Der Gefallen, Teil 2
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Das letzte Mal bei Nexus:
Der Gefallen, Teil 1

Die griechischen Götter vor ihnen trugen keine Kampfrüstung wie Deimos, sondern Togen, auch wenn Ares seine mit ein paar Rüstungsteilen verziert hatte. Außerdem trug er einen Speer bei sich. Phobos neben ihm schaute seinen Bruder erwartungsvoll an. Beide hatten sich ebenso wie der Gott des Schreckens dankenswerterweise im dreidimensionalen Raum manifestiert, damit keiner Kopfschmerzen bekam, wenn er sie betrachtete.
"Hallo, Elli", begrüßte Ares sie freundlich. "Interessant, dass ich dich zusammen mit meinem Sohnemann treffe. Er hat dir hoffentlich keinen Ärger gemacht."
Tau-5 ließ die erhobenen Waffen langsam sinken.
"Guten Tag, Irantu mein Name", stellte sich Irantu vor. "Darf ich fragen, was Sie hier treiben?"
"Oh, wir waren gerade in der Gegend", erklärte der Kriegsgott. "Und Phobos wollte was Neues lernen, um Leute zu erschrecken, darum haben wir uns gedacht, 'Warum gehen wir nicht hier rein?'. Aber genug davon. Du hast dich ja gemacht, Deimos. Zahlen sie ordentlich?"
Der Gott des Schreckens lächelte verlegen.
"Ich habe sogar meine eigene Wohnung gestellt bekommen. Und einen Vertrag über fünftausend Jahre."
"Uuh, schick", freute sich sein Vater. "Tolle Sache, Deimos, tolle Sache."
"Was macht Phobos hier?", fragte Deimos.
"Oh, ich habe ihn aus seiner Zelle geholt", erklärte Ares. "War gar nicht so einfach, seine Wächter haben's echt drauf. Das freut mich zwar als Kriegsgott, machte aber mein Unterfangen nicht gerade einfacher."
"Hast du etwa jemanden getötet!?", entfuhr es seinem Sohn.
Ares winkte ab.
"Nah, paar blau Flecken, ein paar gebrochene Knochen… Ich glaube einer kommt in den Rollstuhl, aber ich habe keinen umgebracht, ehrlich."
Deimos atmete erleichtert aus.
"Wenn Sie uns jetzt aber entschuldigen würden, Herr Ares", mischte sich Dean ein. "Wir haben da ein kleines Qlipoth-Problem, dass wir gerne lösen würden, dafür müssen wir aber weiter nach unten."
"Ouh", machte Ares. "Mein Herr, haben Sie eine Ahnung, was dort unten lauert? Ihr braucht eine Armee, um da durch zu kommen, mit Gewehren und Kanonen und dem ganzen Kriegsgerät. Es tut mir leid, aber ihr geht in den sicheren Tod. Ich kann euch so wie ihr jetzt seid nicht ruhigen Gewissens vorbeilassen."
"Nicht mal, wenn ein Gott dabei ist?", fragte Deimos.
"Sohn, was denkst du, warum wir wieder hochgekommen sind? Unsere Macht endet hier. Ich will nicht, dass du dort unten vergehst. Ich habe dich doch gerade erst wiedergesehen. Und du hast so viele wohlgeratene Leute dabei. Bilderbuch-Menschen."
"Oh, danke", sagte Munru.
Elli derweil zog Irantu zur Seite.
"Irantu, hier stimmt etwas nicht. Der Ares, den ich kenne, schert sich nicht um das Wohlbefinden der Sterblichen. Er hätte uns eher angefeuert, dort runter zu gehen."
"Er hält uns auf", stellte Irantu nur fest. "Haben Sie eine Ahnung, woher der Sinneswandel gekommen ist?"
"Ich glaube wir befinden uns hier im zweiten Qlipa, Chaigidel, die Verwirrung von Gottes Macht. Ich denke, diese Qlipa verführt jene, die es betreten mit ihren Wünschen, damit sie nicht zu Gott finden."
