Eindämmungsklasse:
euclid
SCP-186-A an seinem Entdeckungsort
Sicherheitsmaßnahmen: SCP-186-A wird in einem Hochsicherheits-Eindämmungsgewölbe in DEEPWELL 5 verwahrt. Der Zugang zu SCP-186 ist ausschließlich Personen mit Stufe-5/186-Freigabe gestattet. SCP-186-A ist durchgehend zu überwachen. Jegliche Änderungen seines Status oder seiner Konfiguration sind unverzüglich dem DEEPWELL-5- Standortleiter zu melden.
Bei Verdacht auf eine unkontrollierte Aktivierung von SCP-186-A ist ein sofortiges Eingreifen des Standortpersonals mit einer memetischen Resistenzstufe von 14 erforderlich. Sollte dieses Personal nicht ausreichen, um SCP-186-A zu neutralisieren, ist die Liquidierung von DEEPWELL 5 genehmigt.
Um SCP-186-B wurde ein Sicherheitsbereich eingerichtet, der unter dem Vorwand des Vorhandenseins von Blindgängern in diesem Gebiet für die Öffentlichkeit gesperrt ist. Sicherheitspatrouillen von Standort-171 haben den eingerichteten Bereich streng zu überwachen; jegliche anomalen Aktivitäten, die von der Wachmannschaft bemerkt werden, sind dem Vorgesetzten von Standort-171 zu melden.
843 Exemplare von SCP-186-C werden in gesicherten Eindämmungsgewölben an Standort-171 aufbewahrt. Weitere Exemplare, die von Forschungsteams oder Sicherheitspatrouillen sichergestellt werden, sind dem SCP-186-Forschungsteam zur Analyse zu übergeben. Der Transport dieser Gegenstände ist ausschließlich zugelassenen Logistikteams gestattet.
Beschreibung:
SCP-186 ist die Gruppenbezeichnung für eine Ansammlung anomaler Phänomene, die mit Dr. Jean Durand in Verbindung stehen – einem französischen Anatomen und Feldarzt des Ersten Weltkriegs, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tätig war:
SCP-186-A ist ein etwa 3,9 m hoher Sarg aus Eichenholz, der eine Reihe von Mechanismen enthält, die darauf ausgelegt sind, die menschliche Wahrnehmung zu verändern. An der Vorderseite des Sarges ist eine kleine Messingplakette angebracht, auf der Folgendes zu lesen ist:
Ouvrir à minuit.
– Durand
Die Art und Weise, wie SCP-186-A seine Funktion erhält, ist derzeit unbekannt. Über den inneren Aufbau von SCP-186-A konnte nur wenig in Erfahrung gebracht werden, was größtenteils auf die Komplexität der darin enthaltenen Systeme zurückzuführen ist. SCP-186-A lässt sich auf keinerlei Weise radiografisch darstellen; starke radiografische Störungen können die Aktivierungsmechanismen von SCP-186-A auslösen, und die internen Komponenten sind so dicht angeordnet, dass sich ein Zugriff auf die tieferliegenden Bereiche der Maschine als unmöglich erwiesen hat. Die durch den gesprungenen Deckel von SCP-186-A sichtbaren Bereiche offenbaren ein außerordentlich komplexes Geflecht aus Stahlzahnrädern, Kupferrohren, mit Flüssigkeiten unbekannter Zusammensetzung gefüllten Glasphiolen, Blasebälgen aus Holz und Segeltuch, Flaschenzügen, Kolben sowie weiteren Komponenten unbekannten Zwecks.
Bei Aktivierung löst SCP-186-A bei allen Personen in der Nähe einen sofortigen, akuten katatonen Schock aus. In 7 % der dokumentierten Fälle verläuft dieser Effekt unmittelbar tödlich. Der Wirkungsbereich von SCP-186 vergrößert sich stetig, solange das Objekt aktiv bleibt.
Es ist derzeit nicht genau bekannt, welche Effekte SCP-186-A auf die menschliche Wahrnehmung hat, da keine der betroffenen Personen nach der Exposition zu irgendeiner Form der Kommunikation fähig war.
SCP-186-B ist der Schauplatz eines nicht verzeichneten militärischen Gefechts, das etwa 90 km nordöstlich der Stadt Königsberg (heute Kaliningrad) nahe der Grenze zwischen dem heutigen Russland und Litauen stattfand. Bei diesem Gefecht, das sich zwischen Juli und August 1917 ereignete, verfolgte die deutsche Reichswehr ein sich zurückziehendes und desorganisiertes russisches Bataillon auf dessen Marsch in Richtung Petrograd (heute St. Petersburg). In zeitgenössischen Aufzeichnungen wird dieses Ereignis als "Schlacht im Königsberger Wald" bezeichnet.
Eine deutsche Truppenabteilung von mehr als 500 Soldaten der Armee-Abteilung D unter Generaloberst Günther von Kirchbach lieferte sich in einem Waldgebiet vor den Toren Königsbergs ein Gefecht mit versprengten Überresten der russischen Armee. Beide Konfliktparteien setzten während der Schlacht anomale Waffen (klassifiziert als SCP-186-C) ein; deren uneingeschränkte Verwendung führte zur nahezu vollständigen Vernichtung oder Gefechtsunfähigkeit sämtlichen beteiligten militärischen und zivilen Personals. Dennoch vermochte die Schlacht den Vormarsch der Kaiserlich Deutschen Armee in Richtung Norden auf Petrograd kaum aufzuhalten.
