Reißend, Beißend, Flehend II

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Reißend, Beißend, Flehend II

"Wir können dich riechen, du bist nicht gewandelt. Haben wohl verfehlt."

Die Geräusche, die die Kreatur von sich gab, die Stimme, mit der sie sprach, waren eindeutig nicht menschlich. So, als wäre der Lykanthrop bereits mitten in der Transformation. Johan Frey ging einen Schritt näher an das verspiegelte Glas und stellte fest, dass er gar nicht so falsch lag mit seiner Annahme. Deutlich konnte er hinter der Scheibe in dem hell erleuchteten Raum die Kontur eines nackten Mannes sehen, dessen Extremitäten verlängert und dessen Gesicht verzerrt waren. Es wirkte wie eine dieser schlechten Halloween-Masken für Monster, die eine Schnauze bilden sollten und es nicht schafften. Uncanny; nur war das hier real. Er meinte sogar zu sehen, wie sich die verlängerten Zähne durch die Wangen und Lippen gerissen hatten, in denen sie keinen Platz mehr finden konnten. Blut benetzte das Gesicht, das Kinn und den Hals bis zum Bauch. Aber Fell sah er noch keins.
Der Elitesoldat unterdrückte ein Schaudern bei dem Gedanken, dass er wahnsinniges Glück gehabt hatte. Beinahe wäre das dort hinter der Scheibe er selbst geworden. Er wusste nicht, was genau ihn damals gerettet hatte, aber er war nicht mit der Lykanthropie infiziert worden - und selbst wenn, es gäbe sicherlich Wege, diese zu heilen. Zumindest gestattete sich Johan keinen Zweifel an der Foundation und ihren Mitteln.

"Frey, komm raus! Du gehörst uns, du bist uns ebenbürtig. Wir sind so einsam!" Der letzte Satz ging fast unter in einem gutturalen Lachen, das den gesamten Körper der Kreatur beben ließ. Der Werwolf stapfte durch die Verhörzelle und verteilte dabei scheinbar blind Blut im gesamten Raum. Er betastete die Wände mit den gefesselten Händen, strich mit dem Körper an diesen entlang und wiederholte immer und immer wieder seine sinnbefreiten Aussagen. Zwischendurch schien der Lykanthrop mit sich selbst zu sprechen; leiser, unverständlich, jedoch im Tonfall ähnlich wie zu einem Kind. Johan bemerkte dies mit wachsendem Interesse, drehte sich dennoch nach einigen Minuten mit fragendem Blick zu dem Forscher, der stumm hinter ihm gestanden hatte, um.

"Und jetzt?"

Der Forscher, ein schlanker Mann Mitte Vierzig mit schütterem Haar, setzte zum Sprechen an, wurde aber durch einen durch das Glas gedämpften Aufprall unterbrochen. Die Kreatur hatte sich in einer Ecke des Raumes auf den Boden fallen lassen, die Beine angezogen und den Kopf mit den Armen verborgen. Sie … schluchzte. Eine Mischung aus Abscheu, Irritation und Verwirrung ob der Reaktion des Lykanthropen durchzuckte Johan, als ihn die Erkenntnis traf. Die Schultern bebten rhythmisch, ein seltsam gurgelndes Geräusch entfuhr dem Wesen in unregelmäßigen Abständen und getrocknetes Blut wurde mit der frischen Feuchtigkeit über die Arme verteilt, bis es wieder trocknete oder sich auf dem Boden verteilte.
Johan drehte sich erneut zu dem Wissenschaftler um und presste ein geknurrtes "Was zum Henker geht hier vor?" zwischen den Zähnen hindurch, was den Kittelträger einen Schritt zurückweichen ließ. Er begann, Worte zu stammeln, riss sich dann aber zusammen und straffte seinen Rücken. "Herr Frey, ich verstehe, dass das schwer zu verdauen ist, deswegen bat ich Sie erst einen Blick auf die Entität zu legen, bevor wir irgendetwas beginnen." Er deutete Johan, ihm aus der verdunkelten Kammer in den Vorraum zu folgen, wo die speziell ausgerüsteten Sicherheitskräfte den Zugang zu der Zelle bewachten. Johan zog brüsk und wortlos an ihm vorbei und preschte aus dem Raum heraus. Er blieb kurz vor dem Ausgang des Vorraumes stehen und ignorierte die anderen Anwesenden. Sein Kopf war überfüllt mit Emotionen und Fragen, er atmete deutlich hörbar und starrte mit verschränkten Armen zum Ausgang. Der Kittelträger schien ihm die Zeit geben zu wollen, sich zu sammeln, und räusperte sich erst nach ein paar Minuten leise.

