SCP-6500-6

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Etwas zu Nichts


"Also das ist im alten Mann", sagte er zu sich selbst.

Tony Marquez fühlte eine atemberaubende Kälte, als er durch das Fenster in der Form eines Menschen in die Welt und auf das samtene Schwarz des Weltalls schaute, das in der Mitte von einer großen Steinstruktur des Tempels unterbrochen wurde, die schwebte, oder vielleicht dahintrieb, ihre eigene undurchdringliche Stille rief eine Kälte hervor, die unter die Haut ging und eine düstere Ecke von Tonys Herz fand, wo sie sich niederließ und Wurzeln schlug. Kein noch so starkes Zittern konnte sie abschütteln. Das Loch in der Welt selbst war gespreizt, Arme und Beine ausgestreckt, Kopf ganz nach hinten geneigt, als hätte der alte Mann seine letzten Momente damit verbracht, nach oben zu schauen und Gott um Vergebung zu bitten.

Tony wusste es aber besser. Zusammengefasst war "Fenster in der Form eines Menschen" eine falsche Bezeichnung und obwohl er nicht mit dem Alter, was auch immer es gewesen sein mag, mithalten konnte, war Mann ein sehr großzügiger Begriff.

Er war nicht verärgert, dass es weg war.

"Ich schätze, das ist ein guter Abschied für dich, alter Knochenbrecher", sagte Tony zum (in seinen Augen) archaischen Instrument hinter und rechts von ihm, während er sich weigerte, seine Augen vom Tempel abzuwenden.

"Mhmm", stimmte Dr. Arceo abgelenkt zu, während er versuchte, einem der leisen Lakaien des Aufsichtsbeamten zuzuhören.

Tony gehorchte instinktiv, als jemand seine Schulter griff und ihn zu sich drehte. Es wurde ihm eine Art Gerät in eine Tasche an der Vorderseite seiner Kampfweste gesteckt, welches er kurz darauf als Sender erkannte. Tony stellte eine Frage aus dem Mundwinkel heraus: "Also bist du wieder mein Schutzengel?"

Es schien, dass Logan Arceo zu beschäftigt war, um zu antworten, also richtete Tony dieselbe Frage an einen Mann, den er für einen "Bühnenarbeiter" hielt.

"Hey, Kumpel." Der Typ schaute hoch und in Tonys Augen. Tony tippte auf den Sender. "Wird Arceo am anderen Ende der Leitung sein?"

Der Typ blinzelte ein paar Mal. "Äh, ich weiß nicht", sagte er, bevor er eine Kehrtwende machte und in die komplett entgegengesetzte Richtung lief, auf eine andere Gruppe mit Klemmbrettern und Stiften zu, die mehr auf technische Sachen spezialisiert zu sein schienen.

Tony schnaubte. Niemand wusste, wie man mit der Klasse D sprach. Sie sollten dafür Lehrveranstaltungen haben, dachte Tony. Dann fiel ihm auf, dass so eine Veranstaltung tatsächlich existieren könnte und sie einfach geendet hat, nachdem die Frage beantwortet worden ist: "Tue es nicht."

Das ließ ihn kichern. "Na gut", murmelte er und drehte sich um, um zu sehen, ob sich ihm noch jemand näherte und ihn fertigmachen wollte.

Zum Glück war es nur Logan.

"Entschuldigung, sie haben mich vollgequatscht." Logan streckte eine Hand aus. "Marquez."

"Logan."

Logan rollte mit seinen Augen. ""Dann Tony. Froh, dich wiederzusehen. Ich werde am anderen Ende der Leitung sein und dich führen."

"Perfekt", antwortete Tony, "Ich mag bekannte Gesichter. Außerdem werden Anfänger schnell meiner überdrüssig."

Sie lachten beide leicht und professionell. Wie beim Wasserspender in der Pause, nur dass es genau neben den Wurmloch-Überbleibseln eines rachsüchtigen, stinkenden Dings war. So ist das Leben, dachten sie beide auf ihre eigene private Weise.

"Bekomme ich irgendeine Präambel? Einen Prolog? Oder fangen wir in medias res an?"

Logan zog seine Augenbrauen hoch. "Woher hast du das Vokabular?"

"Habe mit irgend so einem Typen von Place gesprochen, der wusste ein paar Dinge. Dachte, ich könnte dich überraschen."

"Mission erfüllt."

"Wo wir von Missionen sprechen", Tony drehte sich wieder zur zuvor erwähnten Leiche um, "du schickst mich da rein?"

Es gab eine Pause, als beide auf die Klippe blickten. Es war keine Klippe im wörtlichen Sinne, sondern eine Klippe in dem Sinne, dass man beim Anblick der Klippe den Fall spüren konnte, als würde man bereits fallen und auf den Boden zusteuern, auch wenn man nur am Rande stand. Und mit diesem Gefühl der Schwerkraft kam eine unangenehme Präsenz des Planeten, so dass man sich, wenn man lange genug darüber nachdachte, vorstellen konnte, die Drehung der Erde selbst zu spüren, die versucht war, plötzlich anzuhalten und einen in die Luft zu schicken, vorbei an der sauberen Felswand und einem ungewissen Ende entgegen.

Sie schüttelten ihren Kopf und drehten sich zur im Vergleich verdaulichen Szene von Männern, Frauen, keiner und alle rennen von einem Ort zum anderen, überprüfen Daten, testen alle Instrumente, schreiben hastig etwas auf ihre Notizblöcke, schauen hier- und dorthin, sprechen mit dieser und jener Person – sehen, dachte Tony, wie Wespen aus, die überlegen, wo sie ihr Nest bauen sollen.

"Ja", beendete Logan den vergessenen Gedanken. "Wir schicken dich da rein. Und wir haben nicht viel Zeit für eine Einleitung oder eine Prolog, ich werde dich über deinen Ohrhörer einweisen, während du hinübergleitest. Hört sich gut an?"

"Hört sich gut an, außer, welcher Ohrhörer?"

"Niemand hat es dir bisher gegeben?" Tony schüttelte seinen Kopf. "Alles klar, ich werde jemanden für dich ausfindig machen."

Und er verschwand und vermischte sich schnell mit dem Rest der Forscher und Spezialisten um ihn herum. Tony seufzte. Wieder allein näherten sich mehrere Bühnenarbeiter, die fast alles machten, außer ihm auf die Wange zu küssen, ihm eine Brotdose in die Hand drückten und ihm einen guten Schultag wünschten. Rucksack? Check. Rationen? Check. Ohrhörer? Oh, tut mir so leid, nicht daran gedacht zu haben! Check. Messer? Check. Waffe? Nicht sicher, ob sie dort etwas bringt, wo du hingehst, aber trotzdem Check.

"Alles klar, es wird Zeit, dass du deinen Raumanzug anziehst", sagte jemand.

"Ich kann im Weltraum atmen", antwortete Tony.

"Was?"

"Seit der, äh, Statue, die die Erde umkreiste? Oder vielleicht war es dieser Sowjet-Typ. Zu viele Sachen, die andere Sachen im Weltraum umkreisen, der Punkt ist, der Sauerstoffbehälter ist schwer und ich brauche ihn nicht, also vergessen Sie es."

Einige besprachen sich mit anderen, stellten sicher, dass alles wirklich in Ordnung war, und dann befestigten sie trotzdem einen Behälter an seinem Körper, weil natürlich. Langsam, aber sicher, begann jeder, das Zimmer zu verlassen, die geringste Sorge, gestochen zu werden, verflog, als die letzte kleine Wespe durch die Tür ging, sodass Tony endlich, endlich, allein war, mit fast seinem doppelten Gewicht auf seinem Rücken, und auf den Tempel hinunterschaute.

Er schaute hinunter auf die überwältigende Kälte, ein wenig kühler, jetzt, wo sie von einer entsprechend überwältigenden Stille begleitet wurde.

Logans Stimme ertönte über den Ohrhörer: "Alles klar, D-11424 –" Er verwendet jetzt Tonys offizielle Bezeichnung, da die Vorgesetzten mithörten. "– du kennst den Ablauf."

"Ja, ja, ich weiß."

Es war still.

"Also …?"

"Entschuldigung", antwortete Logan, "es ist sogar von hier, wo ich sitze, ein wenig beängstigend, wenn du mir glaubst."

Da war die Vertrautheit, die Tony wollte. Er lächelte. Sie haben früher nicht so mit ihm geredet. Selbst in der kalten, klinischen Welt der Foundation hat er eine Beziehung zu jemandem aufgebaut.

"Ich glaube dir." Tony schaute auf das Loch und fühlte noch einmal diese Klippe. Mit leiserer Stimme: "Verdammt, ich glaube dir."

"Gut. Also, gehe hinein, wenn du bereit bist."

"So einfach? Einen Weltraumspaziergang zu dem Ding machen?"

"Ja. Du hast es zuvor geschafft, sollte ziemlich einfach sein."

Tony atmete tief ein. "Sollte es."

Er trat auf den Abgrund zu, sein Gesicht Zentimeter vom kosmischen Vakuum entfernt, und war sich unsicher über die genauen Mechanismen, die ihn und die Luft um ihn herum – und eigentlich alles um ihn herum – davon abhielten, wie bei einem Leck in einem U-Boot hinein gesaugt zu werden.

Aber Jahre der Erfahrung sagten ihm, dass Fragen wie diese nicht beantwortet werden würden.

"Geh einfach hindurch", murmelte er zu sich selbst, bevor ihm einfiel, dass er auf Sendung war.

"Geh einfach hindurch", wiederholte Logan.

Also ging er hindurch.

Die Gravitation fiel unter ihm weg und Tony schwebte in der verzerrten Vertrautheit, die das Weltall war. Tony grüßte, auf seine eigene Weise, den unendlichen Nachthimmel um ihn herum. Na ja, "Nacht"-Himmel. Sternenhimmel. Für immer und in alle Richtungen. Nebelfelder und Planeten und funkelnde kleine Sterne, die im Visier seines Raumanzuges tanzten (bei welchem er darauf bestanden hat, dass er ihn nicht brauchte).

Er drehte sich um und sah die andere Seite vom alten Mann. Es war seltsam, dass er überhaupt hindurchpasste. Das Ding war nicht größer als er und er hatte einen ganzen Anzug an. Sollte das nicht ein Problem gewesen sein?

Er schüttelte seinen Kopf. Stimmt, stimmt, anomal-spanomal. Wenn er hindurchpasste, passte er hindurch. Nächste Frage.

"Wie weit ist es?", fragte er.

"Vielleicht ein zwanzigminütiger Weltraumspaziergang? Fang einfach an, die Knöpfe zu drücken, und du kommst an, wenn du ankommst."

Also das war eine ehrliche Antwort. Tony drückte den "Geh"-Knopf auf der MMU (Manned Maneuvering Unit), welche sich auf etwas befand, was einer Sessellehne ähnelte, die sich von seinem Rucksack aus nach vorne erstreckte. Die von NASA verwendeten Versionen waren riesig, aber die Foundation war, natürlich, fortgeschrittener; das Ding war im Grunde ein abwerfbarer Zusatz zu seinem Rucksack. Nicht das er es jemals, jemals abwerfen wollen würde.

Ein Strom von irgendetwas begann aus seinem Rucksack hinaus zu zischen, was er im Vakuum des Weltalls nur aufgrund der Verbindung zu seinem Körper hören konnte. Er begann sich vorwärtszubewegen, was er anpassen musste, indem er seinen Körper verlagerte, um sicherzustellen, dass "vorwärts" zum Tempel und nicht inmitten vom Nirgendwo hieß (und es gab wirklich keinen anderen Ort, wo du mehr inmitten vom Nirgendwo sein konntest, als im Weltraum).

"Also, das gibt uns etwas Zeit."

"Sicher", stimmte Logan zu.

"In diesem Fall habe ich einige Fragen."

"Ich habe einige, aber nur einige, Antworten."

"Wie erwartet. Alles klar, zuallererst, was hat den Alten getötet?"

"Geheim."

"Alles klar, das habe ich kommen sehen. Also, hm. Er wird einfach zu dem hier, oder …?"

Logan bleibt still.

"Super", sagte Tony. "Also dann. Ist dieser Ort hier das, was ich denke?"

"Was denkst du?"

"Wo die Leute hingebracht wurden. Als der alte Knacker sie erwischte."

"Du hast ein großes Vokabular für alte Männer."

"Ich habe ein großes Vokabular an Beleidigungen."

Es gab eine Pause.

"Hey! Ich bin ein alter Mann!"

"Tut mir leid, Arceo. Ist halt so."

Beide Männer kicherten. "Ich bin froh zu sehen, dass du dich nicht allzu entmutigt fühlst. Kurz gesagt wissen wir es nicht. Auch kurz gesagt, wahrscheinlich. Es besteht aus Stein, vermutlich. Es sind Ziegelsteine, denken wir. Sieht so ziemlich so aus, wie es uns beschrieben worden ist."

