Das letzte Mal bei Neun:
Die Wahrheit
Standort-DE11, Erdorbit
Agentin Jürgen war heute mit Wachdienst dran. Sie vertrieb sich die Zeit damit, Gymnastik zu machen, denn in der Schwerelosigkeit der Orbitalstation verlor man schnell an Muskelmasse, wenn man sich nicht bewegte. Es dauerte daher etwas, bis sie die Warnmeldungen bemerkte, die die Sensoren des Standorts ihr lieferten. Etwas Großes oder eher mehrere große Etwasse waren auf Kollisionskurs mit der Erde. Sie kamen direkt aus Richtung der Sonne, darum erkannte die Astronautin erst nur wenig, bis sich schließlich gegen das weiße Licht schwarze Umrisse abzuzeichnen begannen, die zu glatt und zu symmetrisch waren, als dass es sich um Asteroiden handeln konnte. Sie suchte nach allem, Hitzesignaturen, abgegebenen Strahlungen und was sie sonst noch hatte, aber die Systeme hatten diese Dinger offenbar nur bemerkt, weil die Umrisse immer größer wurden, je näher sie der Erde kamen. Sie beschloss, die Bodenkontrolle zu verständigen.
Phoebe, Saturn
Auf der Oberflächenbasis Marva, die von der Erde aus betrachtet nur wie ein großer Berg wirkte, wurde die Ankunft dieser neuen Objekte, die sich entgegen den Vorgaben der Himmelsmechanik bewegten, mit Irritation aufgenommen. Die Fakuva, die immer noch rauszukriegen versuchten, was sie mit diesem Erdling-Raumschiff machen sollten, das einen anderen Saturnmond umkreiste, waren aufgebracht. Der Leichenplanet gehörte ihnen! Wäre doch gelacht, wenn sie diese Neuankömmlinge nicht zurück in den intergalaktischen Raum befördern konnten, wo sie hingehörten!
Die Theianer bereiteten ein Geschwader aus mehreren Schiffen vor, großen wie kleinen, um auf alles gefasst zu sein, was diese Xenos ihnen entgegenschleudern würden. Aber was auch immer diese Wesen waren, ihre Niederlage war gewiss!
Standort-DE12, Deutschland
"Glauben Sie, dass das noch notwendig ist, Winter?", fragte Richard, während sie, er und K0 auf dem Weg zur Abteilung für Zukunftsarchäologie waren.
Seit dem Auftauchen von Elli war ein Tag vergangen. Winter hatte den Vorfall gemeldet und die Ermittler hatten sofort die Folterkammer auseinandergenommen und Agent Brünnig festgesetzt. Von Dr. Laschet fehlte aber immer noch jede Spur. Man hatte den Fall noch nicht an die große Glocke gehängt, um zu verhindern, dass der Doktor untertauchte. Winter aber war erlaubt worden, ihre Arbeit fortzuführen, um den Schein zu wahren. Und sie hatte die ausdrückliche Erlaubnis, Dr. Laschet persönlich mit allen nichttödlichen Mitteln festzusetzen, sollte sie ihm begegnen. Der erste Teil kam Richard ziemlich herzlos vor, immerhin war die arme Frau gestern fast gestorben. Er musste aber auch zugeben, dass sie sich dafür ziemlich gut im Griff hatte. Naja, PTBS brauchte normalerweise eine Weile, bevor sie aufkam …
"Ehrlich gesagt, nein", erwiderte die Nachwuchsforscherin. "Aber das Protokoll sieht vor, dass wir Sie überprüfen müssen, bevor wir Ihren Status der Kontamination aufheben."
"Wird mir eine Sonde in den Hintern geschoben?", fragte er.
"VIVISEKTION?", fragte K0 hoffnungsvoll.
"Nicht, wenn Sie sich benehmen", meinte Winter trocken. "Aber ihr Shirt werden Sie ablegen müssen."
"Erfreut Sie das?", fragte Richard.
