Ein Felsen im Wald
Bewertung (rating): +2+x

Barfuss trat der Mann zwischen den Eichenbäumen hervor, seinen Blick stetig auf den abgeflachten Felsen in der Mitte der Lichtung gerichtet. Langsam ging er auf den Felsen zu, während sich ein Vorhang aus Misteln zwischen den Eichen herabsenkte.
Vor dem Felsen angekommen, ließ er seine Finger langsam in die Taschen seiner Hose gleiten und zog einen kleinen Lederbeutel heraus. Dann schloss er seine Augen und atmete tief durch.
Wie kann sie mir vergeben?
Er griff in den Beutel, zog der Reihe nach sechs kleine Steine heraus, in jeden war ein kleines Symbol gebrannt, und legte sie in der Form eines Kreuzes auf.
Nach einem weiteren Durchatmen öffnete er seine Augen und betrachtete die Runen. Die erste Rune war Hagalaz.
Jähes Verderben in meiner Vergangenheit. Keine Überraschung.
Die zweite Rune zeigte Raiðo.
Jetzt bin ich auf einem Weg. Also bin ich noch nicht im Stillstand gefangen.
Die dritte Rune war Thurisaz.
Eine schadenbringende Macht in meiner Zukunft … schicken die Morrigan etwas, um mich zu töten?
Auf dem vierten Stein war Uruz zu sehen.
Die Götter denken, mein Wille wäre eine Krankheit.
Die fünfte Rune war Mannaz.
Der Mensch steht mir im Weg, wie immer.
Die letzte Rune … war überraschend. Alle anderen Runen hatte er bei dieser Frage schon zuvor geworfen, immer wieder, und fast immer in der gleichen Kombination. Doch das Symbol auf dem sechsten Stein, welches das bestmögliche Ergebnis für sein Dilemma zeigte … war ein Symbol, welches er noch nie gezogen hatte. Ein Symbol, welches in seinem Runenbeutel nichts zu suchen hatte.

