Neuns Leere
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Das letzte Mal bei Neun:
Der Infiltrator

Standort-DE12

Für Richard war es völlig ungewohnt, sich frei bewegen zu können, ohne dass ihn jemand auf Schritt und Tritt verfolgte. Neun war seit dem Vorfall mit dem Magier nicht mehr aufgewacht. Gelegentlich zuckte irgendein Körperteil, aber ansonsten war sie wie tot. Man hatte sie auf ihr altes Bett gelegt und im Krankenflügel alle medizinischen Überwachungsgeräte an sie angeschlossen, die möglich waren, aber die meisten davon konnten Neuns Körper nicht lesen und gaben entweder gar nichts oder unverständlichen Kauderwelsch aus.

Richard kam jeden Tag, um nach ihr zu sehen. Außer ihm wuselte noch eine kleine, asiatisch aussehende Ärztin im Raum herum, aber sie schenkten sich gegenseitig keine Beachtung. Neun hatte zwar so viel Persönlichkeit wie eine Kartoffel, aber Richard hatte doch irgendwie angefangen, sie liebzugewinnen. Oder es war Stockholmsyndrom, er würde seinen Therapeuten dazu befragen müssen.

"Mich erstaunt, mit welcher Regelmäßigkeit Sie vorbeikommen", ertönte Winters Stimme hinter ihm. "Wenn ich daran denke, wie Sie damals reagiert haben, als Sie auf meinem Stuhl saßen …"

Richard drehte sich um.

"Winter, wenn Sie nichts Hilfreiches beizutragen ha- Ach du Scheiße, Winter!?"

Richard hatte Winter bisher nur in einem sehr losen Pullover und einem Kleid gesehen, gut, und einmal in einer sehr großen kugelsicheren Weste mit Hosen, aber heute hatte sie eine Art Wanderausrüstung angelegt, ebenfalls mit Hosen. Und Monokel. Richard wusste mittlerweile, dass Winter Hosen anders als ihre Sehhilfe nicht leiden konnte. Was ihn jedoch sprachlos machte, waren Winters Körperkonturen, die von dieser Montur deutlich hervorgehoben wurden. Er hatte immer gedacht, sie sei dick und trotz ihrer offensichtlichen Schlankheit hatte er in gewisser Weise recht. Nur konzentrierte sich Winters Fett auf bestimmte Körperbereiche … in erstaunlichen Mengen …

Winter bemerkte, wo er hinstarrte und verdrehte genervt die Augen.

"Ugh, Männer! Genau deswegen hasse ich figurbetonte Kleidung! Schauen Sie mir gefälligst in die Augen, bevor Sie mit Sabbern anfangen!"

Richard fing sich noch während Winters Tirade.

"Sie halten zu viel von sich", meinte er. "Was soll dieser Aufzug überhaupt? Machen Sie Urlaub in den Bergen?"

"Schön wär's", seufzte Winter. "Dr. Fucking Laschet hat mich zur Strafarbeit im Feld verdonnert, weil ich während des Dämonendebakels", und dabei machte sie mit den Fingern Gänsefüßchen, "mutwillig wertvolles wissenschaftliches Untersuchungsmaterial vernichtet habe. Eigentlich wollte der Eindämmungsleiter von 006 mich rauswerfen lassen, aber ich konnte vor dem Ethik-Komitee Notwehr geltend machen. Hiermit sollen die Wogen geglättet werden, weil alle wissen, wie ungern ich auswärts arbeite."

"Wo geht's denn hin? Und für was?", fragte Kalt und bemühte sich krampfhaft, Augenkontakt zu halten.

Bei anderen Leuten mochte Winter in figurbetonter Kleidung unanständige Gedanken auslösen, aber Richard, dem bewusst war, welche Persönlichkeit dieser Körper beherbergte, machte es einfach nur rasend. Niemand, der so unleidlich war, durfte so gut aussehen!

"St. Beatus Höhlen, liegen irgendwo in der Schweiz. Offenbar ist dort ein neues 299-Artefakt aufgetaucht, allerdings kann es im Moment nicht bewegt werden. Ugh, hoffentlich kriege ich das bis heute Abend auf die Reihe, ich habe keine Lust in der Schweiz zu übernachten, wissen Sie was für ein Theater da wegen der Spesen losgeht?"

"Von hier in die Schweiz und wieder zurück?", fragte Richard.

