Du bist mein
Es beginnt, wenn du erwachst.
Es ist so einfach unter den Menschen, die in dieser Organisation arbeiten, neue Wirte zu finden. Fast schon zu einfach. Sie haben so unendlich viel Schuld zu bieten. So viel Leid, Wut, Scham - so vieles, aus dem man ziehen kann. Ich wandere von einem zum anderen, angezogen von allem, was sie zu verheimlichen suchen. Und wie ich sie gefunden habe? Oh, liebliche Mary. Wir haben uns gegenseitig gefunden, nicht wahr? Du hast mich gesucht, geforscht, wolltest schreiben. Du hast das alles erst möglich gemacht.
Ich erinnere mich gut an unser erstes Treffen, wie ich mich tief in deine Hirnwindungen eingenistet habe, auf das geblickt habe, was du im Alltag nur so selten mal aus dem Unterbewusstsein hochkommen lässt.
Das wollen wir mal zusammen angehen, nicht wahr? Ich finde deine Erinnerungen, einen Namen, der dich verfolgt, ein Gesicht. Es ist jetzt mein Gesicht für dich. Claudia Omal, was für ein Star! Oder zumindest war sie das, bis du daher kamst, nicht wahr, Mary? Du hast ihre Karriere ruiniert. Wort für Wort, ein Verriss nach dem anderen. Jetzt träumst du, hier bei mir und siehst sie wieder. Siehst mich. Ich schreie dich an, du dummes Miststück, das du doch bist. Du hast so viele Schuldgefühle, so viel Bedauern. Du weißt doch, was du falsch gemacht hast - aber wieso tust du dann nichts, um deine Schuld zu lindern? Wieso rennst du nur weg? Vor mir, vor deinen Erinnerungen, vor - oh, wer ist das? Ein Junge, der mit der Zeit spielt, wie ich mit dir. Ist er dir wichtig? Versperr dich mir nicht, ich will ihn sehen. Verkauft hast du ihn! Ist dir ein Menschenleben so wenig Wert, Mary? Oder war es, weil er anders ist? Ist es leichter, ein anomales Wesen einzutauschen für etwas Kohle?
Und wofür? Für Geld - was du schon am nächsten Tag verschleudert hast und dir, trotz allem was du dafür gegeben hast, keine Freude bereitet hat. Aber du machst weiter, versuchst die Leere in deinem Leben - in deinem Herzen zu füllen. Aber wieso, warum und woher kommt diese Leere? Ja, ich kann es doch fast schon riechen, du weißt du kannst es nicht vor mir verbergen, also versuche es erst gar nicht - deine Mutter! Das ist es also. Nie hat sie sich für dich interessiert. Deine Bilder sind im Müll gelandet und wann immer du geweint hast, hat sie dich ignoriert, nicht getröstet, nicht … geliebt. Und Papa war nicht viel besser - ein Künstler war er, ein selbstverliebter, alles war ihm zu nieder, zu langweilig, zu normal - selbst du. Und das ist es, nicht wahr? Wieso du dem Abnormalen hinterherjagst, dem Speziellen, dem Glamourösen, dem Magischen, dem Wundervollen, dem Anomalen - weil du nur einmal selber besonders sein wolltest. Aber du bist es nicht!
Du schreist, wimmerst, kannst nicht mehr rennen, aber ich kenne keine Erschöpfung; ich kann dir folgen, so lange ich will. Bis du langweilig wirst. Du schreist, Nacht für Nacht, schrill, unangenehm, stechend. Andere sind laut, aber du musst nerven.
Mary, es ist Zeit, dass sich unsere Wege trennen. Du hast mir nichts mehr zu bieten.
Es dauerte nicht lange, dann kam ich hier an. Die "Foundation", wie sie sich nennen. Eine Organisation, die gut daran tut, ihre Verfehlungen zu verstecken und zu verschweigen, auch untereinander.
Wie ein Getriebe, gefüllt mit kleinen Zahnrädern, wird hier ein Trauma nach dem nächsten von oben nach unten weitergereicht; ein perfekter Nährboden für mich.
Alex nahm mich damals als Erster von ihnen fast schon freiwillig in sich auf.
