Das tägliche Leben mit einer Außerirdischen
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Mein Alltag – oder eher Leben – könnten Personen als „speziell” bezeichnen.
Wenn du mir vor fünfzehn Jahren erzählt hättest, ich müsste jeden Tag mir in den Finger stechen, um einem sterblichen Gott mein Blut zu opfern, ich zweifle kaum, ich hätte dich wie all diese verrückten, nervigen, Möchtegern – Ich komme vom Thema ab – Ich hatte meine Zweifel, kurz gesagt. Zugegeben, es ist manchmal immer noch sonderbar, zur Ortothan Kirche zu gehören. Und corCo als meine Mitbewohnerin zu haben.



„Ballabix, hast du meinen Schal gesehen?“
Vax-corCo schlängelte sich elegant mit ihrem riesigen Körper durch die in Relation winzige Wohnung. Ksavis, scherzhaft von ihr als Ballabix bezeichnet – was damit vergleichbar war, jemanden „federloses Küken“ zu nennen – lehnte sich gegen den Türrahmen der Küche, ein Lächeln auf seinem Gesicht.
„Nein, corCo. Hast du schon unter dem Bett geschaut?“
CorCo blinzelte ihn mit ihren vier Augen kurz an, dann verschwand sie in dem gemeinsamen Schlafzimmer. Ksavis lachte in sich hinein und schabte weiter in der Pfanne herum, in der er den Tofu und das Gemüse briet. Nach kaum drei Minuten kam corCos Stimme aus dem Raum: „Gefunden.“
„Super. Ich bin auch langsam fertig mit Frühstück.“

 

„Ist die Wohnung wirklich nicht zu klein für dich, corCo?“
„Nein, habe ich doch schon gesagt. Es ist wie ein gemütlicher Bau“, corCo studierte den schwammigen Tofu, bevor er zwischen ihren Kiefer verschwand, „Hm, lecker. Aussen eine Kruste und innen weich. Das erinnert mich an die Rjzzz von meinem Planet.“
Ksavis sah auf. „Wie sehen Riss, oder wie sie heißen, aus?“
Eine Klaue am Kinn dachte die Ausserirdische nach. „Wie Maikäfer nur dreimal so groß. Und sie haben acht Glieder und …“, sie machte eine kreisende Bewegung, „… Dings. Glubschaugen, das meinte ich. Und sie sind smaragdgrün.“
Ksavis lachte.
CorCos Kopf zuckte zum Fenster: „Oh! Was ist das?“
Ksavis sah aus dem Fenster. „Ich weiß nicht ganz was du meinst.“
„Etwas ist vorbeigeflogen!“, corCo war ganz aufgeregt, „Es war klein und dunkel!“
Ksavis dachte kurz nach. „War es so groß?“
„Ja, so groß wie meine Hand!“
„Dann war es wahrscheinlich eine Krähe. Das sind Vögel … Tiere, die fliegen können und wie du Federn haben.“
CorCo legte den Kopf schräg und ihre Augen wurden glänzend, als sie weiter aus dem Fenster starrte, um noch mehr von diesen Wesen zu erhaschen.

Ksavis putzte die Wohnung, als es an der Türe klingelte. Er runzelte die Stirn.
Die Seelsorgerin ihrer Ortothan Gemeinde in Sjhlfels am Rhein kündigte ihre Hausbesuche immer an und kaum jemand besuchte sie.
Nach einem Blick durch den Spion und dem Anbringen der Türkette öffnete er die Tür.
„Guten Tag?“
„Guten Tag, mein lieber Herr! Ich bin eine Händlerin und darf ich kurz mit Ihnen reden?“, begrüßte ihn die Frau im dunkelvioletten Anzug.
„Wir kaufen nichts.“
Das Lächeln auf dem Gesicht der Frau verschwand nicht. „Noch nicht.“
Ksavis hatte keine Nerven die Frau abzuwimmeln, also machte er Anstalten die Haustür zu schließen. Er traf auf einen Widerstand. Ohne einen Tropfen Schweiß zu vergießen drückte die Verkäuferin die Tür wieder auf und selbst als die Türkette spannte, löste sie es. Dabei sowohl die Physik der eigenen Hand als auch des Schlosses ignorierend. Die Händlerin glitt ins Innere und schloss die Tür.
„Sie müssen keine Angst haben. Ich möchte kein Blut vergießen. Das können Sie für Ihren heiligen Achten behalten.“
„Vierten. Und es sind nur sieben“, korrigierte Ksavis überrumpelt, „Ich sagte schon…“
Immer noch lächelnd unterbrach die Händlerin ihn indem sie beide Hände hob, je vier Finger ausgestreckt: „Geben Sie mir acht Minuten. Sie werden es nicht bereuen.“
Ksavis atmete tief ein. Und wieder aus.
„Okay. Was verkaufen Sie?“
„Vieles. Am besten wir setzen uns.“

