Letztes Mal bei Nuri:
Der verlorene Dämonenfuchs, Teil 2
Olaf war ein untersetzter Mann mit Fahrradbrille. Und er hatte gerade jemanden entführt. Aus gutem Grund, wie aber hinzugefügt werden muss.
Sein Opfer war ein grauhaariger Mann mit einem sorgsam frisierten Bart. Er trug im Moment einen Geschäftsanzug. Gustav Träge, CEO einer Firma, die Plastikteile für verschiedenste Anwendungen produzierte. Und er hatte beschlossen, ein Stück Wald für eine neue Fabrik roden zu lassen.
Nun, Olaf, wie auch der Rest seines Zirkels der Neodruiden konnten das natürlich nicht zulassen. Neodruiden lagen die Leben und das Wohlergehen aller Kreaturen am Herzen. Ein solcher Akt der Umweltverschmutzung durfte nicht ungesühnt bleiben!
Träge war im Moment in einer verlassenen Bauruine im Heizkeller eingesperrt, Flucht wurde durch eine Feuertür verhindert, die mit einem Stuhl verriegelt war. Niemand hörte ihn hier um Hilfe rufen, auch wenn er das ziemlich lautstark tat. Olaf und seine sechs Komplizen standen im Raum davor und sahen sich nun etwas ratlos an.
"Hat bis jetzt ganz gut geklappt, oder?", fragte er in die Runde.
"Und was machen wir jetzt mit ihm?", fragte Linda, eine kleine Frau mit einer Wollmütze auf den schwarzen Haaren.
"Passt auf, wir- wir nehmen uns jetzt sein Geld und- und dann bezahlen wir die Leute dafür- dafür, dass sie den Wald nich' roden", schlug Daniel vor.
Seine Augen waren blutunterlaufen von seinem Cannabis-Trip. Seine Kleidung und seine Haare wirkten sehr ungepflegt. Wann auch immer man in seiner Nähe stand, roch es nach Hanf. Wahrscheinlich sogar nach dem Duschen. Vorausgesetzt, er duschte überhaupt …
"Nun, jemand wird ihn umlegen müssen", meinte Derek trocken und ignorierte Daniel geflissentlich.
Er war der Stratege der Operation, wirkte ziemlich schmächtig und trug eine Brille.
"Und wer?", fragte Doruk, ein riesenhafter, türkischstämmiger Kerl mit Kappe.
Alle sahen sich gegenseitig an und dann nach unten. Ihr Zirkel räumte menschlichem Leben geringere Priorität als dem Rest ein, aber keiner von ihnen war gewissenlos genug, um tatsächlich jemanden umzubringen.
Cindy meldete sich zu Wort. Sie war die Jüngste von ihnen, hatte lila Haare und ebenfalls eine Brille.
"Nun, was, wenn wir jemand anders das machen lassen?"
"Willst du einen Auftragskiller anheuern?", fragte Willi, ein hochaufgeschossener Mann mit abstehenden Ohren.
"Ne", wehrte Cindy ab. "Aber wir haben doch noch andere Projekte am Laufen. Erinnert ihr euch an den Crypid, den Daniel letztens gefunden hat? Der von der Blondine wie ein Haustier gehalten wird?"
"Die Kleine?", fragte Olaf. "Was hast du vor?"
Cindy wirkte selbstgefällig.
"Naja, wenn wir sie befreit haben, ist sie uns vielleicht dankbar genug, dass sie für uns arbeitet. Außerdem würde was für sie abfallen, immerhin verspeist ihre Art Menschenfleisch, ich habe das bei Wikipedia gelesen."
"Ähm, wollen wir den Mann also dem Mädchen zum Fraß vorwerfen?", fragte Willi.
Betretenes Schweigen folgte.
"Naja, irgendwie muss er sterben", warf Cindy ein.
Zustimmendes Gemurmel setzte ein.
"Und wie nehmen wir sie mit?", fragte Linda. "Ich meine, wir würden wie Kindesentführer wirken."
"Ich habe da eine Idee", meinte Derek.