"Wie passt Ares da rein?", fragte Irantu.
"Strengen Sie ihren Kopf an. Deimos ist unsterblich. Das, was sich jeder Unsterbliche irgendwann am sehnlichsten wünscht, ist Gesellschaft. Von Leuten geliebt zu werden, die ihn nicht wieder verlassen. Was wünscht ihr euch?"
Irantu druckste ein wenig herum.
"Menschlich sein…", sagte er dann.
Elli zuckte mit den Schultern.
"Dafür braucht man sich doch nicht zu schämen, ich kenne da noch jemanden. Erklärt aber den Bilderbuch-Mensch-Kommentar."
"Aber wie manifestieren sich eure Wünsche?", erkundigte sich der Anführer von Tau-5.
"Gar nicht", entgegnete Elli. "Ich fürchte, die Qlipa kann uns nicht auslesen."
"Was tun wir jetzt?", wollte Irantu wissen, den diese Info offenbar kalt ließ.
"Wir gehen einfach weiter."
Irantu gab seinem Trupp ein Zeichen und zusammen mit Dean setzte er sich in Bewegung.
"He!", rief Deimos. "Habt ihr meinen Vater nicht gehört? Wir sind zu wenige, um dort unten zu bestehen, wir sollten Verstärkung holen."
"Ich bin mal so frech und halte mich für klüger als Kopf-Durch-die-Wand-Ares", erwiderte Elli. "Wir können immer noch umkehren, wenn wir es uns angeguckt haben. Kommst du nun, oder nicht?"
Deimos seufzte.
"Na dann, Vater. Die Arbeit ruft."
"Oh nein!", fuhr Ares auf. "Kommt nicht in Frage! Ich werde meinen Sohn und euch nicht solcher Gefahr aussetzen!"
Vor dem Trupp erhoben sich die Leichen gefallener Soldaten aus allen Epochen der Weltgeschichte aus dem Boden.
Für einen knappen Augenblick.
Danach waren sie verschwunden, als hätte man sie aus der Existenz geblinzelt.
Ares und Phobos waren ebenso verschwunden.
Nur um fast sofort wieder aufzutauchen.
"Hey, lass das, Elli!", wetterte er.
"Das ist der Beweis", sagte sie. "Deimos, das ist ein Trugbild, deinen echten Vater hätte ich gerade unwiederbringlich aus der Realität gelöscht."
Dem Schreckensgott klappte der Mund auf.
"Wa-"
"Komm jetzt, wir haben ein Universum zu retten!"
Deimos setzte sich zögerlich in Bewegung. Sein angeblicher Vater hinter ihm begann wieder die Realität zu verbiegen, während sich sein Bruder verwandelte und schreckliche und bizarre Formen annahm. Doch sie verschwanden. Nur um wieder aufzutauchen und das Prozedere zu wiederholen. Deimos schloss schließlich zu ihnen auf und sie verließen die Kaverne durch einen Tunnel auf der anderen Seite.
"Sie sind Realitätsbeugerin?", fragte Onru.
"Nein", dementierte Elli. "Ich kann nur schnell genug denken, um den Augenblick des Realitätsabfalls zu benutzen, den andere Realitätsbeuger erzeugen, wenn sie ihre Kräfte benutzen. Dadurch kann ich ihre Eingriffe umschreiben. Ist wie Judo, nur mit Hirnschmalz."
"Was hättest du gemacht, wenn es wirklich mein Vater gewesen wäre? Hättest du ihn genauso gelöscht?", fragte Deimos bitter.
"Deimos, dein richtiger Vater würde versuchen mich umzubringen, wenn er mich auch nur erblickt", entgegnete Elli gelassen. "Dadurch wusste ich, dass er nicht echt war."
"Er will dich umbringen?", entfuhr es Deimos. "Warum?"
"Ich bin schlecht für's Geschäft", erklärte Elli. "Außerdem habe ich angefangen zu lachen, nachdem er sich vor mir entkleidet hatte. Und ich habe mit seiner Freundin geschlafen… Und seinen Brüdern… Und anderen Verwandten… Und ich habe seinen Helm geklaut…"
"Oh", machte Deimos. "Keine weiteren Fragen… Er mag seinen Helm…"
Es herrschte peinliche Stille, bis sich nach einer Weile Onru meldete.
