Ein dummer Traum
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Dr. Hannes Stein saß am Tisch im Verhörraum. Er fühlte sich unwohl, was aber zu erwarten war, wenn man bedachte, wem er gleich gegenübersitzen würde. Einem der gewissenslosesten, hinterhältigsten und manipulativsten Individuen, die von der Foundation beherbergt würden. Dr. Stein hatte sich zwar auf das Verhör vorbereitet, aber das konnte ihm sein Unwohlsein nicht nehmen. Er sah sich um. Überwachungskameras in zwei Ecken des Raums. Zwei Sicherheitswachen an den Seiten der Sicherheitstür, und nur zwei Räume entfernt hielt sich eine taktische Eingreiftruppe bereit. Doch das alles würde Hannes nichts helfen, denn er saß auf der falschen Seite des Tisches.

Dr. Markal betrat den Raum, mit einem schleimigen Lächeln im Gesicht, einer Aktenmappe in der Hand, und nahm gegenüber von Dr. Stein platz.
"Guten Morgen, Dr. Stein."
"Morgen."
Markal schüttelte den Kopf, während er die Mappe vorsichtig vor sich auf den Tisch legte. "Sie wirken unentspannt, Dr. Stein. Ist alles in Ordnung?"
Hannes nickte. "Natürlich. Allerdings würde ich mich eventuell wohler fühlen, wenn Sie mich nicht um drei Uhr morgens zu einem … Gespräch eingeladen hätten."
Markal zuckte mit den Schultern. "Es schien mir das Beste, dieses Gespräch augenblicklich durchzuführen, sobald ich die Genehmigung des Direktorenrates erhalten hatte."
Steins Kehle schnürte sich zusammen. Bis jetzt war er davon ausgegangen, dass Markal einfach nur seine Karriere vorantreiben wollte und daher irgendeinen Vorwand gefunden hatte, um Stein zu verhören und dadurch eventuell einige der "prestigeträchtigen" SCPs zugeteilt zu bekommen, an denen Stein arbeitete. Denn wenn Stein nur ein falsches Wort sagen würde, welches das Vertrauen in ihn erschüttern könnte, wusste Markal das auszunutzen. Stein wäre nicht der Erste, bei dem er diese Taktik anwenden würde.
Aber der Direktorenrat würde nur wegen eines Vorwands, egal wie gut er auch sein mag, kein Verhör genehmigen. Ganz abgesehen davon, dass es eine grobe Verletzung des Dienstwegs darstellte, sich direkt an den ganzen Direktorenrat zu wenden. Markal musste etwas in der Hand haben, etwas Gutes.

"Sie wirken nachdenklich", flüsterte Markal lächelnd.
Stein zuckte mit den Schultern. "Ich habe nur darüber sinniert, weshalb Sie sich direkt an den Direktorenrat gewandt haben könnten."
"Und das macht Ihnen Sorgen?"
"Wenn es das nicht täte, würde ich-"
"- weniger verdächtig wirken", unterbrach Markal. Stein fluchte innerlich. Markal brauchte nur ein paar falsche Worte, um Stein zu diskreditieren.
"Aber kommen wir zur Sache", meinte Markal, ehe er die mitgebrachte Akte öffnete. "Sehen wir mal … hier ist es ja. Vorfall 092-04. Sie erinnern sich?"
Stein nickte.
"Sehr gut. Erzählen Sie mir doch noch mal, was damals vorgefallen ist."
Einen Moment lang war Stein versucht, Markal zu sagen, dass er doch einfach in der Akte nachsehen sollte. Aber er besann sich eines Besseren. Bestimmt hatte sich Markal dafür schon eine Antwort zurechtgelegt, die Stein verdächtig erscheinen ließe.
Also erzählte Stein, was damals vorgefallen war. Über die Kreatur, von der 092 gesprochen hatte, und die eines Tages in die Anlage eingebrochen war, um 092 zu finden. Davon, wie weder Stein noch sein Kollege Dr. Klanic an die Existenz der Kreatur geglaubt hatten, bis es zu spät war. Und schließlich davon, wie Stein auf dem Weg zu einem Schutzraum der Kreatur begegnet und geflüchtet war.

