SCP-159-DE im Gespräch mit Dr. Derminov
Objekt-Nr.: SCP-159-DE
Klassifizierung: Euclid
Sicherheitsmaßnahmen: SCP-159-DE wird derzeit an der Seehundstation Friedrichskoog eingedämmt. Es ist ihr unter Androhung, sie wieder in einer Eindämmungszelle zu isolieren, untersagt, in ihre humanoide Form zu wechseln oder ohne Erlaubnis in Anwesenheit von Nicht-Foundationpersonal zu sprechen; dies ist mittels Überwachung der Kameras der Seehundstation zu überprüfen. In ihrer pinnipedoiden Form ist es ihr gestattet, sich in der Seehundstation frei zu bewegen und mit Artgenossen und Menschen zu interagieren. Es ist ihr nicht gestattet ohne ausdrückliche Genehmigung durch die Projektleitung das offene Meer aufzusuchen. Um sie in diesem Fall überwachen zu können, ist ihr ein Ortungschip in den Rücken implantiert worden.
Sollte es notwendig werden, SCP-159-DE an einer Einrichtung der Foundation einzudämmen, ist ihr eine Nass-Trocken-Eindämmungszelle der Größe 6 bereitzustellen; das Wasser des Nassbereichs ist stets mit frischem Wasser aus der Nordsee zu mischen und hat einen Salzgehalt von ca. 33 ‰ zu haben. Die Eindämmung in einer Isolierzelle ist ein adäquates Mittel zur Disziplinierung, hier genügt das Basismodell. In jedem Fall ist ihr sehr fischreiche Kost zu verabreichen. Sie kann in humanoider Form problemlos rohen Fisch und Fleisch verdauen, jedoch auch gewöhnliche Kost für Menschen. Ihre Speisen sollten ungewürzt sein. Im Notfall kann Hundefutter auf Thunfischbasis aus dem Einzelhandel gereicht werden, jedoch kein Trockenfutter. Besteck ist nicht erforderlich, jedoch ist zwecks Zivilisierung in der humanoiden Form stets von ihr zu verlangen, an einem Tisch sitzend mit Besteck zu essen und Tischmanieren einzuhalten.
Im Rahmen ihrer Eindämmung an einer Einrichtung der Foundation steht es - sofern sie nicht isoliert wird - dem Personal der Foundation frei, mit ihr zu interagieren. Bei regelmäßigem sozialen Kontakt zeigt sie ein eindämmungsförderlicheres Verhalten, daher wird freiwilliges Engagement des Personals hier begrüßt. Jedoch sind körperliche Annäherungsversuche stets zurückzuweisen. Unabhängig von der Art der Eindämmung sei alles Personal gewarnt, dass sie in der Paarungszeit versucht, mit Menschen zu kopulieren, wenn sie ihre humanoide Form angenommen hat. Die Fortpflanzung mit Menschen ist ihr jedoch strikt untersagt (ebenso wie es Foundationpersonal strikt untersagt ist, daran teilzunehmen). Versuche, dies durch Disziplinarmaßnahmen zu unterbinden blieben erfolglos; das Personal hat hier selbst für die Einhaltung dieser Vorschrift zu sorgen, außerdem ist sie in dem Zeitraum stärker zu überwachen. Wird sie jedoch zu aufdringlich, ist sie für den Rest der Paarungszeit zu isolieren. Deren Ende ist dann wöchentlich per Hormonanalyse zu ermitteln. Bei Trächtigkeit ist per Gentest festzustellen, welcher Gattung der Embryo angehört. Eine Trächtigkeit mit einem nicht anomalen pinnipedoiden Embryo ist statthaft und kann auf natürlichem Weg ausgetragen werden. Eine Trächtigkeit mit einem anomalen Embryo ihrer eigentlichen Gattung ist jedoch zwangsweise abzubrechen. Auch die Produktion eines solchen Nachkommens zu Forschungszwecken ist nicht statthaft.