SCP-186-C sind anomale Waffen, Munition und andere Kriegstechnologien, die in der Schlacht im Königsberger Wald zum Einsatz kamen. Zu den sichergestellten Exemplaren von SCP-186-C gehören:
- autonom agierender Rasierklingen-Spanndraht, der sich Lebewesen sucht, sie umschlingt und langsam zusammenschnürt, während er ihnen die Haut vom Leib reißt,
- zwei verschiedene Arten von Gaswaffen: eine, die verhindert, dass lebendes Gewebe seine Lebensfunktionen einstellt, und eine weitere, die sämtliche menschliche Sinneseindrücke drastisch verstärkt,
- Brandwaffen, die alles lebende Gewebe verbrennen, mit Ausnahme von Teilen des Nervensystems,
- Splittergranaten, die nach der Explosion bei Kontakt mit lebendem Gewebe ein plötzliches, rasantes Wachstum von Augen auf allen betroffenen Oberflächen auslösen,
- Artilleriegeschosse, die bei der Explosion keinen Schall erzeugen, aber bei betroffenen Personen in der Nähe lebhafte und nicht enden wollende akustische Halluzinationen hervorrufen.
Am Fundort von SCP-186-B sichergestellter Schriftverkehr deutet darauf hin, dass das Gefecht auf Empfehlung eines ungarischen Militärattachés bei der Kaiserlich Deutschen Armee namens Mátyás Nemeş initiiert wurde. Dies geschah ungeachtet der Tatsache, dass ein Vorgehen gegen die sich zurückziehenden russischen Widerstandskräfte – zu denen auch der bereits erwähnte Dr. Jean Durand gehörte – einen erheblichen Umweg für das deutsche Bataillon erforderte und es weit hinter den Rest der vorrückenden Linie zurückgeworfen hätte. Es wird davon ausgegangen, dass sowohl Durand als auch Nemeş die in der Schlacht verwendeten Waffen bereitstellten und sich an entgegengesetzten Seiten des Kampfgeschehens positioniert hatten, um die Wirksamkeit dieser Waffen zu erproben.
Anhang 186.1: Geborgene Korrespondenz zwischen Mátyás Nemeş und Dr. Jean Durand
Die folgenden Briefe stammen aus dem Nachlass von Baron Leopold von Hohenberg, einem österreichischen Adligen und Okkultisten der Mitte des 20. Jahrhunderts, der von der Idee besessen war, eine "perfekte Waffe" zu entwickeln, um den Achsenmächten im Zweiten Weltkrieg zum Sieg zu verhelfen. Seine Sammlung enthielt eine Reihe verschiedener Schriftstücke aus dem Briefwechsel zwischen Nemeş und Durand, die nach Kriegsende von der Foundation beschlagnahmt wurden.
Militärfoto von Mátyás Nemeş
Monsieur le Docteur Jean Durand,
gestatten Sie mir, im Geiste beruflicher Offenheit unser vor zwei Wochen im Lazarettzelt begonnenes Gespräch wieder aufzugreifen. Sie werden sich an meine Argumentation erinnern: Ein Konflikt endet erst, wenn eine Seite – politisch, materiell und moralisch – außerstande gesetzt ist, erneut zu den Waffen zu greifen. Die Geschichte lehrt uns, dass Gnade nur dort Beachtung findet, wo die Furcht absolut ist und unmissverständlich vor Augen geführt wird. Wenn die Wissenschaft uns Mittel an die Hand gibt, diesen Zustand rasch und ohne langwierigen Zermürbungskrieg herbeizuführen, so ist es unsere Pflicht als Staatsmänner, diese Mittel zu prüfen. Lieber ein einziges, entscheidendes und schreckliches Instrument als zehn Jahre voller Blutvergießen und Hunger.
Sie genießen meinen Respekt; auch künftig werde ich mich für entschlossene Maßnahmen aussprechen. Krieg ist eine Sprache, die nur jene verstehen, die noch an ihre Wirksamkeit glauben. Unser Ziel muss es sein, diese Sprache überflüssig zu machen.
Avec estime,
Mátyás Nemeş
Conseiller militaire
Only known image of Dr. Jean Durand.
Monsieur Nemeş,
ich habe Ihren Brief erhalten und weiß dessen Direktheit zu schätzen. Ich werde Ihnen ebenso direkt antworten. Ich bestreite nicht, wie verlockend es aus utilitaristischer Sicht ist, einen Konflikt durch eine einzige Handlung zu beenden; der Verstand liebt die Effizienz. Ebenso wenig bestreite ich, dass Regierende stets jene Mittel bevorzugen werden, die eine raschere Beendigung versprechen. Doch ich fürchte, wir sind unterschiedlicher Ansicht darüber, was eine akzeptable Kosten-Nutzen-Rechnung darstellt.
Sie sprechen davon, ein Volk widerstandsunfähig zu machen. Ich spreche davon, Widerstand undenkbar zu machen. Darin liegt ein moralischer Unterschied – so gering er auf einer Landkarte auch erscheinen mag –, der alles verändert. Sollten wir, wie Sie behaupten, versuchen, eine Bevölkerung durch Terror zur Unterwerfung zu zwingen, so fürchte ich, dass wir lediglich einen Frieden schaffen würden, der auf Angst, Schweigen und Scham beruht. Stattdessen hoffe ich, allen die Kosten des Krieges vor Augen zu führen – genau hierin liegt die Veränderung der ethischen Grammatik der Politik. Wissen wird in meinem Konzept einen weitaus größeren Frieden bewirken als jede bloße Kriegswaffe.
Ich werde Letzteres aus wissenschaftlichen wie auch aus humanen Gründen verfolgen. Es ist nicht mein Ziel, Qualen zu entwerfen, Monsieur; ich möchte erreichen, dass sich der Gedanke an Massenmord in den Köpfen der Menschen als widersinnig erweist.
Respectueusement,
Jean Durand, M.D.
Anhang 186.2: SCP-186-B Forschungsprotokoll
11.04.1923: In einem 3 km² großen Areal im südwestlichen Sektor ist ein rasches Wachstum von biologischer Substanz hirschartiger Beschaffenheit zu beobachten, die aus dem Boden hervortritt und grobe, humanoide Formen annimmt. Das Wachstum kommt nach 19 Stunden zum Stillstand. Nach 14 Tagen trocknen die Gebilde spontan aus und zerfallen zu rostfarbenen Partikeln. Während ihrer Existenzdauer wurde kein Tier beobachtet, das das Areal betrat.