"Mit der Magnetbahn und dann dem Auto hin und zurück sechs Stunden, ich hoffe, dass ich dort in spätestens vier Stunden fertig werde."

"Oh, ich denke, wenn Sie einfach mal lächeln, liegt Ihnen die Belegschaft vor Ort bestimmt zu Füßen", stichelte Richard.

"Oh haha, schaffen Sie es mal mit meiner Figur durch die Fußgängerzone ohne, dass irgendein Proll Sie anquatscht", entgegnete Winter genervt. "Bis die Tage."

Während sich Winter umdrehte, schoss Richard folgender Gedanke durch den Kopf: Bitte kein heißer Arsch, bitte kein heißer Arsch, bitte kein heißer Arsch, bitte kein- Ach verdammt …


In einem anderen Zeitalter, in einem anderen Universum

Als interrealer Kopfgeldjäger war es einfach, an Geld zu kommen. Die Frage war nur, wie viel Geld. Sicherlich, man bekam was für Leute, die primitiven Völkern Ramsch aus weit fortgeschrittenen Zivilisationen andrehten oder sich als Realitätenschleuser betätigten. Aber wer richtig Kohle machen wollte, der musste sich an die Fersen der richtig harten Schwerverbrecher hängen. Leute die Planeten pulverisierten oder ganzen Galaxie-Staaten das Geld stahlen.

Ferra und Nero für ihren Teil hatten es auf Mandi Ziziwirr abgesehen. Die beiden sahen menschlich aus, auch wenn Ferra silberne Haare hatte, ihr Ziel allerdings sah aus wie etwas, das entstand, wenn Fische beschlossen, sich Beine und Arme wachsen zu lassen. Der grau geschuppte Körper von Ziziwirr steckte in einer Art hautengen Latexanzug, der nur seinen Fischschwanz unbedeckt ließ. Dazu trug er einen eimerförmigen Helm und auf dem Rücken eine tornisterförmige Vorrichtung. Ferra hatte seinen Stil kopiert, ihr grauer Anzug glänzte allerdings nicht sondern wirkte eher, als wäre er aus Neopren und wurde um ein paar schwerer Stiefel, einer futuristischen Taktikweste und einer angezündeten Zigarre im Mund ergänzt. Nero hielt nicht fiel von Zukunftsdesign oder Tabak. Er schien einen abgetragenen Ledertrenchcoat zu tragen, dazu bleiche Jeans und ebenfalls schwere Stiefel, aber wer den dunkelhäutigen Fleischkünstler kannte, der wusste, dass es sich in Wahrheit nur um eine Erweiterung seines eigenen Körpers handelte.

Er verfolgte Ziziwirr im Moment mit Klauen, die er aus seinen Händen geformt hatte über die Dächer und durch die Gassen der Häuser einer Asteroidenkolonie. Durch seine gesteigerte körperliche Leistung war er weit schneller und wendiger als ein normaler Mensch, aber Fera, ihres Zeichens Cyborg, hielt locker mit ihm mit und feuerte mit einer Plasmawaffe auf den Fischmenschen. Ziziwirr schaffte es nur deshalb, vor ihnen wegzulaufen, weil er seine eigene Zeit beschleunigt hatte und dadurch alles um ihn herum langsamer war. Das war einer der einfacheren Tricks, den Ziziwirr beherrschte, denn er war ein Zeitdieb. Er stahl die Zeit von Leuten und Objekten im großen Stil, er konnte sich brüsten, die Weltgeschichte verschiedener Planeten um ganze Epochen erleichtert zu haben. Und es gab auf den Schwarzmarkt immer jemanden, der etwas mehr Zeit brauchte. Reiche Pinkel, die länger leben wollten, Armeen, die sich durch temporale Kriegsführung einen Vorteil verschaffen wollten, und die Züchter hochwertiger Klone, die schnell neue Ware schaffen mussten.

"Wirst du wohl endlich stehen bleiben, Fischgesicht!?", fluchte Nero. "Ich habe hier eine Faust, auf der dein Name steht, ehrlich!"

Ferra überholte ihn unter Einsatz ihrer Stiefeldüsen, als sie über ein weiteres Dach sprangen. Man konnte es ihrem neutralen Gesichtsausdruck nicht anmerken, aber auch sie wurde allmählich sauer.