Beschreibung: SCP-159-DE gleicht in ihrer pinnipedoiden Form einem etwa 20 Jahre alten weiblichen Seehund (Phoca vitulina) von 1,43 m Länge und 91 kg Gewicht, und ist von Tieren dieser Gattung äußerlich nicht zu unterscheiden. SCP-159-DE verhält sich, wenn sie keinen Kontakt zu Menschen hat, wie für Seehunde üblich. Sie gibt sich jedoch verspielt, und sucht in freier Wildbahn die Nähe zu Menschen, zum Beispiel indem sie Strände aufsucht. Dort lässt sie sich streicheln und füttern und amüsiert Anwesende mit Kunststücken.
In ihrer humanoiden Form, gleicht sie einer etwa 20 Jahre alten menschlichen Frau von 1,40 m Körpergröße und etwa 45 kg Gewicht. Das Haupthaar, sowie die ausschließlich aus Vellushaar bestehende Körperbehaarung ist dunkelgrau mit einzelnen schwarz-bräunlichen Strähnen, auf der vorderen Körperseite jedoch etwas heller. Ihre Augen bleiben jedoch unverändert zu ihrer pinnipedoiden Form, also etwas größer als für menschliche Augen üblich und gänzlich schwarz. Ihr Hormonzyklus entspricht in beiden Formen dem der Seehunde; gerade im Frühjahr und Frühsommer zeigt sie einen starken Fortpflanzungsdrang, der in humanoider Form geradezu als manisch betrachtet werden kann, was sich dadurch äußert, dass sie versucht mit allen männlichen Kontaktpersonen den Koitus zu provozieren. In pinnipedoider Form zeigt sie ein bei Seehunden übliches Fortpflanzungsverhalten. Nach erfolgreicher Empfängnis hat die Wandlung ihrer Form keinen Einfluss auf den Embryo, auch nicht das Gebären und Säugen in der jeweils anderen Form.
Es ist nicht klar definierbar, welche Gestalt die natürliche Form von SCP-159-DE ist. Ihre humanoide Form hat zwar einige Merkmale der Seehunde, wie die Augen, das Gebiss, die Fähigkeit die Nasenlöcher zu verschließen, Teile des Verdauungstraktes und der inneren Geschlechtsorgane. Jedoch findet der Gestaltwechsel statt, indem sie das Fell nebst einer Speckschicht an- oder ablegt. Das Fell wird als SCP-159-DE-1 klassifiziert. Einem Live-MRT zufolge werden beim Anlegen des Fells Gelenke überdehnt und die Gliedmaßen dicht an den Körper angelegt, so dass nur die Hände und Füße in die Flossen hineinragen, und der Körper kompakt in das Fell hineinpasst. Dieses enthält weitere Knochen in der Schnauze, den Flossen, sowie eine Verlängerung der Ausscheidungstrakte und der Vulva und verfügt über ein eigenes, von der humanoiden Brust unabhängig funktionierendes Gesäuge. Es findet keine anomale Transmutation statt, außer dass das Fell mit der Speckschicht an der Haut der humanoiden Gestalt mit hoher Geschwindigkeit festzuwachsen scheint, ebenso wie an den Körperöffnungen, was das Ablegen des Fells nach fortschreitender Zeit schmerzhaft und langwierig macht. Der Ein- und Ausstieg findet durch den Bauchbereich statt, in welchem sich eine lange Narbe befindet, welche sich währenddessen öffnet und nach dem Anlegen mit großer Geschwindigkeit zuwächst. Abgelegt verhält sich das Fell wie ein separater Organismus, verfügt jedoch über kein eigenes Gehirn. Es ist in der Obhut von SCP-159-DE zu belassen, oder bei Isolation in einem klimatisierten Sicherheitsschließfach aufzubewahren. Ein Röhrenherz im Brustbereich von SCP-159-DE-1 sorgt für eine geringe Blutzirkulation, ein Sauerstoffaustausch findet nur über Hautatmung statt und es gibt keine Nährstoffaufnahme. Es wird angenommen, dass SCP-159-DE-1 im abgelegten Zustand von den Fettreserven zehren kann.
