Reißend, Beißend, Flehend

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Reißend, Beißend, Flehend

Es war bereits der dritte.

Schritte hallten über den Beton und ließen mich stöhnend zucken vor Schmerz, der bei jedem Klacken der Hacken in meinem Kopf widerhallte wie Glockenschläge. Mir war übel, der Geruch in meiner Nase und der Geschmack auf meiner Zunge sprachen Blut. Die Kälte um mich, der Beton an meiner nackten Haut tat gut. Es überdeckte die Schmerzen der gewaltsamen Wandlung.

Es war bereits der dritte.

Ich wollte die Augen nicht öffnen, ich wusste, was ich sehen würde. Einen Mann mit Totschläger in den behandschuhten Fäusten und Maske, strengem Blick und, falls ich nicht reagieren sollte, einem Elektroschockgerät. Mehr bräuchte es nicht. Nicht nach all der Folter zuvor. Den ersten Schrittgeräuschen gesellten sich weitere hinzu, einer definitiv unsicher und unbekleidet. Ich roch seine Angst. Wir rochen sie. Und er wollte sie.
Eine Welle der Übelkeit überkam mich und ich erbrach einen Schwall aus Blut und Fleisch vor die Füße meines Foltermeisters. Es brachte mir einen Tritt ein, der mir die Luft aus den Lungen presste und mich aus der halb sitzenden Lage zu Boden warf. Ich öffnete ein geschwollenes Auge und betrachtete die Männer von unten. Der Dritte, die arme Seele, stand hinter dem Aufseher und wirkte gleichzeitig unsicher wie sicher. Kurios. Wahrscheinlich durfte er keine Angst zeigen, oder er wurde auf der Stelle hingerichtet. Sein Schicksal war eh besiegelt. Man sprach zu mir, aber ich hörte nicht, was gesagt wurde. Es war auch nicht relevant. Ich hustete das Gemisch aus Blut und Speichel aus und rang mir ein Lächeln ab, bevor ich direkt zu dem Dritten sprach.

"Ich will deinen Namen wissen, bevor du stirbst. Ich will ihn ehren."

Mein Folterer kannte die Leier und schnaubte nur, aber er wagte noch nicht, mit dem Metall zuzuschlagen. Der Dritte schien nicht reden zu wollen, wahrscheinlich irgendein Zeichen von Ehre. Man gab ihm ein Elektroschockgerät in die Hand und ließ ihn allein, verschloss die Hochsicherheitszelle. Ich weiß nicht wann, aber irgendwann hatte ich aufgegeben, Mitleid mit diesen Knaben zu haben. Wem auch immer diese Leute angehörten, sie spielten untereinander perfide Spiele um Macht und Gehorsam und ich war nur ein Werkzeug, um unter ihnen noch brutalere Monster zu erschaffen. Alles, was sie wollten, war sein Biss. Aber so uneins wir uns häufig waren, in dem Punkt waren wir uns einig: Keiner durfte überleben, der hier hinein geschickt wurde.
Ich spürte, wie sich das Lächeln auf meinen blutigen Lippen zu einem abartigen Grinsen ausweitete und ich richtete mich auf, so gut es mein Körper eben noch erlaubte. Der Dritte, gerade erst ein Mann geworden, aber gut trainiert, trat zögernd näher, schien aber nicht mehr sicher, was er zu tun hatte. Da er jedoch unter Beobachtung stand und die Alternative genauso schlimm sein würde, streckte er den Arm mit dem Elektroschockgerät aus und betätigte den Schalter an dem Kasten, sodass ein kleiner Lichtbogen entstand, bis das Gerät auf Betriebsspannung eingependelt war. Ich funkelte den Knaben herausfordernd an, wohl wissend, dass meine Augen in dem Halbdunkel reflektierten wie die eines Tieres bei Nacht. Ein mittlerweile kranker Teil meines Geistes genoss diese Überlegenheit, es fühlte sich zu gut an, zu befriedigend. Es wusch die Erinnerungen an Folter und Schmerz aus meinem Geist.
Mehr.
Ein zweiter Geist regte sich neben meinem, ließ mich eine Welle von Gefährtentum spüren. Ich konnte die Gestalt des Wolfes fast neben mir ausmachen, auch, wenn er nicht wirklich existierte. Wir teilten einen Körper, ein Bewusstsein, aber wir konnten nie wirklich zur selben Zeit sein. Aber er spendete mir Wärme. War immer da. Tröstete mich, rettete mich. Er verlangte nichts im Gegenzug, nichts außer Nahrung und… Rache. Woher dieser Teil in mir seinen grenzenlosen Hass nahm, war mir nicht nachvollziehbar. Aber ich hatte es akzeptiert als einen Teil von uns. Während die knisternde Elektrizität in der zitternden Männerhand näher kam, ließ ich die Wut, die in uns aufkochte, meinen gesamten Geist einnehmen, mich übermannen, bis ich zu ihm wurde. Wie durch ein Fenster sah ich nun zu, wie mein Körper ohne mein Zutun reagierte. Der Schlag kam, ließ den Schmerz durch unseren Körper zucken, verbreitete sich schlagartig und entrang meiner Kehle ein Geräusch, dass weder menschlich noch tierisch war. Ein bellender Schrei, der zu einem gurgelnden, gutturalen Geräusch wurde, während sich plötzlich unsere Eingeweide veränderten. Wellen von Wut und Pein durchzuckten uns, ließen unseren Körper sich krümmen, bis die Knochen ihr Fleisch-Gefängnis versuchten zu sprengen, sich verlängerten, brachen, sich in einer neuen Position wieder regenerierten und die Muskeln zwangen, dieser Transformation zu folgen. Unsere Schnauze verlängerte sich, Sehnen und Muskeln rissen und erneuerten sich sofort wieder, gefolgt von einem unsäglichen Kribbeln der Haut. Haare wuchsen zu Fell am gesamten Leib, Fingernägel fielen aus und machten langen Krallen Platz. Ich war nun nur Beobachter, ich überließ ihm volle Kontrolle, betrachtete das Schauspiel, als der Knabe zurücksprang, jegliches Zeichen von Stärke verdrängt von purer Angst um das eigene Leben. Ich hatte seinen Namen nicht erfahren, aber sei es drum. Nicht jeder von diesen Jungen war es wohl wert, erinnert zu werden. Wir richteten uns aus der kauernden Position zu unserer vollen Größe auf, betrachteten das zitternde Wesen vor uns, sogen die Ausdünstungen ein, die es in seiner Angst verströmte. Rochen den für uns beißend starken Geruch von Ammoniak, als er sich bepisste. Wir bleckten die Zähne und mit einer fast lockeren Bewegung des Armes fegten wir den Knaben von seinen Füßen; er knallte hart gegen die Stäbe der Zelle, sein Körper verlor fast sofort die Spannung und er landete regungslos auf dem kalten Beton.
Wieder dieses Gefühl von Überlegenheit, gepaart nun jedoch mit Enttäuschung. Wir hatten uns mehr von ihren Kandidaten erhofft.
Wir beugten uns herab und, statt zuzubeißen, drückten unsere Pranke, die fast den gesamten Kopf des Knabens verdeckte, von oben auf dem Kopf von jenem. Es bedurfte nur einer kleinen Kraftanstrengung, bis der Knochen und das Gewebe nachgaben und sich unter uns über den Beton sowie über Teile unseres Fells ergaben wie Erbrochenes. Wir nahmen die Pranke beiseite und senkten unseren Kopf, um die Flüssigkeit zu genießen, die heiß aus dem Körper lief und uns stärkte. Das war alles, was wir noch brauchten. Wir hatten wieder genug Stärke, konnten unsere letzten Wunden regenerieren und endlich diesen Ort verlassen. Wie lange waren wir hier bereits? Es war nicht wichtig. Es war Zeit, zu gehen und so viele unserer Peiniger auf dem Weg zu vernichten, wie uns möglich war. Ich fühlte Zustimmung und so ward es zwischen uns beschlossen.
Schon kurz nach dem Ende des Knabens kam unser Aufseher an die Gitterstäbe zurück und schien nicht zu ahnen, dass wir zu unserer vollen Stärke zurückgekehrt waren. Metall verbog sich unter unserem Griff wie Bahnen aus Stoff und Zähne bohrten sich in ein überrascht-entsetztes Gesicht, um auch diesen Kopf zum Platzen zu bringen. Mal auf allen Vieren, mal aufrecht sprangen wir durch die Gänge unseres Verlieses hinter dem Leichnahm des Uniformierten und vorbei an Gerätschaften, Zellen, Folterinstrumenten, Türen, Türen, grauen Wänden und mehr Türen. Auf dem Weg begegneten uns nicht viele unserer Peiniger, aber ich sah durch unsere Augen einige Dokumente auf einem Tisch, die sehr prominent das Wort "OBSKURA", sowie die allgegenwärtigen Symbole der Ideologie der Monster aufwiesen.

