Der Anfang vom Ende
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Es roch nach Tod. Altes Blut, Ausscheidungen, Desinfektionsmittel. Zumindest die Reste davon.

Der Sicherheitsdienst stand noch immer mit einem fragenden Gesichtsausdruck in dem kleinen Ausschnitt, den man durch seinen Helm sehen konnte, da. Ich hatte ihn brüsk weggestoßen, nachdem er gefragt hatte, was ich hier zu suchen hatte. Statt zu antworten, war ich direkt zu dem Krankenbett gestürzt, hatte mich daneben auf meine abgewetzten Kniepolster fallen gelassen und die kleine Hand gegriffen, die unter dem Laken hervorschaute. Nachdem der Mann scheinbar verstanden hatte und sich endlich verzog, richtete ich mich leicht auf, betrachtete das reglose Etwas, was von meiner tapferen Löwin übrig war. Die sonst leicht lockigen Haare, die jetzt nass und leblos neben dem Kopf auf dem Kissen klebten, die geschlossenen Augen, die sonst diesen intensiven, wissbegierigen, aber auch traurigen Blick gekannt hatten. Die Haut war fahl und blass, Adern zeichneten sich rötlich-blau und deutlich sichtbar auf ihrem gesamten Körper ab. Ihre Hand führte ich in einer selbst nach einem Jahrzehnt noch gewohnten Bewegung zu meinem Gesicht, sog ihren schwindenden, kränklichen Duft ein, der trotz allem immer noch Loewen war.

"Jo.. ha?"
Ich riss mir die Balaklava vom Kopf und warf sie zur Seite, beugte mich zu ihrem Gesicht runter und küsste ihre blasskalten, trockenen Lippen. Ich spürte, dass sie versuchte, sich zu bewegen, vielleicht sogar den Kuss zu erwidern, aber sie musste zu schwach sein. Ich löste mich vorsichtig von ihr, blieb jedoch nur Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt, versuchte, die Emotionen, die in mir kochten, zu unterdrücken. Sie bewegte ihre Lippen erneut, es fiel ihr deutlich schwer, einen Ton von sich zu geben.
"Ich dachte… du wärst tot – sie.. Sie sagten mir…"
"Es war schwer, dich zu finden." Sie kannte mich zu gut. Sie sagte nichts weiter, wusste wahrscheinlich, dass es besser war, nicht weiter zu fragen.
"Du weinst ja."
Tatsächlich hatten sich bei dem Kuss ein paar salzige Tropfen auf ihre Stirn verirrt. Es passte zu ihrer fieberfeuchten Haut. Erst jetzt merkte ich, dass ich vor Anspannung zitterte; ihre kleine, bleiche Hand in meiner fast zerdrückte.
"Ich kann meinen Körper kaum spüren. Ich sterbe, nicht wahr?"
Ich wusste, dass sie keine Antwort brauchte. Ich blieb weiter stumm, beobachtete ihre Augen, die kein Ziel fassen konnten, während ich halb über sie gebeugt blieb.

Schweigen legte sich wie ein dichter, betäubender Nebel über uns und ich wusste nicht, wohin ich schauen sollte. In ihr eingefallenes, ausgezehrtes Gesicht? Auf die von Dreck verkrusteten Laken? In die kahlen, dunklen Ecken des Raumes, der provisorisch hergerichtet wurde, um Verletzte und Sterbende aufzunehmen? Das Einsetzen eines langanhaltenden, verzerrten Jaulens in der Ferne nahm mir die Entscheidung ab. Die Sirenen des Untergangs, die mich seit Wochen auf meinem Weg begleitet hatten, setzten erneut ein und mir war klar, dass nicht mehr viel Zeit blieb. Zumindest musste die kleine Löwin es nicht mehr erleben.
Ihre Lippen bewegten sich erneut, jedoch drang nur das letzte Wort noch bis an mein Ohr: "… Grübler."
Was sagt man in so einem Moment? Denk nach, Frey, streng dich an, es sind die letzten verdammten Worte, du hast dafür Monate gekämpft! Monate der Suche, der Wanderung durch totes Land, bis ich ihre Lokation ausfindig gemacht hatte, kaum einen Gedanken daran verschwendend, wie sie es überhaupt so lange überlebt hatte. Aber nun ging es zu Ende. Für uns alle. Aber ich habe sie gefunden! Mein Stern, mein silberner Faden, durch all die Jahre hindurch.

Ich merkte, dass sie unruhig wurde, wahrscheinlich brauchte sie Wasser. Ich benetzte ihre Lippen sorgsam mit dem Rest, der in einem Glas neben dem Bett stand. "Ich werde keine Sekunde mehr weichen, ich schwöre es dir." Dass die Sekunden ohnehin gezählt waren, brauchte keiner im Raum auszusprechen. Zu der Sirene, die sich als drohendes Hintergrundgeräusch langsam in das Gehirn eines jeden Überlebenden grub, gesellten sich nun auch noch das Rattern und Donnern der letzten Kriegsmaschinen, im Kampf gegen was-auch-immer noch übrig war. Nichts davon hatte mehr Gewicht.

"Johan… Will nicht… Krankenbett…"
Ich verstand sofort. Ohne auf den Wachmann zu achten, nahm ich ihren Körper mitsamt Laken hoch und trug sie, die kaum mehr etwas wog, aus dem Raum hinaus und in eines der Quartiere. Nach draußen konnte ich sie nicht mehr bringen, aber hier gab es zumindest Bilder an den Wänden von den Leuten, die hier gewohnt hatten. Bunte, wenn auch staubige Kissen und Laken lagen herum, welche ich für sie zu einem weichen Bett auf dem Boden an einer der Wände zurechtschob. Ich setzte mich hin, ihren Körper noch immer in meinen Armen, vorsichtig ihr Gesicht mit der Hand streichend.
Ich weiß nicht, wie lange ich so mit ihr saß. Irgendwann versiegte ihr schwacher Atem, die Sirenen verstummten jedoch nicht eine Sekunde. Der Lärm schwoll immer weiter an, ein Tosen wie von einem Sturm, unterbrochen von den Maschinen, die weiter Stand hielten. Doch wie lange noch?
Ich bettete ihren erschlafften, kalten Körper in die Laken und deckte sie vorsichtig zu, bevor ich mich erhob.

Es war Zeit.
Zeit, es zu beenden.

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