Sowohl in humanoider, als auch pinnipedoider Form1 ist sie des Sprechens, Lesens und (nur in humanoider Form) Schreibens mächtig. Sie spricht fließend Altfriesisch, sowie gebrochen eine Reihe von Sprachen der Nordseeanrainer, jedoch zumeist alte Dialekte und hat sich eine für Sprecher des modernen Deutschen verständliche Sprechweise angeeignet. Sie zeigt in humanoider Form ein spielerisches, freundliches und sehr soziales Verhalten, sucht stets die Gesellschaft und Nähe von Menschen und pflegt körperliche Nähe zu suchen, etwa indem sie sich bei Gesprächen dem Gesprächspartner stark annähert, oder diesen berührt. Des weiteren zeigt sie eine Abwesenheit von Schamgefühl, und eine Aversion sowie Unverständnis für das Tragen von Kleidung, beugt sich jedoch diesem menschlichen Brauch, beziehungsweise den Erwartungen der Foundation.
Sie zeigt keinerlei Interesse oder Verständnis für moderne Technologie, Gebräuche, Verhaltens- und Lebensweisen. Allerdings ist sie mit Unterstützung in der Lage, Aktivitäten des modernen Alltags durchzuführen, wie unfallfrei eine Straße zu überqueren, den Bus zu nehmen, zu duschen, Essen zu bestellen oder ein Smartphone zu betätigen. Da ihre Augen sich in ihrer humanoiden Form nicht von ihrer pinnipedoiden Form unterscheiden, ist sie kurzsichtig und vermindert farbsichtig, hat dafür eine erheblich bessere Nachtsicht. Zur Kompensation ihrer Kurzsichtigkeit trägt sie an Land trotz ihrer Aversion gegen Kleidung und Modernes eine Brille, zur Belustigung von Besuchern der Station auch bisweilen in pinnipedoider Form.
SCP-159-DE wurde 2014 dem PFSMC2 unterstellt, um in humanoider Form den Alltag in der Stadt Brunsbüttel, in direkter Nachbarschaft zu Standort-DE7 und den Privatwohnungen mehrerer Mitarbeiter des Standortes, zu bestreiten. Nachdem sie sich jedoch mehrfach mit einem Pfleger paarte und eine Trächtigkeit zwangsweise abgebrochen werden musste, wurde der Versuch der Eindämmung in der Öffentlichkeit abgebrochen und sie wird seither unter der Ägide von Standort-DE7 entsprechend der aktuell geltenden Sicherheitsmaßnahmen an der Seehundstation eingedämmt. Die Leitung der Station ist eingeweiht und wird Besuchstermine nach dem Feierabend des Personals der Station organisieren.
Gesprächsaufzeichnung #159-DE/P5:
Zwei Wochen nach Abbruch ihrer oben genannten Trächtigkeit wurde folgendes Interview zu dem Vorfall aufgezeichnet. Anwesend sind neben SCP-159-DE in humanoider Form Herr Dr. rer. nat. Enno Vormann (Leiter PFSMC, Gesprächsführer), Frau Sarah Loewen (AfMA3, auf standortinterner Fortbildung beim PFSMC) und ein Wachmann vor der Tür. Ziel des Gespräches ist, den mentalen und emotionalen Zustand von SCP-159-DE in Erfahrung zu bringen und gegebenenfalls zu schlichten.
+++ BEGINN DER AUFZEICHNUNG +++
Doktor Vormann: Also gut. Elke, wie fühlst du dich?4
SCP-159-DE: Nicht gut… ihr habt mein Kind aus meinem Bauch gestohlen. Warum macht ihr das?!
Vormann: Weil wir es müssen. Du wusstest, dass du dich nicht mit Menschen fortpflanzen darfst.
SCP-159-DE: Und ihr wisst, dass ich nicht anders kann! Warum gebt ihr mir einen Mann als Hilfe, wenn ihr das nicht wollt?!
Vormann: Schweigt betreten.
SCP-159-DE: Und warum darf ich das nicht? Und komm' mir nicht wieder mit ich sei anomal und ihr müsst die Welt vor Anomalem schützen. Bin ich so gefährlich?
