Die Siebte

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DAMALS

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Ein kleiner Junge steht in einer langen Reihe von Männern und Frauen in orangefarbenen Overalls. Er hat einen Metallkragen um den Hals. Er marschiert hinaus in die Kälte mit einer Schaufel in seinen Händen, und als ein Erwachsener mit einem Flammenwerfer das sich unkontrolliert ausbreitende Fleisch zurückdrängt, schiebt er die Asche in kleinen Stapeln zusammen, damit sie eingesammelt werden kann. Er ist dünn und krank. Ihr Lager hat schon seit drei Tagen keine Verpflegung mehr bekommen – aber die Wachen bleiben satt.

Es herrscht Aufruhr und Kugeln peitschen über die gefrorene Erde. Der Junge geht hinter einem Haufen fleischiger Leichen in Deckung und bedeckt seine Ohren wegen des Schreiens und Rufens um ihn herum. Es dauert für einen Moment an und dann wird es still. Als er die Augen öffnet, beugt sich Anthony nach unten, um ihn hochzuheben. Der ältere Mann wirft eine Decke über Adams Schultern und trägt ihn zu einem wartenden Personalfahrzeug.

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Aaron Siegel steht an einem Podium und überbringt der ersten Zusammenkunft der neuen Foundation die Nachricht über einen Durchbruch. Er strahlt, als das Publikum applaudiert.

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Die Unglaubliche Ivory flieht in den Three Portlands durch eine dunkle Gasse, Foundation-Agenten sind ihr dicht auf den Fersen. Sie ist gerannt; wie es sich anfühlt, schon seit Stunden, und weiß, dass sie bald nicht mehr kann. Sie hört Hunde bellen und ihre Beine brennen wie Zunder. Sie erblickt einen anderen Agenten, der vor ihr um die Ecke kommt, also stolpert sie eine Seitenstraße hinunter.

Sie führt zu einer ruhigen Kreuzung, doch sie kann hören, wie sie sich ihr von allen Seiten nähern. Erschöpft und resigniert bricht sie auf der Straße zusammen. Ihre Kleidung ist mit Farbe und Blut beschmiert und sie lacht, als sie diese Schweinerei sieht. Na ja, denkt sie, zumindest geben sie mir etwas anderes zum Anziehen.

Einen Moment später hält ein Auto kreischend vor ihr an und Calvin zieht sie in das Auto. Als die Foundation-Agenten aus der Gasse kommen, ist sie nirgends zu finden.

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Ein Telefon klingelt.

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In der Ferne ist ein Berg aus Feuer und das Geräusch tosender Maschinen und des Kontinents, der gespalten wird. Die Erde bebt. Arians hält das Auto gerade auf der Straße, auch wenn es unter ihm ruckelt und buckelt. Auf dem Rücksitz starrt Aaron auf den Boden.

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Durch einen kleinen Spalt zwischen zwei Steinen drückt sich ein Mann durch, kurz gefolgt von seinem Rucksack. Er zündet ein Streichholz an, das die Kammer mit Licht erfüllt. Kleine weiße Insekten, die seit hunderten von Generationen nicht mehr das Licht der Welt erblickt haben, huschen in Deckung. Der Mann entzündet seine Laterne und geht vorwärts.

Es kommt ein Luftzug von jenseits dieses Raums, also folgt er ihm. Er duckt sich vorsichtig unter Felsformationen, sie zärtlich streifend, um sie nicht zu stören. Eine Fledermaus fliegt tief über seinen Kopf hinweg und er ist ermutigt – das muss der richtige Weg sein. Er drückt sich weiter vorwärts und von irgendwo in der Nähe hört er das Geräusch rauschenden Wassers.

Er kommt in eine andere Höhle, doch bevor er sich zurechtfinden kann, bleibt sein Fuß am Rand des Wegs hängen und er stürzt zu Boden, seine Laterne zerspringt und splittert auf den Boden, Öl und Feuer ergießen sich in alle Richtungen. Er steht schnell wieder auf, reibt sich die Seite, wo er auf harten Stein gefallen war. Bevor er sich bewegen kann, um das Feuer zu löschen, fällt ihm ein Wunder ins Auge. Vor ihm ist ein Wasserfall, klein, doch dutzende Fuß hoch. Er nähert sich vorsichtig, streckt eine Hand ins Wasser und bemerkt, dass es hoch und um seine Hand herum fließt. Er verspritzt das Wasser, das weiter zu seinen Füßen aus dem Becken fließt, zu einem Punkt in der Dunkelheit weit über ihm.

Im trüben Licht dieser Höhle, vor einer Unmöglichkeit stehend, grinst Frederick Williams.



JETZT

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Adam stürmte auf eine Lichtung und schlug sich mit der Hand ins Gesicht, als er auswich und sich von sehr vielen winzigen Angreifern wegduckte. Olivia war nicht weit dahinter, ihr folgten Calvin und Anthony. Von den vier hatte sich Olivia im Dschungel am besten angestellt. Calvin war ausgerutscht und in Treibsand gefallen, der nun seine untere Hälfte bedeckte, als wäre er eine menschliche Eistüte. Anthony war wegen der Luftfeuchtigkeit von Kopf bis Fuß von Schweiß durchnässt und er motzte und verfluchte jeden Schritt auf dem Weg durch die verdammte Scheißhitze. Schließlich hatte Adam die Aufmerksamkeit eines Käferschwarms auf sich gezogen, der ihm (nach seiner Aussage) den größten Teil der letzten Meile gefolgt war, seit ihr Auto kaputt ging.

Calvin rief eine kurze Unterbrechung ihres Vorankommens aus, um eine Karte und einige Notizen zu untersuchen, die er von Delta erhalten hatte. Über die siebte Aufseherin hatte sich das Tagebuch nur spärlich ausgedrückt – sie bewegt sich oft – aber Delta hatte die Bewegungen derjenigen, die Grün genannt wird, seit Wochen beobachtet. Getreu der Beschreibung im Tagebuch hatte sie sich häufiger als alle anderen bewegt und blieb oft nicht länger als bestenfalls ein paar Tage an einem Ort. Doch hier, tief im Herzen dieser Wälder, soll sie sich schon seit mehr als einem Monat aufhalten.

"Das gefällt mir nicht", hatte Anthony gesagt, der am Ende einer Zigarre kaute. "Das fühlt sich wie eine Falle an."

