Objekt-Nr.: SCP-382-DE
Klassifizierung: Ausstehend
Bedrohungsstufe: X Unbestimmt
Sicherheitsmaßnamen: Da derzeit keine handfesten Informationen über die Natur/Naturen von SCP-382-DE und dessen jeweiligen Unterobjekten vorliegen und folglich kein Wissen über deren Eindämmbarkeit zur Verfügung steht, ist die Entwicklung von Eindämmungsmaßnahmen nur unter schweren Einschränkungen oder z. T. noch nicht möglich. Demzufolge ist SCP-382-DE mit dem aktuellen Kenntnis- und Erfahrungsstand der Foundation nicht eindämmbar, wodurch lediglich reaktionäre Standard-Amnesizierungs- und Desinformationsprotokolle zur Bearbeitung von Schleierleckagen wirksam zum Einsatz kommen können.
Als Reaktion auf diese Situation haben alle Bemühungen hinsichtlich SCP-382-DE in erster Linie zunächst auf Daten- und Informationserhebung zwecks Erreichens eines Status Continentur abzuzielen.
Das die Überreste der Residenz von SCP-382-DE-A umfassende Grundstück ist über eine Foundation-Schein-Person aufgekauft, anschließend unbemerkt durchsucht und ausgeräumt worden. Ebendieser Grundbesitz ist gegenüber unbefugten Betretens mit handelsüblichen Grundstücksbegrenzungen, wie beispielsweise Maschendrahtzäunen, abgesichert sowie mit vereinzelten als Einbruchmeldeanlage dienenden passivinfrarot-angesteuerten Videokameras überwacht. Es ist nicht vonnöten, Personal vor Ort zu stationieren.
Genannte und alle zukünftig konfiszierte Asservate sind im zuständigen Standort-DE20 zu lagern.
Beschreibung: Bei SCP-382-DE handelt es sich um eine Kollektivbezeichnung für ein anomales Phänomen, dessen Existenz der Foundation ausschließlich durch zahlreiche Zeugenaussagen, gefundenen Notizen und mit denselben in Verbindung stehenden Ereignissen bezeugt wird. Es ist nicht abschließend bestätigt, was SCP-382-DE konkret ist. Momentan sind zwei Entitäten mit der Designation SCP-382-DE-A und -B sowie eine mutmaßliche Entitätenklasse mit der Designation SCP-382-DE-1 katalogisiert (s. u.). Des Weiteren fällt ein Konglomerat an Aufzeichnungen und Niederschriften in die Causa SCP-382-DE.
Bisher konnte die Foundation über ordinäre Verfahren SCP-382-DE nicht nachweisen; alle gegenwärtig bekannten Beschreibungen und Informationen über das Objekt werden aus den Zeugnissen exzerpiert.
Bislang wird es seitens der Foundation als wahrscheinlich angenommen, dass es sich bei SCP-382-DE um ein psychologisches - eventuell auch das kollektive Unterbewusstsein mit einschließendes - Phänomen oder um ein Phänomen anderer Existenzebene handelt. Ansätze für diese Hypothese finden sich unter anderem in den mutmaßlichen Aufzeichnungen von SCP-382-DE-A/-B, welche Informationen über mit solchen Phänomena übereintreffenden Eigenschaften führen. Restriktive ist jedoch einzuräumen, dass das geborgene Material keine zweifelsfrei gesicherte Quelle darstellt, die auf den Foundation-Wissenschatz nutzbringend anwendbar ist.
SCP-382-DE als Sammelbezeichnung umfasst, nach dem derzeitigen Verständnis der Foundation, eine Reihe halluzinierter Entitäten unterschiedlicher Erscheinung, Wirkung auf den Betroffenen und Verhalten während des Perzipierens, die sich im Sichtfeld eines psychologisch hinsichtlich des Todes oder Nekrophobie traumatisierten Kindes im Alter zwischen drei und sechs Lebensjahren manifestieren. Die genauen Umstände und Risikofaktoren für eine Manifestation der Anomalie sind weiterhin unklar, da das unten aufgeschlüsselte Beschwerdebild in Kreisen der benannten Traumatisierten signifikant unterrepräsentiert ist.
Als SCP-382-DE-A und -B werden hier zwei angebliche anomale Entitäten menschlichen Phänotyps o. g. Klassifikation designiert, die historische Bewandtnis in der Causa SCP-382-DE-1 haben (s. u.) und bisweilen würden diese in halluzinierter Form von Augenzeugen bis heute gesehen. SCP-382-DE-A sei laut Zeugenberichten ein phänotypisch weißer Mann, der ausschließlich in einem schwarz-beige farbenen Anzug und stehts in der Begleitung von SCP-382-DE-B auftrete. Augenzeugen beschrieben ihn mit Durchschnittsstatur und kurzem dunklen zu einem Seitenscheitel gekämmten Haar. Es handle sich bei ihm um eine sehr schweigsame Entität, die zumeist - so die Zeugen - im Hintergrund agiere. Das Gegenteil davon sei SCP-382-DE-B, eine großgewachsene schwarzhaarige Frau, die ähnlich SCP-382-DE-A immer gleich aussehend, in einem langen lilafarbenen Kleid in Erscheinung trete. Beiden Entitäten ist gemein, dass sie dem halluzinierenden Subjekt gegenüber höflich und zuvorkommend aufträten sowie auch bemüht seien, verbal zu kommunizieren. Die Subjekte seien dabei der deutschen Sprache in sinnvoller und dem Empfänger angemessener Artikulation mächtig. Untersuchungen und in deren Rahmen getätigte komplementäre Aussagen legen nahe, dass die Entitäten nicht an das Sichtfeld des jeweiligen Subjektes gebunden sind und sich frei im Raum bewegen könnten. Bei benannten Untersuchung wurden den Probanden Eye-Tracking-Systeme in Brillenform aufgesetzt, mit deren Hilfe die obenstehende These im Testzeitraum belegt wurde. Interessanterweise nahmen augenscheinlich sich im selben Raum befindliche infizierte Subjekte SCP-382-DE-A/-B simultan an der gleichen Stelle wahr. Dies legt nahe, dass SCP-382-DE eventuell zwar anomal halluzinativer, aber nicht ausschließlich individuell psychophatogener Natur ist, sondern viel mehr als Vermögen oder Sensitivität und damit einhergehender Anfälligkeit für die pathogene Wirkung der -1-Instanzen verstanden werden kann. Zu den historischen Realpersonen, die hinter SCP-382-DE-A und -B vermutet werden, siehe übernächster Paragraph.
Die Wirkung derselben Entitäten wird i. d. R. von den Zeugen als sehr positiv und zuträglich beschrieben, weil dieselben diesen in Worten beistünden und in der Lage seien, die „Mumien zu vertreiben”, sprich sie - umgangssprachlich formuliert - folglich auch vor SCP-382-DE-1 zu schützen. Aus dem Gesagten lässt sich ableiten, dass die Entitäten die Rolle imaginärer Freunde bzw. Beschützter einnähmen. Versuche, über die betroffenen Subjekte als Vermittler mit SCP-382-DE-A und -B zu kommunizieren, scheiterten mangels der angeblichen Kooperativität der Entitäten.
SCP-382-DE-A und -B existierten dem derzeitigen Wissenstand der Foundation nach auch einst in physischer Form: Es wurde ermittelt, dass die Entitäten einst Bürger der deutschen demokratischen Republik (DDR) waren und zwischen 1946 und 1971 hinsichtlich SCP-382-DE forschten und wirkten. Inzwischen ist auch eine teils ausgebrannte Immobile in ██████████, Sachsen ausfindig gemacht worden, in welcher die Entitäten zu Lebzeiten nachweislich ihre Forschungen betrieben. Hier wurden ebenfalls Überbleibsel einer sehr regen Korrespondenz und zahlreiche Notizen sichergestellt. Viele potenzielle Asservate waren ob des Brandes unbrauchbar und nicht mehr funktionsfähig; gleiches gilt, was schriftliches Material anbetrifft. Wie aus geborgen Denkschriften hervorgeht, ist das Haus vorsätzlicher Brandstiftung seitens der ehemaligen Bewohner zum Opfer gefallen. Das Grundstück, auf dem sich die Ruine befindet, ist im Grundbuch der DDR auf einen bislang nicht identifizierten J. ██████ eingetragen. Die bürgerlichen Namen von SCP-382-DE-A und -B sind bislang ungesichert, jedoch ist gewiss, dass die Realpersonen Pseudonyme führten. So titulierte sich SCP-382-DE-A als „Byatsch” und SCP-382-DE-B als „Aschla”. Da sich diese Pseudonyme auch in offiziellen Dokumenten und sich Implikationen diesbezüglich in den benannten Notizen finden, steht zu vermuten, dass auf den Namen ein informationeller Effekt liegt.
Über SCP-382-DE-1 ist aus Foundation-Forschung nicht viel bekannt. Dem zur Verfügung stehenden Quellenmaterial SCP-382-DE-As zufolge handle es sich um als "Mumien" bezeichnete und als Kreaturen kategorisierte halluzinatorische Pathogene, denen die traumatisierten Kindern auf nicht anhand der Quelle unmittelbar nachvollziehbare Weise als Nahrungsquelle dienen. Hierbei unterteile sich der Konsum in zwei Phasen (s. u.). Die Instanzen würden, der Quelle nach zu urteilen, einer Art Parallelrealität oder Taschendimension in die Basisrealität entsteigen, um ihrem Jagdmuster nachzugehen. Ebendieses bestünde wie bereits beschrieben darin, Opfer anhand der o. g. Kriterien zu erlesen und sich ein effektives Jagdterritorium um den täglichen Lebensbereichen des Opfers aufzubauen, in welchem es patrouilliere. SCP-382-DE-1 machten dem Quellenmaterial nach eine zielgerichtete Jagd auf ihr erwähltes Opfer und konsumierten zunächst derer sogenannte „Essenz” in regelmäßigen Abständen, wobei sich die Entitäten individueller und dem Opfer angepasster Jagdstrategien bedienten, die Finten, Hinterhalte und Verfolgungsjagden umfassten. Ebenso ist eine gewisse Neigung gegenüber Verängstigung der Opfer überliefert, deren genaue Zweckmäßigkeit ungewiss ist. Der Konsum dieser „Essenz” habe körperliche Begleiterscheinungen, die sich den Aufzeichnungen nach in Ermüdbarkeit, Schlaflosigkeit, Abgeschlagenheit, verringerter Resilienz, hormoneller Regungen, Pigment- sowie Farbstoffmangel und in schweren Fällen in Autoimmunerkrankungen zeigten. Opfer würden, sobald sie keine „Essenz” mehr besitzen, von SCP-382-DE-1 Instanzen entführt und anschließend auf allgemeinverständliche Weise konsumiert.