Winter, die merklich größer war als er, schaute belustigt und mitleidig auf ihn herunter.
"Für den Kommentar sind Sie mindestens dreißig Zentimeter zu kurz, Kalt. Mein Mann ist eins neunzig, nur so als Referenz …"
"Kein Humor, die Frau", seufzte Kalt und bog als Erster um die Ecke zum Zugangsflur der SCP-299-DE-Abteilung.
Und drehte sofort wieder um, als er sah, wer da gerade aus der Tür kam. Er zog eine verwirrte Winter mit sich.
"Kalt?", fragte sie vorsichtig.
Richard formte mit den Lippen die Worte "Er ist wieder da."
"Was?"
Winters Fragen beantworteten sich aber prompt von selbst, da die Wand neben ihnen zu Staub zerfiel und sie hustend in einer Wolke verschwanden.
Richards Training machte sich sofort bemerkbar, denn er sank in die Hocke und zog Winter mit sich. Er hätte sich gerne hingelegt, aber er wusste nicht, ob Winter robben konnte. Darum versuchten sie, im Schutz des Staubs im Entengang Abstand zu gewinnen. K0 war zum Glück clever genug, auf ihre Augenhöhe herabzusinken und die Nachwuchsforscherin hatte offenbar auch geschnallt, dass Lawrence zurück war.
Schritte näherten sich, unter denen der Staub knirschte.
"Was bin ich doch für ein Glückspilz", hörte er aus dem Dunst. "Kaum hier und schon läuft mir genau die eine Mikrobe entgegen, die ich unbedingt ausradieren will … Wo ist denn dein Schutzengel, Richard?"
Sein Fehler war gewesen, Richard seine Position zu verraten. Er hechtete empor, erwischte Lawrence frontal und stieß ihn nieder.
"Hilf ihm!", hörte er Winter rufen und Lawrence sank sofort in den Boden ein.
Er hörte, wie sie wegrannte und ließ los, als auch Richard selbst im Boden zu versinken drohte. Lawrence konnte sich nicht mehr rühren oder mit seiner Waffe zielen, die wie ein großer Handmixer aussah. Richard trat sie ihm aus der Hand, die aus dem Beton ragte.
"K0, such einen Eindämmungsalarm und löse ihn aus", bat er.
"DARF ICH IHN NICHT ZERFLEISCHEN?", fragte der Würfel enttäuscht.
"Nicht solange er sich benimmt, los jetzt!", bellte der MTFler.
K0 setzte sich grummelnd in Bewegung. Richard hockte sich derweil vor Lawrence hin, dessen Gesicht noch aus dem Boden ragte.
"Warum bist du hier?", fragte er. "Du bist doch bestimmt nicht so kleinkariert, dass du nur wegen mir hier aufgetaucht bist."
"Oh, das wirst du schon sehr bald selbst herausfinden", griente ihn Lawrence an.
"Denk dran, wir haben den Mörderwürfel", erinnerte Richard ihn.
"Der bringt mich nicht um, solange ich noch Infos habe, die ihr haben wollt", flötete der Eindringling.
Richard hatte das Gefühl, dass es ihn überhaupt nicht störte, einbetoniert zu sein … Er spielte auf Zeit! Und da ging endlich die Sirene los.
Es dauerte auch gar nicht lange, bis die ersten Einsatzkräfte auftauchten. Zu seiner Verwunderung war es MTF DE1-𝔏 "Die Inquisition", die zuerst auftauchte. Richard erkannte die beiden Agenten an den Vollschutzmasken, die sie ohne jeden Grund trugen und daran, dass sie in zivil unterwegs waren.
"Das ging aber schnell!", meinte er.
"Zu viel der Ehre", kam es unter einer der Masken hervor. "Wir sind damit beauftragt, Winter zu überwachen und sind in dem Moment aufgesprungen, in dem sie angegriffen wurde. Tut uns Leid, dass es so lange gedauert hat, irgendwas stimmt mit den automatischen Türen nicht."
