Zahlen lügen nicht
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Zahlen lügen nicht

"Ich weiß nicht, was ich tun soll." Die Zahlen sind falsch.

Die Luft war warm. Schwül. Abgestanden. Elanor leckte über ihre Lippen. Sie waren trocken. Die Zahlen sind falsch.

Marion Wheeler, Leiterin der Antimemetik-Abteilung der Foundation an Standort-41, nickte sehr langsam. Starrte. Es war kein besorgter Blick. Auch kein Mitleid. Die Räder in Elanors Kopf waren blockiert und sie konnte Wheelers Ausdruck nicht verarbeiten. Nicht, dass es ihrem Hirn arg geholfen hätte, hätte es auf Höchstleistung gearbeitet — Wheeler war außerordentlich diszipliniert, stoisch und unablässig konzentriert … es machte irgendwie kopfscheu.

Elanor entließ ihren Atem. Warum fühlt er sich an, als ob sie ihn so lange angehalten hätte? Ihre Lungen brannten. Sie konnte spüren, wie Schweiß ihr Gesicht hinabrann. Sie hob ihren Arm, um ihn mit ihrem Handrücken abzuwischen, doch ihr Gesicht war trocken. Die Zahlen sind falsch. Die Zahlen sind falsch.

Das Radio war an: Hinter dem, was größtenteils wie Rauschen anmutete, klang es vage, als ob Lose Yourself spielte. Irgendwo draußen hupte ein Auto. Die Zahlen sind falsch.

Endlich sprach Wheeler. "Ich verstehe, dass die Umstellung schwierig ist. Aber wir beide wissen, dass es sehr sinnvoll ist, Sie hier zu haben." Die Zahlen sind falsch.

Elanors Aufmerksamkeit schien sich zu bündeln, und sie fühlte, wie sie sich entspannte. "Ich habe weiterhin diese … Episoden." Sie blickte hinab auf ihren Schoß, im Versuch, dem nicht lesbaren Blick ihrer Vorgesetzten auszuweichen. "Dinge verlangsamen sich, mir ist kalt, mir ist heiß, ich merke, dass Stunden vergangen sind, oder praktisch überhaupt keine Zeit. Und dann macht mir da noch etwas anderes zu schaffen, etwas, dass…" Sie verlor sich. Die Zahlen sind falsch.

Wheeler nickte, nahm ein kleines Notizbuch hervor und kritzelte etwas hinein. "Ihre Erfahrung in dieser Abteilung ist etwas ungewöhnlich, Miss Jacob. Aber deshalb sind Sie hier. Wir haben unerwartete Nebenwirkungen erwartet. Sie befinden sich auf unerforschtem Gebiet. Zumindest soweit wir wissen." Wheeler wagte ein dünnes, schiefes Lächeln. "Und nicht nur, weil Sie der erste Agent sind, der aus der Buchhaltung übergewechselt ist."

Elanor konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. "Standen die Gefühle, die ich hatte, also im Zusammenhang mit der Medikation? Den Mnesika?"

"Das hängt davon ab. Schauen wir mal … Sie sind seit sechs Wochen hier." Wheeler lehnte sich etwas in ihrem Stuhl zurück. "Finden Sie Gefallen an ihrer Arbeit?"

"Also, ja, das tue ich. Ich liebe es, mit Finanzunterlagen zu arbeiten. Ich liebe Wirtschaftsdatenbanken." Sie warf ihrer Vorgesetzten einen wissenden Blick zu. "Sehen Sie, Zahlen lügen nicht, anders als Menschen."

Wheeler nickte und machte sich woanders in ihrem Notizbuch Notizen. "Nun, die gute Nachricht ist, dass dissoziative Episoden normal sind, wenn man sich das erste Mal an Klasse-W-Mnesika gewöhnt. Das Gefühl verschwindet nicht wirklich, aber man gewöhnt sich daran während man merkt, dass sie Symptome davon sind, Dinge wahrzunehmen, die man davor wortwörtlich noch nie gespürt hat."