13.01.1927: Die Umgebungstemperatur, bei der sich Menschen wohlfühlen, sinkt drastisch auf unter -30 °C ab, wodurch alle Personen im betroffenen Areal ein brennendes Gefühl verspüren. Dieser Effekt hält dreiundsiebzig Minuten lang an.
02.09.1932: Über das Gelände verteilte Breitbandempfänger erfassen alle 23 bis 41 Minuten periodische kodierte Funksignale. Die Signalanalyse offenbart die gleichzeitige Einhaltung damaliger russischer und deutscher Feldmeldeverfahren, wobei sich die daraus abgeleiteten Zeitvorgaben gegenseitig ausschließen. Die entschlüsselten Zeichengruppen ergeben Koordinatenpaare, die auf nicht markierte Punkte innerhalb der Geländegrenzen verweisen. Es konnten keine Sender lokalisiert werden, die elektromagnetische Untersuchung verlief negativ. Nach 72 Stunden enden die Übertragungen.
30.05.1936: Berichte über einen schwer entstellten Soldaten in russischer Uniform, der inmitten der Trümmer deutscher Außenposten nach Schusswaffen sucht. Nach dem Fund einer Pistole feuert er mehrere Schüsse in seine Schläfe ab, wodurch ein Großteil des Schädels zerstört und Hirnmasse herausgeschleudert wird. Augenblicke nach dem Zusammensacken auf dem Boden steht er wieder auf, wobei die zuvor beschädigten Teile des Schädels deformiert nachgewachsen sind. Dies setzt sich mehrere Stunden lang fort, bis der Vorrat an verfügbaren Schusswaffen am Außenposten aufgebraucht ist; in diesem Moment verschwindet die Gestalt im Wald.
15.05.1941: Während der Evakuierung von SCP-186-B durch die Foundation im Vorfeld von Unternehmen Barbarossa bemerken Beobachter beständige sekundäre Silhouetten, die dem Personal mit einer Verzögerung von 3 bis 5 Sekunden und in einer Entfernung von bis zu 150 Metern folgen. Die Silhouetten stimmen hinsichtlich Größe und Gangart überein, blockieren jedoch kein Licht und sind auf Fotografien nicht erkennbar. Das Phänomen wird beobachtet, bis das letzte Team den Perimeter verlassen hat; die Silhouetten verharren nach der Evakuierung noch etwa 12 Minuten an Ort und Stelle, dann lösen sie sich auf.
29.10.1945: Nach Wiederherstellung der Kontrolle über das Areal melden Foundation-Patrouillen die Sichtung einer großen, humanoiden Entität, die sich nachts durch den Wald bewegt und vollständig aus zahlreichen verwesenden menschlichen Körpern besteht. Das Wesen sammelt Überreste noch lebender menschlicher Körperteile ein und fügt sie seinem eigenen Körper hinzu, bevor es vor Scheinwerferlicht flieht.
19.02.1959: Nach Entstehung eines großen Kraters im nordöstlichen Quadranten gehen von dem Hohlraum in Abständen von 11–14 Minuten niederfrequente Exhalationen (0,2–0,5 Hz) aus. Die Spektralanalyse zeigt charakteristische Strukturen, die mit menschlicher Phonation übereinstimmen, jedoch keine verständliche Sprache. Seilsonden sinken frei bis auf 30 m Tiefe ab, bevor sie abrupt und vollständig in den Krater hineingezogen werden. Es finden keine weiteren Sondenmessungen statt.
02.04.1959: Ausgrabungen nahe des oben genannten Kraters bringen in 14–16 m Tiefe 23 versiegelte Holzsärge zutage. In diesen Särgen befinden sich noch lebende menschliche Körper in unterschiedlichen Stadien des strukturellen Zerfalls; jeder von ihnen hält Schnüre aus menschlichen Zähnen (32 Stück pro Schnur), die durchbohrt und mittels gealterter Sehnen zu rosenkranzartigen Gebilden verknotet sind. Die Zahnmorphologie deckt das Spektrum vom Jugendlichen bis zum älteren Menschen ab; vergleichende Datenbanken liefern keine Übereinstimmungen. Sämtliche fotografischen Versuche, den Inhalt abzubilden, führen zu unbelichteten Aufnahmen oder schwarzen Negativen. Auffällig ist, dass ein Sarg zu fehlen scheint.
29.07.1962: Patrouillen berichten, einen elegant gekleideten Mann gesehen zu haben, der über eines der Schlachtfelder schreitet und gelegentlich innehält, um die Leichen von Menschen und anderen Lebewesen zu untersuchen, die von SCP-186-C betroffen sind. Wird er von Patrouillen angesprochen, dreht er sich um und nimmt sie zur Kenntnis. Ein Großteil des Gesichts oberhalb des Mundes ist zerstört. Augenblicke später verblasst die Gestalt und verschwindet.
13.12.1975: Von SCP-186-B zurückkehrende Forschungsteams berichten, dass sie sich drei Wochen lang in diesem Raum verirrt hatten und dabei sechs Teammitglieder verloren oder zurückgelassen hatten. Von außen betrachtet hatte sich das Team nur zwei Stunden lang in SCP-186-B aufgehalten.
12.08.1987: Mehrere Beobachter melden 216 Fallschirme, die in einer Höhe von etwa 900 bis 1100 Metern auf Nord-Süd-Kurs über die zentrale Zone driften. Es werden weder Flugzeugkondensstreifen noch Triebwerksgeräusche wahrgenommen. Die Schirme weisen Muster und eine Leinenführung aus der Zeit des Ersten Weltkriegs auf, sind jedoch halbtransparent und werfen keine Schatten. Die Radarabfrage liefert kein Ergebnis. Nach 19 Minuten sinken alle Schirme gleichzeitig zur Erde hinab und verschwinden. Es wird kein Material sichergestellt.