Anna war mal wieder mit ihren Freunden auf dem Spielplatz. Nuri war auch wieder dabei, diesmal wieder mit ihrem riesenhaften Papa, der wie immer reglos auf einer Bank hockte, als wäre er zu Stein erstarrt. Nur die Bewegung seiner Augen und das gelegentliche Drehen seines Kopfes deutete darauf hin, dass er tatsächlich lebendig war. Nuri selbst schien daran gewöhnt zu sein. Aber irgendwas war heute anders an ihr …
Sie schien noch schneller und stärker zu sein als sonst. Beim Fangen-Spiel erwischte sie meist jemandem aus dem Stand, bis sie darum gebeten wurde, anstatt bis zehn bis fünfzig zu zählen, wonach das Spiel eher zu Verstecken wurde und im Dreh-Karussell erreichte sie Geschwindigkeiten, die die Jungs dazu veranlassten, Wetten darauf abzuschließen, wem zuerst schlecht wurde.
Außerdem wirkte Nuri neuerdings etwas … irre. Körperkontakt mit ihr ging mit etwas zu viel Kraft einher und als Boris mal wieder Stunk machen wollte, drehte sie nur den Kopf zu ihm und schenkte ihm ein vorfreudiges und absolut furchterregendes Grinsen. Was auch immer der Rüpel vorgehabt hatte, Nuris Gegenplan schien es nicht wert zu sein.
"Ist alles in Ordnung?", brachte sie endlich über sich, zu fragen.
"Ja, wieso?", fragte Nuri.
Ihre Augen waren etwas zu weit offen …
"Du machst den Anderen Angst", präzisierte Anna.
Was auch immer an Kampfeslust in Nuri geglüht hatte, schien sofort von akuter Depression ersetzt zu werden.
"Tschuldigung", nuschelte sie und starrte zu Boden.
Das Mädchen erschien, als hätte jemand die Luft aus ihr herausgelassen. So kannte sie Nuri gar nicht.
"Ist was passiert?", fragte Anna verwirrt.
"Ich weiß nicht", antwortete Nuri.
Sie schien ernsthaft beunruhigt. Das beunruhigte wiederum Anna. Kummer bei ihren Freunden wirkte sich auch auf sie aus. Sie wollte Nuri irgendwie aufmuntern.
Und da erklang eines der Geräusche, die jedes kleine Kind gerne hörte. Das melodiöse Glockengeläut eines Eiswagens. Das weiße Gefährt hielt am Bürgersteig nahe dem Spielplatz und öffnete für den Verkauf.
"Hey, willst du deinen Papa fragen, ob du Eis kriegen kannst?", schlug Anna vor. "Dann geht's dir bestimmt wieder besser."
Nuri nickte und trottete zu dem riesigen Kerl hinüber, der gerade mal wieder eine Taube verscheuchen musste, die versucht hatte, sich auf ihn zu setzen. Anna folgte im Versuch seelischen Beistands.
"Ähm, Dean?", fragte Nuri. "Kann ich ein Eis kriegen?"
Der Mann betrachtete Nuris Gesicht, das immer noch niedergeschlagen wirkte, eingehend, schaute dann zu Anna, dann zu dem Eiswagen und fragte: "Wie sagt man?"
"Kann ich bitte ein Eis holen?", fragte Nuri erneut.
"Genau", bestätigte er mit bestätigendem Nicken und schnippte dem Mädchen eine Zwei-Euro-Münze zu. Sie nickte ihm dankend zu und lief, nun mit ein klein wenig mehr Elan, zum Eiswagen. Anna nahm sich ihr eigenes Portemonnaie und folgte ihr.
Der Eismann war eine junge Frau mit lila Haaren. Also eher eine Eisfrau.
"Heyo", begrüßte sie die versammelten Kunden, größtenteils Kinder. "Na dann, was darf's denn sein?"
Sie murmelte irgendwas, das Anna nicht verstand. Nuri runzelte die Stirn.
"Anna, weißt du, was 'Laktoseintoleranz' heißt?"
"Ich glaube, das heißt man kann keine Milch trinken, warum?"
