Der Herold des Zerbrochenen, Teil 3
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Das letzte Mal bei Nexus:
Der Herold des Zerbrochenen, Teil 2

Chloe dachte nicht, Chloe handelte nur.
Das Pflaster war heiß vom Feuer. Hitze war gefährlich. Sie musste weg von der Hitze. Er durfte ihren Rücken mit der Hitze nicht zu fassen kriegen.
Chloe krabbelte rücklings über die Straße und presste sich gegen eine kühle Hauswand.
Kühle bedeutete keine Schmerzen.
Kühle bedeutete Sicherheit.
Kühle bedeutete, dass er nicht da war…
Allmählich ebbte die Panik ab und Chloe konnte wieder klar denken.
Das schwarze Buch schloss sich und wurde wieder versiegelt, von stärkeren Ketten als zuvor.
"… ist mit dem Kind?", fragte Eunasses in diesem Moment Dean.
Er sah fürchterlich aus, wie er da mitten auf der Straße stand, die Flammen hatten fast die Hälfte seines Körpers verzehrt und darunter… war Metall.
Dean, mit dem Chloe schon so viele Abenteuer erlebt hatte, entpuppte sich als ein ziemlich weit fortgeschrittener Roboter mit einem silbernen und im Moment rußverschmierten Chassis. Wer auch immer ihn gebaut hatte, hatte großes Augenmerk darauf verwendet, die Form so menschenecht wir möglich zu machen. Der Arm zum Beispiel schien richtige metallene Muskeln zu haben. Ohne die Haut hörte sie darunter das leise Arbeiten von Servomotoren.
Zwei Männer versuchten, die Flammen auszuschlagen, die noch immer an ihm zehrten.
"Ihr habt sie beinahe zu Asche verbrannt, ist es nicht normal für ein kleines Mädchen, dabei Angst zu haben?", fragte Dean ehrerbietend.
Seine Stimme rauschte, als spräche er durch ein Telefon mit schlechtem Empfang. Es war gruselig.
"Ich hab sie und ihre Mutter draußen auf dem Land aufgelesen und ihnen hier in Amoni Sicherheit versprochen und dank Euch ist mein Wort gebrochen!"
"Das tut mir schrecklich leid, oh Herr", entschuldigte sich der Meisterbauer mit mehrfacher Verbeugung. "Aber warum habt Ihr euch vor dem Tempel nicht zu erkennen gegeben?"
"Weil euch der VERRÄTER, den ihr Frevler auch noch den Herold des Zerbrochenen nennt, mit seinen süßen Worten auf seine Seite gezogen hätte. Mit der Hure der Hebräer hätte er mich gleichgesetzt, obwohl sie von ihm geschaffen worden war. Er hat dafür gesorgt, dass ihr nicht mehr seht, sondern nur noch glaubt! Er bringt euch in noch tiefere Schatten, als es die Juden zu tun vermögen."
Aufgeregtes Getuschel setzte ein.
"Aber Herr", sagte der Soldat am Flammenwerfer. "Hat der Herold nicht so viele Wunder, ja sogar die Apparati nach Seinen Schemata erschaffen?"
"Seine Schemata?", echote Dean. "HA! Gestohlen hat er sie von Ihm, mit Mächten, nach denen auch der Zauberer-König von ADYTUM gestrebt hatte. MEKHANE war zornig darüber und dieser Zorn manifestiert sich in mir."
Chloe musste sein Talent für Theatralik bewundern. Oder war es einprogrammiert? Sie musste alles hinterfragen, was sie über Dean wusste.
"Er hat recht", sagte eine Wache. "Hat nicht Sofia, seine Schöpfung, unserer Sache mehr Schaden zugefügt als all unsere Feinde zusammen? Hat sie nicht sogar den Zorn des Meisterbauers Demetrius von Ephesos auf sich gezogen? Herr, sagt uns, was wir tun sollen und wir werden handeln!"
"Nun, da ihr mich beschädigt habt, ist meine Zeit hier begrenzt, darum müssen wir schnell handeln", sagte Dean. "Bringt mich und meine Gefährtin zum VERRÄTER und der Mutter, auf dass ich ihn seiner gerechten Strafe zuführen kann."