Im Kontext von SCP-382-DE-1 ist in den referenzierten Aufzeichnungen der Begriff des sogenannten „Sarkophags” auffallend häufig im Gebrauch, der nicht mit einem definitionsgemäßem Sarkophag zu verwechseln ist. Dessen genaue Funktion wird lediglich impliziert und ist nicht abschließend verstanden. Diesbezüglich heißt es in den Niederschriften: „Die jeweiligen Existenzen der Mumien in unserer Welt bedürfen zum Bestehen einem ,Sarkophag', der in einem gangbaren Gegenstand gefunden werden kann” (Siehe: Konvolut ab 1963).
Ob die Einordnungen SCP-382-DE-As jedoch zutreffen und ein Bild der tatsächlichen Realität abzeichnen ist ob der vorherrschenden Beweisarmut zum jetzigen Zeitpunkt fraglich.
Momentan sind der Foundation sieben Fälle von SCP-382-DE bei Kindern mit den obengenannten Eigenschaften bekannt, wobei einige der Subjekte auch körperliche Symptome aufweisen, die mit den geschilderten übereinstimmen. Dazu kommen zwei Vermisstenfälle, welche in Erwägung kämmen, mit SCP-382-DE in Verbindung zu stehen. Diese Augenzeugen berichteten von der Erscheinung SCP-382-DE-1s: Diese sollen phänotypisch der einer nach altägyptischen Rezept mumifizierten Leiche gleichen. Häufig ist hierbei von freilegenden Gebeinen, den charakteristischen Leinenwickel und der schwarzen lädierten Haut sowie dem ob Organentfernung eingefallenen Unterleib die Rede. Vier der sieben betroffenen Individuen gaben Auskunft, dass sie SCP-382-DE-A und -B in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu den ersten Manifestationen SCP-382-DE-1s sahen. Alle Betroffenen legten gleichermaßen eine beschützende Funktion der A- und B-Entität nahe.
Entdeckung: Die Entdeckung von SCP-382-DE im Dezember 2023 war ein Zufallsbefund, der im Zuge einer Razzia gegen identifizierte Mitglieder der Interessengruppe Zirkel der Neodruiden stattfand. [DATEN GELÖSCHT] Die operierende MTF DE10-ℭ „Bluthunde“ stellte die fußläufig flüchtigen Interessenpersonen wenig später in einer modernen Wohnhausruine abseits des urbanen Gebietes, die sich später als die ehemalige Wirkstätte von den mutmaßlichen Realpersonen hinter SCP-382-DE-A und -B herausstellen sollte, sicher. Nach der Verhaftung wurden die Foundation-Agenten dem durch den Brand in Mitleidenschaft gezogenen, aber teils intakten Keller des Bauwerkes gewahr, in dem sich die Flüchtigen verschanzt hatten. Darauffolgende Begehungen durch spezialisiertes Personal führten zu dem Schluss, dass das Gebäude im Zusammenhang zur Astralmagie stand, wie zahlreiche in die Wände profilierte Runen und asservierte Reliquien bewiesen. Rechercheteams instaurierten die das Feuer überstandenen Schriftzeugnisse stückweise, was Informationen über SCP-382-DE-1 und die Realpersonen hinter -A und -B an den Tag förderte.
Intranetcrawler der Foundation wurden auf das rekonstruierte Symptombild in Patientenakten und der polizeilichen Kartothek angesetzt. Suchtreffer wurden von der Foundation unter maßgeschneiderten Deckgeschichten aufgesucht, dokumentiert und inquiriert. Unter Zuhilfenahme dieser verschiedenen Quellen wurde SCP-382-DE aufgearbeitet, jedoch nie seitens der Foundation zweifelsfrei nachgewiesen.
Recherchezugang erkannt.
Sehr geehrter Herr Meister B. A. Byatsch,
mit diesem Schreiben setzten wir Sie darüber in Kenntnis, daß die Akademie Dresden Ihren Antrag auf Erwerb des Großmeistertitels auf Grundlage der Charta der Magierakademie zur Verleihung astrahlakademischer Grade Sie zum Promotionsprozeß stattgibt.
Mit dem Abschluß des Meisters und des Bakkalaureus an unserer Lehranstalt 1949 steht Ihnen nun der konsekutive Großmeistergrad offen, den Sie sich mit Ihrer schriftlichen Dissertation zum selbstgewählten Thema "Mumien - Kinderjagende Astrahlwesen" erarbeiten möchten.
Das Prüfungskomitee möchte Sie jedoch bezüglich Ihrer Themenwahl darauf hinweisen, daß der Akademie keine Kenntnis über Ihren Forschungsgegenstand vorliegen. Sollten Sie angesichts der Literaturarmut der Akademienbibliothek Ihr Prüfungsthema revidieren wollen, so steht Ihnen der Anspruch auf Themenwechsel bis zum 03.09.1954 über brieflichen Wege zu.
Mit freundlichen Grüßen
Magister Müller
Sehr geehrter Herr Meister B. A. Byatsch,
mit Ihrem Bestätigungsschreiben vom 15. August ist Ihr Prüfungsthema nun fest auf Sie eingetragen worden und das Anrecht auf Revision ist mit dem heutigen Tage, dem 03. September 1954, ausgelaufen.
Ihr Bearbeitungsthema ist „Mumien - kinderjagende Astrahlwesen”.
Dieses Thema und Ihre Arbeitsthese haben Sie zu Ihrer ersten Konsultation am 02.09.1954 um sieben Uhr der Früh Ihrem Mentor, Herrn Großmeister Doktor Professor Ulrich Giebel, zur Ersteinsichtnahme und Zeitplanerstellung vorzulegen und Sie werden über alle Modalitäten unterrichtet werden. Die Ergebnisse ebendiesen Treffes sind sowohl von Herr Großmeister Dr. Prof. Giebel als auch vom Dissertationsautor mit der Unterschrift zu quittieren. Veranschlagt wird eine Promotionszeitspanne von viereinhalb Jahren; diese ist allerdings nicht verbindlich.
Die von Ihnen beantragten Arbeitsmittel und Zugänge zu den magiologischen Forschungseinrichtungen wurden Ihnen von der Abteilung für Verwaltung genehmigt.
Mit freundlichen Grüßen
Magister Müller
Dresden, den 01.09.1954
Haenel-Clauß-Platz 17
01069
Sehr geehrter Mieter,
Ihre Mietvereinbarung wurde auf Ihren Wunsch erfolgreich um weitere drei Jahre verlängert. Wir, die Studentengewerkschaft, freuen uns, Sie weiterhin als Mitbewohner bei uns zu wissen.
Ihnen entstehen die gekannten Kosten in Höhe von 72,80 Deutsche Mark Kaltmiete jeden Monat.
Mit besten Grüßen
Ihre Amalia Fischer, i. A. der Studentengewerkschaft
Werteste Aschla,
ich habe soeben den Brief der Akademie, der mir heute zukam, erbrochen und in ihm steht, daß mich meine Hochschule zur Großmeisterprüfung zulasse. Sie glauben ja gar nicht, wie über glücklich ich bin. Ich habe die frohe Kunde auch sogleich an meinen sowjetischen Korrespondenten Dimitrie zugestellt, falls Sie sich an ihn erinnern.
Ich wollte mich noch einmal bei Ihnen vom ganzen Herzen für Ihre Hilfe bedanken, ohne die ich nie so weit gekommen wäre und nie im Leben auf das bisher in der Welt der Wissenschaft unbekannte Phänomena der „Mumien” gestoßen wäre. Vielen, vielen Dank!
Doch es ist nicht nur ein Segen, ein neues Kapitel in der Wissenschaftsgeschichte selbst zu beginnen, sondern gleichermaßen auch ein Fluch, nicht auf bisher Dagewesenes fußen zu vermögen. Trotz Ihrer Zuarbeit, der ich das Alles hier zu verdanken habe, bin ich nun gezwungen, mich von derselben Hilfe zu distanzieren. Extrinsisch, versteht sich. Ich fürchte mich zugegebenermaßen etwas davor, ohne ihre hilfreiche Unterstützung und Quellenmaterial nichts aus dem Boden stampfen zu können, da ich nun auf mich allein gestellt bin.
Für meine Arbeit stehen mir nun auch Räumlichkeiten und Einrichtungen zu Verfügung, mit der ich unsere bisherigen Forschungen ausweiten kann; auch werde ich mich um einen erweiterten Zugang zur Bibliothek bemühen. Ich werde unser gemeinsames Wirken selbstredend nicht vergessen und bei neuen Erkenntnissen nicht zögern, Sie immer auf den Laufenden halten. Vielleicht kann meine Forschung ja dazu beitragen, die Opferzahlen durch die Mumien zu verringern. Ich hoffe es.
Mit besten Grüßen
Ihr Byatsch
Verehrtester Herr Byatsch,
ich beglückwünsche Sie von ganzem Herzen für diese Gelegenheit, die sich Ihnen eröffnet. Ich wünschte zu sehr, meine Wenigkeit könnte je dieses Glück erfahren, aber diesen Werdegang habe ich mir selbst verbaut. Jedoch möchte ich Sie nicht weiter mit meinen für Sie unwichtigen Gebrechen langweilen.
Ich verstehe Ihre Sorgen, welche Sie angesichts Ihrer Großmeisterprüfung hegen, jedoch wage ich bei dem Wissen um Ihre Person stark zu bezweifeln, daß Sie bei Ihrem Können an dieser Aufgabe scheitern. Wir haben lange genug in eigener Sache eruiert, um unsere Forschungen und Ergebnisse nun sinnvoll auf die Kompetenzlandschaft der Akademie avancieren zu können. Mit Ihrer Arbeit werden wir nicht nur Ihnen zu Ruhm verhelfen, wie Sie bereits festgestellten - nein, denken Sie nur an die armen einsamen Seelen, denen wir mit unserer Entdeckung und Ihrem Wirken helfen könnten … Wir wissen um die Zahl und an die womögliche Dunkelziffer will ich gar nicht erst denken.
Ich erinnere mich selbstverständlich an unseren guten Freund Dimitrie. Falls Sie in engerem Kontakt stehen, richten Sie mir ihm bitte meine Grüße aus, wenn Sie so freundlich wären.