Elanor überkam eine Welle der Erleichterung und sie fühlte sich erleichtert über die Angelegenheit. Es war nur, wie es die meisten antimemetischen Dinge waren, in ihrem Kopf.

"Allerdings." Jede Spur von Wheelers Lächeln war verschwunden.Die Zahlen sind falsch.

Die Welle erstarrte plötzlich zu Eis. Die junge Buchhalterin versteifte sich. Die Zahlen sind falsch.

"Ihnen wurde während ihrer Einweisung beigebracht, dass Sie jederzeit Stift und Notizbuch mit sich führen müssen. Haben Sie das?"

Elanor nickte. Die Zahlen sind falsch.

"Wofür war das Notizbuch gedacht?" Die Zahlen sind falsch.

"Dafür, dass wenn ich glaube, einer antimemetischen Wirkung ausgesetzt worden zu sein, ich meine Gedanken und Beobachtungen schnell niederschreiben kann, bevor ich Informationsverlust- oder -verfälschung erfahre."

Wheeler nickte und kritzelte dabei etwas in ihr eigenes Notizbuch. "Miss Jacob, das ist wichtig. Wann haben Sie dieses Notizbuch zuletzt gesehen? Haben Sie bis jetzt irgendetwas eingetragen?"

Elanor schüttelte ihren Kopf. "Ich glaube nicht. Ich glaube es ist hinten, auf meinem Schr-"

"Wenn das der Fall ist", sagte Wheeler, während sie eine weitere kurze Notiz in ihrem Buch vermerkte, "ist Ihre Erfahrung mit fehlenden oder dissoziativen Episoden vielleicht nicht einfach die Gewöhnung an Mnesika." Ihre Bewegungen waren jetzt sehr bedächtig, als sie ihren Stift beiseite legte und ihren Blick nicht von der jungen Agentin ihr gegenüber ließ. "Ich sollte Sie informieren, dass Sie während dieser Unterhaltung mehrmals im Satz verharrt haben, um etwas in Ihr Notizbuch zu schreiben. Ich glaube, dass Sie es vielleicht nicht bemerkt haben."

Elanor lachte halb ungläubig in sich hinein. "Wie denn? Mein Notizbuch ist hinten, auf meinem-" Sie hielt inne. Es war in ihrer Hand. Wortlos öffnete sie ihren Mund und schloss in dann wieder. Die Zahlen sind falsch.

Wheeler erhob sich von ihrem Stuhl, ihr Gesicht gefasst und ernst. "Elanor, hören Sie mir zu. Sie müssen das Notizbuch ablegen und es langsam öffnen, aber schauen Sie es nicht an, bevor ich es als sicher freigebe, okay?"

"Oh. Ohhhhkay." Elanor zitterte, als sie das Buch hinlegte. Ihre Gedanken rasten. "Boss, es tut mir leid, ich—" Die Zahlen sind falsch.

"Es muss Ihnen nicht leidtun", war Wheelers Antwort. "Die Tatsache, dass Sie in Ihr Notizbuch schreiben, bedeutet, dass Sie starke Instinkte haben. Sie machen sich ganz gut." Sie atmetet tief durch die Nase ein. "Los."

Elanor zog die Abdeckung weg und schaute hoch zur Decke. Sie starrte, fixierte den Putz für eine scheinbare Ewigkeit, auch wenn es nur Sekunden gewesen sein mochten. Sie hörte Wheeler schreiben. "Okay", sagte Wheeler sacht, "Versuche Sie, jetzt zu schauen."

Langsam, so langsam, führte sie ihren Blick von der Decke hinab zu ihrem Notizbuch, welches sie - bis jetzt - für leer gehalten hatte.

Aber das war es nicht.

Jede Seite war beschrieben. Elanors eigene Handschrift starrte zurück, tadellos und perfektionistisch und sofort erkennbar. Jede Zeile war mit den selben vier Wörter gefüllt: "Die Zahlen sind falsch."

"Wissen Sie, was das bedeutet?", fragte Wheeler, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

Elanor schüttelte ihren Kopf. Dann blätterte sie durch die Seiten, wieder und wieder. Derselbe Satz, über und über.