"Herr Frey? Ich verstehe, Sie haben vermutlich ein paar Fragen, bitte, setzen Sie sich doch einen Moment."

Johan hörte, wie der andere Mann einen der Stühle, die in dem Vorraum standen, verschob und drehte sich auf dem Absatz um, den Forscher kalt musternd.

"Ja, ich habe ein paar beschissen dringende Fragen; zum Beispiel, woher das Vieh meinen Namen kennt! Wir haben strickt nach Protokoll agiert, keiner hat den Namen benutzt. Sie müssen es ihm verraten haben. Und jetzt? Jetzt soll ich da reinspringen und das Ding trösten? Warum? Was geht in euren Hirnen bitte vor sich? Findet ihr das geil?"

Der Forscher wirkte für einen kurzen Moment überrumpelt von Johans direktem Angriff, nahm die Worte jedoch ruhig hin und deutete ihm danach erneut, sich ihm gegenüber an den kahlen, grauen Tisch zu setzen. Der Forscher - sein Namensschild wies ihn als Dr. med. Mannert aus - faltete die Hände vor sich auf dem Tisch und sprach dann mit ruhiger Stimme: "Ich verstehe Ihre Aufregung, Herr Frey, lassen Sie mich alles noch einmal in Ruhe erläutern. Wir haben Sie hergeholt, da die Bemühungen der vergangenen Monate mittels herkömmlichen Eindämmungsverfahren nicht fruchtbar waren. Die Entität hat sich mehrmals befreien können und Sedierungen oder andere Arten der Ruhigstellung haben bisher nur mäßigen Erfolg erzielt." Johan, der sich mittlerweile wieder gefasst hatte, setzte sich widerstrebend auf den Stuhl dem anderen Mann gegenüber und verschränkte erneut die Arme vor der Brust. Er hatte ein paar der durch Mannert wie eintrainiert rezitierten Informationen bereits vorher gehört, aber ihm war nicht klar, was das für ihn selbst genau bedeutete. Er hatte erst angenommen, man bat ihn her, um erneut die Details des Einfangens zu erfragen, weil irgendeinem Eierkopf irgendetwas Neues aufgefallen war. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er die Kreatur selbst nochmal sehen würde. Mannert fuhr in demselben, ruhigen Tonfall fort, scheinbar bestätigt durch die Tatsache, dass Johan der Einladung, sich zu setzen, nachgekommen war: "Sehen Sie, die Entität ist ein Mensch gewesen. Ein Mensch mit einem normalen Leben, wenn auch vor mehreren Jahrzehnten. Sie ist bereits durch mehrere Instanzen gegangen, die sie gefangen hielten, folterten und untersuchten. Sie haben die Narben selbst gesehen, richtig? Viele davon deuten darauf hin, dass es mehrere invasive Eingriffe gab, vielleicht-"
Johan unterbrach den Forscher mit einer Geste der Hand und schnappte: "Sparen Sie sich das Mediziner-Vokabular." Deutlich irritiert durch Johans Direktheit und ein belustigtes Schnauben einer der Sicherheitsmitarbeiter, musste sich der Forscher kurz sammeln, bevor er etwas langsamer mit der Erklärung fortfuhr.

"Nun … diverse Faktoren haben uns gezeigt, dass die Entität Wissen über die Organisation mit dem Titel OBSKURA hat und für längere Zeit in deren Händen war. Allerdings weigert sich die Entität zu kooperieren und die herkömmlichen Mittel haben lediglich zu mehr Aggression geführt. Mittlerweile weigert sie sich sogar komplett, die Transformation rückgängig zu machen, wie Sie ja zweifelsohne sehen konnten. Nun, das PFSAS und einige andere Stellen forderten eine humanere Eindämmung zur Linderung der fortschreitenden Psychose der Entität, um sie für Befragungen zugänglicher zu machen - und hier kommen Sie ins Spiel." Die Hände des Wissenschaftlers begannen ab diesem Punkt, unruhig zu werden, er knetete seine Finger, die Handrücken und scharrte gelegentlich mit den Füßen. Es stank nach Ränkespiel und Mannert schien in Johans kaltem Blick lesen zu können, dass der Elitesoldat dem Ganzen nicht positiv gestimmt war.

