Der Zornregulator, Teil 1
Bewertung: +6+x

Das letzte Mal bei Nexus:
Sankt Chloe, Teil 3

Monde, anders als Planeten, sind in ihrer Bevölkerung und der Regierung relativ homogen, was vermutlich mit ihrer Größe zusammenhängt. Menschen schienen sich immer in mehrere Staaten aufzuteilen, wenn sich genug von ihnen an einem Ort versammelten. Für Monde war das relativ angenehm, denn ein Himmelskörper, dessen Bevölkerung zusammenarbeitete, hatte im interstellaren Reich der Menschheit nichts zu befürchten.
Vorausgesetzt, sie wurden richtig geführt.
Es gab da nämlich auch diese wenigen Monde wie zum Beispiel IP-2907, der einen unbewohnten Gasriesen umkreiste. An sich war der Mond gut versorgt, die Mondbasen waren dicht und die Versorgung funktionierte halbwegs und IP-2907 machte sehr viel Geld mit dem Abernten von Helium von der Oberfläche seines Gasriesen.
Das Problem, das meiste davon landete beim oberen einen Prozent der Bevölkerung. Entsprechend waren die meisten Mondbasen zwar in Schuss, aber kulturell und finanziell so heruntergekommen, dass sich nicht mal mehr die Ordnungshüter dorthin trauten.
Wer hier Läden führen wollte, musste entweder die richtigen Leute kennen und bezahlen oder besaß ein ausreichendes Arsenal an Waffen.
Bars wie der Blue Moon waren die Ausnahme. Selbst in einer Gesellschaft bestehend aus Halunken, Halsabschneidern und Verbrechern war man übereingekommen, dass es Orte geben musste, an denen man auch mal die Seele baumeln lassen konnte. Wer solche Geschäfte angriff oder Schutzgeld von ihnen verlangte, zog sich unter Umständen den Zorn der ganzen Mondbasis zu. Und lebte meistens nicht lange genug, um jeden kennenzulernen, den er auf den Schlips getreten war.
Ferra sah an der Theke des finanziell stabilen Blue Moon und schlürfte einen Cocktail, der zu einem Teil aus Alkohol, einen Teil aus Zucker und einem Teil aus Motoröl mit einer Prise Erdbeersirup bestand.
Mit den zum Pferdeschwanz gebundenen silbernen Haaren und ihrer schlanken Figur gehörte sie zu den besser anzusehenden Personen hier in der Gegend. Zwar trug sie einen grauen Trenchcoat, um ihren Körper wenigstens etwas vor begierigen Blicken zu verbergen, aber leider funktionierte das nicht immer. Ein bulliger Typ mit einer Narbe quer über das ganze Gesicht und Klamotten, die ihm drei Nummern zu groß zu sein schienen, stampfte auf sie zu und grinste ein Grinsen, das er wohl für anzüglich hielt, in Ferra aber den Drang auslöste, ihm ihren Drink in den Hals zu schütten. Anders als sie schien er kein Cyborg zu sein. Wäre bestimmt interessant gewesen zu sehen, wie er mit dem Öl klarkam…
"Na, heute schon was vor? Wenn du Lust auf ein bisschen Ablenkung hast, ich kann dich zu den Sternen schicken, Schnecke."
Schnecke.
Hinter Ferras grauen Augen wurde die Datenbank gesuchter Verbrecher aufgerufen und ein Gesichtsabgleich durchgeführt. Und tatsächlich. Silus Croquer, gesucht wegen gefährlicher Körperverletzung und Raub in zwei Fällen. Kopfgeld: 20.000 Credits. Würde für ein paar Tage reichen…
Der Wirt, der sie nach dieser Anmache misstrauisch gemustert hatte, wandte sich beruhigt wieder seinem Geschäft zu, als Ferra zu lächeln begann.
"Oh, da ist durchaus ein Loch, das du füllen könntest…"
Das Grinsen von dem Typen wurde etwas breiter. Ihm fehlten zwei Zähne, stellte Ferra fest.