Großer Jubel wurde laut. Soldaten formierten sich und Pläne wurden besprochen.
Als er endlich gelöscht war, trat Dean auf Chloe zu, die erstaunt zu ihm hoch sah. Dean schaute nicht wie üblich stoisch auf sie, sondern hatte einen bitteren Gesichtsausdruck.
"Wieder beruhigt?", fragte er auf Deutsch.
Chloe deaktivierte ihr Übersetzungspflaster.
"J-Ja, Dean… Du-Du bist ein Roboter? Davon habt ihr mir nie was gesagt."
"Ich bin ein Android", korrigierte Dean, "und du hast nie gefragt."
"Ich weiß, ich meine, ich hatte keinen Grund, sowas anzunehmen. Du hast dich die ganze Zeit wie ein Mensch verhalten."
Sie merkte an Deans Gesichtsausdruck, dass sie etwas Falsches gesagt hatte. Sein linkes Auge, dass sich als eine Kamera in einem rotierenden Kugelgelenk entpuppt hatte, starrte seelenlos auf sie herunter.
"Darf ich das denn nicht?", fragte er enttäuscht. "Du bist so lange mit uns unterwegs und doch bist du sofort in Panik geraten, als du mein wahres Gesicht gesehen hast."
Es war für Chloe eine völlig neue Erfahrung, dass Dean traurig wirkte, normalerweise war er indifferent, mürrisch oder gereizt. Aber er hatte Chloes Reaktion völlig fehlinterpretiert.
"Was? Nein, das… das ist kompliziert… Aber ich habe gedacht du bist im Feuer gestorben."
Sie stand auf und umarmte Dean und der Hüfte. Höher kam sie nicht. Das Metall fühlte sich warm an.
Die Reste von Deans Gesichts entspannte sich und er legte Chloe seine intakte Hand auf den Kopf.
"Und doch, ich lebe. Aber jetzt komm, wir müssen Elli helfen."
Chloe nickte entschlossen.

WARUM HAST DU DAS GETAN!?

DU HAST UNZÄHLIGE ZUM TODE VERURTEILT!

Es tut mir so Leid…

Mit einem Aufschrei warf Elli das Messer von sich. Sie keuchte schwer.
"Ich habe mich eine Weile lang gefragt, warum du nur noch eine Bratpfanne benutzt und keine normalen Waffen. Ich schätze, das war die Antwort."
Sie sah sich um. Lawrence war nirgendwo zu entdecken. Nur die Apparati waren da.
Hinter ihr entstand ein lauter werdendes Summen, als der Energieportalgenerator einen Zugang zu einer Realität herstellte, die ausschließlich aus elektrischem Strom bestand.
Im Ring leuchtete es weiß, dadurch hob sich Lawrences Silhouette scharf davon ab, als sich Elli umdrehte.
"Mitternacht, I773", erklärte er. "Ich hatte Amoni versprochen, dass Ultra seine ersten Schritte tut."
Der Boden begann zu vibrieren.
"Ich frage mich, ob ich fix rüber nach Athen gehen sollte", überlegte Lawrence laut.
"Das Gerät hat eine Gaswaffe. Ich könnte alles töten und hätte gleich die Reichtümer für Amoni gesichert. Was meinst du?"
Ultra sprengte seine Fesseln, die ihn an seine Aufhängung banden und schritt durch die weiten Straßen auf das Stadttor zu.
"Willst du wirklich Zehntausende vernichten, nur um es mir unter die Nase zu reiben?", fragte Elli bitter.
"Ja", war die trockene Antwort. "Schau, I773, ich bin nicht wie sie. Im Vergleich zu mir ist jeder in dieser Epoche nicht mehr als eine Ameise. Und würdest du nicht einen Ameisenhaufen verbrennen, wenn es hieße, dass du deine eigenen auf ein Level erheben kannst, auf dem sie dir nützlicher sind?"
"Du denkst von ihnen wie von mir", schloss Elli.
"Zwangsläufig, du solidarisierst dich mit ihnen anstatt sie zu beherrschen und zu leiten. Du siehst sie als deiner gleich an? Warum sollte ich das dann nicht auch mit dir tun? Hm?"
Dieser letzte Ausdruck galt nicht Elli, sondern etwas, dass sich offenbar draußen ereignete.