Allerbeste Grüße
Aschla
Guten Tag Herr Byatsch.
Ich habe mich nach Ihrer Frage zum Thema Nutzung der Alchemielabore umgehört und bin leider gezwungen Ihnen mitzuteilen, daß dies nur unter strikten Auflagen möglich ist. Dazu müssten Sie sich in erster Instanz an Herrn Magister Müller und Frau Professorin Habicht, Fachbereichsleiterin der Fakultät für Alchemie, wenden. Zugriff auf den zugangsbeschränkten Teil der Akademienbibliothek wird Ihnen leider ohne vernünftige Erklärung und Aufsicht durch Sicherheitspersonal vorenthalten werden. Ich rate Ihnen im Vertrauen - ehrlich zugegeben -, sich von kritischen Werken zu Anfangszeiten Ihrer Dissertation fern zu halten. Sie werden bei Besitz von chartarelevanten Werken unter permanenter Beobachtung stehen, was durchaus einen restriktiven Faktor darstellen könnte.
Des Weiteren habe ich meinen Kalender nach freien Terminen durchsucht und wäre für unsere zweite Konsultation am 10. November zu haben.
Ich muss zugeben, Sie haben sich einen wahrlich interessanten Bearbeitungsgegenstand vorgenommen. Ich freue mich schon auf Ihre Ausarbeitungen und Erfolge, die Sie in diesem Thema mit großer Sicherheit erreicht haben werden. Es ist mir wirklich immer wieder eine Ehre, jungen Menschen auf Ihren Weg in der Akademie zu begleiten.
Auf ein gesundes Wiedersehen!
Großmeister Dr. Prof. U. Giebel, Lehrkraft für helle Magie an der Akademie Dresden
Verehrtester Byatsch,
die Geschichte mit der Bibliothek ist wirklich schade, doch ich muß da Ihrem Mentor zustimmen. Augen aus dem Hintergrund sind für Ihre Arbeit nicht gerade förderlich. Ich hoffe, daß Sie zumindest Zugang zu den Alchemielaboren bekommen. Dies evoziert jedoch Neugierde bei mir: Wozu eigentlich? Ich möchte nicht zu aufdringlich sein, aber was hat Alchemie mit unseren Mumien am Hut?
Bezüglich der Bibliothek könnte ich Ihnen zur Seite stehen. Hier schriftlich in das Detail zu gehen, erscheint mir zu riskant. Wäre es möglich, ein persönliches Treffen zu antizipieren? Sie verstehen doch, so wie in den guten alten Zeiten.
Allerbeste Grüße
Ihre Aschla
Entwurf:
Werteste Aschla,
genieren Sie sich nicht, mir Fragen zu stellen; wir arbeiteten immerhin gemeinsam an dem Fall des totkranken Emils. Zu Ihrer Frage: Ich erinnere mich an eine Vorlesung aus meinem vierten Semester, in dem wir das Thema Astrahlwesen behandelten. Dort führte unser Professor einen Indikatorversuch vor, mit dessen Hilfe es möglich war, Astrahlphänomena in einem gewissen Perimeter durch alchemische Prozeße nachzuweisen und einzuordnen. Er verwendete meinen Mitschriften zufolge eine magisch aufbereitete Beryllumlösung, die er in Kombination mit einem Speicherstein und einem Ritus zur Verfärbung brachte. Anhand der Farbe konnte er sehen, ob Astrahlwesen in unmittelbarer nähe waren und welche Stärke, sprich welcher Existenzklasse, sie angehörten. Dann stellten wir Kristalllinsen zur Sichtbarmachung von Astrahlwesen zwischen 100 kᛒ und 1 Mᛒ her. Ich erhoffe mir, mithilfe von Alchemie einen Vorteil zu verschaffen, indem ich unsere Mumien für Außenstehende nachweisen oder gar sichtbar machen kann. Wer hätte gedacht, daß Alchemie so kompliziert ist. Diesbezüglich werde ich mich an Dimitrie wenden müssen.
Und danke für das Angebot, aber ich muss fürs erste verzichten. Ich befasse mich zur Zeit einschlägig mit Alchemie.
Privet, Byatsch! Alter Drug, schön, daß du dich auch mal wieder bei deinem alten Sputnik Dimitrie soobshchat! Lange nix voneinander gehört und dann kommt er mir nix, dir nix und sagt dir, er macht eine Promotion und braucht dafür deine Spravka.
Mir geht es ausgezeichnet! Spasibo der Nachfrage.
Spaß beiseite: estestvenno helfe ich dir, alter Drug. Zum Theme Indikatorallchemie kann ich dir eine Menge erzählen, und zwar daß Berillius-Metall in besonderer Interdependenz mit realitätsbeugenden Iavlenia zusammenhängt. Legiert lässt sich diese Interaktion sogar noch verbessern und erweitern. Daher hatte dir dein Professor auch ebenden Versuch vorgeführt. Zum Sichtbarmachen von Enitäten der Astrahlebene der ersten und zweiten Ordnung mag die Kristalllinse, die du hergestellt hast vielleicht noch funktionieren, ho wie du selbst festgestellt hast, brachte dir das nix. Ich empfehl' Berillius-Nitrit in salzsaurer Lösung zu zersetzten, während du es mit der Levakur-zaklinaniye behandelst, um eine konzeptuelle Eigenschaftsprägung durchzuführen, und du das entstehende Gas über eine pneumatische Wanne auffängst. Dieses reagiert ionisierend auf Astrahlenergie von Astrahlwesen über 2,2 Mᛒ. Dieses Gas lagerst du in einem hermetisch abgeschlossenen Zylinder, zum Bleistift in einer Phiole, pass aber auf, daß dieses Behältnis durch einen Kathodendraht passiert werden muß. Bei der Anwesenheit stärker Astrahlkreaturen werden Valenzelektronen aus den Molekülen ionisiert, was einen Stromfluss ergibt. Im Grunde ist es ein Radiometer für bestimmte Astrahlenergie. In Kombination mit einem Ampermeter: voilea kannst du die Stärke quantifizieren.
Do vstrechi! Solltest du mal wieder meiner Spravka bedürfen oder einfach so, soobshchat einfach!
Und Danke für Aschlas Grüße und grüß sie mir ganz lieb zurück!
В.Г.
Dimitrie!
Entwurf:
Antrag auf Reaktanten und Equipment.
Sehr geehrte Frau Professorin Habicht,
ich möchte mich bei Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Erlaubnis, die Alchemielabore nutzten zu dürfen, bedanken. Ich würde des Weiteren in diesem Zuge Anfrage auf verschiedenes Equipment und Reaktanten stellen, und zwar bedürfe mein Vorhaben:
- einer pneumatische Wanne
- einem Reagenzglas mit „Schlauchanschluss”
- Deionisiertes Destilliertes Wasser
- Chlorwasserstoffsäure
- einem Levakur-Beschwörungs-Apparaten
- hermetisch dichte Chemikalienbehältnisse Besseres Wort finden
Vielen Dank im Voraus!
Mit freundlichen Grüßen
Byatsch
Werteste Aschla,
ich danke für Ihre Zuarbeit und selbstverständlich weiß ich Ihren Anruf mit zur Luftalarmgeräuschkulisse verändertem Klingelton zur Mitternacht zu entschuldigen angesichts der Situation. Ich habe mein laienmedizinisches Wissen zusammengenommen und eine Anamnese mit dem Mädchen durchlaufen: Sie sei fünf Jahre, Waisenkind und sehe die Mumien schon seit Jahren.
Ebendiese einsteige aus den Schränken, unter der Treppe des Waisenhauses krieche sie hervor und beobachte Marie (das Mädchen) aus der Finsternis heraus. Auch sie sagte, daß die Kreatur wie eine ägyptische Mumie aussähe. Nicht auszumalen, was den armen Kindern widerfährt. Marie ist magern, ihre Haare matt und strohig - sie sei eigentlich gülden und lockig. Es ist wie bei Emil, eh er …
Mich verfolgen diese Bilder, Aschla … Wie es ihm jeden Tag schlechter erging, bishin er in Krücken humpelte und eines Nachts in seinem Bettchen verschwunden war. Er wurde blass, nicht? Nicht kreidebleich, fast wie transparent. Du siehts es doch auch auf unserer letzten Fotographie, nicht wahr?
Ich bitte Sie, ein Auge auf das Mädchen zu werfen! Wenn Sie wirklich geplagt würde und wir anhand von unseren … Erfahrungen den Fortschritt der Heimsuchung realitätsgetreu nachvollzögen, dann müssen wir alle uns verfügbaren Register ziehen. Vertraut sie uns? Im Falle von Bejahung müssen wir alles geben. Ich bitte Sie um Ihre Hilfe, Aschla - zu viel es vielleicht verlangt ist. Ich muss leider aufgrund weiterer Termine hinsichtlich meiner Großmeister-Dissertation aus Leipzig nach Hause zurückkehren. Ich bitte Sie um Ihr Verständnis.
Mit freundlichsten Grüßen
Ihr Byatsch
PS.: Es war mir eine Ehre, Sie nach all den Jahren wieder persönlich getroffen zu haben, Aschla. Passen Sie auf sich auf!
Sehr geehrter Herr Meister B. A. Bayatsch.
das Prüfungskomitee der Akademie Dresden hat zum 20.03.1955 Ihren von Herrn Großmeister Dr. Prof. Giebel überbrachten Entwurf, einschließlich Ihrer Arbeitsthese, abgesegnet.
Des Weiteren wurde Ihnen die beantragten Arbeitsmittel von Frau Prof. Habicht zur Verfügung gestellt.
Wir wünschen Ihnen weiterhin gutes Gelingen!
Mit freundlichen Grüßen
Magister Müller
Privet, moi Drug.
Ich gebe zu, Byatsch, da hast du mir aber eine erstaunlich spezifische Zapros zukommen lassen. Ich habe meinen ganzen alchemischen Wissens- und Erfahrungsschatz zusammengenommen und dir eine Collection an all meinen alchemischen Diagnoseverfahren und -methoden zukommen lassen, die ich dir in dem Packet gebündelt zugestellt habe. Das Parol, um die Scharade auf der Kollokation zu entfernen und den Inhalt in Klartext vor dir vorzufinden, lautet „Rubalax” - in der Hoffnung, daß durch Benutzung eines Chekanka kein allgemeinsprachlicher Zufallsgebrauch den Schleier unvorgesehen lüftet.
