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Hallo. Mein Name ist Sophie. Ich bin acht Jahre alt und wohne mit meiner Mama in unserem kleinen Haus im Grünen.
Der Tag, an dem mein Leben neu begann, war einer wie so viele vorher. Meine Mama hat mich zurück in mein Zimmer geschickt, damit ich dort etwas leise alleine mache, weil ihr Kopf wieder wehtat. Ich glaube sie will nicht, dass ich sie so sehe. Die Schmerzen hat sie fast immer, seit Papa uns verlassen hatte und sie immer viel Stress hat. Dann will sie lieber alleine auf der Couch sein mit ihrem Wein und ihren Tabletten.
Das stört mich aber nicht. Ich bin gerne alleine in meinem Zimmer. Hier ist mein Rückzugsort und es erinnert mich an meine Oma, die mit mir das Zimmer schön gemacht hat und mir hier oft abends Geschichten erzählte, während ich in meine Lieblingsdecke eingekuschelt war.
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Am liebsten mochte ich „Die Geschichte vom weinenden Regen“. Oma erzählte immer, dass der Regen traurig sei, weil alle auf ihn schimpfen, da sie die Sonne lieber mögen als ihn. Und deswegen weint der Regen immer. Dabei würde sich der Regen freuen, wenn jemand mit ihm spielen würde. Er ist schließlich nicht schlecht, da er nicht nur den Dreck wegwischt, sondern auch Kummer und Sorgen aus den Köpfen der Menschen. Man müsse dem Regen nur eine Chance geben und ihn kennenlernen, hat sie immer gesagt.
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Oma und ich haben immer den Regen geliebt. Wir sind bei Regen immer rausgegangen und haben miteinander gespielt. Auch wenn Mama immer danach mit Oma schimpfte, weil meine Kleider wieder nass und dreckig waren und ich manchmal am nächsten Tag krank wurde. Wir ließen uns aber nicht aufhalten und machten immer so weiter, den Regen und uns konnte nix trennen. Auch Mama nicht.
Einmal meinte Omi, wenn sie mal nicht mehr sei, will sie als Regentropfen nach mir sehen und schauen, ob es mir gut geht. Sie schaute dann ganz traurig und das machte mich auch traurig, davon wollte ich nix hören, also drückte ich sie ganz fest an mich. Schließlich verstand in meiner Familie nur Oma meine Liebe zum Regen. Ich durfte meine Omi nie verlieren.
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Heute hatte es noch nicht geregnet und Oma war nicht mehr da, also habe ich in meinem Zimmer gesessen und ein Bild für sie und den Regen gemalt. Ich freute mich schon darauf, es ihr zu zeigen.
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Plötzlich hörte ich wie es an meine Fensterscheibe leise klopfte. Es waren Regentropfen! Der Regen wollte, dass ich rauskomme und mit ihm spiele. Mama wäre sicherlich böse, wenn sie wüsste, dass ich alleine rausgehe bei dem „blöden Wetter“, doch sie schläft ja gerade und ich bin wieder zurück, bevor sie wach werden würde.
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Also schnappte ich schnell meinen gelben Lieblingsregenmantel, meine Gummistiefel, meinen roten Lieblingsball und das Bild für Oma und bin raus aus der Tür.
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Ich wohnte in der Nähe eines kleinen Waldes, wo es immer viel zu entdecken gab. Besonders bei Regen.
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Draußen waren keine Menschen, die einen anschreien, dass man vorsichtig mit dem Ball sein soll. Man kann ungestört durch Pfützen springen. Keine Fahrräder oder Autos sind unterwegs, die einen beim Spielen stören.
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Ich hatte so viel Spaß, dass ich vieles vergessen konnte. Sogar die Zeit.
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Oh, es ist schon dunkel geworden. Mama würde bestimmt bald wach sein und schimpfen, weil ich wieder draußen war. Ich musste schnell zurück nach Hause.
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Doch dort …
kam ich …
nie an.
