Gefangen In Schuld
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Dunkelheit.

Leonard befindet sich im schwarzen Nichts. Nur er in einer Umgebung, in der es gar nichts gibt. Nicht ein Funken Licht existiert in dieser Einöde.

"Oh, bitte nicht wieder dieser Ort! Alles außer diesem Ort hier bitte!", sagt Leonard panisch. Er steht zitternd und Schweißtropfen bilden sich auf seiner Stirn.

An diesem Ort war Leonard ein paar Mal gewesen. Als er das erste Mal hier war, war Leonard umgeben von Furcht. Er war allein, hilflos und wusste nicht, was mit ihm passieren würde. Seine Angst trieb ihn sehr um, aber nachdem Leonard immer öfter an diesem Ort gewesen war, desto weniger Angst hat er davor bekommen, weil er wusste, dass er dort nicht sterben würde. Dafür hat er aber jetzt eine neue Qual zu erleiden. Es ist zwar nicht mehr die Furcht, die Leonard hat, aber nun eine, die genauso schrecklich für ihn ist.

"Du elendes Arschloch!", sagt eine Stimme aus der Dunkelheit.

"Hyacinthum?", fragt Leonard und schaut in die Richtung, aus der die Stimme kommt.

Es sind Schuldgefühle.

Schuldgefühle, die er bekommen hatte, nachdem er seine Freunde verlassen hatte und sie im Stich ließ. Sie alle sind noch in der Gefangenschaft von Nigrum und werden immer noch von ihr als Sklaven gehalten, was Leonard seiner Meinung nach hätte verhindern können. Und wegen dieser Tat zeigt dieser dunkle Ort Leonard sein Versagen.

"Ja, ich bin es und nicht nur der einzige hier", sagt der blaue Mann, der hervortretend zu Leonard.

Auf einmal kommen nun, aus dem Nichts, weitere Menschen aus der Dunkelheit. Zwei Männer, einer rot, einer grün und zwei Frauen, jeweils gelb und rosa am Körper. Alle fünf starren Leonard hasserfüllt an.

"Na, wie ist es für dich hier in dieser sicheren Zelle während wir alle deinetwegen immer noch leiden", sagt Viridi der Grüne.

"Du bist einfach nur ein Feigling, der nur wegläuft", sagt Rosea die Rosane.

"Ja, Purpura, du beschissener Kerl kümmerst nur um dich selbst und lässt uns links liegen", sagt Red der Rote.

"Ich… Ich habe versucht Hilfe zu holen, um euch zu retten", sagt Leonard leise zu seinen Freunden.

"Und da hast du vollkommen versagt. Wir alle sind immer noch bei Nigrum und du wälzt dich gemütlich hier in diesen Ort.", sagt Flavo die Gelbe.

"Ja, du lässt uns von anderen Menschen suchen, die immer noch keine Ahnung haben, wo wir sind. Hättest du mehr getan, wären wir auch hier, aber nein, du Trottel konntest es nicht hinkriegen.", sagt Hyacinthum.

Leonard schaut nervös alle seine Freunde an. Die hingegen sehen Leonard einfach nur verachtend, wütend und angewidert an.

"Bitte vergebt mir. Ich bin sicher, die Foundation wird euch alle finden", sagt Leonard mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck zu seinen Freunden.

"Die suchen schon seit fünf Monaten nach uns. Womöglich sind wir schon längst tot und das nur deinetwegen", sagt Red.

Alle fangen nun an Leonard zu umkreisen, zu beschimpfen und beleidigen ihn unendlich bis er deswegen in die Knie geht, seine Augen schließt und sich die Ohren zuhält.

"Bitte, es tut mir leid!", schreit Leonard mit Tränen in seinen Augen, während seine Freunde immer weiter machen.

Es wird immer lauter, bis Leonard wieder seine Augen öffnet und schnell aufsteht. Er dreht sich hektisch um, bis er bemerkt, dass er auf seinem Bett in der Eindämmungszelle liegt. Er atmet langsam ein und aus, bis Leonard sich endlich beruhigt. Es war nur ein Alptraum gewesen, dachte er. Ein Alptraum, dem er aber wieder begegnen wird.

"Wann… Wann wird das bloß endlich enden", sagt Leonard mit heruntergelaufenden Tränen.

Am Nachmittag liegt Leonard auf seinem Bett, wo er auf die violette Zellendecke starrt. Neben ihm ist sein Psychiater, der auf einem Stuhl sitzt und mit Leonard zusammen seine wöchentliche analytische Psychotherapie beginnt. Er hält ein Klemmbrett, worauf er Notizen zur Erforschung von Leonards Psychose aufschreibt. Diese Psychotherapie läuft für Leonard schon seit fünf Monaten; seit er bei der SCP Foundation ist. Er freut sich, dass er dadurch wenigstens einen Ansprechpartner hat, weil er sonst, außer mit demjenigen, der ihm sein Essen bringt, mit niemanden Kontakt hat.