Vormann: Nein, Elke. Aber allein der Umstand, dass deine Art existiert ist gefährlich für die Gesellschaft und…
SCP-159-DE: Springt auf und schlägt auf den Tisch. Red‘ keine Scheiße, Enno! Ich bin 665 Jahre alt und habe hunderte Kinder zur Welt gebracht! Solche und solche. Und bis ihr nach euren Kriegen aufgetaucht seid, hat sich niemand für uns interessiert. Niemand! Nicht mal die Kirche die sonst so gerne alles ermordet was kein Mensch ist, hat sich um uns geschert! Die Menschen haben uns seit Jahrtausenden geduldet und willkommen geheißen. Ich hatte allein über ein Dutzend Männer, die mit Opfergaben versucht haben eine Selkie5 anzulocken. Ich habe meine Kindheit unter Menschen zugebracht, bis das Meer sie geholt hat! Verdammt Enno, ihr habt kein Recht euch in meine Art einzumischen, in mein Leben!
Vormann: Elke, bitte. Ich verstehe, dass du aufgebracht bist, aber setz dich bitte wieder hin. Ich weiß, dass früher alles anders war, aber heute ist es so wie es nun mal ist. Unsere Gesellschaft ist so groß und gut vernetzt, dass sie vieles was früher normal war vergessen hat. Würde das bekannt, wären die Folgen für uns nicht abzusehen. Und wir müssen nun mal in erster Linie an unsere Art denken. Es tut mir leid, dass das bedeutet dass wir dich hier behalten und dir Einschränkungen auferlegen müssen. Aber wir versuchen unser Bestes, das für dich so angenehm wie möglich zu machen. Du weißt, dass das PFSMC alles tut, dass die Angehörigen von Rassen die wir als anomal bezeichnen, ein möglichst normales Leben führen können. Deshalb haben wir doch versucht, dir einen Platz in der menschlichen Gesellschaft zu geben. Aber du hast Recht, es war ein Fehler dir einen Mann zuzuteilen. Wir hatten nur männliche Pfleger, und haben angenommen, es würde genügen den Koitus zu verbieten, aber wir haben unsere eigene Natur unterschätzt.6
SCP-159-DE: Hat sich wieder hingesetzt. Verstehe. Eure Weltordnung ist euch so wichtig, dass ihr andere Rassen aussterben lasst. Enno, ich habe seit fünfzig Jahren niemanden meiner Art mehr getroffen. Eure Kriege, die Waffen und Gifte die ihr ins Meer werft, die Jagd und Organisationen wie ihr, haben tausende von uns das Leben gekostet. Und dabei waren wir nie viele. Vielleicht bin ich die letzte. Und ihr wollt mir verbieten meine Rasse am Leben zu halten. Denk mal darüber nach, Enno.
Sarah Loewen: Ähm, Entschuldigung wenn ich mich einmische. Aber da kann Doktor Vormann nichts für. Wir, also das PFSMC, versuchen ja die Situation zu verbessern. Ansonsten würde man dich einfach in einer Zelle verrotten lassen und dir auch keinen Kontakt mit Menschen erlauben. Das wäre die Standardprozedur. Und wer weiß, vielleicht kommen wir ja irgendwann so weit, dass wir dir auch nicht mehr verbieten müssen, dich mit Menschen fortzupflanzen. Die menschliche Gesellschaft entwickelt sich ja auch weiter und wird hoffentlich wieder offener. Ich meine, 665 Jahre sind viel, aber du wirkst noch jung. Wie alt wird denn deine Art?
SCP-159-DE: Ja, du hast vermutlich recht. Ist ja auch nicht so als würde ich euch nicht mögen. Ihr seid fast alle lieb zu mir, viel mehr als andere Menschen die ich in meinem Leben kennen gelernt habe, die entweder nur ficken oder mich verkaufen oder essen wollten oder sowas, oder mich einfach fortgejagt haben.
Hm… ich weiß nicht, meine Mutter ist fast tausend Jahre alt geworden und wurde vor über 150 Jahren von Jägern ermordet. Unsere Männer werden aber nicht so alt; nicht älter als Menschen, und können mit Menschen nur normale Menschen zeugen. Nur Selkie-Frauen können Selkies gebären. Es gibt aber kaum Frauen bei uns. Ich hatte nur drei Töchter meiner Art. Zwei sind tot und die dritte habe ich seit eurem ersten großen Krieg nicht mehr gesehen.