"Ihr Name, - um ganz offen und ehrlich zu sprechen - uns ist nicht bekannt, wie und woher die Entität ihn erfahren hat. Ich nehme an, dass sie vor der Eindämmung in eine nicht-temporäre Eindämmungszelle den Namen von Sicherheitspersonal aufgeschnappt haben muss. Die temporären Zellen sind nicht ideal auf Entitäten mit gutem Gehör spezialisiert und sie haben ja selbst bemerkt, wie schnell ein Missgeschick passieren kann." Johan merkte an, dass besagtes Missgeschick Leben kostete und auch wieder kosten würde, was dazu führte, dass Mannert den Kopf betroffen senkte und in Gedanken nickte. "Ja. Solche Vorfälle sind unverzeihlich und gerade deswegen ist es essenziell, dass wir die Kooperation mit anomalen Entitäten fördern, statt diese - unwissenschaftlich ausgedrückt - in ein Loch zu sperren und sie mit mehr Hass zu füttern. Das Wesen, das Sie eben gesehen haben, der menschliche Teil davon, der ist wiederherstellbar. Wir müssen nur erreichen, dass sie für die Behandlung zugänglich wird. Sie verlangt seit gut drei Monaten, mit Ihnen zu sprechen. Es hat wahnsinnig viel Papierkram und Absprachen gekostet, Sie hierher zu bekommen, also-" Der Mann richtete sich auf und sah Johan nun mit einem für den Elitesoldaten nicht deutbaren Blick an. Johan vermutete, dass Mannert zeigen wollte, dass von seiner Entscheidung an dieser Stelle die Forschungsarbeit des Mannes abhing. "Herr Frey, können Sie sich vorstellen, mit der Entität zu sprechen? Natürlich mit allen Sicherheitsvorkehrungen, die uns möglich sind. Wenn sie mit Ihnen spricht und ein positives Ergebnis absehbar ist, können Sie selbst entscheiden, ob wir fortfahren, ansonsten brechen wir sofort ab und Sie können wieder gehen."

Dr. Mannert ließ sich in seinem Stuhl zurückfallen und legte seine Hände unter dem Tisch auf die Knie, um diese nun nervös zu kneten, wie Johan annahm. Der blonde Mann ließ den Blick durch den Raum schweifen, fand aber bis auf die Sicherheitsleute, die zwei Sicherheitstüren zur Verhörzelle, dem verspiegelten Raum und der Tür raus in den Eindämmungstrakt, nichts, was ihm die Möglichkeit gab, seine Aufmerksamkeit für einen Moment woanders hinlenken zu können. Die Monitore mit den Wegplänen und Sicherheitsinformationen waren hier seltsamerweise ausgeschaltet.
Was sollte er davon haben, mit dem Vieh zu sprechen? Im besten Fall wusste die Kreatur noch mehr von ihm, als jetzt bereits, im schlechtesten Fall würde sie ihn anfallen und töten. Er hatte keine Ausrüstung, keine effektive Waffe. Er müsste sich auf die Sicherheitsleute verlassen. Und wir wissen ja, wie das endet. Tod nützte er der Foundation weniger als die paar Informationen, die sie aus der Kreatur quetschen konnten. Dennoch drängte ihn etwas dazu, zuzustimmen. Es musste einen Grund für diese Fixierung durch den Lykanthropen geben. Normalerweise machte sich Johan nach einem erledigten Job keine weiteren Gedanken um die Anomalien, solange er nichts an taktischen Informationen dazugewinnen konnte. Diese Organisation sagte ihm recht wenig, aber ihm war bewusst, dass es mehr mit Lykanthropie infizierte Individuen gab. Was, wenn das Wissen, das er durch die Kreatur erlangt, dazu führt, dass er zukünftig effektiver im Einsatz war? Es würde Johan deutlich besser dastehen lassen. Vorausgesetzt, die Vorgesetzten sahen es ebenso.