Johan schreckte aus seinen mordlüsternen Gedanken rund um die Rüge, die ihm gerade durch Singh zuteil wurde, hoch, als die Not-Durchsage im gesamten Standort-DE20 und wohl auch Angerona erklang, da diese sowohl in Italienisch und sogar in Französisch wiederholt wurde. Alle RTF- und MTF-Kräfte wurden mobilisiert, ein Ausbruch hatte stattgefunden - scheinbar kein kleiner. Innerlich jubelte etwas in dem Soldaten auf, als er sich abrupt von Singh abwandte und im Laufschritt mit ernster Miene zur Waffenkammer der MTF lief, neben sich der kleinere Wolfgang, der, im Gegensatz zu Johan, seinen Eifer über den Einsatz sogar offen zeigte. Keiner der beiden wechselte ein Wort, bis sie ankamen und die Kammer mit den implantierten Chips öffneten. Die Tür gab Blick in ein unordentliches Arsenal an Waffen, Kleidung, Ausrüstung und technischen Schnickschnack, der in manchen Fällen wohl seit Jahren nicht mehr das Licht des Tages gesehen hatte. Die Durchsage wurde noch einmal durchgegeben und auch die Displays rings um sie herum leuchteten bedrohlich. "Alarmstufe 1! Humanoiden-Eindämmungsbruch in Block B! Entität ist aggressiv und gewalttätig! Alles Personal in allen Blocks und Angerona: Evakuieren, Schutzräume vermeiden! Blocks D und E sind abgeriegelt! Alle Einsatzkräfte zur Unterstützung! Nicht-tödlicher Waffeneinsatz ist gestattet!"
Neben den Anzeigen, die für alles Personal angezeigt wurde, um in Sicherheit zu gelangen, erschien speziell für die MTFs eine weitere Anzeige über die Gefahr, gegen die sie auszogen und deren aktuelle Lage.

"Kurwa, ein fucking Werwolf?! Wie kommt der hierher?"