"Ja", hatte Adam geantwortet, "wir wissen ja auch nicht wirklich, ob sie überhaupt hier ist. Wir wissen nur, dass wir sie nicht gehen gesehen haben. Es gibt viele Wege, wie sie hätte rauskommen können."

Calvin hatte sich bei dem Gedanken über den Bart gestrichen und den Blick von Olivia gegenüber auf sich gezogen, bevor sie schnell wieder wegsah. "Du hast recht. Das ist ungemein vage. Aber wenn unsere Quellen richtig liegen und sie da ist, wo wir denken, dass sie dort ist, werden wir vielleicht keine weitere Chance bekommen. Wir müssen jetzt handeln."

Also kamen sie an in—

"Kambodscha!", rief Anthony und riss sich noch ein Stück seines Hemdes vom Körper. "Kambodscha! Ausgerechnet. Wenn dich die Käfer nicht töten, wird es die erbärmliche Hitze." Er zog einen Fächer heraus und wedelte ihn fieberhaft vor seinem Gesicht. "Ich hab für ein Leben lang genug von diesem Teil der Erde. Der Tag kann nicht früh genug kommen, an dem ich nie wieder in diesen gottverdammten Dschungel muss."

Calvin untersuchte ihre Karte, doch es war nichts als ein Fluss als Orientierungspunkt in der Nähe. "Wir sind jetzt nah dran. Wenn wir in der Stadt sind, müssen wir uns mit Vanderveer treffen. Er wird dort sein, in dieser Bar. Er hat Kontakte, die uns da hinbringen können, wo wir hinmüssen." Er zog ein Bandana hervor und wickelte es um sein Gesicht. "Legt etwas über eure Gesichter – wir müssen so diskret wie möglich bleiben." Er streckte Adam und Anthony einen Finger entgegen. "Ihr zwei Bleichgesichter fallt auf."

Anthony grunzte, aber Adam drehte seinen Kopf herum, sein Gesicht war rot von den dauernden Schlägen. "Warte, was jetzt? Warum müssen wir unsere Gesichter verstecken?"

Calvin steckte seine Karte und das Tagebuch weg. "Aus dem gleichen Grund, aus dem die Aufseherin jetzt hier ist. Politische Unruhen. Vanderveer sagt, es gibt ein Artefakt, das im Besitz der örtlichen Revolutionäre ist und dass Grün persönlich vorbeigekommen ist, um mit ihnen zu verhandeln und es zurückzubekommen.

Adams Gesicht wurde weiß. "Warum kommt ein Aufseher, um mit Revolutionären zu verhandeln?"

"Lass dich nicht täuschen", sagte Anthony und warf sich Adams Kanister über die Schulter, "das ist keine diplomatische Mission. Von so 'ner Scheiße geht Grün einer ab. Wenn sie hier ist, bedeutet das, dass etwas Katastrophales passieren wird."

Nachdem sie sich schnell sauber gemacht und ihre Gesichter verdeckt hatten, krochen die vier wieder zurück in den Busch in Richtung der nahegelegenen Stadt.

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Calvin schlich sich hinter eine Mauer, als eine Gruppe Randalierer an ihm vorbeizog und Fackeln die dunkle Straße erleuchteten. Nicht weit entfernt konnte er das Geräusch von Schüssen und Autoalarmanlagen hören sowie das gelegentliche laute Dröhnen eines Panzers, da die Regierung Truppen in die Stadt geschickt hatte. Er wartete, bis sie weg waren und bewegte sich schnell nach Osten. Sie waren früh getrennt worden, nachdem sich ein Mob um ein Lebensmittelgeschäft gebildet hatte, an dem sie vorbeikamen. Anthony hatte gefunkt, dass es ihm gut ging und er sich auf das Ziel zubewegt und Olivia und Adam hatten sich ein paar Blocks weiter getroffen.

Unter dem orangefarbenen Stoff einer Markise sah er ein einzelnes Licht, das ein Schild erleuchtete – Pedro's Place – und er öffnete die Tür. Er schlüpfte hindurch und das Geräusch der Straße verblasste hinter ihm.

Pedro's Place hatte sich früher am Tag geleert, als ein Ziegelstein durch eins der vorderen Fester kam, doch eine Handvoll Stammkunden saßen noch an der Bar. Das zerbrochene Glas war auf einen kleinen Haufen gekehrt worden und dann unberührt geblieben. Calvin trat beiläufig ein und erhob sich nicht, um nicht den Blicken zu begegnen, die den Raum in seine Richtung kreuzten. Er fand einen Platz an einem Tisch in einer entfernten Ecke in der Nähe des hinteren Teils des kleinen Raums und bückte sich, um seine Gesichtszüge zu verbergen. Nach einem Moment kam der Barkeeper an seinem Tisch vorbei.

"Was du möchten?", fragte der Barkeeper in gebrochenem Englisch.

Calvin klopfte zwei Mal auf den Tisch, dann noch zwei Mal, dann drei Mal. "Ich nehme, was er hat."

Der Barkeeper hielt inne, nickte dann und ging. Ein paar weitere Momente vergingen und dann kam ein anderer Mann zum Tisch mit einem Bier in jeder Hand. Dieser Mann war eine kräftige Person mit feurigem rotem Haar und einer brennenden Zigarette im Mundwinkel. Er nahm gegenüber von Calvin Platz und schob ihm ein Bier zu.

"Prost, Calvin", sagte er. "Trink auf, wir werden wahrscheinlich am Morgen tot sein."

Calvin grinste durch sein Taschentuch, welches er schnell entfernte. "Van", sagte er, "was für ein schöner Anblick für entzündete Augen."

Vanderveer zuckte mit den Schultern. "Müssen aber ziemlich entzündet sein." Er nahm einen Schluck. "Wo ist der Rest deiner Truppe fröhlicher Männer? Mir wurde eine Überfall-Truppe versprochen, kein einzelner abgehalfterter Spion."

Calvin schnaubte. "Wir wurden getrennt. Anthony bewegt sich auf den Wachposten zu und Liv und der Junge sind unterwegs. Wir sollten sie auf dem Weg nach draußen treffen."

Vanderveer nickte. "Wenn sie ankommen, müssen wir schnell sein. Wir werden nicht genug Zeit haben, um zu handeln – wenn sich die Unruhen auflösen, haben wir unsere Chance verpasst. Unsere einzige Deckung ist momentan, dass die Straße voller Plünderer ist und wir sind nur eine Handvoll Touristen."