"Sie waren schwer zu finden, Craig."
Der Mann fuhr herum. Hinter ihm stand ein Fremder, gekleidet in eine einfache Jeanshose und ein graues Hemd, und lächelte ihn an.
"Wer sind Sie?", fragte Craig den Fremden.
"Ein Mann mit Visionen, Craig." Der Fremde sah sich um. "Und ich bin hier, um Sie um Hilfe zu bitten."
Craig schnaubte. "Visionen interessieren mich nicht. Wie sind Sie überhaupt hierhergekommen?"
Der Fremde ging langsam um die Lichtung herum, strich mit seinen Fingern über die Baumrinden, atmete tief ein- und aus.
"Echte Bäume, natürliche Luft … ich bin immer mehr beeindruckt, Craig."
"Was haben Sie erwartet? Metallbäume und künstlichen Sauerstoff?" Er mochte den Fremden nicht. Er spürte, wie das Gras unter seinen Füßen erkrankte und die Bäume durch seine Berührung erzitterten.
Der Fremde lächelte Craig an, während er weiterhin die Lichtung umrundete. "Ich meine nur, dass es sehr schwierig ist, einen völlig natürlichen Wald in einer Gletscherspalte zu erschaffen."
"Noch schwieriger ist es, in diese Gletscherspalte hinein und durch den Wald bis zu dieser Lichtung zu kommen, ohne vom Wald bestraft zu werden."
"Für manche Menschen, gewiss", grinste der Fremde. "Aber wer reinen Herzens ist und über einen starken Willen verfügt …"
"Ist zumeist ein Idiot, der bald stirbt." Craig verlor langsam die Geduld mit dem Fremden.
Der Fremde schüttelte den Kopf. "Und ich dachte, ein Druide wüsste derartige Umschreibungen zu schätzen … hat der Tod von Epona Ihre Seele so sehr vergiftet?"
Craig prallte wie vom Schlag getroffen zurück.
"Ist das auch der Grund, warum Sie sich immer öfter in diesen Wald zurückziehen, das Runenkreuz befragen und dann ohne echte Antwort wieder in die Welt gehen, nur um diesen Kreislauf immer wieder zu wiederholen?"
Craig schüttelte den Kopf. "Sie wissen nichts über mich."
"Oh, da muss ich Ihnen widersprechen, Craig." Der Fremde räusperte sich. "Geboren im Jahre 62 vor Christus, ausgebildet zum Druiden, angeblich über tausend Begegnungen mit diversen göttlichen Wesen, darunter die Morrigan und Epona; erstere wurde betrogen, um Unsterblichkeit zu erhalten, zweitere in einen Stutenkörper gebunden, um eine Liebesbeziehung führen zu können."
"Aufhören." Craig zitterte.
Der Fremde schüttelte den Kopf. "Ich bin noch nicht fertig. Die Stute wurde schließlich während der Kreuzzüge getötet, und obgleich Sie von der Reinkarnation überzeugt sind, ist Epona doch noch nicht zu Ihnen zurückgekehrt."
Craig fiel auf die Knie, tat, als ob er weinte … und grub seine Finger tief in die Erde. Dann blickte er zum Fremden hoch. "Sie haben einen Fehler gemacht."
Und die Wurzeln der Eichen brachen aus der Erde hervor, verbogen sich, verlängerten sich, und peitschten auf den Fremden zu.
Und der ganze Wald schrie vor Schmerzen auf, woraufhin Craig die Wurzeln stoppte. Der Fremde lächelte.
"Wie haben Sie das gemacht?"
"Craig, erwarten Sie wirklich, dass ich Ihnen das verrate, obwohl Sie mich gerade angreifen wollten?"
Der Druide schüttelte den Kopf. "Sie sind viel zu jung, um solche Macht zu besitzen."
"Oh, Sie sind nicht der Einzige, der älter ist, als er aussieht", sagte der Fremde grinsend. "Auch wenn ich wohl keinen so großen Hass auf die Menschheit habe."
Craig schüttelte den Kopf. "Ich habe kein Problem mit der Menschheit an sich. Aber ihre Kriege, ihre Blindheit … nahmen mir meine Epona."
Der Fremde nickte. "Ich weiß. Aber Kriege kann man beenden, und Blindheit heilen."
Craig blicke den Fremden mit hochgezogenen Augenbrauen an.
"Deswegen bin ich hier, Craig. Ich brauche Ihre Hilfe, um die Blindheit und Kriege auszumerzen, indem wir all diejenigen vernichten, die unrein sind."
Craig schüttelte den Kopf. "Sie wollen noch mehr Krieg."
"Nein", seufzte der Fremde, "nein, das will ich nicht. Aber manchmal ist Gewalt unvermeidbar. Und wenn wir diese Welt zu einem besseren Ort machen wollen, solange sie noch ein lebenswerter Ort ist, haben wir bedauerlicherweise nicht die Zeit, um die gewaltlosen Optionen zu finden."
"Das ist eine Ausrede." Craig schüttelte den Kopf. "Es gibt immer einen besseren Weg als Krieg und Verderben."
Der Fremde strich sich über das Kinn. "Dann helfen Sie mir, diese Wege zu finden."
Craig blickte verunsichert gen Himmel. Der Fremde war mächtig genug, um ohne Craigs Hilfe unendlich viel Leid zu verursachen … aber vielleicht konnte Craig ihm helfen, die Unreinen auch ohne Krieg und Zerstörungen auszumerzen, villeicht sogar zu heilen. Und vielleicht wäre Craig dann sogar wieder der Liebe seiner Epona würdig …
Er stand auf, ging zu dem Felsen und nahm den sechsten Stein, den er aufgelegt hatte, zur Hand. "Kennen Sie dieses Symbol?"
Der Fremde nickte. "Es ist das Symbol meiner Organisation."
Craig seufzte. "Die Runen lügen nie."
"Also werden Sie mir helfen?"
Craig nickte.
"Eine Sache wäre da noch …", flüsterte der Fremde, "In meiner Organisation … benutzen wir Codenamen."
"Sie wollen mir einen anderen Namen geben?" Craig schüttelte den Kopf. "Sie müssen mich für dumm halten. Namen haben Macht."
"Es muss ja kein völlig anderer Name sein", erwiderte der Fremde. Lächelnd fragte er: "Wissen Sie, woher der Name 'Craig' ursprünglich kommt?"
Craig schnaubte. "Sie wollen also, dass ich Ihr Fels werden?"
"Nein, ich werde Sie 'Fels' nennen. Aber ich will, dass Sie mein Akolyth werden."

"Glauben Sie seine Lebensgeschichte?"
Herr Rass zuckte mit den Schultern. "Zweitausend Jahre alt und eine Liebesbeziehung mit einer Göttin in einem Pferdekörper … klingt unwahrscheinlich, ist aber nicht völlig unmöglich."
Akolyth Flut schnaubte. "Sie müssen zugeben, dass es sogar für unsere Verhältnisse weit hergeholt ist."
"Ich muss gar nichts, Flut.", erwiderte Rass, "Das Wichtige ist, dass er daran glaubt und uns das die Möglichkeit eröffnet hat, ihn zu rekrutieren."
"Ich vertraue Ihrem Urteil, Herr Rass … und er ist zweifelsohne nützlich. Ich fürchte nur, dass es ihm an der richtigen Überzeugung fehlt, genau wie Strom."
Rass gluckste. "Du magst Strom nur nicht, weil sein Name dem deinen oberflächlich ein bisschen ähnlich ist."
"Mag sein", erwiderte Flut lächelnd. "Aber wenn wir mit Fels wieder so ein Debakel wie bei Dolch erleben, werde ich Sie darauf hinweisen, Sie gewarnt zu haben."
"Zur Kenntnis genommen." Rass streckte sich, um seine Muskeln zu entspannen. "Aber falls es soweit kommt, setzen wir den Königsweber auf ihn an. Die alte Spinne durfte schon lange keinen so begabten Mann mehr fressen."
Flut erzitterte. "Ich mag das Ding nicht. Die sind schon gruselig genug, auch ohne Seele."
"Herr Rass!", rief Fels aus dem Nebenraum. "Ich habe hier einen Entwurf für Sie."
Rass und Flut marschierten in den Nebenraum. Fels lächelte Rass an. "Ich denke, es wird Ihnen gefallen. Ich nenne es 'Schmerzzyklop'."

Sofern nicht anders angegeben, steht der Inhalt dieser Seite unter Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 License