Der Schein trügt
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Scharf links. Geradeaus. Scharf rechts. Geradeaus. Scharf links. Geradeaus. Scharf rechts. Geradeaus. Leicht links, eine malerische Landschaft. Ein seichtes Tal mit einem kleinen See in der Mitte, umringt von mehreren Hektar Mischwald und Wiesen, übersäht mit zarten, gerade aufblühenden Knospen. Eine kleine Gebirgskette im Hintergrund, die Frühlingssonne warf die letzten belebenden Strahlen über den Kamm. Ein kleines Dorf direkt am See, kleine Rauchsäulen aus den Schornsteinen, vergoldet im Sonnenlicht. Ein langer, schmaler Weg, leicht geschwungen, bis vor die Räder eines fahrenden BMW.

"Halt an. Ich glaub, ich muss schon wieder kotzen."

Viktor seufzte und fuhr rechts ran. Johnny stieß sofort die Tür auf und erbrach sein Rahmschnitzel zwischen zwei Büsche, eine Hand am Kotflügel abgestützt. Mühsam zog er sich wieder auf den Beifahrersitz, schnallte sich an und schraubte seine elfte 1-Liter-Wasserflasche an diesem Tag auf. Viktor drückte auf das Gaspedal und der Wagen setzte sich in Bewegung. Ein ordentlicher Schwall Wasser ergoss sich über Johnnys Weste.

"Heute ist echt nicht mein Tag, die Serpentinen bekommen mir nicht", stellte er fest, "zumindest ist mein Hut noch ganz."

"Sieht so aus, Kumpel", bestätigte Viktor und ließ offen, ob er damit Johnnys Tag oder Johnnys Hut meinte, "Es ist so friedlich hier. Wie sollte hier eine Anomalie morden? Ich würde sagen, wir wären falsch, wären uns nicht davor Fotos gezeigt worden. Ich meine, jetzt im Ernst! Bei so einem Meisterwerk an Natur kann doch niemals etwas Schlimmes passieren! Das ist, als würde ein lebendiges Küken aus einem verkackten Überraschungsei schlüpfen, also klar, es wär zwar ne Überraschung, eine extrem unerwartete noch dazu, aber es ist einfach biologisch unmöglich!"

Johnny murmelte erschöpft: "Ich wette, ich weiß besser als du, was biologisch möglich ist. Hast du vergessen, dass ich vor eins zwo eins und vor der Agentenausbildung Nachwuchsforscher in Biologie war? Ach ja, und bist du fertig damit, dich in Rage zu reden? Wir sind gleich da."

Sie fuhren in ihrer weißen Limousine auf den Parkplatz des einzigen Gasthofes des Dorfes und luden ihre Koffer aus. Nach dem Check-In bezogen sie ihre Zimmer. Johnny zog seinen Fedora ab und legte sich ins Bett. Der Schlaf übermannte ihn sofort.


Er wachte jäh auf, als jemand heftig gegen die Tür pochte. Schlaftrunken torkelte er zur Tür und zog sie auf.

Ein hellwacher Viktor stand ihm gegenüber: "Aufstehen, Mimir. Wir müssen an die Arbeit. Es ist schon nach acht."

"Sekunde."

Johnny schlug die Tür zu und sprang schnell unter die Dusche. Nachdem er frische Klamotten übergezogen hatte, verließen sie gemeinsam das alte Haus und gingen zu einem kleinen Bungalow am Waldesrand. Viktor klopfte an die Tür, eine junge Frau mit langen, blonden Haaren und smaragdgrünen Augen öffnete.

"Guten Tag, die Herren", sagte sie, "Sie sind sicherlich von dieser… Abteilung für… Äh…"

"Abteilung des deutschen Sondereinsatzkommandos für Versuchte und Tatsächliche Mordfälle, kurz ASEK-VTM. Ich bin Agent Phillipp und das ist mein Kollege Agent Eißner. Sie können uns aber Johnny und Viktor nennen", erklärte Johnny.

"Okay, äh, ich bin Amelie Meloa, aber Amy ist okay."