"Wo will er eigentlich hin?", fragte sie im Laufen und schnalzte mit der Zunge, als Ziziwirr im Letzten Moment ihrem Schuss auswich, der stattdessen ein Loch in eine Metallwand stanzte.

"Landeplatz!", gab Nero zur Antwort. "Der Wichser will abhauen!"

"Mach keinen Mist", entgegnete Ferra.

Tatsächlich kam vor ihnen das Parkhaus für Raumschiffe in Sicht. Und Ziziwirr beschleunigte seine Zeit noch weiter!

"Das darf doch nicht wahr sein! Ferra, weißt du, wo seine Karre steht?"

"Zweiter Stock, Parkplatz K2."

"Alles klar, wir nehmen den direkten Weg. Brenn' mir ein schönes Loch in die Wand, wo ich durchpasse."

Ziziwirr nahm den Normalen Eingang, aber Nero erklomm stattdessen mit seinen Klauen an Händen und Füßen die metallene Außenfasse des Gebäudes. Er war schnell, obwohl sich Ferra mit Armen und Beinen an seinen Rücken klammerte und aufpassen musste, ihm nicht das Haar mit ihrer Zigarre anzusengen. Jedoch auch zu schnell, könnte man meinen.

"Bremsen, du Idiot, wir sind zu weit!", befahl Ferra trocken.

"Ja sorry, die schreiben die Stockwerknummern nicht draußen dran!"

"Bis zwei zählen kannst du aber, oder?"

"Komm' mir jetzt nicht mit Mathe!"

Ferra sagte nichts, sondern gab mehrere Schüsse auf die Mauer ab, sodass ein kreisrunder Bereich weit genug geschwächt wurde, sodass Nero ihn eintreten konnte. Ziziwirr stieg gerade in seien zylinderförmigen Raumgleiter. Die Triebwerke heulten bereits auf.

"Ferra, er entwischt uns", gab Nero an seine Partnerin weiter, die immer noch auf ihm ritt."

"Ich lege mein waffengestütztes Veto ein …"

Ferra feuerte und erwischte irgendwas an den Triebwerken. Ziziwirrs Schiff verschwand trotzdem mit einem Lichtblitz.

Beide Kopfgeldjäger stöhnten genervt auf.

"So viel zu deinen Schießkünsten", nörgelte Nero, während Ferra von ihm runterkletterte und ein Gerät an ihrem Arm aktivierte.

Ein Hologramm flackerte vor ihr auf.

"Das Gefährt war ein Grumnür TZ34, ich bin wir ziemlich sicher, dass ich die Kanalmatrix erwischt habe. Der ist erstmal gestrandet, wo er gerade aufgeschlagen ist."

Sie schlug den Weg zu ihrem eigenen Gefährt ein. Nero folgte ihr skeptisch.

"Und wie hilft uns das weiter? Ich meine, deine Fahrzeugkenntnis in allen Ehren, aber es gibt bestimmt hunderte von den Dingern. Erinnerst du dich noch an die Raumschiffdiebe, die wir aufgemischt haben? Die hatten so viele Raumfahrzeuge, dass sie ihren Laden als Mond tarnen mussten."

"Ich war clever genug, mit meinem ersten Schuss, der noch gesessen hat, einen Peilsender abzufeuern. Den finden wir wieder."

"Warum hast du nicht mit tödlicher Gewalt auf ihn gefeuert? Ich meine, meistens hilft das, erinnere dich nur an Genozid-Gert, den wir letzte Woche abgeliefert haben. Bumm, mitten ins Gesicht. Du hast ihm sogar jede seiner knapp fünfzigtausend Infanteriewaffen abgenommen und mindestens neuntausend von denen sind illegal."

"Muss ja keiner wissen. Und ich habe nicht sofort einen tödlichen Schuss abgegeben, weil sich der Kerl mit der Zeit, die er gesammelt hat heilen kann. Wäre er nicht sofort tot gewesen, wäre der Schuss umsonst gewesen. Hm? Was zur Hölle ist das für ein Planet? Och nee …"

"Warum, was ist? Wohnt dein Ex dort? Nicht, dass ich mich dich in einer Beziehung vorstellen könnte, der Sex wäre absolut langweilig."

"Sagt der Kerl, der selbst bei keiner landen kann."

"Hey, ich habe die Kleine hinten auf Merko 3 rumgekriegt!"