Sie wurden von einem bellenden Hund draußen unterbrochen, der schnell im Surren des Hintergrunds unterging. Calvin nahm noch einen Schluck. "Was ist da draußen los?"

"Lokalpolitik", sagte Vanderveer. "Kervier kam rein, hat sich vor einigen Jahren hier niedergelassen und das Wasser gründlich verhunzt. Sie taten, was sie immer tun, weißt du, kommen rein, lassen sich nieder, graben wild 'rum und warten, bis die Gefängniswärter kommen und sie rausdrängen. Aber dieses Mal ist die Foundation nicht aufgetaucht." Er lachte. "Du hattest wahrscheinlich deine Finger im Spiel."

Nun war Calvin an der Reihe mit den Schultern zu zucken, während Vanderveer fortfuhr. "Egal, hier gibt es drei Seiten. Auf der einen Seite haben wir die örtlichen Beamten, die alle von Kervier bestochen wurden und nun als Betrüger ihrer Landsleute gelten. Dann gibt es noch diese Leute – nennen wir sie Revolutionäre – die seit einiger Zeit darauf drängen, die Regierung zu stürzen. Als die Details des Kervier-Deals herauskamen, beschlossen sie, dass es ihre Zeit war zu glänzen und erhoben sich massenweise. Sie verkrochen sich im Anwesen des Gouverneurs und treffen sich angeblich mit dem örtlichen Gouverneur, um irgendein Abkommen zu treffen. Tatsache ist, dass sie nur da sind, damit Grün sie aufhetzen und ihre Abkommen zerstören kann. Sobald alles richtig destabilisiert ist, können die Gefängniswärter in die Waffenkammer stürmen, wo sie das Ding aufbewahren, das sie unbedingt in die Finger bekommen wollen."

"Wer sind die Leute auf der Straße?", fragte Calvin.

"Randalierer. Sie sind alle einfach unzufrieden mit der Regierung. Die meisten von ihnen sympathisieren wahrscheinlich mit den Revolutionären, aber nicht alle. Meistens wollen sie einfach nur randalieren. Sie sind unzufrieden und wütend, wollen plündern und brandschatzen. Sie sind gerade die gefährlichste von diesen drei Seiten, denn wenn ihre Einstellung besonders gewalttätig wird, könnten wir dort hineingezogen werden, bevor wir Zeit haben auszuweichen."

Das Geräusch der Straße draußen wurde für einen Moment lauter, als sich die Tür öffnete und ein Mann und eine Frau eintraten. Calvin nickte und Vanderveer stand auf.

"Dann mal los", sagte der heisere Ire. "Für die Insurgency."

Calvin nahm seine ausgestreckte Hand. "Für die Insurgency."

Olivia and Adam waren hinter ihnen und dann schlichen sich die vier schnell aus einer versteckten Seitentür. Als sie am Barkeeper vorbeikamen, gab der Mann ihnen ein nervöses Nicken. Sobald sie draußen auf der Straße waren, zeigte Vanderveer auf Lichter in der Ferne.

"Da gehen wir hin", sagte er mit leicht erhobener Stimme, um durch den Lärm der Menge gehört zu werden. "Die Revolutionäre haben sich dort niedergelassen. Um reinzukommen, müssen wir uns mit einem meiner Kontakte treffen: Jo." Er starrte hinunter auf sein Telefon. "Ich hatte gehofft, jetzt schon etwas von ihm gehört zu haben, aber uns bleibt nicht viel Zeit zu warten. Lasst uns gehen."

Sie begaben sich in Richtung des Gouverneursanwesens und hielten sich größtenteils in Seitenstraßen auf, um den Randalierern und größeren Versammlungen auszuweichen. Als sie stehen blieben, damit ein Mob vorbeiziehen konnte, holte Calvin sein Funkgerät hervor und rief Anthony.

"Anthony", sagte er, "hörst du mich? Wo bist du?"

Das Funkgerät knackte eine Antwort. "Hab es zum Wachposten geschafft. Hier ist ein Pulk aus Nichtsnutzen, die ein Elektrogeschäft plündern, also bin ich aufs Dach rauf. Wo seid ihr?"

"Wir verlassen gerade Pedro's. Irgendein Zeichen von unserer Zielperson?"

"Noch nicht. Sie sollte aber einfach zu erkennen sein, wegen dem Overall und so." Das Funkgerät war still. "Sei gewarnt, Calvin – es gibt viele Truppen, die sich um das Anwesen bewegen. Sie halten sich von der Hauptstraße fern und ich glaube, niemand am Boden hat es gemerkt. Wenn die Stimmung umschlägt, werden alle furchtbar ausrasten."

Calvin nahm einen tiefen Atemzug. "Verstanden. Wir werden uns bald treffen."

Die vier gingen um einen brennenden Laden herum und eine enge Straße herunter, an deren Ende eine scharfe Kurve verlief. Als sie sich ihr näherten, hielt Vanderveer eine Hand hoch und sie blieben stehen, während er um die Ecke spähte. Er drehte sich um und fluchte.

"Plünderer", sagte er. Er zog seine Waffe aus dem Holster. "Tut nichts Dummes."

Er bog um die Ecke, der Rest war nicht weit entfernt. Als sie sich der Gruppe näherten, die einen Laden von seinem Inhalt leerte, bemerkte sie erst einer der Plünderer und dann alle. Vanderveer zog den Bauch ein, lächelte und streckte die Arme aus.

"N'abend, Leute", sagte er mit so viel Begeisterung, wie er aufbringen konnte. "Komme nur vorbei, seht ihr? Ich will keinen Ärger. Hab Geld, wenn ihr wollt, kein Problem."

Einer der Plünderer schaute hinter sich auf die anderen, drehte sich wieder zur Gruppe und nickte. Vanderveer zog seine Geldbörse hervor und ging langsam vorwärts, während er sie vor sich hielt.

"Na bitte", sagte er, "ganz ruhig."

Plötzlich flogen Kugeln durch die Gruppe der Plünderer und die Männer und Frauen begannen, übereinander zu fallen. Einer von ihnen zog eine Waffe und feuerte in die Dunkelheit hinter ihnen, dann hatten alle Waffen. Van drehte sich um, um auf die anderen drei zuzulaufen, aber ein verirrter Schuss traf ihn ins Bein, er brach zusammen und fluchte. Calvin rannte zu ihm hin als er fiel und die drei zogen ihn von der Straße. Vanderveer schaute zurück auf die Gruppe Plünderer und seine Augen wurden größer.