Vor ihrer Hand erschien eine Fläche auf hellen weißen Punkten, die sich teilte, um Ferras Arm im Nichts verschwinden zu lassen. Tatsächlich war sie gerade in Ferras Subdimensionstasche verschwunden, einer eigenen kleinen Taschendimension, in der sie alle ihre Habseligkeiten mit sich führte.
Ihr Verehrer stieß einen anerkennenden Pfiff aus.
"Du bist ein Cyborg, hm? Sieht man dir gar nicht an. Hab gehört ihr haltet ziemlich lange durch."
"Glaubst du, du schaffst mich?", fragte sie.
"Hähä! Aber sicher doch."
"Hm…"
Ferra musste ihre Sichtkamera an ihrem Handgelenk aktivieren um zu sehen, wo sie hingriff. Es war eine simple Armbandkamera, die per Bluetooth mit ihrem Hirn verbunden war.
"Hm, was glaubst du, wie groß du brauchst? Mit Klein brauchst du mir gar nicht erst anfangen."
Der Mann zuckte grinsend mit den Schultern.
"Hol mal das Größte raus, was du hast."
"Sicher? Alles klar."
Ferra tat wie geheißen.
Und zog ihre Plasmastrahlkanone Kaliber 25 mm aus ihrer Taschendimension, eine schwarz glänzende Waffe von den ungefähren Abmaßen zweier übereinandergestellter Ölfässer. Ferra konnte sie nur deshalb auf ihrer Schulter tragen, weil ihr Körper kybernetisch verstärkt war. Die Kanone summte erwartungsvoll, während sie hochfuhr und die Mündung zu leuchten begann.
Silus schlief das Gesicht ein. Er lief langsam rückwärts.
"Hey warte… Was wird das?"
Ferra hörte erleichtert auf zu lächeln. Es war anstrengend.
"Yeah, ich glaube wir haben aneinander vorbeigeredet. Du wolltest eine schnelle Nummer, ich wollte schnelles Geld."
Die anderen Gäste drehten sich interessiert um. Kopfgeldjäger waren nicht gern gesehen, zumindest nicht lebendig, aber der hier hatte eine ziemlich dicke Wumme dabei. In solchen Fällen galt es als abgemacht, dass sich keiner ohne Grund zwischen sie und ihr Ziel stellte, solange wie sich der Kollateralschaden in Grenzen hielt. Das hatte nichts mit Verbrecherehre zu tun, sondern mit dem Wunsch, nicht in einen kleinen Haufen Asche verwandelt zu werden.
Das Problem hier war allerdings, offenbar hatte jemand einen Grund, Silus zur Seite zu stehen.
Zwei Männer standen von einem Tisch auf und näherten sich Ferra mit gezogenen Pistolen.
Es war eine langweilige Zivilistenausführung. Die Dinger verschossen nur einen kleinen Dorn aus Metall und keine Granaten oder Laser. Wer versuchte, Ferra mit sowas zu bedrohen, beleidigte sie damit tief.
"Hey, hey, hey, was ist denn hier los?"
Ferra führte einen Gesichtsabgleich durch. Iota John und Lutz "Der Schreckliche" Luck. Gemeinsames Kopfgeld: 35.000.
Das sah doch schon besser aus.
"Iota, hilf mir mit diesem Weibstück!", bat Silus erschrocken.
Ferra sah hinter den beiden Spießgesellen das, was sie sehen wollte und drückte ab. Es war egal, ob sie das Ziel lebendig zurückbrachte, solange genug übrig blieb, um es zu identifizieren. Silus betrachtete mit großen Augen das rauchende Loch, das plötzlich in seiner Brust prangte, bevor er zusammenbrach. Seine Kollegen konnten nicht mehr abdrücken, weil zwei übergroße Hände ihre Köpfe packte und so hart zusammenschlug, dass die Schädel brachen.