"Also sind sie vor der Kreatur davogelaufen?", unterbrach Markal Steins Erzählung.
"Es war meine einzige Option."
"Das meinte ich nicht", lächelte Markal. "Sie haben es geschafft, einer Kreatur zu Fuß zu entkommen, die jeden anderen Mitarbeiter, der zu fliehen versuchte, eingeholt und getötet hat. Das schließt Dutzende Sicherheitswachen und eine ordentliche Anzahl von Mitgliedern taktischer Eingreiftruppen mit ein. Männer und Frauen, die jeden Tag trainiert haben und teilweise auch jünger und agiler waren als Sie."
"Worauf wollen Sie hinaus?" Wollte Markal andeuten, dass Stein mit dem Monster zusammengearbeitet hatte?

Markal antwortete nicht und blätterte lächelnd zur nächsten Seite der Aktenmappe um. "Bei dem Vorfall starb unter anderem auch Sicherheitswache Tom Raab, richtig?"
Stein nickte.
"Sie wissen, dass sich Herr Raab bis zu seinem Tod in einer sexuellen Beziehung zu ihrem jetzigen Verlobten befand?"
Steins Magen drehte sich um. Er wusste, dass es unmöglich war, ihn für Raabs Tod verantwortlich zu machen. Allerdings wusste er auch, dass Markal genau darauf hinauswollte.
"Ihr Schweigen spricht Bände", flüsterte Markal grinsend. "Aber wechseln wir das Thema. SCP-023-DE."
"Die Kontaktlinsen?", fragte Stein. Damit hatte er nicht gerechnet. Die Dinger waren ungefährlich und hatten niemandem geschadet, zumindest nicht körperlich.
"Exakt. Sie haben ursprünglich die Befragungen mit dem Erfinder der Linsen durchgeführt, korrekt?"
"Ja", antwortete Stein zögerlich, "aber wie Sie mit Sicherheit wissen, habe ich die Befragungen bald an Dr. Klanic abgegeben."
Markal nickte. "Aber finden Sie es nicht auch seltsam, dass sie diese Aufgabe innerhalb von zwei Tagen ohne gute Gründe abgeben konnten?"
"Ich hatte gute Gründe."
"Er hat Sie nervös gemacht, indem er mit Ihrer Arachnophobie gespielt hat. Das ist kein guter Grund."
Stein schüttelte den Kopf. "Lesen sie meine pschologische Evaluation. Meine Angst vor Spinnen hat schon zu Panikattacken und Schockstarre geführt, damit sollte-"
"Wo sie schon Ihr psychologisches Profil ansprechen", unterbrach Markal, "Ihnen ist bewusst, dass eine so ausgeprägte Angst vor etwas so Alltäglichem ein Sicherheitsrisiko darstellt?"
Stein schnaubte. "Das größte Risiko dabei ist, dass ich in Schockstarre von 077-DE gefressen werde."
"Uneinsichtigkeit. Die wird in ihrem Profil ebenfalls erwähnt. Ebenso die Tatsache, dass Sie während Vorfall 092-04 schwer traumatisiert wurden, und sich dann Ihr Verhalten gegenüber SCP-092-DE zu passiv-aggressiven Anschuldigen veränderte."
"Ich war verstört. Aber durch die Therapie-"
"Oder Sie waren wütend, weil das Monster, welches durch 092-DE angelockt wurde, ihren Verlobten getötet hätte … wenn es nicht durch einen glücklichen Zufall zuerst die Forscher, die er eigentlich beschützen sollte, gefressen hätte."
Hannes blinzelte. Er war sich nicht mehr sicher, worauf Markal hinauswollte. "Hören Sie, Markal … ich kannte Paul damals nicht einmal. Wir haben uns erst bei den Therapiesitzungen kennen gelernt."
"Soweit das ihren Liebhaber betrifft, mag das stimmen … oder zumindest scheint er das zu glauben."