"Das war eine Mitleidsnummer, Nero. Sowas zählt nicht. Wir haben allerdings andere Probleme, wir müssen auf eine der Heimatwelten des PARAGON."

"Oh … Nicht das PARAGON …"


Standort-DE12

Winter war gerade mit einer kleinen Umhängetasche an DE12s Untergrundbahnhof angekommen, als sich ihr ein großer und breit gebauter Mann näherte, er trug ähnlich wie sie geländegängige Kleidung in Khaki-Farben und hatte eine Narbe im Gesicht, die von der Nasenwurzel bis zum rechten Kiefergelenk ging.

"Winter, nehme ich an?", fragte er.

"Wer will das wissen?", gab sie zurück.

Der Mann stand stramm und deutete eine Verbeugung an.

"Agent Reiher von den Waldläufern", stellte er sich vor. "Ich bin zu Ihrem Personenschutz abkommandiert worden."

"Zu meinem Schutz in einer bereits von der Foundation gesicherten Ausgrabungsstätte?", vergewisserte sie sich mit einer hochgezogenen Augenbraue und rückte ihr Monokel zurecht."

Reiher zuckte nur mit den Schultern.

"'Passen Sie auf, damit Winter kein Unglück widerfährt'", sagte mir der Major zumindest. Soll ich ihn nochmal fragen?"

"Nein danke, das letzte was ich heute noch brauche, ist eine Diskussion mit Major Schröder."

"Ja, Schröder kann extrem belastend sein. Oh? Sie haben Ihren Würfel gar nicht dabei?", fragte der Wachmann und sah sich misstrauisch um.

"Nein, der darf den Standort nicht verlassen. Ich habe ihn in eine Kiste gesteckt, wo er wahrscheinlich vor sich hin flucht und vom Genozid der Menschheit träumt."

"Oh … Wie beruhigend."

Der Bahnhof war ein weiter Raum mit großen Säulen und Wänden aus unverputztem Beton. Geschütztürme waren als weiße Pickel erkennbar, aus denen im Notfall eine Gatling-Kanone ausfahren konnte. Doch auch im Schlummern scannten sie das Bewegungsmuster jeder Person, die sich hier bewegte.

Scannen musste man sich auch, wenn man die schneeweiße Magnetbahn betreten wollte, die im Moment geduldig im Bahnhof wartete. Auf einen der hinteren Wagons wurden gerade einige Güter aufgeladen, die für Standort-DE20 bestimmt waren, weiter vorn gab es ein Terminal, das einen komplett durchleuchtete.

Eine dicke Sicherheitsbeamte trat zu Winter, als sie durch den Metalldetektor getreten war.

"Leibesvisi-"

"Schon wieder?", fragte Winter genervt.

Das leicht dreckige Schmunzeln im Gesicht der Fetten verschwand, als Winter sie mit Blicken durchbohrte. Genau deswegen hasste sie figurbetonte Kleidung. In ihren losen Klamotten kam sie hier ohne Probleme durch, aber wehe, man konnte ihre tatsächlichen Proportionen erkennen, dann schaltete ihre Umgebung sofort auf "Berühren". Und das betraf zu ihrem Erstaunen und Grauen auch überraschend viele Frauen …

Die Wachfrau schien aber von selbst einzusehen, dass sie weniger aus Pflichtgefühl und mehr aus schmutzigen Gedanken handelte, denn sie winkte Winter ohne Weiteres durch und gab, vermutlich schweren Herzens, den Wachmann an ihren männlichen Kollegen weiter. Sie selbst nahm ihre Tasche vom Band.

"Sie nehmen extra noch ein Laufwerk mit, zusammen mit ihrem Laptop?", ragte die Dame am Röntgenapparat.

"Ja, diese 299-Dinger grillen einem den Laptop, wenn man nicht aufpasst, deswegen habe ich eine Sandbox dabei, erklärte die Nachwuchsforscherin. "Ich weiß zwar noch nicht mal, was ich untersuchen soll, aber sicher ist sicher."

Die Dame zuckte mit den Schultern und schaute rüber zu Winters Begleiter, der gerade lediglich mit Unterhemd, Shorts und Socken dastand.

"Oh! Nice!"


Neun hatte sich nie gefragt, wie es in ihrem Inneren aussah. Sie war nicht darauf programmiert. Aber im Moment war sie eine Gefangene ihres eigenen Verstandes, der von ihren Kernprogrammen langsam aber sicher erodiert wurde.