"Hör mal, ich weiß, du zeigst anderen Leuten gerne deine dicken Geräte, kann ich nachvollziehen, keine Sorge, hab mich schon mehrfach mit ausgefahrener Auslegware erwischen lassen, super für's Ego aber beschissen für's Dating, wertvolle Lebenslektionen… Aber schau, du hättest ihn vielleicht erschießen können, nachdem ihr euch ein Zimmer genommen hättet?", merkte Nero an.
Er war ein riesenhafter Typ mit brauner Haut und Glatze, aber seine Hände waren noch größer. Sie schrumpften aber bereits auf normale Proportionen, damit er seine Opfer hinter sich her schleifen konnte. Er war komplett in braunes Leder gehüllt, oder zumindest sah es so aus. Tatsächlich war alles was er trug Teil seines Körpers. Er war Anhänger der sarkischen Künste, er konnte seinen Körper formen wie er wollte.
Ferra streckte ihm kurz die Zunge raus. Das Symbol der Maxwellisten war darauf tätowiert.
"Es ist anstrengend, so lange freundlich zu Leuten zu sein."
Nero zuckte mit den Schultern.
"Tja, dafür wurde der Alkohol erfunden. Und Stressbälle."
Ferra nahm sich den Hinweis zu Herzen, steckte ihre Kanone wieder ein, trank ihren Drink aus und zahlte. Einmal für die Getränke und einmal für die Reinigungskräfte.
Die anderen Gäste derweil wandten sich wieder ihren eigenen Angelegenheiten zu.
"Fünfundfünfzigtausend Credits, Nero", erklärte Ferra, als sie die Bar mit ihrer Beute verließen. Wir müssen sie nur noch abgeben."
Außerhalb der Bar endlich vom Rauchverbot befreit, holte Ferra eine dicke Zigarre aus ihrem Subraum, zündete sie an und begann zu paffen.
"Ach so", kommentierte Nero derweil. "Ich hätte sie einfach ohne jeden Grund liegen gelassen… Ganz schöne Summe, aber so hart wie du nach Gold gräbst wahrscheinlich bei weitem nicht genug, um deine Träume wahr werden zu lassen. Echt mal, guck dir mal mich an, letzte Woche hab ich es aus dieser Schießerei als Sieger rausgeschafft. War schon immer mein Traum eine Schießerei ohne Waffe zu gewinnen und siehe da, Traum wird wahr! Träum ökonomischere Träume! Wesentlich schneller zu erreichen und du hast noch Geld über um dir Schokoriegel zu kaufen. Tolle Sachen, diese Schokoriegel, besonders die vom Mars. Also, keine Mars-Riegel, die sind von der Erde. Dumme Wahl für einen Namen. Weltumspannender Konzern und weiß nicht, auf welchem Planeten er sich befindet. Schlechtestes Management ever. Apropos Management, wie schaut unser Kontostand aus?"
Ferra hielt ihren Kotzbalken mit den Zähnen fest, als sie antwortete.
"Wenn wir die Jungs hier abgegeben haben, kann ich endlich die Cluster-Gun kaufen, die ich haben wollte. Wir müssten dafür aber rüber in ein vergangenes Paralleluniversum. Brym in Terzan 2 macht ziemlich gute Deals, wenn du weißt wo du gucken musst."
Nero schaute sie skeptisch an.
"Ah, schön, dass die Frau wieder shoppen kann. Dann noch ein bisschen Wimpern klimpern für den Rabatt. Find ich unfair, das letzte Mal dass ich aussuchen durfte wo wir hinfahren, war vor zwei Jahren. Ich mein, okay, ich hab ein oder zwei Häuser zum Einsturz gebracht aber was kann ich dafür, wenn ich nicht weiß, dass das Mädel nem Realitätsbeuger gehört. Ist nicht so, dass die ein "'Nicht flirten'-Schild mit sich rumtragen. Wäre sehr hilfreich manchmal. Ebenso hilfreich wie ein Plan dafür, was wir tun, wenn du das Konto mal wieder leergeräumt hast."