Steins Gedanken rasten. Das ergab alles keinen Sinn … glaubte Markal, dass Hannes eine Wache hypnotisiert und mit einem Angreifer zusammengearbeitet hatte? Aber wie passte die Erwähnung der Befragungen mit dem Erfinder der Kontaktlinsen da hinein?
"Dann hätten wir noch Vorfall 097-DE-03", fuhr Markal fort, während er erneut in der Aktenmappe umblätterte. "SCP-097-DE brach aus."
"Ja."
"Weil Sie die Sicherheitsmaßnahmen vernachlässigt haben?"
"Nein. Ich … ich war einen Moment lang unaufmerksam und-"
"Und zerstörten dadurch einen essentiellen Teil der Sicherheitsmaßnahmen für die Verwahrung von SCP-097-DE-01", unterbrach Markal lächelnd.
"Das passiert den Besten."
"Zu denen Sie auch gehören?"
Stein schüttelte den Kopf. "Sie drehen mir jedes Wort im Mund um."
"Ich enthülle nur die Wahrheit", erwiderte Markal lächelnd. "Es ist wahr, dass SCP-097-DE-01 Sie verwundet und durch die Gegend geworfen hat?"
"Ja", erwiderte Stein wütend. Langsam war ihm egal, worauf Markal hinauswollte; er wollte nur endlich dort raus.
"Und dann hat es ohne Probleme eine taktische Eingreiftruppe wie auch einige Forscher und Wachen getötet, richtig?"
"Ja, verdammt. Das steht doch in der Akte."
Markal nickte. "Natürlich, das tut es … aber es ist auffällig, dass 097-DE-01 mit ihnen nur ein bisschen gespielt und ihnen lediglich leichte Verbrennungen zugefügt hat, während es andere Mitarbeiter ohne Verzögerungen verbrannt hat."
"Weil es mit mir spielen wollte", erwiderte Stein lautstark. "Es wusste, dass ich schwul bin, und weil es zu einem Verein von Nazis gehört, wollte …"
Mit einem Seufzen verstummte Hannes. "Wieso antworte ich überhaupt noch? Sie benutzen ohnehin alles gegen mich."

Markal setzte ein breites Grinsen auf. "Dann fassen wir mal zusammen. Sie werden bei der Foundation aufgenommen, obwohl ihre Phobie ein Risiko darstellt. Sie geben eine Aufgabe ohne gute Gründe ab, und es wird in Rekordzeit genehmigt. Sie schaffen es, einem Wesen zu entkommen, welches jeden anderen Mitarbeiter einholen und töten konnte. Der damalige Liebhaber ihres jetzigen Verlobten stirbt ebenfalls, ihr Verlobter kommt aber mit dem Schrecken davon. Und ein homophobes Nazi-Wesen, welches sonst schnell und effizient tötet, spielt mit Ihnen und verwundet Sie nur leicht, obwohl Sie in seinen Augen 'unrein', also eine Abscheulichkeit, die ausgemerzt gehört, sind."
Stein seufzte. "Bin ein echter Glückspilz, was?"
Markal lachte kurz auf. "Oder Sie haben bei all diesen Dingen nachgeholfen."
"Wie hätte ich-", Steins Nackenhaare stellten sich auf, als er realisierte, worauf Markal hinauswollte. "Sie denken, ich hätte realitätsverändernde Kräfte?"
"Ich denke", flüsterte Markal, "dass Sie von der Foundation inhaftiert wurden. Dass Sicherheitswache Paul Enns Ihre Zelle bewacht hat und Sie sich in ihn verliebten, und Sie dann die Realität verändert haben, um eine Beziehung zu ermöglichen. Ich denke, Sie haben sich retroaktiv in die letzten Jahre der Foundation eingefügt und immer wieder die Realität soweit verändert, dass niemand hinter Ihr Geheimnis kommt; und dass Sie Paul Enns ehemaligen Liebhaber sterben ließen und seinen Verstand veränderten, damit er sich in Sie verliebt."

Einen Moment lang starrte Hannes Markal wortlos an. Dann brach er in schallendes Gelächter aus.
"Ist … darf ich das als Geständnis verstehen?", fragte Markal.
Stein schüttelte lachend den Kopf, ehe sein Lachen abrupt verstummte. "Dr. Markal … wie inkompetent sind Sie eigentlich?"
Markal starrte Stein verwirrt an. "Was?"
"Wenn ich wirklich solche Macht hätte, wie Sie sie mir gerade zuschreiben … dann hätten Sie mir gerade all die Verdachtsmomente genannt, die ich verändern müsste."
Markal blinzelte. "Ich … also …"
"Wenn ich diese Kräfte hätte", fuhr Stein fort, "dann wüssten Sie jetzt nicht einmal mehr, dass dieses Gespräch stattgefunden hätte."
Markal schüttelte den Kopf. "Das … natürlich sagen Sie das jetzt, um ihre … ihre Tarnung zu erhalten", stotterte er.
Stein gluckste. "Mit solcher Macht bräuchte ich keine Tarnung."
Markal blickte verunsichert auf seine Uhr. "Ich - ich habe einen Termin. Sie … das Gespräch ist beendet."