Wheeler steckte ihr Notizbuch weg und gestikulierte in Richtung Tür. "Dann lassen Sie es uns herausfinden."


Elanor trommelte abwesend mit ihren Fingern auf dem Tisch. Es war angenehm, wieder zurück an ihrem Schreibtisch zu sein, aber jetzt, mit Wheeler anwesend, um sie zu überwachen, fühlte es sich unglaublich ungemütlich an.

"Okay"y sagte Wheeler und setzte sich an die andere Seite von Elanors Schreibtisch, "lassen Sie uns ein paar grundlegende Fragen durchgehen, einverstanden? Wie lautet Ihr Name?"

"Elanor Jones." Die Zahlen sind falsch.

"Was ist ihre Position, Personalklasse, und Sicherheitsfreigabe in der Foundation?"

"Fachfrau für Finanz- und Rechnungswesen, Antimemetik-Abteilung, Personalklasse C, Sicherheitsfreigabe 2, mit erhöhter Freigabe für Dokumente über…" Sie stoppte. Das Notizbuch war wieder offen und der Stift wieder in ihrer Hand. Die Zahlen sind falsch.

Wheeler lächelte. "Dieses Mal haben Sie sich dabei erwischt. Konzentrieren Sie sich jetzt. Da ist etwas. Was wollten Sie sagen?"

Zitterig Elanor setzt den Deckel zurück auf ihren Stift. Sie sprach langsam und bedächtigt. "Ich habe. Erhöhte Freigabe für. Dokumente—Finanzdokumente. Mit Bezug auf. Abteilungsausgaben. Und."

Der Deckel war ab. Elanor setzte ihn wieder auf. Die Zahlen sind falsch.

"Das ist es", sagte Wheeler ermunternd. "Suchen sie, was es auslöst. Abteilungsausgaben und was?"

Der Deckel war ab. Elanor setzte ihn wieder auf. Die Zahlen sind falsch.

"Abteilungsausgaben und was, Elanor?"

"Ähm." Der Deckel war ab. Elanor setzte ihn wieder auf. "Abteilungs. Ausgaben. Und." Der Deckel war ab. Der Deckel war ab. Ab. Die Zahlen sind falsch.

Wheeler lehnte sich vorwärts, ihre Hände auf dem Tisch ruhend. "Atmen Sie. Konzentrieren Sie sich."

"Und." Der Deckel war ab. Elanors Finger zitterten. Und dann—warf sie den Stift durch den Raum. "Gehaltsabrechnung!" DIE. ZAHLEN. SIND. FALSCH.

Im Raum herrschte Stille, als das Kunststoffutensil auf dem Boden klackerte. Elanor atmete schwer. Ihr Herz pochte.

"OK", sagte Wheeler, nickend. "Erzählen Sie."

Irgendwie hatte Elanor es geschafft, das metaphorische Ding, das sich, verzweifelt versuchend, wieder hinter den Vorhang zu verschwinden, in den hinteren Ecken ihres Verstand festkrallte, zu fassen zu bekommen. Vorerst hatte sie es im Griff. Warum konnte sie nicht aufhören zu zittern? "Sie haben mich gebeten, mich zu dieser Abteilung überzuwechseln, um zu sehen, ob es Versuche von Foundation-Personal, -Abteilungen oder möglichen Aufrührern gibt, Gelder zu veruntreuen und ihre Spuren mit Antimemen zu verwischen." Ihre Atmung beschleunigte sich. "Die Foundation teilt der Gehaltsabrechnung eine gewisse Menge an Geld, basierend auf dem Lohn der Foundation-Agenten, zu. Also habe ich, den Anweisungen entsprechend, die Budgets der einzelnen Abteilungen auditiert. Aber da ist etwas, in den Zahlen. Etwas, das meinen Blick darüber schweifen lässt. Wir sind…Wir sind…" Sie versuchte jetzt, die Idee in ihrem Kopf in Worte zu fassen. Die Information, die versuchte, in ihrem Verstand davonzukriechen, wurde wie Kitt gegen den Stirnlappen der Buchhalterin gepresst.