Loewen: Oh Mann… tut mir wirklich leid, dass wir Menschen euch so viel Leid bescheren… ich hoffe wirklich, dass du deine Art eines Tages wieder beleben kannst.7
SCP-159-DE: Danke. Aber ach, naja. Ihr seid ja nicht die Einzigen. Weiter im Norden werden uns Orcas gefährlich, weiter im Süden Haie. Und unsere Männer gehen manchmal an Land und bleiben da. Oder kämpfen in euren Kriegen. Deshalb sind da so viele von uns gestorben… Sie haben ihr Fell abgelegt und sich ihren Trieben ergeben. Unsere Triebe sind stärker als eure, wie man sieht, wenn ich Paarungszeit habe. Unsere Männer wollen ausschließlich ficken, fressen, und sich schlagen. Noch schlimmer als eure. Ich mag Menschen fast lieber als unsere eigenen Männer…
Loewen: Oh, hm… ich hab' da noch eine andere Sache. Du sagtest doch du bist unter Menschen aufgewachsen, bis das Meer sie geholt hat… war das die „Grote Mandränke“8? Würde von deinem Alter her passen. Und, kennst du die Stadt Rungholt?
SCP-159-DE: Ja! Ich komme aus Lütke Rungholt! Woher weißt du das?
Loewen: Nur so ein Gedanke, wir erforschen den Untergang von Rungholt und die Grote Mandränke als solche. Wenn du magst, würde ich gerne später noch mehr Fragen dazu stellen, meine Kollegin Olga Derminov würde sicher gerne dabei sein, die leitet die Forschung.
SCP-159-DE: Ja gerne, ist zwar lange her aber ich erinnere mich gut daran. Da war ich gerade zwölf. Meine Mutter hat mir da zum ersten Mal mein Fell gegeben und ist mit mir ins Meer gegangen. Fast alle die wir kannten sind ertrunken. Das war wirklich schlimm damals.
Vormann: Ach Elke, das tut mir wirklich leid, dass du so viel erdulden musstest. Wenn du möchtest können wir für heute Schluss machen.
SCP-159-DE: Nein, alles gut. Der Tod war doch schon immer allgegenwärtig. Auch für euch, ihr habt das nur vergessen. Der Tod gehört zum Leben dazu. Überleg' mal, alle meine Söhne, und alle meine Männer, bis auf den letzten, sind tot. Meine Mutter und zwei meiner Töchter. Auch meine Robben-Kinder sind bis auf die jüngsten alle tot. Ich habe in meinem Leben bestimmt vierhundert Kinder geboren. Fast jedes Jahr eines, nur wenn ich einen Selkie geboren habe, habe ich ein paar Jahre Pause gemacht. Und bis auf drei Robben von denen ich weiß, dass sie noch leben müssten weil ich sie, bevor ihr mich eingefangen habt, noch gesehen habe, sind alle tot oder ich habe sie aus den Augen verloren. Für mich ist das doch ganz normal. Und war es auch für meine Mutter. Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, war sie ganz verwundert, dass ich noch lebe. Und ich, dass sie noch lebt. Ich bin es gewohnt, dass um mich herum alle sterben, so bitter es klingt. Das war für mich damals halt ein Schock. Plötzlich kam das Wasser und wir haben mehr oder weniger zugesehen, wie die Menschen die nicht fliehen konnten ertrunken sind.
Vormann: Das… puh, das klingt trotzdem hart. Ich bewundere es ehrlich gesagt, dass du das so aushältst.
SCP-159-DE: Naja, geht ja nicht anders. Ich werde nun mal uralt. Ist für menschliche Maßstäbe vermutlich nicht zu verstehen. Ich verstehe ja auch nicht, warum gerade unsere Frauen so alt werden. Ist halt so.
Loewen: Hm… da fällt mir noch was ein. Du sagtest, deine Mutter hat dir dein Fell gegeben… was meinst du damit? Hattest du das noch nicht?