"Irantu. Wir müssten uns eigentlich abwärts bewegen, aber wir gehen auf absolut ebenem Boden."
Kaum hatte sie das gesagt, verblassten die Wände um sie herum und machten purem Weiß Platz.
Sofort hob jeder, der eine hatte, seine Waffe. Aber es gab nichts, worauf sie zielen konnten.
Elli derweil beugte sich zum Boden hinunter.
Aber da war kein Boden.
Sie standen auf Nichts. Aber sie fielen nicht.
"Ah", sagte sie. "Sathariel, die Verbergung von Gottes Macht. Das ist einfach."
"Warum, wo sind wir hier?", fragte Irantu. "Onru, scanne die Umgebung!"
"Ich versuche es ja, aber ich kriege keine Rückantwort", entgegnete Onru. "Entweder gibt es hier keine reflektierenden Oberflächen, oder dieser Raum ist unendlich.
"Die Struktur der Welt wird hier vor uns verborgen", erklärte Elli. "Hier gibt es keinerlei Schöpfung. Kein Sein, keine Naturgesetze."
Nanku räusperte sich.
"Und wir leben noch, weil?"
"Sie sind nur verborgen, nicht komplett weg", erklärte Elli. "Gerade genug da, um uns in der Existenz zu halten. Aber weil hier nichts ist, gibt es hier auch wenig Realität, das heißt, ich kann sowas hier machen."
Elli schnippte mit den Fingern. Neben ihnen materialisierte sich das London Eye.
"Wenn es keinen Schöpfer gibt, muss man es eben selbst machen."
Vor ihnen erschien mit einem "Plopp" der Ausgang.
"Wo führt der hin?", fragte Deimos.
"Zurück in den Tunnel", lautete die Antwort.
"Könnten wir diesen Raum nicht benutzen, um nach ganz unten zu kommen?", fragte Onru.
"Weißt du was passiert, wenn wir versuchen, die Qlipoth auszutricksen?", fragte Elli.
Onru schüttelte den Kopf.
Elli zuckte mit den Schultern.
"Ich auch nicht. Will das irgendwer hier herausfinden?"
Irantu gab stumm den Befehl zum Weitergehen.
"Was kommt als nächstes?", wollte Nanku wissen.
"Wir erreichen die mittleren Qlipoth", entgegnete Elli. "Wenn wir sie weiter der Reihenfolge nach erreichen, sollte als nächstes Gamichcoth kommen. Die Verschlinger."
"Oh, endlich mal was, auf das man schießen kann."
"Du solltest mit der Menschwerdung nochmal von vorn anfangen", bemerkte Elli trocken.
Sie kamen in eine weitere Kaverne, noch größer als die mit dem Ares-Trugbild. Der Raum wirkte merkwürdig verzerrt, als hätte man mit einem dünnen Stab Linien und Figuren in Teig gezeichnet.
"Da drüben ist der Ausgang", bemerkte Deimos. "Wo sind die Verschlinger?"
"Wartet kurz bevor wir losgehen, ich muss etwas messen", bat Elli.
Sie holte eine Art Satellitenschüssel aus der Tasche und richtet sie auf die Verzerrungen.
"Ah, der Raum ist weg", sagte sie dann. "Berührt auf keinen Fall diese Verzerrungen, sie wirken wie Schneidedraht, nur unendlich dünn. Ihr werdet nicht mal merken, dass ihr Finger oder Gliedmaßen verliert."
"Aber wo sind die Verschlinger?", fragte Nanku.
"Ist einer von euch mal auf die Idee gekommen, an die Decke zu gucken?", fragte Dean mit einem Blick nach oben.
Alle folgten seinem Beispiel.