"Die Eisfrau hat sie gerade den Kindern gewünscht."
Jetzt runzelte Anna die Stirn.
"Bist du sicher, dass du dich nicht verhört hast? Ich habe den letzten Teil überhaupt nicht verstanden."
Nuri zuckte hilflos mit den Schultern. Es dauerte eine Weile, bis sie drankamen, denn einige Kinder konnten sich nicht entscheiden, welches Eis sie haben wollten. Dabei war das Preisschild für Analphabeten ausgelegt und mit Bildern für die Geschmackrichtungen geschmückt. Aber schließlich waren sie dran. Anna nahm sich ein Zitroneneis, aber Nuri hielt zu den Klassikern und bestellte Erdbeere.
Es dauerte erstaunlich lange, bis Nuri ihr Eis ausgehändigt wurde, aber sie konnten nicht hinter den Tresen gucken. Nuri streckte ihre Zunge aus, um an ihrem Eis zu lecken, bevor sie schnupperte.
"Das Eis riecht nach Medizin", stellte sie fest.
Anna schnupperte ebenfalls.
"Ich rieche nichts."
Nuri runzelte erneut die Stirn, leckte dann aber widerwillig an ihrem Eis. Was auch immer sie roch, schien sich nicht auf den Geschmack auszuwirken, denn sie verzehrte ihr Eis anschließend ohne Widerstand.
Zumindest, bis sie mit verwirrtem Gesichtsausdruck zusammensackte.
"Nuri?", fragte Anna besorgt.
"Ich fühl' mich schlapp", murmelte Nuri, während ihr die Waffel aus der Hand rollte.
Anna sah sich erschrocken nach Hilfe um. Zum Glück hatte die Eisfrau bemerkt, was vor sich ging, denn sie war mit Eile aus ihrem Wagen gestiegen und kam hektisch und besorgt näher.
"Was ist denn hier los?"
"Ich weiß nicht, Nuri ist plötzlich schlapp geworden!", sprudelte Anna sofort los.
"Ich habe was im Wagen, einen Moment", bat die Eisfrau und schleifte Nuri in das Auto. Anna wollte ihrer Freundin beistehen, aber vor ihr schwang die Tür zu.
"Wa-"
Der Motor heulte auf und der Eiswagen setzte sich in Bewegung.
Anna klappte die Kinnlade herunter, ehe sie das tat, was sie wahrscheinlich von Anfang an hätte tun sollen.
"HILFE!", begann sie zu schreien.
Dann rauschte etwas Großes an ihr vorbei. Das kleine Mädchen spürte den Luftzug, den Nuris Vater erzeugte, als er mit beachtlicher Geschwindigkeit begann, das Fahrzeug zu verfolgen. Zu Fuß.
"Ich fasse es nicht, dass das geklappt hat …", hielt Willi fest, während er den Eiswagen durch die Straßen steuerte.
"Du bist zu wenig als Babysitter für deine Neffen und Nichten eingespannt worden", meine Derek hinter ihm im Arbeitsabteil trocken. "Wie geht's der Kleinen, Cindy?"
Das kleine Fuchsmädchen war bei Bewusstsein, wirkte aber sehr groggy.
"Ich hatte schon Angst, dass sie den Braten gerochen hat", erwiderte die Frau.
Willi runzelte die Stirn, als er im Rückspiegel etwas bemerkte, das eigentlich nicht sein konnte.
"Bist du sicher, dass du dein Bilsenkraut-Gemisch richtig dosiert hast?", fragte Derek. "Unsere Freundin hier sieht ein bisschen fertig aus."
"Äh, Leute?", fragte Willi.
"Hey, es ist ein kleines Kind und mein Bilsenkraut und seine Freunde wirken hart, da kann man sich schon mal vertun. Alles andere, was ich zur Verfügung hatte war entweder zu langsam in der Wirkung, hatte Nebenwirkungen oder war nicht vegan."
"Leute?", fragte Willi wieder.
"Hoffentlich hast du nicht überdosiert", sagte Derek besorgt.
"LEUTE!", brüllte Willi dringlich.