Ferra seufzte resigniert.
"Nero, es ist Brym. Wir könnten vermutlich die halbe Bevölkerung auf gut Glück niedermetzeln und kriegen sogar noch Geld von irgendjemandem. Ich sag dir, noch während wir dort sind, läuft uns wieder was vor die Flinte. Es ist nur die Frage, wer."

"Klingt nach einem Job für mich", freute sich Elli.
"Nein, Elli, lass die Finger vom Sake", sagte Dean, ohne seinen Gesprächspartner aus den Augen zu lassen.
Gegenwärtig befanden sich die beiden zusammen mit Chloe im Japan des 17. Jahrhunderts, um in einem Lokal zu essen. In historischer Kleidung.
Es war ein sehr kleiner, aber blitzsauberer Laden mit einigen Tafeln und Holzbänken. An einer Wand hing ein Bild von einer Szene, die Männer beim Ackerbau zeigte. Chloe fragte sich hierbei, wieso man nach der Arbeit noch mehr von seiner Arbeit sehen wollte, das kleine Dorf, in dem sie sich befanden, hatte nämlich den Anbau von Reis als Haupteinnahmequelle.
Menschen, mit denen sie hier sprachen begegneten ihnen mit Argwohn, besonders Chloe wurde mit ihren weißen Haaren angestarrt, wenn jemand auf sie aufmerksam wurde.
Glücklicherweise ist Geld meist stärker als Vorurteile, sodass der Wirt ihnen bereitwillig etwas zu Essen serviert hatte.
Ein kleiner Kaufmann in einem schicken grünen Gewand und einen sorgsam getrimmten Schnauzbart, der neben ihnen saß, war allerdings absolut fasziniert von diesen Ausländern und wollte so viel wie möglich über die Welt da draußen wissen. Größtenteils damit er einschätzen konnte, was sich gut verkaufte. Zu diesem Zweck versuchte er gerade Dean mit Alkohol zu bestechen, bevor sich Elli eingeschaltet hatte.
Dem Kaufmann gefiel das gar nicht.
"Wie ungehobelt, mich ohne Aufforderung anzusprechen! Ihr müsst eure Frau disziplinieren", sagte er ärgerlich.
"Wenn das so einfach wäre…", entgegnete Dean und schob den angebotenen Krug so weit wie möglich weg von Elli.
"Ich finde es erstaunlich, dass Ihr euch mit einem solchen Wildfang abgebt. Hoffentlich verkommt eure Tochter nicht dadurch."
Dean zuckte mit den Schultern.
"Auf der anderen Seite des Meeres genießen Frauen mehr Freiheit, edler Herr" erklärte ihm Dean.
Der Kaufmann legte die Stirn in Falten, als er versuchte, diese für ihn aberwitzige Information als Fakt in seinem Hirn abzulegen.
"Das kann ich nicht nachvollziehen…"
Die Tür flog krachend auf. Die Gäste und auch der Wirt drehten sich um und wurden einem kräftigen, ungepflegten Mann gewahr, der Kleider trug, die definitiv oberhalb seiner Gehaltsklasse lagen. Hinter ihm traten drei weniger musklebepackte, aber ähnlich aufgemachte Individuen in den Raum. Sie trugen Waffen bei sich. Keulen, einige von ihnen mit spitzen Nägeln versehen. Einer hatte ein Messer.
Dean seufzte.
"Ich regele das mal kurz."
Der Kaufmann wollte etwas erwidern, aber Dean klopfte ihm nur aufmunternd auf die Schulter und stand auf.
"Meine Herren, wenn Sie so freundlich wären, ihre Waffen einzustecken, sie vermiesen den Gästen hier das Essen."
Er sprach mit der ruhigen Stimme eines Psychiaters, der versuchte, einen cholerischen Elefanten mithilfe all seines Einfühlungsvermögens zu therapieren.
Der Anführer der Gruppe, der Dean gerade Mal an das untere Ende seiner Brust reichte, grinste ihn verschlagen an.