Doch ich will dich warnen, moi Drug: Einige dieser Methoden zur Diagnostik können unter Obstoyatelstva, wie fehlerhafter Anwendung, mehr Schaden verursachen, als die eigentliche Krankheit, die sie kenntlich machen sollen. Wie kommt es, daß du plötzlich für Meditsinsky Bedarf bei deinem ehemaligen Sputnik hast? Dir geht es doch hoffentlich gut, oder? Ich hegte den Glauben, daß sich unser Kontakt wieder auf gewohnte Regsamkeit erhole, aber ich habe trotzdem deiner Promotion schon so lange nichts mehr von dir gehört. Schon fast ein dreiviertel Jahr. Da brechen sich die düsteren Gedanken und Ahnungen Bahn … Und dann soll ich dir solch schwere Kost aushändigen und soobshchat nicht mal warum? Bitte versteh, ich mache mir Sorgen um dich, als Drug … als alter Sputnik, als Freund und Kumpel. Schreibe mir doch bitte zurück und lass lesen, wie es dir geht!
Beste Wünsche und viel Uspech bei deiner Dissertation.
Dein Dimitrie!
Verehrtester Byatsch,
Marie und ich treffen uns inzwischen jeden Mittwoch, um uns mit ihrer Mumie zu beschäftigen. Ihr scheint das Gespräch über dieses Thema, in welchem ihr aufrichtiger Glauben geschenkt wird, äußerts wohl zu tuen. Augenscheinlich verbessert sich auch ihr Gesundheitszustand dadurch, ich kann aber noch nicht zweifelsfrei beurteilen, ob dies tatsächlich kausal zusammenhängt. Auf jeden Fall kann ich beruhigt mitteilen, daß im Moment die Lage gut aussieht.
Ich habe ihr im Übrigen unsren Mumienkalender von damals - Sie wissen schon - mit der Bitte ausgehändigt, ihn gewissenhaft auszufüllen, mit den ganzen Sparten wie Sichtungsort, -zeit, -dauer und dem Jagt- sowie allgemeinen Verhalten der Mumie. Und verdächtigen Gegenständen, in der Hoffnung, den Sarkophag auswendig zu machen. Wenn ich ihn finde, bringe ich ihn sofort weg von der Stadt und in wichtigster Instanz von Marie, wo ich ihn dann mit meinem Bann versiegle, um die Mumie kurzweilig in Schach zu halten. Sie wissen leider so gut wie ich, daß diese Lösung nicht von Dauer sein wird. Und der Sarkophag muss zuvor auch erst einmal identifiziert werden. Es ist absolut gefährlich, das zu schreiben, aber momentan bin ich guter Dinge, was Maries Situation anbelangt. Sie werden unverzüglich Kenntnis davon erhalten, sowie ich den Sarkophag in meinen Händen weiß.
Allerbeste Grüße
Ihre Aschla
Dresden, den 20.05.1955
Haenel-Clauß-Platz 17
01069
Mahnung
Sehr geehrter Mieter
Uns ist von Ihren Hausgenossen zugetragen und von Vertretern der Studentengewerkschaft verifiziert worden, daß Sie in Ihrer Mietwohnung inzwischen häufiger Zauber vollzogen, die den im Mietvertrag zulässigen Spielraum weit überschritten. Wir wollen Sie an die in Punkt 12 bis 14 der Hausordnung und Punkt §4 (Abs. 1 bis 5) Ihres Mietvertrages kodifizierten Verhaltensrichtlinien bzw. Vertragsverpflichtungen zur sicherheitsrelevanten Einschränkungen der Ausübung von Magie in Wohneinrichtungen der Studentengewerkschaft erinnern.
Sollten in Zukunft weitere Vergehen dieser Art an den Tag treten, so sieht sich die Gewerkschaft gezwungen, Sie umgehend der Akademie zu melden; die Studentengewerkschaft behält sich des Weiteren das Recht vor, Ihren Mietvertrag bei Zuwiderhandlung fristlos zu kündigen und bei Ermittlungen gegen Ihre Person, die im Vertragsrahmen erhobenen Daten gegen Sie zu verwenden.
Weiterhin auf eine gute Nachbarschaft und ein harmonisches Miteinander!
Amalia Fischer, i. A. der Studentengewerkschaft
Verehrter Herr Meister B. A. Byatsch,
an unsere Konsultation vom 18. Julie knüpfend möchte ich Ihnen gerne noch folgende Zeilen mitgeben: Ich bin, wie ich Ihnen damals schon nahelegte, von Ihrer Arbeitsweise und -einstellung im Nachhinein wenig überzeugt. Inzwischen befinden Sie sich inmitten Ihres zweiten Promotionsjahres und Ihre Ausarbeitung stagniert fort, trotzdem fordern und fordern Sie immer mehr und mehr Mittel des Akademieninstrumentariums nutzten zu dürfen. Sie scheinen selbst nicht zu wissen, was Sie genau tuen, und ebenjener Anschein veranlasst das Prüfungskomitee, Sie zu einem Gespräche zu laden, das im Rahmen unserer für den 29. September veranschlagten Konsultation anstatt derselben sich ereignet haben wird.
Auf ein gesundes Wiedersehen
Dr. Prof. U Giebel
Verehrtester Byatsch,
ich wünsche Ihnen viel Erfolg, strapazierfähige Nerven und vor allem eine ergiebige Improvisationsgabe für in vier Wochen. Sie werden es brauchen; die Professoren der Akademien haben wahrlich Haare auf den Zähnen. Aber wem erzähle ich das?
Selbstverständlich gilt das Angebot mit der Bibliothek noch und ich bin bereit, sowie Sie es sind. Als Treffpunkt veranschlage ich den Lessingplatz in Leipzig, da sich dort eine meines Wissens nach sichere und funktionsfähige Tür befindet. Aber ich möchte Sie im Voraus warnen: die Bibliothekare nehmen es mit der Abgabefrist sehr - wie soll ich sagen - ernst, was dasselbe sagen will, es gibt kein Fristüberziehen, wenn Sie verstehen … Auf weitere Einzelheiten gehen wir dann zur ausgemachten Zeit ein. Apropos Zeit, denn es wird langsam an derselben, weiterzumachen. Maries Gesundheitszustand hat minimal verschlechtert und Ihre Mumie scheint aus ihrer inerten Phase zu erwachen. Noch hält sich die Heimsuchung in Grenzen, aber ich kann schlecht beurteilen, ob sie bereits wieder Essenz abschöpft. Sie werden sie mit Sicherheit am noch zu vereinbarenden Tag antreffen und sich persönlich ein Bild von der Lage machen.
Auf baldiges Wiedersehen
Ihre Aschla
Entwurf:
Werteste Aschla Liebe Aschla,
ich kann zu gut nachvollziehen, daß du Sie entrüstet sind, bei dem, was ich Marie hinter Ihren Rücken angetan habe und ein „Verzeihung” wird dies wohl nicht wieder gerade rücken können werde ich nicht von irgendjemanden akzeptieren lassen; niemand soll sich diese Bürde aus Anstand aufladen müssen. Sie kennen mich nun schon so viele Jahre und wissen vermutlich, daß ich der bodenständigen Sorte Mensch mit eher geringer Tendenz zur Emotionalität angehöre, aber seit Emil trage ich Wunden in mir, tiefer liegend als jeder Dolch stoßen könnte. Wunden tiefer und schmerzlicher, als ich Ihnen gegenüber und mir selbst gegenüber eingestanden habe, weniger als ich sollte. Als ich die Anzeiger sah, überkam es mich und ich fasste den Entschluß zu handeln, koste es, was es wolle.
Ich möchte meine schändlichen, gräßlichen Taten unter keinen Umständen beschönigen oder legitimieren, aber Dimitries alchemische Diagnoseverfahren haben Effektivität gezeigt. Ich möchte Sie nicht mit den Details belasten, aber ich vermute herausgefunden zu haben, wie wir die Mumien nachweisen können. Sagt Ihnen der Begriff des „Imaginären Freundes” etwas? Ihre Bücher gaben mir Klarheit, womit wir es eventuell zu tuen haben könnten … Es sind keine definitionsgemäßen/konventionellen Geister, anders als wir zu Anfangszeiten unserer Forschung dachten.
Ich bitte Sie vom ganzen Herzen, mir noch eine einzige Chance zu geben, Aschla. Bitte, ich flehe Sie an!
Dresden, den 27.08.1956
Haenel-Clauß-Platz 17
01069
Mahnung
Sehr geehrter Mieter
mit diesem Schreiben haben wir Sie offiziell in Kenntnis über Ihre überfällige Mietszahlung in Höhe von 72,80 DM gesetzt, die Sie bitte bis spätestens den 07.09.1956 nachzuzahlen haben. Sollten Sie fälschlicherweise als Nichtzahler angeschrieben worden sein, melden Sie dies bitte auf schnellstem Wege bei Ihrem Vermieter und diese Mahnung ist dementsprechend als nichtig zu betrachten.
Sollten Sie der Zahlungsaufforderung bis zum angegebenen Datum nicht folge geleistet haben, sehen wir uns gezwungen, Ihnen vor der Vollstreckung eine zweite Mahnung zukommen zu lassen. Zzgl. entstehen Ihnen Versäumniszuschläge in Betragshöhe von 7 Prozent Ihrer Monatsmiete.
Weiterhin auf eine gute Nachbarschaft und ein harmonisches Miteinander!
Felix Ambach, Finanzbüro der Studentengewerkschaft
Verehrter Herr Byatsch,
unterirdische Aufführung! Ich beraume hiermit eine verbindliche Notfallkonsultation für den 30.09.'56 in meinem Büro an. Ich schreibe jetzt Klartext: Ist es Ihnen nicht peinlich genug, vom Prüfungskomitee heranbestellt zu werden, ebendiesem nichts vorweisen zu vermögen und sich selbst als lächerlich darzubieten? Sie haben nach zwei Jahren Arbeitszeit nichts zu präsentieren, Ihre Arbeitsthese ist nicht fixiert und Sie haben die Akademie mit Ihren Sonderwünschen bereits um Geldmittel in Höhe von 2.734 DM und 87 Pfennig gebracht. Ist es Ihnen zudem nicht peinlich genug, sich vor dem Erzmagister höchst selbst zu blamieren und Ihren Mentor zudem zu kompromittieren; etwa auch nicht, daß Ihnen alle Mittel vorerst gestrichen wurden sowie daß Sie alle Leihgaben zurückgeben müssen? Sie gehörten einst zu meinen gehobenen und geehrten Mittelklasse-Studenten, aber was Sie hier abliefern, enttäuscht mich zutiefst!