"WAS!?", brüllten die anderen zeitgleich zurück.
"Äh, ich glaube wir haben ein Problem, hinter uns …"
Stirnrunzelnd schauten Derek und Cindy aus dem Heckfenster. Ihnen schliefen die Gesichter ein. Der Riesenkerl sprintete in irrem Tempo hinter dem Eiswagen her. Und holte auf …
"Ja was?", fragte Cindy, "drück' auf die Tube!"
"Aber ich bin schon am Geschwindigkeitslimit. Und auf dieser Strecke ist ein Blitzer!"
Derek rollte mit den Augen.
"Oh Willi, du bist blöd wie Scheiße, bieg halt ab!"
"Oh, stimmt", merkte der Fahrer und schlug das Lenkrad ein, als eine Abbiegung kam.
Cindy sah erst die beiden Männer ungläubig an und wechselte dann einen Blick mit dem kleinen Mädchen. Sie beteiligte sich nicht an diesem Austausch, aber funkelte Cindy durch ihre halboffenen Augen so zornig an, wie es der Zustand ihrer Betäubung zuließ.
Der Eiswagen bog um die Kurve und musste dafür allerdings langsamer werden. Der Mann hatte dieses Problem nicht, er holte nur aus und legte sich in die Kurve. Er büßte dadurch nur minimal Zeit ein. Er bekam beinahe die Klinke der Hecktür zu fassen, bevor Willi wieder beschleunigte.
"Ist das ein T1000, oder was?", regte sich Cindy auf. "Dem muss doch langsam mal die Puste ausgehen!"
Willi bog auf die nächste Hauptstraße ab. Irgendwas krachte gegen die Karosserie und der Mann war verschwunden.
"Oh, Gott sei Dank", seufzte Derek, bevor im Heckfenster eine Hand erschien, die nach dem Öffner tastete.
"SCHÜTTEL IHN AB, WILLI! SCHÜTTEL IHN AB!", brüllte Derek.
Cindy derweil fluchte unablässig. Und der Plan hatte so schön angefangen …
Willi begann, Schlangenlinien zu fahren, was ihm wütendes Gehupe von anderen Verkehrsteilnehmern einbrachte und den Wagen gefährlich kippen ließ. Von außen krachte irgendwas mehrfach gegen das Fahrzeug.
Die Hand griff wieder nach dem Öffner …
Und Willi legte sich so hart in die Kurve, dass der Mann durch die wirkenden Kräfte offenbar abrutschte. Mit Erleichterung sahen Derek und Cindy, wie er auf dem Asphalt aufkam, sich mehrfach überschlug und dann von einem Auto angefahren wurde, dass noch hektisch bremste.
"Oh, oh wow", seufzte Cindy erleichtert. "Ich dachte schon, er schafft's rein."
"Das hat bestimmt Aufmerksamkeit erregt", merkte Derek an. "Wir stellen den Wagen besser so bald wie möglich ab und gehen zu Fuß zum Fluchtfahrzeug. Hast du den Sack?"
"Ich bin dir einen Schritt voraus", grinste Cindy stolz und präsentierte einen großen Seesack.
Dean ließ einen Check laufen, um zu sehen, ob alle Systeme noch funktionierten. Das Auto, das ihn nach einem Sturz erfasst hatte, war zwar langsamer geworden, hatte ihn aber trotzdem noch mit genug Wucht getroffen, um ihn nach vorn zu katapultieren.
Der Check meldete nichts Ungewöhnliches, aber er würde Elli trotzdem später nochmal drübergucken lassen. Hinter ihm stieg der Fahrer des Wagens aus, der ihn angefahren hatte. Er war ein älterer Herr mit Halbglatze und einem Mantel aus Filz, so machte es den Anschein.
"Sind Sie noch zu retten?! Was haben Sie auf dem Eiswagen gemacht?", fuhr der ihn an.
"Die Insassen dieses Wagens haben mein Kind entführt", entgegnete Dean gereizt. "Und mit jeder Sekunde, die ich hier bei Ihnen verbringen muss, entfernen sie sich weiter. Also entschuldigen Sie, wenn ich Sie mit Ihrem Gezeter allein lasse."
