Objekt-Nr.: SCP-366-DE
Klassifizierung: Sicher
Sicherheitsmaßnahmen: SCP-366-DE wird in einem Passwort gesicherten Schließfach am Standort-DE21 gelagert. Der Zugriff zu dem Dokument ist zu Testzwecken nur für Personal der Sicherheitsstufe 4 oder höher gestattet. Zur Nutzung von diesem ist ein Grundverständnis der rituellen Thaumaturgie nötig.
Die Erschaffung von SCP-366-DE-A-Instanzen zu Testzwecken ist nur mit Genehmigung des leitenden Forschers und mit schriftlicher Beschreibung der vorgenommenen Tests gestattet. Die so erschaffenen Subjekte dürfen das Testareal nicht verlassen und müssen nach den Tests terminiert werden. Die Mittel der Wahl sind große Mengen Flüssigkeit, Feuer oder die Zerstörung der Aufschrift auf der Stirn mittels stumpfer Gewalt.
Beschreibung: Bei SCP-366-DE handelt es sich um ein Karo-Papierblatt im DIN-A-4-Format, das auf beiden Seiten handschriftlich per Bleistift mit diversen Symbolen beschriftet ist. Neben dem schriftlichen Teil befindet sich ein Bild einer vagen humanoiden Gestalt sowie ein Abbild eines rituellen Kreises.
SCP-366-DE ist eine Anleitung zur Erschaffung von SCP-366-DE-A Instanzen, welche neben dem Objekt selber unter anderem folgende Objekte benötigt:
- Mindestens vier körperlich starke Personen zum Formen der Gestalt sowie einer fünften zum rezitieren der benötigten Formel. Die Menge der Backzutaten muss mindestens das 100fache der eines durchschnittlichen Lebkuchenmanns (ca. 400 g) entsprechen.[[/footnote]]
- Kreide zur Schaffung des Kreises
- Mehl
- Honig
- Butter
- Zucker
- Eier
- Natron
- verschiedene Gewürze, unter anderem Muskat, Zimt, Anis, Ingwer, Nelken und Piment
- Große Mengen Zuckerguss oder flüssigen Baiser sowie Nüsse und andere Dekorationsmittel zum Formen des Gesichtes und des Stirnsiegels
- Schriftzettel für die Befehle
Bei dem Ritual zur Erschaffung von SCP-366-DE-A müssen die Personen einen Teig aus den Zutaten kneten, den sie dann zu einer großen, humanoiden Gestalt formen und ihn in die Mitte eines auf den Boden gezeichneten rituellen Kreises legen. Die fünfte Person beginnt dann, die auf SCP-366-DE geschriebene Formel zu rezitieren, während die anderen vier rituell sieben Mal im Uhrzeigersinn um die Gestalt herum tanzen und mit den Armen über ihren Köpfen von links nach rechts und zurück schwingen. Wenn das Ritual korrekt durchgeführt wurde, beginnt die Teigfigur von innen heraus heiß zu werden, zu dampfen und wird zu einer festen gut riechenden Lebkuchenfigur. Sobald die Gestalt fertig "gebacken" ist, fügt die fünfte Person Gesicht und andere Dekorationen mittels Zuckerguss, Baiser, Nüssen und anderen typischen Lebkuchendekorationen hinzu, wobei sie als Letztes das auf dem Zettel angewiesene Symbol für „Wahrheit“ auf die Stirn schreibt. Anschließend helfen alle Personen zusammen, den Lebkuchenmann aufrecht hinzustellen.
