Nichts ist je völlig vergangen

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Rose | 31.10.2021 (Montag) | Vor 4 Stunden


Ich hatte eine geisterhafte Begegnung der herzlichen Art und möchte diese Geschichte gern mit euch teilen. Vielleicht hilft es anderen, die auch Geliebte vermissen.

Es geschah letzte Woche. Sein Schrei schreckte mich aus meinem Schlaf in eine aufrechte Position, schweißgebadet und hellwach. In einem Reflex der Klarheit schnellte meine Hand zum Schalter der Tischlampe, um den Grund für das Unbehagen meines Mannes zu beleuchten. Mein Gatte lag gekrümmt vor Schmerz in einer Schweißpfütze mit weit geöffneten Augen, während er sich verzweifelt die Hand oben links an die Brust drückte. Ich wollte es nicht wahrhaben, rüttelte an ihm, auf dass es nur vorübergehend sei. Doch schließlich brachte mich die Rationalität dazu, wild nach meinem Handy zu greifen, wobei die Tischlampe vom Nachttisch flog. Akku leer. Hinab ins Wohnzimmer, um dort die Hilfe anzufordern. Sie kamen und nahmen ihn mit, ließen mich aber voller Fragen zurück. Wird er durch kommen oder … oder …

Ich fand in jener Nacht keinen Schlaf, wie auch? Das war alles nur wegen diesen verdammten Zigaretten passiert. Krieg macht aus Jungs Männer und aus Männern Wracks, die nur noch mit Tabak ihre Taten verarbeiten können. Abgesehen von dem Gestank hatte ich nie ein großes Problem damit, doch nun verabscheue ich es. Als dann schließlich der Anruf am nächsten Morgen kam, mit dem einstudiert klingenden "Es tut uns leid, Ihnen mitteilen zu müssen…", brach ich in Tränen aus und beendete das Telefonat damit, den Hörer gegen die nächstbeste Wand zu werfen. Womit hatte ich, er, oder sonst irgendein Mensch ein solches Schicksal verdient? Und welcher Gott gestattet es? Eine Welt ohne ihn konnte ich mir nicht vorstellen, noch beheimaten. Doch würde er das nicht wollen. Das Essen schmeckt fade und ist nur noch ein Mittel zum Zweck, wenigstens die innere Leere zu füllen.

Die Beisetzung war vielleicht eine Woche nach seinem Ableben. Meine Freunde und Eltern leisteten mir Beistand, als sie ihn in die Erde ließen. Jenseits von allem, von mir. Mir wurde Mitleid mit so typischen Sätzen wie "Mein Beileid" oder "Wir vermissen ihn auch" vorgespielt, doch keiner wird je begreifen, wie ich mich fühle. Ich weiß nicht, wie lange ich vor dem Grabstein kniete und Abschied zu nehmen versuchte. Jedoch weiß ich, dass mich die Müdigkeit irgendwann wieder zu meiner stillen Wohnung zurückführte. Im Bett flackerten Bilder unserer Zeit vor meinem inneren Auge auf, was das einzige ist, was mir von ihm bleibt. Schließlich holte mich der Schlaf ein und ich betrat, was ich nur als Klartraum beschreiben kann. Im Bett hörte ich Katzen draußen kämpfen und schreien, während ein Gewitter draußen rumorte. Plötzlich bewegte sich die Tür zu meinem Schlafzimmer und eine Gestalt trat herein. Ich wollte schon die Polizei rufen, da hörte ich die Stimme meines Gatten, wie er sagte "Ich bin zurück." Mir fehlten die Worte angesichts der Mischung aus schierer Erleichterung und Ungläubigkeit, die mich erfüllte. Doch schließlich stotterte ich "Wie … wie ist das möglich? Ich habe gesehen, wie du beerdigst wurdest. Wirst du bleiben?" Sein Kopf senkte sich und er sagte "Ich fürchte nicht, aber deswegen bin ich hier. Um dir eine letzte Chance für einen Abschied zu geben." Ich richtete mich auf und liebkoste ihn ein letztes Mal, ehe er sagte, seine Zeit sei abgelaufen und er müsse gehen. Ich ließ es nur widerwillig zu, doch schließlich musste ich der Wahrheit ins Auge blicken, dass ich seine Geste zu ehren habe.

Der nächste Morgen brach an und ich fühlte mich etwas besser. Mein Geliebter ist fort, doch konnte ich mich von ihm verabschieden. Auch diese Woche wird anstrengend sein, aber das gestrige Erlebnis wird es mir vielleicht etwas einfacher machen. Ich stieg aus dem Bett und fühlte etwas Kaltes an meinen Füßen. Als ich hinabblickte, sah ich auf dem Boden Spuren von Erde.


Gelöschter Nutzer | 31.10.2021 (Montag) | Vor 2 Stunden


Ich dachte, mein Tun letzte Nacht wäre sauberer gewesen.

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