Kontrollverlust
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Ihr Blick wandert über die rote Flüssigkeit. Runter, bis zum Ende. Hoch, zum Ursprung. Sie verfärbt sich schon dunkel.
Es hat etwas stimulierend Beruhigendes, ihr beim Trocknen zuzuschauen. Ihre Atmung wird unregelmäßig und langsamer.
Sie atmet tief in den Bauch ein. So tief ihr Körper es zulässt. Dann hievt sie sich vom zerwühlten Hotelbett und huscht in das Badezimmer.
Nach einer Dusche und einem Blick in den riesigen Spiegel realisiert sie durchnässt, dass es nicht besonders schlau gewesen war, ihren Kampfanzug anzubehalten. Da dieser wasserabweisend ist, sieht sie allerdings nur verregnet aus.
Sie reibt sich die Schläfen. Die Aussetzer haben ihr bisher keine echten Schwierigkeiten bereitet, aber irgendwann ist der Bogen ihres Glücks überspannt.
Sie tritt aus dem Badezimmer, und zwingt sich, die rote Flüssigkeit als Blut wahrzunehmen. Sie starrt es so lange an, bis sie sich sicher war, dass sie es nicht mehr leugnen konnte. Dass sie dabei die Leichen, deren Arme jetzt vor der Brust verschränkt sind, an den Kanten des Raums ausgerichtet hatte (natürlich Handschuhe tragend), half ihr dabei.
Endlich verschwindet der Krampf in ihrem Unterkörper und der Rest ihres Körpers entspannt sich.
Sie lässt ein Lächeln zu und verlässt das Hotelzimmer.

Das Rütteln der Metro wiegt die große Frau in eine befreiende Müdigkeit. Wie gerne sie wegdösen würde, doch ihre Gedanken rumoren.
So öffnet sie ihre Augen wieder. Es ist schon Abend und es fängt an, dunkel zu werden. Das einzige Licht kommt von den warmen und bunten Neonlichtern und überhellen LED-Werbeschilder an den Bahnstationen voller kapitalistischer Viertelwahrheiten.
Sie schwang sich hoch, stellte sich an der Schlange bei den Türen an und verließ das öffentliche Gefährt.
Der ziemlich menschenleere Hauptbahnhof hat höchstwahrscheinlich eine beängstigende Ausstrahlung auf Personen mit einer Herden-Mentalität. Auf andere ist es hingegen eine willkommene Ruhe nach einem Tag voller Stress.
„Hey, Süße!“
Die Stimme gehört einer wasserstoffblonden Achtzehnjährigen, die von einer Frau mit rabenschwarzem Haar und einem Mann mit Bürstenhaarschnitt sowie einer um neunzig Grad gedrehten Schirmmütze begleitet wird.
„Hey, genau du. Ja, du in den teuren Klamotten!“
Die Angesprochene hält an. „Wie kann ich helfen?“, kommt es in einem respektvollen und ruhigen Ton.
„Na ja. Wir haben unser Hartverdientes vergessen und du sahst aus, als könntest du eine Spende entbehren.“ Dass der junge Mann es mit einem Gesicht sagte, dass offenbar entschuldigend aussehen soll, ändert nichts am Fakt, dass die drei nicht so freundlich um das widerstandslose Aushändigen von fremdem Geld fragen.
„Also ist dies ein Überfall?“, kommt es im gleichen ruhigen Ton.
„Ja, Mann, du verstehst uns.“
Ein Knacken ist zu hören, als die Faust auf den Nasenrücken der Blondine trifft, welche dadurch umgeworfen wird.
Die schwarzhaarige Gaunerkollegin versucht, nach einer Waffe in ihrer winzigen Tasche zu greifen. Sie kommt nicht so weit, da ihr schlecht gewähltes Opfer ihr die Beine wegtritt, was kaum eine Kunst war, wenn jemand hohe Absätze trägt.
Etwas schlauer als seine Kolleginnen macht sich der Mann aus dem Staub.
Er kommt allerdings nicht weit, da sich der Gang vor ihm auf einmal unendlich in die Länge zieht und ihm etwas in seinen Nacken sticht. Er bricht zusammen.