Er teilte seine Gedanken dem Forscher mit und dieser wirkte plötzlich sehr eifrig dabei, der Obrigkeit mitzuteilen, dass Johan besondere Qualifikationen vorzuweisen hätte. Er zauberte ein Notizbuch aus Wer-Weiß-Wo hervor und notierte sich Johans Forderungen. Deal.

Es dauerte nicht lang, bis der blonde Soldat verkabelt und instruiert worden war und nun vor den zwei Sicherheitsleuten und der gesicherten Tür stand. Sollte etwas schiefgehen, so sagte man ihm, würde Silberstaub über ein Sprinklersystem in den Raum gelassen, damit der Lykanthrop gestoppt wird. Dennoch, eine gewisse Anspannung konnte selbst Johan nicht verneinen. Sein Mund fühlte sich trocken an und er spürte den Blick der anderen Personen auf sich brennen. Wie sehr er sowas hasste. Es dauerte einen Moment, bis die Sicherheitstür geöffnet wurde, er durchgeschleust und sie direkt hinter ihm wieder verschlossen wurde. Der Raum, der ihn empfing, wirkte von innen noch kahler als zuvor und der ihm bekannte Gestank der Kreatur hatte ihn vollkommen erfüllt. Einzig der metallische Geruch von Blut konkurrierte noch mit dem animalischen Odor, das an allem haftete. Johan riss sich zusammen, um das aufkommende Gefühl von Übelkeit zu unterdrücken und machte einen weiteren Schritt hinein, dabei darauf achtend, zwischen sich und dem Werwolf die größtmögliche Distanz zu behalten. Dieser hatte sich immer noch in einer seltsamen Position in die Ecke des Raumes gekrümmt, die überlangen Gliedmaßen grotesk vor sich haltend wie einen Schild. Allerdings hatte die Kreatur aufgehört, zu schluchzen. Johan meinte ein blutunterlaufenes Auge zwischen den Armen zu erkennen, das ihn fixiert hatte und mit einer Mischung aus Misstrauen und Überraschung musterte. Der blonde Soldat konnte leise das rasselnde, tiefe Geräusch der Atmung vernehmen, unregelmäßiger, als es sein sollte. Dann eine Pause, in der Johan ausschließlich das Geräusch seiner eigenen Atmung und seinen Blutdruck in den Ohren vernehmen konnte. Als der Lykanthrop schließlich sprach, nahm das unnatürliche Geräusch, diese Mischung aus Mensch und Tier, die nicht sprechen können sollte, die Zelle ein wie der Geruch zuvor.

"Er ist gekommen. Aber er ist er, nicht mehr. Uniform, Jäger, Monster."

Der Soldat unterdrückte den Impuls, das Gesagte zu kommentieren und ging noch einen Schritt weiter in den Raum, den Rücken zur Wand, die Arme verschränkt, aber bereit für jede mögliche Attacke des Wesens. Er bemerkte den Zustand der Kreatur, abseits der offensichtlichen Dinge. Dorien, Johan glaubte zumindest, dass das der Name der Kreatur war, wirkte noch kränklicher als zu dem Zeitpunkt, in dem er vor mehreren Monaten in dem mit Silber beschichteten Netz hing. Johan hatte wenig Gesprochenes von ihm vernommen bis zu diesem Zeitpunkt, aber der Lykanthrop wirkte vorher klarer als jetzt. Scheinbar hatten sie wirklich alles versucht, um ihn zum Reden zu bringen. Dorien nahm die Arme runter und entblößte das entstellte Gesicht. Dann streckte er die Beine aus und schien sich aufrichten zu wollen, was Johan dazu brachte, unbewusst in Verteidigungsstellung zu gehen. Dorien bellte immer wieder die Worte "Monster, Uniform", schien aber nicht vorzuhaben, Johan anzugreifen. Stattdessen lehnte er sich beim Aufrichten mit dem gesamten Körper an die Wand, schliff die mit Silber überzogenen Metallfesseln schleppend daran entlang, bis er Halt fand. Das Geräusch der Fesseln an der gepanzerten Wand war betäubend und erinnerte den Soldaten an Fingernägel an einer Tafel - nur deutlich massiver. Die Kreatur selbst war zwar geschwächt und krank, dennoch war die Größe jetzt, da sie stand, auf die Nähe mehr als beeindruckend, wie Johan feststellte.

