Ein dunkler Tag

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"Ist es noch Nacht oder schon Morgen?", dachte ich bei der dritten Unterbrechung meines zunehmend unwohler werdenden Schlafes. In den Sommermonaten erwache man doch schon zu früh, möcht' man meinen. Ich entzünde eine Laterne mit einem Streichholz und schreite durch den Korridor zum Gemach meiner Gattin, welche freilich ebenso verwundert sein muss wie ich. Zu meiner Verzweiflung ist ihr Bett leer, und die Schuhe fehlen. "Ist sie hinausgegangenen? Etwa zur Kirche?" Wir standen dem Kreuz immer nahe und trugen es mit Stolz, führten ein sündenfreies Leben und hielten den Sonntag heilig. Nie hätten wir gedacht, dass der Herr vor dem Tode schon urteile. Wenn dies Gotteswerk ist, sind die sieben Briefe verschickt. Ich sollte mich sputen, wenn ich noch etwas Zeit mit meiner Geliebten verbringen will.

Gerade beim Umkleiden in die Straßenkleider erschrick ich beim Klang einer schreienden Frau auf dem Marktplatz vor unserem Haus, doch ein Blick zum Fenster offenbarte wieder nur Dunkelheit. "Bitte nimm sie noch nicht von uns!" Da hörte ich die Tür zu meinem Gemach knarzen und sah meinen Sohn Lothar mich besorgt anblicken. "Wo ist Mutter?", stammelte er und schaute ebenfalls nach draußen in die Leere. Ich nahm ihn in den Arm und beschwichtigte ihn. "In der Kirche, um den Herrn nach Vergebung zu bitten. Ich werde sie holen gehen. Bete für uns." Tränen bildeten sich in seinen jungen Augen und liefen hinab über seine zitternden Lippen, welche nur noch "Ich… ich will mit" zu verlauten vermochten. "Ich weiß, aber ich will dich in Sicherheit wissen. Die Nacht ist kein Ort für ein Kind. Ich werde bald wieder da sein." Mit diesen Worten ließ ich ihn hinter mir und schloss die Tür.

Zu solcher Stund' kommen einem die blasphemischsten Gedanken in den Kopf, welche mich der Vergangenheit besinnen lassen. Wenn Gott alle Menschen lieb hat, warum erlaubt er mir dann nicht meinen Lothar? Es war vor acht Jahren, da absolvierte ich den Zölibat unter Aufsicht meiner Brüder und Schwestern; ein Jahr später kam dann unser Sohn. Seitdem waren wir verpflichtet, sein Dasein verschleiert zu halten, um nicht von der Kirche bestraft zu werden. Das hat schon mehrfach zu Streitereien geführt, doch blieben wir jederzeit eine Familie. Unter diesen dunklen Wolken bröckelt mein Unglaube jedoch und ich begreife mein Vergehen. Aber was geschehen ist, kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden und ich muss jetzt mit der Lüge leben. So führt mich mein Weg durch die Dunkelheit.

Die Laterne erleuchtet die Dunkelheit nur geringfügig, während sich weitere Lichter in den umliegenden Häusern zeigen. Manche beten, manche weinen und wieder anderen kommt jede Sünde verlockend vor. Die Hühner schlummern, wie es Lothar hoffentlich auch tut. Die Kirche liegt am Straßenende auf dem Hügel und ihr Kreuz sieht jähe unheilvoller aus als zuvor, als ein Blitz auf ihm einschlägt, gefolgt von einem Rascheln in den Büschen. Doch erleuchtete die Lampe dort auch nichts. An der schweren Eingangstür angekommen, drücke ich meine klamme Hand auf die Klinke, doch erkenne, dass sie bereits offen ist und dreckige Schuhabdrücke hineinführen. Im Innern, dort vor dem Altar kniet Adelheid in Nonnenkluft mit gefalteten, dem Himmel entgegen gerichteten Händen. Fahles Kerzenlicht erleuchtet ihre Präsenz auf zwei Kerzenständern. Ich eile zu ihr und umarme sie. "Ich bin da, Liebling. Wir stehen das gemeinsam-". Doch stieß sie mich von sich und blickte mich entsetzt an. "Dass du dich noch in Gottes Haus traust, nachdem du all das über uns gebracht hast!" Erst jetzt sah ich den Dolch in ihrer Hand, der im Kerzenlicht schimmerte. "Das kann nicht Gottes Werk sein", entgegnete ich und stand wieder auf. "Wir können das beenden. Gemeinsam." Diese Worte ließen sie zum Altar gehen und weitere Kerzen entzünden, was mich wieder auf die Knie zwang. Dort liegt mein Lothar, festgebunden und verstört. "Und wie wir das beenden werden." "Mord ist eine Sünde! Du wirst alles nur noch schlimmer machen!", schrie ich und versuchte, ihr den Dolch abzunehmen. Doch sie trat mir in die Magengrube, machte das kleine Kreuzzeichen und stieß den Dolch in meinen Sohn.

"Dämon!", schrie ich, stieß sie weg und brach auf Lothar in Tränen aus. "Ich habe Gott angefleht, mich aufzuhalten. Doch kam nicht ein Zeichen von ihm. Ich habe uns von der Sünde erlöst." Daraufhin ließ sie die Kirche und mich hinter sich. Der Himmel hat sich seither nicht geöffnet. Die Götter haben uns verlassen.

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