Ein Mahl nach Nälkä-Art
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Ein Mahl nach Nälkä-Art

„Was genau meintest du dann?“ Anaij, im Moment in Gestalt einer platinblonden Frau mit einem Gesicht, das mehr einer Robbe als einem Menschen glich, schaute ihre Mitbewohner mit einem starken Stirnrunzeln an.

Als Klues vom Einkaufen in ihrer kleinen Stadt Sjhlfels am Rhein zurückgekehrt war und anfing, in der Küche herumzuwerkeln, hatte sie ihren Platz vor dem kleinen Fernseher verlassen, wo sie ihre Lieblingssendung gesehen hatte, um zu sehen, was er gerade trieb.

„Gesunde Küche“, antwortete Klues. Im Vergleich zu Anaij war Klues sehr viel bodenständiger. Er hätte als ein gewöhnlicher Jugendlicher durchgehen können, wären da nicht vier kurze Fangarmpaare auf dem Rücken gewesen.

„Ich möchte ausgewogenes Essen. Ich habe etwas Zweifel, dass diese ganzen Tumore und Geschwüre uns gut tun. Es ist zu einseitig und denk mal drüber nach. Geschwüre sind ungesundes Gewebe.“

Ihr Robbengesicht zog eine Schnute und ihr Schweif peitsche etwas gereizt durch die Luft.

„Es klingt unnötig kompliziert und - ach, einfach unnötig. Ich bin sicher, dass nicht einmal Großkarzist Ion an solch triviale Dinge gedacht hat. Was sagt Karzist MoKu-Hir zu deinen Experimenten?“

Klues' Schultern sackten nach unten. Er seufzte: „Probiere es doch wenigstens. Du kannst mich immer noch nachher kritisieren.“

Anaij rieb sich ihren Nasenrücken und ihre Schnurrhaare zuckten. „Meinetwegen, aber wenigstens Fleisch muss dabei sein! Was werde ich essen?“

Klues strahlte. Er hüpfte in der gemeinsamen Küche herum und hantierte mit Töpfen und Besteck. Mit einer seltsamen Zärtlichkeit nahm er einen roten Klumpen aus dem Kühlschrank, wickelte ihn aus der Plastikfolie und legte ihn in das brutzelnde Fett, nachdem er ihn in etwa vier gleich große Stücke geschnitten hatte. Einer seiner Fangarme zog ein großes Messer aus einem Brett und reichte es einer menschlichen Hand, die es dann zum Schneiden von Gemüse benutzte.

Als der Hobbykoch fertig war, stellte er stolz zwei feinsäuberlich dekorierte Teller auf den Küchentisch. „Ich serviere dir ein Grizzlybärensteak mit Pilzsauce. Als Beilage ein hartgekochtes Basiliskenei. Und hier ein Himbeertörtchen mit Mehlwürmer-Mehl als Dessert.“

Anaij beäugte die Teller und sagte mit übertrieben ernster Miene: „Ich dachte Basiliskeneier seien giftig.“

Die beiden lachten, dann fing Anaij an im Essen zu stochern und mundgerechte Stücke zu zerschneiden. Nach der Hälfte nuschelte sie: „Alles ist sehr würzig. Mir fehlt etwas der blutige Abgang, sonst essbar.“

„Eben. Ist nicht so schlimm.“ Klues unterdrückte ein Schmunzeln über die Tatsache, dass der haar- und schuppenlose Schweif seiner Mitbewohnerin unbewusst freudig schlängelte.

„Und was ist das?“ Sie hob eine gelb-orangefarbene Scheibe an und schaute misstrauisch darauf.

„Das ist eine Karottenscheibe. Und das ein Wirzblatt.“

Anaij studierte beides mit Faszination, bevor sie weiter alles schmatzend in den Mund stopfte.

—【◉】—

Zwanzig Minuten später stieg Klues die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf. Anaij hatte sich kurz zuvor wieder vor dem Fernseher bequem gemacht, als sie plötzlich aufgestanden war und etwas kränklich in ihr Zimmer verschwand.