"Ich bin nicht mehr oder weniger ein Monster als du."

Johan beobachtete ganz genau die Reaktion der Kreatur vor ihm, jede noch so winzige Regung, jedes Blinzeln, jeden Atemzug. Der Lykanthrop musterte den Mann vor sich kurz mit einem Blick, der unmöglich war, zu deuten. Vielleicht ein Raubtier, das überlegte, ob sein Gegenüber zu bezwingen war? Das Ergebnis war wohl uneindeutig, denn Dorien sprach nun wieder wispernd zu sich selbst, kaum verständliche Worte, die einen fast schon liebevollen Tonfall hatten, zwischen tiefen, schweren Atemzügen. Johan überlegte, ob er als unfreiwillige Verhörkraft ebenfalls an das Protokoll gebunden war, konnte sich aber an keine klare Regel dazu entsinnen und beschloss, selbst zu entscheiden, wie er mit der Kreatur sprach. Er hob den Arm und deutete auf Doriens Verletzungen und das Blut, das an ihm klebte wie eine zweite Haut. "Was haben sie mit dir gemacht? Du warst kräftiger das letzte Mal." Er erhoffte sich eine positive Reaktion, aber er war nie gut im Guter-Cop-Spiel. Zu seiner Überraschung unterbrach der Lykanthrop seine Litanei tatsächlich und sah ihn nun an, ohne sich von der Wand wegzudrehen.

"Sie tun, was sie immer tun. Wollen wissen, wie wir funktionieren. Wollen es für sich. Dann Schmerzen."

"Wirst du nicht medizinisch behandelt? Was ist mit den anderen Narben?"

Dorien machte eine Bewegung mit dem Kopf, die der blonde Soldat als Verneinung interpretierte und knurrte dann durch die verletzten Lippen hindurch. Johan machte sich eine geistige Notiz darüber, dass der Auftrag zu "humanen" Maßnahmen wohl nicht in allen Etagen angekommen war oder absichtlich ignoriert wurde. Der Lykanthrop machte keine Anstalten, mehr zu sagen, also fuhr Johan fort: "Ich habe das an deinem Arm gesehen. Du warst in einem Konzentrationslager, korrekt? Kommen daher d-" Er kam nicht weiter. Ein schmerzerfülltes Bellen unterbrach ihn und die Kreatur stieß sich unerwartet schnell von der Wand ab, um in Johans Richtung zu schnappen. Dem Bellen folgten mehrere Laute, die der Soldat als das Wort "Uniform" interpretierte, jedoch machte sich Johan gerade mehr Gedanken um das Ausweichen, als um die Worte, die der Lykanthrop ausstieß. Heißer Atem strich sein Gesicht, als der halb-tierische Kiefer zuschnappte, jedoch schien Dorien die Energie bereits wieder verlassen zu haben, da er neben dem zur Seite gewichenen Soldaten gegen die Wand prallte und sich seitlich daran hinabließ. Das rasselnde Atmen war nun deutlich und so laut, dass die Vibration durch den Boden spürbar war. Johan sammelte sich und sah auf Dorien hinab, der nun wieder wie ein Haufen Elend wirkte, nicht wie eine gefährliche Kreatur. Gute Arbeit. Frage Nummer Zwei und schon den wunden Punkt erwischt. Johan spürte, wie sich sein Kiefer anspannte und Zahn über Zahn knirschte. Wenn er das hier hinbekommen wollte, sollte er besser aufpassen. Ein schwacher Werwolf war immer noch ein Werwolf. Er überlegte sich eine andere Herangehensweise. Langsam ließ er sich in die Hocke sinken. Johan war sich bewusst, dass das sehr riskant war, aber der Lykanthrop schien nicht per se aggressiv. Die Augen Doriens folgten seiner Bewegung, aber bis auf das unregelmäßige Heben und Senken seines Brustkorbs, schien die Kreatur zu erschöpft zu sein, um irgendetwas zu tun.