"Und dieser Traum war genau so wie die vorherigen gewesen?"

"Ja. Dieser war kürzer gewesen als die anderen, aber dafür immer noch furchtbar."

"Ich verstehe. Und in diesen Träumen kommen immer noch nur Ihre Freunde vor?"

"Ja sie… sie beschimpfen mich nur, sagen, dass ich ein Angsthase bin und meinetwegen noch in der Gefangenschaft von Nigrum sind. Es… spiegelt mein Versagen wieder. Ich schaffte es nicht meine Freunde zu retten und zur Bestrafung kriege ich diese Alpträume als Erinnerung daran."

"Ihre Schuldgefühle setzen Ihnen noch sehr zu."

"Tja, das habe ich auch verdient, als ein Versager."

"Leonard, Sie sind kein Versager. Sie haben es geschafft auszubrechen, um Hilfe zu holen. Die Einheit kam leider zu spät, um Ihre Freunde zu befreien, aber daran sind nicht Sie Schuld. Sie haben mir gesagt, dass Ihre Freunde sehr nett zu Ihnen waren, oder?"

"Ja, waren sie zu mir."

"Ich denke dann nicht, dass sie alle böse auf Sie sind. Sie könnten Hoffnung haben, von Ihnen gerettet zu werden. Ihretwegen wissen wir über sie und mit unserer Macht versuchen wir nun Ihre Freunde aufzuspüren und zu retten. Sie sind der Retter Ihrer Freunde."

"Der Retter?", Leonard denkt darüber nach, ob es wirklich schlau gewesen war, alleine zu flüchten, um Hilfe zu holen. Zwar hat er es geschafft, aber dafür sind seine Freunde immer noch Nigrums Quälereien ausgesetzt. "Nein", dachte er. Wenn er sie mitgenommen hätte, dann wären alle bei ihm in Sicherheit vor ihr. Diese Tatsache kann er einfach nicht bestreiten und dafür jagt ihn nun die Schuld zurecht.

"Ich würde mich nicht so nennen. Haben Sie eigentlich immer noch keine Ahnung, wo sie jetzt sind?"

"Nun meines Wissens leider noch nicht, nein."

"Immer noch nichts?", Leonard begann vor ein paar Monaten langsam misstrauisch gegenüber dieser SCP Foundation, ob sie denn wirklich in der Lage wären, Nigrum und seine Freunde zu finden. Die Suche läuft schon seit fünf Monaten und sie haben immer noch keine Ahnung wo sie sind. Nicht einmal einen Hinweis haben diese Leute entdecken können, wo sie sich jetzt befinden. Was, wenn sie es nicht schaffen, Nigrum zu finden? Was, wenn seine Freunde für immer in Gefangenschaft bleiben und neue unschuldige Opfer dazukämen?

"Aha. Darf ich Sie mal was fragen?"

"Natürlich, was denn?"

Es gibt aber noch etwas anderes was sich Leonard fragt. Wenn seine Freunde und Nigrum aufgespürt sind und hier in diesen Standort gebracht werden, was passiert eigentlich danach mit ihnen?

"Wenn Sie meine Freunde und Nigrum gefunden haben, bringen Sie dann alle in diesen Standort?"

"Das weiß ich nicht, aber ich denke schon."

"Und was passiert danach? Bleiben wir alle in diesen Eindämmungszellen und dürfen nie wieder nach Hause zurückkehren?"

Der Psychiater blieb kurz Still nach dieser Frage.

"Nun, wie soll ich es sagen. Das wird wohl leider so sein."

"Ich wusste es."

"Was wussten Sie?"

"Sie und Ihre Kollegen sind genau so wie Nigrum."

Der Psychiater blickt fragend.

"Ich verstehe nicht. Inwiefern sind wir denn wie Nigrum?"

Leonard dreht sich zu seinem Psychiater um, sieht ihm fest in die Augen und macht eine wütende Miene. Er bemerkt erst jetzt, dass sein Psychiater in einen weißen Kittel mit einer schwarzen Hose mit Gürtelschnalle und schwarze Schuhe gekleidet ist. Er hat braune Haare, einen Dreitagebart und dunkle, braune Augen.

"Inwiefern? Sie haben mich gegen meinen Willen hierher in diesen Standort gebracht, haben mir einen neuen Namen als SCP-108-DE gegeben und sperren mich hier in dieser Zelle ein, wie einen Gefangenen, der garnichts Unrechtes getan hat. Und merken Sie langsam die Ähnlichkeiten dahinter?

