Der Vierte

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VORHER

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Dreizehn Stühle mit dreizehn Personen darauf befanden sich um einen langen, ovalen Tisch in einer höhlenartigen Kammer tief unter der Erde. An den Wänden um sie herum befanden sich Bildschirme, von denen viele wichtige statistische Informationen von einiger Relevanz zeigten und andere, auf welchen Echtzeit-Aufnahmen von Fluren, Höfen, Labors und Zellen waren. Diese Bildschirme wurden jedoch ignoriert, da etwas in der Mitte des langen Tisches lag. Etwas Langes und Schlankes mit einem dunklen Holzschaft und einer geätzten Stahlspitze.

"Also, ich will verdammt sein", sagte der Amerikaner, der sich nach vorn beugte, um genauer hinzusehen. "Du hast es tatsächlich geschafft."

Die Außenseiterin stand von ihrem Stuhl auf und zog ein Paket Papiere hervor. "Ja, nun, es gibt viele Dinge, die ohne große Bemühungen erreicht werden können."

Amsel lächelte auf seinem Platz am Ende des Tisches. "Viele Dinge, ja. Großartige und schreckliche Dinge. Die Ägypter ermordeten Tausende, um ihre Pyramiden zu bauen."

"Ich glaube, die Pyramiden wurden eigentlich von Elvis und Tupac erbaut", sagte der Buchhalter, "obwohl ich das auch mit Atlantis verwechseln könnte."

Alle lachten.

"W-was macht er?", fragte der Unbedeutende.

Ein unangenehmes Nichts am Ende des Tisches regte sich und ließ die Luft plötzlich abkühlen. Eine Stimme kam heraus, eine leise, die aber intensiv war und der man nur schwer zuhören konnte.

"Dies ist der Speer des Ungläubigen", sagte der Andere Aufseher, "die gottlose Lanze des alten König Sarrus." Das spektrale Grauen summte leise. "Faszinierend."

Die Außenseiterin kam um den Tisch herum und gab jedem von ihnen Mappen aus ihrem Informationspaket. "Um eure Frage zu beantworten, lautet die kurze Antwort 'wahrscheinlich viel'. Die längere Antwort lautet, dass wir uns nicht sicher sind. Seit wir den letzten der vier großen Dämonen eindämmten und Zugang zu Apollyons Grab erhielten, studieren wir die Texte, die dort gefunden wurden, um mehr über diesen Speer zu erfahren. Er hatte offensichtlich eine gewisse Bedeutung für den König, sonst wäre er nicht dort gewesen, wo er war und es hätte nicht so viel Blut gekostet, zu ihm zu kommen."

Sie zog eine Fernbedienung heraus und hielt sie auf den größten Monitor im Raum, der an der entfernten Wand hing. Er zeigte das Innere eines Grabes, staubig und dunkel, und der Speer hing an einer Silberkette über einem großen Steinsarkophag. Das nächste Bild war ein Text aus einem Buch in einer Sprache, die wenige von ihnen erkannten.

"Ist das Daevitisch?", fragte die Amsel amüsiert. "In Kurzschrift geschrieben, also nicht von einem Daeva. Wo war das?"

"Im Grab", sagte die Außenseiterin. "Basierend auf den Informationen, die wir aus diesen Büchern erhalten haben, ist es wahrscheinlich, dass diese Passagen von Daeva-Gefangenen oder Sklaven geschrieben oder aus Daeva-Büchereien gestohlen wurden. Ich bin mir nicht sicher, warum sie mit Apollyon begraben wurden. Es gibt jedoch mehrere Gräber in dieser Sammlung, die direkt über diesen Speer sprechen, was darauf hindeutet, dass er Jahrhunderte älter ist als dieses Königreich und möglicherweise sogar älter als die Daeva. Ein Mangel an schriftlichen historischen Aufzeichnungen über diesen Punkt hinaus würde es erschweren, es einzugrenzen, doch wir haben Grund zu der Annahme, dass ihn selbst diese alten Zivilisationen als legendäre Waffe betrachteten."

Der Unbedeutende klopfte frustriert mit den Fingerknöcheln auf den Tisch. "Ich verstehe das alles, aber ich will eine kurze Antwort. Warum ist er wichtig und warum haben wir so viel dafür aufgebracht, ihn zu bekommen?"

