2. Mr. Clank
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Mr. Clank erwachte plötzlich, so wie jedes Mal, und schaute sich blinzelnd um. Die Sonne strahlte immer noch ziemlich hell durch die Sturmwolkenfetzen. Die große Stadt glänzte in der Ferne, so hell und frisch wie neues Silber. Mr. Clank streckte sich und spürte das reibungslose Arbeiten der Uhrwerke entlang seines Rückgrats. Es war eine schwere Entscheidung gewesen, aber selbst ein Leben an der Schwelle zum Tod war immerhin ein Leben. Der Schlüssel drehte sich langsam, rhythmisch klickend wie ein zweiter Puls, eine kühle Erinnerung daran, dass er tatsächlich am Leben war. Er fing an zu gehen und lächelte über die perfekt synchron laufenden Getriebe, über die Felder und kleinen Bäume, die in einem lockeren Takt vorbeizogen. Auch wenn es einige fragwürdige Maßnahmen gebraucht hatte, war er immerhin in der Lage, seine Reise fortzusetzen.

Stunden später war die Stadt immer noch in weiter Ferne, doch Mr. Clank war nicht beunruhigt. Er lag gut in der Zeit und konnte die Landschaft genießen. Die hohen Berge, der glitzernde See, alles war in eine Frische getaucht, als würde er es mit ganz neuen Augen sehen. Was auf gewisse Weise auch nicht ganz abwegig war. Mr. Clank lächelte und ging auf einen großen, breiten Baum zu, lehnte sich gegen die Rinde und beobachtete die umherwehenden, tänzelnden Blätter. Der arme Mr. Redd, er würde so etwas niemals zu sehen bekommen… vielleicht könnte Mr. Clank ihm davon berichten, ihm eine kleine Kostprobe dieser Wunder abliefern. Das Klicken wurde langsamer und flaute nach und nach ab, bis der Schlüssel stillstand; so erschöpft… nur eine kleine Rast, vor der Weiterreise auf der Straße.

Mr. Clank erwachte plötzlich, so wie jedes Mal und sah sich erschreckt um. Eine verschleierte, nikotin-gelbe Sonne brannte sich durch die Rußwolken und tauchte alles in ein dämmriges Zwielicht. Die Stadt türmte sich auf über einer Ansammlung geduckter, düsterer Häuschen, ein paar kleinen Gärten und dünnen Bäumen, die aus dem Dunstschleier ragten. Mr. Clank streckte sich und spürte ein harsches Klicken, als die Getriebe in seinen Schultern und Armen einrasteten. Sein Rückgrat zitterte einmal hart, bevor es sich entspannte, der Klicktakt des Schlüssels war wie das Metronom einer Marschkapelle. Er begann zu laufen, langsam, seine Schritte spürend und die Häuschen betrachtend, dabei wunderte er sich, warum er diesen Weg gewählt hatte, diesen Pfad, diese Idee. Die dicken Zahnräder, die aus seinem Rücken ragten, bekamen zwischen den Häusern eine kühle Brise ab, die ihn zutiefst abkühlte.

Stunden später umgaben ihn die verfallenen Außenbezirke der Stadt. Vermodernde, rostende Metallhaufen ließen Mr. Clank unwillkürlich zittern und er fragte sich, wo die Sonne geblieben ist. Die Zeit schien vorbeizuziehen wie der kupferne Staub auf den Straßen, alles war von einer zerfallenden Zerbrechlichkeit gezeichnet, zeitlos. Die silbrigen Scherben waren mit Rost und Ranken überzogen. Das Bellen eines kranken Hundes unterbrach die Stille für eine Sekunde. Mr. Clank lehnte sich gegen einen zerfallenden Türrahmen und seufzte, als er ein Beben in seiner Brust spürte. Mr. Redd hatte etwas gesagt, aber er konnte sich nicht daran erinnern. Mr. Clank machte sich Sorgen, da sein Gedächtnis etwas verschwommen zu sein schien. Da war ein Baum gewesen, ein silbernes… irgendetwas. Er war so müde, seine Uhrwerke zitterten und schnappten mit einem Ruck ein. Ausgelaugt glitt er hernieder, um sich auszuruhen, den flimmernden Blick auf die Straße gerichtet.

Mr. Clank erwachte plötzlich, so wie jedes Mal, ein quietschendes Atmen entrann seinen Lippen, als sich seine Augen ratschend öffneten. Die endlosen Mauern und Türme der Stadt erhoben sich drohend wie Kerkerwände, wenige beschädigte und flackernde Gasleuchten boten das einzige Licht entlang der schmutzigen, unebenen Straße. Mr. Clank streckte sich und stöhnte, als die Schwungräder und Schrauben nicht ineinander greifen wollten und ihre Fassungen mehrfach verfehlten, bevor sie endlich einrasteten. Seine zuckenden und zitternden Arme ratschten nach unten, der Kolben in seiner Brust hämmerte pfeifend asynchron gegen den Takt des verbeulten Schlüssels. Er drehte seinen Kopf, langsam, zitternd, da die Getriebe sich nicht aufeinander einstimmten, sich fragend, wohin er nur gegangen war, warum er eigentlich hier war. Das dünne, graue Fleisch seines Gesichtes und seiner Beine sah wie gefroren aus, doch er wurde durch das Quietschen seiner Gelenke davon abgelenkt. Er bemerkte kaum die dünne, schwarze Flüssigkeit, die aus seinen Füßen lief, als er sich zu seinem wackeligen Marsch aufmachte.