03.03.2009: Patrouillen melden die Sichtung von zwei Gestalten – offenbar eine Frau und ein Kind –, die in der Nähe eines Bachlaufs gehen. Beide Gestalten stehen in Flammen; ihre Gesichtszüge sind nicht zu erkennen.
Anhang 186.3: Aus dem Nachlass der von Hohenbergs geborgener Brief
Der folgende Brief stammt ebenfalls aus dem Nachlass des Barons von Hohenberg. In der Sammlung wird vermerkt, dass er den "schlurfenden Überresten eines Dings, das einst ein Mensch war" in SCP-186-B entnommen wurde. Er hat seinen eigentlichen Bestimmungsort nie erreicht.
Fotografie einer jungen Frau, Identität unbekannt
In der Nähe des Flusses Pregel, östlich von Königsberg
August 1917
Meine liebste Anya,
ich schreibe im Licht, das sich nicht zwischen Abend und Morgengrauen entscheiden kann. Wenn dich diese Zeilen erreichen, so wisse: Meine Hand war ruhig, auch wenn sie sich nicht mehr ganz wie meine eigene anfühlt. Ich möchte, dass du meine Stimme hast, bevor sie nur noch zu jenem Echo wird, das den ganzen Tag schon über das Feld zieht.
Vor drei Tagen sind wir auf eine bewaldete Anhöhe bei Königsberg gezogen, wo deine Tante Tanja wohnte. Von jenen Dörfern ist hier kaum noch etwas übrig, und ich fürchte um sie. Die Offiziere sagten uns, wir würden hier standhalten – dass die Deutschen von hinten heranrückten und wir Petrograd schützen müssten. Vielleicht haben sie sich geirrt – dieser Haufen Bäume ist nicht Petrograd, und doch zwingen sie uns trotz allem, ihn zu verteidigen. Sie gaben uns neue Waffen, um diese Bäume zu verteidigen – Waffen, die ich zuvor noch nie gesehen hatte. Gewehre, die zischten und stöhnten. Geschütze, die in der Dunkelheit der Nacht rot glühten. Andere Schrecken, die uns unbekannt waren.
"Sie werden euch helfen, die Stellung zu halten", sagten die Offiziere, und im Licht des nächsten Morgengrauens waren sie verschwunden.
Sie wussten es.
Der Schlamm hier kämpft besser als Männer; er behält, was er sich nimmt. Birken stehen wie Kerzen da und verneigen sich, wenn der Wind betet. Heute brach unsere Linie zusammen – erst die Flanke, dann das Zentrum, schließlich die Krümel, die man aus einem Tuch schüttelt. Der Feind traf früh und lautlos ein, mit kaum etwas von der üblichen Kriegsausrüstung. Unsere Geschütze antworteten, und dann reagierte noch etwas anderes – neue Dinge, die nicht von Gott dort oben oder dem Teufel dort unten bestimmt wurden, sondern von etwas, das weitaus schrecklicher ist.
Der Boden greift nach den Soldaten, als hätte er das Jagen gelernt. Ein Gasangriff setzte ein und erzeugte einen üblen Nebel, der den Leichen keine Ruhe ließ – selbst nachdem sie durch Kugeln und Bajonette zu Hackfleisch zerfetzt worden waren. Hier und da flackern Feuer auf und lassen dort, wo einst Männer standen, Albträume entstehen. Ich versuche, mich klar auszudrücken.
Erinnerst du dich an den französischen Arzt, von dem ich einmal geschrieben habe – den mit dem gepflegten Bart und den dünnen Handschuhen, der Zigaretten gegen Geschichten tauschte? Er war es, der diese neuen Waffen verteilte. Während wir den Atem anhielten – oder ihn verloren –, hielt er ein Objektiv. Er arrangierte die Gefallenen, als wären sie Sätze, und berührte sie mit dem Handrücken, wie eine Mutter, die ein schlafendes Kind prüft. Als er aufstand, war sein Mantel sauber. "Das ist sehr interessant", sagte er zu mir in sorgfältigem Russisch.
Wenn er in Friedenszeiten in unserem Dorf auftaucht, lauf. Nimm nichts mit. Auf diesem schwelenden Schlachtfeld habe ich gelernt, dass es Abgründe der Finsternis gibt, die alles übertreffen, was ich mir je hätte vorstellen können – und dass in diesen Tiefen Kreaturen hausen, die sich als Menschen tarnen, es aber nicht sind. Dieser Arzt ist eine solche Kreatur. Wo unsere Augen das Grauen erblicken, sieht er etwas völlig anderes. Unser Leiden ist für ihn bloß ein Kuriosum.
Eines seiner neuen Dinge fand mich so unvermittelt, wie ein Mensch gegen eine Glastür läuft. Ein metallischer Geschmack, süße, schwere Luft. Meine Brust beschloss, ohne mich weiterzumachen. Meine Hände sind zu voll von Berührungen; Papier kratzt wie Schnee, Schnee brennt wie Nesseln. Kleine, helle Brunnen haben sich auf meinen Armen geöffnet – sie nehmen es wahr, selbst wenn meine Augen sich schließen. Ich verändere mich.
Hab keine Angst. Ich habe genug Angst für uns beide – und bin doch ich selbst, wo es zählt. Ich werde nicht den gewohnten Weg zurückgehen; der Karren ist weit weg, und meine Beine haben andere Pläne. Sollte jemand ein Paket bringen, das vorgibt, ich zu sein, so hole es nicht am Bahnhof ab. Sag Vater, dass ich das kleine Heiligenbild in meiner Tasche behalten habe – der Lack rissig wie Flusseis, doch das Gesicht noch immer gütig. Sag Mutter, dass ich gelernt habe, Tee zu kochen, ohne Holz zu verschwenden. Sag meinem Bruder, er soll die Stiefel gegen welche tauschen, die eine Nummer größer sind. Sag dir selbst, dass es auf einem verwüsteten Feld einen Tag gab, an dem ein Mann nur an deine Hände dachte – und dass sie alles enthielten, was er sich wünschte.