"Gas", sagte er zeigend. "Gefängniswärter."

Eine Wolke aus Gas hatte sich über den Körpern der toten und sterbenden Plünderer gebildet, die auf die Gruppe zukroch. Aus der Wolke erschienen dunkle Gestalten in Schutzausrüstung mit Masken und Gewehren. Sogar aus der Entfernung konnte Calvin die Insignien auf ihren Schultern erkennen. Neunschwänziger Fuchs.

"Oh, Scheiße", sagte Adam atemlos und plötzlich befand sich die Gruppe fast im Sprint, während Calvin den schweren Vanderveer über seine Schultern hievte, um Schritt zu halten. Sie rasten durch Seitenstraßen, aber egal wohin sie auch abbogen, es tauchten immer mehr gepanzerte Gestalten aus den Schatten auf. Sie bogen nochmal ab und fanden sich in einer Sackgasse wieder.

"Fuck!", sagte Olivia, die sich zu einer Gruppe Foundation-Agenten umdrehte, die nun am Eingang zur Gasse standen, in die sie gerannt waren. Vanderveer schwang sich um Calvins Schulter herum und feuerte wütend auf die Agenten. Einer von ihnen brach zusammen, dann noch einer. Eine Kugel prallte von einer ihrer Masken ab und der Agent verschwand hinter dem Rest. Dann zog einer nahe der Front einen dicken Stahlkanister hervor, zog an einer Lasche und rollte ihn auf sie zu. Ein dickes, orangefarbenes Gas strömte aus beiden Enden der Dose und füllte die Gasse.

Calvin wollte vorwärtslaufen, doch jeder Schritt in die Wolke fühlte sich wie tausend an und plötzlich war er schwer wie Blei. Er hörte Vanderveer fluchen, als er von Calvins Schulter fiel, dann wie Adam auf den Boden fiel, dann ihn selbst und dann wurde die Welt schwarz.

— - —

Calvin war wach, hatte einen trockenen Mund und war benebelt, unfähig, durch das dunkle Band zu sehen, dass um seine Augen gewickelt war. Er fühlte nach seinen Handgelenken – gefesselt, auch seine Knöchel. Er griff so weit nach hinten, wie er konnte und fühlte etwas Kaltes aber sehr Lebendiges – Olivia. Irgendwo in der Nähe hörte er das unverkennbare Geräusch des schnarchenden Adam.

Dann eine Stimme.

"Captain, Captain, Captain", sagte sie langsam und stetig. Es war eine volle Stimme, leicht südländisch, akzentuiert und deutlich weiblich. Die Stimme war von jemandem, der sich sicher war, wo er steht. "Ich sollte Ihnen öfter Aufklärungsmissionen geben, wenn Sie mit Gewinnen wie diesen zurückkehren."

Noch eine Stimme, diesmal männlich. Grob. "Sind das die Aufständischen?"

"Ja, ich glaube, das sind sie", sagte die Frau. Calvin hörte Schritte und dann nichts. "Dieser ist fehl am Platz. Und es fehlt einer."

"Was Sie mit ihm machen wollen?", sagte der Mann.

Die Frau hielt inne und überlegte. "Nun. Es hat keinen Sinn ihn zu wecken, denke ich. Alles in allem ist es ein besserer Weg als das, was wir für den Rest auf Lager haben."

Es war ein schwereres Geräusch hörbar, als ein Mann – eindeutig in Stiefeln – den Raum durchquerte. Calvin hörte das Geräusch einer Kugel, die in die Kammer glitt und dann den ohrenbetäubenden Knall eines Schusses. Calvin zuckte zusammen und hörte Olivia hinter sich schreien.

"Schau, schau, sie sind wach. Hebt sie hoch, schnell. Wir haben nicht viel Zeit." Mehr Schritte und dann wurde Calvin von zwei paar Händen nach oben gerissen. Die Hände drückten ihn gegen die Wand und andere zogen die Augenbinde von seinem Gesicht.

Er kniff die Augen vor dem grellen Licht zusammen und als der Raum klarer wurde, sah er eine kleine, gedrungene Frau in einem dunkelgrünen Hosenanzug. Sie war nicht alt – vielleicht Anfang 50 und sie trug schwarze Schuhe mit grünen Blumen darauf. Sie lehnte sich nach unten, um ihn fragend anzusehen, wie ein Raubvogel, der Essen auflauert. Calvin schaute nach links und rechts, um zu bestätigen, dass Olivia und Adam bei ihm und größtenteils unlädiert waren. Er starrte in die Ecke des Raums und dann schnell zurück – Vanderveer lag tot am Boden, ein Einschussloch war zwischen seinen Augen.

Die Tür zum Raum öffnete sich. "Was das war?", fragte die Stimme auf der anderen Seite. "Auf wen schießen?"

Die Frau im Hosenanzug winkte sie fort. "Machen Sie sich darüber keine Sorgen. Ich habe es mit einem persönlichen Problem zu tun. Verstehen Sie? Persönlich. P-E-R-S-Ö-N-L-I-C-H. Das heißt, nicht Sie. Kusch."

Die Tür glitt zu und sie wandte sich wieder der Gruppe zu, lächelnd.

"So, so, so", sagte sie und klatschte in die Hände. "Und ich dachte schon, ich müsste Zeit darauf verwenden, nach euch drei zu suchen, und ihr marschiert direkt in eine meiner Patrouillen. Das ist doch was, glaubt ihr nicht?"

Die Frau bemerkte, dass Olivia Vanderveer anstarrte und machte eine abweisende Geste. "Oh, mach dir keine Sorgen um ihn, Liebes. Er ging schnell und einfach. Ihr werdet es schwerer haben, fürchte ich."

Sie drehte sich zu einem geöffneten Fenster um. Von draußen konnten sie das Geräusch des Pulks aus Revolutionären in den Straßen hören.

"Ich habe mich gar nicht vorgestellt! Wo sind meine Manieren, mein Gott. Meine Mama hätte mich dafür verprügelt. Mein Name ist unwichtig – ihr könnt mich einfach Grün nennen. Das tut jeder, zur Hölle, das tut ihr wahrscheinlich auch. Was euch drei angeht", sie hielt inne und hielt einen Finger gegen die Seite ihres Gesichts, "der Dünne hier ist eine geflohene D-Klasse, die dünne Schlampe ist die Parakünstlerin, die entkommen ist und du – du bist Calvin Lucien, nicht wahr? Du hast es satt, Granaten auf unbewaffnete Konvois zu werfen und hast dich entschlossen, in die großen Ligen aufzusteigen und ein paar Aufseher zu knacken."