Er tippte mit einer kurzen Kralle an die angelehnte Türe seiner Mitbewohnerin, die mit Aufklebern, eingeritzten Symbolen und Zeichen bedeckt war. „Du, Anaij? Geht es dir gut?“

Er lauschte. Klues hörte Stöhnen. Dies war an und für sich für Anhänger von Nälkä nicht besonders ungewöhnlich, aber es klang nicht nach einer Meditation oder Zeremonie, und der nächste Feiertag war noch Wochen entfernt. Es klang eher so, als ob Anaij Schmerzen hätte.

Aus Höflichkeit klopfte er noch mal, bevor er einen der Fangarme zum Öffnen der Tür ausstreckte. Er schlängelte sich hinein.

Anaijs Zimmer war, wie immer, mit teilweise begonnenen Projekten, ästhetischem Schnickschnack und religiösen Gegenständen gefüllt, die halb ironisch auf verschiedenen Oberflächen angeordnet waren. Doch Klues' Blick ging sofort zum Bett inmitten des ganzen Durcheinanders. „Was hast du?“, fragte er sofort, als er Anaij darauf sah.

Anaij lag in Embryonalstellung auf dem Bett. Sie zitterte, und ihr Körper war mit Gänsehaut bedeckt.

„Anaij? Was ist mit dir los?“

„Lovataar spielt mit meinen Eingeweiden…“, wimmerte Anaij.

„War das wegen meinem Essen? Das… das tut mir so leid“, sagte Klues mit Panik in der Stimme. Er ging hinüber und setzte sich vorsichtig auf die Bettkante. "Wie kann ich helfen? Hilft es etwas, wenn ich… Ich hoffe, das ist okay…" Er griff zögerlich rüber, legte eine Hand auf ihren Bauch und begann in kleinen Kreisen darüberzureiben. Anaij stöhnte erneut, gab aber keinen eindeutigen Hinweis darauf, dass er aufhören sollte und nach etwa einer Minute schien sie sich zu entspannen und auf den Rücken zu rollen.

„Hör auf“, sagte Anaij plötzlich. Ihre Stimme war ruhig und Klues zog erschrocken seine Hand weg. Anaij rollte sich sofort wieder zu einem Ball zusammen, aber die Atmosphäre hatte sich verändert. Etwas verlegen und eher verwirrt zog sich Klues zurück und schloss die Tür hinter sich.

Er atmete tief ein und dann sprang er in das untere Stockwerk, sich nicht die Mühe machend, die eigentliche Treppe zu nutzen.

Unten angekommen hörte er schon, wie Anaij ihre Tür auftrat und wutentbrannt schreiend herausstampfte.

—【◉】—

„Spuck es aus: Was hast du reingetan, du Lustmolch?!?“ Anaij zerrte grob an Klues’ Fangarmen. Außerdem injizierte sie in verschiedene Körperteile ein Neurotoxin aus dem Stachel am Ende ihres Schwanzes.
Nicht, dass sie wirklich vorhatte, ihn zu lähmen oder ihm die Fangarme abzureißen; um ehrlich zu sein, war sie mehr verlegen als wütend.

„Nichts! Ich schwöre! Es waren nur Gemüse und Fleisch. Selbst die Pilze waren langweilige Exemplare aus dem Normalo-Supermarkt.“

Anaij seufzte, zog ein letztes Mal lieblos an einem der Fangarme und stand auf. „Warum wurde ich dann euphorisch?“

„Ich weiß es auch nicht … Ich schwöre, ich habe keine Art von irgendwelchen Aphrodisiaka hineingetan. Ich habe nur -“, dann war Klues plötzlich ganz still.

Anaij bemerkte es gleich. „Du hast was?“

„Nicht Wichtiges … Naja, Ich habe nur ein Lied von ‚Walpurgisnachtskinder’ beim Kochen nachgesungen.“

„Du hörst Proto-Klassik? Welches Lied? He, warum antwortest du nicht?!“

Klues errötete leicht. Das war der Moment, als der Groschen bei ihr fiel. Sie griff nach einem der Fangarme und riss ihn wieder dran. „Sag mir nicht ‚Herzrasen‘! Du weißt genau, dass das über Klavigar Lovataar ist!“

„AUTSCH! Ich dachte, 'Kochen mit Liebe' sei nur eine Redewendung, okay? Ich wusste nicht, dass du dadurch eine Klimax bekommst!“

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