Verzweifelt rudert er mit seinen Armen und Beinen, die noch nicht ganz taub sind.
„Weißt du, ich hatte einen echt beschissenen Tag. So richtig scheiße. Stell dir vor, wie viel Frust sich da ansammelt.“ Jedes Mal wenn sie Luft holt, folgt ein Tritt in seinen Rücken.
Nachdem die Anzugträgerin sicherstellte, dass alle drei nicht mehr bei Bewusstsein waren, plünderte sie die Taschen der Räuber.
Als sie aufsteht, bemerkt sie einen alten Mann mit Putzequipment, der diskret versucht, nicht in ihre Richtung zu blicken, in der ein Verbrechen verübt wird. „Ich verdiene dafür zu wenig und ich bin eh zu spät dran“, nuschelt er miesgelaunt. Später 'findet' er, dank seiner Rücksichtnahme, etwas Geld. Der Rest wandert in eine Spendentrommel.

Die Wohnungstür schliesst mit einem befriedigenden, sanften Klicken hinter Retha. Die riesige Sieben-Zimmer-Wohnung hat eine Atmosphäre von Vertrautheit und Geborgenheit. Was seltsam ist, da im Eingangsbereich an beiden Seiten traditionelle Masken aus dem Nō-Theater und regionales japanisches Festivaldekor hängen und im Wohnzimmer funktionsfähige Waffen und klischeehaft aussehendes Wabi-Sabi-Zeug, an das keiner der Bewohner ernsthaft glaubt.
Seung steht peinlich im Raum, überrumpelt von Rethas Auftauchen. „Hallo zurück“, begrüßt er mit seiner so typischen frechen Art.
Retha tritt ihre teuren Schuhe in eine Ecke und lässt sich schwer seufzend auf die Couch fallen. Der Griff des Aktenkoffers verbleibt allerdings fest in ihrer Linken.
„Anspruchsvoller Auftrag?“
„Es lief miserabel.“
„Oh, du Arme. Lass dich durchkneten.“
Seung beginnt ihre Schultern zu massieren.
„Ah! Scheiße, das tut gut! Härter. Fester“, stöhnt die große Frau.
Von den Geräuschen angelockt, kommt Thea aus einem benachbarten Zimmer. Als sie Retha sieht, wie sie offen die Massage sehr genießt, mit Auf-Die-Lippen-Beißen und Augen-zu-kneifen, gibt sie ein albernes Kichern von sich.
Thea trägt ein ungebügeltes Hemd, passend zu dem, was ihre erschöpfte Mitbewohnerin anhat, sowie einen Bürorock. Die kleine Flasche Sjhlfelser Met in ihrer Hand deutet darauf hin, dass die junge Nordeuropäerin angetrunken ist.
Thea plumpst neben Retha und rutscht näher zu dieser.
„Harten Tag gehabt?“, fragt sie, nimmt einen Schluck und bietet dann die kondenswasserfeuchte Flasche Retha an, welche sie dankend ablehnt.
„Wir sind schon seltsame Kunoichi und Ninjas: Wir sollten Enthaltsamkeit pflegen, aber der eine ist ein Frauenheld, die andere säuft, die dritte ist gewalttätig und der, der dort ist faul“, sagt sie, dabei weist sie auf Valentijn, der gerade ins Wohnzimmer gekommen ist und mit Räucherstäbchen durch den Raum watschelt.
Dieser sieht auf. „Wie meinst du? … Ich bin nicht faul, ich bin gerade im Energiesparmodus. Und sehr geduldig und mehr strategisch veranlagt.“
„Was machst du überhaupt?“
Valentijn wedelt die Stäbe durch die Luft, dabei flattert der teure, aber scheußlich-altmodische Morgenmantel herum, und inspiziert jede Ecke und Spalte. „Ich habe möglicherweise einen Geist beschworen. Vielleicht auch einen Noppera-bō.“
Er legt die Räucherstäbchen in die Bronzeschale und diese auf den Couchtisch und setzt sich Retha gegenüber auf einen Hocker. Er greift nach dem Aktenkoffer. „Scheint ein Erfolg gewesen zu sein.“
Retha hebt eine Hand. „Vorsicht. Nicht öffnen. Könnte eine Falle oder Fluch haben.“
Valentijn hebt einen Daumen zu Bestätigung.