"Dorien heißt du, oder?"

Er bekam keine Antwort, aber die Augen des Lykanthropen erschienen ihm etwas klarer, nachdem er den Namen ausgesprochen hatte. Bingo. Also war der menschliche Teil in ihm tatsächlich ansprechbar. Johan überlegte jetzt sehr genau, welche Worte er wählen sollte. Dann fiel ihm etwas ein. Eine Geste, die Loewen machte, wenn er nicht mehr klar denken konnte. Verdammt riskant, aber wenn es bei ihm half, wieso nicht auch bei Dorien? Er hatte selbst bemerkt, dass sie nicht all zu verschieden waren. Er hoffte, dass im Zweifel die Sicherheitsleute eingreifen würden, aber er verließ sich nicht auf diese Hoffnung. Wortlos, den Blickkontakt nicht auch nur für eine Sekunde unterbrechend, streckte Johan betont langsam seine behandschuhte Hand aus. Der Arm des Lykanthropen lag kraftlos nur einen halben Meter vor ihm auf dem Boden, seitlich hatte der Soldat eben noch so die grobe Tätowierung darauf erkennen können. Nach der Hälfte der Strecke meldete sich das kleine Funkgerät in seinem Ohr und der aufgeregte Dr. Mannert schnatterte darauf los, was für einen Irrsinn Johan vorhatte. Im selben Moment entfuhr dem Lykanthropen ein bedrohliches Knurren. Johan fluchte innerlich auf und deutete dem Lykanthropen mit der Hand, dass er innehalten solle. Bis zum Zerreißen angespannt griff sich Johan mit der freien Hand ins Ohr, zog den Bud heraus und legte ihn vor sich auf den Boden ab, den Blick nicht von Dorien nehmend. Dann erhob er sich sachte, schob einen Fuß nach vorn und zertrat das Gerät knirschend unter den Stiefeln. Entweder du wirst jetzt von Fortuna geküsst, giltst fortan als Werwolf-Flüsterer - oder wirst gefressen. Vielleicht auch suspendiert wegen Protokollbruch. Das Knurren ebbte ab und wieder meinte Johan Klarheit in den Augen seines Gegenübers zu erkennen. Wieder in die Hocke sinkend, fuhr der Elitesoldat fort, seine Hand zentimeterweise auf den Arm der Kreatur zuzubewegen und spürte nach einer gefühlten Ewigkeit tatsächlich die erhitzte Haut unter seinem Handschuh. Vorsichtig schloss er die Finger um den Arm und hob ihn sehr sachte an. Weiterhin keine Reaktion, außer dem Blick. Der Lykanthrop ließ ihn gewähren. Weiterhin langsam, um ihn nicht doch noch aufzuschrecken, drehte er den Arm und legte ihn wieder auf dem Boden ab. Dann brach Johan den Blickkontakt.

Etwas in ihm hatte erwartet, angefallen zu werden. Vielleicht auch, dass die Sicherheitsleute reingeplatzt kamen, weil er den Earbud zertreten hatte. Aber - nichts war geschehen. Dorien atmete nun wieder deutlich hör- und spürbar. Erst jetzt fiel Johan auf, dass beide den Atem für die sich ewig ziehenden Sekunden angehalten hatten. Beide hatten erwartet, dass etwas passieren würde. Beide wurden positiv überrascht, wie es schien. Johan blickte auf die Tätowierung und prägte sich die Strichmuster ein, die offensichtlich vor mehreren Jahrzehnten ohne viel Können oder Ahnung in den Arm gestochen worden und nun schon stark verblasst waren. Er kannte die Muster von Fotografien von KZ-Insassen.

"Dorien? Ich mag so aussehen, ich mag ein Arschloch sein, aber wie die bin ich nicht - ist die Foundation nicht."