Der Amerikaner warf ihm einen Blick zu. "Er tötet Götter, Baron. Wenn du ihn auf einen Gott wirfst, wird dieser Gott sterben." Er wedelte mit den Händen in der Luft herum. "Puff. Einfach so."

Das Gesicht des Unbedeutenden verzog sich in Unbehagen. "Das ist einfach absurd. Man kann keine Götter töten."

"Oh doch", sagte der Andere Aufseher ruhig, "das kann man gewiss. Es ist ein bemerkenswert schwerer Kraftakt, der in all der Zeit nur von einer Handvoll vollbracht wurde, doch es gab schrecklich mächtige Wesen, die zuvor in Vergessenheit geraten waren."

Die Archivarin blätterte schnell durch ein Buch, das vor ihr auf dem Tisch lag. "Ja, wenn meine Aufzeichnungen stimmen, was sie wahrscheinlich tun, da sie n-nicht übersetzt werden mussten oder in einer Höhle lagen …", Die Außenseiterin warf ihr einen glühenden Blick zu, …"es gibt Legenden, die t-tausende von Jahren zurückliegen, vielleicht mehr, über verschiedene Waffen, die Götter t-töten könnten. Gewöhnlich Schwerter, Pfeile, so etwas. Die meisten wurden entweder als Fälschung bestätigt oder sind in der Antike v-verloren gegangen, aber die wahrscheinlich beständigste L-legende ist diese. Der Speer. T-tatsächlich gab es nicht viele andere s-solcher Geschichten über s-so mächtige Waffen in der N-neuzeit."

"Nun", sagte der Andere Aufseher mit einem leichten Trällern in seiner Antwort, "es gab eine." Am anderen Ende am Kopf des langen Tisches bewegte sich die Gestalt im Schatten auf ihrem Stuhl.

"Ja, Diane, danke", sagte Die Außenseiterin genervt. "Eine unserer ältesten Legenden über den Speer handelte von Luzifer, der Figur aus der christlichen Mythologie. In dieser Geschichte …", sie drückte wieder auf die Fernbedienung und das nächste Bild war das, was man sehr genau als Buch bezeichnen konnte. "… als Gott Luzifer schlug, fiel eine Scherbe seiner Eisenkrone mit ihm auf die Erde und wurde von Kain gefunden. Die gleiche Geschichte beschreibt, wie Kain die Scherbe und keinen Stein nutzte, um Abel zu töten, und dass er den Speer aus den Knochen seines Bruders gefertigt hat, nachdem er ihre schreckliche Macht erkannte."

Am Tisch war es für einen Moment still.

"Was für ein Haufen Scheiße", sagte die Lügnerin, warf ihre Füße auf den Tisch und kicherte. "Ich erkenne Kuhscheiße, wenn ich sie sehe, und das …", sie deutete auf den Bildschirm "… ist Kuhscheiße."

"Aber, aber", eine ekelhaft süße Stimme tanzte über den Tisch, "du weißt, wie sehr Mr. Siegel keine Leute mag, die ihre Füße auf den Tisch legen, Schätzchen. Das haben wir doch schon durch."

Die Lügnerin zog schnell ihre Füße vom Tisch. "Entschuldigung, Ma'am."

Grün beugte sich nach vorn ins Licht. Eine schmale, rechteckige Brille saß am Ende ihrer Nase. "Oh, keine Sorge. Ich möchte nur nicht, dass irgendwer heute abgelenkt wird, wenn wir so wichtige Arbeit vor uns haben." Sie schaute herüber zum Amerikaner "Rufus. Kennst du einen Ort, wo wir ihn hinbringen können, an den niemand hinkommen kann?"

Der Amerikaner zuckte mit den Achseln. "Ich glaube nicht. Wir haben keinen Platz, wo wir einfach Sachen hinschieben können, ohne dass da Außenstehende rumschnüffeln. Können wir ihn nicht einfach hierlassen?"

Grün schüttelte den Kopf. "Nein, hier reicht nicht aus. Wir müssen ihn irgendwo hinbringen, wo er nah genug ist und wir an ihn herankommen, wenn wir ihn brauchen, aber weit genug weg, dass er niemals gegen uns eingesetzt werden kann." Sie klopfte einen Finger gegen ihr Kinn. "Hat jemand eine Idee?"