Über ihnen zogen merkwürdige Dinge ihre Kreise. Am ehesten glichen sie schwarzen Löchern, aber sie waren von einer Art statischem Rauschen umgeben, als konnten sie sich nicht entscheiden, welche geometrische Form sie annehmen wollten und beständig innerhalb von Bruchteilen eines Augenblickes zwischen allen erdenklichen Figuren wechselten. Es waren sechs dieser Wesen und sie alle zogen eine der Linien hinter sich her, die den Raum verzerrten.
"Spatiovoren", erklärte Elli. "Sie fressen keine Materie, sondern den Raum selbst. Allerdings verschlucken sie alles, was den Raum beansprucht gleich mit. Ich glaube sie werden uns bemerken, wenn wir den Raum zu durchqueren versuchen. Sie reagieren auf Raumverzerrungen und wir erzeugen welche mit unserer Masse."
"Können wir sie erschießen?", fragte Naku.
Elli schüttelte den Kopf.
"Einen Spatiovoren zu erschießen ist ungefähr als feuere man auf ein schwarzes Loch. Das Projektil wird einfach absorbiert."
"Was sollen wir Ihrer Meinung nach tun?", wollte Irantu wissen.
"Ich kann den Nexus hier drin nicht benutzen, also rennt bis zum Ausgang."
"Also gut, auf die Plätze, fertig… LOS!"
Jeder begann zu sprinten. Die Spatiovoren wurden sofort auf die Neuankömmlinge aufmerksam und stießen mit beachtlicher Geschwindigkeit nach unten. Jedes von ihnen nahm einen aus der Gruppe auf's Korn, außer Elli. Dean und Deimos hatten merkliche Probleme, die Raumverzerrungen zu überwinden, weil es kaum Orte gab, wo sie durchpassten. Nanku verlor ihre Nase, Munru schälte sich einen Teil seines linken Armes ab. Allgemein schaffte es Tau-5 nicht wirklich, seine Waffen intakt zu halten. Dort wurden Läufe abgeschnitten, da fielen Teile der Kolben ab und die Aufsätze an den Armen gerieten in Mitleidenschaft.
Die Spatiovoren aber ließen sich nicht von ihren Hinterlassenschaften aufhalten und kamen den Flüchtenden immer näher.
Dean schaffte es unbeschadet hindurch, da Elli seinen Körper mit Sensoren ausgestattet hatte, die die Verzerrungen erfassten. Und wenn Deimos was verlor, wuchs es nach. Aber Elli brauchte nur kurz nachzurechnen um zu begreifen, dass es keiner von ihnen rechtzeitig schaffen würde.
Moment, was, wenn es kein Zufall war, dass man sie selbst nicht auf's Korn genommen hatte. Das Einzige, dem die Spatiovoren folgten, war…
"TAU-5! EXPLOSIVGESCHOSSE AN DIE DECKE! SPRENGT EINEN MÖGLICHST GROẞEN BROCKEN HERAUS!"
Die MTF-Mitglieder reagierten sofort und feuerten aus ihrer Position heraus wiederholt nach oben. Tatsächlich kam es zu einem Steinhagel, darunter ein Brocken, so groß wie ein Kleinwagen.
Die Spatiovoren ließen prompt von ihren Opfern ab und stürzten sich auf die Felsbrocken. Alle außer Dean, der wohl mit sowas gerechnet hatte, sahen Elli ungläubig an.
"Steht da nicht rum", rief sie. "Schnell! Schnell!"
Alle setzten sich wieder in Bewegung und erreichten die andere Seite unbeschadet.
Elli bemerkte mit gerunzelter Stirn, dass Nankus Nase nachwuchs…
"Woher wussten Sie, dass das funktioniert?", fragte Onru, während sie alle im Gang verschwanden.
"Die Spatiovoren haben jeden außer mir verfolgt", erklärte Elli außer Atem. "Und ich bin die Leichteste von uns. Weniger Equipment, verstehen Sie? Das heißt, die Spatiovoren bevorzugen sich bewegende Dinge mit hoher Masse. Denn mehr Masse bedeutet mehr Raumkrümmung."
"Ich verstehe", gab Onru zurück.