"Also. Bin ich gerade in einer Taschendimension oder befinden wir uns wirklich im lokalisierbaren Raum?"

"Lokalisierbarer Raum."

"Wow. Wo?"

"Kennst du den Kosmos wirklich so gut?"

Tony dachte darüber nach. "Nein, nicht wirklich."

"Gut, Dann muss ich niemanden fragen, weil es keine Bedeutung für dich hätte."

"Das stimmt. Also gut, nächste relevante Frage. Was zur Hölle soll ich machen?"

Logan brach in schallendes Gelächter aus, welches undeutlich über die billigen Ohrhörer übertragen wurde (sicherlich hatten sie das Geld, um nicht alle ihre Hörer so billig zu haben?) "Einfacher geht es nicht, Tony. Aufklärung."

"Oh, du weißt nicht, was da drinnen ist?"

"Nicht wirklich."

Tony hob seinen Kopf, um noch einmal den Tempel anzuschauen. Er sah wie ein Herz aus. Gut, nein, sah er nicht, nicht wirklich. Aber er fühlte sich wie eines an. Auf eine unsichtbare, nicht greifbare Weise wusste Tony einfach, dass da etwas war, das ihn an seinem Platz hielt – dass er nicht einfach im Weltraum schwebte, sondern irgendwie von kosmischen Sehnen und Muskeln festgehalten, straff gezogen wurde. Und er konnte auch fühlen, auf eine undefinierbare Weise, dass da Blut war. Altes, getrocknetes, braunes Blut, die den Leerraum befleckte, wie eine Stratosphäre von altem Tod – wie die mumifizierten Reste eines ermordeten Königs.

"Verdammt fantastisch", murmelte er. Dieses Mal antwortete Logan nicht. "Darum habt ihr mich nicht mit einer Live-Übertragung gesendet, oder? Angst vor Memes und so?"

"Im Grunde. Wir können deutlichere Aufnahmen aus deinen Erinnerungen extrahieren, sobald du draußen bist. Darum hast du heute Morgen Mnesika genommen."

"Ja, ja. Hey, dieses Wort."

"Hm?"

"Erinnerungen."

"Ah", Logan atmete tief ein. "Klassisch evokativ. Ruft es etwas hervor?"

"Tut es."

"Ich liebe diesen Teil", sagte Logan mit leiserer Stimme, als hätte er sein Mikrophon nach unten gehalten und mit jemandem im Raum gesprochen. "Mach weiter", wieder laut und deutlich.

"Du … Blödmann."

"Ha ha ha. Wo war nochmal dieses große Vokabular an Beleidigungen?"

"War keine Beleidigung."

Eine Stille brach aus. Tony unterbrach sie zuerst:

"Egal. Hier oben ist überall Nachthimmel, oder?"

"Also, ich weiß nicht, ob ich es Himmel nennen würde, aber –"

"Halt die Klappe. Also hier ist nur Sternenhimmel und so." Tony seufzte. "Also, ich erinnere mich kaum an mein Leben vor der Foundation. Bin mir nicht sicher, ob ihr das absichtlich gemacht habt oder ob es nur ein Nebeneffekt vom Kontakt mit so vielen … Dingen ist. Oder vielleicht einfach allgemein Gedächtnislöschung – es hat mich immer interessiert, wie ihr angeblich so spezifisch damit wart. Aber der Punkt ist, dass ich mich nicht an besonders viel erinnere. Aber das."

Tony zeigte auf die Sterne, obwohl Logan es nicht sehen konnte. "Ich habe dir erzählt, dass ich immer ein Taucher sein wollte, oder?"

"Das war mal ein Thema."

"Ja. Nun, es gab einen Moment, als ich jung war, an den ich immer denke, wenn ich das sage. Und ich schätze, wir haben Zeit, also …"

"Ich habe diese Geschichte schon einmal gehört."

"Was? Wirklich?"

"Ja. Als du den Krabbenturm erkundet hast."

"Aha!" Tony wusste nicht, was er sagen sollte. "Du verdammter Spielverderber, na gut! Ich werde zum relevanten Teil übergehen."

"Danke."

"Es war nachts und im Himmel waren so viele Sterne wie noch nie. Sah genauso aus. Zufrieden? Du hast den Aufmacher ruiniert."

"Sehr zufrieden."

Tony murmelte Profanitäten zu sich selbst, leise genug, um sich sicher zu sein, dass sie nicht vom Mikrophon empfangen werden. Als er bereit war: "Also, als ich das erste Mal ins All geschickt wurde, dachte ich, 'hey, vielleicht wird es wie Schwimmen', weil ich das immer gehört habe, dass es ein wenig wie Schwimmen ist. Nun, jetzt, wo ich hier bin, nein. Es ist überhaupt nicht wie Schwimmen. Menschen nennen Schwimmen 'schwerelos', aber du hast immer noch Gewicht und es sind definitiv Sachen um dich herum. Im Weltraum bist du wirklich schwerelos und wenn ich meinen Arm umherwinke, ist dort absolut nichts. Es ist komplett verschieden."

"Hm", war alles, was Logan sagte.

"Hm", machte ihm Tony nach.

"Entschuldigung. Ich bin mir nicht sicher, was ich darauf antworten soll."

"Na gut."

Der Tempel kam jetzt näher, aber jedes Mal, wenn Tony hochschaute, war zu viel Gewicht auf seiner Brust und er musste wegsehen. "Es sieht so aus, als ob ich bald ankommen werde. Gibt es einen Plan?"

"Nein. Geh einfach hinein, erkunde, wir werden dich hinausziehen, wenn wir denken, dass wir genug haben."

"Also wenn ich sterbe."

"Du wirst nicht sterben."

"Ich werde sterben."

Tony hatte keine Angst davor. Er ist davor schon einmal gestorben. Es ist in dem Moment beängstigend, oft sehr schmerzhaft, aber es gibt keinen Karriere-D-Klasse-Mitarbeiter, der nicht zuvor gestorben ist. Obwohl er die Details nicht wissen konnte, dachte Tony, dass er einer der ersten D-Klasse-Mitarbeiter war, der eine solche Behandlung erhielt – dass sie wiederbelebt werden konnten, wodurch ihre Entbehrlichkeit (das D in D-Klasse1) nicht mehr so verdammenswert war. Tony fühlte deswegen großen Stolz. Er war D-11424, sicher, aber er war auch Tony Marquez, Erkundungsspezialist. Es war eine Ehre, auf seine eigene verdrehte Art und Weise, wobei die Ehre des Ganzen in erster Linie davon abhing, dass man ein untermenschlicher Gefangener war.

Aber Tony sah sich selbst als einen untermenschlichen 5-Sterne-Gefangenen und er war sich ziemlich sicher, dass Logan dasselbe dachte.

"Oh, Scheiße!" Tony kollidierte fast mit voller Geschwindigkeit mit der Wand, bevor er nach oben auswich, raus aus seinem Kopf und zurück in die Realität. Oder so nah wie das, was er sah, an der Realität war.

"Geht's dir gut?"

"Ja, falscher Alarm."

Ganz nahe dran, vielleicht ein paar Dutzend Meter von den Ziegelsteinen entfernt, konnte Tony einen organischen Farbton ausmachen. Über die Ziegelsteine hinweg schlängelten sich Ranken in demselben Beetenrot wie der Rest des Mauerwerks durch jede Ritze und jeden Spalt, einige der längeren, dickeren Ranken hingen sogar daran herunter und erinnerten Tony an die alten Tarzanfilme.

Die Architektur selbst war schlicht. Rote Ziegelsteine, ohne einen Hinweis auf Verschönerung oder Kunst, bildeten eine kilometerlange flache Wand ohne Merkmale. Nur ab und zu sah Tony ein Fenster oder vielleicht einen Balkon oder irgendein anderes Gebilde, das komplett utilitaristisch wirkte. Jedoch war ihr einziger Nutzen, den Tony sich mit dem Wissen, dass der alte Knacker diese Flure heimgesucht hat, vorstellen konnte, die Bildung eines Labyrinths.

Ihm kam ein Gedanke.

"Hey, war der alte Mann ein Minotaurus?"

"Was? Nein, du hast ihn gesehen. Er war ein Mensch. Äh, humanoid."

"Richtig. Aber er jagte Menschen durch ein sich ständig veränderndes Labyrinth. Das passt ziemlich zu einem Minotaurus, oder?"

"Das stimmt wohl. Wenn du diesen Gedanken hattest, hatte ihn das Forschungsteam aber auch."

"Na ja, im unwahrscheinlichen Fall, dass sie ihn nie hatten, teile es ihnen mit."

"Dieses ganze Protokoll wird ihnen vorgelegt, sobald wir hier fertig sind, also wird es die Runde machen."

"Perfekt. Also, wo soll ich eintreten? Ich bin direkt oben drauf."

"Wir haben keine Karte von dem Ding, also tritt ein, wo du willst."

"Wieder perfekt. Ich werde dich benachrichtigen, sobald ich eine schöne Stelle gefunden habe."

Tony umrundete die Struktur, bis er mehrere Bögen fand (wahrscheinlich die extravaganteste Architektur, auf die er bisher gestoßen ist), die als Fenster für einen langen, großen Flur dienten.

"Habe besagte schöne Stelle gefunden, ich gehe rein."

Tony ging zwischen den Säulen hindurch, die so breit und groß wie Mammutbäume waren.

"Alles klar, jetzt ist der Zeitpunkt, wo ich alles kommentiere, was ich sehe, richtig?"

"Wie immer."

"Alles klar. Es ist riesig."

"Stimmt."

"Ja, du weißt, dass es riesig ist, aber ich meine, ich bin gerade in einem Flur und es ist wie … warst du jemals in einer von diesen alten europäischen Kathedralen? Die mit dem Mauerwerk, das sich älter als die Geschichte anfühlt? So ist es hier. Ich bin zwar kein religiöser Typ, aber diese Orte …" Tony richtete seine Taschenlampe auf die Decke, wo diese roten Ranken hinunter hingen und fast ein rotes und manchmal ein verwesend braunes Vordach bildeten. "Diese Orte. Ich verstehe, warum sie so gebaut worden sind. Es ist als … Wenn man sich an einem Ort befindet, der so groß, so alt und so ruhig ist, hat man das Gefühl, dass es etwas Größeres geben muss. Ich weiß nicht, verstehst du, was ich sage? Es ist so, als könnte ich Gott spüren, wenn ich hier bin."

Es gab eine Pause. Mit einem ehrlichen Tonfall: "Denkst du, es ist ein memetischer Effekt?"

Tony schüttelte seinen Kopf, obwohl Logan es nicht sehen konnte. "Nein. Ich meine, dass müsst ihr herausfinden, aber so fühle ich mich jedes Mal in einer Kathedrale. Wurde ich nur daran erinnert. Ich gehe weiter."

Seine MMU zischte wieder, während er begann, sich den Gang herunterzudrücken. Inmitten des Weltalls war die Struktur pechschwarz, außer dort, wohin er seine Taschenlampe leuchtete, und selbst dann wirkte es düster, als wenn die Dunkelheit nicht bloß die Abwesenheit von Licht war, sondern eine Kraft, gegen die er konstant ankämpfte.

Der Gang war lang, also fing er an zu reden: "Übrigens, dieser Ort, alle roten Ziegelsteine und so, ist mit etwas überwachsen. Sie sehen wie rote Ranken aus."

"Die Süßigkeit2 oder einfach rot gefärbte Ranken?"

"Das Zweite."

"Verstanden."

"Soll ich sie berühren?"

"Eine Sekunde." Es war zu hören, wie Logan das Mikrofon von seinem Gesicht wegschob und er gedämpft und unverständlich mit jemandem sprach. Dann: "Wahrscheinlich nicht. Alles Lebende, vor allem an einem Ort mit einer solchen Geschichte, ist potenziell gefährlich. Wir würden es bevorzugen, wenn du einfach nur erkundest."

"Verstanden."

Tony erreichte einen großen Bogen, der in einen fensterlosen Raum führte, tiefer im Tempel. Als er den Abgrund passierte, fiel ihm der Boden unter den Füßen weg, und sein Licht schien nichts mehr zu erreichen.

"Alles klar, ich schwebe jetzt in fast vollkommener Dunkelheit, also wo wir von 'einer solchen Geschichte' reden, welche Waffen stehen mir zur Verfügung?"

"Pistole, Messer, das Übliche."

"Ah, genau. Waffen der Sorte 'könnten keiner anomalen Fliege etwas zu Leide tun'. Fantastisch."