Im Raum war es wieder still. Sie seufzte.

"Was ist mit dir, Mr. Roboto?", schien sie zu niemand Speziellem zu sagen. Plötzlich wurden die Bildschirme im Raum schwarz und auf jedem erschien ein dunkelgrauer Kreis mit einem roten pulsierenden Punkt in seiner Mitte. "Kennst du einen Ort, wo wir ihn hinbringen können?"

Sie fragen, ob ich einen sichereren Standort kenne als den, in dem Sie gerade sitzen., stand auf dem Display. Die Antwort ist nein. Es gibt keinen sichereren Ort als diesen.

Grün war verärgert. "Nun, irgendwo muss einer sein, oder? Gibt es da draußen keinen Ort, wo wir …"

Sie wurde plötzlich vom Klingeln eines Telefons am anderen Ende des Tisches unterbrochen. Die Gestalt dort im Schatten schaute es an, streckte beim dritten Klingeln die Hand aus und nahm den Hörer ab. Sie sprach für einen Moment mit leiser Stimme und legte den Hörer wieder auf. Alle am Tisch beobachteten sie schweigend.

"Sophia wird ihn fortbringen", sagte Der Gründer mit weicher Stimme. "Sie kann ihn außerhalb der Zeit verstecken, ohne eine Möglichkeit, dass er irgendwie gestört werden kann." Er schaute auf seine Uhr und dann wieder zum Tisch. "Für unsere Zwecke wäre es gut, wenn ihr euch davon fernhaltet."

Der Botschafter runzelte verwirrt die Stirn. "Einen Moment, Sir, wenn ich dürfte. // L'Américain// sagt, das sei ein Speer, der Götter tötet, richtig? Warum ist er dann eine Gefahr für uns? Wir sind keine Götter, nicht?"

Der Gründer lächelte sanft. "Jean, du gibst dir zu wenig Anerkennung." Er sah wieder hinunter auf den Tisch. "Diane, Rufus, Mortimer. Überweist dem Team von Donna am Apollyon-Standort so viel eures Vermögens, wie ihr möchtet. Sophia …", er schaute die Gestalt neben sich im Schatten an, die sich nicht bewegte, "… nimm ihn mit. Finde etwas, wo er sicher ist. Ich vertraue dir."

Die Gestalt flackerte leicht, dann waren sie und der Speer verschwunden und alle am Tisch realisierten gleichzeitig, dass sie überhaupt nie dort gewesen waren.


JETZT

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Das Summen der Jettriebwerke war das einige Geräusch, dass die Kabine füllte, als Sylvester Sloans Flugzeug durch die Lüfte flog. Er und Calvin saßen zusammen an einem Tisch in der Nähe der Vorderseite des Flugzeugs; sie hatten einen Moment zuvor geredet, doch jetzt saßen sie da und starrten auf einen Fernseher, der vorn an der Kabine befestigt war. Der Ton war aus, aber die Nachricht war klar, auf dem Bildschirm stand: "Der französische Milliardär Jean Lemieux Betrand sagt aufgrund von Sicherheitsbedenken seinen Auftritt beim Jove-Festival in Südafrika ab."

Olivia sah auch zu. Ihre Gesichtsfarbe hatte sich nicht wesentlich verbessert, aber ihre Augen waren konzentriert. "Jean Betrand. Das ist der Botschafter, oder?" Sie blinzelte auf den Bildschirm. "Ist er immer so … öffentlich?"

"Das ist, was er tut", grummelte Sloan. "Das hübsche Gesicht für die PR-Angelegenheiten der Foundation. Aber auch keiner, der eine Party verpasst." Er kratzte sein Kinn. "Irgendwas ist da los."

Plötzlich leuchtete mit einem leisen Piepton das Licht des Kabinentelefons auf. Sloan ging hinüber und drückte einen Knopf.

"Heult der Schwarze Mond?", fragte er.

"Er hat nie aufgehört.", antwortete die Stimme einer Frau.

Sloan seufzte. "Guten Abend, Priscilla. Was kann ich für dich tun?"