Die Händlerin hatte es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht. „Eine schöne Wohnung haben Sie. Schön geräumig. Perfekt für eine Wohngemeinschaft mit Ihrer Freundin.“
„Was meinen Sie?“, in Ksavis Stimme war die Nervosität hörbar.
„Schauen Sie: Ich bin keine gewöhnliche, nervige Vertreterin. Ich bin eine Frau, die Magisches anbietet. Wobei ich dabei genauso nervig bin.“
Die Händlerin legte einen Anhänger aus einem goldgrünem Metall auf den Tisch. Er erinnerte Ksavis an ein kegelförmiges Schneckenhaus mit einem geschlossenen Auge darauf.
„Das, mein Lieber“, erläuterte Frau Verkäuferin, „ist ein Talisman mit einer Formwandler-Verzauberung. Wollten Sie nicht mal mit ihr unter die Leute gehen? Mit diesem Talisman können Sie dies.“
Sie hob das Schneckenhaus auf Ksavis‘ Augenhöhe und tippte um das Gesagte zu unterstreichen dagegen. Das Auge öffnete sich kurz und sah sich panisch um, bevor es sich wieder schloss, anscheinend beruhigt. Ohne auf das Geschehen zu reagieren, legte sie es sanft auf den Tisch.
Als Ksavis danach greifen wollte, ‚nagelte‘ die Vertreterin seine Hand mit dem beängstigend langen Nagel ihres rechten Zeigefingers auf den Tisch.
„Oho, umsonst ist es nicht, mein Herr.“
„Was verlangen Sie?“, er strich über die Stelle auf seinem Handrücken, wo schwach ein kleiner, roter Punkt sichtbar war.
„Lassen Sie mich nachdenken“, die Frau sah sich ausgiebig um, etwas vor sich hin flüsternd, „Eine Identität für eine Identität, ein Geheimnis für ein Geheimnis.“
Sie holte ein Blatt Papier hervor und eine Feder. „Ich verlange von Ihnen, sich an einen kleinen Satz an Regeln zu halten. Das klingt angemessen. Bitte unterschreiben Sie hier.“
„Was für Regeln?“
„Ganz simple Dinge: ‚Das Objekt darf nur von der beschenkten Person benutzt werden; Die wahre Identität der Person darf während des Nutzens nicht enthüllt werden; Ich hafte für den inkorrekten Nutzen in keiner Weise.‘ Standardfloskeln. Ein Verstoß gegen die Regeln hat seinen Preis, Sie verstehen.“
Sie wedelte mit der Feder ungeduldig.

„Es war mir eine Freude mit Ihnen zu handeln.“ Die Vertreterin nahm ihren Hut und verstaute den Vertrag in ihrem Anzug. An der Haustür drehte sie sich noch um: „Bevor ich gehe: Wenn der Anhänger Ihre Beziehung vertieft, ich weiß nicht welche Wirkung es hat.“
„Was … Was meinen Sie?“
Die Frau verschränkte ihre Finger ineinander. „Ihre Freundin wird aussehen wie ein Mensch, sich anfühlen wie ein Mensch, riechen – okay wahrscheinlich riecht sie immer noch wie eine Ausserirdische – aber biologisch ist sie kein Mensch. Ich hatte keine Lust so weit zu denken.“
Ksavis errötete. „Oh, ich verstehe.“
„Gut“, mit diesen Worten sprang sie auf die Balustrade und hüpfte gerade hinunter. Ein Schirm, von dem Ksavis sicher war, dass die Vertreterin ihn vorher noch nicht hatte, bremste den Fall. Leise summend trieb die Frau davon, den überraschten Ksavis zurücklassend.

„Schau mal, wie ich aussehe!“
CorCo drehte sich auf der Stelle, um Ksavis einen guten Überblick vom Kleid also auch von dem temporären neuen Körper zu geben.
Der Anhänger hatte ihre außerirdische Anatomie in den einer menschlichen Frau verwandelt. Wenn auch einige Eigenschaften geblieben waren. So war sie immer noch mit knapp 1,9 Meter riesig und ihr Hautton hatte immer noch seinen gräulich-bläulichen Teint. Im Ganzen sah sie wie eine Dunkelelbin aus einer High-Fantasy-Erzählung. Einer sehr attraktiven Dunkelelbin wohlgemerkt. Anscheinend versuchte der Anhänger ihre Masse irgendwo und irgendwie beizubehalten.
„Ich möchte was unternehmen! Rausgehen und— Einfach etwas!“
Sie nahm Ksavis Hände in ihre neuen menschlichen und atmete tief ein: „Ich bin sagenhaft aufgewühlt.“
„Das beschreibt es gut. Und es freut mich“, er legt seine Stirn an ihre, wie es in corCos Kultur üblich war.

CorCo saß seit fast eineinhalb Stunden auf dem Sofa, ganz still.
Ksavis sah sie besorgt aus dem Gang an. „Was ist, corCo?”
Seine Mitbewohnerin antwortete nicht gleich. „Ich habe Angst …“, nuschelte sie dann.
Er setzte sich zu ihr und nahm eine ihrer Hände und drückte sie. „Wovor?“
„Ich bin schon so lange in dieser Wohnung. Für mich ist alles so neu und fremd.“
Die Riesin legte beide Arme um ihn und drückte ihn. Er wand sich und strampelte etwas, um den Mund frei zu bekommen. Er sah so gut es ging zu ihr hoch. „Wir können noch warten mit dem Rausgehen. Lass uns nichts überstürzen.“
„Meinst du?“, fiepte sie, während sie ihrem lebenden Trostplüschtier etwas mehr Raum zum Atmen gab, was zur Beschämung beider darin endete, dass Ksavis wie ein Kleinkind auf ihrem Schoss saß.
„Ja. Wie wäre es, wenn wir erstmal warten, bis du dich an deinen Körper gewöhnt hast“, nach einer kleinen Pause ergänzte er: „Wir könnten diese Serie schauen, die unsere Nachbarn nebenan empfohlen haben. Wie klingt das?“
CorCo gab ein zustimmendes Schnurren von sich.

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