten, überquerte sie die Grenze mit einer Gruppe von Ser– mit einer Gruppe von Aktivisten. Sie hat sich in Nome versteckt.

6005-09: Nein, sie wollte es, aber dann verschwand sie eine Woche davor. Warum habt ihr eine Akte über sie?

Agent Hawley: Sehr interessant.

Das Geräusch eines schnell schreibenden Stifts kann gehört werden.

Agent Hawley: Ok, schau – wir müssen dich für eine Weile lang hier behalten.

6005-09: Was? Warum? Ich muss zu – Ich muss hier raus.

Agent Hawley: Es ist eine medizinische Sache. Du zeigst Symptome eines Virus, der umhergeht. Es tut mir leid, Junge. Wir werden es deine Familie wissen lassen, du wirst in keine Schwierigkeiten kommen.

6005-09: Nein. Ich möchte hier raus. Ich möchte zum Wald gehen.

Es gibt eine lange Pause.

Agent Hawley: Das möchtest du, hmm?

Agent Hawley beendet die Aufnahme.


Hawley: Ich muss ständig an diese Befragung denken. Ich habe es damals nicht begriffen.

Gabriel: Was nicht begriffen?

Hawley: Ich wollte einfach wissen, wie sie miteinander verbunden waren. Ich war mir nicht sicher, ob es mit dem Verschwinden zusammenhing oder ob es überhaupt anomal war. Ich habe nicht richtig mitbekommen, was er mir gesagt hat.

Hawley drückt seine Zigarette aus.

Hawley: Er versuchte in dieser Nacht zu fliehen. Hat die ganze Zeit über die Bäume geredet. Wir mussten ihn wieder fesseln und ich – also, ich sah ihn nur noch ein Mal wieder. Dazu kommst du gleich noch. Aber die Monate vergingen, wir konnten den Zellplatz nicht für irgendjemanden mit komischen Schlafgewohnheiten verschwenden, also …

Gabriel: Also haben Sie ihn gehen lassen. Sie hätten das nicht tun sollen. Es verstößt gegen das Protokoll.

Hawley: Gott, ist das alles, woran du denkst? Es war Adlers Befehl, nicht meiner. Er wollte Ergebnisse, aber nicht, wenn es den Verlust von wertvollem Zellplatz bedeutete. Es dauerte weniger als eine Woche, bevor die Vermisstenakte kam. Zu diesem Zeitpunkt habe ich sie erwartet.

Da traf ihn das Ausmaß der Sache. Sechs von 150 Menschen hatten diese Träume und alle von ihnen sind nach einem Monat verschwunden. Wenn sich das auf die ganze Region ausbreiten würde …

Gabriel: Tausende von Menschen, mindestens.

Hawley: Ja. Und wir waren uns nicht einmal sicher, ob es nur psychisch Kranke waren. Wie definiert man überhaupt eine Geisteskrankheit? Wirklich, nicht nur die Definition, die für die Behandlung wichtig ist? Tausende und Abertausende von Menschen könnten einfach in den Wald gehen und nie wieder gesehen werden.

Gabriel: Das wäre erschreckend.

Hawley: Unbequem.

Gabriel: Gütiger Gott, Mann, haben Sie kein Herz? Wir sollen diejenigen sein, die Menschen helfen.

Hawley lacht.

Hawley: Ach ja? Wie alt bist du, Doktor? Du siehst aus, als wärst du jetzt in den Fünfzigern. Vielleicht den Sechzigern. Du musst jetzt für eine Weile hier gearbeitet haben. Du denkst immer noch, darum wäre die Foundation hier? Um Menschen zu helfen?

Hawley lehnt sich zurück und schüttelt seinen Kopf.

Hawley: Wir leben in einer Welt voller Drachen. Sie verstecken sich in den Bergen oder in Pappschachteln, aber sie sind da. Ich wollte alles davon wissen, die andere Hälfte des Puzzles sehen, verstehen, warum die Dinge so sind wie sie sind. Warum die Drachen versteckt waren, aber die Fäulnis sich überall sonst ausbreitete.

Gabriel: Darum sind Sie der Foundation beigetreten?

Hawley: Wahrscheinlich nicht. Ich erinnere mich nicht mehr.

Gabriel lehnt sich zurück und massiert seine Schläfen. Hawley zündet sich eine zweite Zigarette an.

Auf jeden Fall verschwanden Menschen in den Wäldern. Dieser Junge wollte dort auch so verzweifelt hin; sagte, dort wäre er glücklich und sicher. Wir bekamen ein paar mehr Informationen in den Monaten danach – Menschen träumten weiter über Wälder und machten sich davon, weil sie allein sein wollten.

Gabriel: Denken Sie, es war Absicht? Ein schief gelaufenes anartistisches Projekt?

Hawley: Nein, das war nicht auffällig genug. Wir waren die einzigen Menschen, denen es aufgefallen ist. Es war zufällig, ziellos. Jeder könnte betroffen sein, verängstigt oder traumatisiert werden. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte, außer …

Gabriel: Außer?

Hawley lächelt langsam und nimmt einen Zug an seiner Zigarette.

Hawley: Ich habe schon einmal von so etwas gehört. Jahre zuvor. Ein geteilter Traum, der Standort 1015 zu Fall brachte.

Gabriel: Standort – Standort 1015? Der wurde vor Jahren ausgemustert.

Hawley: Ja, lange vor meiner Zeit. Aber ein Typ, den ich kannte, Christof, er ist an diesen Standort hier gewechselt, als er zusammengebrochen ist. Ich habe ihn danach gefragt und er erzählte mir über etwas, das sie nicht lösen konnten. Sie brachten immer wieder Menschen hinein, die an den Käfigwänden rüttelten und über einen Garten schrien.

Gabriel: Ein Garten?

Hawley: Ja. Sie wussten nicht, was es verursachte. Aber er sagte nicht, was passiert ist, und wurde bald darauf getötet. Es blieb jedoch in meinem Gedächtnis – als sie alle anfingen, vom Wald zu träumen, wunderte ich mich, ob das damit zusammenhing.

Gabriel: Also, was haben Sie unternommen?

Hawley: Ich habe mir die Akten zu Standort 1015 angeschaut. Nichts. Die gesamten Aufzeichnungen waren gelöscht.

Gabriel: Wa – Was? Sie meinen, sie waren zensiert?

Hawley: Nein, gelöscht. Überhaupt nichts da. Einträge, aber keine Akten.

Es ist für mehrere Sekunden lang still.

Gabriel: Niemand in Standort 64 würde so etwas machen. Es verstößt gegen jedes Protokoll.

Hawley: Na und? Du bist wie alt, fünfzig? Sechzig? Du musst dich daran erinnern, wie dieser Ort früher einmal war. Selbst als ich beigetreten bin, war es noch so. Jemand versagt, entlässt eine Anomalie in die Welt und die Aufzeichnungen werden in den Mülleimer geworfen. So wird das Spiel gespielt.

Gabriel: Oh, kommen Sie schon. Etwas so Großes? Wir hätten es inzwischen bemerkt.