Johan schob wortlos einen Haufen Ausrüstung zur Seite und zog eine große, metallene Schublade auf, die wie ein Paradies für Van Hellsing persönlich wirkte. Von silberbeschichteten Patronen und Teleskopschlagstöcken über Silberstaubgranaten, Taserwaffen und Silbernetze gab es hier für mindestens ein paar von ihnen genug, um dem Lykanthropen mehr als nur Probleme zu bereiten. Er warf dem anderen die Granaten an einem Gurt und den Netzwerfer zu, griff sich selbst einen Schlagstock und passende Schlagringe für die behandschuhte Faust, bevor beide zusammen nach automatischen Gewehren und der passenden Munition griffen. Mit Verspätung trafen nun auch endlich die restlichen Teammitglieder ein und ernteten ein verächtliches Schnauben Johans, der bereits dabei war, Beißschutz und Helm anzulegen. Immerhin Peterson war flink genug, um ihm und Wolfgang nach ein paar Augenblicken aus dem Raum hinterherzueilen. Sie war aus irgendeinem Grund bereits mit diverser Ausrüstung am Leib angetanzt. Johan verschwendete keinen weiteren Gedanken daran und prüfte erneut die Displays, die, zusammen mit den Notfall-LED-Streifen die Räume und Gänge in unruhiges, rotes Licht tauchten. Die Lokationsanzeige der Entität wurde nun durch einen blinkenden Punkt auf der Karte angezeigt und erzeugte in dem Blonden ein mulmiges Gefühl. Der Punkt sprang von einer Etage in die nächste, offensichtlich in einem der Aufzüge zu den unterirdischen Einfahrten unterwegs. Je nachdem, wie intelligent das Biest tatsächlich war und es gerade erst angeliefert worden war, wusste es wahrscheinlich, wie es wieder rauskam. Es würde definitiv nicht lange brauchen, wenn es erst in der Garage angekommen war, aber dort warteten auch Geschütze auf den Lykanthropen.
Mittlerweile waren auch Singh, Sturm und Austin dazu gekommen und Hauptmann Singh setzte zu irgendeinem Palaver über den bevorstehenden Einsatz an, weswegen Johan Wolfgang zur Seite drückte und sich an ihm vorbeidrängte. Dafür war jetzt keine Zeit, wenn das Vieh schon im Aufzug zur Garage saß. Zufrieden hörte er nach kurzem Zögern hinter sich weitere Stiefel durch den Gang eilen. Singh würde ihn das sowas von spüren lassen in naher Zukunft, wahrscheinlich auch Sand, aber in diesem Moment fühlte es sich einfach zu gut an, ihre Autorität zu untergraben. Zumal er im Recht war - jeder wusste bereits, wie das Protokoll lautete, jetzt noch lebenswichtige Minuten zu verschwenden wäre hirnrissig. Die Truppe hetzte zu den Aufzügen, machte jedoch einen kleinen Umweg zu den Treppenaufgängen, sollten die Aufzüge und Schächte blockiert werden. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, jagte der Blonde den breiten Treppenaufgang hoch, Peterson und Austin knapp hinter sich, Wolfgang war zurückgefallen. Auf dem Weg begegnete ihnen keine Menschenseele, was Johan als gutes Zeichen wertete. Je weniger Menschen sich in der Nähe der Garagen aufhielten, desto besser.
Schon nach kurzer Zeit waren jedoch neben dem blarrenden Lärm der Alarme und Durchsagen auch Schüsse hörbar. Johan meinte deutlich die Geschütze hören zu können, die ratternd die nicht-tödliche Munition verteilten und dabei scheinbar auch den Boden und die Mauern der Gebäude ringsum erwischten. Der gesamte Trupp war leicht außer Atem, aber keiner gönnte sich auch nur eine Sekunde Pause, als sie durch den Ausgang zu den Fahrzeugen sprinteten. Hier jedoch bremste Johan abrupt ab - ihm bot sich ein Bild von purem Chaos. Kraftfahrzeuge, Lieferwagen, Einsatzfahrzeuge und kleine Busse standen quer in der Halle verteilt, kleinere Wagen waren sogar auf die Seite gekippt worden. Zwischen den Fahrzeugen hatten sich mehrere andere Einsatzkräfte und -gruppen positioniert, die einerseits in ihre Funkgeräte brüllten, andererseits das Ziel mit Kugeln eindeckten, sofern nah genug. Verletzte lagen neben und teilweise unter den Wagen. Ein grausiges Geräusch, ein rasselnder, bellender Schrei erklang in die Richtung, in die die Aufmerksamkeit aller Anwesenden gerichtet war und da stand er: Ein fast drei Meter hoher, aufrecht gehender Wolf in braunem Pelz und mit glühenden Augen. Die überlangen Arme endeten in Klauen, die ihresgleichen suchten, die Schnauze in ebenso beeindruckenden Zähnen. Das rote Notfall-Licht und die Beleuchtung der Garage tanzten über das blut- und schweißnasse, glänzende Fell und deutlich waren Berge aus Muskeln darunter erkennbar.
Singh schnappte Befehle und die Truppe riss sich wie in einer Bewegung von dem Anblick los. Alle sechs Teammitglieder handelten perfekt nach Protokoll, agierten wie eine Einheit, unterstützten sich gegenseitig. Aber nicht schnell genug. Die Kreatur, wie Johan mit Grauen feststellen musste, war zwar verletzt und hatte Schwierigkeiten, gegen die Masse an Einsatzkräften und Geschützen überhaupt einen Fluchtweg zu finden, jedoch behinderten sich die Teams gegenseitig in dem beengten Raum und schließlich schaffte es das Vieh doch, zwischen mehreren Fahrzeugen abzutauchen, bis es seine Chance sah und in einem wahnsinnigen Tempo auf allen Vieren davonrannte. Es wusste scheinbar sehr genau, wohin es rennen musste und suchte immer wieder Deckung in den richtigen Momenten, was deutlich machte, dass sie es nicht nur mit einem instinktgetriebenen Monster zu tun hatten, sondern mit einem intelligenten Lebewesen.