Sie lachte ein warmes, volles Lachen. "Das muss ich dir lassen, du hast echt Eier, Calvin. Ich weiß nicht, was in dem Wasser ist, wo du herkommst, aber es ist ein ziemlich starkes Zeug. Einige von meinen Leuten könnten ein Glas davon gebrauchen!"

Grün drehte sich wieder zum Fenster. "Jetzt weiß ich, was ihr hier vorhabt – zur Hölle, das tun wir jetzt alle. Einige meiner Kollegen haben sich entschlossen, die Flucht zu ergreifen und sich zu verkriechen, nach dem Kunststück, das ihr mit dem armen alten Felix gemacht habt – sehr clever, nebenbei bemerkt. Was lustig ist, dass sich Felix selbst vor langer, langer Zeit darüber Sorgen machte. Um ihn abzusichern, ließ Aaron den Brunnen trockenlegen und den Boden umgraben, bis nichts mehr übrig war. Und doch wart ihr da, tatet etwas, was nicht hätte getan werden können. Sehr, sehr clever."

Sie fuhr fort. "Aber während sie sich vielleicht eine Weile damit zufrieden geben sich zu verkriechen, bis alles vorbei ist, habe ich Arbeit zu erledigen. Die Foundation läuft nicht von allein und läuft sicherlich nicht, wenn ihr keiner sagt, dass sie laufen soll. Außerdem", sie drehte ihren Kopf, um sie anzusehen, ihre Augen waren starr und ihr Lächeln schief und teuflisch. "So lebendig habe ich mich seit Jahren nicht mehr gefühlt."

Calvin grunzte. "Du bist ein Pfirsich."

Grün lachte wieder. "Gewachsen in Georgia! Ist das nicht passend?" Sie durchquerte den Raum erneut in Eile. "Also hier ist, was ich dir anbieten werde, Calvin – so etwas wie eine Wette. Hast du jemals eine Fliege an einer Fliegenfalle beobachtet? Das ist das natürlichste Glücksspiel da draußen. Die Fliege spielt darum, dass sie es zu diesem süßen, süßen Nektar und wieder hinausschafft, bevor die Fliegenfalle zuschnappt. Die Fliege ist gewillt, die Wette anzunehmen, denn der Nektar ist so gut und er ist genau da."

Sie zeigte auf Adam und Olivia. "Ich biete dir Leben für ein Leben an. Einfach. Du lässt mich einen der beiden töten – deine Entscheidung, ich bin nicht unfair – und lasse dich tun, was immer du mir antun willst. Töten, verstümmeln, abschlachten, egal. ODER – und jetzt wird es interessant – du lehnst ab und ich verlasse diesen Raum, gehe in diesen Raum", sagte sie, während sie mit einem dicklichen Finger auf die Tür zeigte, die sich eben geöffnet hatte, "feuere eine Kugel in den Nacken von Ying Ko-irgendwas, dem Anführer der Revolutionäre. Du und deine Freunde hier schaffen es vielleicht lebend raus, aber sobald dieser Pulk in der Straße herausfindet, dass ihr Goldjunge von den Truppen niedergeschossen wurde, die nun auf sie schießen, stecken sie die gesamte Gegend in Brand."

Grün hockte sich beide Hände vor sich haltend vor Calvin hin. "Da ist er, Calvin. Da ist der Nektar. Er ist genau hier. Alles, was du tun musst, ist danach greifen und ihn nehmen."

Calvin kämpfte gegen seine Fesseln. Einer der Wachen hinter ihm stieß die Rückseite seines Gewehrs in Calvins Rücken und warf ihn um. "Fick dich", sagte er.

Grün rollte mit den Augen. "Du hättest ein paar Mehr Worte lernen und zur Kirche gehen sollen, als du jünger warst, Calvin."

"Nimm mich", hörte Calvin Olivia neben sich sagen. Ihre Stimme war heiser. "Calvin, sie wird sowieso einen von uns töten. Wie sonst werden wir die Chance bekommen?"

Die Frau lachte. "Sie hat recht, Calvin. Jemand stirbt heute Nacht, und du wirst entscheiden, wer. Komm schon, wir haben nicht die ganze Nacht. Ping Pong ist kein geduldiger Mann." Sie deutete auf ihn und die Wache setzte ihn wieder auf.

"Gut", sagte Calvin, der Blut spuckte, "erschieß mich. Lass die beiden gehen."

Grün lachte nicht, aber ihr Lächeln wurde unnatürlich breit. "Nein, nein, Calvin. So wird das Spiel nicht gespielt. Du darfst dich nicht selbst wählen. Denkst du, dass das eine Art edles Opfer ist, das du bringst?" Jetzt lachte sie. "Man hätte denken können, dass es die Insurgency nach all den Jahren des Verlierens nun endlich verstanden hat. Es gibt keine Opfer, Calvin. Das wird passieren: Du wirst einen deiner Freunde auswählen oder die Leute da draußen und ich werde leben oder sterben. Wenn ich lebe, gehe ich wieder an die Arbeit und ersetze die Aufseher, die du getötet hast – das wäre sicherlich nicht das erste Mal. Wenn ich sterbe, wirst du für einen Moment das Gefühl haben, etwas gewonnen zu haben und du wirst entweder von den Massen draußen vor dieser Tür oder von unseren Agenten getötet oder du stirbst an Grippe oder so. Vielleicht tötest du noch einen Aufseher – Jean sieht gerade zittrig aus, er wäre ein gutes Ziel. So oder so, irgendwann erreichst du den Punkt, an dem deine Anstrengungen erschöpft sind und dann hörst du auf, es zu versuchen. Du stößt auf einen Berg, den du nicht besteigen kannst – und glaub mir, dieser Berg kommt bald. Du wirst feststellen, dass dieser Turm gebaut wurde, um nicht bestiegen zu werden und du wirst aufgeben. Sobald du aufgibst, bedeutet keiner der Tode noch etwas. Es ist egal, ob es du bist, sie oder ich."