SCP-366-DE-A sind große, vage humanoide Gestalten, die übergroßen Lebkuchenmännern gleichen sollen. Die Instanzen können, je nach verwendeter Zutatenmenge, eine Größe von 2,10 m bis 3 m sowie ein Gewicht zwischen 200 und 400 kg erreichen. Ihr Aussehen entspricht der Form, die man ihnen in ihrer Rohform gegeben hat. Nach den Originalkonzepten besitzen SCP-366-DE-A einen massigen Körper ohne Hals und mit kurzen, dicken Beinen ohne Knie, dafür mit verlängerten Armen, die bis zum Wadenbereich gehen, ohne Nase, Ohren, Haare oder Kleidung. Trotz der Tatsache, dass sie vollständig aus Lebkuchenteig bestehen, können sie sich ähnlich wie Menschen fortbewegen, wenn auch mit eingeschränkter Geschwindigkeit und sind aufgrund ihres Gewichtes und der Beine nicht in der Lage, zu rennen, springen, klettern oder ähnliche Bewegungen durchzuführen.. Sie besitzen eine unbegrenzte Ausdauer und benötigen weder Nährstoffe, noch Schlaf oder andere lebenswichtige Funktionen und stellen daher perfekte Arbeitswesen dar.
SCP-366-DE-A besitzen weder hohe Intelligenz, noch einen eigenen Willen oder Sprache bzw. andere Mittel zur direkten Kommunikation. Sie befolgen Befehle, die ihre Erschaffer ihnen in Form von Befehlszettel überreichen. Dazu legt der Erschaffer den Zettel in den Mund des Subjektes, welcher den Zettel in sich absorbiert. Die Anweisungen führt SCP-366-DE-A aus, soweit es diesem möglich ist. Befehle können unter anderem das Besorgen von Gegenständen, das Heben von Objekten, das Bewachen von Orten oder Objekten oder die Terminierung von Zielen sein, wobei diese durch stumpfe Gewalt in Form von Schlägen mit ihren Armen ausgeführt wird. Die dem Subjekt gegebene Instruktion führen sie solange aus, bis sie entweder erfüllt ist oder sie zerstört werden. Sollte die Aufgabe nicht ausführbar sein oder zu ihrer eigenen Zerstörung führen, wird das Subjekt nichtsdestotrotz versuchen der Aufgabe so gut es geht gerechtzuwerden.
SCP-366-DE-A fühlen keinen Schmerz und sind trotz ihres Materials äußerst robust, so dass sie selbst starke Schläge mittels Vorschlaghammer oder Presslufthammer fast vollständig unbeschadet überstehen können und selbst gegen einfache Schusswaffen resistent sind. Der Einsatz von Explosionswaffen oder extrem starker physischer Gewalt kann die Entitäten zerstören, jedoch erwiesen sich andere Methoden zur Terminierung als effektiver.
Die einfachste Methode ist der Einsatz großer Mengen von Wasser oder anderer Flüssigkeit, die dazu führen, dass der Teigkörper aufweicht und so seine Körperform verliert. Eine andere Methode ist der Befehl zur Selbstzerstörung, was dazu führt, dass die Instanz beginnt, auseinander zu brechen. Die dritte Methode ist die Entfernung des erstens der drei Buchstaben auf der Stirn des Objektes, sodass das auf dem Zettel angewiesene Symbol für „Tod“ übrig bleibt. Ist dies der Fall bleibt die Instanz regungslos und ist neutralisiert. Tests ergaben, dass das Objekt in eine Art Raserei verfällt, wenn die falschen Buchstaben entfernt werden, die dazu führt, dass es alles und jeden in seiner Umgebung angreift und selbst die Befehle seines Erschaffers dabei ignoriert.
Der Lebkuchenteig, aus dem SCP-366-DE-A-Instanzen bestehen, ist nach der Terminierung mittels Buchstaben konsumierbar und zeigt keine anomalen oder schädlichen Eigenschaften. Die Tester berichten jedoch, dass der Teig sehr trocken und teilweise hart war und dass sie schon bessere Lebkuchen gegessen haben.