"Jetzt habe ich aber auch mal eine Frage an euch. Warum verheilen eure Wunden so schnell?"
"Das ist leider vertraulich", gab Irantu zurück.
"Ihr könnt es mir jetzt erzählen oder provoziert einen weiteren Hack", drohte Elli. "Ich habe bereits bewiesen, dass ich bei euch spielend leicht reinkomme. Außerdem könnte mir diese Info erlauben, bessere Strategien zu entwickeln."
Tau-5 wechselte einen Blick.
"Wir bestehen aus dem geklonten Fleisch eines anomalen Wesens, kleinere Verletzungen können wir heilen, schwerere nur überstehen", erklärte Irantu dann. "Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Vor allem, da eine weitere Partei anwesend ist."
"'Tschuldigung", murmelte Deimos.
Elli zog ihren metaphysischen Resonanzmesser aus der Tasche. Sie empfing göttliche Schwingungen… Dazu spürte sie, wie thaumaturgische Energie von den Vieren ausging.
Ihr Hass auf die Schöpfer von Tau-5 wuchs. Es mochte ein hehres Ziel sein, den Menschen zu verbessern, zu optimieren, aber Elli stieß es sauer auf, wenn solche Schöpfungen dann wie austauschbare Drohnen benutzt wurden.
Sie erreichten eine weitere Kaverne. Sie war groß genug, um die Überreste einer niedergebrannten Stadt aufzunehmen. Die Decke und der hintere Teil der Kaverne waren durch aufsteigenden Rauch nicht sichtbar.
Tau-5 schwärmte aus und richtete ihre noch benutzbaren Waffen auf die Umgebung.
"Was erwartet uns hier?", fragte Deimos.
Elli sah sich um.
"Nun, jetzt sollte Golachab folgen, die-"
Der Boden erbebte unter einem lauten Stampfer. Und dann noch einem. Nun noch einen.
Ein Fauchen drang aus dem Rauch.
Tau-5 rückte zu ihnen zurück.
Dann schälte sich über ihnen der Kopf eines Drachen aus dem Rauch. Mit lautem Grollen fingen seine Schuppen Feuer und setzten die Kreatur in Brand. Nicht, dass ihr das etwas ausmachte. Feurige Schwingen breiteten sich aus und ließen Funken auf die Gruppe niederregnen.
"-die… brennenden Körper…", schloss Elli.
"Feuer!", brüllte Irantu.
Tau-5 begann mit Sturmgewehren und einer Schrotflinte zu feuern, aber nichts vermochte das Schuppenkleid dieses Giganten zu durchdringen. Er holte tief Luft…
"DECKUNG!", brüllte Elli und warf sich zusammen mit Dean und Deimos hinter eine eingestürzte Hauswand. Sie konnte hören, wie es ihnen Tau-5 gleichtat, bevor ein wahres Meer aus Feuer an ihnen vorbeifauchte. Elli spürte, wie sich der Stein aufzuheizen begann.
Als der Flammenstrom schließlich verebbte, wagte sie es, aus ihrer Deckung zu lugen.
Der vordere Teil der Mauer war geschmolzen.
"Sieht so aus, als wäre ich jetzt dran", murmelte Deimos neben ihnen und stand auf.
Dean und Elli wechselten einen Blick und beschlossen dann, das Geschehen zu verfolgen.
Deimos lief dem Drachen seelenruhig entgegen. Der schien das als Affront aufzufassen, denn er ließ ein markerschütterndes Brüllen ertönen.
Dann würgte ihm ein schwarzer Tentakel die Luft ab.
Er war aus dem Boden gekommen, der um den Drachen herum aufgebrochen war und es immer noch tat. Mehr der Pseudopodien kamen aus dem entstehenden Loch hervor und schlangen sich um das Reptil, ungeachtet des Feuers an seinem Körper.
Mit einem erstickten Brüllen wurde der Drache schließlich in das Loch gezogen. Deimos hüpfte hinterher.
Tau-5, Dean und Elli traten an den Rand des Loches.
"Was denkt ihr passiert da drin?", fragte Nanku.
