Der Lampes Funke
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Des großen Dichters Sohn sitzt gesenkten Kopfes am Tisch. Er weiß, dieses Mal werden Verse seinen Vater überzeugen. Seinen Vater, dessen Poesie bereits über alle Länder bekannt ist, blickt streng in das Kaminfeuer, in dem die papierenen Missetaten des Sohnes noch knisternd schmoren. Strophe um Strophe fließen aus der Tinte aufs Blatt. Als die Zeit reif war, ging Johann zu seinem Vater und überreichte ihm sein neustes Werk: "Polarstern". Er war schon immer fasziniert von den Lichtern am Himmel; wie kleine Schneeflocken tanzten sie da oben mit Vater Mond. Sein Vater rümpft die Nase. "Versuchst du es also mit der alt bewerten Strategie des melancholischen Dichtens?" Die Frage erschütterte den Knaben ein wenig. Nach all den vergeblichen Versuchen wurden seine Gedichte immer hoffnungsvoller. Nicht des Gedichtes Tränen würden ihn des Weges leiten, sondern der Fleiß, den sein Vater ihm schon des Längeren eingetrichtert hat. Der Polarstern wird ihn führen.

"Johann, wann erkennst du endlich, dass Dichten von Zeit geprägt wird? Solch krumme Verse sind mir schon lange nicht mehr untergekommen." Der Junge erschreckt. "Aber Vater, deine Lehre ist zu hart. Wie soll…" "Spar dir das. Ich werde dir Manieren beibringen. Mit meinem Erbe geht man nicht leichtfertig um."

Johann findet sich in seinem Zimmer wieder. Während der Regen gegen das Fenster prasselt, hält er seinen Rücken im Spiegel, dessen Oberfläche von mehreren roten Strichen übersät ist. Wird er denn nie die wahre Poesie kennen? Wird er heute Nacht schlafen können? All diese Fragen schwirren durch seinen Kopf, als seine Augen ein Leuchten von draußen wahrnahmen. Es war nur schwach, und schien zu flackern wie eine Flamme. Das Fenster hinaufgeschoben blickte er in den nächtlichen Garten: Nichts. Ihm wurde gewahr, dass die Flamme im Haus lodern muss. Sollte er nachsehen? Ja, das wird er! Und so schritt er die hölzerne Treppe hinab in das Wohnzimmer, wo das Kaminfeuer sich doch tatsächlich selbständig gemacht zu haben scheint. Dort, am Fenster, schwebte eine kleine, kaum zwanzig Zentimeter große Gestalt. Ihre Form war tropfenähnlich, und aus dessen Körper regnete es Wörter, gar volle Phrasen. Scheinbar die Gegenwart des Jungen bemerkend, drehte es sich zu jenem um und sagte: "Guten Abend. Eure Gedichte waren sehr erhaben." Erst jetzt bemerkte der Knabe, dass die Phrasen, welche dem Geist entwichen, Verse aus seinen eigenen Gedichten sind. "W… Wer seit Ihr?", fragte der Knabe schüchtern. "Ich bin Euer Leid, Eure Bestrebheit; das lyrische Verlangen nach Erkenntlichkeit. Ich habe Eure Rufe vernommen und bin gekommen, um zu entwonnen." Die Reime, alles klang genau nach seinem Stil. Johann war eines klar: Dieses Wesen hatte Gutes im Sinne. "Wie vermagt Ihr dem ein Ende zu setzen?" Der Geist flog zu einer Wand, streckte einen Finger aus, und brannte etwas hinein. Das Ergebnis kam einer Öllampe gleich. "Gebt ein Haus dem Herrn, und ich werde er sein: Der Polarstern."

Johann rannte eilig zum Schuppen, wo tatsächlich noch eine Lampe stand. Er brachte sie ins Wohnzimmer. Der Geist wartete geduldig auf dem Kronleuchter. Als er die Lampe sah, flitzte er ohne einen weiteren Reim zu verlieren hinein. Johann blickte hinab auf die Lampe, wonach sich sein Blick allerdings auf die schwarzen Buchstaben vor seinen Schuhen richtete: "Jene Zungen mit Wörtern über diese Lampe mögen sofort ihrer Wortwahl achten."