"Das können wir durch aus machen, Ausländer. Aber schauen Sie, wir brauchen Decken und Schneiden, um unsere Keulen und Dolche zu verbergen. Wenn Sie uns mit ihrem Hab und Gut aushelfen könnten, dann wären wir sehr dankbar und würden sogar davon absehen, ihnen den Wanst aufzuschneiden."
Sein Blick fiel auf Chloe und Elli, die ihren Flachmann hervorgekramt hatte um zu trinken.
"Aber ich glaube, nichts desto trotz werden wir Ihre Frauenzimmer mitnehmen…"
Dean knurrte genervt, während sich die restlichen Räuber in einem Halbkreis aufstellten, um das Geschehen besser verfolgen zu können. Wahrscheinlich war das sowas wie Nachmittagsfernsehen für sie.
"So leid es mir tut, Sie werden meine Begleiterinnen und anderer Leute Geld hier drin nicht ohne Widerstand erlangen", warnte ihn Dean.
"Das Risiko gehe ich ein."
Er schlug mit seiner Keule zu.
Dean trag einen Schritt zur Seite und entging dem Hieb, aber das ließ sich der Mann nicht gefallen. Er versuchte Dean von hinten zu rammen.
Keine zwei Sekunden später flog er durch die Tür hinaus ins Freie. Unterwegs riss er noch einen seiner Angestellten um.
Elli gab Dean mit vollem Mund leichten Applaus. Der wandte sich derweil an die beiden Männer, die immer noch standen.
"Möchte einer von euch zu dieser Unterhaltung einen Beitrag leisten?"
Die beiden sahen sich an und gingen dann zusammen mit Messer und Keule auf ihn los. Dean packte sie einfach an der Gurgel und hielt sie auf Armeslänge. Wütend wurde mit dem Messer auf seine Haut eigestochen, aber die beiden brachen erschrocken ab, als sie merkten, dass die Klingen nicht tief eindrangen.
"Schnittfeste Außenverkleidung", erklärte Elli hinter ihm Chloe. "Man braucht einen Flammenwerfer oder Schusswaffen, um Dean Mark V kosmetischen Schaden zuzufügen."
Dean derweil schleifte seine Opfer nach draußen, trat dabei wiederholt auf den vierten Vagabunden, der versucht hatte, wieder hochzukommen und warf die Räuber hinaus.
Dann wurde er zurückgedrängt, als sich der Räuberchef gegen ihn warf. Der Getretene griff derweil nach seiner Waffe und rammte sie Dean zwischen die Beine, ohne damit eine Reaktion auszulösen. Dean fuhr mit dem fort was er geplant hatte, nämlich seine Faust im Gesicht seines Gegenübers zu versenken. Der beherrschte allerdings ebenfalls die Kunst des Ausweichens und machte eine Pirouette zur Seite. Seine Keule kam aus der Drehung heraus angeflogen und trat mit Deans rechter Schläfe in Kontakt.
Es machte dumpf "Bonk!" und Dean erstarrte mitten in der Bewegung.
Der Räuberbandenchef legte den Kopf schräg ob dieses Geräuschs, während sein Scherge endlich wieder vom Boden aufstand.
Dean erwachte plötzlich wieder aus seiner Erstarrung, packte die beiden schneller als das Auge folgen konnte bei den Gesichtern und schob sie rückwärts nach draußen.
Und nahm dabei einen Teil des Türrahmens mit.
Es folgte mehrfaches, Übelkeit erregendes Knacken, als Dean draußen war, gefolgt von Schmerzensschreien.
Elli und Chloe wechselten einen erschrockenen Blick, bevor sie nach draußen stürzten.
Normalerweise beschränkte Dean sich darauf, seine Gegner kampfunfähig zu machen, etwa indem er sie fesselte oder K.O. schlug. Chloe sah nun zum ersten Mal, wie er Knochen brach, einfach indem er seine Hände um Gliedmaßen schloss. Sie beide blieben erschrocken stehen, was Dean genug Zeit gab, den Bandenführer zu packen, als dieser vor ihm wegkriechen wollte und damit anzufangen, sein Gesicht mit der Faust zu bearbeiten, in einem Takt, den Chloe eigentlich von Presslufthämmern kannte.