Die Frau am anderen Ende schnauzte ihn an: "Hast du unsere Agenten gefunden?"

Sloan schaute die drei an und rümpfte die Nase. "So könnte man es auch nennen. Was brauchst du?"

"Du hast bestimmt die Nachrichten gesehen", sagte sie. "Der Botschafter hat seine Pläne für heute Abend abgesagt. Was du interessant finden könntest, ist warum. Vor nicht einmal einer Stunde haben wir einen Anruf von ihm bekommen, hat seine Identität verifiziert und so, und er informierte uns, dass er seine Pläne abgesagt hat, weil er sich mit uns treffen und Bedingungen mit uns besprechen möchte."

Sloans kalte Augen verdunkelten sich. "Bedingungen? Welche Bedingungen?"

"Kapitulation", sagte Norris. "Es sind nur noch ein paar von ihnen übrig und er sieht das Licht am Ende des Tunnels. Eine Ratte flieht von einem sinkenden Schiff."

Sylvester schaute auf Calvin, der immer noch auf den Fernseher starrte. "Fühlt sich wie eine Falle an, Priscilla", sagte er langsam. "Was erhofft er sich davon?"

"Sein Leben", sagte sie. "Er sagte, dass er sich gern stellen würde. Er will einfach nicht sterben."

Sloan schürzte die Lippen. "Keine Überraschung, dieser Feigling. Was bietet er an?"

"Informationen und seinen Rücktritt. Er sagt, er könne uns sagen, wo das Allsehende Auge ist."

Calvin schaute auf das Telefon und dann wieder zu Olivia und Adam. Olivia starrte ihn an und ihr Gesicht war noch immer von ihrer Zeit mit der Amsel gezeichnet. Adam hatte nicht aufgehört, aus dem Fenster zu schauen, seit sie in das Flugzeug gestiegen sind. Calvin seufzte.

"Mit wem möchte er sprechen?", fragte er.

Norris spottete. "Mit mir natürlich. Als Chefdiplomatin habe nur ich die Befugnis mit ihm zu sprechen."

"Wohl eher, dass sie mit ihm allein sein und ihn ficken will.", flüsterte Sloan mit knurrender Stimme.

"Sie brauchen Sicherheitsleute", sagte Calvin. "Sie müssen schnell sein."

"Ich bin kein Amateur, Mr. Lucien", spottete sie. "Man sagt mir nicht, wie ich meinen Job …"

"Das gefällt mir immer noch nicht", unterbrach sie Sloan. "Du hast keine Ahnung, was seine Absichten sind."

"Natürlich nicht – denn wir haben uns ja noch nicht getroffen, Sylvester. Dazu ist Diplomatie da. Und übrigens wurde die Entscheidung bereits getroffen. Ich werde mich heute Abend mit ihm treffen und zur weiteren Befragung zu Delta bringen. Wenn wir von ihm haben, was wir wollen, behalten wir ihn, bis alles vorbei ist und dann ist er frei zu gehen."

"Die Entscheidung wurde getroffen?", bellte Sloan.

"Ja, Sylvester. Kurz nachdem er sich gemeldet hat, haben wir abgestimmt. Hättest du teilnehmen wollen, hättest du nicht mit deiner eigenen Kampftruppe losziehen sollen, wenn wir ihnen eine Dankeskarte mit einem Heißluftballon für das gleiche Ergebnis hätten schicken können. Du kannst nicht immer gehen, wenn du willst. Wir sind immer noch im Krieg.

Das Knirschen von Sloans Zähnen war deutlich. "Wo findet der Austausch statt?"

"Flughafen O. R. Tambo", antwortete sie. "Warum, denkst du daran …"

Sloan legte den Hörer auf und seufzte. "Priscilla ist eine begabte Diplomatin, aber das geht über ihre Fähigkeiten hinaus, fürchte ich. Betrand ist bekanntlich anomal charismatisch. Das war auch kein Witz, dass sie ihn ficken will. Sie ist eine gute Rednerin, aber ich würde sie nicht als clever oder selbstbewusst bezeichnen."

"Was willst du tun?", fragte Calvin.