Sie hielt ihnen die Hand hin. Viktor und Johnny schlugen ein. Sie schüttelte Johnnys Hand einen Wimpernschlag länger als üblich, obwohl er sich unsicher war, ob seine Zeitwahrnehmung nur temporär gestört war. Er schob es auf seinen schlechten Tag gestern. Sie betraten die Hütte.

"Nehmen Sie doch ruhig kurz Platz, ich mache Ihnen schnell einen Tee", sagte Amy und verschwand durch eine Tür aus dunklem Fichtenholz. Sie knarzte leise in den Angeln, als sie hinter ihrer Gastgeberin zuschwang.
Die beiden Agenten setzten sich auf zwei hölzerne Stühle an einen ebenso hölzernen Tisch. Viktor stieß Johnny, der gerade seinen Hut absetzte, in die Rippen und flüsterte:

"Die Kleine gefällt dir, nicht?"

Johnny sah ihn nur kurz an und zuckte mit den Schultern.

"Wusste ich's doch!", kam es triumphierend von seinem Kollegen.

Amy betrat just in diesem Moment den Raum, ein Tablett mit zwei Tassen und einer Teekanne auf dem Arm, das sie vor ihnen auf den Tisch abstellte. Sie goss ihnen das heiße Getränk ein und nahm ihnen gegenüber Platz.

"Tut mir leid, wenn ich das sagen muss, aber Sie sehen nicht gerade professionell aus… Soll das so sein?"

"Wir haben keine Kleidungsvorschriften", erklärte Johnny, "Also tragen wir, was uns am besten gefällt, beziehungsweise, was am angenehmsten ist. Der Tee ist echt gut! Ist der selbst gemacht?"

"Ja, ich baue die Kräuter im Garten an. Da wachsen auch einige Heilkräuter. Kein Medikament hilft so gut gegen einfache Krankheiten, wie das, was uns Mutter Natur aus erster Hand bietet. Einige hier bezeichnen mich als Die Botanikerin, nur weil ich einen Doktor in Biologie gemacht habe, als ich noch in München studierte. Viele verbinden damit halt hauptsächlich Pflanzen. Auch wenn ich eigentlich den Garten nur als Hobby betreibe. Offiziell arbeite ich als Försterin."

"Ich hatte mich auch zum Biologen ausbilden lassen, bevor ich gemerkt habe, dass es überhaupt nicht meins war. Dann bin ich eben zur SCP… Äh, zur ASEK-VTM gegangen", Johnny verstummte schnell, nachdem er die mögliche Tragweite seines Fehlers erkannt hatte.

"Wie auch immer, wir bräuchten so viele Informationen wie möglich zu diesem Fall", wechselte Viktor schnell das Thema, "Am besten fangen Sie ganz am Anfang an."

"Also… Vor gut drei Monaten im Winter wurde Herr Lauter, er war der Glöckner hier, tot im Wald gefunden. An seinem Hals waren tiefe rote Abdrücke und über ihm an einem Ast hing ein dickes Seil. Natürlich dachte jeder, es wäre Selbstmord gewesen, und der Knoten hätte sich später gelöst. Aber das war unmöglich, er war schon über sechzig Jahre alt und den Baum wäre er nie im Leben hochgekommen, um das Seil zu befestigen. Auch war nirgendwo eine Leiter oder ein Hocker. Mir und vielen anderen war klar, dass es Mord gewesen sein musste. Seine Frau aber wollte das nicht wahrhaben, dass sich hier ein Mörder in der Nähe aufhält. Sie hat ihn in kleiner Runde vom Priester hinter ihrem Haus bestatten lassen. Nur mein Bruder, seine Freundin, die Herr Lauter gefunden hatte, und ich konnten die Leiche kurz untersuchen."

Als Amy ihren Bruder und dessen Frau erwähnte, sah Johnny tiefgründige Trauer in ihren Augen aufblitzen. Als sie tief einatmete, um weiterzureden, fragte er sie:

"Was ist mit deinem Bruder und seiner Frau?"

Ohne es zu beabsichtigen, war er zum Du übergegangen.