Der nächste Morgen bricht an: Die Vögel zwitschern und Grillen legen sich zur Ruh. Und Johann weiß, er weiß, dass er dieses Mal seinen Vater überzeugen wird. Feder und Tinte wurden bereitgelegt, die Lampe auf des Tisches Holz gestellt, und ein Gedicht über sie erstellt. Als der Vater ihn zu Frühstück rief, kam Johann freudestrahlend hinab und überreichte ihm sein Tun. "Gebt mir einen letzten Versuch." Des Vaters Hand machte nur eine abweisende Geste. Typisch. Doch Johann gab nicht auf. Er zeigte seine Kunst der Welt, und schon bald wurden weitere Geschichten über diese wundersame Lampe geprellt.

Der Vater bereitet sich derweil für eine Verlesung einiger seiner Werke vor. Er hatte schon etliche solcher Auftritte hinter sich und doch fühlte sich etwas falsch an. Er versuchte das Gefühl zu ignorieren und sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Auf dem Podest angekommen blickte er in die Menge. Dann entdeckt er den Grund für sein Unwohlsein: Ungefähr ein Viertel Gesichter weniger als üblich. Normalerweise waren die Stühle vor ihm so voll, dass so mancher Narr sich noch einen zu ergattern versucht, kläglich versagt, und dann Hause geht. Doch hier steht er nun vor drei Vierteln erwartungsvoller Leute, deren Geduld er verletzte. Der Vater besinnt sich und trägt vor.

Nächstes Mal waren nur noch halb so viele, dann ein Viertel! Er verstand es nicht. Eines Vortrags erhaschte er sogar einen Mann beim Lesen eines anderen Mannes Gedichtes, während er feige draußen vor dem Fenster sitzt. Er ging hin, und fragte den Mann: "Sie haben echt Mumm, ein Gedicht vor meiner Türe zu lesen. Und das auch noch während meiner Vorstellung." Der Fremde antwortete: "Ich wollte Sie nicht verleumden. Die Stille dieses Ortes kommt mir aber beim Schreiben zugute. Wenn es genehm ist, würden ich Sie zu meinem ersten Leser erklären." Er reichte ihm sein Werk und des Vaters Gesicht zeigte, dass seine Erwartungen nicht fruchtvoll sind. Jedoch vertiefte er sich geschwind in der Geschichte. Nachdem seine Augen den letzten Vers gelesen hatten, fühlte er etwas noch nie Dagewesenes: Geschlagenheit. Noch nie ist ihm jemand nahe gekommen und jetzt kommt ein Fremder vor seine Halle, schreibt ein Gedicht über irgendeine Lampe, und wird ihm gleichgültig. Er musste diese Lampe finden. "Guter Mann, wo finde ich diese Lampe?", fragte er. Daraufhin antwortet der Fremde, sie gehöre einem Dichter namens Johann, und dass dieser ungewöhnlich jung sei.

Er machte sich somit auf die Reise, um diese Lampe (und im Zuge hoffentlich auch seinen Sohn) wiederzufinden. Natürlich ging er dabei auch Passion des Lesens nach. Mehrere Gedichte, alle über ominöse Öllampen, wurden ihm ausgehändigt. War denn Originalität gestorben? Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Jede Dichtkunst war genauso fantastisch wie die des anderen. Kein einziges Makel an dieser Feststellung zu erkennen. Er hörte auf zu dichten, und erwischte sich selbst sogar eines Lächelns. Als er dann schließlich seinen Sonnemann fand, verzieh er ihm alles. All die Strenge und Unachtsamkeit. Sie entschieden sich, einer Tätigkeit ohne Haupt und Nied nachzugehen. Und so spazierten sie durch den Wald, wobei Johann all seine Abenteuer erzählte und der Vater aufmerksam lauschte.

Der Lampengeist schlummerte nun zufrieden, da seine Daseinsgrund erfüllt wurde. Zwar erlosch er, der Lyrikzauber jedoch verblieb.

Eines fernen Tages wurde sie wieder entdeckt...

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