"HEROLD!", kam es durch ein Mikrofon von draußen. "Hallte den Collossus an und ergib dich im Namen des Zerbrochenen."
Lawrence verdrehte die Augen.
"Was ist denn jetzt los?"
Er trat an eine Art Mikrofon hinter dem Generator und schaute durch eine Art Periskop, das dahinter installiert war.
"Eunassess", halte seine Stimme draußen und auch innerhalb von Ultra wieder. "Was sollen diese Menschenmassen da unten? Sie versperren unserer Antwort auf die Heiden aus dem Südosten den Weg!"
Lauft weg, dachte Elli. Ihr könnt gegen einen Realitätsbeuger nicht gewinnen!
"Mit Verlaub, Herald, der wahre Abgesandte von Mekhane ist eingetroffen. Und du hast ihn uns jagen lassen wie ein Tier!", kam es von draußen.
Irrte sich Elli, oder hörte sie ein sich schnell näherndes Kreischen…
"Welcher Abgesandte?", fragte Lawrence. "Meinst du nicht, dass ich von allem Leuten am ehesten erkennen sollte, wer ein Gesandter ist und wer nicht?"
"Frag ihn doch selbst!"
Irgendwas schlug in Ultras Brust ein und bohrte sich hindurch. Es handelte sie um einen schmiedeeisernen Kegel mit einer Länge von vier Metern und einen Basisdurchmesser von zwei. Er spaltete sich unter dem Knallen mehrerer Sprengsätze in zwei Hälften, als er auf dem Boden aufschlug. Neben einer großen Menge Schafswolle kugelte ein halb verbrannter Dean heraus. In seiner Beuge geschützt stöhnte Chloe vor Schmerz.
"Ouh… kein Wunder, dass wir in Geschichte nie was von der Infiltratorballiste gehört haben…"
"Chloe, Dean", entfuhr es Elli. "Was macht ihr hier?"
"Ich habe sie hergebracht", erklärte Lawrence lächelnd. "Dich kann man leider nicht hypnotisieren, da man dein Gedächtnis nicht verändern kann, aber bei ihnen…"
"Hypnotisieren?", ereiferte sich Chloe. "Das war unsere eigene Entscheidung, hierher zu kommen."
"Das glaubst du", erwiderte Lawrence. "Ich gebe zu, ich hätte das genauer strukturieren sollen, denn jetzt habe ich eine Revolte an der Backe, aber hey, ich sitze in der mächtigsten Kriegswaffe der Welt. ULTRA, WEITER ZUM TOR! RÄUM ALLES AUS DEM WEG, WAS DICH AUFZUHALTEN VERSUCHT! Apparati, nehmt sie fest!"
"Zu Befehl, Meister!"
Die Metallmenschen setzten sich in Bewegung, während Ultra einen Fuß hob. Unter ihm flohen die Menschen, um nicht zertrampelt zu werden. Trompeten wurden geblasen und Alarmglocken geschlagen.
Orthos versuchte Dean zu packen, aber der schubste ihn einfach rückwärts und nahm ihm dabei Ellis Tasche ab, die noch immer an seinem Arm baumelte. Er warf sie ihrer Besitzerin zu.
Chloe derweil nahm vor Pneuma Reißaus und kletterte eine Leiter hinauf. Der Apparatus war zu schwer, um ihr folgen zu können und brach die Leitersprossen ab. Chloe hievte sich auf einen Laufsteg.
"Alles muss man selber machen…", sagte Lawrence genervt, als ein von Dean geworfener Logos vor ihm landete.
Er schritt die Treppe hinauf, für die Pneuma wohl ebenfalls zu schwer war und hielt sich dabei mit der linken am Geländer fest. Die Treppe wurde hinter ihm zu Luft, damit ihm niemand folgen konnte.
"Elli!", rief Dean mit seiner verzerrten Stimme. "Lieg da nicht rum und mach dein übliches Ding!"
"Und was?", fragte Elli zurück. "Dean, dieser Mann ist ein Realitätsbeuger, einen den sogar ich nicht aufhalten kann, er-"
Sie blinzelte verwirrt. Es war ihr bereits bei den zahlreichen Metallprothesen in der Stadt aufgefallen, aber es schien, als wäre die Verwandlung nicht komplett. Normale Menschen konnten das nicht bemerken, aber sie schon. Auf irgendeine höherdimensionale Art und Weise war die Verwandlung nicht vollständig.