Als Stein sein Büro betrat, wartete Paul bereits auf ihn. "Wie ist es gelaufen?"
Hannes schüttelte den Kopf. "Markal hat mir vorgeworfen, dass ich ein SCP wäre."
"Wirklich?" Paul schüttelte kichernd den Kopf. "Wie kommt man denn auf sowas?"
Hannes zuckte mit den Schultern. "Er hat ein paar Ereigniss der letzten paar Jahre herausgepickt und glückliche Zufälle als Beweis für realitätsverändernde Kräfte hergenommen."
Paul blickte nachdenklich zu Boden. "Und dem Direktorenrat hat das gereicht, um ein Verhör zu genehmigen?"
Hannes nickte. "Ich gebe zu, es klang nicht völlig verrückt. Ein paar auffällige Zufälle waren schon dabei, aber wenn er nicht nach etwas gesucht hätte, um seine Karriere voranzutreiben, wäre er nie auf so eine Theorie gekommen."
Paul nickte. "Es ist also erledigt?"
"Leider nicht", seufzte Hannes. "Auch wenn es keine rationalen Beweise gibt, wird man das doch ernst nehmen. Ich kann mich wahrscheinlich von meiner Sicherheitsfreigabe verabschieden. Und unter Beobachtung werde ich wohl auch bald stehen."
"Das ist unfair!", knurrte Paul.
Hannes nickte. "Schon. Aber immerhin hat Markal nicht versucht, deinen Namen in den Dreck zu ziehen - immerhin warst du auch Teil seiner 'Beweisführung'."
"Wirklich?", fragte Paul zögerlich.
"Ja. Er meinte, dass Toms Tod durch mich verschuldet wäre und ich deinen Verstand beeinflusst hätte, weil ich mich in meiner Zeit als SCP in dich verliebt hätte."
Paul fuhr sich nachdenklich über das Kinn. "Könnte er jetzt versuchen, mir so etwas vorzuwerfen?"
Hannes blickte Paul unsicher an. "Womöglich."
Seufzend stand Paul von seinem Stuhl auf. "Dann bleibt mir nichts übrig."
Noch bevor Hannes nachfragen konnte, war er von schwarzem Nebel und grünen Blitzen umgeben, und eine Welle von stechenden Schmerzen riss durch seinen Kopf, während Paul ihn mit glühenden Augen anstarrte.

Hannes Stein wachte schweißgebadet auf. Einen Moment lang hatte er Kopfschmerzen, ehe diese verblassten.
"Alles in Ordnung?", fragte Paul, der neben Hannes lag. "Du hast gekeucht und gezittert."
Hannes sah seinem Verlobten unsicher in die Augen. "Ich weiß nicht … ich hatte einen dummen Albtraum."
"Worum ging es?", fragte Paul.
Hannes versuchte, sich zu erinnern. "Jemand … Dr. Markal warf mir vor, ein SCP zu sein … oder sowas."
"Dr. Markal?" Paul kniff nachdenklich die Augen zusammen. "Der Name sagt mir nichts."
"Mir auch nicht", sagte Hannes schulterzuckend. "Aber ich hatte Angst … vor dir. Etwas an dir veränderte sich."
Paul legte seine Hand auf Hannes' nackte Brust. "Nur ein dummer Traum. Schlaf wieder ein."
Hannes nickte, lehnte sich wieder zurück und schloss seine Augen. Paul strich ihm zärtlich über die Stirn.
"Hannes … worum ging es nochmal in deinem Traum?", fragte Paul.
"Um …", Hannes verstummte. "Ich weiß es nicht mehr."
Paul lehnte sich lächelnd zurück.
"Vielleicht hab ich noch mal den selben Traum", flüsterte Hannes verschlafen.
"Wirst du nicht." Paul fuhr langam mit seiner Hand über Hannes' Stirn. "Ich habe ihn weggewischt."


Objekt-Nr.: SCP-███-██

Klassifizierung: Euclid

Sicherheitsmaßnahmen: [DATEN GELÖSCHT]

Beschreibung: [DATEN GELÖSCHT]

Notiz von Dr. ██████: SCP-[DATEN BESCHÄDIGT] Theorie, alles seinen Wünschen ent[DATEN BESCHÄDIGT] bis ein Weg [DATEN BESCHÄDIGT] unterbinden. Seine [DATEN BESCHÄDIGT] Dr. Stein könnte so[DATEN BESCHÄDIGT]siko als auch eine Möglichkeit zur K[DATEN BESCHÄDIGT]

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