Tonys MMU zischte ihn vorwärts, während seine Taschenlampe hier und dort zutage tretende rote Ziegelsteine beleuchtete, die er manchmal dazu benutzte, sich vorwärtszubewegen. Er traf schließlich auf eine andere Wand und eine andere Pforte, welche zu einem engen Flur führte. Er trat ohne einen zweiten Gedanken hinein.

Er verwendete seine Gliedmaßen anstatt der MMU, um sich durch den Flur zu bewegen, und die Ziegelsteine fühlten sich … weich an.

"Hey, ich lasse euch mal wissen, dass ich denke, dass all das hier irgendetwas Organisches ist."

"Wieso?"

"Die Ziegelsteine geben nach und Ziegelsteine sollten nicht nachgeben. Das kombiniert mit den Ranken lässt mich das einfach denken, weißt du? Könnte eine Option sein."

"Notiert."

Während Tony den Gang hinunter "ging", bemerkte er, dass er begann, einen scharfen Bogen nach oben links zu machen, einige seiner harten Ecken zu verlieren und stattdessen eher die Form eines Rohrs anzunehmen.

"Hm."

"Was ist passiert?"

"Na ja", Tony grub seine Finger zwischen zwei Ziegeln ein, die sich fast von der Wand lösten, und drückte sich nach oben(?) in das Rohr, "hatte dieser Ort nicht Gravitation oder so? Du weißt schon. Als der alte Knacker noch Menschen hierhin geschickt hat."

"Ja."

"Wo ist sie hin?"

"Wir sind uns nicht sicher, aber es ist möglich, dass SCP-106 realitätsbeugende Kräfte besaß, die er nur hier ausüben konnte. Wir wissen, dass es gerne mit seinen Opfern spielte, also machte eine Jagd vielleicht mehr Spaß, wenn sie tatsächlich rennen konnten."

"Verstörend."

"Wie erwartet."

"Stimmt. Also, die Architektur hier ergibt keinen Sinn. Ich gehe gerade ein Rohr hoch und … nun, Scheiße."

"Was ist los?"

Tony näherte sich etwas, was wie eine Blockade aus den gleichen roten Ranken wie zuvor aussah, die miteinander verknotet waren, außer dass er aus dieser Nähe Blätter auf ihnen sehen konnte. Alte, braune, verwitterte Blätter, außer dass sie aussahen, als …

"Mein Weg ist durch Ranken versperrt. Erlaubnis, sie durchzuschneiden?"

"Erlaubnis verweigert. Geh den Weg zurück, den du gekommen bist."

Tony rollte seine Augen und näherte sich trotzdem. In Ordnung, kein Schneiden, aber was bist du?

Er sah die Blätter und richtete seine Taschenlampe direkt auf sie. Sie sahen holprig aus, waren mit helleren, rötlicheren Flecken gesprenkelt und dicker als jedes andere Blatt, das er je gesehen hatte, mit abgerundeten Kanten, anstatt spitz zuzulaufen. Er ignorierte den Ratschlag und berührte eins.

Sein Herzschlag schnellte hoch, aber nichts geschah. Na ja, nichts geschah ihm. Das Blatt war rau und schien sich an den Nähten zu lösen, als er mit dem Daumen dagegen drückte, so dass ein helleres, leuchtenderes Rot darunter zum Vorschein kam, das bei festerem Druck auszusickern begann.

"Hey, ich habe eine Theorie, Sekunde …"

"Sekunde wofür? Was machst du?"

Mit einem schnellen Ruck riss Tony das Blatt von der Ranke. Dort, wo sich der Stamm befand, sammelte sich eine ölige braune Flüssigkeit, die sich aufgrund der Oberflächenspannung an die Ranke schmiegte und wie eine blutende Wunde aussah.

Wahrscheinlich, dachte Tony, weil es genau das war.

"Ich habe nur, äh …" Tonys Gedanken wurden unterbrochen, als er plötzlich orientierungslos wurde. Er hielt es für selbstverständlich, dass viele verschiedene Sinne angesprochen werden, um Umweltreize zu erhalten, also als die Wände ausgerechnet im Weltall anfingen zu wackeln, wusste er einen Moment lang nicht, ob er sich bewegte oder sie.

"Was ist los?"

"Die Wände wackeln. Warte einen Moment lang …"

Tony legte eine Hand auf die Wand und durch den Anzug und seinen Arm und seine Knochen bewegten sich die Vibrationen zu seiner Cochlea. Es hörte sich an wie … "Husten. Es hört sich an, als würde etwas Riesiges husten."

"Was? Was hast du getan?"

"Ich habe ein Blatt von den Ranken gerissen."

"Gottverdammt, elf, wir sagten dir, dass du sie nicht berühren sollst!"

Sie waren das Interessanteste an diesem Ort, du erwartest, dass ich nicht damit interagiere? Du musst –"

Tonys Kopf wurde an eine Wand gedrückt, was seinen Kopf gegen seinen Helm stoßen ließ. "Aua, verdammt!"

"Halte uns auf dem Laufenden, elf."

Tony ignorierte Logan, hob stattdessen seinen Kopf und schwenkte seine Taschenlampe wild im Rohr umher. Sein erster Gedanke war, dass die Ranken beweglich geworden und gegen ihn geschlagen sind, aber sie waren immer noch genauso eine verworrene Masse wie als er sie zuerst gesehen hat. Als er seine Taschenlampe auf die andere Seite des Ganges richtete, gab es nur Dunkelheit, sobald die Ziegelsteine die Reichweite des Lichts verließen.

"Ich habe keine Ahnung, ich habe wirklich keine Ahnung, ich wurde von etwas an die Wand gedrückt, aber ich sehe nichts."

Tony stand auf und hielt inne.

"Ich bin gerade aufgestanden."

"Okay, und?"

"Nein, ich meine, ich bin aufgestanden. Die Gravitation hat gerade wieder eingesetzt."

Tony zählte eins und eins zusammen.

"Verdammt."

"Bleib ruhig, kannst du den Weg zurückgehen, von dem du gekommen bist?"

"Nein, nicht wirklich. Das Rohr geht nach oben, ich müsste anfangen zu klettern. Also hey. Erlaubnis, jetzt verdammt noch mal durch die Ranken zu schneiden?"

Tony hörte gedämpftes Gemurmel, während sich Logan mit den anderen in seinem Raum austauschte. Tony verschwendete seinerseits keine Zeit, nahm seinen Rucksack vom Rücken und suchte nach einer Art Schweizer Taschenmesser. Sobald er es herausgeholt hatte: ""Ja", kam Logans Stimme.

"Gut, weil ich es sowieso gemacht hätte."

Tony grub sein Messer in die erste Ranke und zog sie soweit hinunter wie er konnte. Diese ölige Substanz kam heraus und bedeckte das Messer und seine Handschuhe an den Händen, und die Wände fingen wieder an zu wackeln, was Tony dieses Mal das Gleichgewicht verlieren ließ. Tony machte noch ein paar wilde Hiebe und verdammte den Gedanken, dass er ein Taschenmesser als Machete benutzen musste, und schnitt durch die ersten Ranken. Ihre Schnittkanten schütteten etwas aus, was Tony für Blut hielt, und ließen seine schweren Schritte rutschen. Das, kombiniert mit dem Wackeln, kombiniert mit der Panik, fing an, Tony zuzusetzen.

"Ich kann deine Atmung hören. Geht es dir gut?"

"Ich habe Schwierigkeiten, meine Ruhe zu bewahren."

"Atme. Du hast keinen Grund zu glauben, dass irgendetwas dir auf den Fersen ist. Du hast Zeit. Eins-null-sechs ist tot, erinnerst du dich?"

"Ich habe etwas aufgeweckt, Arceo, und ich mag es nicht, in einer Sackgasse zu sein, wenn etwas groggy und gereizt ist."

Tony lehnte sich an eine Wand, um nicht herunterzurutschen, und begann methodischer an den Ranken zu sägen, um durchzukommen. Durch seine Füße und seinen Rücken trugen die Vibrationen dasselbe Geräusch von Husten und Schnupfen - nass und laut und krank.

Aber dann war er durch. Er wischte Blut von seinem Helm, um sehen zu können, und bemerkte, dass die Schlieren des alten, braunen Zeugs so dick waren, dass er nicht weiter als einen halben Meter weit sehen konnte.

"Hey, hey, ich habe ein Problem."

"Welches?"

"Das Blut verdeckt meine Sicht."

"Blut?"

"Oh, ja, ich denke, die Ranken sind Venen. Sie bluten, wenn ich sie zerschneide. Also, ich habe gerade viele von ihnen zerschnitten und jetzt kann ich nichts sehen. Das Husten hat jedoch aufgehört. Gibt es einen Weg, das abzuwischen?"

Mehr gedämpftes Gemurmel. "Ich werde ehrlich mit dir sein, elf, das war eine unvorhergesehene Möglichkeit."

"Verdammt. Kein Lappen oder so in meinem Rucksack?"

"Du könntest eine zusammengerollte Plastikplane haben, du könntest sehen, ob das etwas bringt."

Tony nahm ein weiteres Mal den Rucksack von seinem Rücken und platzierte ihn auf dem Boden, aber mit eingeschränkter Sicht und dicken Handschuhen war es fast unmöglich, irgendetwas zu finden.

"Okay, ich kann nichts sehen und nichts fühlen, das ist dumm. Ich habe eine andere Idee." Tony schmunzelte.

"Alles klar, welche Idee?"

"Na ja, ich muss nicht atmen. Erinnerst du dich?"

"Tatsächlich ja."

"Da ist deine Antwort."

"Warte, elf –"

Tony krachte seinen Helm gegen die Wand und zerschmetterte das Glas in eine Million Teile. Das Glas flog in sein Gesicht, was ihm mehr als ein paar unangenehme oberflächliche Schnitte verpasste, aber er hatte sich damit abgefunden. Er schüttelte das Glas aus seinem Haar und lehnte sich dann nach vorn, um es aus seinem Anzug zu schütteln, was mit Blut bedeckte Glasscherben auf den Boden fallen ließ. Er schmunzelte. "So! Jetzt kann ich sehen."

"Außer dass nichts herauskam, als er versuchte zu sprechen. Er hielt eine Hand an seine Kehle und hob seine Augenbraue.

"Elf!? Was war das, ich habe das Krachen gehört."

"Es geht mir gut", sagte Tony. "Es geht mir gut, es geht mir gut, es geht mir gut!"

Nichts. Tonys Augen weiteten sich.

"Elf? Tony?"

Tony erkannte die Situation, als er den deutlichen Verlust von Luft bemerkte. Seine Hände ballten sich plötzlich zu Fäusten und sein ganzer Körper strammte sich. Natürlich. Er wusste, dass er ohne Luft überleben konnte, und er wusste, dass er immun gegen Dekompression war, aber er hat vollkommen vergessen, dass er keine Laute ohne ein Medium produzieren konnte, welches ihm die Produktion von Lauten ermöglichte.

Er zerbrach sich den Kopf, ob es noch andere Wege zur Kommunikation gab. "Ähm, ähhh", sagte er, ohne irgendetwas zu sagen. Er schlug seine bauschigen, behandschuhten Hände mehrmals gegen seinen Kopf, bevor er plötzlich darauf kam, dass er das Mikrofon jetzt direkt mit seinen Händen antippen konnte, da sein Visier weg war.

Tip, tip.

"Elf?"

Tip, tip.

"Machst du dieses Geräusch? Ähm, tip … Shave and a Haircut3."

Tip, tip, ti-tip, tip. Tip, tip.

"Okay, fantastisch. Was hast du getan?"

Tip.

"Stimmt. Kennst du den Morsecode?"

Tony weitete seine Augen und hob seine Schultern. Tip.

"Ich nehme das als ein Nein. Gut, ich weiß nicht, was du getan hast, aber zweimal tippen für ja, einmal für nein. Geht es dir gut?"

"Dreimal für vielleicht."

Tip, tip, tip.

"Okay, gut. Ich werde mich mit dem Team beraten, gib mir eine Minute."

Und Logan war weg. Verdammt … großartig. Tony ging weiter den Gang entlang, jetzt ohne Hindernisse. Er hat auch unterschätzt, wie kalt es sein würde. Es war tatsächlich das Kälteste, was er sich vorstellen konnte. Fast nicht zu ertragen. Die Bewegungen seines Gesichts wurden steif, aber er ging immer weiter, während er manchmal über seine Schulter schaute, um sicherzugehen, dass er immer noch nicht verfolgt wurde.

Er war sich nie richtig sicher.

Bald darauf kam er an eine Grube.

Oh mein Gott. Es war eine Sackgasse, aber mit Panik und einem starken Mangel an Voraussicht hatte er es geschafft, eine Grube auf Kosten seiner Kommunikationsfähigkeit zu errichten!

Tony schlug seinen Kopf mehrmals gegen die Wand.

Gut, gut. Ich habe meine Grube gegraben, ich schätze, dass ich am besten hineinspringe.