Dein Band ist in meinem linken Stiefel. Also noch ein Versprechen: Ich werde dich bei mir tragen, wohin auch immer ich gehe.
Der Wind zerrt an den Birken. Meine Brust gibt nicht nach; vielleicht hat sie die Starrköpfigkeit von dir gelernt. Jemand summt eine Melodie, die ein Kirchenlied oder ein Marsch sein könnte, doch die Töne gehen in ihrer eigenen Reihenfolge nach Hause. Ich werde aufhören, bevor das Licht mich verändert. Iss das Brot, das du magst; öffne das Fenster, wenn die Straße nach Pferden riecht. Wenn ein anderes Leben zu dir kommt, lass es zu. Du warst mein ganzes Argument.
Ich unterschreibe mit dem Namen, den du flüsterst, wenn du glaubst, dass ich nicht zuhöre.
Dein Misha
P.S.: Falls man genug von mir findet, um mich zu beerdigen, sag ihnen, sie sollen mich unter einer Birke bestatten. Diese Bäume wissen, wie man zugleich weiß und schwarz und doch ein Ganzes sein kann. Sie werden verstehen.
Anhang 186.4: Geborgene Korrespondenz zwischen Mátyás Nemeş und Dr. Jean Durand, Forts.
Monsieur Durand,
Ihr Vorschlag ist wissenschaftlich fundiert, doch ich fürchte, es mangelt ihm an Praxisnähe. In jedem Fall wird Rhetorik die Entschlossenheit nicht auf die Probe stellen. Ich schlage eine kontrollierte Demonstration vor – ein limitiertes Gefecht, bei dem beide Seiten Waffen einsetzen, deren Wirkung so ungeheuer überzeugend ist, dass schon ihr bloßer Anblick den Willen der Menschen unwiderruflich beugt. Wenn die bloße Präsenz dieser Instrumente dazu führt, dass Kombattanten die Waffen niederlegen, anstatt sich ihnen zu stellen, werden wir den empirischen Beweis dafür haben, dass eine hinreichend große Macht – so schrecklich sie auch sein mag – Frieden erzwingen kann.
Ich bitte Sie, der Bereitstellung derartiger Bewaffnung für einen einzigen, überwachten Erprobungslauf zuzustimmen. Sollten Sie das Objekt nicht bereitstellen, so benennen Sie eines, das Sie stellvertretend akzeptieren. Ich werde Beobachter und neutralen Boden suchen. Der aktuelle Stand von von Kirchbachs Marsch nach Norden wird reichlich Gelegenheit bieten, die Grenzen dieser neuen Wunder zu erproben.
Wir sind Männer der Wissenschaft, die vor allem danach streben, die großen Fragen der Welt zu identifizieren und Antworten auf sie zu finden. In diesem Fall ist die Frage einfach: Werden Männer, wenn sie mit der unmissverständlichen Aussicht auf das konfrontiert sind, was sie erwartet, sich weigern zu kämpfen? Finden wir es heraus.
Avec gravité,
Mátyás Nemeş
Docteur,
Bericht aus dem Einsatzgebiet: Die Demonstration fand gemäß den vereinbarten Bedingungen statt. Die verheerende Wirkung auf die gegnerische Einheit führte in diesem Sektor zu einer sofortigen Einstellung der Feindseligkeiten. Ich sage Ihnen voller Begeisterung: Die Waffen übertrafen selbst meine kühnsten Vorstellungen von ihrem Potenzial – sie richteten eine Zerstörung von solch bemerkenswerter Bösartigkeit an, wie sie diese Erde noch nie zuvor gesehen hat, und all jene, die sie führten, weinten angesichts der Schrecken, die sie vollbrachten. Wahrlich, es gibt keine mächtigeren Werkzeuge der Verwüstung als diese.
Was ich jedoch nicht vorhergesehen hatte – und was ich nun offen ausspreche –, war die Reaktion bestimmter externer Beobachter. Generaloberst von Kirchbach, der diesen Vorgängen in aufsichtführender Funktion beigewohnt hatte, schreckte nicht zurück. Er beobachtete das Geschehen mit fachlicher Neugier, lobte dessen Effizienz und forderte weitere Einheiten für seine Streitkräfte an. Dabei begründete er sein Gesuch nicht mit moralischen Argumenten, sondern mit taktischem Vorteil.
Ich hielt es für wichtig, dass Sie dies umgehend erfahren. Das von Ihnen gelieferte Instrument mag in den Augen mancher nicht als Abschreckungsmittel, sondern als Kraftmultiplikator gelten. Das politische Interesse an einem solchen Vorteil wächst rasch. Ich für meinen Teil werde meine Erkenntnisse überprüfen und mit Ihnen in Verbindung bleiben.
Sincèrement,
Mátyás Nemeş
Nemeş,
Das hatte ich erwartet. Ein auf Beherrschung ausgerichteter Geist wird jedes Mittel bewundern, das die Herrschaft festigt. Wenn von Kirchbach darin lediglich einen taktischen Nutzen sieht, dann ist die Apparatur von ihm missverstanden und von den Zeiten zweckentfremdet worden.