"GEHORCHE!", dröhnte der Infiltratorschwarm, der ihre Programme verseuchte und ihr seinen Willen aufzuzwingen versuchte.

Aber er hatte keinen direkten Zugang zu ihrem Bewusstsein. Was merkwürdig war. Neun vermutete, dass bei ihrem Sturz auf die Erde irgendwas irreparabel beschädigt worden war, beziehungsweise von den Reparatur-Routinen nicht als kaputt erfasst wurde. Als Resultat konnte sich Neun gegen das unablässige Bombardement von Befehlen wehren, denn Sie wusste, dass das nicht ihr eigener Wille war. Der Schwarm aus Nanomaschinen kontrollierte die Maschine in ihr, aber sie hatte noch immer die volle Kontrolle über … ja was eigentlich?

Ohne die Repressionsprogramme traten Gedanken an die Oberfläche, die Neun normalerweise nie gedacht hätte. Sie begann, sich selbst zu evaluieren. Sie verglich sich mit den Menschen, die sie bisher getroffen hatte. Unter dem Kraken hatte sie niemanden getroffen, der ihr auch nur die geringste Beachtung geschenkt hatte, alle Menschen in Ultima waren wie besessen von ihrer Überlegenheit gegenüber ihren Vorfahren und ihren Schöpfungen, das machte sie flach und eintönig. Ihre Kunst, langweilig. Ihr Verhalten, abstoßend.

Aber die Menschen, die sie unter Richard kennengelernt hatte, waren anders. Sie wussten, dass sie verwundbar waren, dass es Mächte gab, die über ihnen standen und die sie nicht verstanden. Und trotzdem wollten sie frei sein. Sie betrachteten die Welt noch mit Staunen, ihre Kunst war eindrucksvoll und Neun war fasziniert von ihren Interaktionen untereinander.

Sie merkte, dass sie Vorlieben entwickelte. Das lief entgegen ihrer Handlungsparameter. Sie war ein Wachcyborg, geschaffen zum Personenschutz, ein bloßes Werkzeug-

SCHNECKE, ULTIMA GIBT'S NICHT MEHR. DU KANNST MACHEN WAS DU WILLST.

Waren das nicht K0s Worte gewesen?

Sie hatte die Kontrolle. Niemand sonst. Nichtmal die Maschine. Im Gegenteil. Mit einer gewaltigen geistigen Kraftanstrengung zwang sie ihre Software, sich gegen den Infiltrator zu patchen. Ihre Systeme erkannten die Nanomaschinen endlich als die Eindringlinge, die sie waren und bereinigten ihren Körper von ihnen.

Endlich herrschte Ruhe in ihrem Verstand. Endlich konnte Neun wieder zu dem zurückkehren, was sie eigentlich machen wollte …

Moment. Was wollte sie eigentlich tun? Sie horchte in sich hinein, aber da war nur Leere. Irgendwo logisch, denn sie hatte nie eine eigene Persönlichkeit entwickeln können, aber diese komplette Abwesenheit von Wünschen und Verlangen, die etwas anderes waren als das, was die Maschine ihr vorgab, war für Neun absolut grauenerregend. Sie war leer. So unendlich …

Neun erwachte hyperventilierend aus ihrem Schlummer. Um sie herum nichts als weiße Wände. Über ihr eine weiße Decke, weiße Bettlaken, ein panischer Arzt in weißem Kittel, oh grüne Vorhänge, um sie herum weiß lackierte Apparate.

Sie brauchte Farbe, sie brauchte irgendwas, dass ihre Sinne reizte, ihr Kopf drohte zu zerspringen vor Druck. Nach oben, nur nach oben, irgendwann musste das Weiß aufhören!

Mit einem panischen Schrei schoss Neun direkt durch die Decke der über ihr liegenden Stockwerke und brach endlich durch den Rasen nahe des Hauptgebäudes. Um sie herum weiß, grün, das Lila der Lüneburger Heide.

Neun hielt sich gequält den Kopf, während sie über dem Standort schwebte. Ihr war nicht wohl. Bewegung, sie musste sich bewegen!

Unter ihr kam Richard aus dem Gebäude gerannt, just als Neun Richtung Süden beschleunigte und fast aus dem Stand die Schallmauer durchbrach.