Er stöhnte. "Ich weiß es nicht. Deine zwei Landsmänner hier sind nicht gerade in Form, um wieder da rauszugehen. Ich möchte aber nicht, dass Priscilla das allein macht, also werde ich gehen und sie abfangen, bevor etwas passiert. Du …", er machte eine Pause, "… ich weiß nicht, wo du gerade bist. Geht es dir gut?"

Calvin zuckte mit den Achseln. "Ging mir schon schlechter."

"Dann kannst du mit mir kommen. Wir werden auf Tambo landen und dann werde ich die beiden zurück zu Delta und außer Gefahr bringen lassen. In Ordnung?"

Calvin nickte. "In Ordnung."

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Stunden später, nach einem unruhigen Schlaf, landeten sie ohne großes Aufsehen in Johannesburg. Als sie sich zum Aussteigen bereit machten, zeigte Sloan auf ein Flugzeug, das am Ende des Rollfelds stand. Die Aufschrift an der Seite lautete "Distant Horizons Airlines".

"Das ist eine Foundation-Fassade", sagte er. "Er ist hier."

Calvin sammelte sein Zeug zusammen und wollte aussteigen, dann zögerte er. Er drehte sich zu Olivia und Adam um, die ihn beide beobachteten. Ihre Gesichter waren mürrisch.

"Bleibt hier", sagte er. "Ich komme zu euch zurück, wenn das vorbei ist."

Olivia nickte, doch Adam bewegte sich kaum. Seine Augen waren mit einer Intensität auf Calvins Gesicht fixiert, auf die Calvin keine Reaktion wusste. Stattdessen nickte er und stieg aus dem Flugzeug.

Er und Sloan überquerten das Rollfeld, wo eine kleine Gruppe von Personen, die Calvin als Insurgency-Agenten identifizierte, an einer Seitentür auf sie wartete. Die Agenten nahmen die Identifikation zur Kenntnis, öffneten die Tür und begleiteten sie hinein. Sie gingen mehrere lange Flure entlang, bis ein Agent sie in eine Seitentür führte.

Der Raum dahinter war klein – wahrscheinlich ein Besprechungsraum für Flughafenangestellte. Am Tisch saßen eine plötzlich extrem verärgerte Priscilla Norris und ein Mann in einem sauberen, schicken Blazer mit hellblauem Hemd und dunkelblauer Hose. Als sie hineingingen, stand der Mann auf und lächelte, doch als er Calvins Blick bemerkte, zögerte er. Niemand schien es zu merken und der Mann überspielte es schnell.

"Sylvester", sagte Norris wütend. "Was tust du hier?"

Sloan lächelte, während er eine Hand zum Mann im Blazer ausstreckte. "Ich genieße das Wetter, Priscilla. Ich bin seit Jahren nicht mehr so weit südlich gewesen; das tut meiner alten, schlabberigen Haut gut." Er wandte sich dem Mann zu und nahm seine Hand. "Sylvester Sloan, sehr erfreut."

Das Lächeln des Mannes war beeindruckend, bemerkte Calvin. Er war ungewöhnlich gutaussehend, hatte dunkles Haar, das zu einem kleinen Knoten hinter dem Kopf zusammengebunden war, und einen schönen Teint ohne nennenswerte Flecken. Seine Augen waren dunkelgrün und wenn er lachte, klang es wie Musik und fließendes Wasser.

"Jean Betrand, die Freude ist ganz meinerseits.", sagte der Mann. "Danke, dass Sie so weit gekommen sind, um mit mir zu sprechen, Mr. Sloan. Ich sagte gerade zu Ms. Norris, dass ich hoffe, Ihnen keine allzu großen Umstände gemacht zu haben."

Sloan winkte ab. Calvin beobachtete ihn und bemerkte, dass, trotz seiner Darbietung, Sylvester aufmerksam die Fenster beobachtete und zuhörte.

"Es ist natürlich überhaupt kein Problem.", Sloan deutete zu Calvin, der sich leicht verbeugte. "Sie kennen meinen Kollegen, Calvin Lucien?"

Betrands Gesicht wurde für einen Augenblick starr, bevor es sich wieder entspannte. "Sicher, sicher, der Mann, der Aufseher jagt." Er streckte auch eine Hand nach Calvin aus, der sie schüttelte. "Sie haben wirklich alle bis aufs Mark erschüttert, Mr. Lucien."