Entschlossen nahm Elli ihre Tasche und erhob sich, um sich auf ein Experiment einzulassen.
Neben ihr erwehrte sich Dean zwei der Apparati, indem er ihnen wiederholt ins Gesicht schlug. Pneuma folgte Chloe mittlerweile auf der unteren Etage, vermutlich für den Fall, dass sie herunterfiel.
Elli erreichte die Stelle, die früher eine Luft beansprucht hatte und trat auf die Luft.
Sie stand auf der Luft…
Um ihren Verdacht zu bestätigen stieg sie die Lüfte der Luft hinauf.
Tatsächlich. Die Luft war nicht weg. Ihr Konzept war verändert worden, sodass sie nun als Luft wahrgenommen wurde. Aber ein Konzept zu verändern veränderte nicht die Sache an sich. Es veränderte nur die Wahrnehmung auf einer fundamentalen Ebene.
Warum tat Lawrence sowas, wenn er doch eigentlich seine Realitätsbeugerkräfte benutzen konnte, um den Laufsteg, auf dem sich Chloe befand, einfach verschwinden zu lassen? Stattdessen war er ihr gefolgt und schickte ihr Flammen aus der rechten Hand entgegen. Chloe entging ihnen nur, indem sie eine Treppe nahm, die weiter nach oben führte.
Moment, er änderte Konzepte nur mit der Linken und schoss Flammen nur mit der Rechten…
Chloe holte ihre Bratpfanne hervor und postierte sich hinter Lawrence.
"HEY! HÖR AUF MEINE CHLOE ABZUFACKELN!"
Lawrence drehte sich erschrocken zu ihr um, aber zu spät.
BONK!
Er hatte noch die rechte Hand die den Weg der Pfanne gehalten, aber alles was es gebracht hatte war, dass der Feuerhandschuh, den er trug, beschädigt wurde. Die Wucht war immer noch groß genug, um ihn gegen das Geländer zu werfen.
Elli kannte dieses Werkzeug. Es wurde von Saboteuren im sechsundzwanzigsten Jahrhundert zur Brandstiftung benutzt. Der Handschuh war durchscheinend und kaum sichtbar und somit perfekt getarnt.
Während Lawrence noch benommen war, schubste Elli ihn über das Geländer. Er fiel nach unten…
Und landete leider in dem Berg aus Schafswolle…
"Bleib oben, Chloe!", bat Elli und eilte die Luft wieder hinunter.
Unten angekommen rollte ihr ein kleiner, weißer, spindelförmiger Gegenstand entgegen. Er war aus Plastik.
"Ein Miniatur-Realitätsanker", merkte sie an und hob das Gerät auf. "Kein Wunder, dass ich den Nexus nicht aufbekommen habe. Damit hast du die ganze Stadt für mich versiegelt. Wahrscheinlich hast du mich deswegen gezwungen, das Messer aufzuheben, damit ich nicht mitbekomme, wie du ihn ausgeschalten hast, um das Energieportal aufzubekommen."
Sie begann zu grinsen.
"Wenn du dieses Gerät die ganze Zeit eingeschaltet hattest, dann heißt das, dass du deine Kräfte nicht mehr anwenden kannst. Oh, ich glaube ich weiß warum. Andere Realität, andere Regeln, nicht wahr?"
Lawrence fummelte inzwischen an seine Taschen herum und feuerte dann eine Laserpistole auf Elli ab.
Sie hatte seine Handbewegungen mitbekommen und die Pfanne in den Strahl gehalten, bevor er feuern konnte, dadurch prallte er am Küchenutensil ab und brannte sich durch die Decke.
Lawrence schaute ungläubig auf die Pfanne.
"Teflonbeschichtet und unzerstörbar, da sind zwanzig Jahre Garantie drauf", erklärte Elli. "Und nun zu etwas, das ich sehr gerne mache. Typen, die sich für was Besseres halten von ihrem hohen Ross holen. Vor allem welche, die Allmacht vorgaukeln, obwohl sie einfach nur einen interdimensionalen Teleporter benutzen, um Technologie aus anderen Realitäten und der fernen Zukunft zu stehlen. Mal sehen, in welcher Tasche du den versteckst…"
Pneuma eilte zu ihrem Schöpfer und stellte sich schützend vor ihn.