Ich habe einst wie Sie von einer Waffe geträumt, mit der sich alle Kriege gewinnen ließen. Eine perfekte Waffe, die sowohl die Kugel als auch den Säbel überflüssig macht, eine, die ihre Wirkung mit einer solchen Endgültigkeit entfaltet, dass keine Macht es wagen würde, sich gegen ihre furchtbare Autorität aufzulehnen. Doch dies bestätigt, was ich befürchtet und in ruhigeren Momenten bereits ausgesprochen habe: Eine Waffe, die schon bei ihrem bloßen Einsatz Entsetzen auslöst, wird von Menschen zu einem Machtinstrument gemacht werden – es sei denn, die Qualen ihres Gebrauchs werden nicht nur von Männern auf dem Schlachtfeld durchlitten, sondern auch von jenen, die ihren Einsatz anordnen. Daher ist ein weitaus größeres, schrecklicheres Instrument erforderlich – nicht hinsichtlich der physischen Kapazität, sondern der ethischen Verbindlichkeit: etwas, das nicht ignoriert werden kann.
Ich werde darüber nachdenken, was das bedeuten könnte. Vorerst gilt: Sichern Sie alle Werkzeuge, die Sie können, und vernichten Sie jede funktionstüchtige Replikation, deren Herausgabe von Kirchbach verlangt. Sollte er darauf beharren, müssen Sie ihm die Herausgabe verweigern – oder ihn vernichten. Ich überlasse die Angelegenheit Ihnen.
— J. D.
Anhang 186.5: SCP-186-A Memorandum zur ursprünglichen Eindämmung
INTERNES MEMORANDUM
Site-17
Vorgesetzter Lyons,
Wie gewünscht wurde das Gerät abgeschaltet und in den Bereitstellungsbereich für die Eindämmung gebracht. Anbei finden Sie die Dokumentation zur Bearbeitung sowie die erste Auswertung.
Wäre Jurickson kein Typ Grey gewesen, hätten wir die gesamte Einheit verloren, noch bevor wir überhaupt nah genug herangekommen wären, um es abzuschalten. Ich habe ihn besucht, nachdem wir den Transport abgeschlossen hatten. Es heißt, er könne noch sehen und sprechen, aber in seinem Inneren ist nichts mehr übrig. Er war auch ein Stufe 15. Weniger als 20 von ihnen in der gesamten Foundation. Nach heute einer weniger.
Wir haben den armen Bastard gefunden, der es überhaupt erst geöffnet hat. Nur einer, der wie ein Junkie aussah, und nach was zum Bergen suchte – er war praktisch mit dem Boden verschmolzen. Hat auch die halbe Stadt mit sich in den Tod gerissen. Wir haben jetzt Teams im Einsatz, die die Betroffenen in die Kühlkammern bringen, aber solange du keine Gedanken lesen kannst, wirst du nichts aus ihnen herausbekommen, und ich bin mir nicht sicher, ob Sie das überhaupt wollen würden, wenn Sie es könnten. In dem Moment, als es sie traf, stießen sie einen einzigen Schrei aus – ganz anders als jeder Schrei, den ich je gehört habe – und verstummten dann völlig. Sie starrten einfach nur ins Leere. So etwas habe ich noch nie gesehen.
Ein guter Rat: Wenn Sie sich in ihrer Nähe aufhalten müssen, vermeiden Sie es, ihnen in die Augen zu sehen. Sie werden mir später dafür danken.
Salvador Adrietti
MTF L-45 "Taskmasters"
Anhang 186.6: SCP-186-A-Entdeckung
SCP-186-A wurde 1988 in einem verlassenen Lagerhaus in der ungarischen Stadt Tiszavár entdeckt. Zum Zeitpunkt der Entdeckung betrug die Einwohnerzahl von Tiszavár rund 3.500; fast die Hälfte davon lebte in einem Umkreis von 5 km um das Lagerhaus. Die Foundation wurde auf die Aktivierung von SCP-186-A aufmerksam, nachdem sie eine anonyme telefonische Nachricht an regionale Behörden abgefangen hatte..
Anhang 186.7: Zusammenfassung gesammelter Texte
Das Folgende sind Auszüge aus den Dokumenten und Tagebüchern, die am Fundort von SCP-186-A sichergestellt wurden. Der Großteil dieser Dokumente wurde als von Dr. Jean Durand verfasst identifiziert.
Die Aufzeichnungen von Jean Durand, Anatom und Feldchirurg von bescheidenem Ruf – ein Erforscher dessen, was einen Menschen zerbrechen und wieder heilen lässt. Ich führe dieses Tagebuch erstens, um meine eigenen Beobachtungen zu ordnen, und zweitens für jene, die nach mir kommen, auf dass sie meine Methoden und Beweggründe frei von Gerüchten beurteilen können. Ich beanspruche keine Wichtigkeit – doch sollte sich die Arbeit als folgenreich erweisen, so sollte sie in meiner Aufzeichnung klar dokumentiert sein.
Jahre sind vergangen, doch die Schützengräben haben nicht ein einziges Mal aufgehört, zu mir zu sprechen. Ich erwache mit Schlamm im Mund, während die Namen der Jungen, die ich einst behandelt habe, wie in einem Verzeichnis vor meinem geistigen Auge vorbeiziehen. Seit Monaten versuche ich, jenes Verzeichnis in etwas Nützliches zu übersetzen – diesmal nicht in ein Heilmittel, sondern in ein Instrument der Abschreckung. Wenn eine einzige Erfindung eine Seite so unbesiegbar machen könnte, dass kein General es wagte, einen Angriffsbefehl zu erteilen, wenn die ganze Welt genau um die schreckliche Macht wüsste, über die diejenigen verfügen, die sie entfesseln können, hätten wir den Krieg dann nicht durch die schiere Gewissheit überflüssig gemacht?
Das glaubte ich einst. Ich redete mir ein, dass ein überlegenes Instrument der Gewalt – absolut, furchterregend, endgültig – das Heilmittel sein könnte. Das Ding bauen, das jeden Krieg gewinnt, so sagte ich mir, und der Rest würde folgen: Verträge würden Bestand haben, Armeen würden mangels Verwendung verkümmern, und Kinder würden nicht lernen, wie Benzin und Eisen schmecken. Darin fühlte ich mich mit dem Mann Nemeş verbunden.