"Beide… Nicht mehr da", brachte sie zitternd hervor, "Ich muss kurz was trinken."

Die Nase hochziehend und heftig blinzelnd verließ sie den Raum.

"Oha. Das es so schlimm ist, hab ich jetzt nicht erwartet", kam es leise von Viktor. Johnny nickte nur stumm. Sie saßen mehrere Minuten still und in Gedanken versunken da, als Amy wieder den Raum betrat und sich auf den Stuhl gegenüber setzte. Von der Trauer war fast garnichts mehr zu spüren.

"Also, uns ist aufgefallen, dass das Genick nicht gebrochen war, was ja üblich ist für den Tod durch den Strick. Mehr konnten wir dann nicht mehr feststellen, da hat sich schon seine Frau über ihn gekauert. Keiner rief die Polizei, die brauchen ja eh zwei Stunden hierher, da die Frau Lauter schwor, uns umzubringen, wenn wir es täten. Dann blieb es zwei Wochen ruhig. Bis wir nachts einen Schrei aus dem Haus der Lauters hörten. Als ich da war, war mein Bruder schon da, er wohnt direkt nebenan. Auch ein paar andere waren da. Frau Lauter lag da, eine gewaltige Wunde am Hinterkopf. Daneben lag der Schürhaken vom Kamin. Von da an war allen klar, dass es Mord war. Sie wurde neben ihrem Mann beigesetzt und mein Bruder und ich versprachen, uns um den Fall zu kümmern. Es waren aber keine Spuren zu finden, auch keine Fingerabdrücke am Schürhaken. Zwei Tage später der nächste Mord: Die Schneiderin Frau Tissvin war an einen Felsbrocken gebunden im See versunken und ertrunken. Das war das erste Mal, dass der Mörder überhaupt gesehen wurde. Ihr Mann ist hinterhergerannt, aber er konnte nur vom Ufer aus zusehen. Schwimmen konnte er nicht, sie waren erst vor Kurzem hierhergezogen, und die Boote waren alle abgetaut, sodass sie über den See trieben. Er behauptete, einen kleinen, schwarzen Schemen mit übergroßen Kopf und dürren, bis zum Boden reichenden Armen gesehen zu haben. Es sorgte dafür, dass das Boot sinkt, und schwamm dann zum anderen Ufer. Bevor andere ankamen, wäre es im Gebüsch verschwunden", Amy machte eine kurze Pause und atmete durch, "soweit Fragen?"

Viktor und Johnny schüttelten den Kopf.

Sie fuhr fort: "Also, vier oder fünf Tage später fanden wir Herr Tissvin zwischen Scherben unter dem Fenster des Schlafzimmers, es liegt im dritten Geschoss. Die Fensterscheibe war komplett zersplittert. Er war zwar noch am Leben, starb aber zwei Stunden später am Blutverlust. Dann, vor… "

Sie zögerte, doch Viktor ermutigte sie, weiterzureden.

"Vor drei Tagen, stellte mein Bruder fest, dass seine Frau außer Haus war. Er… Er zog durch das ganze Dorf, um sie zu finden."

Es traten Tränen in ihre Augen.

"Er fand sie in einer schmalen Gasse. Sie… Sie war so fest geknebelt, dass es ihr die Wangen eingeschnitten hat. Ihr Bein war unter einem Müllcontainer eingeklemmt. Wodurch sie letztendlich gestorben ist… Wussten wir nicht. Sie war hoch… ", sie schluchzte auf und nun flossen die Tränen. Johnny setzte sich neben sie und drückte ihre Hand.

"Wir brauchen diese Informationen. Bitte, du schaffst das."

Amy nahm sich zusammen und fuhr, an Johnnys Hand geklammert, fort: "Sie war hochschwanger. Das Kind wäre sicher bald auf die Welt gekommen. Irgendwie sind sie beide gestorben."

Johnny war klar, wie die Ursache lautete.