Sie treten das nächste Mal gefälligst nicht mit leeren Händen auf!
Auf ein gesundes Wiedersehen
Gr0ßmeister Dr. Prof. U Giebel, Lehrkraft für helle Magie an der MA Dresden
A vas, navernoye, uze nett vsekh rake na zabore? Zuerst stellst du deinem alten Sputnik Sprasivat hinsichtlich Geisterdetektion und dann alchemischer Diagnostik, meldest dich kaum und wenn dann nur für eine Zapros! Jetzt verlangst du Geld von mir? Gut! Aber in dieser Absurden Höhe? Bei wem hast du dich bitte so stark verschuldet, daß du dich nicht mal über Wasser halten kannst?
Und nu' erbrach ich einen Pismo, der mir eines Tages in den Briefkasten gelangte. Er war von Aschla und - gospod bogue! - was hast du bloß getan, Durak?
Du hast mittelalterliche Praktiken an einem kleinen unschuldigen Mädchen angewandt, die sie hätten auf Lebzeiten zeichnen können! Diese Zaklinaniya waren für schwere dämonologische Besessenheiten und nicht für Heimsuchungen. Und erst recht nicht für Kinder geeignet. Aschla hat ein Bild der Narben beigelegt, die du mit einem Glamour versteckt und mit magischer Amnesie vergessen gemacht hast. Ich bin einfach nur geschockt, Byatsch, Buder, Sputnik. Musst du deinem alten Drug so einen Stoß in das Herz geben? Ich habe dich einst geliebt wie einen Bruder, vielleicht sogar mehr als ich sollte, aber wenn ich höhere was für ein herzenskaltes Cudoviste du in den drei zwei geworden bist weicht jeglicher Anstand von mir. Du hast einst der Charta deine Treue geschworen, so wie ich und nu' verrätst du deine Zaubererkollegen und dazu deinen Sputnik, Dimitrie, und am schlimmsten deine Wegbereiterin, der du all deinen Erfolg zu verdanken hast, Aschla.
Finde zur Besinnung, Drug, oder das war vielleicht das letzte Mal, daß wir voneinander gelesen haben werden.
[Anm. d. F.: Es ist nicht eruiert worden, wann genau dieser Brief verfasst wurde und beim Empfänger einging. Vgl.: "Sonstige Dokumente (Ergänzendes Material)" (1) und (2).]
Dresden, den 30.09.1956
Haenel-Clauß-Platz 17
01069
2. Mahnung
Sehr geehrter Mieter
leider müssen wir feststellen, daß bis zum heutigen Tage trotz stattgegebenen Antrag auf auf verschobene Nachzahlung kein Geld bei uns eingegangen ist. Ihre Schulden betragen 145,60 DM und Versäumniszuschläge von 7 Prozent, ergo 5,10 DM.
Insgesamt betragen unsere Forderungen: 150,70 DM.
Dieser Forderung haben Sie bis spätestens dem 7. Oktober diesen Jahres nachzukommen oder Ihr Mietverhältnis mit der Studentengewerkschaft wird am Ende des Folgemonats gekündigt werden!
Wir hoffen auf Ihre Einsicht!
Felix Ambach, Finanzbüro der Studentengewerkschaft
Dresden, den 30.09.1956
Haenel-Clauß-Platz 17
01069
Zahlungsbestätigung
Sehr geehrter Mieter
hiermit informieren wir Sie darüber, daß Ihre Transaktion erfolgte und Ihr Versäumnis in Höhe von 150,70 DM damit abbezahlt sind. Wir freuen uns, Sie weiterhin als Mitbewohner bei uns willkommen heißen zu dürfen.
Weiterhin auf eine gute Nachbarschaft und ein harmonisches Miteinander!
Amalia Fischer und Felix Ambach, Studentengewerkschaft und Finazbüro
Sehr geehrter Herr B. A. Byatsch,
mit Erhalt diesen Schreibens sind Sie offiziell nach dem Beschluss des Erzmagistergremiums auf Grundlage des 15. und 16. Punktes der Charta wegen unten aufgeführter Vergehen von der Magierakademie Dresden exmatrikuliert. Ihnen Entfallen bis auf weiteres alle Ansprüche an Material-, Unterstützungs-, Versicherungs- und Bildungsleistungen der Lehranstalt. Ihr Mietvertrag bei der Studentengewerkschaft ist bis zum 30.10 befristet und Ihre Mietswohnung bis zu diesem Tage zu räumen; Ihr im Zuge des Magierstudiums erworbener Meister-Titel wird Ihnen von der Akademie unter Vorbehalt abjudiziert. Bis Abschluss des Prozeßes wird Ihnen das Recht entzogen, Magie ausüben zu dürfen und Ihre Bewegungsfreiheit wird bis zur Anhörung auf das Hochschulgelände beschränkt.
Ihnen wird nachweislich zur Last gelegt:
- Gegen die Charta der Magierakademie in den Punkten
- 4. „Die Magierakademie verdammt und ächtet schwarze Magie.”
- 5. „Die Magierakademie bekennt sich zur Geheimhaltung und Diskretion”
- bezüglich Punkt 4. nicht-registrierter und ungenehmigter Besitzes von verbotener Literatur der Lehre schwarzer Magie
- bezüglich Punkt 5. Offenlegung der Akademie im Rahmen einer Korrespondenz mit der bekannten (nicht involvierten) Schwarzmagierin Aschla
- und fahrlässige Offenlegung durch nicht-verschleierten Briefverkehrs mit geheimhaltungskritischem Inhalt mit Folge von Überwachung der Akademie Dresden durch das Ministerium für Staatssicherheit verstoßen zu haben.
- Ungenehmigter Vollzug schwarzer Magie
- Magiemissbrauch in Fällen von
- Anwendung schwarzmagischer Diagnoseverfahren an Kindern mit Inkaufnahme von Verstümmelung derselben
- mehrere Fälle von magischer Geldfälschung in Gesamthöhe von mind. 12.115,73 DM.
- Diebstahl von Akademieneigentum
- ebendas im ganzen Bewusstsein der Strafbarkeit und in vollen Besitz Ihrer geistigen Kräfte begangen zu haben.
Sie haben sich für oben genannte Verbrechen und Verstöße gegen die Charta sowie Ethik der Magie vor dem obersten Gremium der Magierakademie zu verantworten: Ihre Anhörung vor dem Magistrat der MA Deutschland ist für den 01.11.1956 sieben Uhr Ortszeit im Verhandlungssaal der Anstalt antizipiert.
Sie haben sich umgehend nach Erhalt diesen Schreibens bis spätestens Morgen bei dem Sicherheitskörper, am Karzer Ihres Bildungshauses auszuliefern bzw. mit Angabe Ihres Aufenthaltes zu melden, andernfalls werden Sie als flüchtig angesehen und zur Fahndung freigegeben. All Ihr Handeln und Sprechen kann gegen Sie verwendet werden. Sie sind im Namen der Magierakademie und zum Wohle der Zauberergemeinschaft verhaftet.
Gez.:
Magister Müller
Professor A. Jäger
Abschied.
Ich Byatsch, 31 Jahre, einen Monat und siebendzwanzig Tage alt und Bakkalaureus im Fachbereich Technik an der Hochschule Dresden, geboren am 17.12.1925 als Sohn des nie gekannten Vaters … und der über alles geliebten Mutter …, geborene …, wohnhaft in Dresden, Erstgeborener von vier (eigentlich fünf) Geschwisterchen vermache meinem jüngsten Bruder meine Briefmarkensammlung, auf die er immer mit kindlichem nicht-bösem Neide und voller entflammender Leidenschaft blickte; meinen zwei wundervollen Schwestern den wenigen wertvollen Schmuck, den ich von einer vergeblichen Liebe noch mein Eigen nennen darf, und meiner über alles geliebten Mutter meinen übrigen Besitz, was wie der despektierliche Rest wirken mag, aber eigentlich das wertvollste Besitztum beinhaltet, das ich habe. Sie soll meinen Wagen, mein Tafelservice aus Meißner Porzellan, welches ich vorhatte ihr zum Geburtstage zu schenken, und meine werfvollen Reliquien, meine Bibel und das Krippenspiel meiner unvergessenen, geliebten Großeltern ererben. Auch mein Mobiliar, sofern es mein Eigentum noch ist, soll ihrs werden.
Sie sollen wissen, daß ich sie alle von ganzem Herzen über alles auf der Welt liebe. Und sie sollen nicht lange über mich trauern. Sie sollen ihr Leben leben.
Ich bedanke mich für alles, liebste Mutter, dafür, daß du mir das Leben gabst, mich windeltest und badetest, mich nährtest, mich gesund pflegtest, wenn ich Krank war; mich bettetest und über mich im Schlafe wachtest, mir Geduld entgegen brachtest, mir Zugang zur Bildung geschaffen hast, für die Selbstaufopferung, die du dir für mich aufbürdetest; für die Erduldung der Verlegenheiten, die dir meine Dummheiten brachten, und mich zu dem selbständigen Manne erzogen hast, der ich heute bin. Du bist die wundervollste, beste und liebenswerteste Mutter, die man sich, die ich mir nur hätte wünschen können. Daß sollst du wissen. Und ich entschuldige mich für alle Verlegenheiten, für all den Ärger, die ich auch brachte … und hierfür, daß eine Mutter von ihrem Sohn so im Stich gelassen wird und daß ich zu feige bin. Zu feige bin, persönlich danke zu sagen. Zu feige bin, mich der Verantwortung zu stellen, die mich hierzu treibt. Zu feige bin. Zu feige bin, weiterzumachen und aufzustehen.
Lasse meinen Entschluss nicht zu deinem Problem werden, bitte.
Außerdem vermache ich meinem ehemaligen Sputnik Dimitrie Vladimire … die Pappschachteln unter meinem Schreibtisch (samt Inhalt), ich wünsche, daß sie nur von ihm geöffnet werden dürfen.
Ich werde auf unbestimmte Zeit untertauchen und das heißt vielleicht für immer. Im Endeffekt ist es gleich welches Schicksal ich einschlage, ob der Beugung der Gerichtbarkeit oder dem inneren Freigeist, der mich meine öffentliche Identität kostet. Betrachtet mich als tot.