"Naja, er ist der Gott der Panik", gab Elli zurück. "Von daher…"
Es dauerte eine Weile, aber dann brach der Drache wieder mit einem Urschrei aus dem Loch hervor. Deimos kletterte ebenfalls wieder heraus. Dann gab das Wesen einen erstaunlichen Laut von sich.
Es fiepte.
Hektisch, ohne darauf zu achten, ob es seine Umgebung zerstörte, versuchte es rückwärts so weit von Deimos wegzukommen wie möglich.
Alle Augen richteten sich auf den Gott.
"Und das haben Sie hinbekommen, ohne ihn zu verletzen?", fragte Munru.
Deimos zuckte nur mit den Schultern.
"Ich habe Erfahrung mit Drachen. Gehen wir jetzt weiter, oder nicht?"
Er schlenderte zur anderen Seite der Kaverne.
Irantu wechselte einen kurzen Blick mit Elli.
"Der Kerl ist eine Cheatcode", meinte sie.
"Das ist unwichtig, solange er uns am Leben hält", meinte Irantu nur.
"Eure Fähigkeit zum Smalltalk ist beachtlich", kommentierte Elli trocken.
"Wir arbeiten daran."

Die nächste Kammer begrüßte sie mit atemberaubendem Gestank. Elli stiegen die Tränen in die Augen wegen dem Geruch.
"Thagirion, die, die Kummer und Tränen verbreiten", keuchte sie. "Das ist mal eine kreative Auslegung…"
Die Quelle des Gestanks war ein modriger Sumpf mit giftgrünem Wasser. Alles, was hier wuchs, war verkümmert und missgestaltet. In der Nähe hockte etwas, das vermutlich sowas wie ein Frosch war, aber für ein genaues Urteil wuchsen ihm zu viele Gliedmaßen aus unangebrachten Stellen. Außerdem war seine Haut mit Eiterbeulen überzogen. Der Anblick war derart ekelhaft, dass Elli zu würgen begann.
"Oh, ich habe ihn auch gesehen", keuchte Deimos neben ihr und begann ebenfalls zu würgen.
Elli wollte nach ihrem Flachmann greifen aber besann sich dann anders. Wenn es dumm kam, erzeugte sie mit den Sumpfgasen hier eine Explosion. Darum tat sie das, was sie eigentlich hätte vermeiden wollen und übergab sich zusammen mit Deimos. In der Umgebung fiel der Auswurf nicht groß auf…
Dean rubbelte ihr den Rücken.
"Wir sollten schnell weiter", sagte Onru. "Die Luft hier ist giftig. Dean, Sie halten sich erstaunlich gut."
"Hab schon schlimmeres gesehen", kam es zurück. "Aber ich will nicht hier sein. Ist das dreckig hier…"
Er half einer benommenen Elli, auf den Füßen zu bleiben. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie grün im Gesicht wurde. Muru und Onru stützten Deimos.
"Bloß kein Feuer", stöhnte Elli. "Sonst setzt ihr hier alles in Brand."
Es war nicht einfach, einen Weg durch den Sumpf zu finden, vor allem, weil sie durch das stinkige Wasser waten mussten. Dean trug Elli dabei auf Händen, was aber weniger an Fürsorge als mehr daran lag, dass er dann nur ein paar Hosen waschen musste. Mehrmals mussten sie umkehren. Elli ging es immer schlechter, Deimos hielt sich gerade so und auch Tau-5 schien nach einer Weile erste Anzeichen von Übelkeit zu zeigen.
Das Unglück ereignete sich kurz vor Erreichen des Ausgangs.
Munru tat einen falschen Schritt und sank im Matsch ein.
"Warte, ich helfe dir", sagte Nanku und begann zu ziehen.
Munru bewegte sich nur in eine Richtung, und zwar nach unten.
"Irgendwas hat mich am Bein gepackt", gab er an seinen Anführer weiter, als hätte er gerade gemerkt, dass es regnet.