"Gern geschehen", kam es fröhlich vom Boden.
Richard ignorierte das.
"Und wo ist sie jetzt? Ich muss ihr ihr Spielzeug wiederbringen"
"HEY!"
Einer der Agenten deutete rüber auf die Abteilung für Zukunftsarchäologie.
"Was machen wir wegen ihm?", fragte einer der Inquisitoren und deutete auf den Boden. "Presslufthammer?"
"ICH HOLE IHN FIX RAUS", erklärte sich K0 bereit und fuhr seine Tentakel aus.
Lawrence wurde aus dem Boden gehoben, seine Hände bleiben allerdings in einem Klumpen Beton eingebettet.
"Sehr unhandlich"; kommentierte er. "Was mache ich, wenn ich mal pinkeln muss?"
"Wir haben irgendwo sicher noch einen Katheter rumliegen", meinte einer der Inquisitoren trocken.
"ICH MAG DICH."
"Durchsucht ihn lieber", bat Richard. "Das ist einer der letzten Völker, die haben allen möglichen Scheiß. Und passen Sie auf die Waffe da auf, sie verwandelt alles in Staub. Wortwörtlich."
"Was ist ein letztes Volk?", fragte einer der Agenten perplex.
"Fragen Sie nicht danach, es erspart Ihnen eine Existenzkrise", riet ihm Richard.
Er bemerkte beruhigt, dass sich mittlerweile noch mehr Einsatzkräfte näherten. Dieses Mal von der standorteigenen RTF. Das beruhigte ihn ein wenig. Er ließ Lawrence in ihrer Obhut und machte sich mit K0 auf in die Abteilung für Zukunftsarchäologie.
Der Raum sah aus, als wäre er jahrhundertelang nicht betreten worden, überall lag Staub. Es dauerte kurz, bis er merkte, dass das die Überreste von Personal sein mussten, denn nichts war kaputt oder fehlte, wenn man von ein paar Stühlen absah. Winter wuselte hektisch durch die Botanik und schloss mehrere Geräte, die Richard völlig unbekannt waren, zu einer riesigen Einheit zusammen.
"Was machen Sie da?", fragte er. "Ist das eine Waffe? Lawrence wurde gerade festgesetzt."
Winter drehte sich überrascht zu ihm um.
"Oh, gut, sind seine Hände gefesselt?"
"EINBETONIERT!", sagte K0 fröhlich.
"Okay", kommentierte Winter und es schien eine merkliche Spannung von ihr abzufallen. "Okay, gut."
"Warum sind Sie weggerannt?", fragte er. "Hilft uns dieses Ding gegen ihn?"
"Nein, aber es ist einer der Gründe", erklärte Winter, während sie einen Bildschirm ausrichtete. "Mir ist aufgefallen, dass er hierhergekommen ist und mich völlig ignoriert hat. Obwohl ich ihm mehrfach ins Müsli gepinkelt habe. Er wollte nur Sie."
"Und was sagt uns das?", fragte Richard und trat an sie heran.
"Das sagt uns", begann Winter und schloss eine Art dreidimensionale Tastatur an, "dass er mich nicht kennt, was bedeutet, dass er eine länger zurückliegende Iteration ist. In meiner Vergangenheit hat er mich trotz meiner doch recht auffälligen Haarfarbe nicht erkannt, was bedeutet, dass ich ihm im Jetzt nie begegnet bin. Ich muss also außerhalb seines Wahrnehmungsbereichs bleiben, sonst riskiere ich ein Zeitparadoxon."
"Liegt's vielleicht am Monokel?", fragte Richard.
"Ich will nicht drauf wetten", erwiderte die Nachwuchsforscherin und richtete selbiges, während sie ihr Werk betrachtete. "Okay … Passt alles, mal sehen, ob ich es anbekomme …"
"Was und warum, Winter?", fragte der MTFler verwirrt erneut.