Entdeckung: Die Foundation wurde erstmalig am 23.12.2023 auf SCP-366-DE aufmerksam, als bei der Polizeistation in Nürnberg ein Notruf wegen eines „riesigen herum wütenden Keks-Mannes“ einging. Dies wurde zunächst als Scherz abgetan, jedoch kamen innerhalb weniger Minuten mehrere Anrufe an, die ähnliches berichteten. Agenten, die zum betroffenen Ort kamen, fanden eine 2,40 m große SCP-366-DE-A-Instanz vor, die eine Frau im Business-Anzug verfolgte, wobei die Instanz bei der Verfolgung Autos umwarf, Wände einriss, historische Bauten beschädigte und Personen, die ihr im Weg standen, mittels seiner Fäuste wegschlug, wodurch diese im hohen Bogen flogen und beim Aufprall schwer verletzt wurden. Die Agenten begannen daraufhin, nachdem sie den nächstgelegenen Standort informierten und Verstärkung riefen, das Feuer auf das Objekt zu eröffnen. Die Instanz liess sich nicht beirren und ignorierte die Kugeln der Agenten, während es die Frau in eine Sackgasse verfolgte, wo es diese mittels stumpfer Gewalt terminierte.
Ein älterer Mann der dem Subjekt ebenfalls gefolgt war, rief immer wieder zu diesem, dass er bitte aufhören möge, jedoch hielt dieses erst an, als sein Ziel bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen worden war und dann still verharrte. Er gab der Instanz daraufhin einen Zettel in den Mund, was dazu führte, dass dieser sich in Krümel auflöste. Der Mann stellte sich daraufhin ohne Gegenwehr den fassungslosen Agenten.
Bei dem Mann handelt es sich um Herrn ██████████, einen 75-jährigen Bäcker, der seit seinem 20. Lebensjahr eine Traditionsbäckerei in der Nürnberger Altstadt betreibt und unter anderem Lebkuchen zu Weihnachten herstellt. Er gilt als Schöpfer von SCP-366-DE, welches er benutzte, um SCP-366-DE-A für die körperlich schweren Arbeiten in seiner Bäckerei zu erschaffen.
Bei der von SCP-366-DE-A erschlagenen Frau handelte es sich um Frau █████, die neue Vermieterin der Bäckerei, die diese aus finanziellen Gründen schließen wollte, was Herr ██████████ dazu veranlasste, SCP-366-DE-A zu nutzen, um sie „loszuwerden“, was die Instanz mit der Terminierung der Dame ausführte.
Herr ██████████ wurde daraufhin von den Agenten in Gewahrsam genommen. In der Bäckerei konnten sie SCP-366-DE sowie andere okkulte Objekte sicherstellen.
Den Zeugen wurde Amnesika verabreicht und die Ereignisse als ein Unfall einer misslungenen Weihnachts-Werbekampagne getarnt.
Zu Testzwecken wurden mittels SCP-366-DE mehrere SCP-366-DE-A erschaffen, denen mit Zetteln Befehle gegeben wurden. Bei den Test soll die Intelligenz der SCP-366-DE-Instanzen überprüft und getestet werden, ob die Instanzen für den Einsatz genutzt werden können.
Sämtliche Subjekte wurden im Anschluss an den Test terminiert.
Befehl: „Lauf im Kreis!“
Ergebnis: Das Subjekt lief ununterbrochen im Kreis, ohne Anzeichen von Müdigkeit oder Schwäche zu zeigen. Das Experiment wurde nach einer Woche abgebrochen.
Befehl: „Fülle das Becken mit Wasser!“.
Ergebnis: Das Subjekt nahm die ihm zugewiesenen Eimer, füllte sie mit Wasser aus dem nahegelegenen Wasserhahn und kippte das Wasser in das Becken, wo das Wasser jedoch gleich wieder abfloss. Dies führte das Subjekt ohne Unterbrechung weiter, ehe das Experiment nach drei Tagen abgebrochen wurde.
Befehl: „Iss dich!“
Ergebnis: Das Subjekt presste immer wieder seinen Arm ins Gesicht, während sich der Zuckergussmund bewegte, als ob es sich selber essen wollte. Dies führte das Subjekt so lange aus, bis es so fest mit der Faust gegen sein Gesicht drückte, dass der Kopf von seinem Körper abbrach. Der Körper fiel daraufhin zu Boden, während der Kopf weiter seinen Mund bewegte.