"Hm, dich kriegen wir nicht raus", stellte Irantu mit ähnlichem Mangel an Besorgnis fest. "Kannst du uns da drüber heben oder werfen, da ist trockenes Land hinter dir."
"Ich kann es versuchen."
Während Munru immer tiefer sank, warf er im Eiltempo jedes Mitglied der Gruppe einen Meter weit auf das Ufer. Für Elli war der Aufprall schmerzhaft. Dean war der Letzte.
"Soll ich dir wirklich nicht helfen? Ich bin garantiert zu schwer zum Werfen."
Munru, von dem mittlerweile nur noch der Kopf aus dem Wasser ragte, schüttelte den Kopf.
"Dann benutzen Sie mich als Sprungbrett. Mein Tod ist nicht das Ende und daher nebensächlich."
"Kommen Sie mir jetzt nicht mit Religion."
"Äh, nein, er hat recht", rief ihm Deimos zu. "Tau-5 kriegt einfach neue Körper, wenn einer von ihnen stirbt, da wird dann das Bewusstsein des Toten hineintransferiert."
"Ihr seid gruselig", kommentierte Dean.
Sagt einer, der das auch schon sieben Mal hinter sich hat, dachte sich Elli. Sie hatte nicht gedacht, dass ihre Meinung über die Schöpfer von Samsara noch weiter sinken konnte, aber offenbar hatte sie den Boden vom Fass noch nicht erreicht. War es nicht schlimm genug, einmal den Tod zu durchleben?
Dean mittlerweile schien sich durchzuringen und setzte einen Fuß auf Munrus Kopf. Der Satz, den er machte, schleuderte ihn ans Ufer, aber Munru verschwand dafür unter Wasser.
"Ertrinken ist einer der schmerzhaftesten Tode", kam es schwach von Elli.
"Wissen wir", kam es einstimmig vom Rest vom Tau-5.
Gleichgültig.
Gefühllos.
Elli und auch Deimos atmeten auf, als sie den Gang erreichten. Die Luft dort drin wurde wieder besser. Nach einer Weile konnte sie sogar wieder von selbst laufen.
Die nächste Kaverne war sehr klein, aber dafür hoch.
Und sie besaß mehrere Ausgänge. Über ihnen kreisten schwarze Vögel, die Elli bei näherem Hinsehen als Raben erkannte.
"Wo geht es lang?", fragte Elli. "Irantu, hier ist Ihr Wissen gefragt, ihr wart schonmal hier."
"Tja, da kann ich Ihnen nicht helfen. Sie sind doch hier Frau Neunmalklug", entgegnete Irantu.
Er klang… Gereizt?
"Wir könnten uns aufteilen", schlug Onru vor. "Vielleicht kann ich mit Echolot einige Ausgänge ausschließen."
Die Raben begannen zu krähen.
"Damit nur du nach unten kommst und du allein gefeiert wirst?", erkundigte sich Nanku. "Nix da, wenn, dann krieg ich den Ruhm, geht das klar?"
"Können wir nicht vielleicht erstmal Pause machen?", fragte Deimos. "Elli, du kannst mir ja zeigen, was du bei meinem Vater angestellt hast."
Das Krähen der Raben wurde lauter. Sie schienen tiefer zu fliegen…
"Knobelt das selbst aus", entgegnete Onru. "Ich muss meine Mission ausführen."
Nanku richtete eine Waffe auf sie.
"Oh, ich hatte also recht? Dann ist hier für dich Endstation, Onru."
"Ihr zwei, ich bin euer Chef. Ihr folgt meinen Befehlen und nichts anderem", fuhr Irantu auf.
Er war sauer. Und er richtete ein Sturmgewehr und eine Granatpistole auf seine Teammitglieder. Onru und Nanku machten daraufhin das mexikanische Patt komplett.
"Meh, komm Elli", brummte Deimos. "Lassen wir die das alleine auskaspern und wir machen uns ne' schöne Zeit."
Er grinste anzüglich.
Das Kreischen der Raben wurde ohrenbetäubend.

Das nächste Mal bei Nexus:
Der Gefallen, Teil 3

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