Sie legte irgendeinen Schalter um und das Gerät begann zu summen. Der Bildschirm zeigte ein Menü mit Symbolen, die ihm völlig fremd waren. Trotzdem konnte er sie aus irgendeinem Grund lesen.
RAUMZEITWELLENDETEKTION LÄUFT, stand da geschrieben.
"Er ist völlig allein hier. Ich weiß nicht, was er getan hat, aber es kann nichts Gutes sein. Ich suche mit diesem Gerät nach einem Vehikel oder einem Militärcyborg, wie wir ihn gesehen haben. Wie Neun erzeugt fast jede Form der Fortbewegung der letzten Völker Raumzeitwellen. Gewissermaßen Bugwasser, das durch den Antrieb erzeugt wird. Irgendwas hat er vor …"
Das Gerät listete mittlerweile mehrere Ergebnisse auf. Mit den Koordinaten konnte Richard nichts anfangen, aber Winter wählte den mit Abstand größten Ausschlag aus. Sie navigierte durch einige Untermenüs, bis der Bildschirm schließlich schwarz wurde. Halt, dass stimmte nicht, am unteren Rand war eine eitergelbe Oberfläche zu sehen. Die Nachwuchsforscherin veränderte die Perspektive ein wenig und Richard bemerkte, dass er auf die Venus schaute. Und in ihrem Orbit befanden sich einige merkwürdige Raumschiffe. Er hatte sie zuvor nicht gesehen, da sie komplett schwarz waren und dadurch mit dem Hintergrund des Alls verschmolzen. Sie wirkten wie die Köpfe von Kragenechsen, in der Mitte gab es einen annähernd ovalen Rumpf, der von zwei absurd riesigen, halbkreisförmigen Segeln umgeben war, deren Radius den Durchmesser des eigentlichen Schiffs um das zehnfache übertrafen. Das Design variierte erheblich zwischen den einzelnen Schiffen, von denen es sicherlich hundert sein mussten.
"Was sind das für Dinger?", fragte er und sah zu Winter.
Die war kreidebleich.
"Logos, Kral, Ultima, Eos … Das sind Schiffe der letzten Völker, mehrerer letzter Völker!"
Richard lief es kalt den Rücken herunter. Lawrence war schon ein Alptraum und jetzt hatten sie auch noch Artillerie?
"Moment!", bat er verunsichert. "Würde sich Ihre Elli nicht darum kümmern?"
"Sie ist nur eine, Kalt. Gegen versprengte Reste, kein Problem. Gegen Tausende zugleich? Das kann sie nicht schaffen. Die Erde ist diesen Psychopathen ausgeliefert!"
Sie drehte ihm den Kopf zu.
"Und sie sind auf dem Weg hierher …"
Keiner außer denjenigen, die auf der SCPS Solidarity gewesen waren, hatte irgendeine Ahnung, wer Lawrence war. Die einzige Referenz, die sie hatten war, dass er die Kameras in der Abteilung für Zukunftsarchäologie manipuliert und eine ganze Wand in Staub verwandelt hatte. Und er war völlig unbemerkt in einen schwer bewachten Standort eingedrungen. Ein Dutzend RTF-Agenten bewachte ihn, während einer von ihnen eine Durchsuchung durchführte.
"Denk dran, Gert, der soll angeblich allen möglichen Scheiß dabeihaben", mahnte ihn ein anderer.
"Ich weiß, ich weiß", sagte der Mann und griff in eine Tasche an diesem merkwürdig insektenartig wirkenden Anzug.
Der Arm versank bis zur Schulter darin.
"Na sowas!"
Er zog den Arm wieder heraus und hielt etwas in der Hand, das wie eine Fernbedienung aussah. Er legte sie auf den Boden.
"ALLER MÖGLICHER SCHEIẞ, GO!", lachte Lawrence und trat mit einem Fuß auf den großen Knopf am unteren Ende.