Aber er wollte nicht springen. Er wollte klettern. Und mit den behandschuhten Händen war Klettern keine große Option. Er überlegte … und begann anschließend, das schwere Ding zu entfernen. Er zog die Arme heraus, löste mehrere Gliedmaßen, hakte Haken aus und schließlich fielen ihm Dinge ab.

Sobald er es losgeworden ist, hob er den Sender auf und –

"– du da? Elf, hörst du mich? Was ist dieses Geräusch? Nicht dass du antworten kannst, aber geht es dir gut?"

Tip, tip.

"Gut. Okay. Mach weiter so."

Tip, tip.

Tony nahm sein Messer und schnitt das Kabel aus seinem Raumanzug, damit er den Sender in seiner Tasche haben und sein Mikrofon und Lautsprecher lose um seinen Nacken hängen lassen konnte. Solange der Lautsprecher ihn berührte, konnte er hören, was er sagte.

Dann holte er einige Lebensmittelriegel aus dem Rucksack, steckte sie in seine Hosentaschen und begann sich zu überzeugen, dass es eine gute Idee war, hinunterzuklettern. Er schauderte bei dem Gedanken, dass er keine Sicht haben würde; seine Taschenlampe müsste in seinem Mund sein und ohne Luft streute das Licht überhaupt nicht und schien bloß eine Wand zu treffen und dort zu stoppen. Er würde die meiste Zeit blind sein.

Und unfähig zu kommunizieren, da seine Hände beschäftigt wären.

Verdammt, dachte er. Verdammt, verdammt, verdammt.

Er kniete sich hin und stieß seinen Fuß in die Röhre. Sein Bauch fiel von seinem Zwerchfell auf den Boden seiner Hüften. Er schloss seine Augen und nahm einen tiefen, falschen Atemzug. Er kippte um, damit er auf seinem Bauch war, und begann sich herunterzulassen, damit er einen Halt finden konnte. Er entdeckte schnell, dass sein Fuß, so wie seine Hand vorhin, kraftvoll genug war, um zwischen die Ziegelsteine in der Wand zu rutschen, als würden sie sich teilen, nur weil er da war. Wenigstens würde es einfach sein.

Er nahm mehr falsche tiefe Atemzüge, als gäbe es eine magische Zahl, die, sobald er sie erreichte, ihn vollkommen ruhig und gesammelt machte. Es gab keine solche magische Zahl. Oder zumindest gab es keinen Grad der Beruhigung, bevor er diese magische Zahl erreichte, und er hatte es satt, auf sie zu warten, also entschied er sich, dass er einfach begann hinunterzuklettern.

Tiefer in das Biest, dachte er, außer dass sich selbst mit einem Gefühl der Gravitation alles relativ anfühlte. Er könnte, soweit er wusste, in Richtung der Kante klettern.

Ein Fuß zwischen Ziegelsteinen, ein zweiter Fuß zwischen Ziegelsteinen und dann folgten Finger und sobald seine rechte Hand seine Taschenlampe zwischen seine Zähne gesteckt hat, wurden beide Hände zum Klettern verwendet.

Es ging langsam voran. Er war kein Kletterer. Sicher, er war stark. Er ist auf so vielen Erkundungsmissionen gewesen, dass es schwer war, keine Oberkörperstärke zu haben, nachdem man verklemmte Türen auftrat, sich auf Vorsprünge hievte oder wenn nötig Schläge austeilte … Er trainierte einfach, indem er seinen "Job" machte. Aber er war nicht erfahren. Es verlangte seine gesamte Aufmerksamkeit.

Zum Glück gab es nichts anderes, worauf man sich fokussieren konnte. Es gab keine Geräusche, außer das Gleiten der Ziegelsteine, wenn er sie berührte. Es gab keine Sichtweite, außer ein roter Fleck in seiner Peripherie von der Taschenlampe.

So war Tonys Welt für etwa eine Minute. Sein Herz schlug jedes Mal, wenn er versuchte, seinen Fuß irgendwo abzusetzen und er ins Nichts trat, ein kleines bisschen schneller, aber er konnte in der Dunkelheit mit seinen Füßen nach einem Ziegelstein herumtasten.

Hinunter und hinunter und hinunter.

Bog es sich nach außen?

"Tony, hörst du mich?"

Tony realisierte, dass er etwas schräg war und seine Fußhalterungen tiefer in der Wand waren als seine Handhalterungen. Wenn es sich noch weiter nach außen bog, könnte er sich bald nicht mehr festklammern. Er nahm vorsichtig seine linke Hand von der Wand und fühlte, wie er ein ganz klein wenig nach rechts schwang, was seine Brust zusammenziehen ließ.

"Tony? Elf?"

Er schluckte seine Furcht hinunter und hob seine linke Hand nach oben zu seinem Mikrophon, um es zweimal anzutippen.

"Okay. Wir könnten einen Weg haben, dich mit Gewalt zu extrahieren, da diese limitierte Kommunikation schrecklich ist. Ja oder nein? Wenn du interessante Dinge findest, könnte es besser für dich sein, wenn du bleibst, anstatt dass wir eine Woche warten müssen, bis wir diese Operation von Neuem starten."

Tony öffnete seine Augen so weit er konnte, während die Kälte seine Muskeln versteifte, und griff nach hinten, um es wieder anzutippen, nur um zu bemerken, dass seine schnelle Bewegung und sein Schwung mit dem Arm das Mikrophon von seiner Schulter geworfen hat.

Alles spannte sich an, während er versuchte, herauszufinden, wie er das wieder geradebiegen konnte.

"Tony? Da waren viele Stöße."

Logan muss das Geräusch gehört haben, als das Mikrophon das Ende des Kabels erreicht hat und baumelte, während es über dem … Boden war? Der Leere? Tonys freie Hand bekam eine neue Aufgabe, die Taschenlampe aus seinem Mund zu bekommen und sie nach unten zu richten.

Außer dass sich Tony in dieser Position nicht umdrehen konnte, um zu sehen, wie weit der Boden von ihm entfernt war. Es könnte keinen Boden geben. Oder er könnte zwei Fuß entfernt sein.

"Geht es dir gut? Bist du da?"

Verdammt, verdammt, verdammt! Tony nahm seine Taschenlampe wieder in den Mund und versuchte, seinen Arm nach hinten zu bewegen, um das Kabel zu bekommen, aber er konnte es nicht richtig erreichen. Er dachte, er hätte es bekommen können, als seine rechte Hand, mit seinem Schweiß bedeckt, begann, sich von der Handhalterung zu lösen. Er fühlte, wie sich sein Herz so sehr gegen seine Rippen presste, dass er dachte, dass es Grillspuren hinterlassen könnte, also legte er seine linke Hand sofort in den vorherigen Spalt zurück und ließ sie dort.

Schweiß lief seinen Kopf hinunter. Ein kalter Schweiß, der sich wie Winterregen anfühlte, welcher aus dem Nirgendwo kam.

"Elf? Tony?" Wieder das gedämpfte Murmeln. Logan erstattete Bericht. Vielleicht versuchten sie, ihn zurück zu holen. Das würde Sinn ergeben. Aber das brauchte Zeit und Tony war kurz davor, jetzt zu fallen.

Das ließ jedoch eine gute Erinnerung wieder hochkommen.

Wenn ich sterbe, wache ich einfach wieder auf. Die einzige wirkliche Variable ist, wie schmerzvoll der Tod wird.

In seinen Tod zu fallen war manchmal schmerzvoll oder es war ein solcher Fall, dass er sofort kam, abhängig von der Höhe und dem Winkel. Aber Tonys Griff wurde schwächer und es kümmerte ihn nicht, darüber nachzudenken.

Lass los, lass los, lass, los.

Er wiederholte es mehrmals, bevor er sich wirklich überzeugen konnte, es durchzuziehen.

Und dann fiel er.

Oder wenigstens nahm er das an. Es gab Gravitation, aber keine Luft, und alles um ihn herum wurde zur vollkommenen Dunkelheit, also gab es absolut keinen Bezugspunkt.

Mit seinen freien Händen begann er, sich zu wenden, um zu versuchen, sein Mikrophon zu greifen, und realisierte erst jetzt, dass er seinen Richtungssinn verlor, wenn er sich wendete. Er könnte auf seinen Kopf fallen.

Stattdessen landete er auf seiner Hüfte und fühlte etwas brechen.

Es hätte einen Schmerzensschrei gegeben, hätte er ein Medium gehabt, durch das er schreien konnte.

Stattdessen hörte er: "Das hat sich schlimm angehört, bist du da, Tony?"

Na ja, das und mehr. Er hörte, unter ihm, ein Fließen. Ein gurgelndes, unregelmäßiges Fließen und als er endlich die Geistesgegenwart hatte, seine Taschenlampe zu holen, richtete er sie unter sich, um herauszufinden, auf was er sich befand.

Ranken.

Eigentlich Venen.

Ein großer Knoten davon und als seine Taschenlampe die Ecken von anderen Objekten fand, bemerkte er, dass es etwas wie ein Ball aus diesen Dingern sein musste, ineinander verschlungen, mit straffen, langen Schnüren davon, die das Ding in der Luft im großen Raum, in welchem es sich befinden musste, hielten.

Und er war oben drauf.

Mit einer gebrochenen Hüfte.

Oh mein Gott. Ich bin ein Idiot.

Die Realisierung war fast beruhigend und er kicherte ein lautloses Kichern.

Wenn ich hier herauskomme, wird das eine urkomische Geschichte sein. Ich habe alles falsch gemacht, mich wirklich schlimm verletzt, nichts gelernt und Zeit und Ressourcen verschwendet. Das ist definitiv einer meiner schlimmsten Momente und es wird verdammt lustig sein.

Er nickte sich selbst zu, halb lächelnd und halb krümmend vor Schmerzen.

"Tony, ich denke, wir werden es einfach durchziehen, es scheint, dass die Dinge sehr schlecht gelaufen sind und wir wollen die Mission nicht fortführen, während wir keine Ahnung haben, was los ist. Bleib dort für dreißig Minuten."

Also, das kann ich machen, dachte er.

Sein Rücken fühlte sich kalt und feucht an. Er muss einige Venen zum Platzen gebracht haben, als er mit voller Kraft auf sie gefallen ist. Aber kalt? Tony hob seine rechte Hand aus der Flüssigkeit und richtete seine Taschenlampe mit seiner linken Hand darauf. Die Substanz, die er für Blut hielt, war kalt. Kalt, braun und dünn: die Konsistenz, die näher an schlammigem Wasser als an Blut war.

Er senkte wieder seine Arme. Es hatte keinen Sinn, sich zu bewegen. Darüber hinaus tat seine Hüfte beim Bewegen wirklich verdammt weh, also würde er einfach bewegungslos bleiben. Gott, es war kalt. Tony hatte unterschätzt, wie kalt das Weltall doch war. Rückblickend ergab es Sinn. Hätte er sich nicht daran erinnern sollen? Es schien, als gäbe es so viel, an das er sich erinnern sollte, wie in der Bucht zu tauchen oder seine erste Expedition als D-Klasse. Die Jahre haben ihm das langsam genommen. Er wusste nicht, auf welche Weise. Er erinnerte sich, dass er im Weltraum überleben konnte, aber aus irgendeinem Grund hatte er sich nicht daran erinnert, wie kalt es war.

Er schüttelte seinen Kopf. Er hatte gelernt, wie –

Hey, warte mal eine Sekunde.

Er bewegte seinen Kopf noch ein weiteres Mal, nur um es zu testen. Nein. Ja. Das stimmte. Wie ein Frosch in kochendem Wasser hatte er nicht bemerkt, dass die Flüssigkeit zu ihm hochkroch. Vielleicht hatte dieselbe Betäubung an seiner Hüfte alles besonders betäubt, aber er sank definitiv.

Also, dachte er, das kann nicht gut sein.

Er versuchte, sich auf seine Ellbogen zu stützen, um wenigstens seinen Oberkörper aus der Pfütze zu bekommen, aber als er Druck nach unten ausübte, rutschte sein Arm einfach zwischen zwei aufgeplatzte Venen und er fühlte, wie sie sich um ihn straffen. Natürlich können sie sich bewegen! Gottverdammt!

Die Flüssigkeit verschluckte seine Taschenlampe, jetzt nur noch ein schwaches braunes Leuchten in der Pfütze, und dann fing sie an, zu seiner Brust zu steigen, welche er mit aller Kraft versuchte, über dem Zeug zu halten. Er versuchte, seinen Arm von den Venen zu befreien, aber bei der Bewegung schmerzte seine Hüfte so stark, dass er zurück in eine liegende Position rutschte, um den Schmerz zu lindern, wobei er sein linkes Auge halb unter das schmierige Zeug platzierte.