Befehl: „Bring Essen!“
Ergebnis: Das Subjekt schien weder den Auflauf noch das Fastfood zu bemerken, schritt an diese vorbei und brach durch die Außenwand. Kurz nachdem der Eindämmungsalarm ausgelöst wurde, kehrte es mit einer Tupperdose mit Spagetti wieder, die sich ein zufällig vorbeilaufender Mitarbeiter aufgewärmt hatte, ehe es von dem Subjekt überrascht wurde und er das Essen fallen liess. Das Subjekt reichte dem Befehlsgeber die Spagetti.
Nachtrag: „Für Wesen, die nicht essen können, wissen sie anscheinend doch, was essbar ist.“ – Dr. Lebharth
Befehl: „Sprich!“
Ergebnis: Der Zuckerguss-Mund des Subjekts bewegte sich, jedoch kamen keine Worte hervor.
Befehl: „Flieg!“
Ergebnis: Das Subjekt begann, mit den Armen zu flattern, wobei es nicht in der Lage war, aufzuspringen. Dies versuchte das Subjekt weiter bis es mittels Wasser terminiert wurde.
Befehl: „Backe!“
Ergebnis: Das Subjekt begann, mit dem ihm zur Verfügung stehenden Materialien, einen Teig zu formen, welche es in eine Form brachte, die an einen grobschlächtigen Lebkuchenmann erinnert. Diese schob es in den Ofen. Die fertige Kuchenfigur zeigte keine anomalen Eigenschaften. Ein Geschmackstest ergab, dass die Qualität der Figur nur unterdurchschnittlich war.
Befehl: „Backe eine Schwarzwälder Kirschtorte!“
Ergebnis: Das Subjekt reagierte nicht. Es wird angenommen, dass das Subjekt nicht wusste, was eine Schwarzwälder Kirschtorte ist.
Befehl: „Vernichte den Golem!“
Ergebnis: Die beiden Subjekte gingen sofort aufeinander los und schlugen mit ihren Fäusten aufeinander ein. Der Kampf dauerte 10 Minuten, ehe von den Subjekten nur die Köpfe übrig blieben, die sich weiter gegenseitig angriffen, bis beide Instanzen die Schriftzüge auf ihrer Stirn verloren und somit deaktiviert wurden.
Befehl: „Bringe D-7891!“.
Ergebnis: Das Subjekt verfolgte den Mitarbeiter durch das Areal, wobei es Hindernisse einfach durchbrach, über die der Mitarbeiter rüber gesprungen oder geklettert war. Auch wenn das Subjekt nicht schnell war, zeigte es eine grenzenlose Ausdauer, die dem Mitarbeiter fehlte. Das Subjekt konnte den erschöpften Mitarbeiter schließlich in eine Ecke drängen und ihn mittels eines wuchtigen Schlages mehrere Rippenknochen brechen, was den Mitarbeiter bewegungsunfähig machte. Der so außer Gefecht gesetzte Mitarbeiter konnte von dem Subjekt aufgehoben und zum Auftraggeber gebracht werden. (D-7891 erholte sich ohne Spätfolgen.)
Befehl: „Zerstöre dich!“
Ergebnis: Die Entität kippte um und zerfiel vollständig zu Lebkuchen-Krümeln.
Befehl: „Ignoriere den Befehl!“
Ergebnis: Die Entität begann zu zittern, ehe es den Auftraggeber angriff und ihn dabei tötete. Es wurde kurz darauf durch den Einsatz der Sprinkleranlage terminiert.
Datum: 27.12.2023
Interviewt: Herr ██████████
Interviewer: Dr. Abelsohn
Vorwort: Das Interview fand am 27.12.2023 am Standort-DE21 statt, indem Herr ██████████ untergebracht wurde. Tests hatten zu diesem Zeitpunkt die anomalen Eigenschaften von SCP-366-DE bestätigt.
< Beginn des Logs >
Abelsohn: Einen schönen guten Tag, Herr ██████████.
██████████: N'abend, mein Freund. Ich hoffe, ich muss nicht noch länger hier bleiben. Ich wollte zu meiner Familie und meine Bäckerei ist immer noch geschlossen.
Abelsohn: Alles zu seiner Zeit, Herr ██████████. Ich versichere Ihnen, dass es Ihrer Familie gut geht. Zunächst hätte ich ein paar Fragen, in der Hoffnung, dass Sie die uns beantworten können.