Er verschwand augenblicklich, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Ebenso die Pistole, die eine der Wachen aufgelesen hatte und die Fernbedienung selbst. Die Handfesseln aus Beton blieben allerdings an Ort und Stelle und fielen zu Boden.
"Was zum Geier?", brachte der Mann noch hervor, bevor er und seine Mannschaft zu Staub zerfielen.
"Idioten", lachte Lawrence nur, während er seinen Materiesortierer wieder in die Tasche steckte.
Er sammelte sämtliche Objekte aus einer bestimmten Realität und platzierte sie an dem Ort, auf den er zeigte. Hier konnte er ihn als Notfallteleport verwenden.
Lawrence wurde wieder unvermittelt sauer. Er musste zugeben, er hatte keine Ahnung, wie Kämpfe in früheren Zeiten funktioniert hatten, normalerweise gewann derjenige, der die besseren Kampfdrohnen ins Feld schickte. In den frühen Tagen seiner Zivilisation war es bereits so gewesen, dass bei Kriegen niemand mehr starb.
Na gut, keine Menschen.
Es ärgerte ihn, dass ihn dieser kurze Kerl schon zweimal überrumpelt hatte. Er war klüger, er war weiter entwickelt, Lawrence war jedem Wesen auf diesem gottverlassenen Felsbrocken überlegen!
Nun, ein drittes Mal würde er sich nicht erwischen lassen …
Standort-1, Standort unbekannt
In Standort-1 herrschte helle Aufregung. Der O5-Rat trieb die Forscher an, die Aliens zu identifizieren, die sich näherten, nachdem die Deutschen sie entdeckt hatten. Nur gab es bisher keine Übereinstimmungen …
"Das gefällt mir nicht", sagte O5-7, der der Konferenz per Videoschalte beiwohnte. "Irgendwas kommt auf uns zu und wir wissen nicht, was es ist oder ob es uns feindlich gesonnen ist."
"Wie sieht's andernorts aus?", fragte O5-2.
"Die Dinger kommen aus Richtung der Sonne", erklärte O5-3. "Wir brauchen uns also keine Sorgen um Hobbyastronomen und Sternwarten zu machen, solange keiner das Hubble-Teleskop neu ausrichtet. Die Gocks haben alles mitbekommen, aber sie arbeiten im Moment mit uns zusammen, um einen möglichen First Contact reibungslos über die Bühne zu bringen."
"Wir haben ein Bild!", rief O5-13 und schaltete den großen Bildschirm im Raum ein.
Wie merkwürdige Fische glitten diese Alienschiffe über die Venus hinweg.
"Wo kommt das Bild her?", fragte O5-2.
"Irgendein SCP-Objekt", erklärte O5-5, der ebenfalls über einen Bildschirm zugeschaltet war. "Hab' die Nummer vergessen …"
"Sollten wir eventuell extrareale Invasoren vermuten?" schlug O5-5 vor.
"Die Datenbank hat gerade einen möglichen Treffer ausgespuckt", meinte O5-8. "SCP-299-DE. Standort-DE12 ist damit betraut."
"Ja worauf warten Sie, rufen Sie dort an!"; bellte O5-2.
Winter und Richard zuckten zusammen, als das Festnetztelefon klingelte. Beide wechselten einen Blick, bevor Winter auf das unablässig klingelnde Gerät zuging und abnahm.
"SCP-299-DE-Forschungsabteilung, Nachwuchsforscherin Winter am Apparat?"
Es dauerte einige Sekunden, dann gab sie einen erstickten Laut von sich, während ihr Gesicht einschlief.
"Der O5", flüsterte sie Richard mit derart aufgerissenen Augen zu, dass ihr Monokel herunterfiel.
"Nachwuchsforscherin?", fragte O5-1. "Holen Sie den Forschungsleiter an den Apparat! Das hier ist wichtig!"