Was heißt schon Rehabilitation? Es ist Indoktrination, das den Abtrünnigen in Hohenmarsch dargeboten wird! Ich bin keiner von denen! Ich ehre die Charta, drum fasse ich diesen Entschluss: 3d „Der Menschheit soll die Magie zum Vorteil gereichen”. Ich gehe mit einer Freundin fort, die mir verziehe. Ich werde meine Forschungen mit ihr beenden, koste es, was es wolle, denn es geht hier nicht um mich, sondern um unsere Kinder, die Kinder der Ostdeutschen, der Westdeutschen, der Franzosen, der Sowjets und allen Völkern. Wir Magier sind Pioniere einer gänzlich neuen Naturwissenschaft; es wird an der Zeit, daß wir diese Tradition fortführen.
Gez.: Byatsch, Dresden den 03.10.1956
Bei vollem Bewusstsein und Verfügbarkeit meiner geistigen Kräfte.
Ab diesem Zeitpunkt scheint eine Zäsur in der Historie der mutmaßlichen Realpersonen hinter SCP-382-DE-A und -B zu liegen. Ausgehend von dem augenscheinlich nie an den adressierten Empfänger überstellten Abschiedsbrief wird angenommen, dass sich SCP-382-DE-A (und -B) der Fehde der Magierakademie mittels Flucht entzog(-en). Diese führten dem Testament sowie nachfolgenden Briefzeugnissen nach ihre Forschungen im Exil in unbekannter Örtlichkeit durch und kehrten aus gegebenem Anlass 1970 in die DDR zurück.
Rechercheteam 25 konnte bis zum heutigen Zeitpunkt keine Dokumente der Abteilung XXV des Ministeriums für Staatsicherheit wiederherstellen, die im Zusammenhang mit der geschilderten Überwachung des Dresdner Bildungshauses steht.
| Schuldschein |
| H.K.N: 83632 |
Zu 4 Prozent |
| 1200 DM wurden von Byatsch bei █████ ███████ notarisch beglaubigt geliehen. Die Forderungen müssen bis zum 23.10.1956 mit einer Verzinsung um vier Prozent erfüllt werden. |
| Leipzig, den 23.07.1956 |
| Bank: sächsische ███████ |
Unterschrift: |
█████ |
| Schuldner: Byatsch |
Unterschrift: |
███████ |
| Gläubiger: ███████ |
Unterschrift: |
███████ |
(1)
| Schuldschein |
| H.K.N: 47713 |
Zu 7 Prozent |
| 11.000 DM wurden Byatsch bei der sächsischen Staatsbank in Bar ausgezahlt. Das Darlehn wird mit sieben Prozent verzinst und jährlich getilgt. Die Zinsen können halbjährig erhoben werden. Das Darlehn wird gegen Rückgabe des auf der Rückseite abquittierten Schuldscheines nach vorgängiger Kündigung nebst den bis zum Ablauf der Tilgungsfrist treffenden Zinsen zurückbezahlt. Die sächsische Staatsbank ist bei der Zahlung der Zinsen oder des Kapitals nicht verpflichtet, die Legitimation des Inhabers des Schuldscheines oder die Echtheit der Quittung zu prüfen, aber sehr wohl dazu berechtigt |
| Dresden, den 02.10.1956 |
| Bank: sächsische Staatsbank Direktorium |
Unterschrift: |
█████ |
| Schuldner: Byatsch |
Unterschrift: |
███████ |
| Bürge: / |
Unterschrift: |
/ |
(2)
Materialliste
- Emil Gunterhofen, 1946, Hers. MA Görlitz, Aktueller Kenntnisstand zur Seelenforschung
- Pneumatrix, 1200, Mortuus in vita
- De la Croix: als Fragment, 1799, Lier l'âme à son propre corps
- Amalia von der Hofen: 1932, Hers. MA Wien, Alchemie Grundlagen: Magische Behandlung von Chemiaklien
- Großmeister Dr. Bernhard Schlummer, 1920, Spuk im Schützengraben: Erklärung von Geistersoldaten auf dem Schlachtfeld des [ersten] Welkrieges.
- Rasputin Gorbatschow, 1901, (z. dt.) Fixierung von Existenz durch unbekannte Bestrebung des Universums.
- Loretta G., unbek., Leihgabe von der W.L., Mit wem spricht mein Kind? Wie imaginär ist der Freund wirklich?
- U.a. Alexander Grottenulm, Annkathrin Krautscheid, Klassifikation von Astrahlwesen.
- Unbekannte Publikation aus der W-L.: Ansteigende Vermisstenzahlen in der Stunde Null. Sind nur die Bomben an der Söhnesuche schuld?
- Levakur-Beschwörungsapparatur
- Experimenteller Aufbau eines "3D-Ritualkreises"
- Spannungsquelle 3 V 5 V
- „Schwarzer Rabiant” 2200 DM bei Angelo — 1900 DM bei Pietro (fragwürdige Gestallt)
- 40 g pulverisierter violetter Ametist á 30 DM
- Íbischke Glocke 284 DM
- 20 g Dino.-knochen (legal 12 DM/g; illegal aus dem Berliner Museum …)
- Ambeschtmühle ~ 400 DM
- Vervielfältigungs-Ectoentrophiewanne 2000 DM + Registrierung bei der MA
[Anm. d. F.: Das vorliegende Memorandum ist zum Großteil durch Brandschaden zerstört. Es wird angenommen, dass es ursprünglich circa doppelten oder dreifachen Umfang besaß. Gegenwärtig ist es ungewiss, welchem Zweck die aufgeführten Zutaten dienten. Der Doppelstrich markiert den Umbruch zur Rückseite.]
(3)
Privet, Moi druz'ya.
Ich habe euch die nötigen Zutaten an vereinbarten Orte niedergelegt. Das Parol', um den Dematerialisierungsfluch aufzuheben, habe ich von den letzten Lieferungen übernommen. Sie beinhaltet die gewünschten Hilfsmittel. Aber allmählich scheinen meine Kollegi Verdacht zu hegen …
Heute war ein gewisser Professor Jäger bei mir und hat sich nach unserer zurückliegenden Korrespondenz erkundigt. Es war ein Deutscher. Etwa vierzig Jahr und ein fast ein Meter und neunzig großgewachser Glatzkopf in schwarzem Anzug mit Krawatte und Melone. Und er hatte gleichgekleidete Begleitung.
Sie wissen, daß ihr zurück seid und sie werden die Fahndung nach euch fortsetzten. Und er hat mich nach dem „entführten” Mädchen aus Leipzig gefragt. Auch das scheinen sie zu ahnen.
Die Sache der Magier läuft unter dem Radar der staatlichen Gerichtbarkeit - ihr habt keine juristische Verteidigung, sollten sie euch ertappen.
Seine Augen. Ich habe es in ihnen gesehen. Sie wollen euch nicht nach Hohenmarsch schicken. Du weißt, was Punkt 16c der Charta zu persistenten Verrätern sagt … Und ich stecke inmitten eurer Intrige und ich werde der Kontaktschuld (zugegebenermaßen richtigerweise) bezichtigt. Ich werde mich vorübergehend zu meiner eigenen Sicherheit aus unserer Sache zurückziehen, soobschat mich aber, sowie ich reine Luft atme.
Das Siegel, das Aschla auf eure Namen legte, sollte inzwischen seine volle Wirkung entfaltet haben: Eure bürgerlichen Namen werden für die vorbestimmte Dauer von der Bildfläche verschwinden. Ich hoff', genauso effektiv ist auch der siebenfache Bann, den ihr über das Dom gelegt habt. Dieser Herr Jäger ist mir nicht geheuer, der schreckt nicht vor unschuldigem Blut zurück, das sage ich euch! Geht nicht aus dem Dom, jeder Ausgang kann euch verraten.
Euer heimlicher Storonnik!
P.S.: Richtet Anna bitte meine Besserungswünsche aus. Ist es immer noch, daß ihre Mumie ihre Jagd intensiviert?
03.10.1970 Jagdverhalten von Annas Mumie III
Annas Gesundheitszustand hat sich drastisch verschlechtert. Die Mumie hat nun schätzungsweise zwei Drittel ihrer Essenz entzogen. Wenn wir den Zapfhahn nicht bald drosseln, wird die Mumie ihre Fixierung in wenigen Monaten aufgehoben haben. Byatsch ist vollkommen in die Suche nach einem Mittel zur Zerstörung von Maries Sarkophag, ihr Tagebuch, welches sie seit ihrem vierten Lebensjahr pflegte, vertieft, sodaß wir in Erfahrung bringen können, wie wir diese Sarkophage zerstören können.
Ich habe die Abstellkammer, die Schränke und die Spiegel bereits versperrt, damit sie nicht an Anna herankommt, doch sie sagt, daß sich die Mumie allmählich wie ein Schatten im Bodenschein des Lichts durch den Schlitz zwischen Tür und Flur hindurch zwänge und daß sie aus der Finsternis mit ihren leeren Augenhöhlen der Trepp' zu Anna hinauf blicke. Ich lasse Anna nicht aus den Augen, bis wir den Sarkophag zerstört haben.
Es ist nicht wie bei Marie, daß Zureden die Mumie in Schach zu halten scheint. Nein, etwas ist anders. Die Mumie ist stärker; so stark, wie ich es von Emil kenne und das heißt nichts gutes. Das Trauma sitzt zu tief, es liefert sie der Mumie, ja schon fast, aus. Was hat sie nur erlebt?
Anna wird blasser und blasser, ihr Haar matter und die üblichen Anzeiger …
01.02.1971. Annas Sarkophag
Wir haben herausfinden können, was Annas Sarkophag ist, und zwar ihr geliebter Stoffbär aus ihrer Kindheit. Ihr scheint diese Entwicklung nicht gerade zu gefallen, nämlich die daraus abgeleiteten Folgehandlungen, aber der Sarkophag muss unbedingt zerstört werden, damit ihre Mumie den Halt in unserer Existenz verliert. Das raffinierte Verfahren, um Sarkophage nachzuweisen, entfaltet allmählich sein Potenzial. Die von Byatsch umfunktionierte Lichtmühle ist im Moment unser wichtigstes Instrument in der Mumienbekämpfung.
Byatsch hat des Weiteren einen Beobachtungszauber auf Anna gelegt, sodaß wir sie immer über unsere Glaskugel sehen und bei Gefahrenverzug eingreifen können. Privatsphärentechnisch suboptimal, aber mir ist jede Absicherung lieb.