Hawley: Vielleicht war es nicht groß. Vielleicht war es klein. Ein paar haben schlechte Träume – was war daran so wichtig? Niemand würde es bemerken, und wenn, würde niemand einen Direktor verdächtigen, der lange in Rente ist. Das hat mich nicht besonders interessiert. Es war ein Ansatz, das war von Bedeutung.

Gabriel: Oh Gott, Mann, interessieren Sie sich für irgendjemand anderen als sich selbst?

Hawley: Beruhige dich, Doktor. Ich stehe morgens auf und rieche den Kaffee und schlurfe zur Arbeit. Das machen wir alle. So ist die Welt. Graue Bürowände und Säuberungschemikalien.

Auf jeden Fall ging ich wieder zu diesem Jungen. Bevor wir ihn wieder gehen ließen. Ich ging zurück und dachte, ich könnte versuchen, einen schlafenden Bären zu piksen.


Anhang Nr. 2: Nach den ersten Erfolgen der Operation begann Agent Hawley eine Untersuchung einer möglichen Verbindung zu Standort 1015, einem ausgemusterten Standort im Süden von Washington. Agent Hawley erinnerte sich an "Gerüchte" über Standort 1015 vor ein paar Jahren, die behaupteten, dass Standort 1015 mit einer ähnlichen Situation zu tun gehabt habe. Jedoch fand er während weiteren Untersuchungen heraus, dass die Aufzeichnungen von Standort 1015 ohne Erklärung gelöscht zu einer sicheren Einrichtung in Ohio während einer routinemäßigen Wartung gebracht wurden.

Da Agent Hawley sich daran erinnerte, dass die Gerüchte einen Garten erwähnten, befragte Agent Hawley 6005-09 ein zweites Mal, um diese Spur weiter zu verfolgen.

Datum: 12.04.19

Befrager: Agent Douglas Hawley

Zweiter anwesender Agent: Agent John Caspar

<Beginn des Protokolls>

Agent Hawley: Hey, Tom. Wie geht es dir?

6005-09: Ich möchte nach Hause gehen.

Agent Hawley: Ich glaube dir nicht. Entschuldigung, Junge, aber wir lassen dich noch nicht in den Wald gehen.

6005-09: Das ist mir egal. Ihr könnt mich nicht hierbehalten.

Agent Hawley: Wir können und wir werden es. Aber wenn du meine Fragen beantwortest, lassen wir dich vielleicht raus. Wir benötigen sowieso den Zellplatz.

6005-09: … Ok, gut. Worum geht's?

Agent Hawley: Erinnerst du dich daran, jemals über einen Garten geträumt zu haben?

Es ist mehrere Sekunden lang still.

6005-09: Nein. Tue ich nicht. Es ist ein Wald, Es war schon immer ein Wald, ich habe – Ich habe es euch bereits gesagt.

Agent Hawley: Bist du dir sicher, Tom?

Agent Caspar: Ganz ruhig, Doug.

6005-09: Ich sagte, ich weiß es nicht.

Das Geräusch von raschelndem Papier kann gehört werden.

Agent Hawley: Na gut. Genieße deinen Aufenthalt hier, Junge.

Das Geräusch eines Stuhls, der bewegt wird, kann gehört werden.

6005-09: Wartet, ich – wartet.

Das Geräusch hört auf.

Agent Caspar: Hast du etwas auf dem Herzen?

6005-09: Ich habe keinen Garten gesehen – aber etwas war da. Ein paar Sachen. Zeug, das dort nicht sein sollte. Zeug, das – falsch war.

Agent Hawley: Falsch? Inwiefern falsch?

6005-09: Es – es sollte nicht dort sein. Eine Urne, eine Harke, ein Blumenbeet. Ich sah sie – sie waren einfach da, ich sah sie, mit diesem Schmutz bedeckt, ich –

Agent Hawley: Schmutz?

6005-09: Es war falsch. Könnt ihr es verstehen? Es verschmutzte den Wald. Es war nicht natürlich. Es war eine menschliche Sache und sie gehören nicht in den Wald. Sie gehören dort draußen hin, unter die Sonne. Wisst ihr? Versteht ihr es?

Agent Hawley: … Nein. Ich verstehe es nicht.

Es kann wieder das Geräusch eines Stuhls, der bewegt wird, gehört werden.

Agent Hawley: Wo kamen sie deiner Meinung nach her?

6005-09: … Draußen. Irgendwo, ich – Ich weiß es nicht. Sie sind kein Teil des Waldes, oder? Es sind Dinge, die von draußen reingebracht wurden. Ich weiß sonst nichts, ich schwöre, könnt ihr mich jetzt gehen lassen?

Agent Hawley: Wir könnten immer noch –

Agent Caspar: Ja, Tom. Wir können dich gehen lassen. Danke.

<Ende des Protokolls>

Nach dieser Befragung befragte Hawley die anderen Individuen, die bereits überprüft worden sind, ein weiteres Mal und erkundigte sich über jegliche Motive oder Objekte, die mit Gärten, Gartenarbeit oder menschengemachten Landschaften zusammenhängen. Alle vier drückten extremes Unbehagen über diese Art von Fragen aus, konnten aber Beispiele dieser Motive geben:
Subjekt Beschreibung der Traumelemente
6005-23 Das Subjekt behauptete, dass sich der Berg in ihrem sich wiederholenden Traum oft in eine Rotunde verwandelte, welche typisch für englische Landschaftsgärten des 19. Jahrhunderts waren. Das Subjekt beschrieb, dass es in diesen Fällen das Geräusch von zerbrechendem Marmor hören würde, nachdem der Baumbewuchs die Sicht zum Berg verdeckte.
6005-142 Das Subjekt berichtete, dass er die Hirschjagd unterbrochen hat, um auf zahlreiche Karpfen zu schießen, die aus dem Waldboden hervorsprangen. Das Subjekt berichtete, er habe fließendes Wasser gehört. Das Subjekt traf alle Karpfen, bevor er in "einer Art ruhigen Dunkelheit" zusammenbrach.
6005-203 Das Subjekt berichtete von einem ähnlichen Traum wie in ihrem vorherigen Beispiel, nur dass sie sich statt auf einer Lichtung in einem verwüsteten Blumenbeet befand. Das Subjekt war besonders verzweifelt, als sie dies beschrieb, und musste aus dem Befragungsraum entfernt werden.
6005-02 Das Subjekt berichtete, dass er aus dem im vorherigen Traum erwähnten Gewehr geschossen wurde. Das Subjekt fand sich in einem großen See wieder, in dem die Kadaver mehrerer Karpfen um ihn herum schwammen. Das Subjekt berichtete, dass er sich extrem verzweifelt fühlte, aber nicht ertrank.

Dies veranlasste Agent Hawley dazu, selbst den ehemaligen Standort 1015 zu untersuchen, um zu bestimmen, ob irgendwelche verbliebenen Materialien in der Ermittlung verwendet werden könnten. Am 19.04.19 führten Agenten Hawley und Caspar eine Erkundung der Umgebung durch.