Sie stand auf, ihre Hände waren immer noch ausgestreckt. "Weißt du, warum es sich lohnt, Opfer zu bringen? Ewigkeit. Du machst weiter und lebst ewig oder du stirbst und die Geschichte vergisst." Sie lachte. "Das Schlimmste ist, ehrlich gesagt, dass du wirklich keine Ahnung hast, was du da tust."

Calvin öffnete seinen Mund, um zu sprechen, doch Grün streckte einen Finger aus, um ihn zum Schweigen zu bringen. "Ich weiß, was du denkst, was du tust, aber Schätzchen, du hast es von Anfang an vergeigt. Du denkst, dass Leute zu töten die Foundation stoppen wird und nun …" sie hielt nachdenklich inne. "Du solltest Aaron Siegel danach fragen. Schwer, eine Idee zu töten."

Sie drehte die Hand um. "Letzte Chance. Triff eine Wahl, flieg."

Calvin kämpfte ein zweites Mal gegen die Fesseln an und Grün seufzte. "Gut. Du weißt, dass es tatsächlich das war, was ich von Anfang an wollte." Sie deutete auf den Captain, der zur Tür ging. Olivia schrie und holte nach ihm aus, wurde aber vom Ende eines Gewehrs zurechtgewiesen. Er trat die Tür auf und feuerte drei Mal durch den Türrahmen. Auf der anderen Seite wurde geschrien und dann feuerte er wieder, bis das Schreien aufhörte. Er nickte jemandem im Raum zu und ging gefolgt von den anderen Agenten durch. Sie hörten, wie sich eine andere Tür im Nebenraum öffnete und das Geräusch von etwas Nassem und Schwerem, das auf Beton aufschlug.

Die Menschenmenge draußen wurde still. Einen Moment später gab es einen einzelnen Schuss und dann tausend. Die Menge brach aus und die Erde begann zu beben. Mehr Schüsse erfüllten die Luft und sie konnten den deutlichen Geruch von Schießpulver und sengendem Fleisch riechen. Grün drehte sich um, um ihre Sachen einzusammeln.

"Du weißt, was ich dir vorhin gesagt habe; über Fliegenfallen? Das lustige daran ist – sogar, wenn sie nicht auf den Nektar aus sind, ist es zu spät. Sie werden nie herauskommen. Die Fliege ist dazu gemacht, viele Dinge zu tun. Aber die Fliegenfalle? Die Fliegenfalle ist nur dazu da, die Fliege zu fangen. Aber sie kommen immer wieder, denn der Nektar sieht wirklich gut aus." Sie drehte sich um, um sie anzusehen. "Ich frage mich, wer der Nächste sein wird?"

Plötzlich stand Adam auf seinen Füßen, seine Handschellen und ein Nagel schepperten auf den Boden. Er war drei Schritte gegangen, bis Grün ihre Waffe gezogen hatte, Zentimeter vor seinem Gesicht. Er blieb plötzlich stehen, seine Beine zitterten, Grün legte ihren Kopf schief und lächelte.

"Oh nein", sagte sie, "tut mir leid, Schätzchen, aber du wirst es nicht sein."

Calvin sah einen Lichtblitz vor dem Fenster und Grün stolperte rückwärts, umklammerte ihre Hand und fluchte. Blut floss zwischen ihren Fingern. Auf dem Tisch neben ihr knackte ein konfisziertes Funkgerät.

"Lauft." Es war Anthony.

Adam schnappte einen Schlüssel vom Tisch, als Grün aus dem Zimmer lief. Sobald er entfesselt war, sammelte Calvin ihre Waffen und das Funkgerät ein.

"Anthony", sagte er und rannte ins Nebenzimmer. "Kannst du was sehen? Wo ist sie?"

"Auf dem Dach", sagte Anthony, "dort landet gerade ein Helikopter. Ich komme in eure Richtung."

Als sie um die Ecke bogen, stürmten drei Revolutionäre mit gezogenen Waffen die Treppe hinauf. Sie eröffneten das Feuer auf die drei, was Calvin hinter einen Tisch und Olivia zurück in den ersten Raum zwang. Calvin erwiderte das Feuer, traf den ersten Mann in die Schulter und zwang ihn zurück. Olivia feuerte blind, aber verfehlte. Zwei weitere kamen hinter ihnen die Treppe hinauf und mehr waren unten hörbar. Calvin konnte die Menge unter ihnen kaum durch den Lärm des Helikopters von oben hören.

Calvin lud nach, aber aus dem Augenwinkel sah er Adam hinter Olivia um die Ecke sprinten, etwas Langes und Schlankes in seiner Hand. Bevor Calvin nach ihm rufen konnte, hatte Adam den Speer des Ungläubigen gespannt und auf die Männer im Treppenhaus gerichtet. In dem Augenblick, bevor er ihn löste, fühlte Calvin, wie die Luft aus dem Raum gesogen wurde. Stille erfüllte den Raum, wo eine Sekunde zuvor Geräusche gewesen waren und die Lichter wurden dunkler. Er griff sich an die Brust, konnte nicht atmen und schaffte es, sich gerade so weit zu drehen, dass er über den Tisch zur Treppe schauen konnte.

Es gab ein dröhnendes Geräusch wie eine Lokomotive, die über sie hinwegfuhr und ein Ausbruch aus Licht und Hitze. Der Speer schnitt durch die Luft und auf die Männer auf der Treppe zu, durchstieß jeden von ihnen nacheinander und grub sich in der Wand hinter ihnen. Als er sie durchfuhr, gingen sie in Flammen auf und waren nur noch Asche – das letzte Geräusch von ihren Lippen war nur noch ein leises Flüstern eines Schreis, bevor es für immer zum Schweigen gebracht wurde. Calvin stand unsicher auf und sein Gesichtsausdruck war von Unglauben bedeckt. Adam stolperte rückwärts, stützte sich zuerst gegen die Wand und dann an Olivia als sie hinter ihn trat, um in aufzufangen. Er fuhr mit einer Hand durch sein Haar, seine Augen und sein Mund weit aufgerissen.

"Heilige Scheiße", sagte er leise, "ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber … oh Gott."

"Keine Zeit, komm schon", sagte Calvin, bevor er bemerkte, dass Adam kaum stehen konnte. "Olivia, bleib hier bei ihm. Anthony wird bald oben sein, ich schnappe mir Grün."

Olivia nickte. Calvin stieg die Treppe zum Dach hinauf, nahm die Tür mit gesenkter Schulter und rollte auf die Plattform darüber. Der Helikopter war nur ein paar Schritte entfernt und Grün stand am Geländer. Als sie ihn sah, streckte sie ihre freie Hand zum Gruß aus.