"Pneuma, auf sie!", bellte Lawrence von unten. "Reiß sie in Stücke!"
"Verstanden."
Der Apparatus stampfte mit ausgestreckten Armen auf Elli zu.
"Du denkst, du wärst mir ebenbürtig!?", kam es hysterisch von Lawrence, während er sich aufrappelte. "I773, für wen hältst du dich eigentlich inzwischen?"
Elli nahm mit ihrer Pfanne in der Hand eine Pose ein, die zwar cool und mysteriös wirken sollte, aber absolut lächerlich aussah.
Sie kicherte.
"Wer ich bin? Mein Name ist Elli und das ist mein Stand:『DEAN UNLEASHED』!"
Pneuma war fast heran, doch dann rauschte Deans Faust an Ellis Kopf vorbei, packte die Metallfrau am Arm und zog sie zu sich an Elli vorbei, die mit der Pfanne einen weiteren Laserschuss blockte.
Lawrence schaute sich hektisch nach seinen anderen Apparati um, die Dean allerdings so ineinander gekeilt hatte, dass sie sich nur langsam wieder voneinander lösten.
"Bronze?", fragte Elli mit einem Seitenblick auf Pneuma und Dean, während sie langsam auf Lawrence zuschritt. "Gegen die besten Legierungen des einundzwanzigsten Jahrhunderts und darüber hinaus?"
Der Apparatus umklammerte Dean und presste seine Arme an den Körper, aber Deans Motoren waren stärker als das Metall und bogen die Arme der Metallfrau auseinander.
"Ich weiß", entgegnete Lawrence ruhig. "Daher war mein Plan B zahlenmäßige Überlegenheit. Aber dann halt Plan C, PNEUMA, SELBSTZERSTÖRUNG!"
"Verstanden."
Ellis Grinsen verschwand schlagartig, und sie schaffte es noch, fünf Meter zwischen sich und Dean zu bringen, bevor Pneuma explodierte.
Und Dean zerriss.
Die Druckwelle hob sie und auch Lawrence von den Füße und schleuderte sie in den Hügel aus Schafswolle. Mehrere kleine Schrapnelle bohrten sich in ihren Rücken.
Sie stöhnte auf vor Schmerz, während sich Lawrence wieder aufrappelte und den Laser auf sie richtete. Hinter ihm näherten sich Logos und Orthos.
"Ich denke weiter, I773", sagte er stolz. "Deine Verletzungen scheinen weh zu tun, aber mehr auch nicht, wenn ich mir so anschaue wo du getroffen wurdest. Ich glaube ich werde-"
Er brach ab, da der Boden aus dem Lot geriet. Es schien als würde sich Ultras Oberkörper drehen.
Dann begriff Elli du ihre Schmerzen hindurch: Er holte zum Schlag aus.

Nummer 43 war ein altgedienter Collossus, der den Trupp auf fünf gleichartigen Maschinen anführte. Sie hielten große Abstände zueinander ein, da Amonis Straßen es nicht erlaubten, sich zu weit zu verteilen. Und man musste damit rechnen, umgeworfen zu werden.
Alkibiades, Collossussteuermann, hätte sich gerne den Schweiß von der Stirn gewischt, während sein grünes Helmvisier ihm mitteilte, was draußen vor sich ging.
Ultra, eine wahrlich herrliche Maschine, war auf dem Weg zum Südtor und hatte auf seinem Weg alles niedergetrampelt, was dumm genug war ihm im Weg zu stehen.
Keiner der gesendeten Collossi verfügte über die ANTWORT, aber die war hoffentlich auch nicht nötig, denn deren Einsatz hätte ganz Amoni zerstört.
Nummer 43 voran war als Belagerungsmaschine konzipiert, das hieß dass er sehr lange und strake Arme mit besonderen Aufsätzen hatte, um Mauerwerk, Türme und Tore einzureißen. Natürlich hatte er auch den obligatorischen Flammenwerfer, um Verteidiger von den Zinnen zu verscheuchen. Aber seine Stärke war etwas anderes…
Nur schien Ultra das auch zu können, denn er holte mit trügerischer Langsamkeit zum Schlag aus.