"Sie haben es fast", sagte Wheeler und fasste nach Elanors Hand. Elanor beachtete sie nicht—nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil die flüchtige Idee immer noch versuchte, ihr zu entkommen. Doch jetzt konnte sie ihren Griff um sie festigen. Sie vermengte sie, knetete sie zwischen einer Wahrnehmung und einem Vorgang und einem tief verwurzelten mathematischen Verstand, und dann gab die Idee wie ein brechender Damm nach.

Sie richtete sich auf. "Die Abteilungen geben im Durchschnitt 70% weniger für Löhne aus als sie sollten." Zu Elanors Linken schielte sie ein Stapel aus ANSI-B-Kalkulationstabellen an. Warum hatte sie sie davor nicht bemerkt? Sie hob ihn auf. "Aber es ist nicht so, als ob der Lohn der Leute gekürzt würde. Es ist etwas anderes. Sie…" Sie versuchte die Worte zu finden. "Es ist, dass sie…etwas ist falsch mit den Leuten. Mit den Namen. Es sind…Es sind keine Namen. Es sind…"

Wheeler blickte nun über ihre Schulter auf die Kalkulationstabellen. "Oh mein Gott. Es ist Mipsum."

Elanor zuckte mit den Schulter. "Ich verstehe nicht."

Die Leiterin fuhr mit einem Finger den Text in den Zeilen der Tabelle entlang. "Es ist ein kognitiver Verteidigungsmechanismus, der verhindert, dass man nicht bemerkt, dass Daten fehlen. Im Graphikdesign nennt man Platzhaltertext 'Lipsum'. Wenn er anti-memetisch ist, nennen wir ihn 'Mipsum'. Memetischer Platzhaltertext. Glyphen, so nahe an echtem Text, dass deine gesamte Wahrnehmung sie einfach übergeht. Außer", fügte sie mit einem anerkennenden Seitenblick hinzu , "Ihrer." Sie blätterte durch ein paar Seiten. "Wow. Mehr als die Hälfte der Namen. Vielleicht 3 aus 4. Welche Abteilung ist das?"

"Das hier ist Abfallentsorgung. Lassen Sie mich sehen, ich habe auch…" Sie zog weitere Stapel ANSI-B hervor. "Feuerwehr, Ops-A, Ops-B, und…oh." Auf der nächsten stand "Antimemetik-Abteilung."

Wheeler nahm es und begann, hindurchzublättern. "Ich verstehe nicht. Antimemetik hat eine Belegschaft von achttausend Leuten. Zwei Drittel von ihnen können nicht einfach—" Sie hielt inne, ihre Miene wurde ausdruckslos, als ihr Blick auf der gegenüberliegenden Wand ruhte.

Elanor wartete, und stupste sie dann sachte an. "Boss?"

Wheeler schien leicht erschrocken. Sie ließ die Kalkulationstabelle zu Boden fallen und eilte aus der Bürotür. Dahinter arbeiteten Abteilungsangestellte fleißig in ihren Büros. Sie gingen Unterlagen durch, übertrugen Aufzeichnungen, schrieben verlorene Meldungen zum 10. oder 20. Mal.

Elanor war an ihrer Seite. "Was ist?"

"Schau", sagte Wheeler.

Elanor sah sich um. "Ich sehe nicht…Ich sehe nicht, was Sie—"

"Zählen Sie", sagte Wheeler, ihre Stimme beinahe atemlos. "Zählen Sie, wieviele Leute Sie aus diesem Türrahmen sehen können."

Elanor zählte sie mental zusammen. "Äh. Zweiundzwanzig." Die Zahlen sind falsch.

Wheeler schüttelte ihren Kopf. "Nochmal. Zählen Sie nochmal."

Sie tat es. "Zweiundzwanzig."

"Nochmal. Konzentrieren Sie sich. Zählen Sie im Kopf."

Elanor knirschte mit den Zähnen. Einer. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. A— Nein. Keine acht. Nur sieben. Tatsächlich befanden sich nur sieben Personen in dem Raum. Sie atmete in tiefen Zügen. "Oh mein Gott."