Er drehte sich zu dem Wagen um.
"Ihre Stoßstange hat nicht mal Schaden genommen, also regen Sie sich nicht so auf."
Der Mann schien baff.
"Ähm, geht's Ihnen gut? Sie sind gerade angefahren worden."
"Mir geht's bestens", versicherte Dean. "Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, ich muss mein Mädchen finden."
Er ließ den verdutzten Mann stehen und setzte sich in Bewegung. Im Laufen holte er sein Handy hervor und wählte eine Nummer, die mehr Nummern beinhaltete, als eigentlich auf das Display passten.
"Duut … Duuut … Duut … Hallo, hier ist die Mailbox von Elli. Leider können Sie mich im Moment nicht erreichen, weil ich wahrscheinlich vor irgendwas wegrenne oder mal wieder den Tag retten muss. Bitte versuchen Sie es später noch einmal oder rekonfigurieren Sie ihr Funksignal, damit es mich in einem anderen Abschnitt meiner Zeitlinie erreicht. Danke schön und Prost."
Dean schnalzte mit der Zunge und legte auf. Er hatte keine Ahnung, wie man ein Telefonsignal temporal konfigurierte. Nun, folgende Probleme: Nuri war fort und Dean hatte keine Ahnung, wohin sie verschleppt werden und ob sie es lebend überstehen würde. Elli war im Moment nicht erreichbar, sie hatte irgendwas zu tun und würde sie in einigen Stunden wieder abholen. Er war also auf sich gestellt …
Nun, er hatte aus vergangenen Fehlern gelernt. Nuri hatte einen Ortungschip bei sich. Dean hatte ihn in ihre Hose eingenäht. Er griff in seine Tasche und holte den Empfänger heraus. Dann folgte er dem Signal.
Nuri erlangte allmählich ihre geistigen Fähigkeiten zurück. Sie erinnerte sich, dass Dean versucht hatte, sie aus dem Eiswagen zu retten, aber abgeschüttelt worden war. Der Wagen war anschließend noch ein Stück gefahren, hatte dann angehalten und Nuri war in einen Sack gesteckt worden. Dem Geholper nach war es dann zu Fuß weitergegangen, wobei sie offenbar mehrfach den Träger wechselte. Dann hörte sie die Türen eines Autos, roch das Innere eines alten billigen Autos und spürte, wie sie beschleunigten. Nuri erhielt in der Zeit allmählich die Kontrolle über ihre Glieder zurück und versuchte, aus dem Sack zu entkommen, was akute Panik auslöste und zu einer Beschleunigung der Fahrgeschwindigkeit führte. Als das Auto schließlich anhielt und Nuri das Betäubungsmittel weit genug verarbeitet hatte, um ihre Krallen wieder benutzen zu können, ging alles sehr hektisch. Irgendwer wollte sie unter den Arm klemmen, aber sie versenkte ihre Klauen in dem Ellenbogen, den sie durch den Sack spürte.
Sie riss den Sack allmählich in Fetzen, während sie irgendwohin gehievt wurde und befreite sich in dem Moment, in dem hinter ihr eine Feuertür zufiel. Irgendwas wurde vor der Klinke platziert, um zu blockieren. Sie hörte erschöpftes Schnauben aus drei Mündern von der anderen Seite der Tür.
Der Raum, in dem sie sich befand, schien ein alter Heizkeller zu sein, erleuchtet von einer einzelnen Grubenlampe, deren Kabel durch einen einbetonierten Rohrdurchlass neben der Tür nach draußen führte. In einer Ecke lehnte ein älterer Mann in einem feinen, aber arg mitgenommenen Anzug an einer Wand, in einer anderen stand ein Eimer, aus dem der Gestank von Urin entstieg. Der Mann musterte sie zu gleichen Teilen überrascht, verwirrt und wütend.
"OH, was für Schweine!", entfuhr es ihm in seinem Zorn. "Wie können sie es wagen, ein Kind hier einzusperren!? Alles in Ordnung, kleines Fräulein, wurdest du entführt?"