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Denn auf dem Heimweg sah ich auf einmal ein helles Licht und hörte ein lautes Quietschen, dann einen lauten Krach. Ich war vor Schreck wie erstarrt, als etwas mich so hart traf, dass ich auf den Boden flog. Ich hatte solche Schmerzen. Es tat so weh. Es sollte aufhören! In der Ferne hörte ich jemanden „Fuck, fuck“ oder so was rufen. Ich wusste es nicht mehr genau. Ich war so müde. So müde, dass erst mein Blick verwischte und dann meine Augen zufielen. Ich wollte nur noch schlafen, damit ich Schmerzen und Angst nicht mehr fühlen müsste.
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Ich wachte plötzlich auf. Ein Schmerz durchfuhr mich. Ich hörte ein Murmeln. Mein Kopf war benommen. Mein Blick war erst verschwommen, wurde dann aber klarer. Da war ein Mann in meinem Sichtfeld, er versuchte, mit seinen Händen den weichen Schlamm auf einen Erdhügel zu schütten. Immer mehr und mehr, er wollte nicht aufhören, auch wenn der Schlamm ihm durch seine Finger rann. Er schien zu frieren, da er zitterte und jammerte. Er schien nicht zu bemerken, dass ich bei ihm war, da er immer weiter mit sich selbst redete und sowas sagte wie „es darf keine Beweise geben“, „niemand darf davon erfahren“ und immer wieder „Nein, nein, nein“, wiederholte. Was sollte niemand sehen? Ich sah was Rotes im Schlamm. Ich versuchte auf zu stehen, um besser zu sehen, doch meine Beine waren schwach und zittrig. Das war mein Ball, da im Dreck, kein Zweifel! Was hatte mein Ball damit zu tun?
Ich wusste nicht, was los war. Ich hatte Angst vor ihm, er war mir nicht geheuer. Ich verstand nicht, was er da tat. Was machte ihm solche Angst? Ich hatte Angst. Ich wollte am liebsten schreien, doch ich konnte es nicht. Ich spürte nicht die Luft, die sonst durch meine Brust ging. Ich spürte nicht mein Herz schlagen, auch wenn ich solche Angst hatte. Warum schlug es nicht? Warum war es so still wie Mama, nachdem sie ihre Tabletten genommen hatte? Hatte der Mann mir Tabletten gegeben? Fühlte Mama sich auch immer so? Ich wollte ihn fragen, was er gemacht hat, doch ich konnte ihm nichts sagen.
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Der Mann erhob sich und drehte sich um. Er sah in meine Richtung und wurde ganz blass und schaute mich ängstlich an. Er hatte Angst. Unglaubliche Angst. Er hatte Panik? Vor was? Was war da hinter mir, war es gefährlich, war es groß? Ich drehte mich vorsichtig um. Puuuh, nein, da war nichts außer den Tränen des Regens, die nur stärker waren als vorhin. Hatte der Mann also Angst vor mir? Woher kannte er mich? Warum sollte ein Erwachsener Angst vor mir haben?
Ich verstand ihn nicht, was war sein Problem? Er kniete auf einmal vor mir, ein erwachsener Mann hockte dort vor mir im Dreck. Er weinte bitterlich, sein Körper bebte. Er bettelte um Verzeihung. Er sagte, dass es ihm unfassbar Leid täte. Er sagte, dass er das nicht wollte. Er hörte nicht auf zu betteln, zu weinen, vor Angst, Schuldgefühlen und Trauer zu zittern. Ich weiß nicht, weswegen. Was er erzählte machte keinen Sinn. Ich verstand es nicht, verstand ihn nicht. Konnte ihn aber nicht fragen.
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Er tat mir Leid, wie er da hockte und sich nicht mehr beruhigen konnte. Er ist sicherlich nicht böse. Er hat mir ja nichts getan. Ich wollte ihm am liebsten sagen, dass alles gut sei und dass er nicht weinen müsse, das alles gut werden würde. Doch ich konnte nicht sprechen. Ich wollte ihn trösten. Und ich erinnerte mich daran, wie meine Oma immer ihre warme Hand auf meine Wange legte und mich anlächelte, um mich zu trösten.
