Warum lassen sie mich nicht in Ruhe?
Womit habe ich das nur verdient?
Ich kann das alles nicht mehr. Seid doch einfach still!
Meine Eltern, wenn man sie so nennen kann, ließen mir nie einen sicheren Raum zu Hause.
Geschlagen von einem Vater, welcher nach seinem vierten Feierabendbier kein Anzeichen von Impulskontrolle besaß und beim kleinsten Widerspruch oder verteidigen dir noch eine Weitere hinterhergab.
Verachtet von einer Mutter, die deine Existenz als Grund all ihren Übels sieht. Gab es schlechte Noten oder war das Zimmer nicht so aufgeräumt, wie sie es wollte, wurden dir jegliche Beschimpfungen entgegengeschmissen, die einem einfallen konnten. "Hätte ich dich mal lieber abgetrieben oder in der Wanne ersäuft“, sagte sie oftmals.
Ich hielt es zu Hause nicht mehr aus. All der Schmerz, all das Geschrei. Eines Tages würde ich mich vielleicht von ihnen befreien können.
Eines Tages, als mein Vater fertig war, mich grün und blau zu prügeln, und mit meiner Mutter fest schlafend im Bett lag, öffnete ich die Tür nur um einen kleinen Spalt. Ich zuckte mit meiner Hand und Ruhe kehrte ein.
Wäre ich nicht gezwungen zur Schule zu gehen, wäre ich nie dagewesen.
Die ständigen Fehden, ausgelöst durch irgendeine zweitrangige Tat eines Mitschülers, ließen mich schon immer kalt. Ich wusste, wie sie von mir dachten. Wie oft war ich wohl das Opfer, um die Gruppenbildung zu stärken? Sie behaupten vor den Lehrern, alle lieb und nett miteinander umzugehen, wissen aber ganz genau, wie beschissen sie diejenigen behandeln, welche nicht "der Norm" entsprechen.
Auf der anderen Seite gibt es die Lehrer. Sie wissen so gut wie alle anderen, was vor sich geht. Sie entscheiden sich nur, es zu ignorieren. Dazu kommen ihre eigenen Schikanen. Sobald jemand ihre Antwort nicht weiß, wird so lange nachgehakt, bis sie selbst die dreiminütige Stille des Schülers unterbrechen müssen. "Warum kannst du das nicht beantworten?", "Bist du so dämlich?" und "Natürlich hast du nicht aufgepasst" sind Paradebeispiele. Jeder lacht. Sie machen sich über einen lustig, ihre Möglichkeit, sich schlauer zu fühlen und erneut über jemanden urteilen zu können.
Dieses Verhalten macht mich krank. Warum tut ihr so was? Wie verdorben muss man sein um andere in eine Depression oder an den Rand des Selbstmordes zu bringen, nur um sich für fünf Minuten besser als jemand anderes zu fühlen? Ihr macht mich alle krank.
Ich zuckte mit meiner Hand und all die Verdorbenheit war fort, wie eine Nachttischlampe abgeschaltet.
Sie guckten mich alle an. Sie alle auf den Straßen, im Bus und in den Läden. Als hätten sie was Sonderbares gesehen.
Wie konnte es nur dazu kommen? Warum dürft ihr so leben, lieben und lachen? Was habe ich nur falsch gemacht?
Ein Finger am Abzug einer Waffe zuckte und alles wurde ruhig. Endlich Frieden. Endlich meine verdiente Ruhe.
Fallakte TG-1589
Kontaktaufnahme: 28.01.1986
Einsatzort: ██████, Belgien
Bestätigte Opfer: 27 Zivilisten, 0 Agenten
Zusammenfassung: Am 25.01.1986 ergaben Nachforschungen über ein Typ-Grün-Aufkommen in der lokalen Bevölkerung von ██████, Belgien. GOC-Agenten wurden entsandt, um den Typ Grün ausfindig zu machen und zu neutralisieren.
Zum Abend vom 26.01. auf den 27.01. tötete das Subjekt, bekannt als Benjamin Bader, seine Eltern während des Schlafes. Ihre Überreste wurden verteilt auf dem Bett und der Zimmerdecke vorgefunden. Das Subjekt konnte nicht an seiner Wohnadresse lokalisiert werden.
Am 28.01. meldeten Schüler der ████ Oberschule einen Massenmord an der gesamten Klasse A9. Ihre Leichname wiesen Implosionen im Schädel, Magen und den Lungen auf. Notrufe der Schule konnten abgefangen werden und jegliche anwesenden Schüler, Schulpersonal und Angehörigen wurden mit Omnios-Klasse-Amnesika behandelt. Nachträglich am Tatort durchgeführte Messungen ergaben eine abnormal hohe Hume-Konzentration, konstant mit der von Realitätsverzerrung.
Agenten konnten daraufhin das Subjekt am Abend in der Innenstadt lokalisieren und verfolgen. Nachdem es die Agenten bemerkt hatte, flüchtete es in ein verlassenes Gebäude, wo es erfolgreich neutralisiert werden konnte. Sein Tod und der seiner Eltern wird per Vertuschungsprotokoll 14.2 verschleiert.
Anmerkung: Dies zeigt ausdrücklich die Notwendigkeit der Ichabod-Kampagne. Diese Typ Grün besitzen weder die Eigenschaft, klare Entscheidungen zu treffen, noch die Fähigkeit, beidseitige Beziehungen jeglicher Art ohne einen konkreten Nutzen aufzubauen. TG-1589 zeigt, wozu diese Wesen fähig sind, sobald ihr näheres Umfeld nicht den gewünschten Zweck erfüllt. Es ist zu hoffen, dass die Ichabod-Kampagne weiterhin ihre Erfolgsrate aufrechterhält, um weiterhin unschuldiges Leben schützen zu können.
-Agent Scheel, Teamleiter der Einsatzgruppe-BEL17