Er deutete beim Sprechen auf die Linien und der Werwolf reagierte tatsächlich endlich. Er spieh ein "Lüge" aus und zog den Arm dicht an den geschundenen Körper. Johan begriff, dass es wahrscheinlich nicht die beste Strategie gewesen war, die Foundation zu erwähnen. Sie hatten ihn "human" eingedämmt. Strafend sah der blonde Soldat hoch zu dem Bereich, wo der Spiegel sein müsste. Dr. Mannert hatte mehr als nur eine Schuld bei Johan zu tilgen nach dieser Aktion. Wieder an Dorien gewandt sprach er langsam: "Du hättest das Tattoo jederzeit entfernen können, die Haut hätte sich regeneriert. Aber du hast es absichtlich behalten. Es ist eine Narbe, eine Erinnerung, nicht wahr? Eine Erinnerung daran, dass du es überlebt hast, dass du gewonnen hast." Johan fühlte sich bei den Worten seltsam ertappt, ließ es sich aber nicht anmerken. "Die haben dich hier scheiße behandelt, ja. Alles, was sie eigentlich wollen, ist, herauszufinden, wer das war. Die sagten, du weißt, wer OBSKURA ist. Es gibt mehr von dir und wir wollen denen helfen."
Etwas geschah im Gesicht der Kreatur und Johan glaubte, dass diese wohl mit sich selbst rang. Dann sprach sie, aber die Stimme hatte sich geändert. Deutlich überlag nun der menschliche Ton.

"Viele … viele mehr. Hunderte Versuche, dutzende erfolgreich."

Johan warf einen kurzen Seitenblick zu der verspiegelten Wand hin und gestattete sich selbst dann einen Wechsel in eine andere Position, um seine langsam schmerzenden Beine zu entlasten. Der Lykanthrop ließ ihn nicht aus dem Blick, schien aber wesentlich entspannter.

"Aufseher Georg-Harri Roth. Er hatte das Symbol. OBSKURA-Symbol."

"Hast du mehr Namen? Orte? Andere wie dich?"

Ab diesem Punkt ging es erstaunlich einfach und zunehmend wurde auch das Äußere Doriens wieder menschlicher. Nicht vollständig, wie Johan mit Interesse feststellte, aber das Gesicht war nicht mehr so entstellt und die Regeneration hatte eingesetzt, als er bereit war, die Zelle zu verlassen. Dorien hatte seinen Platz an der Wand nicht verlassen, aber er hatte einen Wunsch geäußert: "Ich will schreiben." Johan versprach ihm für den Tauschhandel mit Informationen alles an analogem Schreibmaterial, das sich der Mann wünschen konnte. Dann verließ er die Zelle.

Er stürmte durch die Tür und direkt auf Mannert zu. Hinter sich hörte er das Personal, das sich um die Kammer kümmern ging, während er Mannert, der ihn mit großen Augen ansah, am Kragen packte und zu sich zog. Johan war drauf und dran, ihm eine, gern auch mehr, zu verpassen, beließ es aber bei einem gezischten Fluch, der deutlich genug zeigte, was er von der Aktion hier hielt. "Bringt das hier in Ordnung und ruft mich nicht nochmal, solange er kurz vor dem Verrecken steht." Sowohl Mannert als auch Johan war klar, dass es hier um mehr als um einen eingedämmten Werwolf ging und beiden war klar, dass gegenseitiges Anschwärzen keine Früchte tragen würde. Es ging um OBSKURA und irgendwer weit über den beiden hatte da die Entscheidungen getroffen. Aber Johan würde nicht mit Folterern arbeiten, so viel war klar. Beide starrten sich noch für einen Moment an, bevor Johan den anderen Mann losließ, dieser beschwichtigend das Blaue vom Himmel versprach für den Lykanthropen und Johan wortlos und mit hochgezogenen Schultern den Raum und schließlich den Eindämmunstrakt verließ. Er fühlte sich emotional ausgelutscht nach diesem … Gespräch mit Dorien. Er wünschte, er müsste es niemals wiederholen, aber nachdem der Werwolf sich ihm geöffnet hatte, war es klar, dass fortan immer Johan gerufen werden würde, solange sich kein anderer finden ließ. So eine Scheiße.
Es dauerte ewig, bis er endlich in seiner Unterkunft in das Bett fiel, den Geschmack von Rum noch brennend im Rachen spürend, während er die Delle an seiner Decke beobachtete. Wo bist du Vollidiot schon wieder hineingeraten?

Die Delle an seiner Decke antwortete nicht.

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