Calvin antwortete nicht, aber sie tauschten einen Blick aus, der Bände über die Spannung im Raum sprach. Betrand bedeutete ihnen, sich zu setzen, was sie auch taten.

"Ich werde mich so kurz wie möglich fassen", sagte er, "denn ich neige dazu herumzuquasseln. Ihre Aktionen, Mr. Lucien, haben die Foundation destabilisiert. Es gibt wichtige Funktionen, die früher von meinen Kollegen durchgeführt wurden und jetzt nicht mehr aktiv sind. In der Vergangenheit hätte ich mich in solch schwierigen Zeiten wegen ihrer Weisheit an Grün oder Rufus gewandt, doch sie sind ebenso abwesend. Er zog seine Jacke leicht zurecht. "Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Ich bin ein Realist und trotz meiner jahrelangen Tätigkeit für die Ziele der Foundation schätze ich meine Langlebigkeit höher ein als jede Ideologie. Außerdem gewinnt Ihre Ideologie anscheinend gegen deren. Vielleicht ist es an der Zeit, umzudenken."

"Abgesehen davon", fuhr er fort, "besitze ich die scharfsinnige Fähigkeit, Dinge zu … fühlen. Menschen, ich kann Menschen ganz einfach lesen. Es ist kein Problem. Auch bei großen Gruppen fühle ich mich sehr wohl, weil ich weiß, wie sich die Menschen fühlen. Das aber ist ganz anders. Etwas Großes bewegt sich in der Foundation, etwas sehr Mächtiges. Diese Macht strahlt vom Überwachungskommando aus und wird jeden Tag stärker."

Calvin dachte dabei an die Präsenz, die er im Lagerhaus und im Turm gefühlt hatte. Etwas Großes, das auf ihn herabblickte, als wäre er eine Staubmilbe. "Der Gründer", sagte Calvin. "Aaron Siegel."

Betrand schaute ihn an und nickte langsam. "Das ist sehr wahrscheinlich. Ich bin ein einzelner Mann, und obwohl ich der Botschafter der Foundation sein mag, bin ich nicht bestrebt, zwischen dieser Macht und ihrem Ziel zu stehen. Stattdessen möchte ich sehen, wie sie ausgelöscht wird. Wie ich das verstehe, sind Sie im Besitz von Werkzeugen, die dazu in der Lage sind."

Er legte seine Handflächen auf den Tisch. "Hier ist mein Angebot. Ich kenne den Aufenthaltsort des Überwachungskommandos und vieler anderer geheimer Standorte der Foundation. Ich kann Ihnen zeigen, wo sie versteckt sind. Ich habe Wissen, praktisches Wissen über die Foundation, das für Sie nützlich sein wird. Wenn das vorbei ist, benötigt Ihre Organisation vielleicht Hilfe dabei, das entstandene Chaos aufzuräumen. Ich habe Kontakte in vielen Organisationen und bin sehr bekannt. Eine wertvolle Ressource."

Norris nickte. "Ja, wir nehmen gern Ihre Dienste an, Jean."

Betrand sah sie an und seine Augen blitzten für einen Moment auf. Calvin schaute sich um und bemerkte wieder, dass er der Einzige war, der davon Notiz nahm. Er ertappte Bertrand dabei, wie er ihn aus den Augenwinkeln ansah und überrascht über etwas war. Norris machte jedoch weiter.

"Wir sollten hier raus und in Sicherheit. Man kann nicht sagen, welche unberechenbare und gefährliche Antwort die Foundation …"

Wie auf ein Stichwort hörten sie jemanden in der Ferne rufen. Es folgten weitere Stimmen und eine Reihe von Kugeln wurde aus einer mächtigen automatischen Waffe gefeuert. Jeder im Raum stand plötzlich auf, als Norris' Sicherheitsteam in den Flur ausschwärmte. Weitere Schüsse erfüllten die Luft. Als Calvin zurückblickte, sah er, dass Betrand bleich geworden war.

"Das sind sie", sagte er. "Sie kommen wegen mir. Gott, sie werden mich töten."

"Das glaube ich nicht", sagte Sloan und griff den Mann an seiner Jacke und zog ihn hinaus in den Flur. Norris folgte ihnen und dann Calvin. Als sie vorbeigingen, sprach Sloan zu Norris' Sicherheitsleuten.