Stunden später war ihm, als würde er stillstehen. Mr. Clank fühlte sich klaustrophobisch, doch mit jedem Umsehen schienen die endlosen Mauern zu schrumpfen. Mr. Clank rannte schaudernd und schlingernd, er wusste nicht wie spät es war, aber er war sich sicher, dass er zu spät sein würde. Wozu, wusste er nicht genau. Der Gedankenstrang riss ab, als er sah, dass etwas auf ihn zeigte, dessen Gesicht nur eine schwarze, schattenhafte Grube war. Mr. Clank war verloren, seine Uhrwerke quietschten und stockten tief in seinem Hirn, ölige Galle lief unbemerkt aus seinem Mund, als er keuchte. Mr. Redd war dort… Mr. Redd war da gewesen? Mr. Redd war auf dem Weg. Er wimmerte im Takt des rotierenden Schlüssels und wollte sich nicht nach dem quietschenden Geräusch weit hinter ihm umsehen. Mr. Clank stolperte, fiel zu Boden und rutschte in einen triefenden Müllhaufen, da lag er nun, zu kraftlos, um sich zu bewegen. Seine Uhrwerke verkanteten und gaben einen geräuschlosen Schrei von sich… dann lösten sie sich wieder, nur um gleich darauf wieder zu verkanten. Mr. Clank wimmerte um Hilfe oder Erlösung, darüber war er sich nicht sicher, und er spürte eine Düsternis aus der brüchigen Straße heraufsickern.

Mr. Clank erwachte plötzlich, so wie jedes Mal, er weinte in Asche getauchte Tränen und seine Augen klackten langsam auf. Das Zwielicht war real, die aufgeblähte, siedende Sonne bildete den Rahmen für brennende Müllhaufen und brennende Öl-Lachen in der weiten Ebene. Mr. Clank schrie schwach, er wollte weinen, als sich sein rostiges, verbeultes Gestell ratschend aufrichtete, es quietschte aufgrund der vereisten Bolzen und dem Rostbelag. Bei dem Versuch, wegen dieser Qual mit seinen Zähnen zu knirschen, musste er feststellen, dass sein Unterkiefer fehlte, seine freiliegenden Zähne waren trocken und mürbe in der stickigen Luft. Die Mauern der Stadt bildeten hinter ihm eine ununterbrochene Wand; sein Pfad von dort vergessen; sein Weg voran nur ein stolperndes, zeitlupenartiges Schlurfen durch Schlacke, brennende Öl-Leitungen und verschiedensten Abfall. Vorwärts. Seine Beine gruben sich durch verschlissene Stacheln und stählerne, mit Rost überzogene Spitzen. Vorwärts.

Stunden später lag Mr. Clank zuckend und klappernd am Rand der Grube. Die Nacht brach über ihn herein, wie ein schleimiges Tuch und erstickte seine Sicht, seine Gedanken und seinen Atem in einem Ölfilm. Die Zeit zog über ihn hinweg, wie Ameisen, Mr. Clank lag da wie ein totes Ding, mit einem rauen Quietschen stöhnend und betrachtete die brennende Sonne. Mr. Redd musste ihn… erwarten… brauchen? Vermissen. Verlangen. Anhören? Die Worte waren wie Scherben, die stechend und eiskalt auf seine freigelegten, stotternden Getriebe einwirkten. Funken sprühten, ein Riemen spannte sich und erschlaffte wieder; etwas, das an Atem erinnerte, drang in qualvollem, stöhnendem Keuchen aus ihm. Die Grube. Mr. Clank zuckte und bog seinen Körper in dem Versuch hineinzugelangen, doch seine Augen wurden glasig, froren in einem kalten Starren ein und blickten auf die sich windende Straße.

Mr. Clank erwachte plötzlich, so wie jedes Mal, seine lidlosen Augen waren auf pulsierende Wände fixiert. Es war absolut schwarz um ihn, und trotzdem konnte er sehen. Sein Körper zischte und quietschte, eine paralysierte Masse; in blechernen Kugeln spiegelte sich die Unzahl der Schrauben. Der Rost war ein nagender Krebs; Ratten in seiner Haut; Maden in seinen Nerven; ein endloses Jucken und keine Arme um zu kratzen. Die Pfade vor und hinter ihm lagen im Dunkeln; erstarrte Augen fixierten das undichte, löchrige Dach. Er hasste die weiche Masse unter sich. Hasste wie die dünne, widerliche Flüssigkeit tropfte und versickerte. Hasste diese Geschmeidigkeit. Hasste mit einem Nachdruck, der jenseits jeden Gefühls war.

Stunden später stürzte er hinunter wie ein tauber, toter Stein und landete auf einem Haufen aus zischenden, zitternden Torsos. Die Dunkelheit war selbst für seine uneingeschränkten Augen zu stark, er sah nur undeutliche Buckel aus rostigem, zerfallendem Metall, die in einem See aus schwarzem Eiter trieben. Mr. Redd. Mr. Reeedddd. Reeeeddddddddd. In krächzender Monotonie erklangen die quietschenden Töne. Er hatte genommen. Gegeben. Es ist nicht geschehen. Es hatte Silber gegeben. Es hatte Gold gegeben. Jetzt gibt es Rost. Mr. Clank wütete, spannte sich an, klapperte und erschütterte, als er sich ausstreckte und sich mit hilfloser Wut in den fleischigen Untergrund wühlte, bis zum Boden, zum Ende, zur Straße.

Mr. Clank erwachte plötzlich, so wie jedes Mal und weigerte sich, die Augen zu öffnen.

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