Blutnacht

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Heiß und stickig schlug ihm die Luft des Gewölbes entgegen, als er durch den Vorhang auf das Podest mit dem Altar hinaus schritt. Sie roch nach den flackernden, rußenden Feuern, die den unterirdischen Saal erhellten. Nach dem brennendem Talg der Kerzen, welche die Knotenpunkte der Siegel markierten. Nach den dutzenden extatischen Leibern seiner Jünger; seines Zirkels. Nach dem Blut, das hier bereits vergossen wurde. Nach dem Angstschweiß, der in einer Reihe Wartenden.

Seine Jünger raunten andächtig, als er verbotene Worte zu ihnen sprach. Selbst das flackernde Licht der Feuer schien sich vor der Macht seiner Stimme ehrfürchtig zu verneigen. Er rief uralte Zauber, uralte Flüche hinaus, in denen seine Wut und seine Lust mitschwangen wie ein grausames Echo.

Seine Jünger brachen in Jubel aus, als das erste Opfer vor den Altar gebracht wurde. Den Altar, der allein ihm geweiht war. Kein Gott, kein Dämon, kein Geist war hieran gebunden. Nur sich selbst würde er das Opfer darbringen; und er würde es dankend annehmen. Als er das Opfer aufschnitt und heißes Blut auf die vordersten und eifrigsten Jünger spritzte, johlten diese ob des roten Segens, der ihnen zuteil wurde. Als das Blut den kalten Stein benetzt und in die hineingeritzten Sigillen rann, sog er das Leben, das den Adern des Unglücklichen entfloss, in sich auf und rief einen Fluch hinaus, der von der Macht des zuerst vergossenen Blutes gestärkt war.

Opfer um Opfer brachte er sich selbst dar, zwei Dutzend hatten seine Eifrigsten gefangen. Gleich ob alt, jung, Mann oder Frau, er nährte sich von ihrer Essenz, die ihrem Blut innewohnte. Als er die Leben eines Dutzends gegeben hatte und seine Jünger alle von seiner roten Saat gekostet hatten, kannte die Leidenschaft keine Grenzen und keine Hemmungen mehr. Sie rissen sich die Kleider entzwei, benetzten sich mit dem Sud des Lebens. Ergaben sich der Fleischeslust aneinander und an den Opfern, die noch kommen sollten. Labten sich an ihrem Fleisch und rissen es mit Zähnen von den schreienden Leibern.

Er brauchte kein Messer mehr, sein Wort genügte, um Kehlen aufzusprengen und Herzen zu zerquetschen. Von Gier getrieben sog er aus jedem Tropfen die Essenz, die die Seele darin hineingelebt hatte. Vor Blutrunst unterschied er nicht mehr zwischen Opfer und Jünger, sie alle gehörten ihm. Und bald würde ihm alles gehören. Jeder Mensch würde vor ihm knien und flehen erleben zu dürfen, wie die Welt in Blut ertrinken würde.

Er riss sein grausiges Maul auf, um neue, groteske Flüche in die Welt hinaus zu schreien. Doch er stutzte. Etwas war falsch, hier war etwas, was nicht hier hingehörte. Hier war jemand, der nicht hier hingehörte! Bevor er einen tödlichen Zauber auf den Eindringling schleudern konnte, explodierte etwas in der Mitte der blutigen Versammlung. Ein gleißendes Licht brannte sich in seine Augen und blendete ihn, während ein spitzer Knall schmerzhaft an sein Ohr drang und ihn ertauben ließ.

Noch bevor seine gemarterten Ohren das peitschende Donnern als Schüsse erkannten, spürte er, wie die aufgeladene Lebensessenz seiner Jünger um ihn herum verpuffte. Salz wurde wie Saatgut ausgebracht und band die Essenz in dem vergossenen Blut. Er spie einen Fluch aus, der tausend Seelen zugleich zerfetzen würde; doch während der Fluch Gestalt annahm, traf ihn ein Geschoss aus Salz und Eisen in die Brust. Zum Sterben war sein jahrhundertealter Leib noch immer weit zu mächtig. Ein Geysir aus konzentriertem Hass trat aus seiner Wunde. Die Ströme seiner Magie wirbelten und er warf die Blindheit von seinen Augen wie einen alten Lumpen. Gerade um zu erkennen, wie ein Mann mit eiserner Miene auf ihn zustürmte, seinen eilig geschrienen Schildzauber mit einem Dorn aus Eisen, auf dem die Kraft die in der Luft lag lichte Glyphen erglühen ließ, durchstieß, der zerbarst und den Schild mit sich riss.

Die Wucht des Mannes stürzte ihn von seinen ausgezehrten Beinen, und dieser bedeckte ihn mit einem Laken aus gewirktem Kupferdraht. Seine wirbelnde Macht durchströmte das Geflecht und wurde von diesem in dessen Ordnung gezwungen. Er konnte es nicht bremsen, das magieleitende Metall ließ die Ströme seiner Macht schneller und schneller wirbeln und riss und fetzte an seinem astralen Leib. Es brannte sich wie eintausend Nadeln in sein kaltes Fleisch und er hörte seine verzerrte Fratze vor Schmerz, Wut und Panik schreien, ehe ihm der Wirbel aus Magie die Sinne raubte.



„20-Rena, Agent JF an Zentrale, kommen…”

„Ziel erfüllt, wir haben den Meister des Zirkels. Allerdings hohe Kollateralschäden, viele zivile Tote und Verletzte. Überlebende werden versorgt, soweit möglich. Keine Überlebenden des Zirkels, das stellt Agentin AP gerade sicher. Räumlichkeit offensichtlich und erheblich blutmagisch kontaminiert. Die Matte aus Kettengeflecht funktioniert, schickt der Akademie wenigstens einen Präsentkorb. Kommen…”

„Verstanden, wir packen das Ziel ein, und bannen akute Gefahren in der Örtlichkeit mit Salz. Rückkehr zum Standort, wenn Aufräumtrupp eintrifft. Ende.”



Am Rande seines dämmernden und betäubten Bewusstseins erlauschte er die Worte des Mannes, der ihn niedergerungen hatte, die dieser in sein Funkgerät sprach. Seine wirbelnde Macht war verebbt und nur der Schmerz der Wunden, den das Metall in seinen astralen Leib gerissen hatte, war geblieben. Jede Bewegung riss an seinen kupfernen Fesseln wie Haken, die in sein Fleisch bohrten, als der Mann ihn aufhob und tote Worte seinem stummen Schlund entflohen. Müdigkeit ergriff ihn und angsterfüllt vor den Tagen, die seine Peiniger bringen mochten, übermannte ihn ein leerer Schlaf.

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