"Und dann, vorgestern… ", die Tränen flossen nun durchgehend, "Vorgestern hab ich meinen Bruder gefunden… "

Nicht dazu in der Lage, weiterzureden, lehnte sie ihren Kopf an Johnnys Schulter. Er legte einen Arm um ihre Schultern und warf einen besorgten Blick zu Viktor, dessen Augen die gleiche Besorgnis ausstrahlten. Amy brauchte fast zehn Minuten, um sich zu beruhigen. Dann redete sie weiter:

"Ich fand ihn an einem Baum, mit… mit Küchenmessern darauf aufgespießt. Ich… ich konnte nicht anders, als Hilfe zu rufen."

"Es war die richtige Entscheidung", versicherte Viktor, "Wir bekommen das hin. Sind Sie in der Lage, uns zu den verschiedenen Tatorten zu führen?"

Amy zögerte kurz, nickte dann jedoch entschlossen: "Ja. Zumindest zu den meisten."

"Brauchst du kurz Zeit, um dich fertig zu machen, Amy?", fragte Johnny.

Sie nickte und ging wieder durch die Holztür.

"Kaliumüberschuss", sagte Johnny unvermittelt.

Viktor war sichtlich irritiert: "Was?"

"Die Todesursache der schwangeren Frau. Ihr Bein war ja unter dem Container eingklemmt. Wenn Muskeln zu lange eingequetscht sind, wird zusätzliches Kalium ins Blut geleitet. Eigentlich gut, dadurch wird der Muskel quasi verstärkt, aber zu viel davon ist tödlich. Und das hat dann auch das Kind vergiftet."

Viktor verstand, was Johnny meinte: "Das erzählen wir auf keinen Fall Amy."

Johnny stimmte mit einem Nicken zu.


Als Amy nach einer Viertelstunde wiederkam, trug sie ein langes, gelbes Kleid, den Temperaturen entsprechend. Sie verließen den Bungalow und Johnny war einmal mehr glücklich darüber, immer einen Hut zu tragen, der ihm derzeit die Sonne aus den Augen hielt.

Sie liefen in den Wald hinein. Nach etwa zweihundert Metern stoppte Amy unter einer knorrigen, alten Eiche. Ein dicker Ast, sicherlich dreizig Zentimeter im Durchmesser, stand etwa zwei Meter vom Stamm ab.

"Hier haben wir Herr Lauter gefunden", wiederholte Amy.

Johnny ging mit ihr zur Seite, sodass Viktor ein freies Sichtfeld hatte.

Er gab ihnen in Worten wieder, was er sah: "Er schlägt um sich, wird scheinbar über den Boden geschleift. Er wird ruckartig zwei Meter in die Höhe gerissen, versucht, etwas von sich wegzustoßen. Jetzt hängt er vermutlich, er fuchtelt mit den Beinen, greift mit den Armen ans Seil und versucht, den Kopf aus der Schlinge zu bekommen", er verstummte für eine halbe Minute, dann fuhr er fort, "Er hängt still, gerade noch am Leben. Der Knoten öffnet sich, er fällt", er sah in ihre Richtung, "noch vor dem Auftreffen auf den Boden ist er tot."

Amy starrte ihn mit großen Augen an: "Woher… wissen Sie das?"

Johnny fragte Viktor per Telepathie: Darf ich?

Der Gefragte nickte unmerklich.

"Viktor hat besondere Augen", erklärte Johnny, "Er sieht die letzten Momente des Lebens von Ermordeten. Immer."

Amy schaute ungläubig zwischen ihnen hin und her: "Wollt ihr mich verarschen?"

Nein, wollen wir nicht.

Sie schrie erschrocken auf, als sie die Stimme in ihrem Kopf hörte.

"Glaubst du uns jetzt?", fragte Johnny.

Sie nickte langsam.

"Okay, hier gibt es nichts mehr zu sehen. Können wir weiter?", fragte Viktor.

Sie gingen zum Haus der Lauters.

"So, wie man es sich denkt", erklärte Viktor, "Sie hört scheinbar ein Geräusch. Mit einer Taschenlampe betritt sie hier den Raum und fällt dann vornüber, von etwas hart am Hinterkopf getroffen."