"Äh …", kam es durch das Telefon. "Ich fürchte, eine kompetentere Fachkraft werden Sie im Moment nicht finden, Sir … Wir hatten einen Einbruch …"
"UND WIR HABEN EINE ALIENINVASION AM HALS!", donnerte O5-1. "Wo sind Ihre Vorgesetzten?"
"Vermutlich tot, beziehungsweise vermisst, Sir", lautete die trockene Antwort. "Wir sind Opfer eines Infiltrators der letzten Völker geworden, ihre Schiffe befinden sich gerade auf dem Weg hierher. Wir verfolgen das Geschehen gerade."
"Sie wissen schon von den Raumschiffen?", fragte O5-1 verdutzt.
Es war kurz still in der Leitung.
"Jjjjja, Sir. Und ich fürchte, gegen diese Leute wird uns nur ein Wunder helfen …"
O5-1 bemerkte etwas auf dem Bildschirm. Er erkannte, was da neu hinzugekommen war, er hatte die Berichte dazu mit großem Interesse verfolgt.
"Möglich, dass wir das gleich bekommen, Frau Winter."
Weltraum, in der Nähe der Venus
Admiral Kahn stand in einer hellblauen, insektenpanzerartigen Uniform in der Kommandozentrale der STS Deleter, das Flagschiff der Flotte, die die letzten Völker im Nullraum zusammengekratzt hatten.
Der Mann namens Lawrence hatte sie gewarnt. Sie durften den Nullraum nicht einfach verlassen, denn sie riskierten, das Universum, in das sie eindrangen, zu zerstören. Aber jetzt hatten sie endlich eins gefunden, das sie ertragen konnte. Es würde sich einfach spalten und eine Version würde ohne sie weiterdriften.
Alle Schiffe ihrer Flotte waren sogenannte Raumzeitschwimmer, was hieß, dass sie auf der Raumzeit selbst segelten. Die Segel waren aus Atamen, zweidimensional und konnten auf mehrere Kilometer in Radius ausgefahren werden, wenn es darum ging, Geschwindigkeiten nahe denen des Lichts zu erreichen.
"Sir, wir haben Annäherung!", meldete einer der Kommunikationsoffiziere.
"Auf den Schirm!", bellte er.
Vor ihm leuchtete ein Hologramm auf. Kleine Punkte bewegten sich auf ihre Flotte zu. Fakuva-Schiffe, wie die Systeme Kahn mitteilten.
"Setzen Sie eine Nachricht in einer passenden Sprache ab", befahl er. "Sagen Sie, dass wir nur auf die Erde aus sind. Wir haben nicht den Wunsch, uns die Fakuva zum Feind zu machen."
Es dauerte kurz, dann sagte einer der Kommunikationsoffiziere: "Wir haben eine Rückantwort!"
"Und, was schreiben sie?"
Vor ihm leuchtete die Meldung auf. Es war nur ein Wort.
EXTERMINIEREN.
Kahn seufzte. Es klang genervt, als hätte ihn eine seiner Frauen am Frühstückstisch beim Nachrichtengucken gestört. Er zählte kurz die Schiffe durch. Vielleicht knapp zweihundert.
"Sagt der STS Fromm, dass sie sich drum kümmern soll. General Hoggor hat freie Hand, solange er Freundbeschuss vermeidet und sämtliche natürlichen Himmelskörper intakt lässt."
"Aye, Sir!"
Die Flotte der Theianer, verstärkt durch einige Schiffe der Äußeren und von anderen Monden, erreichte die Flanke der unbekannten Eindringlinge und ging in Angriffsformation. Es war ein Mischmasch aus verschiedenen Kampfschiffen, leichten und wendigen Gleitern, größeren und schnelleren Zerstörern und gewaltigen Schlachtschiffen, die ganze Monde in Stücke schießen konnten.