"DEAN! HÖR AUF!", bellte Elli fassungslos.
Dean hörte tatsächlich auf, drehte sich zu ihr und nutzte den Schwung, um einen der Schergen mit einem Hieb von den Füßen zu fegen. Dann stampfte er auf Elli zu. Chloe sah ihn zum ersten Mal richtig sauer.
"Jaja", knurrte er. "Oh, Dean, lass uns wohin gehen, wo die Polizei noch nicht so hart durchgreifen kann, und wo man Ausländer nicht leiden kann", äffte er Elli Stimme nach. "WUNDERVOLLE IDEE, ELLI! ICH BIN STOLZ AUF DICH! Jedes Mal, wenn wir irgendwo hingehen werden wir entweder angegriffen, gefoltert, gejagt, mit irgendwelchen gefährlichen Aufgaben betraut oder eine Kombination dieser Dinge! Ernsthaft! Ich könnte wahnsinnig werden mit dir! Und ich sag dir was! JETZT REICHT'S!"
Er hob beide Hände über den Kopf, um Elli in den Boden zu rammen, aber Chloe stellte sich schützend vor sie.
"Halt dich DA RAUS, CHLOE!", brüllte Dean sie an.
Chloe befürchtete halb, dass Dean statt Elli sie ins Fadenkreuz nahm, aber trotzdem nahm sie ihren ganzen Mut zusammen.
"Nein, Dean! Du beruhigst dich jetzt erstmal wieder!", entgegnete sie und wartete darauf, zermatscht zu werden.
Dean änderte sein Ziel in die Hauswand neben ihn und drosch ein Loch hinein.
"Ich KANN MICH NICHT BERUHIGEN!", keifte er. "Ich kann mich einfach nicht mehr halten!"
Elli zog eine Augenbraue hoch.
"In den Nexus!", befahl sie mit einer Stimme, an die man super einen Transmissions-Jiggle hätte anhängen können.
Sie öffnete ein Portal in dem Loch in der Wand und zerrte einen ziemlich widerwilligen Dean hindurch. Chloe schob von hinten.
Der Wirt sah fassungslos aus seinem Restaurant heraus auf das Bild der Zerstörung und die gefällten Räuber, die sie hinterließen.
Ein plötzliches Klackern in seiner Kasse ließ in aufschrecken. Als er zurück zum Tresen lief und sie öffnete, blitzte ihn ein großer, geschliffener Saphir freudig an.
Der Kaufmann beugte sich neugierig vor.
"Ist das Eurer?", fragte er.
Der Wirt zuckte hilflos mit den Schultern.
"Er war in meiner Kasse, ich denke schon…"
"Könnte ich euch dieses Kleinod zu einem fairen Preis abkaufen?"

Kaum war Dean im Nexus angekommen, beschwor Elli Stahlseile, um ihn zu fesseln und ihn an einen Stuhl in ihrer Werkstadt zu binden. Während Dean Zeter und Mordio schrie, suchte sie nach einer Werkzeugkiste für robotertechnische Feinarbeiten. Sie fand diese schließlich und holte einen Schallhammer heraus, mit dem die den Verschluss an Deans Schädeldecke öffnete. Seine obere Kopfhälfte klappte knapp oberhalb der Augen auf und gab den Blick auf ein Gewirr aus Drähten und Platinen frei. Eine davon qualmte.
Unter dem Entzug von Deans Bewegungsfreiheit und dem Einsatz einer Brille mit zahlreichen Vergrößerungsgläsern holte sie das Bauteil heraus.
Chloe schaute ihr dabei interessiert zu.
"Was ist das?", fragte sie.
Elli ächzte gequält.