So schnell es gestartet war, so schnell war der Spuk auch wieder vorüber und die anwesenden Einsatzkräfte blickten dem Wesen schwer atmend nach, während das Adrenalin langsam aus dem Blut aller wich. Ein Trupp schwang sich geistesgegenwärtig in ein Fahrzeug und raste hinter dem Biest her, was Johan mit einem starken Gefühl von Neid erfüllte; Singh jedoch befahl den Sehern, sich wieder bei ihr zu sammeln. Es folgten für Johan nicht wichtig erscheinende Besprechungen, Verletzte wurden versorgt und kurz darauf wurden bestimmte Teams zur gezielten Verfolgung geordert. Da die Seher darunter waren, konnte Johan sich einen kurzen Laut des Jubelns nicht verkneifen, der ihm die irritierten und fragenden Blicke seiner Kollegen einbrachte. Sie wurden in zwei Teams eingeteilt, wobei Johan mit Wolfgang und Peterson zusammengesteckt wurde. Eigentlich ganz passend. Wolfgang als Fallensteller war sehr sinnvoll, Peterson als Unterstützung für alles zu gebrauchen. Austin wäre mir trotzdem lieber. Zumindest als Scharfschützin.
Sie bereiteten sich auf die Verfolgung so zügig wie möglich vor und Johan fummelte in einer ruhigen Minute ein kleines Döschen aus seiner Brusttasche hervor, in dem eine einzelne kleine Pille in blassem Lila lag. Das Pervitin war seiner Meinung nach gerade mehr als angebracht. Er schluckte das perfekt auf seine Bedürfnisse dosierte Methamphetamin ohne Wasser und ordnete seine Ausrüstung wieder.

Die Jagd war eröffnet.

Schmerzen. Wut. Uniformierte.

Wir hechteten über die Felsen und an Hütten vorbei, vorbei an Zeichen der Zivilisation und in Serpentinen weg von dem Ort, wo sie uns festgehalten hatten, damit uns die Geschütze nicht trafen. Nach dem Lärm in dem Gebäude wirkte die Umgebung auf unsere Ohren jetzt fast betäubend ruhig. Wir wussten, dass wir weit laufen mussten, bis sie uns nicht mehr verfolgten. Egal, wer uns fing, egal, welche Farben sie trugen, sie versuchten uns immer wieder zu bekommen. Dieses Mal hatten sie uns versichert, freundlich zu sein. Wir hatten ihnen nicht vertraut, aber mitgespielt. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass wir vorbereitet waren. Waren wir seit Jahrzehnten. Merkten uns Wege, merkten uns Gerüche, prägten uns die Richtungen exakt ein. Eine falsche Bewegung, ein unaufmerksamer Moment und wir waren wieder frei! Trotz der Angst breitete sich ein Gefühl von Glück in uns aus. Frei.
Wir spürten, wie unsere lädierten Muskeln, getroffen von den Geschützen und anderen Waffen, nach einer Auszeit schrien, aber wir mussten weiter. Auf dem Berg waren wir angreifbar und die Uniformierten hatten in den vergangenen Jahren immer bessere Wege gefunden, uns zu verfolgen. Wir lauschten auf das Geräusch, was Hubschrauber und Drohnen ankündigte, jedoch waren noch keine zu vernehmen. Aber ein Fahrzeug. Wir hörten die schweren Reifen, das Geräusch von einem gepanzerten Gefährt auf den Felsen nicht weit hinter uns. Wir mussten in ein unebenes Gebiet, den Berg runter. Vielleicht konnten wir uns dort vor ihren mechanischen Augen verbergen.
Wir rochen Nadelgehölz links von uns den Hang hinab, also sprangen wir. Ich vertraute auf seine Instinkte und pure Körperbeherrschung, als der Wolf in einem Mix aus aufrechtem Sprint, Abfedern, Sprung und Landen auf allen Vieren den Hang hinabhechtete. Wir wussten, dass uns weder das Fahrzeug noch die Uniformierten schnell genug wieder erreichen würden und so trieb uns das Gefühl von Euphorie an, bis wir das Gehölz erreichten. Es war still um uns, bis auf unser angestrengtes Hecheln und die Geräusche der Natur um uns. Wir rochen Vieh in der Nähe, aber keine Uniformierten. Keine Hubschrauber. Keine Drohnen. Keine Menschen. Wir gingen noch so weit, wie uns unsere Muskeln trugen, dann knickten uns die Beine unter uns weg und wir landeten fast weich auf einem Bett aus Nadeln, Moos und unserem Fell.