Er brauchte nicht zu atmen, aber er tat es instinktiv, und sogleich atmete er einen Mund voll braunen, schlammigen Blutes ein, das ihn husten, hacken, keuchen und nur dann strampeln ließ, wenn er den unglaublichen Schmerz in seiner Hüfte überwinden konnte, meistens kehrte er bald darauf in die Pfütze zurück, die ihn einholte, aufstieg, in seiner Nase brannte, ihn nach Luft schnappen ließ, die es nicht gab, wie ein Fisch zappelte, die Flüssigkeit verspritzte, und dann war er schließlich untergetaucht.

Ironischerweise sah er hier mehr als zuvor. Die Taschenlampe hüpfte in der Flüssigkeit herum und er wurde nicht von Dunkelheit, sondern von einem verrottenden, fäkalen Braun umgeben, das wie Eisen schmeckte und sich wie nichts anfühlte, was er bisher gefühlt hat. Obwohl es überall wie die gleiche Konsistenz aussah, fühlte es sich für ihn beim Bewegen so an, als wären einige Bereiche dickflüssiger als andere, als wenn sich die Flüssigkeit in sich selbst zusammengefaltet hätte, wenn so etwas überhaupt möglich wäre.

Er versuchte, seinen Atem so lange wie möglich anzuhalten. Es fiel ihm ein – oh Gott, es fiel ihm ein – dass, obwohl er überleben würde, jeder Atemzug von diesem Zeug schmerzte. Er benötigte keinen Sauerstoff, aber seine Lungen lehnten immer noch Flüssigkeiten ab, als würde er wahrhaftig ertrinken. Er drehte sich, er krümmte sich – schwebend in diesem Zeug tat seine Hüfte bei seinen Krämpfen weniger weh. Schwebend.

Die Venen lösten sich langsam von seinem rechten Arm und jetzt war er wieder frei. "Frei." Er fuchtelte mit den Armen, bevor er die Taschenlampe griff und sofort nach oben schwamm, wobei er nur seine Arme verwendete, damit seine Hüften nicht seine Versuche ruinierten. Er konnte nicht sagen, ob er Fortschritte machte. Alles sah gleich aus. Er hörte für eine Sekunde lang auf zu schwimmen, um zu sehen, ob er sank … und das tat er.

Mit einem Richtungssinn kämpft er sich nach oben, während er sich gegen den Instinkt zu atmen wehrte und sich ständig daran erinnerte, dass er es nicht brauchte, dass er seinen Atem für immer anhalten konnte. Sein Fortschritt war langsam (dachte er, da er keinen Bezugspunkt hatte), aber er schaffte es, höher und höher, die Lache schien so viel tiefer als sie es war.

Dann stieß er gegen etwas.

Er schwenkte seine Taschenlampe umher und entdeckte, dass sein Ausgang blockiert war. Blockiert von diesen Venen.

Er versuchte, sein Messer zu finden, aber realisierte schnell, dass sein Rucksack irgendwann verschwunden ist. Er muss entweder irgendwo geschwebt oder oben gelassen worden sein, während er verschluckt worden ist.

Er kämpfte für eine Idee und bevor er abwägen konnte, ob es eine gute war oder nicht, entschied er sich dazu, seinen Arm in die Venen zu stecken. Er zappelte mit der Hand und dem Unterarm und versuchte, sich durch das Gewirr zu schieben, um herauszufinden, wie dick das Ding war - ob er es überhaupt durchschneiden konnte, oder vielleicht, um zu sehen, ob er es einfach durchdrücken konnte.

Er machte kleine Fortschritte. Mit solch anstrengenden Bewegungen fühlte er ein tiefes, ursprüngliches Verlangen, mit ihnen zusammen einzuatmen, welchem er natürlich fast nachgab, bevor er sich dazu ermahnte, es nicht zu tun, ständig im Krieg gegen seine Impulse, da sein Körper nicht daran gewöhnt war, den Atem anzuhalten.

Dann sah er es.

Das heißt, seinen Arm.

Er war bis zum Ellbogen in den Venen und er fühlte die überwältigende Kälte des Vakuums vom Weltraum auf der anderen Seite. Er schaute auf seinen Bizeps und taumelte.

Er war am Verrotten.

Die Haut sah aus wie nasses, zerrissenes Papier, das in der braunen, stagnierenden Flüssigkeit trieb und einen trüben, watteartigen Erguss von Fett, Eiter und Blut darunter zum Vorschein brachte.

Endlich gewann sein Körper und er keuchte unfreiwillig, aber es tat nicht weh, und im selben Krampf ließ seine linke Hand die Taschenlampe los, die langsam davontrieb und jede Chance auf Sicht zerstörte.

Ohne den Schock, auf seine eigene ausgetrocknete Gestalt schauen zu müssen, konnte Tony sich beruhigen.

Okay, dachte er, ich sterbe.

Er ist vorher gestorben. Das war nicht besonders neu für ihn. Ich werde von dieser Flüssigkeit verdaut. Es ergibt jetzt Sinn, es muss ein Betäubungsmittel haben, weshalb ich nicht bemerkt habe, wie es an mir hochgekrochen ist, und nicht gefühlt habe, wie es meinen Arm aß, und jetzt tun meine Lungen nicht weh, wenn ich es einatme.

Es war, in Tonys Augen, erleichternd. Endlich gab es keine Ungewissheit und das Ding, das ihn tötete, war nett genug, um es … wenn nicht schnell, dann wenigstens schmerzlos zu machen. Er dachte sich, dass er, sobald es sein Gehirn oder Herz erreicht hat, erledigt war.

Damit ließ er sich selbst atmen, auch wenn es dieses Gift war.

Arm bis zum Ellbogen in Venen.

Blut atmen.

Verdaut werden.

Das ist wahrscheinlich ein typischer Weg für einen D-Klässler, zu sterben, dachte Tony.

Und so hörte er auf zu kämpfen. Er schwebte einfach. Er fühlte kaum etwas. Die Taschenlampe sank weiter und bald war ihr Licht vollständig verschwunden. Von einem dunklen Braun zu kompletter Schwärze. Zu irgendeinem Zeitpunkt während des Vorgangs waren alles, was übrig war, Geräusche.

Tony konnte das Platschen des Zeugs hören, die Muskeln, die in seinen eigenen Ohren dröhnten, seinen eigenen Herzschlag. Aber dann war der plötzlich auch verschwunden. Es muss in seine Ohren gekommen sein, dachte er. Keine Gefühle, keine Sicht, keine Geräusche. So bewusst bin ich noch nie gewesen, während ich vollkommen tot war. Er könnte gelächelt haben, aber er war zu betäubt, um es mit Sicherheit zu wissen.

Nur Schwärze.

Und seine Gedanken.





























Und dann war da nichts.

Ein kleiner Nadelstich von nichts.

So breit wie das Universum und das Universum war klein.

Eine einzelne Dimension. Ein einzelner Punkt, der alles umfasste, was jemals war und sein wird, das Nichts und die Möglichkeiten, die darin stecken.

Welcher wiederum explodierte.

In Licht.

In Masse, die in Kaskaden herunterfiel, sich ausbreitete, gegen den Punkt kämpfte, zu Linien und dann Formen und dann Prismen wurde, Dimensionen über Dimensionen, die erschaffen und gebären und existieren, und plötzlich gab es Sterne und es gab Planeten und es gab Feststoffe und Flüssigkeiten und Gase und Plasmen, die das Universum von einer Ecke zur anderen füllten, und das Universum war groß,

es war riesig,

es war

gigantisch

und es war

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dunkel. Tony schwebte in dickflüssiger Leere, einige Bereiche zähflüssiger als andere, als hätte das Weltall sich in sich selbst zusammengefaltet, wenn so etwas überhaupt möglich war. Er versuchte zu schreien, zu rufen, aber alles, was aus ihm herauskam, waren Blasen. Blasen aus Kosmos, die aus ihm heruasschwebten und zu Nebel und Trümmer platzten.

Alles, was er tun konnte, war zuzuschauen.

Zuzuschauen, während das Etwas Muster erschuf. Zu enorme Muster, um sie verstehen zu können, und zu klein, um sie überhaupt zu bemerken. Sich in Spiralen bewegende, wirbelnde Galaxien, die aus sich in Spiralen bewegenden, wirbelnden Sonnensystemen bestanden, die aus sich in Spiralen bewegenden, wirbelnden Monden bestanden, die aus sich in Spiralen bewegendem, wirbelndem Leben bestanden.

Erde.

Tony hörte mit dem Schreien auf, als er die Kugel aus Steinen und Wasser erkannte – sein Bewusstsein, sein Bewusstsein, das aus dem ganzen Universum auf etwas Vertrautes stieß, diesen Keim, diesen Fleck von Bedeutung, den er erkannt hatte. Um seine Ursuppe zu schlürfen.

Zeit hielt fast an, damit er auf ihren Reichtum starren konnte. Das junge Ding. Zu sehen, wie sein Mond gemacht wird. Zu sehen, wie Asteroiden an seinen Wangen picken.

Aber es hörte nicht auf.

Ein Wirbelwind an Geschichte zog an Tony vorüber.

Er sah alles.

Er sah die Eiszeiten. Er sah die Dinosaurier kommen und gehen. Er sah, wie sich erste Spinnen entwickelten. Sein Wirrkopf fühlte es durcheinander – weil auf so einer Zeitskala nicht wirklich alles auf einmal passierte? Was trennt die Dienstage von den Sonntagen, Dezember von Septembern, Jahre von Jahrzehnten von Jahrhunderten von Jahrtausenden, eine Eklipse von der nächsten? Eine Spezies von ihrem Nachbarn? Narmer von Jesus von Sakamoto?

Götter von Sterblichen?

Tony von irgendetwas?

Und so, wie ein Apfel, war die Erde verschwunden. Ganz plötzlich verschwunden. Die Menschheit verschwunden.

Tony fühlte, wie seine eigenen Atome ihre Integrität verloren.

Fühlte, wie dunkle Materie zerfiel.

Von nichts zu Vorfahren zu Nachkommen zu nichts.

Die Lichter gingen aus.

Das Universum schrumpfte.

Zurück zu einem Nadelstich.

Von etwas zu nichts.

Der Weg von allem.

"Tony? Unsere ferngesteuerte Terminierung funktioniert nicht. Bist du noch da?"

Logan Arceo saß vor einem Computer im Labor. Eine kleine Ansammlung von Doktoren, Forschern und Aufsichtspersonen waren hinter seinem Rücken und schauten über seine Schultern auf eine der Kameraaufnahmen. Sie zeigte das Ritual, das versagt hat – Kerzen und Kreise und alle Arten von Sigillen, von denen Arceo nichts verstand.

Logan entfernte das Mikrophon von seinem Gesicht.

"Da steht, das sein Kommunikator noch verfügbar ist, aber wir empfangen nichts. Er könnte tot sein."

"Er könnte lebendig sein", sagte jemand hinter ihm. "Das Ritual beschwört immer noch tote Körper. Etwas anderes muss dazwischenfunken."

"Also sagen Sie, dass das Ritual ihn ablehnte?"

"Es ist eine Möglichkeit."

Logan rieb eine Hand über seine Stirn. "Okay, gut. Was sind unsere Optionen? Jemand anderen senden?"

"Ich denke, D-11424s Erkundung hat bewiesen, dass der Ort zu gefährlich ist, um eine MTF hineinzusenden. Wir brauchen noch eine Erkundungsmission."

"Ziehen Sie in Betracht, dass der Ort zu gefährlich für eine Erkundungsmission ist!", erwiderte Logan.

"Erinnern Sie sich, was mit den Drohnen passiert ist?"

Logan drehte sich zum ersten Mal um, um seine Kritiker anzuschauen, für die er sie hielt. "Wir wissen, dass es auf anorganische Materie reagiert. Vielleicht zeigte D-11424 uns, dass es auch auf organische Materie reagiert. Nur anders."

"Es ist eine Möglichkeit."

Logan schüttelte langsam seinen Kopf und fragte:

"Warum müssen wir ihn im Dunkeln lassen?"

"Stellen Sie keine dummen Fragen, Dr. Arceo."

Er drehte sich wieder mit seinem Stuhl um. "Na schön. Wecken Sie einen anderen auf. Wir können in in drei Stunden durchschicken."

"Gut."

Ein paar Füße schlurfen, und die kleine Menge zerstreut sich.

Logan ließ einen langen, überfälligen Seufzer frei. Er tat es noch einmal direkt danach, nur um wirklich die Energie herauszubekommen. Gott, dachte er. einfach … Gott. Er holte das Mikrophon wieder an sein Gesicht und sagte in einem Moment der Selbstgefälligkeit: "Ich weiß, dass du wahrscheinlich tot bist, aber komm schon, auf der anderen Seite zu sein nervt auch."

Tony starrte auf seinen Kommunikator, während er weiter Laute von sich gab.