<Beginn des Protokolls>

Die beiden Agenten stehen auf einer Lichtung in einem bewaldeten Gebiet. Ein großes, zerstörtes Betongebäude kann mehrere hundert Meter vor ihnen gesehen werden.

Kommando: Ok, wir nehmen auf. Nennen Sie bitte Ihren Namen für das Protokoll.

Agent Hawley: Verstanden. Hier ist Agent Douglas Hawley, unterstützt von Agent John Caspar, derzeit in der Umgebung vom ehemaligen Standort 1015. Das Gebäude steht glasklar vor uns, wie es die Kameras zeigen sollten. Äh, noch etwas?

Kommando: Dokumentationsnummer für die Expeditionsgenehmigung.

*Agent Hawley: Gottverdammt, davon gibt es heutzutage so viele … Halte das mal, John …

Hawley übergibt seine Taschenlampe an Caspar und wühlt in seinem Rucksack.

Agent Hawley: Hier ist sie … 4666266. Ist das ok oder wollt ihr auch meine Blutgruppe?

Kommando: Werden Sie nicht schnippisch. Sie hätten das noch an der Basis machen sollen. Und Sie haben das richtige Protokoll bei Ihre letzten Befragung vergessen.

Agent Caspar: Er hat recht, Doug.

Agent Hawley: Gottverdammt … Komm schon, lass es uns hinter uns bringen.

Die beiden Agenten näheren sich dem Hauptgebäude. Es ist offensichtlich verlassen und etwas baufällig; die meisten Fenster sind zerschmettert oder zerbrochen. Schutt und Pflanzen sind um die Außenseite des Gebäudes herum verteilt.

Agent Caspar: Nervös?

Agent Hawley: Nein. Du?

Agent Caspar: Nein.

Die beiden näheren sich dem Haupteingang und drücken gegen die Tür. Die äußeren Schlösser scheinen komplett zerbrochen zu sein; die Tür schwingt auf und gibt die Sicht auf eine zerstörte Lobby frei. Ein großes, zerschmettertes Dachfenster hat Glas um einen runden Holzschreibtisch herum verteilt; Pflanzen, einschließlich eines kleinen Baumes, sind durch die abgezogenen Betonplatten gewachsen. Mehrere Türen führen zu Fluren.

Agent Caspar: Was ist hier passiert? Sollten ehemalige Standorte nicht abgerissen werden? Oder unter Schutz gestellt werden oder so?

Agent Hawley: Gute Frage.

Kommando: Einige ehemalige Standorte ohne verbliebene anomale Materie werden einfach verlassen. Es spart Geld, es werden Geschichten entwickelt, es ist wirklich unwichtig, dass es einen weiteren Betonblock irgendwo im Wald gibt.

Agent Hawley: Jedoch keine Graffitis hier. Hier ist überhaupt niemand gewesen.

Kommando: Es ist ziemlich weit von jeglichen Populationszentren entfernt.

Agent Hawley: Hm. Ja.

Agent Caspar: Sind wir sicher, dass nichts Anomales zurückgelassen wurde?

Kommando: Ja.

Agent Hawley: Anscheinend.

Kommando: Ja. Hören Sie mit Ihrem Verschwörungsunsinn auf und kommen Sie da raus, Doug, es gibt da ein Spiel, bei dem ich dabei sein möchte.

Agent Hawley: Na gut.

Hawley übernimmt die Führung und öffnet eine Seitentür.

Agent Caspar: Sicher, dass das der richtige Weg ist?

Agent Hawley: Erste Tür links, zweite rechts zur Treppe, fünfte Etage runter. Sollte alles da sein. Taschenlampe an, John.

Die beiden schalten ihre Taschenlampen an und folgen dem Weg, den Hawley beschrieben hat. Das Gebäude ist zwar baufällig, scheint aber strukturell noch in Ordnung zu sein; die meisten Einbauten wurden jedoch entfernt, so dass ein Großteil der Betoneinbauten zum Vorschein kommen.

Nachdem es den Flur und die Treppe hinunter gegangen ist, öffnet das Paar eine Tür zu einem kleinen, unterirdischen Großraumbürogebäude. Es gibt keine Lichtquelle. Alle Vorrichtungen sind entfernt worden.

Agent Caspar: Also, das sieht vielversprechend aus.

Agent Hawley: Halt die Klappe. Sieh dich um. Es könnte immer noch etwas geben.

Die beiden Agenten sehen sich im Raum um; nichts außer einer roten Tür auf der anderen Seite kann darin gefunden werden. An ihrem Fuß ist ein heruntergefallenes gelb-schwarzes Klebeband aufgerollt. Hawley nähert sich.

Agent Hawley: So, so, so.

Agent Caspar: Was ist los?

Agent Hawley: Jemand wollte nicht, dass irgendjemand dort hineingeht.

Hawley greift nach dem Türgriff.

Agent Caspar: Warte mal –

Hawley öffnet die Tür. Ein großer, leerer Lagerraum kann auf der anderen Seite gesehen werden.

Agent Hawley: Verdammt.

Kommando: Bereit, aufzugeben?

Agent Hawley: Nein.

Hawley betritt den Raum und leuchtet seine Taschenlampe über die Oberflächen. In einer Ecke ist die Decke eingebrochen; etwas ist unter den Trümmern sichtbar. Hawley geht hinüber und richtet seine Taschenlampe darauf; es ist ein Karton mit Papieren, die daraus hervorragen.

Agent Hawley: Jackpot.

Agent Caspar: Wie haben sie das übersehen?

Caspar fängt an, mit seiner Taschenlampe durch den Raum zu leuchten.

Agent Hawley: Gute Frage. Sehr gute Frage. Diese Decke muss später eingebrochen sein, oder? Sehr günstige Platzierung, wenn ja … außer es ist alles schon auseinandergefallen, als sie gingen.

Hawley fängt an, den Karton aus den Trümmern zu heben. Caspar leuchtet weiter seine Taschenlampe und hört dann damit auf.

Agent Caspar: Doug?

Agent Hawley: Ja?

Agent Caspar: War diese Urne schon immer da?

Hawley dreht sich und schaut dorthin, wohin Caspar zeigt. Eine Gartenurne, ungefähr einen Meter groß, steht auf der anderen Seite des Raums.

Agent Hawley: Nein, war sie nicht. Kommando, seht ihr das?

Kommando: Ja. Bleibt ruhig, denkt an euer Training. Ihr seid derzeit nicht darauf vorbereitet. Ich hole ein Bergungsteam an die Leitung und informiere sie über einen möglichen Unrealitätsvorfall an eurem Standort.

Agent Hawley: Danke. Wir nehmen den Karton und gehen.

Agent Caspar: Roger.

Hawley und Caspar gehen zum Karton und ziehen ihn aus den Trümmern. Caspar hebt ihn auf; Hawley leuchtet seine Taschenlampe dorthin, wo die Urne war. Eine kleine Metallschnitzerei eines Cherubs ist jetzt sichtbar.

Agent Caspar: Verdammt.

Agent Hawley: Es ist in Ordnung. Es könnte nicht gefährlich sein.