Er ist langweilig, irrelevant, hat wie so viele Angst, etwas in seinem Leben besser zu machen. Warum, Alex? Warum traust du dich nicht, deinen Vorgesetzten anzusprechen? Um Hilfe zu bitten? Ich greife nach deiner Angst, sinke in dich und finde, was dich zurückhält. Du hast das Protokoll nicht richtig eingehalten, nicht wahr? Warst mit der Aufmerksamkeit für einen Moment nicht da und schon ist dieses … dieses Ding ausgebrochen. Hat deinem Kollegen die Beine zerfetzt wie ein Mähdrescher. Ich nehme den Körper dieses Wesens an, genieße die Angst in deinem Gesicht bei meinem Anblick. Du bist noch so jung, zu jung für einen Soldaten, der seine Einheit vor seinen Augen verliert. Du bist allein zurück geblieben, jetzt musst du mit der Schuld leben. Wirst du das schaffen?
Ich finde in deinem Geist die Erinnerung an eine weitere Person, die Psychologin vielleicht? Oder deine Geliebte? Ich springe zu ihr über, niste mich ein und ergötze mich an ihren Ängsten wie so oft zuvor.
Isabella - und da ist auch wieder dieser Junge. Ein fremdes Gefühl regt sich in mir, etwas, was meine Wirte wohl am ehesten als Neugier betiteln würden. Was hat es mit diesem Jungen auf sich? Ich will ihn, aber ich kann seine Erinnerung, seine Träume nicht erreichen, wie bei den anderen. Stattdessen nehme ich seine Gestalt an und fresse mich nun durch Isabellas Kopf, spüre ihre Angst, werfe ihr entgegen, was sie verbrochen hat. Zeig mir mehr von ihm! Was ist an ihm besonders? So viele Schuldgefühle, so viel Selbsthass, aber wieso? Du hast doch nur deine Arbeit gemacht, eh? Es ist für das größere Wohl - das sagst du dir selber jeden Abend, jeden Morgen, aber du hast vor Jahren aufgehört es zu glauben. Und trotzdem machst du weiter. Warum, wieso - für wen?
So ist das also - deine Zwillingsschwester, Stella. Sie arbeitet also auch für diese Organisation. Und ihr beide - ihr seid nicht allein. Deswegen arbeitet ihr hier, deswegen arbeitet ihr weiter, deswegen fühlt ihr euch so schuldig. Sie hat alles für euch geopfert, euch allein erzogen, euch alles beigebracht, euch eingeweiht. Wie hättet ihr nein sagen können, nach all dem was sie für euch getan hat.
Ich wandere umher, so viele Möglichkeiten, so viele Wege zu neuen Wirten, wie kann man sich da nur entscheiden? Ich springe in mehr Körper, mehr Forscher, Doktoren, Soldaten, Personen, die geopfert werden, Personen, die vor Schuldgefühlen nicht mehr weiter können, die sich selbst verfallen, aber ich bin unaufhaltsam.
Bis … Bis mir einer weh tat.
Es begann so wie sonst auch, wieder ein Soldat, wieder dieselben Probleme, zumindest am Anfang. Johan. Du wolltest so viel verstecken; vor Anderen, vor Vorgesetzten, vor Kollegen, vor dir selbst. Daddy hat dir wehgetan, deine Brüder waren gemein, oh, bu-hu. Aber in deinen Träumen komme ich nicht näher ran. Du ignorierst mich sogar, als sei es für dich normal. Erträglich.
Und es sticht. Ein unangenehmes Brennen in mir. Versuchst du mich auszutreiben wie einen Geist?
Ich fliehe nicht, aber jetzt sind sie mir auf der Spur. Nun ist es schwerer, neue Wirte zu finden. Sie wissen, was sie tun können, um mich zu finden, dafür zu sorgen, dass ich mich nur noch in Teilen nähren kann. Sie isolieren sich, meditieren, nehmen Tabletten, teilen sich mit.
Wieder so ein fremdes Gefühl. Frustration würden sie es wohl nennen. Sei es drum, ich finde hier immer genug Opfer.
Ich kenne keine Erschöpfung.
Ich bin ewig. Wie eure Angst, wie eure Schuld, wie eure Träume.
Es endet, wenn du allein zurückbleibst.