Als ich erwachte, war es dunkel um mich. Ich fror und mein nackter, menschlicher Körper starrte vor Dreck und getrocknetem Blut. Ein Arm fühlte sich falsch an, Teile meines Rückens schmerzten höllisch, aber die Regeneration hatte das Schlimmste beseitigt, bevor er meinen Geist verlassen hatte, um zu ruhen. Ich zog die Beine vorsichtig an und kauerte mich in den Schutz der Wurzeln eines Baumes. Warum flohen wir noch immer? Nie war uns unser Leben gegönnt. Es ging immer um Macht, Kontrolle… Ich sehnte mich nach der Wärme des Wolfes, doch erreichte seinen Geist nicht. Ich war allein. Die Kälte, die ich bisher nur äußerlich verspürt hatte, ergriff nun auch den Rest meines Körpers und ich merkte, dass meine Zähne hart aufeinander schlugen, als ich zu zittern begann. Mein Atem schwebte als Wolke vor mir in der Finsternis des Waldes. Ich dachte angestrengt über meine Möglichkeiten nach, aber die Gedanken kamen nur zäh und langsam. Vielleicht fand ich eine Jägerhütte, in der ich übernachten konnte? Einen Hochstand? Ein kleines Bauernhaus? Wir hatten Gerüche wahrgenommen, in der Nähe, bevor wir zusammengebrochen waren.
Ich bewegte meine vor Kälte steifen Glieder und stöhnte vor Schmerz, aber ich musste aufstehen, durfte hier nicht liegen bleiben. Ohne die Pranken fühlte sich der Boden unter meinen Füßen nicht mehr weich an; jeder Schritt bereitete mir Schmerzen. Andere Schmerzen als die, die Wut erzeugten. Schmerzen, die Verzweiflung sprachen. Ich stolperte seltsam hilflos über Felsen und Wurzeln, spürte Äste an meiner empfindlichen Haut kratzen, die sich vor Kurzem erst regeneriert hatte. Sie war so empfindlich wie die eines Kleinkindes, trotz der Narben, die sie nie würde vergessen können. Ich konzentrierte mich auf jeden Schritt, den ich tat, versuchte, schneller zu gehen, um warm zu bleiben, zwang meinen Körper, weiterzumachen. Und tatsächlich: Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte ich eine hölzerne Hütte, wie es sie hier häufiger gab. Milchkühe, dicht beieinandergedrängt liegend, schauten träge auf, als ich an ihnen vorbei durch die Dunkelheit lief. Hunger. Ich erschrak fast, als sich der zweite Geist neben meinem wieder regte. Ich lachte auf, empfing den Wolf mit Freude. Ich würde ihn fressen lassen, später. Ich erreichte die Hütte und wollte mich zu einem der Eingänge bewegen, als ich von einer Explosion aus Licht getroffen wurde. Nein! Man hatte uns gefunden! Ich hörte Schritte, Rufe und überlegte nicht lange. Sofort waren wir wieder eins, bereit, um unser Leben zu kämpfen. Wir warteten die Transformation nicht ab, wir sprangen auf und auf den Lichtkegel zu. Nun rochen wir sie auch wieder. Es waren zweimal drei, zwei vor uns, einer kam von links auf uns zu, drei in der Ferne. Wir schnappten nach links, jedoch ins Leere. Dann krachte etwas gegen unseren Schädel. Die Wucht war es nicht, die uns aufschreien ließ, nein, es war das Silber. Der Mann, den wir jetzt erkennen konnten, war durch den Helm nicht erkennbar, aber er hatte das brennende Metall in seiner Hand - und holte erneut aus.
Wir sprangen und begruben den gepanzerten Körper unter uns. Ich jubelte innerlich auf, bereit, ihn das Leben des Mannes beenden zu lassen. Zu meiner Überraschung schien der Mann unter uns genau zu wissen, was zu tun war, denn er zögerte keinen Moment, brauchte nicht zu überlegen, sondern griff mit einer Kraft, die ich ihm nicht zugemutet hätte, um unsere Schnauze und presste sie mit seinen Armen zusammen wie in einem Schwitzkasten. Natürlich, es war so einfach! Der Beißmuskel war schließlich weit stärker als der Muskel, der den Kiefer wieder öffnete. Musste er ja auch sein, um Fleisch zu reißen. Ich spürte, wie er gleichzeitig überrascht und verdutzt war, aber vor allem, wie neue Wut in uns aufkochte. Der Mann stöhnte vor Anstrengung und rief den anderen mit zusammengepressten Zähnen Anweisungen zu.

"Die Flanken! Jetzt!"

Wir erhoben uns, den Mann immer noch wie eine lästige Klette um unsere Schnauze gewickelt. Lächerlich. Während der Schnauze ein tiefdunkles Knurren entwich, packten wir mit der Pranke seinen Rücken und die Beine und gruben die Krallen durch Uniform, Panzer und Fleisch. Mit Genugtuung hörten wir seine Laute voll Schmerz, sein Griff lockerte sich. Wenn ich nur seinen Namen wüsste…
Dann kam der Schmerz. Kugeln bohrten sich von beiden Seiten in unseren Brustkorb, ein bellender Schrei entwich ihm, bevor er komplett die Kontrolle übernahm und mich aus unserem Geist aussperrte. Ich sah von fern, wie er rannte, durch die Menschen brach und auf allen Vieren durch das Dickicht sprang. Meine Gedanken hingen noch lang an dem Uniformierten, der nur unsere Klauen zu spüren bekommen hatte. Einer wie der andere. Sie alle verdienten dasselbe Schicksal.

Johan trieb der Aufprall auf den Boden die Luft aus den Lungen. Alle Geräusche um ihn wirkten irgendwie stumpf und er spürte das Stampfen der Bestie, die ihn eben noch in der Luft gehalten hatte und nun wegrannte, mehr, als dass er sie hörte. Er wollte den anderen zubrüllen, sie nicht laufen zu lassen, aber die Schmerzen in seinem Oberschenkel und Rücken ließen ihn nur ein Stöhnen von sich geben. Die mittlerweile wieder zusammengekommene Einheit näherte sich ihm und eine Hand wurde ausgestreckt, die Johan nicht annahm.

"Brauchst du 'nen Sani, Frey? Siehst' aus wie 'n schweizer Käse."

"Fresse."

Das Blut rauschte in Johans Ohren, als er sich über die Seite rollte und vorsichtig aufrichtete, um sein Bein nicht sofort zu belasten. Vier Kollegen standen um ihn rum, während Wolfgang, der ihm auch die Hand gereicht hatte, sich nun neben ihn hockte und sich über die Wunden beugte. Johans Ohren beruhigten sich langsam wieder und er hörte nun mehr von dem Geschehen ringsum, das aufgeregte Schnattern der anderen, die ihre Ausrüstungen sicherten und das Gelände prüften, sollte der Werwolf erneut auftauchen. Johan konnte dessen Ausdünstungen an sich immer noch riechen, kleine Reste von Speichel klebten an seiner Kleidung und ließen ihn die Nase angewidert rümpfen. Aber es war keine Zeit, sich jetzt zu reinigen oder ausgiebig Wunden zu versorgen, das Biest konnte nicht entkommen. Es war jetzt seine Verantwortung.
Wolfgang, der merkte, dass in Johans Augen immer noch das Feuer der Jagd brannte, legte eine Hand warnend auf dessen Brust.

"Nee, Kumpel, du wirst dem jetzt nicht hinterherhechten. Entweder alle zusammen im Wagen, oder gar nicht. Kein Alleingang jetzt."

Zu seiner Überraschung knirschte der Blonde nur mit den Zähnen, machte aber keine Anstalten, zu widersprechen. Johan grübelte einen kleinen Moment, dann richtete er sich in eine sitzende Position auf und schlug die Hand Wolfgangs beiseite.