Agent Caspar: Wann ist es jemals nicht gefährlich gewesen?

Agent Hawley: Das stimmt.

Hawley und Caspar verlassen den Raum und laufen zur Tür. Hawley dreht sich davor um leuchtet ein Licht auf die rote Tür.

Eine humanoide Figur steht davor; sie hat die Größe und Proportionen einer Frau in ihrer späten Jugend, aber besteht vollständig aus Holz, mit Blättern anstelle von Haaren. Ihr Gesicht wird von den Blättern bedeckt.

Agent Hawley: Hallo?

Die Figur hebt ihren Kopf. Ihr Gesicht ist eine statische Schnitzerei. Sie richtet eine Hand auf Hawley. Ihre Stimme ist verzerrt und wurde erst nach Bearbeitung verständlich.

Figur: Dies war einmal ein zerstörter Ort.

Die Figur geht einen Schritt vorwärts.

Figur: Bist du … ein Engel?

Ein Wasserschwall strömt von der Decke, der zahlreiche Äste und Zweige mit sich trägt. Er trifft die Figur, die zu Holzsplittern zerfällt, und beginnt, in Richtung der Agenten zu fließen.

Agent Caspar: Verdammt.

Hawley und Caspar rennen die Treppe hinauf und auf den Flur. Das Wasser scheint ihnen nicht zu folgen, aber das Geräusch von sich schnell bewegenden Wellen kann gehört werden. Die Betonabschnitte der Wand bestehen nun aus Holz, aber sie stoßen auf keine Hindernisse vor dem Ausgang. Die Agenten überqueren die Lobby, aber sie finden einen großen Baum, der ihnen den Weg nach draußen versperrt.

Agent Caspar: Verdammt.

Agent Hawley: Halt die Klappe. Kommando, alternative Ausgänge?

Kommando: Erste Abzweigung rechts, vierte links; sollte eine Feuerleiter sein.

Agent Hawley: Verstanden.

Hawley und Caspar laufen zum Flur. Ein großer Springbrunnen ist sichtbar; Blumen wachsen aus ihm heraus.

Agent Caspar: Weißt du, was ich denke?

Agent Hawley: Nein. Lauf weiter.

Agent Caspar: Diese Urne. Erschien sie oder haben wir einfach nicht bemerkt –

Agent Hawley: Ich sagte, lauf weiter!

Die Agenten nehmen die vierte Abzweigung links; eine Feuerleiter ist zu sehen. Das Geräusch von Gesang kann gehört werden; das Lied ist nicht auszumachen.

Die Agenten öffnen die Tür und befinden sich draußen. Sie rennen weitere hundert Meter in den umliegenden Wald, bevor sie anhalten.

Agent Caspar: Verdammt.

Agent Hawley: Hör auf, das zu sagen. Kommando, wir scheinen sicher zu sein? Denke ich?

Kommando: Roger. Das Bergungsteam ist jetzt auf dem Weg. Habt ihr die Informationen bekommen?

Agent Hawley: Caspar hat den Karton nicht fallen gelassen.

Agent Caspar: Ich habe vergessen, dass ich ihn noch in den Händen hatte …

Agent Hawley: Womit er natürlich meint, dass er einen beispielhaften Job unter Druck erledigt hat.

Kommando: Ok. Bergung unmittelbar bevorstehend.

<Ende des Protokolls>

Nach dieser Begegnung wurde Standort 1015 von einer Einsatzgruppe von Standort 64 gesichert; jedoch wurde keine weitere anomale Aktivität ermittelt. Agent Hawley begann, die geborgenen Dokumente einzusehen; obwohl sie unordentlich sind und viele von ihnen Verschiedenes behandeln, wurde ein sachdienliches Dokument bisher gefunden:

Dokument 6005-01: Tagebucheintrag von Subjekt 6005-435

Ich wache auf, ich laufe in meinem Zimmer umher. Es gibt ein Fenster, hoch an der Wand, das mich den Mond anstarren lässt. Es soll kein unfreundliches Zimmer sein, aber sie kümmern sich einfach nicht genug.

Sie sind erschöpft. Sie sehen durch mich hindurch, nicht, weil sie unfreundlich sind, sondern weil sie nicht genügend Energie übrig haben. Sie sickern durch den Beton, den sie für sich selbst gemacht haben, der Beton, der etwas beschützt, das sie nicht einmal mehr sehen können.

Also besuchte ich letzte Nacht wieder den Garten.

Ich weiß, sie befahlen uns, es nicht zu tun. Ich weiß, was sie uns befahlen, aber ich konnte nicht anders. Die Blumenbeete waren umgestürzt, aber die Erde war noch da, über das Gras verteilt. Ich habe sie wieder an ihren Platz gelegt. Ich schätze, die anderen haben es nicht bemerkt.

Es sah wie früher Herbst aus. Ich sah eine Nachtigall, die Nora erschaffen hat. Sie sang für mich und ich sang zurück. Der Himmel war bewölkt, aber diese Herbstwolke, die Regen verspricht. Die gleiche Wolke, die man über öden Stadtblöcken sieht, aber hier war sie besser, sie war eine Gartenwolke. Eine Wolke, die für Gärten gemacht wurde. Wie hätte jemand anderes das machen können?

Ich bestieg den Hügel und schaute hinunter. Der Hügel wurde zackig – fast wie ein Berg. Die Rotunde ist darin versunken, also habe ich auch das in Ordnung gebracht. Ich fühlte dessen Marmor in meinen Fingern. Ich schaute hinein, und da war ein silbernes Grab, das aus dem Felsen gehauen war und in dem das Silber aus dem Felsen genommen war. Aber wir haben den Felsen immer umgeformt, ihn danach zurückgebracht, Silberwurzeln eingesetzt.

Gibt es Gärten in New York? Ist eine Allee ein Garten? Ist ein Stück Unkraut in Baltimore nicht genauso eine grüne Fläche wie Baburs Grabmal? Unter den Sirenen stiehlt es Sonnenlicht zwischen Hochhäusern.

Ich schaute hinunter auf die sich kreuzenden Pfade, wo der Kies verstreut worden ist, wo meine Freunde jeden Stein so lieblich platziert haben. Ich weiß, wir sollen es nicht, aber ich habe auch das zurückgelegt. Ich habe alles zurückgebracht, Stück für Stück, die Springbrunnen und vierteiligen Gärten und oktogonalen Grabsteinen und die entfernten Kaskaden hinter ihnen. Sie färben sich blau im Halblicht.

Für einen Moment erschien es wieder natürlich. Es ist, wie es sein sollte, wie es immer gewesen sein sollte, ganz Portland vom Gras erstickt, die Leute liegen und essen Lotus und zeichnen den Himmel in Rot und Weiß, bis ganz nach Seattle, nach Vancouver, nach Haida Gwaii und das Tlingit-Ufer, Lagerfeuer rauchen in einem entfernten Tal, während die Kaskaden steigen und steigen.