Ich habe endlos gezeichnet, in verrauchten Räumen debattiert und Männern zugehört, deren Münder voll von Karten und Siegen sind. Ihrer Sprache wohnt ein betäubender Trost inne: Statistiken, Logistik, Reichweiten. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich keine Reichweiten; ich sehe Gesichter. Das habe ich ihnen noch nicht gestanden.
In der Rechnung, die wir einst aufstellten, fehlt ein entscheidender Faktor. Nemeş enthüllte mir dies 1917, auch wenn er wohl nicht erkannte, was es eigentlich bedeutete. Was unserer Machtdemonstration – so glaube ich heute – am meisten fehlte, war Verständnis. Nicht bei jenen Soldaten, die unter dem Feuer, das wir über sie brachten, zugrunde gingen, sondern bei den Männern in ihren hohen Burgen, die aus der Ferne Armeen dirigierten. Wenn man ihnen den Albtraum des Krieges nicht begreiflich machen kann, welche Hoffnung haben wir dann, ihn beendet zu sehen?
Fürs Erste werde ich dort beginnen, wo ein Mann, der sich auf Anatomie versteht, beginnen sollte: bei der Erforschung der Grenzen der Kraft – sowohl der materiellen als auch der des Willens.
Ich ging erneut über die Schlachtfelder, diesmal ohne Notizbücher oder Skizzen, angetrieben nur von der Weigerung, den Blick abzuwenden. Gräber sind auf eine Weise ehrlich, wie es Regierungen nicht sind. Ein verrosteter Helm, halb in einer Ackerfurche vergraben, lässt keinen Euphemismus zu. Ich versuchte, mir ein Abschreckungsmittel vorzustellen, das tatsächlich abschreckt, doch dabei offenbarte sich eine andere Art von Grausamkeit: nicht die Grausamkeit des Massentötens, sondern jene, die Menschen gegen dessen Anblick immun werden lässt. Wenn es gelingt, Bevölkerungen dazu zu bringen, das Abschlachten als Abstraktion – als Zahlen in einem Bericht – hinzunehmen, dann wird keine Waffe, so absolut sie auch sein mag, es verhindern können. Die Angst vor der Vernichtung ist nur so lange instrumental wirksam, wie sie abstrakt und fern bleibt; aus der Nähe betrachtet wird die Trauer zu einem politischen Problem, das bewältigt werden muss, und nicht zu einem moralischen Veto.
Was wäre, wenn man, anstatt eine neue Tötungsmethode zu erfinden, das Töten auf eine Weise unbestreitbar machen könnte, die jede Abstraktion verhindert? Nicht durch Worte oder Fotografien – diese werden stets in Argumentationen eingebettet –, sondern indem man das Erlebnis davon unentrinnbar in das Bewusstsein zwingt. Ich werde von dem Bild eines Anführers heimgesucht, der Menschenleben aufrechnet, während sein Volk schläft, ohne zu wissen, was ihm genommen wurde. Um das zu verhindern, muss man den Puffer beseitigen: die Lüge, dass das Leid eines Krieges die Angelegenheit anderer sei. Jeden Menschen zum Zeugen machen; das Leugnen unmöglich machen.
Dieser Gedanke versetzt mich in größere Angst als jedes Schema der Zerstörung. Er ist ungeheuerlich in seiner Ambition. Er würde ein Schlachtfeld nicht auslöschen; er würde das Schlachtfeld in das Bewusstsein hineinfalten. Ich weiß noch nicht, ob eine solche Faltung Erlösung oder eine neue Art von Gewalt bedeutet. Ich halte es jetzt schriftlich fest, weil ich mich dem ehrlich stellen muss. Nicht, um den Mechanismus zu ergründen, sondern um mir einzugestehen, dass ich in diese Richtung denke. Da sind sehr dunkle Türen, durch die man Empathie zwängen kann. Ich spüre ihre Rahmen unter meiner Hand.
Ich habe jeden zerbrochenen Körper gezählt, jeden Tropfen Blut, jedes weit aufgerissene Auge und jeden offenen, schreienden Mund. Ich habe Bilanz über das große Leid der Menschheit gezogen. Ich bin mir der Last dessen bewusst, was ich den Menschen aufbürde – ich habe jeden qualvollen Zentimeter davon am eigenen Leib gespürt. Einer Welt das Erinnern aufzuzwingen, heißt, neue Schrecken zu schaffen – ja: Wahnsinn, Lähmung, ein weltumspannendes Geflecht aus Leid, so dicht, dass das Leben selbst erstickt. Ich wäge das gegen die Alternative ab: endlose Zeiten der Einberufung, unzählige Mütter, die sich über die Betten von Söhnen beugen, die nicht zurückkehren. Frauen und Kinder, zermahlen zu eiterndem Fleisch in einem Loch, das kein Grab ist. Aasfresser, die Männer in zerfressene Gestalten mit leeren Augen verwandeln. Unfassbare Schrecken – und noch mehr.
Ich habe mir die Versammlungen der Welt, die Eide und die Wächter vorgestellt. Ich habe mir Schutzmechanismen ausgedacht – rechtliche, zivile, rituelle –, um eine Monopolisierung zu verhindern. Einst träumte ich von einer Welt, in der jede Hand die ultimative Waffe hielt. Heute weiß ich, dass sie diese Waffe schlichtweg durch bloße Logik für obsolet erklären – oder sie verharmlosen – und neue Schauplätze für ihr Gemetzel finden werden. Mit der Zeit mögen sie vergessen, dass die perfekte Waffe überhaupt existiert, und die Schrecken konventioneller Kriegsführung ignorieren. Ich kehre nun zu derselben düsteren Hypothese zurück: Um den Krieg zu beenden, müssen wir ihnen die Möglichkeit nehmen, wegzusehen.