Es ist ein Gegenstand ambivalenter emotionaler Bedeutung für Anna. Dieser Bär ist das letzte Geschenk ihrer verstorbenen Eltern gewesen und vereint damit Verlustschmerz denselben gegenüber und Geborgenheit. Dies macht den Gegenstand für die Mumie dahingehend interessant: Ein solches Objekt als Sarkophag auszusuchen bringt den Vorteil, daß die Mumie ihre Existenz nahe bei Anna fixiert und gleichzeitig Stoff für negative Emotionen um sich weiß.
Die Zweckmäßigkeit des Erschreckens lässt sich momentan noch nicht zweifelsfrei bestimmen, jedoch ist ein Zusammenhang zwischen Gemütsregungen und der Essenz nahliegend. Es wird von uns angenommen, daß ein bestimmt erregter Gefühlszustand die Essens für die Mumien freisetzt. Weitere Forschung ist dahingehend notwendig. Diesbezüglich ist ebenso Klärungsbedarf dahingehend, daß Mumien allem Anschein nach keine Kinder jünger als drei und älter als sechs Jahre heimsuchen.
28.02.1971. Lebenserhaltung
Nach dem unfallsbedingten Verlust unserer Vervielfältigungswanne werden die Lebensmittelkarten und damit die Lebensmittel selbst knapp und ich fühle neuerdings ein gewisses Unbehagen, aus dem Haus zu gehen. Meine Intuitionen haben mich bislang noch nie getrogen, drum lasse ich Vorsicht walten. Byatsch hat inzwischen zwei weitere Lichtmühlen umfunktioniert und Dimitries Astrahlmeter erfolgreich auf die Mumien geeicht. Wie wir herausfanden haben wir es, wie vermutet, nicht mit klassischen Geistern zu tuen: Scheinbar Augenscheinlich sind die Mumien eine völlig eigene Kategorie an Geistern, wie wir sie vorerst nennen: Exotische Gespenster oder auch astrahle Gespinste.
Eines der Astrahlmeter bekommt Anna, um die Nähe zur Mumie zu verringern, das andere behalten wir ein. Ich habe heute zudem mehrere Analyse-Séancen mit Annas Sarkophag vollzogen, um mehr über seine Natur zu erfahren. Es war der vielleicht bislang aufwendigste Zauber, den ich je gewirkt habe, doch nun weiß ich mehr um seine Natur. Er ist vollständig von der Mumie okkupiert, von ihrer Fixierung durchfasert. Der Sarkophag ist nahezu gegen mechanischen und Feuerschaden immun. Das gleiche gegen Kälte und chemischer Einwirkung sowie Magie. Ich werde nächste Woche der Library einen Besuch abstatten und nu', wo wir wissen, womit wir es zutuen haben, werde ich bestimmt gewinnbringend etwas finden. Wir haben nicht mehr viel Zeit, schätzungsweise noch vier Monate, ehe …
02.04.1971. Notiz Maske
Mir ist es nach vier Jahren endlich gelungen, meine alte Schweißermaske nutzbringend zu verwünschen. Ich habe zunächst vor einigen Jahren einen Kristallfilm über das Sichtfenster der Maske gezüchtet und mechanisch geglättet. Dies dient als Ausgabeeinrichtung für die verschiedenen Hellseherzauber, die ich über die Zeit auf die Maske legte. Den Rest der Maske habe ich mit zirka einem Dutzend weiterer Zauber und mehreren esoterischen Behandlungen sowie nicht-magischen, magieähnlichen Verfahren belegt. Die Maske greift Informationsfelder in einem vierzehn-Meter-Radius ab und macht die extrahierten Informationen über die Hellseherflüche für Menschen, in dem konkreten Fall den Träger der Maske, durch das Sichtfenster sichtbar. Auf diese Art und auf gedankliche Informationsfelder noch justiert, sollte ich so Annas Mumie auch für mich sichtbar machen können. Den ersten Versuch werde ich gleich heute Abend noch durchführen. Dann wird sich zeigen, ob ich noch in der Übung bin.
-
Darstellung von Annas Mumie
Pos. 1 zeigt den Schädel des Wesens. Er ist vollständig von einer dünnen ledrigen Haut überzogen. Die scheinbare Gesichtsmuskulatur ist starr. Er weist schwere Frakturen auf.
Pos. 2 markiert den augenscheinlichen Mund der menschartigen Kreatur. Über diesen extrahiert es des Essens [sic] seiner Opfer.
Pos. 3 ist der Torso des Wesens. Es fällt auf, daß er in sich gewunden ist.
Pos. 4 markiert die Gliedmaßen. Es wurde nie beobachtet, wie sich die Mumie aktiv mit diesen fortbewegte.
Pos 5. [sic] die Augenhöhlen sind von haudünnen Liedern bedeckt und leer. Wir vermuten, daß die Mumien eine sinnesorganungebundene Wahrnehmung besitzen.
Die jeweiligen Existenzen der Mumien in unserer Welt bedürfen zum Bestehen einem „Sarkophag“, der in einem gangbaren Gegenstand gefunden werden kann.
Privet, Moi druz'ya,
dieser ominöse Professor Jäger hat mir vor einigen Wochen urplötzlich das Angebot unterbreitet, mich der Fahndungsgruppe um eure Litz anzuschließen. Nach mehren Malen des Otrazheniye habe ich beschlossen, mich als Kroth bei denen einzuschleichen, um euch womöglich wichtige Informationen zuspielen zu können. Denkt nicht, daß dies regelmäßig der Fall sein wird, denn ich habe noch vor, einige Goda zu leben - zumindest in Freiheit.
Ich schreibe euch anlässlich Jägers neustem Plan: Er hat das Suchgebiet eingegrenzt, und zwar nachdem Aschla beim Ausgang von so einem Grünschnabel von Adept von-und-zu Hilfsscheriff in Leipzig gemeldet worden war. Dieser Durak hat damit erfolgreich euern Unterschlupf in das primäre Suchfeld von Jäger und seinen Leuten gerückt. Was habe ich euch hinsichtlich Verlassens des Doms gesagt? Was zunächst ein Appell war ist jetzt eine ernstgemeinte Anweisung: Haltet euch zurück und das sofort! Noch weiß ich nicht genug über Jägers Instrumentarium, um sagen zu können, welchen Spielraum ihr habt, daher wäre es fürs Erste angebracht, keine unnötigen Risiken einzugehen! Was wollte Aschla eigentlich in Leipzig?
Ich melde mich, sowie es was Wichtiges gibt.
Euer heimlicher Storonnik!
30.04.1971. Interaktion exotischer Gespenster mit Materie
Seitdem wir die Mumien für Außenstehende sichtbar machen konnten, hat sich ihr Angriffsschema drastisch verändert, wie als wüßte sie, daß sie beobachtet wird. Sie hält sich auffallend zunehmend von ihrem Sarkophag fern, wie als wolle die Mumie ihre Spuren verwischen.
Mir hat die Beobachtung der Mumie einen - wie soll ich schreiben - interessanten Aspekt über ihre Natur offenbart. Astrahlwesen sind nur bedingt in der Lage, mit fester Materie, oder Materie allgemein, zu interagieren. Ich habe diese Interaktion stellvertretend für Byatsch einige Zeit in Augenschein genommen; er ist Tag und Nacht in die Entwicklung eines Zerstörungverfahrens für Sarkophage vertieft … Mir scheint, wenn Mumien mit Objekten unserer Welt interagieren wollen, daß sie ebendiese Objekte in ihre Existenzebene projizieren oder fast schon parallelverschieben (müßen). Als Beispiel nähme man einen Schrank, in dem sie lauert, um ihr Opfer zu überraschen. In unserer Sinnenwelt bleibt der Zustand des Schrankes unverändert, doch auf der „Mumien-Ebene” ist zu sehen, wie diese den Schrank öffnet und diesem entsteigt. So ist es auch auf Türen anwendbar, die in der Sinnenwelt verschlossen bleiben, aber aus Sicht eines betroffenen Kindes von den Mumien geöffnet werden. Glücklicherweise ist diese Projektion beschränkbar, indem die Türe verschlossen oder der Schrank verbarrikadiert wird.
Auch wenn meine Anwesenheit vermag, Anna vor weiteren Fressattacken der Mumie zu bewahren, mache ich mir auch Gedanken hinsichtlich unserer zur Neige gehenden Lebensmittel. Solange die Gefahr nicht gebannt ist, können wir das Haus nicht verlassen. Wir müssen uns eine Lösung einfallen lassen.
Privet, Moi druz'ya,
ich habe schlechte - sehr üble - Neuigkeiten aus der Fahndungsgruppe für euch. Dieser Jäger ist gewiefter und mächtiger als ich zunächst dachte. Er hat Fähigkeiten, von denen einige Großmeister nur träumten … oder vielleicht trifft es eher für Koshmarys zu. Er hat drei Protoseelen in Gestallt der Winde heraufbeschworen und sie damit beauftragt, nach euch zu wehen. Durchstreift einer dieser Winde euer Haar, so wird es Jäger augenblicklich erfahren. Ich bin in die Suchbahn dieser nicht eingeweiht, drum erneuere ich meine Bitte. Weiß der Teufel, warum die gerade an euch so einen Narren gefressen haben, aber die Gruppe ist unerbittlich auf der Suche nach euch dreien.
Was Aschlas Sorge als Zhena, nichts für ungut, anbelangt, habe ich mich bei einer Freundin soobchkat, die zufälligerweise in eurer Nähe wohnhaft ist und sich vielleicht freue, ihre alte Podruga Aschla wiederzusehen. Und an gekanntem Orte gefunden, wird sie euch auch eine neue Vervielfältigungswanne von mir ausgerichtet euch überbringen. Sie ist bei weitem nicht so gut, wie die alte, aber für die paar Lebensmittelkarten und das bisschen Geld sollte sie ausreichen.
Euer heimlicher Storonnik!
15.05.1971. Verdächtiges Waisenhaus
Man sieht sich immer zweimal im Leben. Marie ist inzwischen zu einer reifen jungen Dame herangewachsen. Es muß ein wirklich schönes Gefühl sein, Kinder heranwachsen zu sehen. Da kommt wohl auch der Mutterinstinkt in mir hervor.