Dann schaute ich wieder hinunter und es war falsch. Es war lauter Betonzeugs. Ich weiß, dass es das nicht war, aber ein Engel erzählte mir, dass es das war, ein Erzengel, der zu Maria gesandt worden ist, und das einzige verbliebene Grün sind die entfernten Bäume.

Es gibt kein Zurück. Ich habe einst geträumt, aber jetzt scheint die wache Welt wie ein Traum. Ich kann intellektuell verstehen, was sie mir angetan haben, aber ich kann nicht zurück gehen. Dieser Ort besteht nur aus Ruinen, er ist ein Gefängnis, es gibt graue Wände, die dahin zurückführen, was sie im Herzen davon bewachen.

Macht. Es geht immer nur um Macht.


Hawley: Ich habe es gelesen und alles hat sich verändert. Sie hat so schön geschrieben.

Gabriel: Sie sollten keine Zuneigung für sie empfinden.

Hawley: Was ist falsch mit dir? Du redest von Nettigkeit –

Gabriel: Sie mussten niemals zusehen, was passiert, wenn sie freikommen, Hawley. Ich habe früher in Standort 19 gearbeitet. Ich sah hunderte D-Klassen, denen ihre Kehlen verdreht wurden, weil wir lernen wollten.

Hawley: Dann bist du genauso verloren, wie sie es war. Denkst du nicht, es ist wunderschön?

Gabriel: Erklären Sie.

Hawley: Eine ganze Welt, eine harmonische Welt, eine … eine Art Kollaboration. Jeder, Teile von ihnen, die alle als eins zusammenkommen, aber wo ihre Teile behalten werden. Es ist das, was jeder immer gewollt hat, oder?

Gabriel: Ich nicht. Ich kenne den Unterschied zwischen natürlich und unnatürlich.

Hawley: Aber was heißt das überhaupt? Manchmal gehe ich spazieren, weißt du? Im Westen. Ich schaue zu den Kaskaden hoch und, nun, ihr Name bedeutet wirklich etwas. Wenn du deine Augen genau richtig zusammenkneifst, scheinen sie ineinander überzugehen, alle von ihnen. Ein Berg kollidiert mit einem anderen, zerreißt die Erde, schnellt hoch in schwindelerregende Höhen. Eine riesige Kaskade, die mehr und mehr von sich erschafft, während sie heraus- und durchdrückt.

Gabriel: Sehr poetisch. Aber das ändert nichts daran, was eine Anomalie ist.

Hawley: Gott, Doktor, du hast wirklich die Propaganda der Foundation vollständig geschluckt, oder?

Gabriel: Es ist keine Propaganda. Es ist die Wahrheit. Sie wissen, was geschehen könnte, wenn sich irgendein psychisches Netzwerk rücksichtslos über den ganzen Pazifischen Nordwesten erstreckt? Ihr kleiner Garten von Kaskadien könnte auf alles krachen, was wir dort gebaut haben. Anomalien sind Aberrationen. Sie sind Narben im Zeitgewebe, unnatürliche Wucherungen der Realität. Das Mädchen und ihre Freunde würden den Schleier zerreißen, Städte zerstören –

Hawley: Das weißt du nicht. Du rätst nur. Ich weiß nicht, Doktor. Es fühlt sich nicht so an, als würde das Leben so sein. Du kannst nicht vorschreiben, was natürlich ist und was nicht.

Gabriel: Sie auch nicht.

Die beiden starren sich mehrere Sekunden lang an.

Gabriel: Ehrgeiz ist eine gefährliche Sache, Agent Hawley. Ich habe gesehen, wie er Menschen verrotten ließ.

Hawley: Er hat sie besser gemacht, Doktor. Wie sollte es irgendetwas anderes machen? Wie weißt du, was richtig und angemessen ist? Wir sind hier wegen Mutationen über Jahrtausende hinweg – warum könnte das nicht die nächste sein? Warum dürfen wir die Grenzen zwischen dem, was eingedämmt werden soll, und dem, was nicht eingedämmt werden soll, so eng ziehen? Wir könnten alles besser machen. Wir haben die Macht dafür.

Gabriel schaut auf seine Uhr. Hawley seufzt und lehnt sich im Stuhl zurück.

Gabriel: Was ist als Nächstes passiert?

Hawley: Ah, Doktor. Da liegt das Problem. Zu diesem Zeitpunkt hat sich ein Loch unter mir geöffnet.


Anhang Nr. 3: In den folgenden Wochen fokussierte sich Hawleys Untersuchung auf die Sortierung der geborgenen Dokumente. Unter ihnen wurden zwei Dokumente als besonders wichtig für die Untersuchung angesehen und sind unten wiedergegeben.

Dokument Nr. 1: Audioprotokoll einer Befragung von 6005-435 durch Dr. Castro, 1984.

<Beginn des Protokolls>

Dr. Castro: Hallo, 6005-435.

6005-435: Mein Name ist Cassie.

Dr. Castro: Deine Bezeichnung ist 6005-435. Lass uns anfangen.

6005-435: … Okay.

Das Geräusch von Gekritzel in einem Notizbuch wird mehrere Sekunden lang gehört.

6005-435: Könnten wir –

Dr. Castro: Entschuldigung, nur einen Moment.

Das Geräusch des Gekritzels dauert einige Sekunden lang an, bevor es abrupt aufhört.

Dr. Castro: Also dann. Was hast du letzte Nacht gesehen?

6005-435: … Den Wald.

Dr. Castro: Das ist alles?

6005-435: Ja.

Dr. Castro: Ich denke, du lügst.

6005-435: Ich sage die Wahrheit.

Dr. Castro: Erinnerst du dich daran, was [ZENSIERT] dir gesagt hat, Cassie? Über den anderen Ort?

6005-435: Ja.

Dr. Castro: Was hat er dir erzählt?

6005-435: Dass – Dass er unnatürlich ist. Dass er in unsere Köpfe gesetzt wurde, um uns wehzutun. Dass er – Dass er falsch ist.

Dr. Castro: Komm schon, Cassie, das stimmt nicht so ganz, oder? Er hat dir gesagt, warum er euch gegeben wurde.

Es ist mehrere Sekunden lang still, bevor Dr. Castro seufzt.

Dr. Castro: Ich dachte, wir hätten das besprochen, 6005-435.

6005-435: Das ist nicht mein Name.

Dr. Castro: Es ist deine Bezeichnung. Der Garten ist unnatürlich, weil er ein Akt der Gewalt von der Menschheit an der Natur ist, erinnerst du dich? Er zerkaut die natürliche Erde und kann nur erschaffen werden, indem man Bäume verbrennt. Erinnerst du dich nicht, was er dir gezeigt hat? Über die Bäume?

6005-435: Aber – Aber so fühlt es sich nicht an –

Dr. Castro: Natürlich tut es das nicht. Das tut es nie. Cassie, das ist wichtig. Du kannst die Bäume nicht so verletzen, ok? Du kannst den Wald nicht auf diese Weise verletzen. Denk daran, was du ihm antust.

6005-435: J-Ja. Es tut mir leid.

Dr. Castro: Gut. Sich entschuldigen ist der erste Schritt zur Vergebung.