"Gut, hol den Wagen, aber ich bin Spotter - und vergiss die Drohne nicht."

Vierunddreißig Minuten später - viel zu spät, wenn es nach Johan ging - saßen sie zu dritt in dem Fennek-ähnlichen Wagen (liebevoll "Schneewolf" genannt) der Foundation-eigenen Aufklärer südöstlich des Golzernsees, in dessen Richtung das Biest zuletzt gehechtet war. Johans Wunden waren notdürftig geflickt worden - es waren zum Glück keine Arterie oder Sehnen betroffen - und er hatte Singh nicht einmal überzeugen müssen, weiterzumachen. Sie wusste eh, dass er jetzt nicht zu stoppen war. Man hatte ihm eine zweite Dosis gegeben und hoffte scheinbar einfach, dass er seine eigenen Grenzen kannte.
Er starrte auf die Ausgabe der Sensoren vor sich und verfolgte das Wärmebild, sowie die Ansicht der Flugdrohne, die sich leise knapp über den Wipfeln bewegte.

"Seher, hier Einsatzführung, kommen. Evakuierung des Hotels ist noch im Gange, Zivilisten auf einem Wanderpfad in der Nähe des Sees. Frage: Gibt es eine Spur des Zielobjektes, kommen."

Das Knacken des Funkgerätes und die Stimme von Singh riss Johan aus seinen Gedanken und lenkte ihn kurz vom Bildschirm ab. Er sah zu Wolfgang und Peterson, welche beide bis zu dem Funkspruch selbst Ausschau gehalten und selten ein Wort gesprochen hatten. Nun richtete sich Wolfgang auf und räusperte sich, um Singh zu antworten.

"Einsatzführung, hier Seher, Auge Eins, negativ, haben das Zielobjekt aus den Augen verloren. Auge Zwei ist an den Sensoren, Auge Drei steuert Munin. Letzter Kontakt Richtung 040, zwo-eins-fünf, kommen."

"Hier Einsatzführung, verstanden, Ende."

Erst jetzt merkte Johan, wie spät es geworden war. Es war bereits kurz vor drei Uhr nachts; der Einsatz ging schon mehr als vierundzwanzig Stunden. Aber er fühlte sich nicht erschöpft, ganz im Gegenteil. Seine Kollegen hingegen… Ein Blick zur Seite zeigte ihm eine leicht gereizte Peterson, die versuchte, die Drohne nicht zu tief kommen zu lassen. Sie schien definitiv nicht mehr lange machen zu können. Als sie seinen Blick bemerkte, sah er schnell zu Wolfgang nach vorn. Dieser war scheinbar am Überlegen und sah durch die Frontscheibe auf die schwarzen Bäume vor ihnen. Dann wandte er sich leicht zur Seite und sprach zu Johan.

"Was, wenn er sich bereits zurück verwandelt hat und jetzt im Adamskostüm hier durch den Wald flitzt?"

"Das ändert gar nichts, außer das Kaliber, das ich benutzen werde."

Wolfgang riss den Kopf und den Oberkörper in seinem Sitz herum und sah Johan direkt an, offenbar prüfend, ob der Blonde das ernst meinte, oder einen Witz gerissen hatte. Er entschied sich zu Johans Pein für Letzteres und brach in Gelächter aus. Nach einem kurzen Moment kicherte auch Peterson höflich neben Johan, wahrscheinlich hatte sie keine Ahnung, was die beiden überhaupt gesagt hatten und lachte nur, um dazu zu passen.
Scheinbar zufrieden, drehte sich der Bärtige wieder nach vorn und bereitete den Wagen vor. Da weder Sensoren noch die Drohne den Werwolf bisher gefunden hatten, mussten sie davon ausgehen, dass dieser weiter in Richtung des Hotels gelaufen war. Zwar waren dort und auch in anderen Teilen des Waldes weitere Aufklärer in Teams unterwegs, aber wenn das Biest tatsächlich auf Menschen aus war, dann waren die Zivilisten, die sich - aus welchem Grund waren Wanderer zu dieser Jahreszeit und um drei Uhr Nachts noch unterwegs? Johan runzelte die Stirn und äußerte die Frage den anderen beiden gegenüber, die ebenfalls keine konkrete Antwort wussten. Es gibt einfach immer den einen Idioten, der sich einer Evakuierung entziehen will…
Peterson hatte in der Zwischenzeit die Drohne Munin wieder im Wagen verstaut und den Kamerafeed beendet, sodass sie und Johan beide im dunklen Bereich hinter Wolfgangs Fahrersitz saßen und an ihm vorbei nach draußen sehen konnten. Er fuhr vorsichtig, aber merklich mit einiger Erfahrung, durch die Baumreihen. Sie hatten keine Scheinwerfer an, um nicht unnötig Aufmerksamkeit auf sich zu lenken - das Aufklärerfahrzeug würde definitiv zu unangenehmen Fragen durch neugierige Zivilisten führen - und so blieb Wolfgang angenehm ruhig und konzentriert. Auch Peterson blieb still und Johan war sich sicher, dass sie einschlafen würde, was ihn nicht weiter störte. Sie war nützlicher, wenn sie wieder mehr Energie hatte und sich besser konzentrieren konnte. Zumal er definitiv genug von dem ständigen Flirten der beiden hatte. Als sie sich der Stelle näherten, an welchem sie auf den Wanderweg treffen würden, der direkt am See entlang führte, bremste Wolfgang sehr plötzlich ab. Durch die Äste der pechschwarzen Bäume machten sie sehr deutlich die von innen hell erleuchteten Umrisse eines Zeltes aus, das dicht am Wasser stand. Nicht weit entfernt befanden sich ein paar nackte, rumalberne Jugendliche, die wohl gerade aus dem Wasser gestiegen waren und definitiv an alles andere dachten, als an Evakuierungen.
Der Anblick der vier Teenager, die sich eben wieder in das Zelt verzogen um zu vögeln, entsetzte alle drei in dem Wagen. Wie konnte man so hirnrissig sein, bei einer Evakuierung abzuhauen und ein Zelt am See aufzustellen? Johan war der erste, der den Schock überwand und handelte.