"Das ist Deans Zornregulator. Ich glaube er wurde durch den Hieb vorhin beschädigt. Aber eigentlich sollte er das aushalten… Moment…"
Sie holte eine Art Taschenlampe aus der Werkzeugkiste und beleuchtete die verkohlten Überreste. Ein Hologramm auf Würfeln und Kugeln bildete sich auf der anderen Seite, aus denen sie einige unschöne Informationen ablas.
"Oh verdammt, der Verkäufer hat mich verarscht! Und dabei habe ich mit einem Kristallschädel bezahlt! Na warte…"
Elli schnippte mit den Fingern. Hinter ihr öffnete sich ein großer Stahlschrank. Dampf quoll daraus hervor und gab den Blick auf Deans anderen Körper1 preis.
"Willst du mich VERARSCHEN, ELLI!?", brüllte Dean auf seinem Stuhl. "Wenn du mich da rein setzt-"
"Dean, wir müssen nach Terzan 2, Brym-Weltraumhafen, dafür brauche ich dich in einem Zustand, in dem du nicht versuchst, die Raumstation in Schutt und Asche zu legen", unterbrach ihn Elli und begann einige Kabel zu verlegen. "Chloe, dich werde ich zu Hause absetzen müssen. Brym ist kein Ort für junge Mädchen… Oder junge Jungs… Arme Kerle…"
"Och…", machte Chloe.

Aktiviere…



Überprüfe Energieversorgung…



Überprüfung abgeschlossen.
Kalibriere sensorische Ausrüstung…



Kalibrierung abgeschlossen…
Dean, bereit zum Einsatz.

Dean schlug die Augen auf. Er fühlte sich nicht mehr erderschütternd zornig, aber er fühlte sich auch nicht wirklich als hätte er einen richtigen Körper.
Irgendwas stimmte mit seinem Schwerpunkt nicht.
Das merkte er allerdings erst, als er bereits vornüberkippte.
Mit lautem Poltern krachte er auf den Boden.
Elli und Chloe standen neben ihm und sahen ihm dabei zu, wie er sich wiederaufzurichten versuchte. Er kam erst allmählich dahinter, was es hieß, einen weiblichen Körper zu haben, mehrere Gelenke saßen nicht an den Positionen, die er gewöhnt war und Elli war bei der Konstruktion dieses Körpers natürlich Elli gewesen und hatte ihn mit unnötigen und teilweise ziemlich stark ausgeprägten sekundären Geschlechtsmerkmalen versehen. Soll heißen, dass er, selbst wenn er ein Bein vorsetzte, seinen Fuß nicht sehen konnte. Naja, wenigstens war sie so anständig gewesen und hatte Dean nicht in irgendwelche aufreizenden Klamotten gesteckt, sondern in einen schwarzen Damen-Geschäftsanzug mit weißem Hemd und gold-schwarz gestreifter Krawatte…
"Ough, dieser tote Winkel ist ja grauenhaft…", nörgelte er und stöhnte gleich darauf genervt auf.
Elli hatte ihn mit einer Stimme vom Modell Böse Overlady ausgestattet. Tief, aber vermutlich derart feminin, dass ihm männliche Gesprächspartner nicht zuhören würden, weil sie komplett in ihren Bann gezogen waren. Vorausgesetzt, sie wurden nicht schon von seinem Aussehen abgelenkt. Er sah es schon kommen, dass sich irgendwas in seinem Haar verheddern würde. Es reichte bis zu den Kniekehlen.
"Wenn ich so drüber nachdenke", sagte Chloe. "Warum hast du nicht einfach den Zornregulator aus diesem Körper in Deans alten eingebaut?"
"Nicht kompatibel", gab Elli zurück. "Durch die Kopfform und die generelle Körpersteuerung ist dieses Modell anderes aufgebaut. Ich habe ein Experiment mit einem Dummy gemacht, er hat die ganze Zeit geweint. Außerdem wollte ich den hier schon lange Mal laufen sehen. Dean, kannst du mal wackeln lassen? Ich hol auch Dollarscheine."
