Forschergeist
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"Willst du noch einen Kaffee?", fragte eine Stimme hinter Dr. Olga Derminov. Müde hob sie ihren Blick von dem Foto, welches sie schon seit Tagen verfolgte. Sie sah hinter sich zur Tür und erblickte den blonden Schopf ihrer Assistentin Loewen, welche halb im Türrahmen stand und scheinbar direkt weiterlaufen wollte. Olga kannte das schon von dem Mädchen, nie konnte sie einen Moment richtig still stehen oder sitzen bleiben.
"Ich glaube, ich habe bereits eine bedenkliche Menge an Koffein intus, danke, Loewen", sagte sie nur und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Sie hörte ein Seufzen und die Schritte der Stiefel Loewens, die den Gang weiter runter liefen.
Diese verdammten Zeichnungen. Seit Tagen konnte Olga an nichts anderes mehr denken. Selbst, wenn sie in ihrem Quartier den Fernseher anschaltete, sich ihre abendliche Zigarette anzündete und wirklich nur noch abschalten wollte, tauchten die fremdartigen Symbole und Fischzeichnungen wieder in ihrem Kopf auf. Was war das nur?
Sie erwachte aus ihrem Brüten, als erneut Sarahs Stimme hinter ihr erklang. "He, sag mal, willst du gar nicht nach Hause?"
Etwas genervt drehte sich Olga wieder um und rümpfte ihre sommersprossige Nase. "Willst du mich jetzt wirklich alle fünf Minuten von meiner Ar-"
Ein Blick auf die Uhr rechts von der Tür des Arbeitszimmers sagte ihr, dass nicht nur fünf Minuten vergangen waren. Es war bereits Mitternacht. Sie hatte mehr als fünf Stunden auf das Foto gestarrt. Loewens Gesicht im Türrahmen sprach Bände; sie hatte bereits ihre Jacke übergezogen und den Riemen ihres Rucksacks über eine Schulter geworfen. Olga schüttelte den Kopf und rang sich ein Lächeln ab. "Ah, entschuldige, ich hab mich wohl etwas überarbeitet. Ich gehe gleich, räume nur den Kram weg. Bis morgen, ja?"
Ihre Assistentin sah nicht sonderlich überzeugt aus, wusste aber, dass es keine Macht der Welt gab, die Olga von ihrer Arbeit fortreißen konnte, außer sie selbst. Also verabschiedete sich das Mädchen nur kurz und verließ den Gang zu den Arbeitsräumen der Forscher. Erst jetzt fiel Olga die Stille auf, die sich im Gebäude ausgebreitet hatte. Sie war wirklich die letzte noch anwesende Forscherin hier heute Abend. Aber wirklich müde war sie auch noch nicht, vielleicht noch eine halbe Stunde…