Sie ist einundzwanzig Jahre und hat inzwischen selber zwei Kinder und trotz ihrer Herkunft aus dem Waisenhaus hat sie sich wunderbar in die Gesellschaft eingliedern können. Und ihr Mann sieht auch nicht schlecht aus: Da hat sie einen guten Fang gemacht …
Sie und Anna hatten sich auch einiges über ihre Mumien zu erzählen. Mir sticht es ins Auge, daß beide aus dem selben Waisenhaus stammen und von Mumien geplagt wurden, beziehungsweise werden. Marie betreue auch zwei weitere Kinder aus derselben Auffangstation. Mir gibt das gehörig zu denken.
Marie wurde von Dimitrie angeschrieben (woher er ihre Adresse hat, weiß ich nicht) und hat sich dazu bereit erklärt, uns zu unterstützen! Mit Proviant und Neuigkeiten aus dem Waisenhaus, über das ich aus gegebenen Anlass gerne auf dem Laufenden bleiben würde.
11.06.1971. Sarkophag zerstörbar, Theorie I
Erste Experimente mit Maries ehemaligen Sarkophag gaben Aufschluss über dessen erhebliche Resistenz gegenüber den meisten Einflüssen, die wir theoretisch auf alle Sarkophage so übertragen können. Des Weiteren strömt von diesem eine Art Strahlung aus, die wohl das Äquivalent zur Astrahlstrahlung der astrahlen Gespinste ist. Mittels alchemischer Behandlungsverfahren habe ich eine Legierung herstellen können, auf die eine Kraft einwirkt, sowie benannte Strahlung auf sie fällt. Platten aus dieser Legierung habe ich dann erfolgreich in eine Lichtmühle eingesetzt, mit dem Ziel und dem Ergebnis, dadurch einen Detektor für Sarkophage herstellen zu können. Dieser entpuppt sich sich als nutzbringend, was mich zur Vervielfältigung dieser Apparatur bewegte.
Nun gilt erst noch die Frage nach der endgültigen Zerstörbarkeit der Sarkophage zu klären. Meiner Theorie nach bedarf es nicht einem einzigen Mittel, sondern einem „Cocktail” verschiedener Einwirkungen zur Vernichtung.
Erfolgsversprechend erscheint derzeit ein Brennmittel, um den Rest bemühe ich mich in Kürze.
Nachtrag vom 05.07.'71: Das Brennmittel scheint eine gute Wahl zu sein, das Kontingent an Zaubern sollte jedoch dringlichst überdacht werden.
28.07.1971. Zu: Verdächtiges Waisenhaus
Marie brachte uns neue Rationen und Informationen. Die Anzahl der von ihr betreuten Kinder ist auf drei gestiegen. Irgendwas ist da faul. Aus unserer Forschung von '46 bis '48 ist uns bekannt, daß die Dichte der Betroffene recht gering ist. Unsere pessimistischste Schätzung betrug einen Betroffenen auf 460.000 Kinder, was im Nachhinein betrachtet ein Paradebeispiel für Übertreibungen war.
Sie wollte nicht weiter ins Detail gehen und ich vermute warum. Dieser verächtliche Blick, den sie Byatsch zuwarf, sagte mehr als tausend Worte. Sie scheint nicht nur die Mumie für das Monster im Raum zu halten. Mutmaßlich will sie ihre Schützlinge auch vor dem menschlichen Monster bewahren. Narben verheilen schlecht.
Ich wüßte zu gerne, was in diesem Waisenhaus vor sich geht.
24.09.1971. Sarkophag zerstörbar, Praxisversuch II
Als einzige Zutat im Probeverfahren hat sich das Brennmittel als erfolgsversprechend gezeigt. Nun habe ich eine neue Zauberbatterie zusammengestellt, mit deren Hilfe ich den Sarkophag ansatzweise beschädigen konnte. Ich habe die Flüche in einen Zauberrevolver gepackt und lasse sie nacheinander wirken, währenddessen das hausgemachte Brennmittel auf dem Sarkophag brutzelt. Die Wirkungen verwandeln das brennende Stoffgemisch in eine hoch korrosive Substanz. Unter starker Funken- und Rauchbildung lösten sich die oberen Schichten des Stoffbären ab und verglommen endgültig. Auf die Asche reagierte auch keines meiner Messgeräte mehr. Jedoch „explodierte” die Substanz bei erhalt ihrer neuen Eigenschaften rückartig. Glücklicherweise war ich in weiser Voraussicht außer Spritzweite gegangen … Das Zeug hat sich durch meinen Schreibtisch und zwei Meter tief in den Betonboden geätzt, ehe ich den Revolver auf Umkehr stellte. Wenn ich noch etwas raffiniere, dann steht der Zerstörung von Annas Sarko___ __
[Anm. d. F.: S. u.]
24.09.1971. Annas Ableben
Vor meinen augen ssah ich, wie es ihr letztes Bisschen Essenz extrahierte. Ich hatte gerade die Maske aufgesetzt, da lehnte es über ihr und entzog ihr die letzten bernstein-leuchtenden Schlieren. Ohne Fixierung war sie ihm ausgeliefert
ich war wie zu Eis erstarrt
Sie formte bloß „Tschüss” mit ihren kleinen Lippchen, die Augen voller Tränen zu mir, wie als wüßte sie, daß ich nichts tuen könnte und was als nächstes mit ihr Geschieht.
Das einzige Mal, daß ich diese hässliche Fratze jemals in Bewegung sah war heute, als es ein selbstgefälliges Grinsen aufsetzte, Anna dann Mit hand und Zähnen packte und hintenüber dem Bett riss. Ich hechtete sofort zum gegenüberliegenden Bett Rand, doch sie war fort.
was hätte ich tuen sollen? Hätte ich etwas Mehr wie Schreien ging nicht
[Anm. d. F.: Aufgrund der Rechtschreibung, Kaligraphie und dem ellipsenhaften Ausdruck wird angenommen, dass die Verfasserin den obenstehenden Text noch unter Schock verfasste. Der plötzliche Abbruch der von SCP-382-DE-A verfassten Denkschrift wird auf den geschilderten Schrei von SCP-382-DE-B zurückgeführt.]
Wieso schon wieder? Wieso schon wieder so ein junges, unschuldiges Leben? Wieso mußte es auf diese Weise enden? Hätte ich Dummkopf nur nie einen Beobachtungszauber auf sie gelegt! Mehr als sie konnte ich in der Kristallkugel nicht sehen, aber das reicht aus, um zu wissen, was diese Untiere mit den Kindern anstellen. In ihrer Welt können sie mit Materie ordentlich interagieren. Die Mumien haben Hunger. Großen Hunger, denn wie will man ohne Organe verdauen? Sie hohlen sich die Organe, die sie missen. Am besten welche, die lange halten, oder von denen, die sie inkrementell aus einer anderen Welt lösen können - Stichwort Essenz. Und der Rest wird genüsslich vertilgt.
Erst Emil, dann Anna. Marie war wohl schon zu alt, um die Extraktion zu vollenden. Wir wissen von mindestens drei weiteren Kindern in der naheliegenden Stadt Leipzig.
Mir ist es inzwischen ehrlicherweise gleich, ob mich dieser Professor Jäger bekommt, oder nicht. Wir haben alles, was wir mit unserer Flucht bezwecken wollten: Wir haben die Mumien zweifelsfrei nachgewiesen, wir haben ihre Natur verstanden, wissen um ihren Modus Operandi und wie wir sie aus unserer Welt verscheuchen. Ich habe alles niedergeschrieben; wenn ich einsitzt oder sterbe, dann habe ich in meinen Leben wenigstens etwas sinnvolles vollbracht. Würde mir Marie nur vertrauen, so könnt' ich den Waisenkindern besser helfen.
12.12.'71. Zu: Verdächtiges Waisenhaus II
Wir haben unseren Plan gefasst. Wir konfrontieren Marie mit Annas Tod, um sie dazu zu bewegen, uns mehr über die Betroffenen zu erzählen. Byatsch hat sich dabei vorgenommen, einen Versöhnungsversuch zu unternehmen; ob dieser Früchte tragen wird? Höchstwahrscheinlich wird nach uns noch gefahndet. Wir haben lange nichts von Dimitrie gehört, daher ist es naheliegend, daß Jägers Leute und Naturgeister noch ihr eingegrenztes Suchgebiet durchstreifen. Aus dem Haus zu gehen, wird uns unweigerlich verraten.
Byatsch hat inzwischen ein Behältnis herstellen können, welches gegen die korrosiven Eigenschaften des Vernichtungsmittels beständig ist. In ihm Lösen wir die Sarkophage künftig in kontrollierter Umgebung auf, ohne den halben Raum oben drauf. Das Utensil ist gepackt, wir ziehen in einer Woche los.
Lauft!
Sie haben euch! Lauft, sie sind unterwegs.
Jäger wußte, daß ich ein falsches Igra spiele. Er benutzte meine Portzauber, die ich für unsere Pismos nutzte, um euch zu lokalisieren. Doch die Banne über eurem Dom streuten das Rückverfolgungssignal zu sehr. Die Winde haben euch verpfiffen, es dauert nicht mehr lang.
Möge mein Pismo euch rechtzeitig erreichen. Blut verstärkt Magie, erst recht, ist es unfreiwillig vergoßen.
Euer heimlicher Storonnik
Dimit___/-
Sie hören nicht zu, sie verdammen doch alles, was wir schufen. Ihnen ist egal, daß diese Forschung Menschenleben rettet. Ihre Charta ist ihnen zu wichtig. Verstehe ich den Notbrief von Dimitrie richtig, ist er … Wieso habe ich ihn mit hineingezogen?
Die Mumien schlafen nicht und die Akademie wird sich niemals wider 3c stellen. Brennen wir alles nieder und bekämpfen Feuer mit Feuer! Schlagen wir die Mumien mit ihren eigenen Waffen! Auf ewig vereint, auf ewig lebend!
Gez.: Byatsch und
Gegenwärtig umfasst diese Datenbank alle wiederhergestellten Zeugnisse aus der ausgebrannten Immobilie von SCP-382-DE-A und -B. Aus den letzten Aufzeichnungen geht hervor, dass die Realpersonen hinter SCP-382-DE-A und -B die Angst hegten, die Magierakademie verdamme und vernichte ihre Arbeiten als Gut schwarzer Hexerei. Eine durch Trauma, Isolation und Flucht hervorgerufene Obsession bei SCP-382-DE-A ist ebenso naheliegend und erkläre seine ambivalente Einstellung zur Akademie, sein schleierhaftes Handeln sowie seine fast pathologische emotionale Art im Kontext von SCP-382-DE-1.