SCP-159-DE: Ah, hehe. Also wir werden mit Fell geboren, und wenn wir an Land leben wollen, holen wir unsere Kinder kurz nach der Geburt aus dem Fell. Was auch nötig ist, wenn man unter Menschen wohnt, die wollen das Kind ja sehen. Das Fell verstecken wir bei unserem eigenen, da wächst es dann allein auf, bis wir es unserem Kind geben, wenn es alt genug ist, um sich selbst um sein Fell zu kümmern. Meine Mutter wollte bei meinem Vater an Land bleiben, so lange er lebt und mir, wenn ich alt genug bin, mein Fell geben damit ich selbst entscheiden kann wo ich hin will. Mein Vater wusste was wir sind, und ich glaube viele Rungholter wussten es auch. Die waren ja selbst anders als die Menschen am Festland und haben nie ein Problem mit Andersartigen gehabt, und sich nicht um die Kirche geschert. Na ja, mein Vater musste mit ihnen fliehen. Danach habe ich nie wieder was von ihm gehört und meine Mutter auch nicht.
Loewen: Oh, da würde ich gerne ein andermal mit Doktor Derminov zusammen drauf zurückkommen. Also auf die Rungholter. Du sagst ihr lebt manchmal unter Menschen, wie muss ich mir das vorstellen? Altert ihr dann in menschlicher Gestalt? Und was verleitet euch dazu? Ist nicht das Meer euer Lebensraum?
SCP-159-DE: Doch, ist es. Für uns Frauen ist es tatsächlich schwieriger und meistens bleiben wir nur an Land, wenn wir einen Mann finden, in dem wir mehr sehen als Sex. Also, wir können uns auch verlieben und dann versuchen wir unter Menschen zu leben. Ich habe das ein paar Mal versucht, aber es hat mich immer doch wieder zum Meer gezogen. Und die Augen zu verstecken ist schwierig. Unsere Männer haben es leichter, die werden nicht so alt und haben keine Verantwortung gegenüber unserer Rasse. Manche gehen an Land und töten ihr Fell, dann sind sie nur noch Menschen mit komischen Augen, die Sex und Streit suchen. Damit kommt man unter Menschen schon gut klar und die Augen werden mit der Zeit an Land menschlicher, wenn man lange keinen Kontakt zu seinem Fell hat. Ihr würdet nach ein paar Jahren keinen Unterschied mehr bemerken, außer ihr macht einen Test mit euren Maschinen.
Vormann: Moment, heißt das, es könnte auch heute noch welche von deiner Art geben, die mitten unter uns leben?
SCP-159-DE: Ja. Deshalb finde ich es besonders gemein, dass ihr mich hier behaltet. Ich meine, vielleicht sind nicht alle gestorben, vielleicht sind sie an Land gegangen und mir hat nur keiner was gesagt. Wie gesagt, seit fünfzig Jahren habe ich keinen von uns mehr getroffen. Auch keine Robben die von einer von uns geboren wurden und ich habe überall gesucht. Entweder sie sind alle tot und ich bin die Letzte, oder sie sind alle unter euch und haben mich zurückgelassen…
Das Gespräch geht darin über, SCP-159-DE Trost zu spenden, es kommen jedoch keine für das Protokoll relevante Inhalte mehr zutage. SCP-159-DE zeigt sich letztendlich beruhigt und gibt auf Nachfrage an, „nicht mehr böse“ zu sein und sich den Maßnahmen der Foundation fügen zu wollen.
+++ ENDE DER AUFZEICHNUNG +++
Aufgrund ihrer Relevanz als Augenzeugin zu dem Untergang der Siedlung Rungholt im Jahr 1362, wird eine milde Eindämmung bevorzugt, und es finden regelmäßige Gespräche durch das AfMA „Tidenläufer“ statt. Erwägungen sie zu diesem Zweck an den Standort zurückzuverlegen sind aufgrund ihres Widerspruchs vorerst abgewiesen, um ihre Gesprächsbereitschaft sicherzustellen. Eine Begegnung mit Überlebenden kann auf Veranlassung seitens Dr. Olga Derminov stattfinden.