Leonard starrt seinen Psychiater weiter an.

"Ich kann verstehen, dass es für Sie unangenehm hier ist, aber…"

"Unangenehm? Seit fünf Monaten bin ich in dieser Zelle ganz alleine mit niemandem zur Gesellschaft. Ich darf nicht hinausgehen oder überhaupt diesen Standort verlassen."

"Es dient Ihrer eigenen Sicherheit."

"Oh, wirklich? Ich soll mich sicher fühlen in einer mysteriösen Organisation, die Monster einsperrt, mit mir Tests durchführt und mich nicht wie einen Menschen behandelt?

"Natürlich sind Sie für uns ein menschliches Wesen."

"Das sehen Sie vielleicht so, aber ich weiß von den Wachen, das einige mich hier als einen violetten Freak sehen und nichts anderes."

Dem Psychiater wird scheinbar langsam unwohl davon.

"Leonard, bitte. Wir wollen Ihnen alle helfen und und es ist eben unsere Aufgabe, Anomalien in Gewahrsam zu nehmen. Sie müssen es hier noch etwas aushalten."

"Für wie lange denn? Soll ich einfach nichts tun und warten bis Ihr sie alle findet und dafür ebenfalls für immer hier einsperrt? Sie und die anderen können einfach nicht verstehen, wie es ist, gegen seinen Willen eingesperrt zu sein, zu gehorchen und keine Meinung zu äußern und nur Befehle zu befolgen. Und das Schlimmste ist, ich kann nicht mal zu meiner Familie zurückkehren, um bei denen Trost zu suchen, weil Ihr es mir verweigert und sie werden auch nicht nach mir suchen oder sich um mich Sorgen machen, weil alle denken, dass ich tot bin! Das hier ist einfach nur ein neues Gefängnis für mich, nichts anderes und das Leiden in mir wird einfach verdammt nochmal niemals aufhören!"

Nachdem er das gesagt hat, fühlt sich Leonard endlich etwas erleichtert, seine Meinungen gesagt zu haben. Er atmet energisch ein und aus, bis er endlich bemerkt, dass sein jetziges Dasein für ihn erbärmlich und traurig ist. Wird er wirklich bis an sein Lebensende solch ein Leben führen und nie wieder sein Altes zurückbekommen? Ist es überhaupt möglich, solch ein Leben zu führen? Diese Realisierung erzeugt in Leonard Kummer, weswegen er nun anfängt zu weinen, in der Anwesenheit seines Psychiaters.

"Leonard ich…"

"Bitte, können Sie jetzt einfach gehen. Ich… Ich will für heute nur noch allein sein."

"Ich… na gut. Wir werden uns dann wiedersehen."

Der Psychiater steht von seinem Stuhl auf und verlässt die Eindämmungszelle. Leonard bleibt noch auf seinem Bett und weint weiter.

"Warum muss mir nur solch ein Scheiß passieren?"


Epilog

Der Psychiater befindet sich nun im Büro des Standortleiters von Standort-DE17. Er berichtet seine Ergebnisse von Leonards vorherigem Verhalten und dass es diesem immer schlechter geht.

"Diese Bemerkungen, die er Ihnen gegenüber gesagt hat, gefallen mir gar nicht. Wenn es so weiter geht, sehe ich schon, dass er bald versuchen könnte, einen Ausbruch zu planen."

"Da könnten Sie schon recht haben. Ich hätte deswegen eine Idee, wie wir dies verhindern können und gleichzeitig somit seine Depressionen heilen können."

"Und die wäre?"

"Wir bringen eine Person zu ihm, die ebenfalls ein traumatisches Erlebnis wegen einer Anomalie hatte. Diese Person sympathisiert mit SCP-108-DE, hilft ihm mit seinen Depressionen fertigzuwerden und zeigt ihm, dass die Foundation nicht so schlimm ist, wie er denkt."

"Und welche Person soll das sein?"

"An SCP-140-DE-1 habe ich gedacht. Die beiden haben ihre anomale Fähigkeiten von mysteriösen Dritten erhalten und daher denke ich, dass sie sich gut miteinander verstehen und sich gegenseitig bei ihren Problemen helfen können."

Der Standortleiter überlegt kurz deswegen.

"Das hört sich eigentlich gut an. Sobald SCP-140-DE-1 mit seiner Mission fertig ist, wird er sofort zu SCP-108-DE gebracht."

Der Psychiater grinst. "Vielen Dank. Es wird ihm sehr gut tun."

"Hauptsache, er vergleicht uns nicht mehr mit dieser schwarzen Frau."

Ein Licht am Abgrund
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