Sie griff nach ihrem Stift und zog erneut die Konturen der Symbole nach. Im kaltblauen Licht der Lampe über ihr wirkte die Zeichnung fast, als würde sie in Eiswasser getaucht, als könnte sie jeden Moment durch die Körperwärme Dr. Derminovs schmelzen und den Raum fluten. Warte, was zum Teufel, träumst du jetzt schon in der Gegend rum wie das Mädel?! Olga rümpfte wieder ihre Nase, wie sie es so oft tat, wenn sie etwas störte oder wenn sie mit ihren eigenen Gedanken nicht weiter kam. Vielleicht sollte sie sich mit einem Linguisten unterhalten, ihn fragen, wie diese Zeichen, die fast alle, bis auf kleinste Unterschiede, identisch aussahen, einen Sinn ergeben konnten. Aber dann wäre es nicht mehr ihre Arbeit. Vielleicht übergaben sie die Scherbe gleich an einen anderen Standort und sie müsste wieder Schlick und Watt in der Nordsee umgraben, um irgendwelche Funde zu katalogisieren, die rein gar keinen Wert für die Foundation hatten, um sie an örtliche Museen weiterzugeben. Nein, nicht dieses Mal. Olga wusste einfach, dass da mehr hinter diesem Ding steckte. Es passte einfach gar nicht zu den restlichen Objekten, die sie in den Überresten der untergegangenen Stadt gefunden hatten. Und ihre Faszination dafür konnte auch nicht von ungefähr stammen. Ihre Intuition betrog sie nie. Nicht ein einziges Mal.
Sie sah auf das Foto der Scherbe und grübelte, die Hand mit dem Stift krakelte wie von selbst über das Blatt daneben, zeichnete kleine Figuren, Schnurrbärte, Genitalien. Olga gähnte herzhaft und mit einem Mal fühlten sich ihre Ohren an, als hätte sie Watte darin. Jeder kannte das Gefühl von Druck auf den Ohren, jedoch war es dieses Mal ungewöhnlich plötzlich und intensiv. Sie versuchte einen Druckausgleich mit dem Zuhalten der Nase und plötzlich fühlte es sich an, als befände sie sich in einem Schwimmbecken. Ihr Körper fühlte sich leicht an, getragen vom Wasser. Ihre Sicht war getrübt, dennoch sah sie das Foto der Scherbe noch immer klar vor sich auf dem Tisch - nur ringsum war kein Arbeitsraum mehr, sondern der Ozean! Sie war nicht tief, ein Stück über sich sah sie die sich kräuselnde Wasseroberfläche, in welcher sich das Licht des Mondes brach. Unter ihr befand sich jedoch nichts als Schwärze. Die Hand an ihrer Nase, die eben noch für den Druckausgleich sorgen sollte, hielt jetzt aus reinem Reflex Nase und Mund zu, um den Atem anzuhalten. Träumte sie? Es fühlte sich nicht im Geringsten wie ein Traum an, sie war sich allem bewusst, aber so war es ja meistens, während man luzid träumte, oder nicht? Sie merkte, dass sie langsam sank, also machte sie tretende Bewegungen, was aufgrund der schweren Latzhose, welche sie aus Gewohnheit trug, und den durch das Wasser vollgesogenen Schuhen nicht sonderlich leicht fiel. So eine Scheiße, jetzt kann ich meine Zigaretten vergessen, war alles, was sie dachte, bevor die Angst kam. Sie fürchtete sich nicht vor diesem Zustand, nicht vor dem eventuellen Ertrinken. Die Angst, die wie eine Welle auf sie zurollte, sie übermannen zu drohte, war eine andere. Es war wie eine Urangst, etwas, was tief in ihr verborgen war; freigesetzt durch ein nahendes Übel. Sie spürte das Monster in der Tiefe, bevor sie es sah. Zwei strahlende Scheinwerfer in der Ferne, gelblich und drohend, kamen in einem wahnsinnigen Tempo näher. Ein rasender Zug, der Angst vor sich hertrieb wie die Druckwelle einer Explosion. Dr. Dermonivs Gedanken waren leer. Sie konnte nur mit Grauen dieser Gestalt entgegensehen, die sich in einem zuckenden Bewegungsmuster näherte, ein Berg aus Schuppen, Mäulern und Stacheln. Als es nahe genug war, um die Augen wahrzunehmen, die so leuchtend die Wassermassen durchstochen hatten, blieb das Untier plötzlich stehen. Es war immer noch sehr weit entfernt, schien die Frau, die dort im Wasser trieb, zu beobachten, wie ein gottgleiches Wesen ihr Leben abzuwägen. Und dann war es vorbei.

Olga schlug ihre Augen auf, nahm endlich die Hand von ihrer Nase und atmete so tief und lautstark ein, dass es ihr selbst Schmerzen bereitete. Es dauerte einen Moment, bis sie merkte, dass sie nicht mehr an ihrem Platz saß. Sie stand an einem der kleinen Fenster, die auf den oberen Etagen des Standortes vorzufinden waren. Vor sich sah sie die schwarze Fläche der Nordsee, erstaunlich ruhig, beschienen durch den Mond, der langsam seine Bahn zu Ende zog. Der Himmel begann bereits, sich wieder leicht heller zu färben, jedoch war es noch nicht Morgen.
Der Druck auf Olgas Ohren ging langsam zurück und machte Platz für eine seltsame Kakophonie aus Geräuschen, die sie so noch nie gehört hatte, seit sie hier arbeitete. Ein berauschender Lärm, welcher aus Sirenen - die ihr aus Übungen bekannt waren -, einer automatischen Notfallansage und rufenden Menschen bestand, schmerzte ihr Trommelfell, nach dieser seltsamen Stille davor. Was zum Henker… Sie stürzte los, nach unten, wo ihre Unterlagen in den Forscherräumen lagen, wurde jedoch von Sicherheitspersonal aufgegriffen und mit anderen Personen, welche noch im Kraftwerk gearbeitet hatten, aus dem Gebäude zu einem Sammelplatz geleitet.
Aus dem aufgeregten Geschnatter der Anwesenden konnte sie aufschnappen, dass es zu einer Überschwemmung gekommen war. In ihrem Trakt. Eine Gänsehaut kroch über ihren Rücken, als sie begriff, was das bedeuten könnte. Während alle anderen noch wild diskutierten, wanderte ihr Blick fort von dem blockigen Gebäude und den Feldern mit Strommasten und all den anderen technischen Gebäuden, die den Standort als Kraftwerk tarnten, hin zur Wasserfläche. Sofort hatte das beklemmende Gefühl ihren Brustkorb wieder im Griff, jedoch nicht so schlimm wie in ihrer… Vision. Als sie jedoch den Blick weiter wandern ließ und schließlich in Richtung Süden sah, war es nicht mehr zu verneinen - was auch immer sie fühlte, kam von dort.

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