"Hekataios, rechten Arm in Bewegung setzen. Versuche, seinen Arm zu zerstören."
"Alles klar, Steuermann", hallte es in seinem Helm wider.
Zahnräder griffen ineinander und das Stampfen der Dampfmaschinen gewann an Intensität, als Nummer 43 begann, Ultras Bewegung zu imitieren.
Dann flogen beide Schläge aufeinander zu.
Ultra war im Nachteil, da er seine Aufsätze am Arm selbst trug. Er hatte eine richtige Hand, die sich leicht mit den Rambockaufsätzen zerstören ließ.
Doch noch im Schlag öffnete Ultra plötzlich seine Faust und packte den Arm von Nummer 43.
"Linker Arm, zuschlagen! Zielt auf den Ellenbogen!"
Mehr Dampf quoll aus den Schornsteinen als sich der Collossus träge drehte um mit einem Klotz aus massiven Stahl, dem "Mauerrüttler", zuzuschlagen.
Doch Ultra zog an dem Arm, den er gepackt hielt und erlaubte Nummer 43 dadurch nicht, seine Bewegung zu Ende zu führen. Und riss ihm den Arm ab.
Befehle wurden durcheinandergebrüllt um dafür zu sorgen, dass der Collossus sein Gleichgewicht nicht verlor.
Ultra derweil fuhr seine Kanonen aus dem Arm aus. Eine neue Technologie, die vom Herold entwickelt worden war. Sie feuerte keine Pfeile, sondern massive Kugeln aus Eisen ab. Sie durchschlugen die Panzerung von Nummer 43 und beschädigten zahlreiche Mechanismen.
Sie waren paralysiert.
Doch da kam ihnen Nummer 52 zu Hilfe. Der Collossus führte eine Balliste und der Pfeil, den er abfeuerte, besaß eine Sprengladung. Und die traf Ultra in der Schulter.

Ultra rumpelte und wankte so sehr, dass Lawrence Mühe hatte, auf den Beinen zu bleiben.
Aber er hatte Vertrauen, dass der Collossus den Widrigkeiten, die Amoni ihm entgegenwarf, gewachsen war. Schließlich hatte er ihn konstruiert. Aber bei dem Gewanke konnte er nicht zielen…
"Logos, Orthos, brecht ihr die Beine."
"Scheint als ob deine Ameisen beschlossen haben, dich anzupinkeln", witzelte Elli durch zusammengebissene Zähne.
"Humor in dieser Situation, Elli?", fragte Lawrence mit einer hochgezogenen Augenbraue. "Nicht sehr passend, aber du hast dich sowieso nie um die Atmosphäre geschert. Egal wie sehr du dich zu verändern versuchst, du kannst nicht verleugnen, wer und was du bist."
"Hey, ich lerne dazu", verteidigte sich Elli. "Du aber offenbar nicht. Du hast die Rechnung schon wieder ohne Dean gemacht."
Lawrence dreht sich erschrocken zum Epizentrum der Explosion und bekam gerade noch mit, wie Dean, nicht mehr als ein Torso und ein Kopf, mit seinem verblieben Arm und der Hartnäckigkeit einer Maschine auf ihn zukroch.
Sofort richtete er die Laserpistole auf ihn.
"Hättest du nicht sagen dürfen", murmelte Lawrence.
Irgendwas landete auf seinen Schultern. Lawrence registrierte noch weiße Haare, bevor ihm das Etwas mit aller Macht in den Hals biss.
"Ah, du elende kleine Pestbeule!", heulte er, als er I773's kleinem Schoßhündchen gewahr wurde, dass sich vom Laufsteg über ihn auf ihn hatte drauffallen lassen.
I773 hatte ihn mit Dean von ihr abgelenkt!
Er änderte das Ziel seiner Pistole in das Mädchen um, doch darauf schien sie nur gewartet zu haben. Ihre Zähne lösten sich von seinem Hals und senkten sich in seinen Arm, noch bevor Lawrence feuern konnte. Aus Reflex öffnete er seine Hand.