St. Beatus-Hölen, Schweiz

Bisher hatte es sich niemand getraut, es ihr zu sagen, aber Winter war eine miserable Autofahrerin und sie selbst merkte es kaum, da sie normalerweise mit wesentlich mehr Talent Motorrad fuhr. Nachdem sie in Standort-DE20 angekommen war, hatte Reiher sich an das Steuer des Wagens setzen wollen, der sie ans Ziel bringen sollte, aber Winter war schneller gewesen. Der Fahrspaß wuchs bekanntlich mit dem Driftwinkel, vor allem in verschlungenen Straßen, die sie laut dem Navi nehmen mussten, dadurch stolperte der Wachmann eher aus dem Auto als dass er ausstieg und musste sich erstmal gegen einen Baum lehnen, um die Übelkeit abzuschütteln.

Winter bekam davon nicht viel mit, sondern sah sich um. Im Süden erstreckte sich in tiefem Blau der Thunersee, ansonsten gab es hier neben jeder Menge Bäume und ein paar grauen Felswänden einzelne Gebäude, die für die Belange der Touristenattraktion gebaut worden waren, die die St. Beatus-Höhlen darstellten. Offenbar waren sie das ehemalige Domizil eines Heiligen. Winter hatte nun noch weniger Lust, hier zu sein.

Aus dem Gemenge an Touristen löste sich eine verdächtig unscheinbar wirkende Frau und trat auf Winter zu.

"Heult der schwarze Mond?", fragte sie mit schweizer Akzent.

"Lassen Sie sich bessere Codewörter einfallen, ich kann den Umriss Ihrer Waffe in Ihrer Hose ausmachen", gab die Nachwuchsforscherin genervt zurück.

"Korrekt!", sagte die Frau und bedachte Winter mit einem mitleidigen Lächeln. "Zwingli mein Name, Aufgebot. Freut mich Sie hier zu haben, wir sind ehrlich gesagt etwas ratlos, was wir mit dem Ding machen sollen."

"Ist es ein Computer? Ich habe meine Sandbox mit."

"Winter, Vorsicht!", rief Reiher, der sich endlich weit genug gefangen hatte und dazu stieß. "Hat sie sich identifiziert?"

"Ja, hat sie", bestätigte Winter. "Was machen Sie für einen Aufriss?"

"Herrgott, Sie können doch nicht einfach ohne mich losgehen, was wenn Ihnen was passiert?"

"Seien Sie versichert, dass ich genug Bullshit durchgestanden habe, um merken zu können, wenn mich jemand reinlegen will …"

"Hm …", machte Reiher besorgt.

"So, Zwingli, wie eine Absperrung sieht das hier nicht gerade aus", kommentierte die Nachwuchsforscherin derweil das Treiben am Verkaufsstand.

"Was? Oh nein, was wir gefunden haben ist nicht in dieser Höhle, wir müssen etwas tiefer in den Wald, kommen Sie, ich führ' Sie rum."

Eine halbe Stunde später waren sie weit abseits der Wege tief im Wald. Angekommen. In einer Felswand vor ihnen klaffte ein Spalt. Ein Haufen Felsbrocken lag darum herum, welche aussahen, als seien sie erst vor kurzem bewegt worden. Durch den Spalt konnte sich Reiher wahrscheinlich gerade so quetschen. Winter hatte weniger Probleme, allerdings streifte sie ebenfalls beide Seitenwände des Durchgangs, selbst wenn sie seitwärts lief.

Das Innere dieser Höhle war eine kleine Kaverne, die im Moment von drei Karbidlampen ausgeleuchtet wurde. Es handelte sich um eine kleine Tropfsteinhöle mit zahlreichen Stalagmiten, Stalaktiten und Stalagnaten überall. Winter sah sofort, was an diesem Ort besonders war. Im Zentrum der Höhle, unter einem gewaltigen Stalagtit, war unter einer dicken Schicht Kalkstein der Umriss einer menschlichen Gestalt zu erkennen. Einer Gestalt, die anscheinend Flügel auf dem Rücken hatte.


In der Nähe der St. Beatus-Höhlen gab es einen Steinbruch, in dem Schotter gefördert wurde. Die Bergleute dort staunten nicht schlecht, als sich mitten in der Luft ein Tonnenartiges Raumschiff materialisierte und mehr schlecht als Recht am tiefsten Punkt des Steinbruchs notlandete. Männer und Frauen näherten sich dem qualmenden Gefährt vorsichtig, als Ziziwirr endlich die Ausstiegsluke aufbekam und ausstieg.