"Wenn ihr irgendwelche Feinde seht, bringt sie um", knurrte er. "Wir kümmern uns später um die Nachwirkungen."

Sie huschten noch einen langen Flur entlang, bis er in eine Cafeteria führte. Angestellte des Flughafens waren überall, aber die Gruppe erregte schnell ihre Aufmerksamkeit. Sloan schubste Betrand vorwärts, während weitere Schüsse durch den Flur hinter ihnen hallten. Als sie dies bemerkten, liefen die Leute in der Cafeteria zu den Ausgängen, um der Gefahr zu entkommen. Norris, Calvin, Sloan und Betrand schlossen sich einer dieser Gruppen an und schafften es aus dem Terminal.

Sie kamen in eine große Lobby, in der noch mehr Menschen – meist Passagiere – nun auch zu den Ausgängen rannten. Sloan zeigte auf eine Reihe Flugsteige, hinter denen jeweils Flugzeuge auf dem Rollfeld standen. Als sie sich zur Tür am anderen Ende des Flughafens aufmachten, gab es hinter ihnen eine Explosion.

Als sich Calvin umdrehte, um durch den Staub und die Trümmer zu schauen, sah er vier Gestalten aus dem Rauch kommen. Sie waren menschlich, aber etwas an ihnen war außerweltlich und unheimlich. Die Führung hatte ein großer Mann mit rasiertem Kopf und schwerer Schutzkleidung. Eine der beiden Frauen trug einen entzündeten Flammenwerfer, währen die andere ein langes Gewehr bei sich hatte. Der andere Mann trug etwas, das wie eine Minigun aussah, die von einer langen Patronenkette aus seinem Rucksack gespeist wurde. Die vier musterten Calvin gleichzeitig und fingen an, auf ihn zuzurennen.

"Oh fuck", sagte Calvin, drehte sich um und sprintete auf den Rest der Gruppe zu. Er hörte das Geräusch der dröhnenden Minigun und duckte sich hinter eine Säule. Hinter der Gruppe begannen Insurgency-Sicherheitsleute in die Lobby auszuschwärmen und auf die vier Angreifer zu feuern. Abgelenkt drehten sie sich um, zielten auf die Sicherheitsteams und Calvin konnte wieder hinter die Gruppe zurückkehren und sich ihnen anschließen.

Als sie sich duckten, um dem Kugelhagel auszuweichen, erhaschte Calvin einen kurzen Blick auf das Gemetzel, das sich hinter ihnen abspielte. Er sah einen der vier, eine Frau, die einen Agenten in die Luft hob und ihren Flammenwerfer auf sein Gesicht hielt. Der größere der Männer hatte eine Stützsäule aus Stahl aus der Wand gezogen und damit zwei andere Männer aufgespießt, die daran baumelten und sich krümmten, bevor sie herunterrutschten und zusammenbrachen. Eine Kugel prallte von einem Metalltisch in der Nähe von Calvin ab und er sah aus der Entfernung, die die Angreiferin mit dem langen Gewehr langsam auf sie zuging und feuerte. Er schaute zu den anderen drei, die sich darauf vorbereiteten, wieder loszulaufen.

"Runter!", zischte er. "Bleibt unten!"

Sloan duckte sich unter einen Tisch, aber Betrand stolperte und fiel in eine Stuhlreihe. Als das passierte, machte Norris ein Geräusch und stand auf, um ihm zu helfen. Calvin hörte das Knallen des Gewehrs und das Aufplatzen ihres Schädels gleichzeitig, als Norris' Bewusstsein zu rosa Dunst wurde. Sloan schrie auf, als er von Norris' grauen Zellen besprüht wurde und ein geduckter Calvin musste ihn unter dem Tisch hervorziehen. Die drei krochen auf die Türen zu, während mehr Kugeln über sie hinwegzischten.