Also legte ich meine Hand an seine Wange. Doch sie war nicht warm. Sie war kalt. Bleich. Nass. Wie der Regen. Doch ich sah, wie es den Mann trotzdem tröstete.
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Und ich sah, wie er langsam zu den Tränen des Regens wurde. Sich mit ihm vermischte und wie er in den Boden fiel.
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Ich war wieder allein. Ich fühlte mich traurig. Ich sah hoch in die Wolken, die nur noch mehr zu regnen begannen, als ob er um den Mann weinte. Doch weinte er wirklich um ihn? Oder doch um mich?
Ich sah den Erdhaufen. Ich wusste nicht, was er da vergraben hatte. Und wieso er meinen Ball darin vergraben wollte. Doch ich hatte zu viel Angst, um herauszufinden, was er da vergraben hatte. Ich wusste nicht, wieso. Es machte mich traurig, den Erdwall nur an zu sehen. Es war, als ob der Regen nicht wollte, dass ich mehr erfahre, da er weiß, dass es mich nur noch trauriger machen würde.
Doch der Regen spülte meinen Ball frei und er rollte vom Wall. Als wollte er mir ein letztes Geschenk machen. Ich suchte mir die schönste Blume, pflückte sie und legte sie auf den Wall, um mich zu bedanken.
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Seit diesem Tag hatte der Regen nie wieder aufgehört zu weinen. Ich habe nie wieder die Sonne gesehen, nie wieder Schnee gespürt, nicht einmal den Sternenhimmel konnte ich durch die Wolken sehen. Immer wenn ich aufwachte, sah ich nur die Tränen, die vom Himmel auf mich fielen. Ich liebe es immer noch, mit meinem roten Ball im Regen zu spielen, doch wünschte ich mir, dass der Regen nicht mehr traurig wäre.
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Ich bin fast immer allein. Auch wenn sich immer mal wieder Menschen zu mir verirren. Manche spielten mit mir und meinem Ball. Doch sie gaben mir dabei Namen, die mir nicht gehörten. Sie wissen nicht, dass ich Sophie heiße und ich konnte es ihnen nicht sagen, sie nicht korrigieren. Sie redeten mit mir, auch wenn ich nichts sagen konnte. Oft wurden sie dann traurig und begannen zu weinen. Die meisten sagten früher oder später, dass es ihnen Leid täte. Sie flehten darum, dass ich ihnen verzeihe und ihnen Trost spende. So dass ich am Ende, wie Oma früher, tröstend über ihre Wange streichle und sie zu den Tränen des Regens werden und so ihren Trost finden.
Dass die anderen weg sind und ich wieder einsam und alleine, bringt mich zum Weinen, doch ich kann mich nicht selbst erlösen. Egal wie oft ich meine Wange streichle, um selbst zu den Tränen zu werden. Es klappt einfach nicht und so weine ich mich, mein Gesicht in meiner Hand gebettet, jedes Mal aufs Neue in den Schlaf.
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Ich habe vieles vergessen. Ich habe vergessen, ob ich einen Vater hatte. Ob ich Freunde außer dem Regen hatte. Wie mein Zimmer aussah. Ich weiß, dass ich eine Mutter hatte, doch weiß ich nicht mehr, wie sie aussah. Nur meine Oma werde ich nie vergessen. Ich wünschte, ich könnte sie noch einmal sehen, mit ihr im Regen spielen. Ich wünschte, sie wäre bei mir, dass sie mich in den Arm nähme und mich tröstete, so wie ich so viele trösten musste. Vielleicht würde dann der Regen aufhören zu weinen. Ob meine Oma wegen mir weinen muss?
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Oh. Da kommt jemand. Auch in Gelb, so wie ich, ist das ein Zeichen? Ob der lustige Astronaut ein neuer Freund ist?






