██████████: Nun gut, ich denke, ich habe keine große Wahl. Und ich will nicht ins Gefängnis.
Abelsohn: Keine Sorge, wenn Sie kooperieren und alle Fragen beantworten wird es keine juristischen Nachwirkungen auf Sie haben. Nun, ich denke, wir fangen mit der wichtigsten Frage an, was das für eine Kreatur ist, die Sie da erschaffen haben?
██████████: Sie meinen den Lebkuchen-Golem?
Abelsohn: Lebkuchen-Golem? Entschuldigung, dass ich etwas durcheinander bin, aber bestehen Golems eigentlich nicht aus Lehm?
██████████: Sie meinen, der Golem aus Prag? Ja, das stimmt. Geschaffen durch die vier Elemente, aus Lehm geformt wie einst Adam und Leben ein gehaucht durch Gottes Wort. Aber dieser Golem war aus Lebkuchenteig geformt wie all jene vor ihm, nur in kleiner natürlich.
Abelsohn: Es gab noch mehr?
██████████: Sicher, sicher. Ich brauchte in den letzten Jahren tatkräftige Hilfe, besonders zur Weihnachtszeit.
Abelsohn: Können Sie das näher erläutern?
██████████: Wissen Sie, die letzten Jahre waren mehr als hart gewesen. Früher war alles besser. Da hatte man immer Lehrlinge gefunden, die bei einem großen Bäcker tätig sein wollten. Aber in den letzten Jahren wurden es immer weniger und dann hatte ich gar keine mehr. Nur der Jüngste meiner vier Söhne will später meine Bäckerei übernehmen. Dazu kommen all diese Backshops, die billigsten Backabfall in Massen herstellen. Und alles wurde teurer: Miete, Zutaten, Strom, Gas … Ich habe nur meine gute, aber einfache Bäckerei, wo ich Brot und Brötchen backte wie mein Vater und mein Großvater zuvor. Alles in liebevoller Handarbeit. Ohne großes technisches Hickhack. Und dann kam auch noch Corona…
Abelsohn: Ich verstehe, sie hatten Probleme mit den Kosten. Aber warum die Golems? Und woher wissen Sie überhaupt, wie sie die herstellen können?
██████████: Wie gesagt war es keine leichte Zeit für mich. Steigende Kosten. Kaum Personal, aber zur Weihnachtszeit will jeder Lebkuchen und anderes Festtagsgebäck. Ich kam kaum noch hinterher mit den Aufträgen. Also habe ich in der wenigen Freizeit, die ich hatte, recherchiert, und bin dabei auf alte Schriften gestoßen. Vom Mythos des Golems, einem starken Geschöpf aus Lehm, der treu seinem Herren dient. Ich dachte mir, dass dies eine Lösung sei. Also habe ich ein wenig weiter recherchiert, ein wenig experimentiert, die Formel ergänzt und Ende November 2020, rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft hatte ich meinen ersten Golem erschaffen. Meine Söhne halfen mir dabei. Wollten mir beweisen, dass ich Unsinn rede, aber am Ende haben sie geguckt, als der Lebkuchengolem vor uns stand. Und er war mein bester Mitarbeiter. Ein wenig … Nein, sehr dumm, aber fleißig und ausdauernd ohne Ende, hat Mehl geschleppt, den Ofen angeheizt, die Backstube gefegt, Teig gerührt, volle Kuchenplatten geschleppt… Und das ohne Pause, Lohn oder Beschwerden. Nur leider…
Abelsohn: Leider…?
██████████: Leider war er nicht nur dumm, sondern nicht lange haltbar. Als sich Weihnachten näherte, merkte ich, dass er nicht mehr so viel leisten konnte. Die Hitze in der Bäckerei hat ihn austrocknen und krümmelig werden lassen. Und schließlich stand er an einem Tag nur so da. Der Teig war vollkommen eingetrocknet und bröselig. Als ob er nach all der Zeit durchgebacken worden war. Da musste ich mit den Jungs einen neuen Golem machen… Und noch einen… Und dann einen anderen. Immer, wenn einer ausfiel, musste ein neuer her. Dies konnte ich aber nur im späten Herbst oder Winter machen. Wegen der Temperaturen… Und weil ich denke, dass es zu der Zeit besser passt.