"Wir stehen bloß unter Zeitdruck, das ist alles", kam Logans wirre Stimme durch, "dachte, wir könnten heute wenigstens ein wenig Fortschritt machen, und es scheint, als würde das nicht passieren. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass du am Leben bist, also, das nervt irgendwie auch."

Er hielt den winzigen, winzigen Sprecher zwischen zwei Fingern und starrte ihn einfach an.

"Auf jeden Fall, sayonara. Wir werden später reden, schätze ich."

Und dann hörte die Übertragung auf. Tony zuckte mit dem kleinen Rest, was von seinen Schultern übrig war, und grinste. Ein schreckliches, wangenloses Grinsen – das erste, bei dem er die Freude hatte zu bemerken, dass es wortwörtlich über beide Ohren ging.

Er ließ den Sprecher auf seine Handfläche rutschen, schloss seine vermodernden Finger um ihn und drückte zu. Er öffnete seine Handfläche, und das Wenige, was von seiner nassen, abgestorbenen Haut übriggeblieben war, klebte zwischen seiner Hand und seinen Fingern, dehnte sich zu zähen Sehnen und schnappte dann.

Der Sprecher war verschwunden. Nie zuvor ist Metall so schnell oxidiert und hat sich gebogen, verbeult, zerknittert und zerbröselt. Er rieb seine Überbleibsel mit seinem kleinen Finger, bevor er seine Hand umdrehte und ihn auf den Boden fallen ließ. Er trat auf das Mikrophon, den Sender und dem damit verbundenen Kabelsalat und sobald er seinen Fuß zurückzog, hat eine Säure alles zersetzt. Die Zeit hatte sich vor seinen Augen darum gekümmert.

Er atmete tief nichts ein, mit geöffneten Augen, weil er keine Augenlider mehr hatte, die er über sie schließen konnte – oder sie, über die er Augenlider schließen konnte.

"Entschuldigung deswegen", grummelte er. Es gab keine Luft im Weltraum, aber selbst wenn es sie gäbe, würde seine Kehle, jetzt an der Vorderseite geöffnet, kein Wort herausbringen. Trotz dessen wurde er gehört. "Jetzt zurück zum Relevanten. Wer bist du?"

Tony richtete die Frage an die Dunkelheit. Die gähnende, faulige Dunkelheit, die sich vor ihm auftat, von keiner Taschenlampe durchdrungen und doch Gesehen wie keine andere. Als Antwort auf seine Frage begann sie sich zügig zu öffnen. Die roten Ziegelsteine an seinen Füßen teilten sich, sprangen auf und zersetzten sich. Als der Boden verschwunden war, schwebte Tony, und er wurde von irgendeiner unsichtbaren Kraft gezogen.

Tony begegnete der Dunkelheit unerschrocken, keine Spur von Angst in seinem gekochten Gesicht, seinen verschorften Nasenlöchern, seinen triefenden Augenhöhlen. Und als das Dunkel sich öffnete, begann er zu Sehen, ein Wesen zu Sehen, eine Entität, zuerst eine Silhouette, die aus der Dunkelheit aufstieg wie ein Schwimmer die Oberfläche durchbricht – und sich aus der Schwärze zog wie ein gefangener Elefant, der sich durch Teer kämpft.

Und sobald diese stygische Substanz so von seiner Haut abgeschüttet worden ist, dass Tony es wirklich Sehen konnte, nahm sein abscheuliches Antlitz vollständig seine Aufmerksamkeit ein.

Die Schale war fast menschlich. Fast. Unangenehm nah dran. Es sah wie ein Schädel aus, der von Haut umzogen ist, aber ohne die Unterstützung von Muskeln – Haut, die selbst wie Schichten aus trockenen, gereizten, tumorartigen Auswüchsen aussah und deutlich sichtbare Falten, Abschürfungen, Schuppen und kleine Einstiche, aus denen Eiter, Blut und diese ekelhafte, fäkal-braune Flüssigkeit austrat. Seine Augenhöhlen waren nicht leer und doch waren sie nicht mit Augen besetzt. Die Augen schienen Mulch zu weinen, Dreck – wie ausgehobene Gräber, und hinter dieser Erde lag die gleiche stygische Dunkelheit. Tony dachte, er konnte dort etwas ausmachen, etwas … Trennendes, als ob das Universum, wie man es kannte, nicht über diese Schwärze hinausreichte, dass darin eine so starke Verwesung lag, dass sie Masse nicht einfach in Erde umwandelte, sondern in nichts.

"Ich bin Verrottung."

Seine Stimme zischte und blubberte und platzte, wie die Gase einer Leiche, die ihren Weg aus aufgeblähter Haut frei kämpfen.

"Das beantwortet überraschend wenig", antwortete Tony.

"Ich bin Verfall. Ich bin das, was zerbricht, ich bin das, was zerreißt. Ich bin die langsame Wiederkehr von allem zu nichts. Ich bin Verwesung. Ich bin Verwelken. Ich bin Entropie. Ich bin Tod und ich bin Sterben."

Tony nickte langsam und schaute zu, während sein Mund sich nicht einmal bewegte – seine Zähne waren so groß, dass Tony in die Lücken dazwischen passte. "Okay, das ergibt mehr Sinn."

"Wer bist du?"

Tony hob seine eine funktionierende Augenbraue. "Ich? Um ehrlich zu sein, bloß ein Typ. Ich bin hier hineingelaufen. Mein Name ist Tony Marquez, nett, dich kennenzulernen."

"Du bist nicht Tony Marquez."

"Was?"

Das Gesicht kam näher und mit der verkürzten Entfernung sah Tony eine verklumpte grünbraune Substanz aus den Nasenlöchern des Wesens herausspritzen und zur Oberlippe hinunterlaufen.

"Das denkst du nur."

"Hör mit dem kryptischen Unsinn auf und erkläre es mir."

"Der echte Tony Marquez starb in einem Tauchunfall im Jacob's Well."

"Dieser Krater mit all dem Wasser darin? Das war ein Hirngespinst, ich habe nie gelernt zu tauchen."

"Du trägst seine Gene, aber du bist nicht er. Ich habe an seinem Fleisch vor über einem Jahrhundert gearbeitet. Seine Augen fütterten die Fische, bevor sein Körper geborgen wurde. Was von ihm übrig bleibt, hat sich zu Erde umgewandelt. Du bist nicht Tony Marquez."

Tonys Wangen zuckten, wo es Sehnen gab, die das Zucken ermöglichten. "Warum erzählst du mir das?"

"Ich sehe großes Potenzial in dir."

"Potenzial? Potenzial wozu?"

"Potenzial zur Verrottung."

Hinter Verrottung erhoben sich Figuren aus der Dunkelheit, wie tote Fische, die an die Oberfläche eines Tanks aufstiegen, still vorwärts schwebend. In jeder Figur sah Tony … den Tempel.

Sie waren die Überbleibsel des alten Mannes. Außer dass es viele gab. Die alten Männer – und ihre menschlichen Formen waren bloß Tore, gefüllt mit Sternen und überwältigender Kälte, und in ihren Brüsten waren Bilder von diesem Ort, diesem Tempel der Verrottung, diesem gerissenen Herzen, das Blut ins Nichts pumpte.

"Meine Akolythen erfüllen ihren letzten Zweck; sie zerfallen zur Nutzlosigkeit. In ihrer größten Ehre sind sie hierhergekommen, um zu sterben."

"Warum? Warum sterben sie?"

Verrottung hustete nur – ein krankes, feuchtes Husten, das von diesem zischenden, blubbernden Unterton begleitet wurde, lauter als die Gedanken selbst.

Mit der Zeit antwortete es:

"Wir sterben alle."

"Was meinst du? Wa– Warum hast du mich verschont?"

"Sobald du dein Schicksal kanntest, wurdest du damit eins. Du hast das Unvermeidliche nicht bekämpft. Du hast meine Kreation mit deiner eigenen Zerstörung respektiert. Dafür belohnte ich dich mit Wahrheit und du hast sie akzeptiert. Das Schicksal von allem. Die Wiederkehr zu nichts. Deshalb sah ich großes Potenzial. In dir sehe ich Tod. Ich sehe einen ewigen Kreis von Leben und Zerfall. Ich sehe, dass deine eigenen Erinnerungen dich im Stich lassen, ich sehe, wie sich deine Seele abnutzt. Alles, was du kennst, ist zu sterben und wiedergeboren zu werden und wieder zu sterben. Deswegen gebe ich dir ein Angebot. Ich gebe dir eine Chance, meinen Platz einzunehmen."

"Was? Verdammt, was? Nein, warum?"

"Ich sterbe."

Die Dunkelheit teilte sich auf einmal – alles davon. Und darunter erhoben sich die Venen.

Kilometerlange verschlungene Adern, diese schorfigen Blätter, die seine Oberfläche besprenkelten, einige waren geplatzt und verschütteten Flüssigkeit, einige sprangen wie stromführende Drähte, einige waren kollabiert, einige waren verstopft, und alle waren zu einer humanoiden Masse verschlungen, die den Körper dieses Wesens ausmachte, aus Fäulnis, dessen verwesender Kopf losgelöst vom Rumpf und den Gliedmaßen schwebte.

"Ich habe einst geglaubt, dass ich das Ende aller Dinge miterleben würde, die Wiederkehr von nichts, nach der ich mich so sehne. Ich glaubte, ich würde sie selbst verwirklichen."

Eine Hand, so groß wie ein Haus und bestehend aus denselben verknoteten Arterien, stürzte sich in das verknotete Chaos von Verrottungs Brust.

"Es scheint, dass ich nicht überleben werde, um ein solches Schicksal zu sehen."

"Warum? Was geht hier vor?"

"Solche Dinge übersteigen mein Wissen, aber ich sehe eine Realitätsverschiebung. Ich rieche eine Verrottung, von der ich mir nicht vorstellen könnte, dass sie so schnell ist. Entropie beschleunigt sich mit einer Geschwindigkeit, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Es ist wunderschön. Ich und meine Akolythen sind stolz, das Opfer einer solchen Macht zu sein."

Die Venen der Hand entwirrten sich von seiner Brust und mit ihrem Rückzug kam eine Ausschüttung dieser öligen braunen Flüssigkeit, wie ein Damm, der zusammenbricht. Sie sprudelte Verrottungs Brust herunter und bedeckte seine Taille und Beine.

Die Hand streckte sich zu Tony aus und während sie dies tat, schien sie zu schrumpfen, sodass sie, sobald sie in Reichweite war, die Proportionen besaß, die Tony von einem anderen Menschen erwartete. In seiner Handfläche … war ein Herz.

Verrottungs auslaufende Venen begannen ihren hellen roten Farbton zu verlieren und wurden vor Tonys fehlenden Augen braun.

"Nimm es."

Tony streckte seine eigenen Verschmelzungen von Fett, Muskeln und Knochen aus und Verrottung platzierte das schlagende Herz sanft darauf, mit so viel Vorsicht wie der Austausch eines Tierbabys.

"Warum? Was ist es?"

"Mit jedem Schlag meines Herzens bewegt sich das Universum näher zum Zenit seines Untergangs. Ich darf sterben, aber ich fürchte, was in meiner Abwesenheit passieren könnte. Mit meiner Essenz in der Hand eines anderen werde ich nicht so schnell schwinden."

"Wie kannst du sterben? Was, was kann überhaupt etwas so Mächtiges wie dich töten?"

Sein Körper begann zusammenzubrechen, zu schrumpfen, seine Venen falteten und wanden sich wie gekochte Würmer. Die tumorartige Haut begann von seinem Kopf zu schmelzen und legte den sauberen, weißen Knochen darunter frei.

"Ich bin Verfall. Ich bin das, was zerbricht, ich bin das, was zerreißt. Ich bin die langsame Wiederkehr von allem zu nichts. Ich bin Verwesung. Ich bin Verwelken. Ich bin Entropie. Ich bin Tod und ich bin Sterben. Wenn ich nicht sterblich wäre, wäre ich falsch."

"Aber was soll ich damit machen? Was wird passieren!?"

Selbst sein Schädel begann zu zerbrechen und zu Staub und Erde zu zerfallen. Die Umrisse seiner Jünger bluteten Weltraum und Sterne in die Dunkelheit und füllten die Leere mit einer überwältigenden Kälte, die Tonys freigelegte Eingeweide biss. Verrottung fiel in sich zusammen und implodierte wie eine Leiche, die in ein Wurmlochgrab geworfen und von einem ungesehenen Bestatter mit Haufen von Kosmos und dunkler Materie vergraben wird.

Und dann fühlte Tony einen stechenden Schmerz in seiner Brust. Er schaute nach unten und sah die ausgebreiteten Arterien des Herzens, die in seine offene Brusthöhle stachen und sein eigenes modriges Herz wie einen geplatzten Blinddarm herausschnitten.