Beim See war es vergleichbar: Mitten über dem See versucht sich Frau Tissvin, gegen irgendetwas zu wehren, wird dann über Bord geworfen. Sie kann sich noch mit den Fingerspitzen am Rand des Bootes festhalten, bevor der Fels sie ins Wasser zieht.

Dann gingen sie zum Müllcontainer, ohne zuvor das Haus der Tissvins zu untersuchen. Dort wären eh keine Schemen aufgetaucht, er war ja erst später gestorben. Da Amy nicht mit anhören wollte, wie die Frau ihres Bruders gestorben war, wartete sie mit Johnny auf der Straße davor.
Genauso war es am Todesort ihres Bruders.

Sie gingen zurück in ihr Haus, die Sonne war kurz davor, sich mit der Bergkette zu vereinigen. Amy ging in die Küche, um ihnen etwas zu kochen, und Viktor gab wieder, was mit Amys Bruder und dessen Frau passierte:

"Sie wurde ähnlich dem Glöckner über die Straßen geschleift, schon geknebelt. Der Mörder hat sie in die Gasse geschmissen, und nach kurzer Zeit, die sie sich nicht bewegen konnte, landete etwas Schweres auf ihrem Bein. Nach wenigen Minuten stillen Kampfes war sie schließlich tot. Der kleine Schemen des Ungeborenen blieb nur wenige Sekunden.
Amys Bruder wurde scheinbar im Schwitzkasten oder so zum Baum gezogen und dann dagegen geschleudert. Irgendwie bleibt er daran… kleben, bevor er drei mal durchgeschüttelt wird, ein Messer durch die Schulter eins durch den Bauch und eins durch den Oberschenkel."

Johnny rümpfte angeekelt die Nase.

"Ich seh' mal kurz nach Amy", sagte er und machte sich auf die Suche nach der Küche.

Er fand sie schnell, indem er dem Geruch frischer Linsensuppe folgte. Er blieb zwei Minuren im Türrahmen stehen und beobachtete sie beim Arbeiten. Dann traute er sich endlich, etwas zu sagen: "Hey."

Erschrocken fuhr Amy herum und meinte: "Wenn du nicht willst, dass ich durch einen Herzinfarkt sterbe, solltest du unbedingt aufhören, mich so zu erschrecken."

"Du hättest mich schon früher bemerken können."

"Was?"

"Ich stehe hier schon seit zwei Minuten."

Ein leichtes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen: "Beobachtest du mich etwa?"

Johnny erwiederte ihr Lächeln: "Vielleicht."

"Statt da so blöd rumzustehen, kannst du hier auch mal mit anpacken."


Nachdem sie gegessen hatten, machten sie sich auf die Suche nach dem Mörder. Viktor und Johnny trugen beide Pistolen zur Sicherheit, und nahmen Amy in ihre Mitte. Sie durchkämmten mehrere Hektar Wald, ohne mehr zu finden, als einen Igelbau. Schlussendlich sank die Sonne hinter die Bergkette und die Dunkelheit nahm langsam, aber unaufhaltbar zu. Sie legten sich zu Bett und schliefen allesamt schnell ein.


Amy erwachte mitten in der Nacht, die Betthälfte neben ihr noch warm. Sie nahm kurzerhand Johnnys Pistole und Hut, schlüpfte in ihre Schuhe und sprintete zum Gasthaus. Sie brach durch die Tür und in Viktors Zimmer.

"Johnny ist weg!", keuchte sie und hielt seinen Hut hoch.

Viktor sprang auf, zog sich ebenfalls schnell Schuhe an, streifte sich im Lauf einen dicken Pullover über und gab Amy seine Jacke. Sie rannten durch das Dorf und weckten es auf. Schnell waren dutzende Personen auf der Suche, ausgestattet mit alten Flinten, Küchenmessern und Teppichklopfern. Taschenlampen waren immer dabei.

Amy und Viktor sprinteten in den Wald, laut rufend.

Amy, erklang es in ihrem Kopf. Erschrocken drehte sie sich wild um die eigene Achse.

"Wo bist du?", rief sie panisch.