"Das ist es, Calvin!", ihre Stimme schnitt durch das Geräusch des Helikopters und der Menschenmenge unten, die jetzt in Raserei war. Feuer waren im gesamten Hof ausgebrochen und in der Ferne entstanden neue, als die ganze Stadt zu brennen anfing. "Dies ist die Welt, zu der deine Handlungen führen. Ich hoffe, das war es wert."

Calvin zog seine Waffe und feuerte auf sie. Er verfehlte einmal, dann zweimal, dann erschütterte eine Explosion das Gebäude und seine Waffe fiel ihm aus der Hand. Er griff nach ihr, war aber zu langsam und sie verschwand über den Rand des Dachs. Während Grün lauter als der Lärm lachte, begann der Helikopter aufzusteigen.

Calvin fühlte, wie sich jemand neben ihn stellte. Anthony pflanzte ein Knie in den Boden, schaute durch das Zielfernrohr seines Gewehrs und feuerte eine Ladung. Sie prallte vom Metall direkt neben Grün ab, deren Augen sich mit etwas wie Freude weiteten, als sie ihn sah.

"Ah, Vince, du warst zu spät! Ich hatte gehofft, ich hätte die Chance, dich auch einzuholen!" Sie warf ihm eine Kusshand zu. "Ich werde Aaron sagen, du lässt ihn grüßen, wenn ich ihn das nächste Mal sehe!"

Anthony bereitete einen neuen Schuss vor, verfehlte aber, als er den Abzug betätigte. Der Helikopter stieg weiter auf. Er feuerte wieder – nichts.

Dann schoss etwas aus der Menge unter ihnen – eine Rakete. Sie flog in einer Kurve in den Himmel und verschwand durch die geöffnete Tür des Helikopters. Für einen Moment passierte nichts – Grün sah nicht so aus, als hätte sie sie überhaupt gesehen. Dann erfüllte Scharlachrot den Himmel, als der Helikopter und die Rakete in Flammen aufgingen und auf die Erde fielen. Die Rotorblätter drehten sich in die Menge und die flammende Masse aus Metall traf ein nahegelegenes Gebäude. Der Treibstoff explodierte und sowohl das Wrack als auch das Gebäude fielen in die Menge unter ihnen.

Eine weitere Explosion erschütterte den Boden unter ihnen, dann noch eine. Über ihren Köpfen wurden tieffliegende Silhouetten sichtbar, die sich schnell an ihnen vorbei und in die Ferne bewegten. Augenblicke später erhellte Feuer den Horizont, das immer näher auf sie zukam. Noch eine Welle aus Silhouetten flog vorbei – Jets – und dann mehr Feuer. Eins von ihnen traf die Straße vor dem Anwesen des Gouverneurs und ließ Calvin stolpern. Anthony erwischte ihn an der Jacke und zog ihn auf die Füße.

"Zeit zu gehen, Kleiner", sagte er.

Sie sprinteten durch die Tür und die Treppe hinunter, wo Adam und Olivia warteten. Anthony bedeutete ihnen zu folgen und führte sie eine weitere Treppe hinunter in die Küche. Sie tanzten um herabfallende Töpfe und Pfannen herum, als mehr Explosionen Stoßwellen durch die Wände des Anwesens schickten und Mörtel und Ziegel lösten sich stellenweise auf, als die Decke über ihnen zersprang und splitterte. Sie bogen um eine Ecke, dann um eine weitere und dann um eine dritte, die sie zu einer Seitentür führte, die Anthony mit der Schulter aufstieß und die sie auf die Straße entließ.

Sie standen zwischen dem jetzt zerfallenden Herrenhaus und dem angrenzenden Gebäude, das den brennenden Helikopter eingefangen hatte, als er vom Himmel fiel. Am Ende der Gasse konnten sie den Mob sehen, der sich Soldaten näherte, die das Feuer auf die Masse eröffneten. Über ihren Köpften kreischten mehr Flugzeuge hinweg und mehr Bomben fielen auf die verrückt gewordene Bevölkerung. Anthony wandte sich wieder dem anderen Ende der Seitenstraße zu.

"Da unten", er zeigte auf das Ende der Straße, "da war ein Fuhrpark, als ich hinten ankam. Dort ist bestimmt etwas, das wir …"

Er wurde von dem Schrei von etwas Unnatürlichem unterbrochen. Als sie sich zum brennenden Trümmerhaufen des Gebäudes nahe dem Anwesen umdrehten, sahen sie eine flammende Gestalt aus den Trümmern steigen. Ihre Haut hatte sich halb vom Gesicht abgelöst und ein Arm war genau über dem Ellbogen abgetrennt worden. Sie stolperte auf die Straße und versuchte, sich auf schnell dahinschmelzenden Beinen zu halten. Ihre Augen waren komplett verschwunden; alles, was übrig war, waren Augenhöhlen voller Rauch.

Die Gestalt drehte sich zu ihnen um, öffnete den Mund und ein widerliches Stöhnen hallte aus ihrem verkohlten Rachen, der alle Geräusche um sie herum übertönte. Sie ging einen Schritt auf sie zu, dann noch einen. Instinktiv feuerte Calvin auf sie und die Kugeln schlugen durch Fleisch und Knochen, aber sie bewegte sich immer noch vorwärts. Die Gestalt stöhnte erneut, hob die Hand und richtete eine Waffe auf Calvins Brust. Er erkannte zu spät, was es war, doch als er das Knallen des Schusses hörte, war er bereits am Boden.

Über ihm stand Anthony und hielt sich die Seite Halses. Noch ein Knall und er stolperte rückwärts, als Olivia schrie und zurückfeuerte. Blut ergoss sich von unterhalb seines Shirts. Es gab einen dritten Knall und das Geräusch einer Kugel, die vom Bürgersteig abprallte, während der Halter der Waffe zu einem rauchenden, schmelzenden, unbeweglichen Haufen zusammenbrach. Anthony drehte sich um, als ob er gehen wollte und fiel, nur um gerade so zu vermeiden auf dem Belag aufzuprallen, als Adam unter ihn rutschte, um seinen Sturz aufzuhalten. Calvin rappelte sich auf und eilte hinüber.