Ihnen gegenüber stand nur die STS Fromm. Das Schiff hüllte sich in eine violette Blase, die bis ins Nichts schrumpfte, als das Schiff seinen Verband verließ. Raumzeitschiffe besaßen mehrere Möglichkeiten, der Lichtbarriere ein Schnippchen zu schlagen. Für richtig lange Reisen, sprich mehrere tausend Parsecs, generierten die Schiffe Raumportale zwischen sich und dem Ziel. Das lohnte sich aber nur bei richtig langen Reisen, wenn die letzten Völker nur kurz im benachbarten Galaxiearm Besorgungen machen wollten, dann gab es da noch den Dimensions-Drive. Die STS Fromm hatte soeben einige universale Konstanten in ihrem Umfeld angepasst, um in eine höhere Dimension zu schlüpfen.
Die Blase, die eben ins Nichts geschrumpft war, wuchs nun wieder aus dem Nichts, als das Raumschiff wieder in seine angestammte Dimension herabstieg.
Direkt in die Flotte der Theianer.
Große und kleine Raumschiffe machten hastig Platz, als sie merkten, dass sie die Größe ihres Gegners merklich unterschätzt hatten, selbst vor den größten Schiffen des Aufgebots ragte die STS Fromm auf wie ein Koloss. Nicht alle Schiffe waren schnell genug, kollidierten mit der expandierenden Blase und wurden weggeschleudert.
Nachdem der Schreck verflogen war, eröffnete alles, was sich nicht aus dem Trudeln bringen musste sofort das Feuer. Plasma, Laser und kinetische Projektile mit einem Vielfachen der Schallgeschwindigkeit prasselten auf das schwarze Ding und sein Segel ein. Die Schlachtschiffe der letzten Völker hatten natürlich eine Schildfunktion, sie zogen um sich herum ein Taschenuniversum hoch und bohrten temporäre Löcher hinein, wenn sie selbst feuern wollten.
Nur, die brauchten sie hier nicht. All die Geschosse prasselten wirkungslos auf den Rumpf und die Segel aus Atamen ein, die die Energie der Treffer einfach absorbierten. Die theianische Flotte gab der STS Fromm im Prinzip eine Gratis-Aukkuaufladung.
Es dauerte etwas, bis die Theianer begriffen, dass sie keinen Schaden verursachten und das Feuer einstellten. General Hoggor hatte sich aus Arroganz gegenüber diesen primitiven Wesen dazu herabgelassen, ihnen eine Chance zu geben, aber die war nun vertan. Das Raumzeitschiff fuhr seine Kanonen aus …
Einige Schiffe verschwanden, als ihre Wellenfunktion kollabierte und die Quantenphysik sie aus der Existenz entfernte. Einen ähnlichen Effekt erzielten Ungänzenkanonen, die mit ihren Raumzeitdefekten die Raumzeit ihrer Gegner einfach auslöschte. Andere fielen auf subatomarer Ebene in sich zusammen, als in ihrem Umfeld sämtliche Vakuumenergie verschwand und ließen nur kosmischen Staub zurück. Wieder andere wurden von schwarzen Löchern verschluckt, die sich unmittelbar auf ihrer Position bildeten. Auf wieder andere wurde mit schwarzen Löchern geschossen. Die Gleiter wurden mit Urknall-Munition zerstört, deren Projektile sich mit 0,96 c bewegten.
Das war das Arsenal, das in kleinen Scharmützeln zum Einsatz kam. Die STS Fromm hatte noch Schwarzes-Loch-Laser, die Planeten zerteilen und Sterne kollabieren ließen und Gravitationswellenstrahler, mit denen das vergleichsweise kleine Schiff Himmelskörper mit der Masse mittlerer Neutronensterne schleudern konnte. Die Flotte als Ganzes konnte als eine Art Superwaffe einen Lichtjahre durchmessenden Ring kosmischen Strings formen und abfeuern, ein eindimensionaler topologischer Defekt im Raum, der durch seine schiere elektromagnetische und Gravitationsenergie ganze Galaxien kollabieren lassen konnte. Doch der Einsatz solcher Waffen wäre nicht ohne Kollateralschaden für das Sonnensystem abgelaufen. Es galt, Ressourcen zu schonen, möglicherweise mussten sie irgendwann in der Zukunft eine Kanone oder einen Reaktor aus der Milchstraße bauen.