Und Chloe hechtete nah der fallenden Pistole. Sie krachte auf den Boden, jedoch schien sie gerade unter Adrenalin zu stehen, denn sie bäumte sich mit der Waffe sofort wieder auf und feuerte auf die Apparati, die I773 beinahe erreicht hatten.
Sie war eine miserable Schützin, aber einige Schüsse saßen dennoch. Und zwei von den knapp zwanzig landeten tatsächlich da, wo sie sollten. In den Köpfen der Apparati.
Sie hörten urplötzlich auf, sich zu bewegen.
Dann explodierte ein Ballistenpfeil im Bein von Ultra, wodurch er in merkliche Schieflage geriet. Die leblosen Apparati fielen um und schlitterten zusammen mit Dean über den Boden. Alle drei krachten gegen den Energieportalgenerator, der daraufhin schwarz zu flackern begann.
"Was? NEIN!", brüllte Lawrence.
Er schlug das Mädchen nieder bevor es die Waffe auf ihn richten konnte, wrang sie ihr aus der Hand und richtete sie seinerseits auf Chloe.
"Mit dir hatte ich eigentlich was Besonderes vor, aber mit etwas Glück schieße ich bei den ersten paar Versuchen daneben."
Er drückte ab.
Nichts passierte.
"Du hättest mitzählen sollen", erklang es hinter ihm.
Lawrence riss noch rechtzeitig den linken Arm hoch, doch das sorgte nur dafür, dass der Konzeptkonverter, eine kleine, kamera-artige Maschine, die er in seinem Ärmel versteckt hatte, hinausgeschleudert wurde. Die Pfanne seiner Widersacherin stellte trotzdem schmerzhaften Kontakt zu seiner Schläfe her. Benommen begann er zu taumeln…
Und wankte geradewegs durch das flackernde Energieportal, dass daraufhin endgültig in sich zusammenfiel…

Ultra war gerade dabei gewesen, Nummer 52 in die Kommandobrücke zu schlagen, als der Collossus mitten in der Bewegung stoppte.
Amonier, die überall in Deckung gegangen waren, kamen vorsichtig aus ihrer Deckung. Kurz darauf kehrten sie wieder aber dahin zurück, als Ultra enorme Mengen an Hitze abzustrahlen begann. Die Collossi, die noch mobil waren, versuchten sich so weit wie möglich von ihm zu entfernen, während die außer Gefecht gesetzten Maschinen evakuiert wurden.

Der Portalring wurde immer heißer, da er Energie gespeichert hatte, die er jetzt ins System speisen musste, weil sie nirgendwo anders hinkonnte. Das Portal hatte nämlich auch dazu gedient, überschüssige Energie wieder zurückzuschicken.
Als Resultat begann sich der ganze Collossus aufzuheizen. Der Prozess würde sich fortsetzen, bis das Konstrukt zu schmelzen begann. Alle Beweise von Lawrences außerweltlicher Identität würden vernichtet werden.
Elli nahm sich vor, später zurückzukehren und Amoni nach anderen Überbleibseln abzusuchen, um zu verhindern, dass der Stadtstaat eine zu große Bedrohung für andere Länder wurde.
Die Hitze machte ihr bereits jetzt zu schaffen, die Metallsplitter in ihrem Rücken machten es nicht besser. Es war ein Wunder, dass sie noch aufrecht laufen und ihre Pfanne schwingen konnte.
Sie suchte die Umgebung ab und fand schließlich einen passenden Metallrahmen, um darin ein Nexusportal zu erzeugen.
Chloe versuchte, Deans Reste darauf zu zu zerren, aber selbst unter Deans Mithilfe war er zu schwer.
Elli packte mit an, aber ihr Rücken legte lautstark Beschwerde ein. Und es wurde immer heißer.
"Lass, Chloe, wir schaffen es nicht rechtzeitig. Eher werden wir hier drin gegrillt."
Dean sagte irgendwas, aber sein Stimmodulator war zu stark beschädigt. Er brachte nur verzerrtes Rauschen hervor.
"Dean, deine Blackbox ist noch intakt, nicht wahr? Ich habe sie doch extra verstärkt, damit ich sie auch nach einer Atomexplosion wieder einsammeln kann."