"Was zum Fick…?! Wanderer, also; ihr mich auch."

Der blonde Soldat entsicherte seinen Gurt, öffnete die Seitentür und sprang mit einer Bewegung, die mit seinen Wunden mindestens sehr schmerzhaft sein sollte, aus dem Aufklärungsfahrzeug und stapfte mit energischem Gang zu dem Zelt. Hinter sich konnte er noch kurz die Stimmen der beiden anderen hören.

"Wie… Wie kann er laufen?"

"Er ist auf Meth, schon vergessen?"

"Seid ihr noch zu retten, ihr hormonverseuchten Idioten?! Wisst ihr überhaupt, was eine Evakuierung ist?"

Der Uniformierte scherte sich nicht um die Schreie und entsetzten Gesichter, die einerseits von seinem plötzlichen Auftauchen, andererseits von dem Blut an der Kleidung herrührten. Wir hatten schon lange die Fährte der Jugendlichen aufgenommen, waren ihnen gefolgt und hatten uns im Unterholz gehalten. Wir hatten Hunger. Unsere Wunden mussten genesen. Aber nun war er schon zum zweiten Mal aufgetaucht und stand zwischen uns und dem, was wir wollten. Der Mann bellte Befehle ("Hört auf zu ficken und zieht euch verdammt nochmal an, bevor ich mich vergesse!") und drohte damit, sie sonst eigenhändig aus dem Zelt zu zerren. Zu ihm gesellten sich nach kurzer Zeit zwei weitere Gerüche und wir bleckten die Zähne. Es waren dieselben, die uns Schmerzen zugefügt hatten. Kochende Wut entbrannte in unserer Brust, als wir uns langsam der Stelle näherten, den Körper dicht am Boden, wie ein zum Sprung bereites Raubtier.
Warte.
Ich stoppte ihn in seinem Tun. Etwas war falsch. Einer der Uniformierten, Moschus und Bartwichse, hatte sich etwas entfernt und leuchtete in das Dickicht ringsum. Er hatte etwas großes, Metallisches an seiner Seite, ging in die Knie und hantierte sehr leise und mit regelmäßigen, aufmerksamen Blicken in die Umgebung, daran herum.
Falle.
Der Fallensteller leuchtete erneut in das Dickicht und hätte uns vielleicht sogar durch die Reflektion der Augen bemerken können, wenn ich ihn nicht gezwungen hätte, die Augen sofort zu schließen.

Der kurze Moment mit geschlossenen Augen genügte, um uns zurückzuversetzen; zurück in die Zeit der Flucht. Uniformierte, die den Wald durchkämmten, Jagdhunde an Leinen und hetzend auf der Jagd nach unserer Fährte. Das Brennen der Wunden, während wir durch das Dickicht krochen, in Wolfsgestalt, erfüllt von Angst und purem Überlebensdrang. Auch diese hatten Befehle gebellt, sich gegenseitig angespornt, uns wieder zu fangen, zurück in das Lager zu bringen, wir durften nicht entkommen, wir waren zu wertvoll für den Führer. Die Wunde an unserem Arm mit der Nummer und dem Symbol. Warum hatten wir sie nicht entfernt? Wut. Pein. Jahre später die Jagd nach unseren Peinigern. Friedrich Kamm, Ernst Lange, Aufseher Georg-Harri Roth, Oskar Lehmann. Wir behielten die Symbole, um sie zu erinnern. Ihnen zu zeigen, wer sie wiedergefunden hatte. Wir genossen. Wir lachten. Wir töteten.

Monster auf beiden Seiten.

Ein Wimmern entwich unserer Schnauze ob der Erinnerungen und sofort schnellten die Köpfe aller drei Uniformierten in unsere Richtung. Sie rissen die Arme hoch und Lichtkegel blendeten uns, bis wir aufsprangen und auf allen Vieren in die entgegengesetzte Richtung rannten. Äste rissen an unserem Fell und zerkratzten unsere Nase. Krallen schabten über Wurzeln und Stein. Er wollte fliehen, einfach fort, also drängte ich mich in unseren Geist. Wir brauchten Nahrung. Wir mussten regenerieren. Ein Angriff aus der Deckung, bevor sie es realisieren können; einen der Halbstarken greifen und wieder in den Wald rennen, mehr bedurfte es nicht. In ein paar Stunden wären wir den Uniformierten wieder überlegen. Dann gehörte der mit dem Silberstock uns. Rache.
Ich spürte seine Zustimmung und dass er sich beruhigte. Wir trabten langsam in die Richtung, in die der Wanderpfad lag und folgten ihm, nun zielgerichtet und zuversichtlich. Wir wussten jetzt von dem Fallensteller. Wir wussten, in welche Richtung sie gehen würden, um die Jugendlichen wegzubringen. Wir wussten, wo die Fahrzeuge standen.

Wolfgang senkte die Hand wieder von seinem Schulter-Funkgerät und schloss zu Johan, der noch immer die Jugendlichen vor sich hertrieb wie ein Bauer seinen sturen Ochsen, auf. Sie waren möglichst still dem Pfad nahe des Wassers gelaufen und hielten auf die Lichter des Hotels zu, wobei sie vermieden, den Schneewolf anzusteuern, damit die Jugendlichen keinen Verdacht schöpfen konnten, dass diese drei doch etwas anderes taten, als die Evakuierung zu unterstützen.
Johan wandte den Kopf leicht zu dem kleineren Mann neben sich und sah ihn fragend an. Leise antwortete dieser:

"Die Großwildjäger sind eingetroffen, habe unsere Koordinaten weitergegeben, auch für die anderen Gruppen."