Wheeler blickte finster drein. Fast konnte Elanor die Rädchen sehen, die sich hinter ihrer Brille drehten, und es dauerte einen Moment, bevor die Leiterin in die Wirklichkeit zurückkehrte. "Ok. Ich glaube, ich kenne unseren nächsten Schritt."

Elanor fühlte sich plötzlich zu allem bereit. "Ok. Mit wem müssen wir jetzt sprechen?"

"Niemandem." Wheeler gestikulierte der Buchhalterin, ihr zu folgen. "Ich denke, dass haben wir schon getan."


Der Bildschirm des Computers zeigte in die andere Richtung, aber was auch immer darauf war, lies Wheelers Züge zu einem Relief erstarren. Sie wirkte jetzt irgendwie älter—müde, zum Zerreißen angespannt.

"Mein Gott", sagte Wheeler und lehnte sich vom Monitor zurück. "Box F. Box F." Sie stand auf, ging zu einem Schränkchen und holte eine kleine grüne Box von etwa der Größe einer Kaffeetasse daraus hervor. Sie kehrte zu ihrem Schreibtisch zurück und setzte sich, die Box vor sich stellend. "Nun gut, Elanor, die Informationen, die Sie gleich erhalten werden, sind höchst vertraulich und könnten Sie verängstigen. Aber wenn es ein Trost ist, lassen mich die Zugriffsprotokolle hier vermuten, dass Sie und ich das hier schon mal besprochen haben."

Elanor nickte und sagte nichts.

"Das hier", sagte Wheeler als sie ihren Monitor drehte, "ist SCP-2000. Alles in Ordnung, scheinbar haben Sie schon die Freigabe, diese Akte zu lesen. Ich frage mich, wie es dazu gekommen ist."

Elanor nahm die Maus und fing an, Abschnitt für Abschnitt durch ihre Inhalte zu scrollen. Ihre Miene wechselte in der kurzen Dauer von wenigen Minuten von Neugier zu Entsetzen und wieder zurück. Als sie am Ende der Seite ankam, war sie im schwindenden Nachmittagslicht bleich geworden. Die junge Agentin sank zurück in ihren Stuhl und saß dort eine Weile still, über das nachdenkend, was sie gerade gelesen hatte. Wheeler stand auf und ging zum Pausenraum, um zwei Tassen Tee zu machen, von denen sie eine vor ihre sich noch immer nicht rührende Kollegin stellte.

Elanors Augen weiteten sich plötzlich und sie griff nach der Maus, um hochzuscrollen. "Warte—"

Um seinen Primärzweck zu erfüllen, enthält SCP-2000 500.000 Bright/Zartion Hominidenreplikatoren (BZHR). Bei voller Leistung (welche nach 5 Tagen Aufwärmphase erreicht wird) kann SCP-2000 100.000 lebensfähige, nichtanomale Menschen pro Tag produzieren.

Sie deutete auf den Schirm und blickte Wheeler ohne ein Wort zu sagen an. Wheeler nickte und nahm einen Schluck von ihrem Tee. Elanor scrollte zurück zum Ende der Beschreibung hinunter.

Es wird geschätzt, dass die Weltbevölkerung, Fertigungsmöglichkeiten, Agrarproduktion und Kultur innerhalb von 25 bis 50 Jahren nach dem Start der Prozedur auf den Stand von 2000 u. Z. zurückgesetzt werden können.

Elanor deutete wieder auf den Schirm, unfähig, ein Wort von sich zu geben. Sie griff nach ihrem Stift und Notizbuch.

Die Leiterin stoppte sie. "Nein, ich verstehe. Es kommt nicht hin. 2000 lag die Weltbevölkerung bei 6,2 Milliarden Leuten. Bei 100.000 Leuten am Tag, selbst über 50 Jahre…Geburten- und Sterberaten miteinbezogen, kommt man zu kurz. Viel zu kurz." Sie nahm einen weiteren Schluck von ihrem Tee. "Ungefähr zwei aus drei zu wenig. Ein Bevölkerungsverlust von etwa 70%."