Dean nickte abgehackt und drehte sich auf den Rücke, Seine Brust klappte auf. Dort war ein grauer Würfel an zahlreiche Drähte angeschlossen. Die Blackbox. Elli griff danach.
"Bis später, mein Freund."
Dean nickte und schloss die Augen. Sie zog den Würfel ab und verstaute ihn in ihrer Tasche, während Deans Körper erschlaffte.
"Elli, was hast du getan!?", entfuhr es Chloe entsetzt. "Hast du ihn getötet?"
"Keine Sorge, Chloe", erwiderte Elli, als sie das Mädchen an der Hand nahm und zum Portal führte. "Solange ich seine Blackbox habe, kann ich ihm einfach einen neuen Körper bauen. Er wird wieder ganz der Alte sein, versprochen."
Chloe musterte sie mit einem mulmigen Gesichtsausdruck, während sie durch das Portal schritten, das sich hinter ihr wieder schloss.
"Haben wir jetzt einen Krieg verhindert?", fragte sie, während sie auf der Wiese des Nexus ankamen.
"Leider nein", entgegnete Elli mit einem traurigen Lächeln. "Der Krieg, der sich in etwa fünfzig Jahren zwischen den Hebräern und Amoni ereignen wird, muss stattfinden. Amoni als Agressor wird vernichtet werden und die Mekhaniten verschwinden aus dem Weltgeschehen."
"Also wurden sie komplett ausgelöscht?"
"Wieder nein", entgegnete Elli. "Sie werden weiterexistieren und sich weiterentwickeln. Und ähnlich wie einst die Juden, Muslime und Christen werden auch sie sich aufspalten. Aber sie werden nie mehr ihr eigenes Land besitzen. Aber mit Lawrence hätten sie diesen Vernichtungskrieg dank ihrer überlegenen Technologie garantiert gewonnen, aber zum Glück ist er jetzt verni-"
Sie spürte wie ihre Beine nachgaben, als die Gefühle in ihr hochkamen, die sie im Kampf hatte unterdrückten müssen. Lawrence war fort. Dieses Mal wirklich für immer… Sie war frei…
Chloe, nur unwesentlich besser in Form als sie, versuchte sie zu stützen.
"Elli, alles in Ordnung?"
Ihr Gesicht brachten Verwirrung zum Ausdruck, als Elli sie urplötzlich in den Arm nahm und fest an sich drückte.
"Ich hatte solche Angst, Chloe…", schluchzte sie.
Chloe versuchte erfolglos, Elli zu trösten, während sie zum ersten Mal seit sehr langer Zeit zu weinen begann.

Langsam kam Lawrence wieder zu sich… Doch auch mit offenen Augen sah er nichts als Schwärze. Er fühlte sich, als wäre er in dickflüssigem Gel eingelegt…
Oh Scheiße…
Er war im Nullraum gelandet!
Er musste hier so schnell wie möglich wieder raus. Nur wenige Dinge sind so qualvoll, wie sich in unendlich scheinender Langsamkeit im Raum zwischen den Realitäten zu verlieren.
Hektisch kramte er in seinen Taschen, bis er ihn fand. Den interdimensionalen Teleporter.
Er sah aus wie eine Eieruhr und vibrierte heftig.
Die Umgebung hatte ihn bereits beschädigt. Er war dafür ausgelegt, den Nullraum als Transitstrecke zu benutzen, aber nicht, um darin aktiviert zu werden. Er würde sich nie wieder steuern lassen.
Aber mit etwas Glück…
Lawrence aktivierte die Maschine und wurde durch ein Zufallsportal gesaugt.
Er besaß kinetisches Moment, als er auf der anderen Seite wieder rauskam. Als Resultat schlitterte er über den Boden einer Mensa und knallte hart gegen einen Tresen.
Er stöhnte auf vor Schmerz, während er am Geklapper vieler Schuhe bemerkte, wie sich Leute näherten.
Er hob die Hände, um sich etwaigen Wachen zu ergeben.
Dann bemerkte er, wo er sich befand.
Er hob die Hände noch etwas weiter…
"Oh… äh… Heil?"

Das nächste Mal bei Nexus:
Dean, Teil 1

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