Ruine… Dunkel…, kam es zurück.

"Die alte Mühle!", rief sie und rannte sofort los.

Viktor kam kaum hinterher. Nach gut fünfhundert Metern erreichten sie ein altes, heruntergebranntes Gebäude mitten im Wald. Nichts war zu sehen. Vorsichtig betraten sie die Mühle. Zunächst war nichts zu sehen, als plötzlich ein unmenschliches, unglaublich lautes Kreischen über ihnen ertönte. Amy feuerte instinktiv nach oben, bis nur noch ein Klicken aus der Waffe kam. Viktor richtete seine Taschenlampe nach oben. In sein Blickfeld rückte eine annähernd menschliche Gestalt, mit rindenartiger Haut und mit ewig langen Armen. Es hing in einem Loch in der Decke, der Kopf von unzähligen Einschusskratern übersäht. Amy ließ ihre Waffe fallen und kletterte schnell eine morsche Leiter hoch. Johnny lag da, einen langen, hölzernen Splitter im Bauch.


EPILOG

Leicht rechts. Scharf links. Geradeaus. Scharf rechts. Geradeaus. Scharf links. Geradeaus. Scharf rechts. In jeder Kurve drückt Johnny schmerzerfüllt Amys Hand. Er wurde zwar seit einer Woche im Dorf behandelt, dennoch braucht es eben vor allem Zeit, damit eine Wunde heilt. Und ein kleines bisschen seelische Unterstützung kann auch nicht schaden.

"Nach Hause", flüstert Johnny zu Amy.

Amy bekam, nachdem Viktor im Einsatzbericht ein gutes Wörtchen für sie einglegt hatte, ein Stellenangebot als Doktorin für Biologie mit streng geheimer Unterstützung für Projekt Trickster. Sie willigte ein, da sie von keinen ihr bekannten Verwandten mehr wusste. Ihre Eltern starben bereits vor über zehn Jahren bei einem Autounfall, ihre Großeltern hatte sie ohnehin nie kennengelernt.

"Nach Hause", bestätigt Amy.


EPILOG II

"Könnt ihr zwei nicht ein Mal den Mund halten?"

Dr. Bell Ainsworth spielte jetzt schon seit mehreren Minuten den nervösen Puma im kleinen Gitterkäfig, und wanderte pausenlos in ihrem Büro auf und ab.

Viktor und Johnny hatten schuldbewusst den Kopf gesenkt und schwiegen, aus Erfahrung, bis Bell sie dazu aufforderte, zu sprechen.

"Ihr hättet uns ganz schön in die Scheiße reiten können… das wäre dann das Ende unseres Projektes gewesen und ihr hättet in eure Zellen zurück gemusst."

"Also, Johnny, sag mir doch bitte noch einmal, was du ihr erzählt hast."

"Nur das Nötigste", murmelte er.

"Wie bitte? Gehr das auch noch leiser?"

"Nur das Nötigste", wiederholte er, lauter, und mit festerer Stimme dieses Mal.

"Also alles. Na toll."

Bell setzte sich hinter ihren Schreibtisch und forderte die beiden Agenten auf, sich zu setzen. Sie goss sich seufzend etwas Cognac in ein Kristallglas.

"Ihr habt Glück gehabt, dass alles doch gut ausgegangen ist. Also, O4-8 wollte euch aus dem Projekt schmeißen, aber ich konnte sie dazu überreden, es bei zwei Monaten in euren Zellen zu belassen. Ihr solltet mir danken. Und jetzt, zieht Leine", befahl sie, "Ich hab wichtigeres zu tun, als mich mit überdimensionierten Kindern rumzuschlagen."

Kurz bevor die Tür hinter ihnen zufiel und sie von den Wachen in ihre Zellen geleitet wurden, hörten sie noch, wie Bell in einen Lachkrampf ausbrach. Beiden Agenten war klar, dass die Strafe nicht bei zwei Monaten bleiben, sondern letztendlich maximal zwei Wochen andauern würde. Irgendwo wurden Spezialkräfte immer gebraucht.

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