Dean setzte ein breites und warmes Lächeln auf und fasste Elli an den Schultern, wodurch noch besser ersichtlich wahr, dass er immer noch mehr als zwei Köpfe größer war als sie.
Wie erwartet wurde Elli unwillkürlich rot, als er begann, seinen weiblichen Charme zur Schau zu stellen.
Er hob anzüglich die Augenbrauen, spitzte die Lippen…
Er beugte sich zu ihr nach unten…
…und verpasste Elli einen derartigen Kopfstoß, dass ihr Schädel mit einem lauten Knacken brach.
Elli kippte hinten über. Blut spritzte ihr aus der Nase. Aber nicht für lange.
Dasselbe Knacken erklang nochmal, diesmal rückwärts und Elli röchelte am Boden.
"Okay, das hatte ich verdient…"
Dean, noch immer teilweise vornübergebeugt von seiner Attacke, richtete einen Halogenlaser-Blick auf Chloe, die sich dazu entschloss, die Lippen aufeinander zu pressen.
Dean schüttelte den Kopf über seinen derzeitigen Zustand, stellte diese Handlung aber sofort wieder ein, als sein Haar dadurch in Oszillation geriet.
"Also gut, bringen wir das hinter uns. Je eher ich hier wieder rauskomme, umso besser…"
Er machte einen Schritt und knickte zur Seite um.
"STÖCKELSCHUHE?!", entfuhr es ihm.
Er merkte erst jetzt, was er für Schuhe trug. Er konnte wie bereits erwähnt seine Füße nicht sehen, wenn er aufrecht stand und hatte daher gedacht, das wäre Teil der weiblichen Anatomie.
"Ich dachte es wäre sexy…", meldete Elli kleinlaut an, während sie wieder aufstand.
Dean hatte plötzlich das Bedürfnis, weitere Kopfnüsse zu verteilen…
"Äh, sollte ich mich nicht vielleicht um Dean kümmern?", bot Chloe an. "Ich meine, wenn er ständig umkippt, sollte jemand dabei sein, der ihm hilft, oder? Falls du nicht da bist, Elli."
"Du willst unbedingt mit, oder?", fragte Dean trocken, während er seine Schuhe auszog.
Er hatte irgendwie das Gefühl, dass er eine ganz andere Wirkung erzielte, wenn er diesen Tonfall mit einer Frauenstimme benutzte…
Chloe presste wieder die Lippen aufeinander und nickte nach kurzer Überlegung.
Dean seufzte und rieb sich den Nasenrücken, um seinen Unglauben auszudrücken.
Als er die Augen wieder aufmachte, schaute ihn Chloe an wie ein Hundebaby.
Er hasste es, wenn sie das tat. Es fiel ihm schwer, zu diesen Augen nein zu sagen. Sie musste diesen Trick irgendwo aufgeschnappt haben, denn Elli hatte diesen Gesichtsausdruck nie gut genug hinbekommen, um ihn zu erweichen.
Allerdings war Brym eine Todeszone für jeden, der gut genug aussah um als Sklave verkauft zu werden und sich dagegen nicht wehren konnte.
"Guck mich nicht so an, Chloe, diese Station ist zu gefährlich für dich. Und ich weiß nicht, ob ich dich in meinem Zustand beschützen könnte", sagte er daher.
Chloe schmollte.
"Dean hat recht", pflichtete Elli ihm zu seiner Überraschung bei. "Es gibt dort Lebewesen, die dich für eine Zwischenmahlzeit halten. Ich werde dich nach Hause bringen und sobald wir fertig sind, gehen wir nach Hollywood."
Chloe schmollte immer noch, nicht aber widerwillig.
Dean begann sich zu fragen, ob sie beide dieses "Abenteuer" überhaupt durchstehen würden…

Das nächste Mal bei Nexus:
Der Zornregulator, Teil 2

Sofern nicht anders angegeben, steht der Inhalt dieser Seite unter Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 License