Johan nickte nur und lenkte den eisernen Blick wieder auf die kleine Gruppe vor ihnen, Peterson an der Spitze, Waffe bereit. Die Jugendlichen waren nach anfänglicher Angst zunächst in einen Zustand der nervösen Albernheit und, nachdem Johan ihnen nochmal sehr eindrücklich klar gemacht hatte, was hier auf dem Spiel stand, in betretenes Schweigen verfallen, gelegentlich unterbrochen von einem verängstigten Keuchen, wenn eines der Mädchen ein Geräusch im Unterholz hörte. Sie gingen von einem sehr aggressiven Bären aus, was keiner der Agenten weder bejahte noch verneinte, sodass weitere Fragen nicht aufkamen. Besser so. Johan spürte seine eigene Anspannung schon stark genug, er konnte sich jetzt nicht auch noch um kreischende Kinder kümmern, die sich hoffentlich in ein paar Stunden eh an nichts mehr erinnern würden. Sein Blick zuckte über die Bäume und Büsche ringsum, er sog die kalte Luft ein und lauschte angestrengt. Nichts. Gar nichts. Oder? Er meinte, ein Knacken rechts von sich zu hören und konzentrierte sich darauf. War da…

"Trupp A, Sichtkontakt!"

Der Funkspruch zerschnitt die Stille und ließ ihn zusammenzucken. Scheiße. Der Werwolf war bei Singhs Gruppe aufgetaucht, also würde er von vorne kommen. Er hatte sie überholt und wartete nur auf ihr Eintreffen!

"Peterson, schnapp dir die Gören und halt sie hinten!"

Johan und Wolfgang liefen voraus, in die Richtung, in die Singhs Gruppe sein müsste und bereiteten sich vor, den Werwolf abzufangen. Tatsächlich preschte dieser den Pfad entlang auf sie zu, das Maul aufgerissen, bereit, zu springen. Johan legte an und schoss eine Salve ab, Wolfgang griff nach einer der unscheinbaren Silbergranaten an seinem Gurt, entsicherte sie und warf diese fast in das Gesicht der Bestie. Noch im Flug zersprang die Kapsel und verteilte einen feinen Nebel über Fratze und Körper des Viehs, welches, durch den Einschlag der Kugeln eh schon ins Straucheln gekommen war, jetzt endgültig zu Boden ging und sich vor Schmerzen wand. Die Soldaten sahen sich kurz gegenseitig an und grinsten, dann liefen sie auf das Biest zu, bereit, es festzunageln, bis die Verstärkung eintraf. Weiter entfernt konnten sie die Jugendlichen hören, die scheinbar in Panik geraten waren, aber keiner der beiden kümmerte sich darum. Priorität hatte die Kreatur. Wolfgang bereitete den Silbernetz-Werfer vor, welchen er auf dem Rücken getragen hatte und legte auf die Kreatur an, während Johan diese langsam umrundete, um nicht in die Nähe der Schnauze zu kommen, während er sich näherte. Er senkte die Automatische und griff erneut nach dem sich vertraut anfühlenden Teleskopschlagstock. Die Kreatur zuckte, wälzte sich, versuchte, den Staub, der sich in die Haut brannte, abzustreifen. Sobald sie sich leicht aufrichtete, gab Johan Wolfgang ein Zeichen und dieser schoss den Netzwerfer ab. Mit einem Knall verließ das mit Silberfäden versehene Netz glitzernd die Kanone, Gewichte ließen es durch die Luft tanzen und wickelten sich um das Ziel. Johan schlug mit dem Stock in beiden Händen so stark er konnte zu, traf die Kniekehle des Wesens und brachte es so mitsamt dem Netz zu Fall. Innerlich triumphierend beobachtete er, wie die Kreatur nach dem Silber biss und krallte, aber jedes Mal zurückzuckte, als sich die Fäden in das Fleisch brannten. Der Geruch von brennendem Fleisch stieß Johan übel auf, aber er rümpfte nur die Nase. Interessanterweise wandelte sich der Werwolf nach einigen Minuten zurück, scheinbar war das Silber zu viel für die Kreatur. Statt den zweieinhalb Metern Fell und Krallen, lag nun ein vor Schmerz gepeinigter, nackter Mann vor ihnen, welcher fast aus den großen Löchern im Netz rutschte. Johan sorgte dafür, dass dies nicht passieren konnte und sicherte den Mann, der nach allem stank, was die Natur zu bieten hatte.
Wolfgang brüllte wieder in sein Schulterfunkgerät und orderte die anderen zu ihrer Position. Nach einigen Minuten hörten sie auch das ratternde Geräusch eines Hubschraubers, der sich schnell näherte und einen Platz zum Landen suchte. Die Großwildjäger hatten mehr als nur passende Ausrüstung und sorgten nach ihrer Ankunft für eine Lösung, die nicht nur temporär war, wie das Netz. Sie hatten neben Jagdwaffen und -ausrüstung auch Handschellen und einen Mantel, in den sie den Mann wickelten, der jetzt nicht mal mehr im Ansatz bedrohlich wirkte. Der Mantel glänzte ebenfalls von der Innenseite, schien dem Werwolf jedoch nicht dieselben Schmerzen zuzufügen, wie noch das Netz. Er wurde in den Hubschrauber gebracht und auch dort mit Fesseln diverser Art fixiert, was Johan mit Interesse beobachtete, während sich die Mitglieder der Seher sammelten und Singh sich um die Evakuierung der Jugendlichen kümmerte.

Wolfgang trat neben Johan und schlug ihm mit der flachen Hand auf die Schulter, dann lachte er:

"Hast du eigentlich eine Liste mit Viechern, die du bereits Mann-gegen-Mann bekämpft hast? Jetzt gehört auch ein Werwolf dazu!"

Das genervte Stöhnen des Blonden, der langsam seine Wunden wieder spürte, interpretierte Wolfgang wie immer falsch.

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