Ein zurückgeschobener Stuhl kann gehört werden.

Dr. Castro: Ich hoffe, bei unserer nächsten Sitzung Fortschritte zu sehen, Cassie. [ZENSIERT] würde so enttäuscht sein.

6005-435: Ist – Ist er hier?

Dr. Castro: Nicht heute, befürchte ich. Aber er wird bald zurück sein.

6005-435: … Ok.

<Ende des Protokolls>

Dokument Nr. 2: Ursprüngliche SCP-6005-Akte, datiert auf 1984.





AUF BEFEHL DES O5-RATS

Die folgende Akte untersteht der Geheimhaltungsstufe 5/6005.

Nicht genehmigter Zugriff ist strengstens verboten.


Objekt-Nr.: SCP-6005 Level 5/6005
Klassifizierung: Keter Geheim

Dark_Forest.jpg

Standort des Eindämmungsereignisses von Projekt Listig für Exemplar 6005-435, datiert 06.09.1984


Objekt-Nr.: SCP-6005

Klassifizierung: Keter Euclid

Sicherheitsmaßnahmen: SCP-6005 wird derzeit durch Projekt Listig eingedämmt, was zu einer fortwährenden Selbsteindämmung führen sollte. Jedoch sind SCP-6005-B-Instanzen periodisch gefangen genommen und zu Standort 1015 gebracht zu werden, um die erfolgreiche Umwandlung in SCP-6005-C-Instanzen sicherzustellen.

Beschreibung: SCP-6005 ist ein telepathisches Feld, welches derzeit über 10.000 Mitglieder enthält. SCP-6005 scheint natürlich ohne äußere Eingriffe geformt zu sein und ist über den Pazifischen Nordwesten und Idaho ausgebreitet.

Betroffene von SCP-6005 (nachfolgend SCP-6005-B-Instanzen) haben einen gemeinsamen Ort, nachfolgend SCP-6005-A, erschaffen, der nur in Träumen zu erreichen ist. Vor der erfolgreichen Implementierung von Projekt Listig nahm SCP-6005-A die Form eines kunstvollen Gartens an, der in mehreren Stilen gestaltet war und scheinbar den Großteil des Pazifischen Nordwestens in der Traumwelt umfasste.

Die kombinierte telepathische Kraft von SCP-6005 hat einen signifikanten Effekt auf die Basisrealität erzeugt. Es gab Berichte über Umweltveränderungen und eine groß angelegte gemeinschaftliche Koordinierung, die durch SCP-6005 ermöglicht wurde. Deshalb stellt SCP-6005 eine signifikante Bedrohung für die Basisrealität dar.


Hawley: Es war Abend, als wir es gefunden haben. Die Sonne ging unter. Der Karton war voller Müll und wir mussten uns jedes einzelne Dokument sehr genau ansehen, nur für den Fall, dass ein wenig Anomalität des Standorts an ihnen gehaftet ist. Ich saß da und Caspar saß mir gegenüber und der Himmel füllte sich mit Rot und mein Herz sank in meinen Bauch.

Gabriel: Warum?

Hawley: Warum? Doktor, verstehst du nicht, was es bedeutete? Wir haben das getan. Was immer los war, wir haben es getan.

Gabriel: Ich bin mir sicher, sie hatten ihre Gründe. Eindämmung ist eine schwierige Angelegenheit.

Hawley: Schwierige – Was zur Hölle ist mit dir los? In einem Moment erschaffen sie einen Garten, im nächsten leiden sie an fortgeschrittenem Trauma und wollen in den Wald verschwinden. Das ist keine Eindämmung, das ist – das ist Genozid, Doktor.

Gabriel: Das ist es nicht. Nein. Das ist nicht das, was wir – was die Foundation machen würde. Es ist Eindämmung.

Hawley: Das war geplant. Das Verschwinden wurde geplant und dann so tief vergraben, dass die Foundation es vergessen hat.

Ich ging damit zu Adler. Ich zeigte ihm, was wir gefunden haben. Er mochte es kein bisschen. Es war alles schön und gut, als es eine Möglichkeit zum Lösen eines glamourösen Mysteriums gab, aber der Ausdruck auf seinem Gesicht sagte mir alles. "Das ist nichts", sagte er. "Ich ziehe Sie vom Fall ab". Übergab ihn Caspar – der arme, schwache Kerl – bis er jemanden findet, der "geeigneter" ist. Seine Stimme war wie Öl.

Gabriel: Sie sollten das getan haben, was er sagte.

Hawley: Warum? Doktor, komm schon. Du bist ein Mensch. Du bist kein Roboter. Denkst du, diesen D-Klassen musste ihr Genick gebrochen werden? Denkst du, dass Datensammlung kein Teil des Eindämmungsprogrammes war?

Gabriel: Ich war nicht – Ich war woanders vor Standort 19. Ich habe die Opfer gesehen, die gemacht werden müssen. Sie sind es wert.

Hawley: Waren sie das? Wofür wurden sie geopfert? Normalität? Was bedeutet das überhaupt noch? Warum dürfen wir entscheiden, wo das Reale aufhört und das Unreale beginnt? Wie fängt man überhaupt an, das zu definieren?

Weil das die Foundation ist, Doktor. Das hat Cassie gemeint. Es geht nur um Macht, Macht, um zu entscheiden, was und was nicht richtig ist, Macht, um Wände und Linien und einen Moralkodex, der nichts bedeutet, nirgendwo hinführt, zu erschaffen. Die Foundation existiert nur aus einem einzigen Grund: um sich zu beschützen und zu fördern. Und niemand erinnert sich, warum oder wofür.

Gabriel: Versuchen Sie, Ihr Schicksal zu besiegeln? Das ist Verrat.

Hawley: Das denkst du immer noch? Nachdem du davon gehört hast? Nachdem du von den Tausenden gehört hast, die einfach – gegangen sind?

Gabriel: Ja. Immer.

Hawley setzt sich auf und starrt Gabriel an.

Hawley: An welchem – An welchem Standort, sagtest du, warst du nochmal vor 19, Doktor?

Gabriel starrt Hawley mehrere Sekunden lang an und lächelt dann langsam.

Gabriel: Ich glaube, da gab es einen Anhang an diesem Dokument.


Anhang 6005-1: Beschreibung von Projekt Listig

Projekt Listig ist ein weitreichendes Projekt zur psychologischen Umorientierung, das von [ZENSIERT] entworfen wurde. [ZENSIERT] bemerkte die erfolgreiche Verwendung von Traumanalyse bei der Eindämmung von SCP-4321 und schlug die Verwendung von Traummanipulation vor, um die Art und Weise zu verändern, wie SCP-6005 von SCP-6005-B wahrgenommen und verwendet wird.

Der fundamentale Bestandteil von SCP-6005 war SCP-6005-A und das Gefühl der Zufriedenheit und positiven Lebenserfahrung, das aus seiner Erschaffung und Verwendung resultierte. Folglich ist das primäre Ziel von Projekt Listig, negative Assoziationen mit SCP-6005-A bei SCP-6005-B zu erzeugen und eine alternative konzeptionelle Sphäre zu schaffen, in der SCP-6005 sich selbst eindämmen würde.