Tony schrie, als Verrottung sich auf den Weg zum Zentrum seines Wesens machte, aber es gab niemanden mehr, der ihn Hören konnte.

"Verdammt", murmelte Arceo leise.

Die Kamera. Auf die Leiche des alten Mannes gerichtet. Der Raum, wo SCP-106 früher wohnte. Der Raum, der kürzlich verlassen wurde, um Platz für D-11424s Erkundung zu machen. Da, in der Mitte.

Arceo griff sein Funkgerät vom Tisch, schaltete auf die Frequenz vom Standortkommando und sagte: "Ekhi-Protokoll, jetzt!"

Eine kurze Pause, während sie seine Berechtigungsnachweise überprüften, und dann: "10-4." Bevor sie bestätigten, sprintete Logan Arceo jedoch bereits von seinem Stuhl zum Ausgang, wodurch der Stuhl in den Schreibtisch flog, Mitarbeiter und Forscher waren von seinem Alarm alarmiert, ihre Augen verfolgten seinen Weg zurück zum Schreibtisch, sahen die Kameraaufzeichnung und fielen in einen ähnlichen Panikzustand.

Das Wespennest ist getreten worden.

Die Treppen waren von Menschen geflutet, aber Jahre des Trainings hieß, dass jeder seine linke Seite benutzte, sodass der Strom nach oben und unten niemanden behinderte. Stationen wurden erreicht, wie es immer der Fall war, als über die Lautsprecher die Sirene ertönte.

Ekhi-Protokoll, zurückziehen und Schutz suchen.

Plötzlich spannte sich jeder an, der noch nichts wusste, und Richtungen änderten sich schlagartig. Es gab mildes Chaos, als die Menschen versuchten, sich an anderen in Richtung der nun richtigen linken Seite vorbeizudrücken, aber bald war der Strom wieder geordnet, nur mit einer orangefarbenen Tönung überall, während Lichter in den Fluren eingeschaltet wurden.

Logan, der seinen Weg die Treppen hinunter machte, sah bewaffnete Wärter an einer Tür Hände an ihre Ohren legen, während sie Nachrichten durch ihre Ohrhörer bekamen. Sie verließen bald ihren Posten und liefen zur nächsten Waffenkammer, sicher, um sich angemessen zu bewaffnen. Logan nickte sich selbst zu. Gut. Sie haben ihn auf der Kamera entdeckt.

Während die meisten Menschen sich zu den Ausgängen oder, für das Personal, das bleiben musste, zu den Sicherheitsräumen, Bunkern, sicheren Stationen und so weiter zurückzogen, lief Arceo direkt zu SCP-106s Isolierzelle.

Arceo folgte dem Verkehrsfluss. Diesen Flur runter, zu diesem Raum, während sich die Menge an Leuten verkleinerte, als er sich immer weiter vom sicheren Bereich entfernte – die Leute, die blieben, waren größtenteils Männer mit Waffen. Bald sah er sehr fehl am Platz aus.

Ein solcher Mann mit einer Waffe ging auf ihn zu, eine Plakette tragend, die bewies, dass er etwas Autorität besaß, vielleicht ein Einsatzleiter:

"Nennen Sie Ihr Anliegen."

"Es ist fragwürdig, dass Gewalt effektiv ist. Ich habe Grund zu glauben, dass es mir zuhören könnte. Ich bin Dr. Arceo, ich habe gerade die Expedition von –"

Der Leiter hielt seine Hand hoch. "Zeigen Sie mir einfach Ihren Berechtigungsnachweis."

Arceo hielt sein Schlüsselband hoch und der Mann hob sein Visier, um draufzuschauen.

"Alles klar, Sie dürfen mir folgen. Bleiben Sie aus dem Weg, tun Sie, was wir Ihnen sagen."

Arceo nickte.

Der Leiter wies seine Gruppe von vielleicht sechs Agenten vorwärts den Gang hinunter und Arceo blieb dicht hinter ihnen. Sirenen. Fußschritte. Orangefarbene Lichter. Und er war zum Ding unterwegs. Ich sollte besser eine Gehaltserhöhung dafür bekommen, dachte er.

Pragmatismus war ein bewährter Komfort, während man direkt auf etwas mit einer fünfzigprozentigen Chance zulief, am nächsten Morgen aufzuwachen.

Sie erreichten die Tür. Sie war bereits offen. Es schien, dass diese Gruppe die erste war, die ankam, obwohl Arceo das Stampfen von schweren Stiefeln in den leeren Gängen um ihn herum hallen hören konnte. Der Leiter sagte etwas ins Funkgerät, sicherlich das Standortkommando über ihre Position informierend, bevor er durch die Pforte schritt und die Treppen hinabstieg.

"Hey", versuchte Arceo sich in alles einzumischen, "hey!"

"Was?"

"Lassen Sie mich zuerst durch, wenn wir ankommen."

"Warum?"

Es war fast unmöglich zu kommunizieren, während jeder die Treppen hinunter sprintete wie Kugeln durch eine Geschosskammer und der Lärm ihrer Stiefel gegen das Metall den Raum zwischen Arceo und dem Leiter einnahm.

"Ich will versuchen, es zu beruhigen, und wenn es Waffen sieht, wird es nicht funktionieren!"

"Verstanden!"

Hat nicht einmal versucht, ihm auszureden, unbewaffnet und ungeschützt in den Raum zu gehen. Guter Mann.

Bald haben sie die Isolierzelle erreicht. Ein riesiger Raum, wie ein Flugzeughangar, beinhaltete einen einzelnen würfelförmigen Raum in der Mitte, der mit der Decke und dem Boden mit Stangen verbunden war. Die ehemalige Zelle von SCP-106, dem alten Mann. Die Mehrheit seiner Verteidigungsanlagen waren jetzt außer Betrieb gesetzt. Einst hatten sie die Schicht aus Wasser und elektrischem Strom durch Arkana ersetzt - Runen, Rituale, Gegenstände der Macht. Doch nach dem Beginn der Sackgasse begannen solche Maßnahmen zu versagen. Es war die Hölle, sie aufrechtzuerhalten. Mehrere verloren dabei ihr Leben.

Aber zum Glück, zur selben Zeit, als sie abschwächten, tat dies auch das SCP.

Das Einsatzkommando umrundete den Würfel auf Laufstegen und umkreiste ihn von beiden Seiten bis zum Eingang, wobei einige an regelmäßigen Punkten entlang des Weges stationiert blieben und ihre Waffen auf den Würfel richteten, als könnte er jeden Moment ausbrechen.

Sirenen. Fußschritte. Orangefarbene Lichter.

Arceo fühlte, wie sich seine Brust zusammenzog. Sie kamen endlich zum Eingang – ein paar Schritte hoch zu einer Schleusentür, die mit der stärksten Magie versehen war, die sie aufbringen konnten – die jetzt natürlich rein gar nichts mehr bewirkte.

"Alles klar", sagte Arceo. "Ich schaffe das. Bleibt dicht hinter mir."

"Hey, ich bin der Leiter hier. Ich werde reinkommen, wenn es sich so anhört, als würden Sie wild um sich schlagen."

"Hey, es steht nur mein Kopf auf dem Spiel. Können Sie nicht hier draußen bleiben, außer es greift an oder ich sage Ihnen, Sie sollen durchkommen?"

Der Mann schaute sich um, sichtlich verärgert, dass seine Autorität hinterfragt worden ist, aber unfähig, ein Gegenargument anzubringen. "Na gut. Schrei irgendetwas und wir werden reinkommen."

"Danke", sagte Arceo. Er fühlte nicht so ganz die Dankbarkeit. Tatsächlich wäre es extrem erleichternd gewesen, wenn sie ihn an seinen Kragen gegangen wären und ihm befohlen hätten, nach Hause zu gehen. Kein solches Glück. Es sah so aus, als müsste er wirklich das Vernünftige machen.

Er ging zu den Türen und gab seinen Code ein. Piep. Das massive Ding schob sich aus seinem Weg. Eine mehr. Er ging an verbrannten Kräutern, aneinandergereihten Kristallen, einem verrotteten Pferdekopf auf einem Pfahl und anderen solchen okkulten Utensilien vorbei zur zweiten Tür. Noch ein Code. Er nahm einen tiefen Atemzug.

Verdammt verdammt verdammt verdammt verdammt.

Ein, aus. Ein und aus. Ein und dann aus.

Okay.

Geh.

Er drückte auf Bestätigen. Piep. Die Tür glitt auf.

Er setzte ein Lächeln auf, als wäre nichts falsch. "Tony! Du bist zurück. Hoffe, du hast nicht lange gewartet?"

Es starrte Logan an. Dachte er. Obwohl da keine Augen waren, was eine Augenhöhle war und was nicht, war Arceo nicht klar.

Unter der Annahme, dass etwas noch da drinnen war, das D-11424 ähnelte, fuhr Logan fort: "Es scheint, dass du nicht unverändert zurückgekommen bist, aber es ist nicht so, als wäre das nicht schon zuvor passiert. Ich bin mir sicher, wir können dich wieder geradebiegen, oder?"

"Ich bin nicht Tony."

Arceos Herz sank.

"Mit wem habe ich die Ehre?"

Es hackte. Aus sichtbaren und unsichtbaren Mäulern ergoss sich eine zähflüssige braune Flüssigkeit. Arceo vermied nur knapp ein Zusammenzucken, als er sah, wie sie seinen Schuh traf.

Mehr davon kam durch das Loch – die Reste des alten Mannes, dem Loch in Menschengestalt in der Welt. Es schien niemals endend. Schon jetzt haben sein Körper und dessen zugehörigen Flüssigkeiten fast ein Viertel des Raumes gefüllt.

"Sag du es mir, Logan."

Es war D-11424s Stimme, aber gleichzeitig auch nicht. Sie hatte seine Intonationen, seinen trockenen Humor, seine Sprechgeschwindigkeit, aber sie blubberte, sie zischte, sie platzte mit jeder Silbe und eine Sekunde, nachdem er aufgehört hat zu reden, und sie beschuldigte.

"Ich weiß nicht, was du meinst."

"Ich meine, sag du es mir. Wer bin ich? D-11424? Vielleicht, vielleicht bin ich das. Oder gibt es da einen Einspruch, hm? Wenn das alles hier dokumentiert wird, wer bin ich? D-11424… 2? D-11423-3? Nein, das ist viel zu niedrig. Wir haben das schon lange gemacht, Logan. Lass mich raten. 110? 133? Das ist näher an meiner Erinnerung. Oder ist mein Gedächtnis überhaupt relevant?"

Das Ding schob sich mit seiner Vorderseite näher heran.

"Sag du es mir, Logan."

"Geht es um die Klon-Sache?"

Soweit Arceo diese Abscheulichkeit lesen konnte, könnte es über diese Aussage überrascht gewesen sein. Er versuchte, das auszunutzen.

"Tony, ich bin nicht hier, um Philosophie mit dir zu diskutieren. Du willst die Wahrheit? Wir haben viele Backups von dir zu jeder Zeit verfügbar. Wenn du stirbst, kommst du in einem neuen zurück, anstatt dass wir dich neu erschaffen und durch Magie zurück teleportieren. Es war eine Lüge, weil wir herausgefunden haben, dass dich das selbstzufriedener gemacht hat. Aber weißt du, was keine Lüge ist? Deine Erinnerungen. Wir haben eine Methode, die Erinnerungen von den Toten zu sammeln und sie in einen neuen Körper zu platzieren, damit sie sich zu deiner gesammelten Erfahrung zusammenfügen. Das ist, was du bist. Deine Erfahrungen gehen weiter, sie stapeln sich übereinander, und in den Berichten bist du nur D-11424, Tony Marquez, wie ich dich kenne. Komm schon, ist das wirklich so schwer zu verdauen?"

Das Ding zog sich in sich zurück, die Masse faltete sich in Masse zusammen, Klumpen wurden klumpiger, geplatzte Pickel und offene Wunden wurden durch den Druck der Bewegung und auslaufenden Flüssigkeiten ausgequetscht.

"Aber nein! Du liegst falsch! Du hast Dinge von mir genommen! Ich bin gestorben, Tony Marquez ist in einem Tauchunfall gestorben!"

Wo zum Teufel hat er das erfahren? Arceo versteckte seine Überraschung.

"Du bist viele Male gestorben, was meinst du?"

"Ich meine mich! Das originale Ich, Tony, Tony, der kein D-Klasse-Tony war, Tony Marquez, das Ich, das eine verdammte Chance hatte! Dieser Tony! Du, ich, ich dachte, ich wäre im Gefängnis gewesen, ich dachte, ich hätte eine Straftat begangen, ich kann mich nicht einmal daran erinnern, was ich getan habe oder nicht, du, verdammter! Du hast das von mir genommen! Mein Leben, Du hast mich aus meinem Leben genommen!"