Innerhalb von Sekunden war von der Fakuva-Flotte, die mit genug Ausdauer die Erde hätte erobern können, nichts übrig außer Staub und Gas. Die STS Fromm schlüpfte zurück in die höhere Dimension, um sich wieder in seine eigene Flotte einzugliedern, die sich derweil weiterbewegt und ebenfalls einen kleinen Dimensionssprung hingelegt hatte, um nicht ins Feuer zu geraten. Die Flotte passierte in diesem Moment den Mond der Erde.
Erde
Im O5-Rat herrschte erschütterte Stille.
"Winter, haben wir irgendwas, dass wir diesen Wesen entgegensetzen können?!", fragte O5-1 fest.
Aus dem Telefon drang nur hysterisches Lachen an sein Ohr.
"Sir, bei allem Respekt, das ist eine Zivilisation, die ganze Galaxien als Projektile benutzen kann. Selbst wenn wir sie abwehren, sie schmeißen einfach eine Sonne auf uns. Mit genug Glück unsere Eigene. Wir sind am Arsch!"
"Wie steht's mit göttlichem Eingreifen?", fragte der Aufseher.
"Sie jagen Götter zum Zeitvertreib, Sir. Was wir eventuell machen könnten wäre- OH SCH-"
Die Verbindung brach ab.
O5-1 starrte das Telefon an und wählte nochmal dieselbe Nummer. Doch niemand hob ab.
Winter ging hastig im hinteren Teil der Abteilung in Deckung, als sie sah, wer zur Tür hereinkam.
"Bin da, wer noch?!", rief Lawrence fröhlich und wischte sich Staub von den Ärmeln.
Er sah Richard, der noch wie angewurzelt dastand und fixierte sich sofort auf ihn, der einzige Grund, aus dem er Winter anscheinend nicht bemerkte.
"Wow!", kommentierte er. "Ihr habt aus unserem Schrott ein stellares Beobachtungsarray gebaut. Respekt."
Er näherte sich Richard, seine Waffe drohend erhoben.
"Wer war das? Ganz sicher nicht Sie, ihnen fehlt der Grips für sowas. Außerdem sehen Sie nicht so aus, als würden Sie hier arbeiten."
Nun, beim Aufgebot hatte er schlimmeren Gelegenheiten zu sterben ins Auge gesehen, nach dem was er gerade im All gesehen hatte würde er ohnehin draufgehen und ohne Neun hielt ihm im Moment sowieso nur seine pure Disziplin und seine Gehässigkeit gegenüber Winter am Leben, deswegen betrachtete Richard Lawrence relativ gelassen.
"Nicht dein Ernst, Sherlock", kommentierte er. "Und jetzt? Benutzt du deinen Zerstäuber, um es zu zerstören?"
"Was? Nein", entgegnete Lawrence, der sich ebenfalls nicht aus der Ruhe bringen ließ. "Es ist nur, ich würde den Erbauer gerne vor dem Tode bewahren, es ist ja so schwer, gutes Personal zu finden. Assistenten? Untergebene? Sklaven, ich mache einen Sklaven aus ihm."
"Und ich? Warum erschießt du mich nicht?", fragte Richard ruhig.
"Gute Frage", meinte Lawrence verblüfft. "Warum töte ich dich nicht? Hm, vermutlich fehlt da die Katharsis … Aber Beine brauchst du sicher nicht."
Und er senkte die Waffe und feuerte. Richard stürzte zu Boden, als sich seine Beine in monomolekulares Gas auflösten. Und er schrie vor unglaublichen Schmerzen, während Lawrence lachte und lachte.
Das nächste Mal bei Neun:
Enden und Anfänge