Blut pulsierte unter Anthonys Fingern an seinem Hals hervor und mehr sickerte durch sein Hemd. Olivia versuchte, den Druck auf seine Brustwunde aufrechtzuerhalten, doch Anthony winkte ab. Er nahm einen Atemzug, dann noch einen. Jeder fühlte sich wie eine Ewigkeit an und jeder war zerfetzter und unsicherer als der letzte. Calvin stand über ihm und Blut spritzte jedes Mal auf seine Schuhe, wenn Anthony hustete. Die Hilflosigkeit aller begann sich wie ein Leichentuch um ihn zu hüllen.

Dann fühlte er etwas – ein Gewicht, das er vergessen hatte und an das er sich plötzlich erinnerte. Er griff in seine Jacke und holte eine Kristallphiole mit klarer, schimmernder Flüssigkeit heraus. Er hielt sie vor sich, das Licht der Feuer hinter ihnen tanzte auf der Oberfläche wie ein Feuerwerk im Regen. Adam sah es auch, und seine Augen wurden größer. Olivia hatte mit dem aufgehört, was sie tat und dann schauten alle auf Calvin. Fast unbewusst hob er seine andere Hand, um das Siegel zu brechen.

"Nein!", krächzte Anthony durch Spucke und Blut. "Calvin, nein. Nein. Tu’s nicht."

Olivia sah wieder zu ihm herunter, Tränen strömten über ihr Gesicht. "Anthony, bitte. Bitte, wir können dich retten, wir können …"

Der ältere Mann schüttelte den Kopf. "Nein … nicht so. Nein." Seine Augen, welche bis zu diesem Augenblick unkonzentriert waren, waren jetzt auf Calvins gerichtet. "Mein Fehler. Meiner. Nicht deiner."

Calvin zögerte, seine Hand war immer noch Zentimeter vom Siegel der Phiole entfernt. Dann, so schnell wie er sie hervorgeholt hatte, hatte er sie wieder in die Jacke geschoben.

Anthony seufzte. "Vincent …", flüsterte er, seine Stimme war heiser und kaum hörbar über den Lärm, "… Arians. Das war mein Name." Er hob eine Hand nach Calvin, der sie in seine nahm. "Hier, jetzt, für dich … Anthony." Er lächelte.

Dann, nach einem weiteren flachen Atemzug, starb Anthony Wright.

Calvin stand als Erster auf. Er atmete mehrmals tief durch und versuchte verzweifelt, nicht darüber nachzudenken.

"Wir müssen gehen", sagte er. "Der Fuhrpark, er sagte, da wären Autos. Wir müssen hier raus."

Adam schaute auf, seine Augen hinter Tränen gerötet. "Wir können ihn nicht hierlassen. Das können wir nicht." Er wandte sich zu Olivia, als wollte er sie anflehen, doch sie kramte bereits wild in ihrer Tasche herum. Nach einer Sekunde zog sie einen dünnen Pinsel und einen kleinen Behälter mit hellblauer Farbe hervor. Sie bedeutete Adam zurückzutreten und der junge Mann ging zwei zögernde Schritte von Anthonys Körper weg.

Mit einer schnellen, geschickten Hand zog sie Linien aus Farbe über den Leichnam. An den Punkten, an denen sich die Linien überschnitten, leuchtete Licht durch die Farbe, als ob es darunter wäre. Sie zog noch mehr Linien, die andere kreuzten und trat dann zurück. Anthonys Körper war bedeckt von vielen dünnen Linien aus leuchtender blauer Farbe, die langsam blinkte und pulsierte. Sie beugte sich über ihn und dann zu ihm herab, um ihn auf die Stirn zu küssen.

Wie ein Blitz leuchteten alle Linien auf einmal auf. Jede der einzelnen Zellen, die durch die sich kreuzenden Linien erzeugt wurden, begannen sich zu verändern, bis sie trüb und undurchsichtig wurden, als ob er von vielen Stücken Buntglas bedeckt wäre. Als sie sich alle zu einem Glaskokon um den Körper verfestigten, brachte Olivia das andere Ende ihres Pinsels in die Mitte der Gestalt und ließ sie zersplittern. Das Glas brach in sich zusammen und plötzlich war die Luft mit einer prismatischen Wolke aus Kristallschmetterlingen erfüllt, die jeweils einen einzelnen Ton eines Liedes erklingen ließen, das um sie herum spielte und das Chaos der Kämpfe in der Ferne übertönte. Sie schwangen sich einmal um die Gruppe herum und dann von ihr weg in die Luft. Das Glas war nicht mehr und Anthonys Körper war verschwunden.

Calvin ergriff beide und zusammen rasten sie die Gasse hinunter und auf die Hinterseite des Anwesens zu. Mehr Explosionen erhellten den Nachthimmel und dunkle Gestalten rasten um sie herum in die Wälder außerhalb der Stadt. Als sie den Parkplatz erreichten, stand die Hälfte der Fahrzeuge in Flammen und ein zehn Meter langer Krater war in den Boden geschlagen. Sie krabbelten durch ein offenes Tor und überblickten die Szenerie.

"Scheiße", sagte Olivia, "was tun wir jetzt?"

Ohne eine Warnung bog ein Militärjeep um die Ecke hinter einer Baumgruppe hervor und hielt vor ihnen an. Die Tür öffnete sich und ein Mann kletterte heraus, seine Gesichtszüge waren unter einer Kapuze und einem Bandana versteckt.

"Nehmt das Auto", sagte der Mann, "Fahrt nach Norden bis ihr aus dem Land seid. Eine Karte im Handschuhfach wird euch zu eurem nächsten Kontakt bringen." Er schaute zurück auf die brennende Stadt hinter ihm. "Ist die Aufseherin tot?"

Calvin nickte.

Der Mann bewegte sich nicht. "Und Wright?"

Keiner von ihnen antwortete. Der Mann hielt inne und gab Calvin ein Paket. "Das sind Essen, Wasser und Munition, die bis zum nächsten Kontrollpunkt reichen. Beeilt euch – die Aufseher haben ihre Tötungstruppen losgeschickt, die die Landschaft durchkämmen, um euch zu suchen."

Er ging ein paar Schritte auf die Bäume zu und drehte sich um. "Für die Insurgency."

"Für die Insurgency", wiederholte Calvin.

Der Mann verschwand in den Bäumen und die drei kletterten in den Jeep. Als eine weitere Bombe in der Nähe explodierte, bogen sie vom Platz auf eine unbefestigte Straße ab, die nach Norden in den dunklen Wald führte.




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