"Du warst tot, Tony!"

Arce überraschte sogar sich selbst mit dem Schrei. Er hielt eine Hand an seine Kehle, als würde er überprüfen, ob er es wirklich getan hat. Er hoffte, dass die Männer draußen das nicht als ein Signal verstanden, aber er schaute nicht zurück, um es nicht zu warnen.

In der Abwesenheit einer Antwort, nun sanfter: "Du warst tot. So machen wir jetzt D-Klassen. Es war ein neues Programm, als wir dich erhielten, du warst ein Versuchskaninchen. Ich bin der Leiter. Einige der anderen Versuchskaninchen reagierten schlecht auf die Idee, dass sie nicht ganz … sie selbst waren. Deshalb haben wir es so lange vor dir geheim gehalten, Tony. Wir wussten, dass diese Reaktion kommen würde. Das heißt nicht, dass du weniger real für mich bist. Ich habe dich jahrzehntelang gekannt. Du machst fantastische Arbeit. Ich meine, du weißt das, wir haben dich auf die schwersten Missionen geschickt. Du weißt das alles."

Es gab kein einzelnes Gesicht, auf der er einen Ausdruck erkennen konnte, aber das Ding bewegte sich nicht. Es zuckte, zischte, aber es bewegte sich nicht. Nach einigen Sekunden begann es zu husten.

"Was, was ist mit dir passiert?"

Daraufhin bewegte sich der vordere Teil, der sich zu einer fast torsogroßen Spitze verjüngte, nach vorne. Es schlängelte sich auf Arceo zu, dem das Herz in die Kehle schlug.

Es ist elf, redete er sich ein, wieder und wieder, es ist elf, es ist elf, es ist elf.

Er fühlte, wie die Schmiere bis zu seinen Knöcheln hochkroch, aber er blieb still. Jedoch musste er schwitzen.

"Entschuldigung. Ich schätze, ich bin irgendwie angsteinflößend."

Arceo, sich selbst zum Trotz, entwich ein leises Lachen. "Ein wenig."

Das Ding lachte(?). Arceo lachte mit.

"Alles klar, ich schätze, wir haben viel zu bereden."

"Ich denke, das haben wir." Arceo ließ einen erleichterten Seufzer frei und fühlte, wie sich der Druck von seiner Brust hob, obwohl er sich von Angesicht zu wahrscheinlich-Angesicht mit diesem ständig wachsenden Wesen aus Teer und diversen Organen befand.

"Also, aha, um es zu wiederholen, was ist mit dir passiert? Wie bist du so geworden? Wie kann ein Tony so groß werden und … Ich habe nicht einmal Wort, um all das zu beschreiben. Und? Wie ist es passiert?"

"Tony?"

Arceo fand mögliche Augenhöhlen und versuchte, ihrem Blick zu folgen … direkt zum Wg, den er gekommen ist, zur wachsenden Miliz, die auf dem Laufsteg stand und ihre Waffen in das Zimmer zielte.

"Ich möchte nicht sterben."

"Das wirst du nicht", log Arceo durch seine Zähne hindurch.

Das Ding zog sich wie eine Kobra zurück, die gleich angreift, und die zischenden Gase seiner Körperöffnungen steigerten ihre Intensität und füllten den Raum mit dem Geruch von Tod.

"Es tut mir leid wegen –"

Arceo duckte sich hinter die Tür: "Feuer!"

Ein Kugelregen kam durch die offenen Pforten und durchbohrte sein schmuddeliges Fleisch, was es gegen die gegenüberliegende Wand drängte, bevor es sich vom Kugelregen wegbewegte. Es schrie und hustete und seine Münder spuckten scheußliche Mixturen aus Körperflüssigkeiten aus – Fäkalien, Urin, Eiter, Blut, Lymphflüssigkeit, Knochenmark. Arceo kauerte an einer Zellecke. Es heulte und dicke, rote Venen platzten aus seiner gehäuften Masse an Därmen wie die Beine eines Tausendfüßlers, hoben es vom Boden auf und verbesserten seine Mobilität. Es kam direkt auf Arceo zu, aber damit war er wieder in Reichweite der Waffen und die Kugeln schlugen in seine Masse ein und sprühten alte, braune Eingeweide in die Luft und auf die Wände.

Es wurde zum Rückzug gezwungen, während es wieder schrie:

"Ihr Arschlöcher! Ihr dummköpfigen, hintergängigen Scheißkerle!"

Endlich war da das breite Vokabular an Beleidigungen, das D-11424 erwähnt hat.

Es vermied weiteren Schaden und ging direkt durch die Wand, wobei der Beton um den behelfsmäßigen Eingang Risse bekam und vor Arceos Augen zerfiel, genau wie der alte Mann.

Arceo stand auf. "Es entkommt auf der anderen Seite! Macht euch bereit!"

Seine Warnung schien überflüssig, als er die Schüsse und das Brüllen des Dings hörte.

"Ich bin Verrottung! Ich bin Verfall! Ich bin das, was zerbricht, ich bin das, was zerreißt!"

Sobald Arceo die Schreie der Männer hörte, wusste er, dass er weglaufen musste. Da er keine Schüsse von der Tür mehr fürchtete, sprang er durch die offene Pforte. Sobald er draußen war, schaute er hoch und sah das Ding, wie es am Würfel wie ein zappelnder Blutegel hing. Kugeln durchlöcherten es, während es schrie, aber Venen wickelten sich um seine Seiten und klebten am Würfel. Mithilfe dieser Anhängsel stieß es sich ab und kam wie ein Aal auf eine Gruppe Soldaten auf dem Laufsteg zu, deren trainierte Reaktionen sie nicht rechtzeitig aus dem Weg bekamen.

Sie verschwanden in der Masse.

Ein Teamleiter mit hochgezogenem Visier drehte sich um, um Arceo einen wütenden Blick zuzuwerfen. Arceo wollte es nicht hören.

Er wusste, dass es eine dumme Aussage war, aber: "Schießt einfach weiter!"

Mägen und Lungen und Eingeweide und Muskeln schossen jedes Mal aus der Oberfläche des Dings, wenn eine Kugel es traf, Galle quoll aus den offenen Wunden, ergoss sich auf das Geländer und die Laufstege und ließ sie in Sekunden schmelzen. Seine Venen, so dick wie Arme, schossen aus seinem Körper wie knackende Schildkrötenköpfe, hingen sich an das nächste Opfer und schlugen es gegen die Wand, auf den Boden oder zogen es zum Zentrum des Dings und verloren es in der Masse aus Fett und Fleisch.

Aber es schrie. Es schrie einfach weiter. Und als es einem Battalion aus Schützen gegenüberstand, verlangsamte es sich und Knochensplitter flogen aus seinen Schusswunden, bis es schließlich in die Wand lief und entkam.

Die Sirenen erhöhten ihren Ton und die Lichter wurden rot.

Amida-Protokoll, das gesamte Personal hat sich zu evakuieren.

"Verdammt, nein!" Arceo lief zum nächsten Soldaten. "Ich benötige Ihr Funkgerät."

"Sir –"

"Ich brauche es! Jetzt!"

Stärke schlug in diesem Fall das Protokoll und kurz darauf hat er das Standortkommando eingestellt: "Machen Sie nicht den Atomsprengkopf scharf, das Ding hat das Mouleur Foci!"

"Sie sagen das mit welcher Autorität?"

Arceo fuchtelte hilflos mit den Armen. "Haben Sie das Ding verdammt noch mal gesehen?"

Eine Pause.

"Verstanden."

Arceo befestigte dem Soldaten das Funkgerät wieder an der Schulter und folgte dann dem Verkehrsfluss aus der Isolierzelle in Richtung der Evakuierungswege. Sie umkreisten den Raum und erreichten die Treppe, und sobald sie sie hinaufstiegen –

Offenbar war es nicht weit gekommen. Die Wand brach auf, und eine zappelnde Masse von Adern packte mehrere Soldaten, einer verdrehte sich so, dass sein Gesicht auf der gleichen Seite wie sein Hinterteil war, sein Leichnam wurde dann die Treppe hinuntergeworfen, sodass ein Dominoeffekt entstand und Soldaten übereinander fielen.

Dann kam es vollständig durch.

Es hatte jetzt ein Gesicht.

Tonys Gesicht, aber ganz und gar nicht.

"LOGAN!"

Bevor es den Abstand verringern konnte, duckte sich Logan, und die Soldaten hinter ihm pumpten seinen Schädel mit Blei voll, sodass seine Augenhöhlen und sein Mund zu einem einzigen Hohlraum wurden. Es schrie auf und fiel zurück gegen die Wand.

"Es ist hinter mir her", stieß Arceo hervor.

"Das wissen wir, bewegt euch!"

Sie drängten sich an den Toten und Sterbenden vorbei und stiegen die Stufen hinauf, bis sie sich in einem weiteren offenen Gang befanden. Alle Bildschirme in der Anlage zeigten nun Pfeile, die auf den Ausgängen wiesen, und Arceo fand sich als Treibgut in einem Meer von Soldaten wieder, die in Richtung der Treppe drängten.

Zum Glück, denn sie würden es nicht aufhalten, da es keine schweren Metalltüren gab, die das Ding einschließen konnten. Es war genauso fähig zu entkommen wie sie selbst. In blinder Panik stiegen sie die Treppe hinauf - so blind, dass sie fast nicht bemerkten, dass sie ungehindert waren.

Schreie drangen durch die Gänge.

Überall waren Schüsse zu hören.

Manchmal kamen sie an schwarzen, verrotteten Löchern in den Wänden vorbei, durch die das Ding gekommen sein musste, und traten in seinen Dreck und Teer, aber … sie schafften es.

Bis zu den Aufzügen.

Aus Sicherheitsgründen waren die Aufzüge die einzigen Wege, die von diesem Gelände wegführten.

Also gingen sie hinein, Soldaten und Arceo, und drückten den einzigen Knopf: nach oben. Er erwachte zum Leben, klirrte und vibrierte. Aber er fuhr. Hoch und hoch und hoch. Die Schreie verschwanden aus der Hörweite. Die Schüsse verstummten. Das einzige Geräusch waren Maschinen und schlagende Herzen.

Hoch, und hoch, und hoch.

Hoch.

Und hoch.

Ein, aus. Ein und aus. Ein, und dann aus. Arceo erinnerte sich daran, zu atmen.

Und dann öffneten sich die Türen.

Und sie gingen durch den langen, kalten Betonflur mit den roten Lichtern.

Und sie gingen durch den offenen Torbogen, und sie gingen hinaus in die Sonne.

Das Draußen.

Die Realität.

Die Realität, in der sich zwischen den Felsen und dem Sand der Wüste eine kleine Armee versammelt hatte, deren Gewehre auf den Eingang der Anlage gerichtet waren. Hubschrauber schwebten, auf den Rückseiten der Fahrzeuge waren Kanonen montiert. Arceos Kopf schwirrte zu sehr, um das alles zu verarbeiten. Soldaten kamen auf ihn zu und eskortierten ihn hinter die Linien, zum Rest der Forscher, Ärzte und des Personals, aber sie wurden unterbrochen.

Arceo hörte nichts.

Die Schüsse waren zu laut. Seine Ohren bluteten. Es klingelte alles. Er drehte sich um.

Da war es.

Es versuchte zu entkommen, zu entkommen.

Es konnte nicht.

Es hatte keine Chance.

Es hatte nicht einmal mehr eine Form. Es kroch als eine Masse von abgetrennten Ranken und Körperteilen vorwärts, wobei jeder Peitschenschlag seiner Adern so viel Schaden anrichtete, dass die Dinger einfach abfielen oder an Fäden hingen.

Er schloss die Augen, hielt sich die Hände an die Ohren und ging in die Hocke.

Irgendwann hörte es dann auf. Sein Körper hörte auf zu vibrieren.

Die Luft wurde still.








Arceo öffnete die Augen, und alles, was blieb, war sein Umriss.

Sein Umriss, voller Sterne. Logan Arceo spürte eine betäubende Kälte, als er durch das formlose Fenster in die Welt blickte und das samtige Schwarz des Raums betrachtete, das in seiner Mitte von der gewaltigen Steinstruktur des Tempels unterbrochen wurde, der schwebte oder vielleicht auch trieb, seine eigene undurchdringliche Stille, die eine Kälte hervorrief, die tiefer als nur unter die Haut ging und eine düstere Ecke in Arceos Herz fand, um sich dort niederzulassen und Wurzeln zu schlagen. Kein noch so starkes Zittern konnte sie abschütteln.

Arceo richtete sich auf. Die Luft war von Staub, Schweiß und Adrenalin getrübt. Der Todeskampf einer sterbenden Welt war wieder einmal verstummt.

Und an seiner Basis war ein zerfetztes Herz, das Blut ins Nichts pumpte.




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