Nuri befand sich durch ihr Adrenalin in einem aufgeregten Zustand und sah sich nach irgendwas um, das ihren gerechten Zorn verdiente. Den Mann ignorierte sie dabei ungewollt.
In ihrem Kopf fand eine ungewöhnliche logische Verkettung von Fakten und Schlussfolgerungen statt. Sie war entführt worden (mal wieder), aber diese Leute hier hatten einen Seesack benutzt um sie zu transportieren. Sie hatten ihr in keiner Form mit Waffen gedroht, was vermutlich hieß, dass sie entweder keine hatten oder zu feige waren, sie zu benutzen. Und auf der anderen Seite dieser Tür wurde etwas zur Blockade aufgestellt. Was hieß: Die Tür war nicht abgeschlossen und öffnete nach außen. Wenn Nuri es also schaffte, diese Tür zu öffnen, wäre es einfach für sie, zu entkommen. Vorausgesetzt, sie hielt nicht an für Eiscreme …
Sie hatte das Gefühl, ihr Hirn würde heißlaufen unter dieser Denkleistung. Der Geruch von gebratenem Schinken hing ihr kurz in der Nase. Sie ging ein paar Schritte rückwärts und rannte dann mit voller Kraft gegen die Tür.
WUMMS!
Sie taumelte rückwärts. Die Tür wies nun eine Delle auf, hatte sich aber keinen Millimeter bewegt.
"Das nützt nichts, die Tür ist verriegelt, ich habe auch versucht sie aufzustoßen", bemerkte der Mann trocken. "Auch, wenn ich keine Delle reinbekommen habe. Alles okay bei dir?"
Nuri nahm ihn erst jetzt richtig wahr.
"Wer bist du?", fragte sie und legte verdutzt den Kopf schräg.
"Hat man dir keine Manieren beigebracht?", erwiderte der Mann etwas verärgert. "Man stellt sich zuerst selbst vor, bevor man nach Namen fragt."
Nuri entsann sich, dass Dean ebenfalls versucht hatte, ihr das beizubringen.
"Ich bin Nuri", antwortete sie.
Die Miene des Mannes wurde freundlicher.
"Na geht doch. Ich bin Herr Träge", stellte sich der Mann vor. "Ich bin entführt worden, weil ich geplant habe, ein Waldstück für eine Fabrik abholzen zu lassen. Haben deine Eltern auch irgendwas ausgefressen, um auf der Liste von diesen Verrückten zu landen?"
"Welchen?", fragte Nuri.
Elli und Dean standen auf den Listen von ziemlich vielen Verrückten, wie sie hatte herausfinden dürfen.
"Die hier. Nennen sich Neodruiden oder so ähnlich."
Nuri schüttelte den Kopf. Von Neodruiden hatte sie noch nie was gehört. Sie stellte sich einen Miraculix in Sci-fi-Aufmachung vor.
"Oh, sie wurde nicht entführt, sondern gerettet", erklang eine elektronische Stimme hinter ihnen.
Durch den Rohrdurchlass neben der Tür war gerade mit einem Teleskoparm ein Walkie-Talkie befördert worden, aus dem eine männliche Stimme klang.
"Vor was?", fragte Nuri.
"Vor der Blonden und dem Riesenkerl. Dich als Haustier zu halten ist ein Verbrechen."
Nuri wechselte einen verwirrten Blick mit Herrn Träge.
"Aber keine Sorge, bei uns kannst du tun, was deine Natur für richtig hält. Für's Erste haben wir eine Mahlzeit für dich vorbereitet, sie sollte sich im Raum mit dir befinden.
Nuri und Herr Träge sahen sich um. Da war nix zu essen.
"Wo?", fragte Nuri.
"Der Mann neben dir. Wir wissen, was eine Kumiho zum Leben braucht."
"Was soll das denn sein? Eine Gummi-Ho?", fragte Herr Träge.