Dies wurde erreicht, indem die Idee, durch Medikamente und psychologische Trainings, implementiert wurde, dass der "Garten" eine menschliche Erfindung wäre, die der Natur aktiv Schaden zufügen würde, anstatt in Harmonie mit ihr zu existieren, und dass jegliche Aktivitäten der Gestaltung oder Interaktion mit dem Garten der Flora und Fauna des Gartens aktiv Schaden und Schmerz zufügen würden.

Das zentrale "Garten"-Motiv ist dann mit dem "Wald"-Motiv ersetzt zu werden. Dieses Motiv fördert das Wachstum und das Vordringen des Waldes in die Traumwelt, wobei die Aspekte vom "Gesetz des Dschungels" im Waldleben betont werden, um den Wald als einen Ort ohne Kooperation zu präsentieren. SCP-6005-B-Instanzen werden gelehrt werden, dass Isolation, Dunkelheit, dichtes Gewächs und das Meiden von anderen Instanzen notwendig für das weitere Überleben und ethische Leben wäre.

Eine beunruhigende Nebenwirkung davon ist eine Anzahl von Symptomen von Traumata, die bei SCP-6005-C-Instanzen auftauchen, wobei sich Symptome von Depression und PTBS häufen. Einige Mitglieder des Ethikkomitees waren von diesem Trend besorgt, zogen jedoch ihre Einwürfe zurück, nachdem sie auf die potenzielle Bedrohung von SCP-6005 und das Versagen anderer Sicherheitsmaßnahmen hingewiesen wurden.

Sobald sie implementiert worden ist, konnte sich die Idee memetisch durch SCP-6005 verbreiten. Seit dem 20.09.1984 kann SCP-6005 als vollständig sich selbst eindämmend betrachtet werden. SCP-6005s Bedrohung wird jetzt als effektiv neutralisiert angesehen, da es unwahrscheinlich ist, dass seine Mitglieder irgendeine große Bedrohung für die Normalität darstellen.


Anhang 6005-2: Beispielhafte Befragung einer 6005-B-Instanz während des Umwandlungsprozesses

[ZENSIERT]: Hallo, Cassie.

6005-435: Hallo, Sir.

[ZENSIERT]: Wie geht es dir heute? Geht es dir gut?

6005-435: Ja, Sir.

[ZENSIERT]: Sie sagten mir, du würdest nicht so viel essen. Ich hoffe, das hat sich geändert.

6005-435: Ein bisschen, Sir.

[ZENSIERT]: Gut. Gut.

Das Geräusch eines zurückgeschobenen Stuhls kann gehört werden.

[ZENSIERT]: Also, hör zu, Cassie, weil das hier wichtig ist. Ich höre, es gab vor kurzem ein paar Vorfälle.

Es gibt keine Antwort.

[ZENSIERT]: Hast du wieder den Garten besucht?

6005-435: … Nein, Sir.

[ZENSIERT]: Ich denke, du lügst mich an, Cassie.

Es gibt eine weitere Pause.

[ZENSIERT]: Es ist in Ordnung. Du kannst mir alles sagen. Darum bin ich hier. Du bist hier sicher. Du brauchst nicht –

6005-435: Sprechen Sie nicht zu mir, als wäre ich ein Kind. Ich bin 17.

[ZENSIERT]: Cassie!

Es gibt ein leichtes Schlurfgeräusch.

[ZENSIERT]: Du musst uns vertrauen, Cassie. Wir wollen bloß helfen. Darum sind wir hier. Um Menschen zu helfen.

6005-435: Es ist nur …

[ZENSIERT]: Ja?

6005-435: Ich verstehe nicht, wie es unnatürlich sein kann. Wir haben einen Ort erschaffen, der hell war, der frei war. Er war wunderschön. Wir haben nichts zerrissen, wir haben nichts – wir waren glücklich. Ich habe vorher noch nie eine Nachtigall gehört.

[ZENSIERT]: Nachtigallen gibt es auch in Wäldern.

Es gibt ein krachendes Geräusch.

6005-435: Ich will nicht in den Wald gehen! Ich will, dass es so ist, wie es war. Ich will die Wege entlanggehen und meine Arme strecken, ich will – warum? Warum müssen wir – wir –

6005-435 fängt an zu schluchzen.

[ZENSIERT]: Oh, Cassie. Ich bin so enttäuscht von dir. Wir haben das doch schon einmal besprochen.

6005-435: Ich weiß, nur – ich verstehe nicht –

[ZENSIERT]: Ich bin schrecklich überrascht von dir, wirklich. Du bist ein intelligentes Mädchen. Du musst es wieder vergessen haben. Weißt du nicht, wie viel sie schreien? Es liegt nicht bei dir zu entscheiden, wo sie zu wachsen haben und wo zu leben. Es liegt bei ihnen. Sie wachsen, wie sie wachsen möchten.

6005-435: Ich – Ich weiß, aber ich kann es nicht fühlen, ich kann es einfach nicht.

[ZENSIERT]: Du hast es wirklich vergessen. Soll ich dich daran erinnern?

6005-435: N-nein, bitte, Sir, nicht schon wieder –

[ZENSIERT]: Du musst es verstehen, Cassie.

6005-435: Ich verstehe es, ich verstehe es wirklich …

[ZENSIERT]: Ich denke, du lügst.

Es gibt ein Geräusch einer Tasche, die durchwühlt wird.

[ZENSIERT]: Du musst es dir wieder anhören, Cassie. Ihren Schmerz. Ich weiß, es macht keinen Spaß, aber du musst wissen, was du ihnen antust. Sie können sich nicht wehren. Sie sind nur Bäume.

6005-435: Bitte …

[ZENSIERT]: Was hast du mich gefragt, als ich das letzte Mal hier war? Was die anderen erzählt haben?

6005-435: … Sind Sie ein Engel?

[ZENSIERT]: <lacht> Also, es ist natürlich nicht wahr. Ich teile nur den Namen mit einem. Einem Erzengel. Der, der kam und Maria erzählte, was sie tun musste, was wahr war. Und jetzt bin ich hier, um dir zu erzählen, was wahr ist, Cassie.

6005-435: Es tut mir leid.

[ZENSIERT]: Es ist in Ordnung. Wir sind nur hier, um zu helfen. Wir sind immer hier, um zu helfen.

<Ende des Protokolls>


Hawley: "Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth".

Gabriel: Ich bin kein Größenwahnsinniger, Hawley. Ich bin nur ein Doktor. Ich habe nur das getan, was ich tun musste.

Hawley: Ja. Korrekte und bessere Eindämmung, stimmt's?

Gabriel: Das Ethikkomitee hatte kein Problem mit meinen Handlungen.

Hawley schnaubt laut.

Hawley: Du hattest immer noch eine Wahl, Gabriel. Du hättest die Dinge immer noch anders regeln können.

Gabriel: Und Sie? Wie unterscheiden Sie sich von mir? Sie sind jetzt jahrelang ein Agent der Foundation gewesen. Sie sind so schuldig wie ich.