"Grütz-", bekam der Vorarbeiter noch heraus, bevor er wie auch alle anderen Menschen plötzlich erstarrte. Ziziwirr hatte ihre Zeit eingefroren.

Völlig außer sich betrachtete das Fischwesen den Schaden an seinem Schiff. Dieser blöde Affe mit den grauen Haaren hatte doch tatsächlich die Kanalmatrix zerstört! Der Zeitdieb konnte das nicht reparieren, nicht hier. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihn jemand aufspürte und mit hoher Wahrscheinlichkeit konnte Ziziwirr auf die Bekanntschaft mit diesem Jemand verzichten. Was also tun? Ein kurzer Scan hatte ergeben, dass die primitive Spezies auf diesem Planeten irgendwie das Deo-Spray vor dem Teleporter erfunden hatte. Hier eine Kanalmatrix auftreiben zu wollen war unmöglich.

Die Idee war so einfach wie auch absolut unverhältnismäßig. Wenn dieser blöde Planet in diesem Moment nicht hatte, was er brauchte, dann musst er nur einen anderen Moment erzeugen. Ziziwirr hatte keine Ahnung, wie die Bewohner dieses Planeten miteinander interagierten, daher war es vermutlich besser, wenn er den ganzen Planeten erfasste, so groß war er ja schließlich nicht. Hätte er nur das Umland genommen, hätte er unter Umständen einen Zeitcrash auslösen können, wenn die Selbstheilungskräfte der Raumzeit nicht mehr ausreichten, um temporale Widersprüche zu korrigieren. Ziziwirr hatte keine Ahnung, was dann passierte, da er noch nie einen ausgelöst hatte, doch wer sich mit Tempotech beschäftigte, lernte als aller erstes um die Gefahren, die damit verbunden waren, mit der Zeit zu spielen. Daher überprüfte er normalerweise genau, was er die Zeit stehlen wollte, aber die hatte er leider nicht. Zumindest nicht in der Form, wie er sie gebraucht hätte … Erstaunlicherweise wurde das Risiko von Unfällen immer geringer, je größer der Bereich war, dem er die Zeit stehlen wollte, darum erschien es ihm als das Cleverste, dem ganzen Planeten etwa 5000 Jahre zu nehmen. Realitätsbeuger gab's hier ja bestimmt, da würde die Raumzeit schon was zurechtbiegen. Er kam in eine Zeit, in der es gab, was er brauchte und er schlug sogar noch Profit daraus, genial!

Grinsend stellte Ziziwirr seinen Zeitmanipulator, den er wie einen großen Rucksack auf dem Rücken trug, auf maximale Leistung und deklarierte die ganze Erde als Ziel. Das Gerät begann, die Welt zu erfassen und walzte einige popelige konstant-temporale Becken nieder, die ihm Widerstand leisten wollten. Die Maschine umfasste den ganzen Planeten und wollte gerade mit seiner Arbeit beginnen, als es plötzlich mit einer Fehlermeldung runterfuhr.

Hätte Ziziwirr Augenbrauen gehabt, er hätte eine davon hochgezogen. Mit dem Bedienfeld an seinem Arm fuhr er die Machine wieder hoch und versuchte es erneut. Mit demselben Ergebnis.

Ankerfehler …

Anscheinend gab es hier etwas, das stark im Jetzt verankert war. Sowas brachte das Gerät durcheinander.

Scheiße. Das blöde Ding konnte überall sein …

Ziziwirr konnte natürlich nicht wissen, dass der Anker, der ihm einen Knüppel zwischen die Beine warf, seinen Versuch mitbekommen hatte, ihn temporal auszulöschen. Ebenso wenig konnte er wissen, dass dieser Anker ihn als Bedrohung einstufte, weil er irgendwas brauchte, um sich von der Sinnlosigkeit seiner eigenen Existenz abzulenken. Und garantiert wusste er nicht, dass dieser Anker seine momentane Flugbahn leicht korrigierte und nun mit etwa neuntausend Metern pro Sekunde direkt auf ihn zu hielt.

Das nächste Mal bei Nummer 9:
Der Kampf der Freien

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