"Sieht Ihnen ähnlich, das Lebendige nur oberflächlich zu betrachten", kam es abfällig aus dem Fernsprechendgerät. "Sie sind als unser Willkommensschmaus für den Fuchsgeist vorgesehen, den wir zu ihnen gesteckt haben."
"Wa-"
Er starrte Nuri entgeistert an, als ihr Glamour für ihn schlagartig seine Wirkung verlor.
"Was zum Henker- Oh, die bewegen sich sogar!"
Nuri ließ die Ohren hängen. Sie wollte nicht, dass der Mann Angst vor ihr hatte. Und er schien ihre Körpersprache richtig zu deuten, denn er entspannte sich wieder.
"Hast du keinen Hunger?", fragte die Stimme.
Nuri drehte sich zu dem Funkgerät um.
"Ich will ihn nicht essen. Ich will niemanden essen!"
Es gab etwas Getuschel auf der anderen Seite.
"Hm, du wirst erst wieder auf den Geschmack kommen müssen, da dir so lange artgerechte Nahrung vorenthalten wurde. Wir fragen später nochmal."
Das Funkgerät verstummte. Hinter der Tür entfernten sich Schritte.
Herr Träge seufzte.
"Sucht jemand nach dir?"
"Ja", sagte Nuri wie aus der Pistole geschossen. "Wir warten einfach auf Dean."
Hoffentlich kriegt sie was zu essen, dachte sich Dean, während er durch die Straßen rannte. Vermutlich hätte er die Polizei einschalten können, aber das hätte wertvolle Zeit gekostet. Und schneller gefunden hätte sie sie wohl auch nicht. Mit genug Pech hätten sie Nuri während einer Hungerattacke erwischt.
Entweder hatten die Entführer ihn vorsätzlich verwirrt oder sie wussten selber nicht, wo sie hinmussten. Erst waren sie mit hohem Tempo von ihm weggefahren, hatten dann einen Bogen geschlagen und sich in die andere Richtung in Bewegung gesetzt. Dann fuhren sie eine Weile ordentlich, bis das Fahrmuster plötzlich erratisch wurde. Das hielt an, bis sie das andere Ende der Stadt erreicht hatten. Nuris Sender hatte sich seitdem nicht mehr bewegt.
Dean rannte, aber er würde noch eine Weile brauchen, bis er den Ort erreichte, denn er hing gerade in der Altstadt fest und die war wie in den meisten europäischen Städten der reinste Irrgarten. Sein einziger Trost war, dass sie Nuri nicht sofort töten würden, sonst hätten sie sich nicht die Mühe gemacht, sie zu entführen.
"Ruf endlich zurück, Elli …", knurrte er.
"Olaf?", fragte Derek, "war es wirklich so eine gute Idee, ein Tier hungern zu lassen, nur damit es tut, was wir von ihm möchten? Ich meine, die Neodruiden sollten Leben doch eigentlich beschützen und-"
"Und trotzdem haben wir einen alten Sack entführt, um an ihm ein Exempel zu statuieren.", entgegnete Olaf barsch.
Sie befanden sich in etwas, das wohl mal die Mensa hätte werden sollen. Doruk saß in einer Ecke über einem Feuer und machte veganes Knüppelbrot.
"Und wir haben technisch gesehen ein Kind entführt", fuhr Olaf fort. "Wach auf, Derek, wir verändern die Welt nicht mit Flyer-verteilen und Protestschildchen."
"Naja, Olaf, aber, was wenn sie es uns übelnimmt, dass wir sie hungern lassen?"
"Tun wir nicht, wir haben ihr was zu essen dagelassen", entgegnete Olaf schulterzuckend. "Glaube mir, die Kumiho wird dankbar sein, wenn sie auf den Geschmack gekommen ist."
"Und wenn nicht?"
"Dann müssen wir sie leider da drin lassen. Wir können ja nicht zulassen, dass sie Unschuldige angreift, oder?"
"Sie könnte ausbrechen", mahnte Doruk aus der Ecke an.
Olaf winkte ab.
"Die Chance, dass dieses Mädel ausbricht, ist eins zu einer Million."
Nuris Magen knurrte.