Abelsohn: Ist das nicht irgendwann aufgefallen?
██████████: Ach, was! Die Golems waren die ganze Zeit hinten in der Backstube, da fiel es keinem auf. Kunden haben da ja nichts zu suchen. Der Azubi, ich und meine Jungs sind die Einzigen, die von ihnen wussten. Und wenn eine Inspektion oder ein Besuch anstand, brauchte ich den Golem nur befehlen sich zu zerstören.
Abelsohn: Also waren sie immer friedlich? Es gab vorher keine "Zwischenfälle"? Aber warum hatte der Golem die Frau verfolgt?
██████████: Nein, das ist richtig. Keine vor der Sache mit Frau █████. Dieses Scheusal! Sie war meine neue Vermieterin. Jahrzehntelang hatten ich und der alte Vermieter uns immer verständigt und haben uns immer verstanden. Nach seinem Tod im letzten Jahr hatte so ne neumodische Mietfirma neben anderen auch das Gebäude hier abgekauft. So ein hochtrabendes Weib, das glaubte, was Besseres zu sein. Wollte mich am liebsten rausschmeißen, dass so ein Backshop oder sowas hier rein kommt und ne viel höhere Miete abwirft. Hat mit Geld herumgefuchtelt als Abfindung, damit ich endlich aufhöre. Als sie gemerkt hat, dass ich kein Interesse daran hatte, hat sie es mit anderen Mitteln versucht. Miete erhöht, Gas, Wasser oder Strom wegen „Restaurierungsarbeiten“ über Tage abgedreht, vor dem Schaufenster Baugerüste aufgestellt, Kammerjäger zu mir geschickt … Alles, nur um mich los zu werden.
Abelsohn: Und da haben Sie den Golem auf sie gehetzt, um sie zu töten…
██████████: Nein, so war es nicht. So war das nicht gedacht oder gemeint! Dieses gemeine Weib kam an den Tag einfach unangekündigt in meine Bäckerei. Wollte wahrscheinlich wieder eine ihrer Lügen erzählen, dass die Heizung nicht richtig ist oder so und ich vlt woanders backen sollte. Sie ging einfach in die Backstube und sah gerade meinen Golem, wie er Lebkuchen machte. Die falsche Schlange schrie auf wie die letzte Hexe, fragte, was das für ein „Teufelswerk“ ist. Dann machte sie unerlaubt ein Foto mit ihrem Handy und wollte es dafür nutzen, um mich loszuwerden. Erpressen wollte sie mich, mein Lebenswerk zerstören ohne mit der Wimper zu zucken. Ich konnte nicht zulassen, dass die Kuh meine Bäckerei in einen dieser widerlichen Backshops umwandelt. Daher habe ich dem Golem befohlen, ihr Handy zu zerstören.
Abelsohn: Ich nehme an, dass sie es nicht freiwillig hergeben wollte?
██████████: Natürlich nicht. Sie ist panisch damit davon gerannt, das elende Weib. Ich wollte den Golem aufhalten, doch der ist ihr hinterher gelaufen. Hat dabei die Wand und die Vorderseite meiner Bäckerei zerstört. Ist durch das halbe Viertel gerannt, ehe er sie erwischt hat. Ich bereue es, dass er so viel Schaden angerichtet hat. Wenn auch nicht, was er mit der Hexe angestellt hatte, die Welt ist besser dran, ohne so missratene Menschen, die ehrlichen Bürgern ihr Tagwerk zerstören wollen.
<Ende des Logs>
Nachtrag: Nach dem Interview wurden sämtliche Unterlagen der Bäckerei beschlagnahmt. Herr ██████████ sowie seine Söhne und dem Auszubildenden wurden Amnesika verabreicht. Das Haus, an welches die Bäckerei angeschlossen ist, wurde inzwischen durch eine Immobilien-Tarnfirma der Foundation an einen neuen Vermieter weiterverkauft.