Als sie den Ausgang erreichten, stieß Calvin die Tür auf und sie rannten zusammen hinaus auf das Rollfeld. In der Nähe sahen sie, wie Sloans Flugzeug auf die Rollbahn abbog. Sie rannten unter einem anderen Jet durch, das in ein Terminal gerollt war und entkamen nur knapp der kopflosen Leiche eines Agenten, die aus einem zerbrochenen Fenster auf sie herunterknallte, während die vier Attentäter der Foundation an der freien Stelle erschienen, wo vorher Glas gewesen war. Calvin sah nicht zurück, sondern fühlte sich selbst fallen, als Sloan ihn zur Seite stieß, gerade als eine Kugel seine Wange streifte. Als er zurücksah, hielt sich Sylvester das Bein und Blut sammelte sich in seiner Hose. Der Mann schnappte nach Luft und sah zu Calvin auf. Sein Gesichtsausdruck wurde leer, als eine weitere Kugel durch sein Herz brach.

Noch eine Kugel traf den Asphalt neben ihm und Calvin rollte hinüber, um sich Betrand zu greifen, der sich auf dem Boden zu einem Ball zusammengerollt hatte. Calvin konnte einen entsetzten Ausdruck in seinem Gesicht sehen, eine sprachlose Angst, begleitet vom wortlosen Gestammel aus seinem Mund.

Die Lautsprecher auf der Rollbahn um ihn herum begannen zu zischen und zu knistern. Dann, plötzlich, hallte eine Stimme durch den Flughafen – kindlich und unnatürlich.

Irantu…

… nicht den Aufständischen …

… bring mir den Aufständischen …

Töte den Verräter.

Etwas wie ein Keuchen entkam Betrands Mund und plötzlich erhob er sich und versuchte wegzukrabbeln. Hinter ihnen hörte Calvin einen dumpfen Schlag, als der größte der Gruppe, den die Stimme Irantu genannt hatte, von drei Stockwerken aus auf den Füßen landete und begann, schnell die Rollbahn in Richtung Betrand zu überqueren.

"Nein!", schrie Betrand. "Nein! Lass mich bitte gehen, ich flehe dich an, ich mache was du willst! Bitte! Bitte! Verzeih mir, bitte! Ich will nicht sterben!"

Die Stimme drang wieder durch die Lautsprecher.

Verräter.

Verräter.

Verräter.

Bertrand fiel auf seinen Rücken und kroch rückwärts, weg von dem bewaffneten Mann, der vor ihm stand. Irantu hob einen Fuß und trat auf eins von Betrands Beinen, dass er mit einem splitternden Knacken zertrümmerte. Er schrie und griff nach seinem Bein.

"Bitte! Bitte! Irantu, bitte! Tu das nicht! Bitte! Ich will doch nur leben! Das will ich nicht!”

Irantu packte Betrand an seinen Haaren und hielt seinen Kopf mit der rechten Hand fest. Mit seiner Linken griff er an seinen Gürtel und zog ein schmales, schwarzes Beil hervor, das er vor Betrand hielt. Als er es sah, begann der Aufseher wie ein Kleinkind zu gurgeln. Einen Augenblick später hob Irantu das Beil und schlug es mit einem feuchten Knirschen in Betrands Schädel, dann nochmal und spaltete ihn auf, als Betrands blutunterlaufene Augen nach hinten rollten. Irantu warf das Beil weg, griff mit beiden Händen in die Öffnung und so einfach, wie jemand eine Tüte Chips öffnet, riss er den Schädel in zwei Hälften. Betrands Leiche krümmte sich noch einen Moment von selbst, bevor sie und der Flughafen verstummten.

Calvins Atmung war schwer, als sich der Mann näherte, doch das Röhren der Jettriebwerke schnitt durch die Stille. Beide drehten sich um und sahen, wie sich Sloans Flugzeug am Ende der Rollbahn in die Lüfte hob. Calvins Herz sprang in seiner Brust. Plötzlich hörte er das deutliche Geräusch der Minigun und dann raste eine Reihe aus schreiendem Blei in den Himmel und in die Triebwerke des Jets. Der Mann mit der Minigun hielt sie zielgenau auf das Flugzeug und erst als das Flugzeug ins Stocken geriet und flammend vom Himmel fiel, ließ er den Abzug los.

Fahles, graues Entsetzen überkam Calvin, als er zusah, wie das Flugzeug am Ende der Rollbahn brannte. Er schaute schnell genug auf, um zu sehen, wie Irantus geschlossene Faust auf ihn zukam. Dann wurde es Schwarz.




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