Elanor hatte ihre Stimme noch nicht wiedergefunden, aber sie versuchte es. "Wo sind sie?", flüsterte sie.

Wheeler tippte mit dem Ende ihres Stifts auf einen Satz auf dem Bildschirm.

Zusätzlich zu seinen Konstruktionsmerkmalen besitzt der BZHR die Fähigkeit, durch Verabreichung von Klasse-G-Halluzinogenen und Hypnotherapie Erinnerungen zu implantieren.

"Klasse-G-Halluzinogene. Ich bin damit vertraut", erklärte sie. "Nichts aus Ihrer normalen Anleitung für Amnesika und Mnesika. Das sind nicht nur Erinnerungsentferner. Das sind Erinnerungsersetzer. Um es so permanent wie möglich zu machen, bestehen sie aus anomalem Material. Die Erinnerungen binden sich an Ihr Gehirn und lassen nicht mehr los." Ein Zischen entschwand zwischen ihren Zähnen. "Davon hätten sie mich in Kenntnis setzen sollen."

"Und was bedeutet das?", flüsterte Elanor. Sie zitterte wieder.

Die Leiterin wich Elanors Blick aus. "Das bedeutet, dass das letzte Mal, als das Lazarus-Protokoll ausgeführt wurde, nur 2 Milliarden Leute aus 6 gemacht wurden. Alle anderen wurden nur in unser Bewusstsein implantiert." Sie nahm einen tiefen Atemzug. "In den Straßen. In Restaurants. In Zügen. In Ihrem Büro. Zwei aus drei sind einfach nicht echt…sie sind in unseren Köpfen, damit sich unser Planet ein kleines bisschen weniger leer anfühlt."

"Aber warum?"

Wheeler hatte keine Antwort.

Zwischen ihnen ließ sich eine lange Stille nieder. "Und darin?", Sie gestikulierte in Richtung des grünen Würfels, der mit "Box F" beschriftet war, die Antwort bereits erahnend.

Wheeler entfernte den Deckel. Darin befanden sich zwei medizinische Inhalatoren, jeder mit einem hellgrünen Etikett. Auf einem Stand WHEELER, M und auf dem anderen JONES, E.

"Klasse-G", murmelte Wheeler. Drogen stark genug, um jemanden vergessen zu lassen. Drogen stark genug, um sogar Mnesika zu überwältigen. Drogen stark genug, um sogar ein lebendes Wesen permanent zu überschreiben. Nein, nicht permanent, erinnerte sich Wheeler. Elanor hatte sie bezwungen. Elanor und die Zahlen.

Elanor nahm den mit ihrem Namen darauf. "Ich habe das hier schon mal getan, oder?"

Wheeler zog den anderen aus der Box. "Ich denke, wir beide haben es schon mal getan."

Die Buchhalterin hielt nochmal inne. "Und…muss ich?"

Die Leiterin erwiderte Elanors Blick. Es war ein Ausdruck von Reue, Hoffnungslosigkeit und tiefem Pflichtbewusstsein mit einem verdrängten Instinkt—diese angeborene Furcht, nicht zu wissen. "Ich werde Sie nicht dazu zwingen", sagte Wheeler, und eine Fülle an Ruhe lag in ihrer Stimme. "Ich kann niemanden über mir davon abhalten, es Ihnen gegen Ihren Willen zu verabreichen. Vielleicht ist es das, was letztes Mal geschehen ist. Wir können es nicht wissen. Aber…" Endlich wand sie ihren Blick ab und blickte aus dem Bürofenster in die untergehende Sonne und auf das massive Steinmonument im Wald hinter Standort-41. "Ich würde auch nicht über Sie urteilen, wenn Sie sich entscheiden eine andere, weniger verstörende Wahrheit zu leben."

Elanor rasselte mit dem Inhalator. "Es ist keine Wahrheit. Zahlen lügen nicht."

Als beide ihre Entscheidung gefällt hatten, war der Tee abgekühlt.

Die Zahlen sind falsch.

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