Hawley: Das sind wir alle, jeden Tag. Aber als du geschützt wurdest, Glück hattest, die dunklen Orte der Welt meiden konntest – wenn du so bist, und du stehst vor Macht, hast du eine Wahl. Du kannst tun, was du tust, was Caspar und Adler taten, und einfach deinen Kopf senken und so tun, als wäre alles gut, als wäre es in Ordnung, dass die Himmel dunkel und die Gebäude grau sind. Oder du kannst tun, was ich getan habe.

Gabriel: Oh? Und was haben Sie getan?

Hawley lächelt langsam.

Hawley: Es gab eine Sache, die mich immer gestört hat. Wir haben nie eine gute Beschreibung des Gartens bekommen. Es wurde immer über ihn gesprochen, aber wir haben nie herausgefunden, wie er aussah. Ich frage mich, wo der schönste Ort war, um sich hinzulegen, um sich hinzulegen und auf die Wolken zu schauen.

Gabriel: Das hat Sie gestört? Sie haben versagt! Sie haben nie herausgefunden, warum sie verschwunden sind!

Hawley: Oh, dieser Teil war letzten Endes einfach.

Gabriel: Das war er?

Hawley: Weißt du, was Kaskadien ist, Doktor? Als eine Bioregion?

Gabriel: Ich bin nicht besonders interessiert an Umweltschutz.

Hawley: Das Konzept ist simpel: Eine Umweltregion, in der Gemeinschaften, die gelebten Systeme von Menschen, mehr Sinn ergeben, wenn sie an bestimmte Umweltzonen gebunden sind. Es ist eine interessante Idee; eine harmonischere Lebensweise. Diese ganze Region, mit ihren Bergen und Wäldern, die von miteinander verbunden Gemeinschaften verwaltet wird, die aus der Welt um sie herum schöpfen.

Gabriel: Faszinierend. Und was hat das mit irgendetwas zu tun?

Hawley: Was das bedeutet, du Dummschwätzer, ist, dass du keine Ahnung hattest, was du getan hast.

Gabriel: Es besteht keine Notwendigkeit für diese Sprache. Ich bin nur meiner Funktion als Doktor der Foundation nachgekommen.

Hawley: Ja, die Funktion, die sie verstecken und vergraben mussten, weil sie die Schande nicht ertragen konnten. Du hast vergessen, dass ein telepathisches Netzwerk ein Netzwerk ist. Ein System. Etwas, das von Natur aus miteinander verbunden ist und zusammenhält. Du hast die psychische Energie nicht nach innen gewendet, du hast sie einfach an einem günstigeren Ort versteckt.

Gabriel: Das verstehe ich nicht.

Hawley: Nein, ich nehme nicht an, dass du es verstehst. Du verstehst nicht, was Menschen sind, oder? Sitzt in deinem kleinen Büro, addierst Zahlen, lässt deinen netten Anzug bügeln. Verstehst du, was Macht mit dir gemacht hat? Oder warst du schon immer so?

Gabriel: Nun gut. Wenn Sie nicht kooperieren werden, dann denke ich, dass wir hier fertig sind. Ich denke, sie werden Sie für so etwas nach Arizona schicken.

Hawley: Für was? Wie gesagt, ich habe keine Ahnung, warum ich hier bin.

Gabriel: Sie haben es selbst gesagt. Wir haben Macht; Sie nicht. Und wir wollen, dass Sie verschwinden.

Hawley: Hmm. Nun, so kann man es auch sehen. Nur eine kleine Frage, Doktor.

Hawley steht auf.

Hawley: Wo, denkst du, befindest du dich gerade?

Gabriel schaut sich um. Er und Hawley sind in einem dichten Wald und sitzen an einem geschnitzten Holztisch. Es ist später Nachmittag und der Tag ist wolkig.

Gabriel: Wa– Was zur Hölle?

Hawley: Psychische Energie wendet sich nicht einfach nach innen. Sie verschwindet nie. Sie brodelt, sie brennt, sie findet neue Wege. Du hast ihr befohlen, ein Wald zu werden, also hat sie einen gefunden. Vom Yukon zum Kap.

Gabriel: Wie sind wir hier gelandet?

Hawley: Ich habe dich unter Drogen gesetzt und dich hierher gebracht. Und dann haben die Bäume den Rest erledigt. Erstaunlich, was Menschen unter dem Einfluss der Telepathie nicht bemerken. Ich habe einmal eine wahnsinnig tolle Urne in der Ecke eines Raumes übersehen.

Gabriel: Ich verstehe nicht, ich – was zur Hölle ist hier los?

Hawley lacht bitter.

Hawley: Ausdrucksweise, Doktor! Ich habe ihnen von dir erzählt. Ich habe ihnen gesagt, was du getan hast. Sie sind alle hier, Doktor. All deine alten Freunde. Wie du es ihnen gesagt hast.

Eine Figur taucht zwischen den Bäumen auf. Sie hat die Größe und Proportionen einer Frau in ihrer späten Jugend, aber besteht vollständig aus Holz. Ihr Gesicht ist eine statische Schnitzerei, dieselbe wie bei der Figur in Standort 1015, dieselbe, die Cassie Higgins trug, als sie keine anderen Optionen sah.

Gabriel: Wer – Was ist das? Ist das ein Scherz?

Hawley: Nein, Doktor. Keine Scherze hier. Sie wissen genau, was du getan hast. Was sie verloren haben. Sie kamen alle hierher und haben sich selbst verloren, weil es keine andere Option mehr gab.

Eine hölzerne Hand taucht von einem Baum auf und greift Gabriel an der Schulter.

Gabriel: Nimm – Nimm das weg! Verflucht, Hawley, nimm das weg!

Hawley: Warum? Es übt nur seine Macht aus. Welche Stücke es wiederbekommen konnte. Die Drachen brüllen schon wieder.

Mehr Hände tauchen vom Baum und aus der Erde auf, jede von ihnen greift ein Glied von Gabriel. Er wehrt sich, aber ohne Erfolg. Hawley lacht wieder und nimmt eine Zigarette. Die Figur schaut leise zu.

Gabriel: Du kannst das nicht machen! Es ist nicht natürlich! Ich habe getan, was getan werden musste, ich habe –

Die Hände fangen an, Gabriel zum Baum zu ziehen. Risse beginnen, sich in der Rinde zu öffnen.

Gabriel: Du – Halte sie auf, Hawley! Halte sie sofort auf! Es ist nicht richtig! Du kannst mir nicht sagen, was natürlich ist und was nicht!

Hawley dreht sich um und bringt sein Gesicht ganz nah an Gabriels.

Hawley: Du auch nicht.

Gabriel schreit und wehrt sich weiterhin. Die Hände ziehen ihn zum Baum. Hawley wirft die Zigarette auf den Boden und geht davon, sanft pfeifend. Die Figur hört nur zu.

Ein wenig später regnet es. Die Zigarette wird zu Matsch. Der Tabak verteilt sich auf der Erde, nicht von ihr zu unterscheiden, davon aufgeweicht.

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