Das war an sich kein seltenes Ereignis, aber sie spürte es hier im Speziellen, weil der Raum nichts enthielt, mit dem sie sich ablenken konnte. Herr Träge hatte versucht, mit ihr zu spielen, aber zum einen schien er Kinder nicht wirklich zum verstehen und zum anderen schien er immer noch leicht beunruhigt, da Nuri kein normaler Mensch war.
Wann hatte sie das letzte Mal was gegessen? Hier drin gab es keine Fenster, ihr fehlte jedes Zeitgefühl, aber das Eis war nicht gerade viel gewesen.
"Alles in Ordnung?", fragte Herr Träge besorgt.
Er sah verdächtig wie eine verzehrfertige Hammelkeule aus …
Nuri schüttelte erschrocken den Kopf. Nö, immer noch der alte Herr Träge …
Hunger!
Nuri kämpfte den aufkeimenden Instinkt nieder. Er war wieder viel stärker geworden, seitdem Elli sie vor der bösen Kumiho gerettet hatte. Sie erschauderte. Schon allein, um nicht wie dieses Monster zu enden, wollte sie nicht nachgeben.
Es gibt nichts anderes!
Ihr Magen knurrte wieder und verzog sich vor Hunger so, dass es beinahe wehtat. Es gab keinen Grund dafür aber sie fühlte sich, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen. Hatte es an dem Eis gelegen? Die Frau hatte ja gesagt, dass sie irgendein Gemisch reingefüllt hatte.
FRESSEN!
Nuri hielt sich den Schädel, als der Befehl ihres Unterbewusstseins darin zu widerhallen begann. Als ihr Blick wieder auf Träge fiel, begann sie unwillkürlich, zu sabbern. Er wich erschrocken vor ihr zurück.
"Kind, bitte! Nicht!"
Er ist unwichtig.
HUNGER!
Nuris Krallen fuhren aus den Händen, nur um von ihr wieder mit großer geistiger Anstrengung wieder eingezogen zu werden.
Warum ihn?
Keine andere Beute.
Nuris Magen meldete sich wieder. Aber der Mann hatte ihr nichts getan, anders als …
Das stimmt nicht, es gibt mehr Beute. Du musst sie nur holen.
Gefangen.
Und von wem?
…
Genau, sie haben mich eingefangen, und wollen mich zu einem Schoßhündchen machen.
Ich hasse Hunde. Ich hasse sie. ICH WILL HIER RAUS!
Nuri merkte zu spät und mit Entsetzen, dass sie sich selbst angestachelt hatte im Versuch, Herrn Träge zu beschützen. Das Fuchsmädchen spürte, wie ihr unaufhaltsam und gegen ihren Willen die Kontrolle entglitt. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich, ihre Augen wurden hart wie die eines Raubtiers, während sie von ihrer Natur übermannt wurde.
Aber der Impuls purer Bösartigkeit blieb aus. Nuri war im Monster-Modus, aber hatte einen Teil ihres Verstandes behalten. Mit einer unheimlichen Geschmeidigkeit näherte sie sich der Tür und betrachtete sie eine Weile. Sie erinnerte sich nicht, aber ihre Essenz tat es. Tantchen hatte irgendwas mit Feuer angestellt … Sie musste sich nur auf das Gefühl konzentrieren.
In Nuris nach vorn gestreckter Hand entflammte ein gewaltiges, fahlblaues Irrlicht, das sofort auf die Größe eines Fußballs anwuchs, bevor Nuri ihm befahl zu schrumpfen. Herr Träge hinter ihr schrie auf vor Schreck und kauerte sich vor Angst in eine der Ecken.
Die Hitze und das Licht taten Nuri nichts, selbst als sich das Irrlicht immer weiter über ihren Zeigefinger konzentrierte und zu einer langen Stichflamme wurde. Ein Strahl aus Plasma, unter dem das Metall der Tür wie Butter schmolz und das darunter liegende Holz sofort Feuer fing, als Nuri zum Schneiden ansetzte.
Das nächste Mal bei Nuri:
Das Ergebnis guter Absichten, Teil 2