„Und zu deiner Frage: Zwei Security-Typen wurden angeschossen.“
„Oooh. Todd?“, nuschelt Thea.
„Nicht sicher, aber … Blut.“
„Aah, Mist“, meint Valentijn, dessen Blick immer noch auf dem Koffer liegt, am Ausmalen, was drin sein könnte.
„Dann wollten zwei Chicks und e'n Typ mich ausrauben.“
„Und?“, fragt Thea.
„Hatte keine Nerven und sie zusammengeschlagen.“
Thea macht einen Laut wie ‚Khe‘. Dann nimmt sie Rethas Linke und schaut sie lange an.
„Habe ich dir schon gesagt, dass du wunderschöne Hände hast?“, dabei streichelt sie über den dunkeln Handrücken, auf der ihre helle Hand einen Kontrast bildet.
„Ja, immer wenn du etwas traurig und betrunken bist.“
„Ich bin nicht betrunken. Nur beschwipst.“
Retha krault ihre Wange, während sie aus dem Fenster auf das umliegende Industriegebiet und die Bürokomplexe blickt.
„Holst du mir auch etwas zum Trinken, Thea?“, bittet Retha, doch ihre Mitbewohnerin ist bereits weggedöst.
Seung beugt sich zu Rethas Ohr vor. „Soll ich?“, säuselt der Koreaner.
Retha wedelt mit der rechten Hand, wobei sie seine Nase eindrückt, als sie ihn trifft. „Lass das!“, kichert sie.
„Ich kann. Muss noch diesen Koffer in unseren Tresor verfrachten“, Valentijn springt auf, um Seung zuvorzukommen.
Dieser macht einen halben Purzelbaum, sodass er auf der Couch sitzt. Er bläst die Backen auf, zu einer Karikatur von einem Schmollmund. „Ich bin kein Frauenheld. Ich verdrehe auch Männern den Kopf.“
Retha stupst ihn scherzhaft in die Backe. „Klar. Wer's glaubt.“
Thea schreck auf, als ihr Kopf droht abzurutschen. Laut gähnend steht sie auf. „Ich glaube, ich gehe in mein gemütliches Bettchen.“
„Nee warte noch. Valentijn hat gerade etwas zum Knabbern mitgebracht“, bettelte Seung.
Tatsächlich ist Valentijn zurück, ein Glas voll durchsichtiger Flüssigkeit mit Eiswürfeln in einer Hand und eine Schale voll Salzigem in der anderen.
„Martini auf den Felsen für die Dame.“
Retha nimmt es dankend an. „Keine Ahnung was Thea an diesem Gesöff aus Schilffels hat, aber ich bevorzuge Martini.“
Sihl-fels, wie der Zürcher Fluss“, korrigiert Thea, „Und ich muss gestehen, es ist gewöhnungsbedürftig. Aber wenn du über den fischigen Geruch und den Kräuertee-Geschmack hinweg bist, ist es ertragbar.“
Thea quetscht sich zwischen die Armlehne und Seung, was diesen rüberrutschen lässt.
Das Quartett verteilt sich über das Sofa und beginnt dann damit, die Kartoffelchips zu essen.
Thea steht plötzlich ganz langsam auf und tastet ihre Taschen ab.
„Suchst du was?“, fragt Seung mit vollem Mund.
Retha hält einen kleinen Zylinder hoch. „Ja, den Pfeil mit dem Betäubungsmittel, den ich bei einem der Räuber angewandt habe.“
Valentijn runzelt seine Stirn. „Würde dies nicht unnötig Aufmerksamkeit auf den Vorfall richten?“
„Wahrscheinlich, aber wie kämen sie auf die Idee, es nachzuprüfen?“
Thea nimmt plötzlich einen großen Schluck aus der scheinbar nicht ganz leeren Flasche.
„Willst du drüber reden?“, fragt Retha unsicher.
„Nein, noch nicht. Muss es noch verdauen.“

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