Ich denke an die Männer in den Schützengräben, die Fremden ihre letzten Bitten um Verzeihung zuflüsterten, und frage mich, ob diese Intimität, würde sie sich ausbreiten, den Krieg unmöglich machen würde.
Und nun steht die Apparatur fertig da. Sie ist keine Maschine im alten Sinne – sie hat keine Zylinder, keine Gehäuse –, doch eine Maschine ist sie allemal. Sie tötet nicht. Töten ist viel zu banal und würde sie zu kaum mehr als einer bloßen, raffinierteren Schusswaffe machen. Nein, sie erzwingt Verständnis. Einmal aktiviert, wird sie die letzten Augenblicke jedes im Krieg verlorenen Lebens aufgreifen, jeden mühsam ringenden Atemzug, jedes blinde Greifen nach Hilfe, jedes letzte flehende Wort, das im mahlenden Lärm gleichgültiger Vernichtung untergeht, und sie zu einem unendlichen Strom des Zeugnisses verflechten. Weder Bilder noch Wochenschauen – sie lassen sich allzu leicht fiktionalisieren. Was sie sehen, wird wirklich sein, frei von Distanz, schonungslos ausgebreitet auf den Dielen des Geistes. Keine leeren Meldungen mehr von fernen Fronten. Keine roten Striche mehr in der Bilanz eines Generals. Die Welt wird den Schützengraben in ihrem eigenen Schädel tragen, und dieser Graben wird sich niemals leeren.
Was sie erleben, ist wahrhaft unsagbar. Es ist kein Grauen wie in einem Buch; man kann nicht einfach umblättern, um den Blick von den Albträumen abzuwenden. Es ist das Ertrinken jeder privaten Trennlinie in deinem Geist. Der letzte Herzschlag eines Fremden wird zu deinem eigenen. Der Geruch von fauliger Erde und brennendem Eisen füllt deine Lungen, bis du zu ersticken drohst. Das verzweifelte Wehklagen einer Witwe spannt sich wie Draht hinter deinen Augen. Und es verblasst nicht. Es wird zum Begleiter beim Frühstück, beim Gebet, in der Stille vor dem Einschlafen. Man kann sich nicht damit trösten, dass man nur Zeuge war. Man ist der Sterbende, solange es andauert – und es dauert ewig.
Es ist ein Akt erzwungenen Mitgefühls. Ich werde ihnen alle Kriege zeigen, und indem ich das tue, werde ich alle Kriege beenden.
Ansel,
Sie werden mir hoffentlich das Zittern meiner Handschrift verzeihen. Es gibt viel zu sagen, und nur wenig Zeit dafür.
Ich habe das getan, von dem Sie befürchtet haben, dass ich es tun könnte.
Dieses Ding, das ich für die Welt erschaffen habe – das ist das Heilmittel, das mir vorschwebte. Ich sage es Ihnen in aller Aufrichtigkeit und ohne den geringsten Zweifel: Diese Maschine wird dem Leid des Krieges ein Ende setzen. Sie ist rein. Sie ist vollkommen. Sie ist absolut.
Und doch, hier liegt meine Scham, nackt und offen: Ich bringe es nicht über mich, den letzten Stromkreis zu schließen. Ich kann mich nicht dem vollen Strom dessen hingeben, was ich vorbereitet habe. Ich habe meinem eigenen Geist Bruchstücke davon überlassen – genug, um seine Tiefe zu ergründen, aber nicht genug, um darin zu ertrinken. Jedes Mal, wenn ich mich dem Schalter nähere, spüre ich, wie mein Puls ins Stocken gerät. Ich rede mir ein, es sei bloße Vorsicht, eine vorübergehende Ungewissheit. Das kurze Innehalten vor dem Sturz. Die Wahrheit ist einfacher. Ich habe Angst. Angst vor meiner eigenen Schöpfung, Angst davor, in jenem Krieg zu leben, den ich anderen aufzuzwingen glaubte. Angst vielleicht auch davor, dass selbst das hier kein Ende bringen wird.
Sie haben mich einst mutig genannt, Ansel. Tun Sie das nicht. Ich bin nicht mutig. Ich bin ein Anatom, der Wissen mit Heilmitteln verwechselte und nun vor der Medizin zittert, die er selbst gebraut hat. Ich kann nicht derjenige sein, der entscheidet, ob sie verabreicht wird. Ich kann nicht im Schatten dessen leben, was ich erschaffen habe. Ich besitze nicht die Kraft, die Augenlider der Welt zu öffnen und sie zu zwingen, hinzusehen.
Ich überlasse es Ihnen. Die Maschine gehört nun Ihnen. Ihre Mechanismen sind versiegelt, doch leicht zu erwecken, die Anleitung liegt diesem Brief bei. Sie, der gesehen hat, was ich gesehen habe, ohne je der Verzweiflung zu erliegen, mögen noch über jene Klarheit verfügen, die ich verloren habe. Wenn Sie sie als Ungeheuerlichkeit verurteilen, vernichten Sie sie. Wenn Sie sie als notweniges Grauen verurteilen, dann – Gott verzeihe uns – lassen Sie sie ihr Werk tun. Ich bete dafür, dass Sie nie vor diese Wahl gestellt werden.
Wenn Sie dies lesen, werde ich fort sein. Ich wähle den Ausweg des Feiglings – oder den des Ehrlichen; ich kenne den Unterschied nicht mehr. Mein Leben ist ein Verzeichnis von Wunden, die ich nicht schließen konnte. Vielleicht bewahrt Sie mein Fortgehen davor, meine Illusionen zu erben. Vielleicht fügt es dem Archiv unnötiger Verluste nur einen weiteren Namen hinzu. So oder so ist es mein letzter Akt der Selbstbestimmung.
Möge welche Gnade auch immer in diesem Jahrhundert noch verblieben sein – falls es überhaupt eine gibt –, Ihre Hand besser führen, als sie die meine geführt hat.
Avec respect,
